DR. HELMUT LEOPOLD

Der Food-Plan

RICHTIG EINKAUFEN
FÜR EINE BESSERE WELT

Für meine Kinder

Ich liebe euch über alles und entschuldige mich im
Namen meiner Generation, dass wir euch diesen Planeten
in einem so miserablen Zustand übergeben.

Hinweis zur geschlechtergerechten Sprache

Die in diesem Buch gewählte Form der Geschlechtsbezeichnung bezieht sich immer zugleich auf weibliche, männliche und diverse Personen. Auf eine Mehrfachbezeichnung wurde zugunsten einer besseren Lesbarkeit verzichtet.

Dr. Helmut Leopold

Der Food-Plan

Richtig einkaufen für eine bessere Welt

1.Auflage 2020

© 2020 by Verlag Agentur Altepost 2015, Hörstel

Titelbild: Detlef Krause, kunstfuerwerbung.de

Lektorat: Carsten Tergast, Redaktionsbüro Tergast

Satz & Gestaltung: Verlag Agentur Altepost 2015, Hörstel

eISBN 978-3982130477

www.agentur-altepost.de

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Inhalt

Sind wir am ErnährungsENDE oder besteht die Chance auf eine ErnährungsWENDE? Eine Einleitung

Unterwegs auf Feldern und Weiden. Oder: wie wir unsere Lebensmittel produzieren

Auf den Böden der Tatsachen bleiben

Pflanzenanbau in Zeiten der Grünen Revolution

Eine Frage der (Nutztier-)Haltung

Schlachthof und Chemielabor – was die lebensmittelverarbeitende Industrie uns wirklich auftischt

Wie die globale Ressourcennutzung bestimmt, was bei uns auf den Tisch kommt

Handwerk im Lebensmittelbereich – Kunst oder Fließband

Essen aus der Wundertüte: wie die Lebensmittelchemie uns leckere Speisen zaubert

Vom Supermarkt bis zu McDonald‘s – wie unsere Lebensmittel den Weg zu uns finden

1000 ganz legale Marketingtricks

Tante Emma arbeitet jetzt bei Aldi an der Kasse – die deutsche Handelsstruktur

Wenn Ernährung wie eine bakterielle Infektion wirkt – Essen auswärts und unterwegs

Welche Köche uns noch den Brei verderben

Zwischen Lebensmittelpolitik und quotenträchtigen Lebensmittelskandalen

Lebensmittelexperten: Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich

Der Verbraucher, das unbekannte Wesen

Wie wir als kompetente und informierte Verbraucher die ErnährungsWENDE herbeiführen können

Danksagungen

Anmerkungen

Sind wir am ErnährungsENDE oder besteht die Chance auf eine ErnährungsWENDE? Eine Einleitung

„Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“

Johann Wolfgang von Goethe

Jedes Jahr spielt sich in vielen Familien das gleiche Ritual ab, wenn die Adventszeit naht und das Fest der Feste näher rückt. Der Tradition muss Genüge getan werden, ein Adventskalender muss her! Da die gestresste Familie von heute jedoch keine Zeit mehr hat, selbst einen zu basteln, greift sie lieber gleich ins Supermarktregal. Schokolade mögen schließlich alle, ob Kinder oder Erwachsene. Wen stört da schon das bisschen Mineralöl, das wir damit auch zu uns nehmen … Moment: Mineralöl? Ja, Sie haben richtig gelesen, und der eine oder andere unter Ihnen wird sich vielleicht auch an entsprechende Berichte in der Presse erinnern. In den letzten Jahren wurden immer wieder Schoko-Adventskalender auf Schadstoffe getestet und das Ergebnis waren regelmäßig unter anderem Konzentrationen von Mineralöl in der Schokolade, die äußerst diätfördernd waren, weil sie einem nämlich die Lust auf Schokolade komplett nahmen. Da geht die Schokolade quasi runter wie Öl.

Das ist allerdings nur eins von vielen Beispielen dafür, wie der Verbraucher beim Thema Ernährung regelmäßig hinters Licht geführt, missachtet und nicht für voll genommen wird.

Aber mal ehrlich: Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff der Ernährungswende hören? Das Feierabendbierchen weglassen? Beim nächsten Einkauf einen weiten Bogen um die Süßigkeitenabteilung machen und die gesamte Kartoffelchipsproduktion der Republik mit einem Bannstrahl versehen? Sicher alles keine schlechten Ideen für Ihre persönliche Gesundheit, probieren Sie es ruhig mal aus. Schaden wird’s nicht.

