Sonja Rüther
LIBELLENFEUER
Roman
Knaur eBooks
Sonja Rüther, 1975 in Hamburg geboren, schreibt am liebsten Spannung und Phantastik. 2011 eröffnete sie den Ideenreich-Kreativhof in Reindorf, wo sie regelmäßig zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren Workshops und Kurse für professionelles Schreiben anbietet. Sonja Rüther lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg.
Lust auf mehr?
Im kostenlosen ebook »Neue Wege. Die Vorgeschichte zu Geistkrieger« erfahrt ihr mehr über die erste Begegnung zwischen Finnley und Taima und wie die beiden einander gefunden haben. »Neue Wege« kann als Zusatz oder auch als Einstieg in das Geistkrieger-Universum gelesen werden.
© 2022 Knaur Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Redaktion: Catherine Beck
Frei nach einer Idee von Konrad Hollenstein.
Covergestaltung: Guter Punkt, München / Anke Koopmann
Coverabbildung: Collage Guter Punkt, München / Anke Koopmann unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com
ISBN 978-3-426-46144-0
Für Keely und Norina
Até Uzuye: Ehrenvolle Anrede, großer Vater
Ina Uzuye: Ehrenvolle Anrede, große Mutter
Powtankane: Einwohner Powtankas
Powtankanin: Einwohnerin Powtankas
Tunkan wiscasa: Steinmann
Wasicun: Mysteriöser Mensch, Ausdruck für Ausländer
Wicapi: Stern
Wakan Tanka: Der große Geist
Waktanas: Vom großen Geist erweckte Menschen, die über Gaben verfügen
Seelenspiegel: Ein Talisman, der Schaman*innen vor der Astralwelt schützt
Astralwelt: Die Ebene, auf der Auren, Totems und energetische Vorkommnisse von Menschen mit der astralen Sicht wahrgenommen werden können
Geistkrieger: Sondereinheit der Polizei für die Ermittlungen bei spirituellem Missbrauch
Powtanka: Name des Landes (USA)
Kanaston: Hauptstadt von Powtanka, Ostküste
Tamaya Wicapi: Stern der Mitte, der Hauptsitz des Nationalrates
Thure Ragnason: Leiter der Sondereinheit
Deidra Onheira: Stellvertretende Teamleiterin
Tate: Besitzt eine Assoziationsgabe
Chenoa Yakesha: Schamanin, schwanger mit einem von Fenrir gesegneten Kind
Finnley Whittle: Schotte, mit dem nordischen Totem Fenrir verbunden und dadurch ein Hüter, Vater von Chenoas Kind, verlobt mit Taima. Fällt durch seine vielen Tätowierungen auf, die ihn besonders im Gesicht mit Kabeln und Platinen wie eine Maschine aussehen lassen.
Akhlut Anernerk: Chief des Präsidiums, wird Der Wolf genannt
Taima Inyanke: Verlobte von Finnley, Wissenschaftlerin
Tatoke Inyanke: Vater von Taima, Oberhaupt des einflussreichen Inyanke-Clans
Oti Win: Mutter von Taima, führt den Clan mit ihrem Mann an
Hanpi Napé: Medizinmann bei der Polizei, ähnliches Aufgabengebiet wie ein Pathologe
Ehawee: Enge Freundin von Tate
Für seine große Liebe Taima ist Finnley aus Schottland nach Powtanka gezogen. Ein Land, in dem er durch seine Tätowierungen und seine Andersartigkeit ständig aneckt. Er bewirbt sich bei der Polizei für den Streifendienst und wird bei der Sondereinheit Geistkrieger eingestellt, die bei spirituellem Missbrauch zum Einsatz kommt. Ohne Einarbeitungszeit begleitet Finnley das Team zu Tatorten grausamer Totemmorde. Die Opfer wurden von unsichtbaren Kräften vor Zeugen zerfetzt. Die Geistkrieger geraten unter enormen Druck, und ausgerechnet der unerfahrene Schotte, den alle Tunkan wiscasa (Steinmann) nennen, wird für seine Kolleginnen und Kollegen zum Lebensretter. Es kommt heraus, dass der Schotte von Fenrir, einem nordischen Totem, erwählt wurde, die Reinigung und Zusammenführung aber noch nicht vollzogen wurden, weswegen Finnley bei Fenrirs Präsenz unter massiven Blackouts leidet. Widerwillig stimmt er dem Ritual zu und verlangt, dass Chenoa, die Schamanin der Geistkrieger, es durchführt, weil ihm gesagt wurde, das Totem würde die durchführende Schamanin spirituell beschenken. Was ihm verschwiegen wurde, sind die Risiken, die mit dem Ritual verbunden sind. Die Zusammenführung gelingt, aber das Geschenk, das Fenrir Chenoa macht, verkompliziert alles: Die Zeremonie endet leidenschaftlich, und die Schamanin empfängt ein vom Totem gesegnetes Kind.
Für Finnley sollte der Stand als vollwertiger Hüter eine Aufwertung sein, aber durch Chenoas Schwangerschaft gehen die Clanfehden erst richtig los. Und was das Ganze noch komplizierter macht: Sein Herz kann zwischen den beiden Frauen nicht mehr unterscheiden, er liebt beide und braucht sie in seiner Nähe.
Ihm bleibt allerdings keine Zeit, das Geschehen zu verarbeiten. Das Team kommt zusammen, und Tate offenbart, dass der Totemmörder bei ihm eine Gabe aktiviert hat, die er ihm aus dem Kopf reißen will. Tate kann Körper anderer übernehmen, wofür er nur deren Namen wissen und in der unmittelbaren Nähe sein muss. Ein Anschlag auf ihn sollte verhindern, dass der Totemmörder es an sich reißen kann, aber Tate überlebt.
Mit Finnley als vollwertigen Hüter im Team sind sie zuversichtlich, Tate vor weiteren Angriffen schützen zu können, doch sie geraten in einen Hinterhalt, bei dem er von den anderen isoliert wird. Tate sieht die Zerstörung der Gabe als einzigen Ausweg und richtet seine Dienstwaffe gegen sich selbst. Der Unbekannte vereitelt den Suizid und bekommt, was er so sehr begehrt. Die Totemmorde enden, aber der Schuldige, der fortan Gabensammler genannt wird, ist weiterhin auf freiem Fuß und nun eine weitaus größere Bedrohung als zuvor.
Die Libelle flog seit vielen Meilen unaufhaltsam von der Westküste durch das weitläufige Land Richtung Osten. In ihrem kleinen Körper lebte etwas anderes, das sich als blinder Passagier durch den festen Panzer gefressen hatte und Pheromone freisetzte, die zu dieser rastlosen Reise drängten. Im Innern war er sicher, egal, ob Vogel oder Fledermaus dem Trägertier ein Ende bereiteten, der Passagier würde nur in einen anderen Körper wechseln.
Aber die tapfere Libelle wurde nicht gefressen. Die glitzernden Flügel bekamen kleine Risse, während der Leib in der Sonne auszutrocknen begann. In diesem Landstrich wurde es niemals richtig kalt, und doch hätte das Insekt jetzt in einem ruhigen Versteck nahe einem Gewässer Winterruhe halten und auf das Ende seiner Lebenszeit warten sollen. Genau dort, wo die vorige Wirtin die Libelle auf die Hand genommen hatte, um sie vom Boden auf ein Schilfblatt zu setzen. Eine bessere Wahl hatte der blinde Passagier zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gehabt, weil er seinem Instinkt folgend seinen Stamm ausbreiten und dafür von Lebewesen zu Lebewesen wandern musste. Doch dieses Insekt war schwach und nach den vielen Meilen seines Flugs verbraucht. Im schlimmsten Fall fiel es vor dem Ziel einfach zu Boden und würde, für Fressfeinde uninteressant, liegen bleiben. Zumindest das musste vermieden werden. Der Passagier regte sich und schob sich durch die festen, kaum nennenswerten Eingeweide. Der Flug wurde holprig, die Flügelschläge setzten einige Male aus und ließen den dünnen Körper abwärts trudeln, bevor sich die Libelle wieder fing und weiterstrebte.
Instinkte einfacher Wesen ließen sich leicht beeinflussen, selbst von einem Bakterium, das eigenen Instinkten folgte. Vor allem die Menschen vergrößerten das Netzwerk seines Stamms, wann immer sie einander küssten, sich die Hände reichten oder Türklinken benutzten. Reisende trugen die Zellen durch das ganze Land und setzten somit fort, was die Meisterzelle begonnen hatte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ganz Powtanka mit diesen mikroskopisch kleinen Lebensformen abgedeckt sein würde. Je größer die Anzahl, desto besser konnte das Bakterium seine Abkömmlinge erreichen, ihnen Impulse senden, um das eigene Fortbestehen zu sichern und zu stärken. Genau dafür flog die Libelle über karges Ödland Richtung Ostküste.
Seit Stunden war der Kontakt zum Stamm abgerissen, weil sich die Neuinfektionen nicht mehr in erreichbarer Nähe befanden und die spirituelle Macht durch den winzigen Wirt sehr begrenzt war. Das Bakterium empfand keine Angst, es kannte nur Leben und Überleben, auf nichts anderes war es programmiert. Der Tag, an dem es den geeigneten Wirt für den dauerhaften Verbleib fände, wäre auch der Tag, an dem es sich vollkommen auf die eigene Zellteilung konzentrieren konnte, ohne nur kleine Ableger auszusenden. Es musste ein Gehirn mit besonderen Fähigkeiten sein, das die Ausmaße des Netzwerks erfassen könnte. Die Libelle flog immer tiefer. Die Flügelschläge erfolgten unregelmäßig und schwach, ein Absturz war unumgänglich, wenn dem Bakterium nichts Rettendes einfiel. Also veränderte es das Flugverhalten der Libelle. Was das Insekt bislang vermieden hatte, wurde nun von dem Passagier provoziert: Die Libelle machte auf sich aufmerksam.