So richtig Ernährungswende ist das aber, Sie ahnen es schon, noch nicht. Doch machen Sie sich keine Sorgen: Nicht einmal der Duden kennt den Begriff der „Ernährungswende“, warum sollten Sie dann gleich wissen, was gemeint ist. Allerdings: Drüber gesprochen wird trotzdem allerorten. Also schauen wir doch einfach mal genauer hin, denn glauben Sie mir: Es lohnt sich zu wissen, wie unsere Lebensmittel vom Acker auf den Teller kommen.

Fünf Jahre lang habe ich mich mit dem Ernährungsblog „2 grüne Tomaten“ am Thema abgearbeitet, habe über 350 Artikel geschrieben, immer mit dem Ziel, mehr Transparenz in diesen sehr komplizierten Bereich zu bringen und aufzuzeigen, wie Fairness in der Ernährung aussehen kann.

Fünf Jahre und 350 Artikel, die vor allem eins zeigten: Wir leben in einer Zeit der Täuschungsmanöver. Die an der Ernährungswirtschaft beteiligten Gruppen haben Muster und Strategien entwickelt, um dem Verbraucher beständig Sand in die Augen zu streuen, und genau diese Muster und Strategien werde ich in diesem Buch enttarnen.

Vordergründig werden Bio-Siegel und Freilandhaltung gefeiert, während hinter den Kulissen munter weiter unter den gleichen schlechten Bedingungen produziert wird wie bisher. Der einzige Grundsatz, der zu gelten scheint, ist der, dass die Bevorzugung von Produkten, die schlecht für unsere Gesundheit und unsere Umwelt sind, immer noch die größten Umsätze und Gewinne für die etablierten Unternehmen bringt.

Daher kann eine echte Ernährungswende nur eine sein, die sich auf das gesamte System der Ernährungsbranche erstreckt. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich dem Trend der teils gezielten Verunsicherung und Polarisierung etwas entgegensetzen und einen sachlichen Blick auf den Komplex Lebensmittelbranche werfen möchte. Ich möchte dabei mit Behauptungen aufräumen, die zwar immer wieder aufgestellt, dadurch aber nicht richtiger werden. Ich möchte Ihnen die Möglichkeit geben, die Zusammenhänge zu verstehen, ohne deshalb gleich Ernährungswissenschaftler werden zu müssen. Damit möchte ich Sie auch gegen die gebetsmühlenartig vorgetragenen Argumente wappnen, die uns in Talkshows und Magazinen begegnen. Und ich möchte mit diesem Buch aufzeigen, dass wir keineswegs am Ernährungsende stehen, aber durchaus am Beginn einer tiefgreifenden Ernährungswende. Es ist Zeit für diese Ernährungswende, sie muss und wird kommen.

Warum nichts mehr einfach ist: Globalisierung und Zentralisierung der Lebensmittelbranche

Es könnte so schön sein: Der Bauer fährt morgens aufs Feld und abends haben wir alle ausreichend zu essen auf unseren Tellern. Anders gesagt: Unsere Landwirte produzieren unsere Lebensmittel: Obst, Gemüse, Getreide, Fleisch, Milch, Kräuter und vieles andere. Diese Ausgangsstoffe werden dann, soweit sie nicht unmittelbar in den Handel kommen, weiterverarbeitet. Dafür sind lebensmittelverarbeitende Unternehmen und das Lebensmittelhandwerk zuständig. Sie liefern uns Brot, Wurst, Käse, Marmelade, aber auch Müsli, Würzmischungen, Gemüsekonserven bis hin zum so genannten „convenience food“, bereits fertig gekochten Gerichten, die nur noch erwärmt oder aufgetaut werden müssen. All das bekommen wir Verbraucher im Lebensmitteleinzelhandel, an Tankstellen, in Bäckereien, aber auch in gastronomischen Betrieben wie Restaurants und Bistros. So weit, so simpel. Oder doch nicht?