Der schmale, glänzende Körper flog im Vorwärtsstreben auf und ab, während die Komplexaugen vom Bakterium zersetzt wurden, damit das Insekt nicht mehr auf Fressfeinde reagieren konnte. Durch die neuen Anstrengungen des Blindfluges verlor es abermals an Höhe. Das Bakterium verstoffwechselte die Proteine des Hirns, um sich für das, was kommen würde, zu stärken. Ganz aufs Überleben gepolt, blieb es wachsam und bereit für einen neuen Wirt.
Unvermittelt endete die Reise mit einem harten Aufprall. Das schlauchartige Herz versuchte, weiterhin die Hämolymphe durch den Körper zu pumpen, die durch die Nervenknoten ausgelösten Zuckungen täuschten über den Tod des Insekts hinweg, dessen Kopf nur noch eine leere Hülle war. Dem Bakterium blieben nur wenige Minuten, um einen neuen Wirt zu finden, weil es in einem toten Organismus nicht leben konnte. Sekunde um Sekunde verstrich, während es vergebens Impulse aussendete. Sein Stamm war außer Reichweite, und es kam auch kein Tier, das die Libelle fressen würde. Der Untergrund war das tote Holz einer Veranda, über die Sandkörner wehten. Nicht mal eine Pflanze, in die sich das Bakterium retten konnte.
Eilige Schritte trampelten über die Dielen, begeisterte Kinderstimmen und eine kleine Hand, die den leblosen Libellenkörper aufhob. Das Bakterium nutzte diese Gelegenheit, brach durch die Komplexaugen und heftete sich an die warmen Finger. Das Mädchen musste sich nur noch über die Augen reiben, einen Finger in den Mund stecken oder in der Nase bohren, dann wäre das Bakterium sicher.
Lauernd klebte es auf der Haut, während die Libelle in einem Glas landete. Das Mädchen ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf, wobei sich das Bakterium an der Drehvorrichtung halten konnte. Es war das Gehirn, das überleben musste, denn ohne die eigene Vermehrung würde der Rest seines Stamms unbrauchbar in den Körpern der Menschen wuchern und schlussendlich absterben. Das Mädchen drehte das Wasser wieder ab, und das Bakterium erhaschte einen Finger.
Dann lief das Kind durch das Haus in den ersten Stock, bückte sich und hob einen Schnuller auf. Er war noch warm, konnte also noch nicht lange auf dem Boden liegen. Nebenan schrie ein Säugling.
Der Winter bringt sogar den westlichen Gefilden kühle Temperaturen, die in der Nacht teils unter zehn Grad fallen. Aber das wird den anstehenden Wikingertagen keinen Abbruch tun. Das traditionelle Schmücken der Häuser wird ab Samstag die Stadt in ein Spektakel verwandeln, das den nordischen Besuchern des Jahres 860 alle Ehre machen wird.
Yurokta Aktuell wird in der kommenden Woche über die Feierlichkeiten ganz Powtankas berichten. Gerüchten zufolge wird in Kanaston eine japanische Delegation erwartet, die vom Chief der Nation persönlich zu den Wikingertagen eingeladen wurde. Kritiker bemängeln das fehlende Fingerspitzengefühl, in der Woche Fremde ins Land zu holen, in der Powtanka die erfolgreiche Abwehr sämtlicher Invasoren feiert. Wir dürfen auf die Rede des Chiefs gespannt sein. Die wichtigsten Veranstaltungstermine befinden sich auf Seite 12.
Noch war Tate allein im Büro. Es war der erste offizielle Arbeitstag nach seiner Genesung, was ihm schon beim Betreten des Polizeigebäudes neugierige Blicke eingebracht hatte. Der Streifschuss am Kopf war gut verheilt, aber nun zog sich eine lange Narbe von der linken Schläfe bis hinters Ohr, die durch ihr frisches Rosarot auffiel. Mit der Zeit würde das Gewebe heller und unauffälliger werden, aber da an dieser Stelle keine Haare mehr wuchsen, bliebe die Narbe immer sichtbar.
Fünf Monate waren eine lange Zeit. Erst sollte er in Ruhe genesen, dann wurde er für sein Verschweigen der Gabe mit einer Suspendierung bestraft und in dieser Zeit mehrfach spirituell auf den Kopf gestellt. Niemand wollte so recht glauben, dass er die Fähigkeit, andere Körper zu übernehmen, verloren hatte. Obwohl unterschiedliche Schamaninnen und Schamanen keine Hinweise mehr finden konnten, beendete der Wolf die Suspendierung erst jetzt. Tate wusste, dass Anernerk ihn nur spüren ließ, was es bedeutete, dem Chief derartige Informationen vorzuenthalten. Aber die Fehler der Vergangenheit musste ihm niemand mehr unter die Nase reiben. Die Erinnerungen quälten ihn. Wenn er die Waffe nur ein paar Sekunden früher gegen sich selbst gerichtet hätte, wäre er erfolgreich gewesen. Dann wäre der Angreifer leer ausgegangen, und Tate hätte zumindest verhindert, dass ein Wahnsinniger Personen wie Hemden wechseln konnte. Ich bin ihm direkt in die Falle gelaufen.
Wieder drehten sich seine Gedanken im Kreis, in diesem Büro sogar noch stärker, weil er gar nicht mehr hier sein sollte. Er hatte damals sein Team in Gefahr gebracht, ohne auch nur irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen. Beim besten Willen konnte er sich nicht an das Gesicht des Angreifers erinnern, der ihm die Gabe aus dem Kopf geschält hatte. Jede Spur endete in einer Sackgasse. Der Mann war gefährlich, weil er Menschen das sehen lassen konnte, was sie glauben sollten. Tates Laune wurde zunehmend schlechter. Es fühlte sich falsch an, noch zu leben – als gehörte er gar nicht mehr in diese Welt. Verdammt, ich hätte diese verfluchte Gabe mit ins Grab nehmen müssen.
Wer auch immer dahintersteckte, er musste nur noch den Namen seiner Zielperson wissen und konnte in deren Nähe binnen eines Wimpernschlags den Körper übernehmen. Wenn niemand astral hinsah, würde es keiner bemerken. Was für eine unfassbare und gefährliche Macht. Die Skrupellosigkeit des gegnerischen Vorgehens verhieß absolut nichts Gutes. Dieser Kerl war nicht davor zurückgeschreckt, willkürlich Menschen zu töten, um an sein Ziel zu kommen. Die Bilder, die Tate als Visionen gezeigt worden waren, hatten von einem Krieg erzählt, der Powtanka vernichten würde. Tate wusste nicht, wie viel er davon glauben sollte, aber er musste vom Schlimmsten ausgehen. In den fünf Monaten, die er offiziell nicht arbeitsfähig gewesen war, hatte er trotzdem mit Deidra und Thure über den Fakten gebrütet, um den Kerl nicht davonkommen zu lassen. Doch erfolglos. Keine Zeugenaussage, Beweismittel oder Fingerabdrücke brachten sie weiter. Der Mann war ein Geist, oder besser: ein tiefer Schatten, der sich langsam über Powtanka ausbreitete.
Die einzige brauchbare Erkenntnis war, dass die Gaben in den Köpfen mancher existierten und jederzeit aktiviert werden konnten. Etwas, das nur dem großen Geist vorbehalten sein sollte, um die Symbiose von Mensch und Natur zu schützen.
»Wie schafft es der Kerl, sie zu aktivieren?«, sagte er leise vor sich hin. »Wie kann er anschließend in Köpfe hineingreifen und sie rausreißen?« Jeden Tag horchte Tate in sich hinein, ob seine Fähigkeit, in andere Körper zu wandern, tatsächlich verschwunden blieb. Für ihn war es besser, wenn sie sich nie wieder zeigte, weil der Nationalrat ihn damit nicht frei herumlaufen lassen würde. Das Letzte, was er derzeit ertragen konnte, war, im Fokus der Ältesten zu stehen.
Sein Blick fiel auf die graue Geierfeder der Schuld, die an einem Lederband vom Dolch im Türrahmen baumelte. Anernerk hatte deutlich gemacht, dass er von diesem Team erwartete, die Fehler wiedergutzumachen und den Schuldigen hinter Gitter zu bringen. Aber wie fing man einen Schatten?
Seine Kolleginnen und Kollegen hatten viel Arbeit mit den zahlreichen Vernehmungen der Studierenden, die bei dem Überfall dabei gewesen waren, und deren Angehörigen gehabt. Aber da war nichts, nicht mal ein winziges Indiz, das sich irgendwo hineingeschlichen hatte und einen Hoffnungsschimmer weckte. Tate rieb sich übers Gesicht und sah sich im Büro um. Er musste auf andere Gedanken kommen, bevor in seinem Kopf alles von vorn begann.
Finnleys Schreibtisch sah inzwischen benutzt aus. Aufnahmegeräte standen dort auf Ladestationen, ein Computer und diverse Notizzettel rundeten das Bild ab. Offenbar war der Schotte endgültig im Team angekommen.
»Unser Hüter«, sagte Tate und erinnerte sich an die rasanten Geschehnisse, die aus dem unerwünschten Fremden ein angesehenes Teammitglied gemacht hatten.
»War die Sehnsucht so groß?« Deidra kam durch die Tür, ließ die Lichtadern etwas heller leuchten und hängte die Jacke über ihren Stuhl. »Schön, dass du wieder da bist und wir uns nicht mehr heimlich bei dir treffen müssen. Hat sich schon wie eine anrüchige Teamaffäre angefühlt.«
Tate grinste schief. »Anernerk hatte ein Einsehen mit mir, dass es keinen Unterschied macht, ob ich arbeite oder ihr mich anders auf dem Laufenden haltet. Dieser Mann weiß einfach alles. Haben wir schon was Neues?«
Deidra setzte sich an ihren Schreibtisch, schaltete den Computer ein und faltete die Hände auf der Tischplatte. Trotz ihrer dunklen Haut bemerkte er tiefe Schatten unter ihren Augen. Offensichtlich ging es ihr auch nicht besser als ihm. Sie sah mitgenommen aus, und er war nicht hier gewesen, um einen Teil der Last mitzutragen – was sein schlechtes Gewissen nur noch mehr belastete.