Sie ahnen es: Nein, ist es nicht. Und zwar, weil wir beim Thema Ernährung schon lange über den Bauer auf dem Feld und den Schlachter vor Ort hinaus denken müssen. Lebensmittelproduktion, Verarbeitung, Handel: Alles unterliegt „Prozessoptimierungen“, die zu einem „immer mehr“ und „immer billiger“ führen. Diese Prozessoptimierungen bestehen größtenteils in einer immer stärkeren Zentralisierung der Ernährungswirtschaft und in einer immer umfassenderen Globalisierung. Die großen Konzerne haben sich internationalisiert, neue Absatzmärkte erschlossen, sich durch Fusionen und Merger, also dem Zusammenschluss ehemaliger Wettbewerber zu einem Unternehmen, konzentriert. Gab es früher in vielen Wirtschaftszweigen eine nationale Macht weniger Unternehmen, so verschieben sich diese Oligopole zunehmend auf die internationale Bühne. „Fressen oder gefressen werden“ im Sinne von „Aufkaufen oder aufgekauft werden“ lautet die Devise. Es geht also um gnadenloses Wachstum, was nichts anderes bedeutet, als dass durch Zusammenschlüsse Konzentration entsteht, die automatisch immer auch mit steigender Marktmacht der dadurch entstandenen Großkonzerne einhergeht.

Natürlich bietet die Globalisierung auch Vorteile: Sie sorgt dafür, dass ich heute Mango in mein selbst gekochtes indisches Gericht schneiden kann und morgen eine Papaya mein gesundes Frühstücksobst veredelt. Wir haben also eine größere Vielfalt, die dank steigender Nachfrage auch noch zu immer geringeren Kosten angeboten werden kann.

Auf der anderen Seite ist Globalisierung für Raubtierkapitalismus ein optimaler Brandbeschleuniger. Der größte Kostenfaktor in der Produktion von Waren ist traditionell der Mensch. Nichts nervt Manager großer Konzerne mehr als die leidigen Lohnkosten. So begann die große Zeit des „Off-“ und „Nearshorings“, also des Verlagerns von Arbeitsplätzen in Länder mit geringeren Lohnkosten und Sozialabgaben sowie meist geringeren Standards bei Arbeitsschutz und Arbeitsrecht.

Doch damit nicht genug. Noch billiger geht’s, wenn die Rohstoffpreise sinken. Kein Problem, wenn am Ende der Konzentrationsprozesse nur noch ein paar wenige Unternehmen beispielsweise bestimmen, wer die Produktion von 25 Millionen Kaffeebauern weiter verarbeitet: 55 Prozent des weltweiten Handels mit Kaffeebohnen wird von nur fünf Unternehmen bestimmt.1 Bedingungen und Einkaufspreise können so nahezu beliebig diktiert werden.

Ein beliebter anderer Weg: Man ersetzt hochwertige Zutaten einfach durch kostengünstigere, etwa industriell hergestellte Zusatzstoffe und Aromen. Die Politik hat diese Entwicklung mit immer neuen, immer größeren Freihandelszonen beschleunigt.

Wertewandel in der Gesellschaft

Wer immer nur beschleunigt, bekommt irgendwann die Kurve nicht mehr und fährt vor die Wand. Im Fall der ungebremsten Globalisierung der Ernährungsindustrie besteht diese Wand aus Menschen, die anfingen, Fragen zu stellen und bestimmte Methoden anzuzweifeln. Schon Ende der 1970er-Jahre schlossen sich kritische Menschen zu Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zusammen und hievten Themen wie Ausbeutung von Arbeitskräften und Umwelt, Missachtung des Tierschutzes und Täuschungen des Verbrauchers in die Öffentlichkeit. Echte Kärrnerarbeit, wie sich zeigte, denn natürlich werden die ersten Mahner immer gerne als Spinner abgetan, die Ruhe und Ordnung stören wollen. Als sich in den 1980ern die GRÜNEN gründeten, um genau auf diesen Feldern Politik zu verändern, war das Establishment „not amused“. Umwelt- und Tierschutz sowie globale Gerechtigkeit waren Themen, die für den deutschen Durchschnittsesser nicht auf der Menükarte standen. Und doch höhlte steter Tropfen den Stein, so dass nach und nach ein Wertewandel in der Gesellschaft einsetzte. Das Ozonloch, die Abholzung des Regenwaldes, die Überfischung der Weltmeere, der Klimawandel waren plötzlich von Interesse und immer mehr Menschen kamen zu der Überzeugung, dass die Wirtschaft zu einem Preis wuchs, den sie nicht bereit waren zu zahlen. Das System der Bereicherung einer Minderheit auf Kosten der Mehrheit wurde nicht länger schweigend akzeptiert.