»Es macht mich nervös, dass alles ruhig geblieben ist«, sagte sie und wirkte resigniert. »Wir haben uns durch so viele Nachrichten gewühlt. Nichts. Absolut nichts ist zu finden. Wenn er deine Gabe einsetzt, muss er sehr geschickt vorgehen.«
»Früher oder später wird er sich zeigen, und dann holen wir ihn uns, das verspreche ich dir«, versicherte er bemüht zuversichtlich. Tatsächlich wollte ihm keine Strategie einfallen, mit der sie sich vor der Gabe schützen konnten. Er hatte sie selbst benutzt, als er es noch gekonnt hatte. Es war so leicht gewesen: nur den Namen denken und im Kopf die leuchtende Kugel erscheinen lassen. Dieser Kerl war auch ohne die Seelenwanderung viel zu mächtig gewesen, jetzt konnte er sich überall befinden und Grenzenloses mit seinen Fähigkeiten anstellen. Wenn Tate wenigstens die Motivation gekannt hätte. Er fürchtete sich nicht vor den Gierigen, sondern vor jenen Soziopathen, die Chaos und Leid anstrebten.
»Was, wenn er die ganze Zeit aktiv ist und wir es nicht sehen?« Deidra langte zum Kopf und zog den strengen Zopf fester. »Ich muss immer an die Vision denken, die diese junge Frau dir gezeigt hat. Ob nun beeinflusst oder nicht, sie hat die Gabe besessen, dich das sehen zu lassen – was, wenn das unsere Zukunft ist?«
Diese Befürchtung hatte sie schon öfter ausgesprochen, und wie immer wusste Tate nicht, was er sagen sollte. Diese Vision war das Einzige, womit sie noch arbeiten konnten. Abstrakte Bilder, die eine grauenhafte Zerstörung skizzierten, die in Powtanka undenkbar war. Das Volk beschützte die Natur und tat alles für das Gleichgewicht. Tate hatte Fremde gesehen. Asiaten und Europäer. Große Maschinen, die sich durch die Erde gruben, und blutige Aufstände. Was würde der Kerl alles anstellen, um das zu erreichen? Tate musste sich räuspern, um die Stimme freizubekommen. »Was hältst du von der Entscheidung, ausgerechnet zu den Wikingertagen japanische Besucher einzuladen?«
So wie sie die Zähne aufeinanderbiss, war sie dieses Novum gedanklich auch schon mehrfach durchgegangen. »Kehkehwa Pinu’u hat in seiner Ansprache von der Symbolik dieser Geste gesprochen. Dass die Wikinger uns Wissen und Fortschritt schenkten und es nun an der Zeit sei, im Sinne des globalen Umweltschutzes etwas zurückzugeben. Japan sei bereit, sich diesem Vorhaben anzuschließen, aber ich habe trotzdem ein komisches Gefühl dabei.«
Tate hatte die Rede vom Chief der Nation ebenfalls gesehen. Er hatte über Klimawandel und die Erhaltung der Artenvielfalt gesprochen. Japan sei Powtanka gar nicht so unähnlich in seinem Umgang mit Naturgeistern, dem Lebensraum und Fremden.
»Du wärest keine von uns, wenn du nicht so empfinden würdest«, sagte er. Die Unruhe wuchs in seiner Brust, kam seit fünf Monaten ständig in Wellen, die ihn wie einen Schiffbrüchigen zwischen Erinnerungen, Theorien und Befürchtungen vorwärtstrieben. Wo käme er an, wenn er sich weiter an den Fakten festhielt, damit er nicht unterging? »Bevor die anderen kommen: Gibt es irgendwas Neues, das ich wissen muss?«
Deidra zuckte mit einer Schulter. »Du meinst, ob das Gerangel um den Hüter und sein Kind schon auf den Höhepunkt zugeht?«
Er nickte.
»Das wird kein gutes Ende nehmen. Ich glaube, Finnley versteht immer noch nicht, um was für einen Machtgewinn es für die Clans geht. Noch steht der Plan, dass Chenoa das Kind an ihn und seine Verlobte übergibt. Du wirst sehen, wie sehr die beiden versuchen, die Gefühle füreinander zu unterdrücken. Ich wette, der spirituelle Bund wird irgendwann über den weltlichen siegen, dann wird es sicher richtig hässlich.«
Tate nickte wieder. Die Clans interessierten sich nicht für Gefühle, ihnen ging es um Politik, wofür sie über Naturgesetze gern hinwegsahen, solange es Wakan Tanka nicht erzürnte. »Hast du mit ihm darüber geredet?«
Ein Seufzen verneinte, bevor sie die Antwort aussprach. »Vielleicht kommst du an ihn ran, bei mir macht er sofort dicht. Er hat sich auf seine Aufgabe konzentriert und tapfer alle alten Geistkriegerakten durchgelesen, um mehr über unsere Arbeit zu lernen. Nach seinem schwierigen Einstieg scheint er nun angekommen zu sein.«
Ihre recht nüchterne Ausführung ließ erahnen, dass sie sich Sorgen machte, die sie lieber für sich behielt, aber die musste sie auch nicht aussprechen. Beide Clans würden kurz vor der Niederkunft den Druck erhöhen, um das gesegnete Kind für sich zu beanspruchen. Was bedeutete, dass die schwierige Zeit erst noch vor ihnen lag. »Denkst du, er weiß, was er will?«
Deidra stieß genervt die Luft aus. »Ich glaube nicht mal, dass er überhaupt wahrhaben will, dass er sich entscheiden muss.«
Tate musste an das Gespräch denken, das er mit Finnley damals auf dem Weg zur gemeldeten Harpyie geführt hatte. Darüber, dass man loslassen müsse, um eine Bindung zu stärken. Und dass die Menschen in Powtanka jederzeit frei seien, ihrem Herzen zu folgen. Der Schotte musste ihn für einen Lügner halten, weil für Finnley offenbar ständig andere Regeln galten. »Ich hoffe nur, dass er sich von alldem nicht ablenken lässt. Er würde doch merken, wenn er dem Gabensammler gegenübersteht, oder? Fenrir würde die Gefahr wittern.« Seine Frage kam ihm naiv und hilflos vor.
»Nur wenn eine unmittelbare Gefahr besteht. Finnley sagt, dass Fenrir kein Hund sei, der jeden, dessen Nase uns nicht gefällt, auf Befehl abschnuppern würde. Ganz ehrlich, ein Spürhund wäre mir gerade lieber.«
Auch wenn Tate ihr zustimmte, war es doch beruhigend, einen vollwertigen Hüter im Team zu haben. Wenn sich das Fenrirgesicht zeigte und Finnley in den Beschützermodus wechselte, war er ein mächtiger Krieger. Es war albern, jemandem wie ihm überhaupt Vorschriften machen zu wollen. »So oder so, wir finden den Kerl und bringen ihn zur Strecke. Niemand nimmt mir was weg und kommt ungestraft damit durch«, setzte er nach.
Deidra zuckte nur mit den Schultern, Tate konnte sich vorstellen, was sie dazu sagen wollte, aber sie war niemand, der jammerte oder die Moral untergrub. Stattdessen blieb sie sachlich. »Wir bleiben vorerst bei unserer Routine«, sagte sie und presste einen Finger auf den Scanner, damit sie auf das Computersystem zugreifen konnte. »Wir haben unsere Aufmerksamkeit auf das landesweite Tagesgeschehen ausgeweitet, aber sollte er bei den Räten mitmischen, fällt sein Wirken bislang nicht auf.«
Die Tür wurde geöffnet, und Chenoa und Finnley kamen herein. Sie wirkten vertraut miteinander, auch wenn sie mit Abstand den Raum betraten. Es hieß, das Totem würde durch die Vereinigung ebenfalls etwas wie Liebe – nur wesentlich spiritueller – empfinden, was immer stärker als weltliche Empfindungen sei. Durch die Zusammenführung könne sich der Hüter jedoch nicht davon abgrenzen, weswegen es nur eine logische Entscheidung gab: Finnley und Chenoa mussten zusammenbleiben und gemeinsam das Kind großziehen. Tunkan wiscasa – unser Steinmann. Den Spitznamen würde der Schotte behalten, ob er wollte oder nicht.
»Ah, ihr kommt gemeinsam zur Arbeit?«, fragte Tate und grinste die beiden an.
Augenblicklich versteinerten ihre Mienen, und sie grüßten ihn verhalten.
»Schon gut, geht mich nichts an. Tut mir leid, das war nicht die Begrüßung, die ich eigentlich äußern wollte«, entschuldigte sich Tate und schaltete ebenfalls seinen Computer ein.
»Wie geht es dir?«, lenkte Chenoa das Thema auf ihn.
Seit sie ihn aus dem Krankenhaus geholt hatten und er den Strapazen Tribut zollen musste, indem er wochenlang zu schwach für die Arbeit gewesen war, blieb vieles ungesagt. Er musste etwas unternehmen, sich rächen und den Wahnsinnigen stoppen, um wieder zu seinem gewohnten Gleichmut zurückzufinden. »Noch immer gedemütigt, mein Stolz wurde angeschossen, und ich habe große Lust, dem Kerl in die Fresse zu schlagen.« Ja, das würde helfen. Es ärgerte ihn, dass er sich an kein vernünftiges Detail erinnern konnte, obwohl er sonst niemals etwas vergaß. »Aber rein physisch bin ich wieder obenauf.«
»Schön, dass du wieder da bist«, sagte Chenoa und setzte sich auf ihren Platz.
»Ich bin auch froh«, erwiderte Tate und betrachtete die Benutzeroberfläche seines Computers, die sich seit seinem letzten Einloggen vor über fünf Monaten nicht verändert hatte. Der Hintergrund zeigte ein Foto von einem roten Haus an einem mit leichtem Nebel verhangenen See. »Wie ich hörte, ist hier nicht viel passiert.«
»Nicht viel?«, übernahm Finnley. »Absolut gar nichts. Wir sind kleineren Meldungen nachgegangen, die aber allesamt uninteressant waren.«
So ruhig also. Wenigstens musste Tate kein schlechtes Gewissen haben, weil sie ohne ihn in Schwierigkeiten geraten waren.