Mit dem steigenden Interesse an solchen Themen sprangen auch Medien verstärkt auf den Zug. Investigative Journalisten krochen hinter die Kulissen und fanden reichlich Stoff für Skandale und quotensichere Aufreger. Zuschauer und Leser kamen ins Grübeln und reflektierten immer stärker den eigenen Konsum.

Die Zeit der großen Skandale

Die 80er sind indes nur noch eine ferne Erinnerung, längst leben wir im digitalen Wunderland, in dem wir heutzutage beinahe jede Information an beinahe jedem Ort mit unserem Smartphone verfügbar haben und damit auch ständig neue Informationen über das Thema Ernährung abrufen können. Wir fühlen uns extrem informiert und sind doch tief verwirrt und verunsichert. Unser Gefühl sagt uns immer häufiger: Wir sind umgeben von Fakenews und Verbrechern, die uns und den Planeten zerstören wollen.

Um zu verstehen, wo dieses tiefe Misstrauen, insbesondere der Lebensmittelbranche gegenüber, herkommt, lohnt sich ein Blick auf die Jahre 2008 bis 2013. Im Mai 2013 ergab eine Untersuchung2, dass rund 75 Prozent aller Verbraucher der Lebensmittelindustrie misstrauten, 72 Prozent der Befragten gaben an, dass bei Lebensmitteln ihrer Einschätzung nach viel getrickst wird. Vorausgegangen war über fünf Jahre hinweg eine bis dahin unübertroffene Häufung von negativen Vorkommnissen und die entsprechende Berichterstattung darüber in den Medien. Werfen wir einen Blick auf einige Ereignisse, die allesamt dieser Zeit entstammen.

Zunächst hatten wir es in diesen Jahren mit einer Vielzahl sogenannter Lebensmittelskandale zu tun, das Öl im Adventskalender war dabei fast nur eine Nebensache. Außerdem gab es noch den Pferdefleisch-, den EHEC- und den Dioxin-Skandal, mit dem Schimmelpilzgift Aflatoxin verseuchtes Tierfutter, als Bio-Eier getarnte Käfigeier, den vermeintlich krebserregenden Stoff Glycidol in Margarine, multiresistente Darmbakterien ESBL in Tierfleisch, Listerien-Bakterien in Harzer Käse und etliche Gammelfleisch-Skandale. Da konnte einem allein auf Grund der Häufung schon mal ganz anders werden.

Im Fernsehen konterkarierte man die unzähligen Kochsendungen mit immer mehr Dokumentationen und Diskussionen, die sich mit dem „Aufdecken“ dessen, was bei der Lebensmittelproduktion tatsächlich passiert und den verschiedenen daran beteiligten Unternehmen beschäftigten. Die Titel der Sendungen sprechen Bände: „Gefahr auf dem Acker“, „Zu fett, zu süß, zu schädlich: Hysterie ums Essen?“, „Lügen satt – Was ist noch echt an unserem Essen?“, „Die Supermarkt-Lüge – wie gut und fair kann günstig sein?“, „Volksdroge Zucker“, „Lidl, Aldi, All Inclusive: Deutschland im Billigfieber?“, „Lohnsklaven in Deutschland - Miese Jobs für billiges Fleisch“, „Mogelpackung Almidylle?“ Nur eine kleine Auswahl, die sich fast beliebig erweitern ließe.

Auch der Buchhandel nahm diesen Trend zum schonungslosen Aufdecken von Machenschaften der Ernährungsindustrie dankbar an und servierte uns Titel wie „Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt“, „Der Murks mit der Milch: Gesundheitsgefährdung durch Milch. Genmanipulation und Turbokuh. Vom Lebensmittel zum Industrieprodukt“ oder „Zucker, Zucker …: Krank durch Fabrikzucker. Von süßen Gewohnheiten, dunklen Machenschaften und bösen Folgen für unsere Gesundheit“. Wem das geschriebene Wort nicht ausreichte, für den gab es Filme zum Thema, zum Beispiel „Food, Inc. - Was essen wir wirklich?“, „Unser täglich Gift. Wie die Lebensmittelindustrie unser Essen vergiftet“ und „Taste the waste“.

Die jährliche Verleihung des Goldenen Windbeutels für die Lebensmittel-Werbelüge des Jahres durch die Verbraucherschutzorganisation foodwatch wurde zum wochenlangen medialen Großereignis und brachte die Lebensmittelindustrie gehörig ins Schwitzen. Auch die Politik kam in Zugzwang. Die Häufung der Lebensmittelskandale ließ den Ruf nach mehr Lebensmittelkontrolleuren laut werden und die damalige Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner startete die öffentlichkeitswirksame Kampagne „Zu gut für die Tonne“, um gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen. 2011 wurde das Portal „Lebensmittelklarheit“ gegründet, um Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, Produkte oder Hersteller zu melden, von denen sie sich getäuscht fühlen. Die Verbraucherschutzzentralen bewerten diese Meldungen, nehmen im Bedarfsfall Kontakt zum Hersteller auf und versuchen die wahrgenommene Täuschung zum Beispiel durch Änderung der Verpackung oder Produktbeschriftung auszuräumen.

Der Bundestagswahlkampf 2013 schließlich schien zu einer Art finaler Schlacht zum Thema „Massentierhaltung“ samt Einschränkung des Fleischkonsums zu werden. Spätestens als die GRÜNEN das Ganze in den Mittelpunkt ihres Wahlkampfes stellten und mit der Forderung nach einem fleischlosen „Veggie-Day“ in öffentlichen Kantinen das Wahlvolk zum Kochen brachten, brachen alle Dämme. Die Partei wurde von der politischen Konkurrenz als „Verbotspartei“ stigmatisiert, die den Menschen vorschreiben wolle, was diese zu essen respektive nicht zu essen hätten, die BILD-Zeitung hatte jeden Tag eine neue Schlagzeile, auf allen Kanälen meldeten sich plötzlich selbst ernannte Ernährungsexperten zu Wort, kurzum: Die Töne wurden immer schriller, während das eigentliche Thema aus dem Fokus geriet.

Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht. Der Verbraucher schon. Was es mit uns macht, dass wir nichts mehr über Lebensmittelherstellung wissen.

Verbraucher können diesen Stimmen von außen immer weniger eigenes Wissen entgegensetzen, da ein Entfremdungsprozess von den eigenen Lebensmitteln stattgefunden hat.

Das Phänomen der Entfremdung begleitet von Beginn an die industrielle Fertigung von Massengütern. Der Fließbandarbeiter, der immer und immer wieder nur die gleiche Tischplatte bearbeitet, hat zum fertigen Tisch nicht mehr das gleiche Verhältnis wie der Tischler, der mit Sorgfalt vom Gestalten der Tischbeine bis zum Polieren der Platte alle Arbeitsschritte selbst ausgeführt hat.

Auf die Ernährungswirtschaft übertragen heißt das: Wenn ich meinen Apfel selbst vom eigenen Baum pflücke, esse ich ihn mit besserem Gewissen und größerem Genuss, als wenn ich keine Ahnung habe, wie viel Pflanzenschutzgift wohl auf der glänzenden Schale ist, die mich im Supermarkt zum Kauf verführen soll.

Die große Verunsicherung entsteht also nicht zuletzt dadurch, dass der Verbraucher von heute insgesamt sehr wenig über Lebensmittel, deren Produktion oder Verarbeitung weiß. Das war früher anders: Sehr viele Menschen waren in der Landwirtschaft beschäftigt, so dass das Wissen über die Lebensmittelproduktion und auch die Bedeutung der Landwirtschaft tief in der Gesellschaft verankert war. Waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch mehr als ein Drittel aller Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft tätig, so sank dieser Anteil bis heute auf etwas über ein Prozent.3 Mit der Konzentration der Lebensmittelproduktion auf wenige Großunternehmen setzte die Entfremdung oder auch Entkopplung von der Gesellschaft ein. Die Produktion wurde in deutlich weniger und dafür deutlich größeren Unternehmen gebündelt, die sich in bestimmten Regionen Deutschlands ballen und dazu führen, dass anderswo, insbesondere in den Städten, die Lebensmittelproduktion kaum noch erlebt werden kann. Anders gesagt: Wer von uns weiß denn noch, wie die moderne Lebensmittelproduktion abläuft? In den Köpfen vieler Menschen finden sich nach wie vor die sozialromantischen Bilder von Bauernhöfen mit fröhlich spielenden Tieren und Kindern, wie sie es aus Büchern, Liedern und Filmen kennen. Oder haben Sie schon mal ein Buch in der Hand gehabt oder einen Film gesehen, in dem die Kinder Ferien in einer Anlage für Massentierhaltung machen? Keiner von uns will die Bilder aus der modernen Nutztierhaltung sehen. Keiner von uns will sich bewusst machen, wie Tiere gehalten und getötet werden. Selbst die fachmännisch korrekte und im Sinne des Tieres schonendste Methode der Tötung soll bitte im Hinterzimmer passieren und nicht vor unseren Augen, wie ein Landwirt es in der Sendung „Das Experiment: Gänse-Schlachtung in der Öffentlichkeit“ mit Weihnachtsgänsen Ende 2017 durchgeführt hat. Wir haben vollkommen den Bezug zu unserer Lebensmittelproduktion verloren und nehmen dann mit erstauntem Schmunzeln zur Kenntnis, dass immer mehr Kinder meinen, es gäbe lilafarbene Kühe.