»Und mit euch beiden ist alles gut?« Er musste einfach nachfragen.
»Auf jeden Fall«, sagte Chenoa. »Wir haben alles geklärt, jetzt muss das Kind nur noch auf die Welt kommen.«
Finnley presste die Lippen aufeinander und senkte den Blick. Ganz offensichtlich war er anderer Meinung, aber das behielt er für sich.
»Ihr wisst schon, dass die meisten Hüter mit ihren Schamaninnen zusammenbleiben, oder?« Tate kannte nicht einen Bericht über derartige Verbindungen, der etwas anderes verriet. Und wenn er es wusste, dann wussten es Taimas und Chenoas Familien auch. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann Tatoke Inyanke auf den Bund der Ehe bestehen würde, um den Hüter im Clan zu sichern.
Chenoa hatte jedenfalls nie besser ausgesehen. Als umgäbe sie eine ganz besondere Aura. Ihr Bauch war inzwischen deutlich vorgewölbt und würde in den kommenden Wochen stetig wachsen.
Seine Frage wurde einfach ignoriert, als wären beide inzwischen sehr geübt darin, keine Reaktionen auf dieses Thema zu zeigen.
»Die Frauenwelt wird froh sein, dass du wieder fit bist«, scherzte Chenoa ungewohnt unkritisch, als habe er die Frage nie gestellt. Sie strich mit den Fingern über die Schnitzereien, die sie der Tischplatte offensichtlich neu hinzugefügt hatte.
Tate war die Lust nach Abenteuern vorerst vergangen, aber das kaschierte er mit einem Grinsen.
Finnley setzte sich an seinen Tisch und kontrollierte die Geräte. Morgendliche Routine eines eingespielten Teams.
»In Yurokta wurden vermehrt leichte Auraveränderungen registriert. Ansonsten symptomlos, nur leicht erhöhte Blutwerte, die auf Infektionen hinweisen«, fasste Deidra zusammen, was sie in den Neuigkeiten lesen konnte. »Wahrscheinlich erste Anzeichen der Grippewelle.«
Tate klickte das Board mit der aktuellen Landespresse an und fing ebenfalls an zu lesen. Sie suchten nach ungewöhnlichen Vorkommnissen oder Ungereimtheiten, die auf spirituellen Missbrauch hindeuten konnten. Auch wenn der Fall noch nicht abgeschlossen war, musste das Tagesgeschäft weitergehen.
»Was so alles in der Zeitung steht«, kommentierte Finnley. »Hier, in Schoschno hat ein Säugling mit vier Monaten laufen gelernt und versucht seitdem, ständig abzuhauen. Als gäbe es keine wichtigeren Meldungen.«
»Warte.« Bevor er die Meldung wegklicken konnte, ging Chenoa zu ihm und sah ihm über die Schulter. Tate fiel auf, dass sie dabei den Kontakt zu ihrem Kollegen suchte. Leichte Berührungen am Arm, mal eine Hand auf dem Rücken – und Finnley lehnte sich zurück, um die Nähe zu erwidern.
»Jemand soll sich den Kleinen mal ansehen«, sagte Chenoa. »Schoschno befindet sich eher im Landesinnern, da werden wir wohl jemanden aus der nächstgelegenen Großstadt schicken müssen.«
»Ist das dein Ernst?« Deidra schüttelte den Kopf. »Schoschno liegt verdammt abgelegen. Die werden da drüben nicht begeistert sein, wenn sie wegen so was den weiten Weg auf sich nehmen sollen.«
Chenoas rechte Hand wanderte zum Bauch und strich über die Wölbung. »Vier Monate alte Kinder laufen nicht, das ist ungewöhnlich. Und vielleicht sollte man einfach mal schauen, wo der Kleine hinwill, wenn er ständig auszureißen versucht?«
»Da spricht wohl die werdende Mutter?«, sagte Deidra, was Tate in Bezug auf Chenoa gedankenlos fand. Sie musste sehr abgelenkt sein, damit sie das nicht selbst bemerkte. Während sie sprach, sah sie nicht mal vom Display auf. »Du wirst sehen, dass kein Kind wie das andere ist. Manche werden eben sehr früh mobil.«
Chenoa richtete sich auf und unterbrach den Kontakt zu Finnley. »Ich werde niemals die Mutter von diesem Kind sein. Also behalte derartige Kommentare zukünftig für dich.«
Tate hörte Deidras Entschuldigung nicht zu, sondern beobachtete Finnley, dem dieser Wortwechsel nicht behagte. Wie er es sich gedacht hatte, schien der Schotte eine andere Meinung zu Chenoas Mutterschaft zu haben. Er rieb sich über den Nacken und vermied jeden Blickkontakt. Da werde ich wohl dringend mit dir reden müssen. Ihm tat der Steinmann in gewisser Weise leid. Trotz all der Tätowierungen, die Finnley wie eine halbe Maschine aussehen ließen, steckten viele Gefühle in ihm. Ein seltsamer Kontrast, der ihn noch sympathischer machte.
»Wie wäre es mit einem Kaffee?«, warf er in die Runde. »Tunkan, hilfst du mir tragen?«
Dankbar stand Finnley auf und wartete, dass sie losgingen.
»Und falls ihr meine Meinung braucht«, sagte er an die Frauen gewandt. »Bislang lag Chenoa mit ihrer Intuition immer richtig, also sollten wir jemanden hinschicken.«
Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ er den Raum und legte Finnley im Flur freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. »Wenn du über all das mal offen reden willst, sag Bescheid. Ich kann mir vorstellen, dass die Situation nicht gerade leicht für dich ist.«
Finnley grinste, sodass sein versilberter Eckzahn zum Vorschein kam und im bläulichen Schein der Lichtadern glänzte. »Ich bin echt froh, dass du wieder da bist. Taimas Familie macht mich echt fertig mit ihren Versuchen, mich auf die Zeremonie vorzubereiten. Ich weiß schon gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht.« Sie gingen den Flur zur kleinen Küche entlang. »Ist es wirklich notwendig, all diese Phrasen auswendig zu lernen? Ich komme mir eher vor, als hätte man mir die Hauptrolle eines Theaterstücks aufgezwungen, als dass ich die Frau heirate, die ich liebe.«
Tate schwante das Schlimmste. »Ich hoffe, du nimmst das ernst und lernst fleißig.«
Finnley blieb stehen und drehte sich zu Tate, der ebenfalls stehen blieb. »Seit ich in dieses Land gekommen bin, warte ich darauf, von Taimas Clan den Segen für diese Hochzeit zu bekommen. Natürlich nehme ich es ernst.«
Im Eingangsbereich sah er Ehawee, die in Zivilkleidung am Tresen stand und mit ihren Kollegen sprach. Finnley folgte seinem Blick und legte nun ihm eine Hand auf die Schulter. »Warum kümmerst du dich nicht als Erstes um deine Angelegenheiten?«
Er ging weiter, während Tate die Richtung wechselte und Ehawee begrüßte.
Ihre Haut wirkte durchscheinend, was ihre fragile Erscheinung verstärkte, aber als sie ihn ansah, erblickte er die vertraute Lebendigkeit in ihren Augen. Vielleicht wirkte es auch nur so auf ihn, weil er nicht vergessen konnte, wie krank sie nach dem Totemangriff gewesen war. Sie gingen ein paar Schritte vom Tresen weg, obwohl sie dennoch nicht offen aussprachen, was sie eigentlich sagen wollten. »Es ist schön, dich wieder auf den Beinen zu sehen.«
»Das kann ich auch von dir sagen«, erwiderte sie.
»Wie geht es dir?«
Betroffen senkte sie den Blick und rieb sich über die Oberarme. »Die vielen Tiere fehlen mir, aber eine Katze ist geblieben.« Sie sah sich um und zeigte dann auf eine orange getigerte Katze, die am Eingang schnupperte.
Tate musste lachen. »Ich durfte ihre Gesellschaft auch ein paar Tage genießen. Solange sie nicht auf dich aufpassen soll, ist alles gut.«
Mit einer zögerlichen Bewegung nahm er ihre Hand, was sich nach allem gut anfühlte, und drückte ihre Finger leicht. »Du bist stark«, sagte er ermutigend. »Geh kleine Schritte. Ich kann mir vorstellen, dass die Erwartungen an dich wieder sehr groß sind, aber tu nicht mehr, als gut für dich ist.«
Sie sah sehr traurig aus, als sie lächelte und nickte. »Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, ich hätte nicht überlebt.«
Allein für diese Aussage wäre er gern zu ihrem Clan gefahren, um sie ein für alle Mal dort rauszuholen, aber nichts dergleichen stand ihm zu. Von ihr wurde erwartet, dass sie funktionierte, sich um ihren gelähmten Mann und die Kinder kümmerte und den Clan unterstützte.
»Lass uns demnächst essen gehen, und dann reden wir über alles, ja?«
Sie sah an ihm vorbei, zog ihre Hand zurück und nickte jemandem zu. Über die Schulter entdeckte er Finnley, der mit vier Bechern beladen war. »Ich habe von eurem Hüter gehört«, sagte sie abgelenkt. »Er soll gut auf euch alle aufpassen.«
Tate fasste sich an die Narbe am Kopf. »Ich bin froh, dass er da ist.«
Sie sah ihm in die Augen, und Tate hätte sie am liebsten in den Arm genommen, weil sie so erschöpft wirkte.
»Ich bin froh, dass du alles überstanden hast.« Langsam ging sie rückwärts zum Tresen zurück.
»Schreib mir, wann es bei dir passt«, sagte er gerade so laut, dass sie es noch hören konnte, und nahm ihr Schweigen als Bestätigung.
Die Wunden würden heilen, bei jedem. Ehawee litt bereits viel länger als er. Tate wandte sich um, nahm seinem Kollegen zwei Becher ab und folgte ihm. Ich werde dich finden und für das bezahlen lassen, was du ihr angetan hast. Das war kein leeres Versprechen, Tate war überzeugt, nur überlebt zu haben, weil jemand den Kerl stoppen musste. Es war Wakan Tankas Wille, und Tate hatte nichts mehr zu verlieren.