Das ist jedoch nur eine Seite, zusätzlich haben wir es noch mit einer zweiten Entkopplung zu tun: der von Inhaltsstoffen und Geschmacksempfinden nämlich. Am Beispiel von Erdbeerjoghurt lässt sich schnell erklären, wie wenig die vermeintliche Hauptzutat, also Erdbeeren, mit dem tatsächlichen Geschmacksund Geruchserlebnis, dem Aussehen und der Konsistenz des Erdbeerjoghurts auf unserem Löffel zu tun hat. All diese Produkteigenschaften werden über andere Inhalts- und Zusatzstoffe erzeugt.

Die überinformierten Verbraucher und die skandalgetriebenen Medien: Gift für unser Ernährungswissen

Wir wissen eigentlich nur noch, dass wir nichts wissen, egal wie viele Berichte wir anschauen und Artikel wir lesen. Und das schmeckt uns gar nicht. Die Entkopplung von Landwirtschaft und Gesellschaft als auch die Entkopplung von Inhaltsstoffen und Geschmacksempfinden hat zu einer großen Verunsicherung bei uns Verbrauchern geführt. Wir haben vermeintlich Zugang zu allen Informationen, können sie aber nicht richtig einordnen und für uns nutzen, weil sie niemand für uns übersetzt und in einen Kontext bringt. Was wir erleben, ist ein Informations-Overkill, befeuert durch Journalisten und Autoren, die eher auf der Suche nach Skandalen, hohen Quoten und Auflagen sind, als ihrem eigentlichen Auftrag der objektiven Information gerecht zu werden. Sie liefern dem Verbraucher ein Schreckensszenario der Lebensmittelindustrie, das letztlich ebenso wenig der Realität entspricht wie die friedlich grasenden Milchkühe auf der Weide.

Doch damit nicht genug. Als 1960 die Oecotrophologie als eigenständiges Studienfach eingeführt wurde, rückte plötzlich in den Fokus, was und wie wir eigentlich essen sollten. Seitdem beglückt uns eine wachsende Zahl von Ernährungswissenschaftlern mit immer neuen, zum Teil widersprüchlichen Ernährungstipps. Sie streiten sich über unsere Köpfe hinweg, was wir essen sollen und was nicht, und treiben letztlich alle, die gerne ernährungsbewusst essen möchten, in den Wahnsinn. Eine kleine Auswahl der Tipps, die bei kompletter Befolgung wohl nur noch schlecht gelaunte Esser produzieren würden: „Nicht so viel Zucker“, „Nicht so viel Salz“, „Nicht so viel Fett“, „Wenig Fleisch“, „Nach 18 Uhr nichts mehr essen“, „Das Frühstück nicht vernachlässigen“, „Drei Liter Wasser täglich“, „Langsam kauen“, „Nicht zwischendurch essen“. Nichts geht allerdings über meinen persönlichen Lieblingstipp: „Hören Sie auf Ihren Körper und essen Sie einfach, was Ihnen gut tut“. So einfach kann es sein. Oder eben auch nicht.

Wir Verbraucher sitzen zwischen den Stühlen, auf dem einen sitzt die Lebensmittelindustrie mit ihren Argumenten für die notwendigen Produktionssteigerungen, um den Weltbedarf zu decken, auf dem anderen haben die wohlmeinenden Aktivisten Platz genommen, die uns vor den bösen Manipulationen und Lügen eben dieser Lebensmittelindustrie beschützen wollen. Wir haben mittlerweile ein sehr merkwürdiges Bild vom modernen aufgeklärten Verbraucher, der sich angeblich nicht mehr von einer heilen und simplen Fassade täuschen lässt. Dieser Verbraucher hinterfragt einfach alles. Bei der Milch möchte er das Produkt bis zur Geburt der milchgebenden Kuh zurückverfolgen, selbstverständlich nicht, ohne sicherzustellen, dass die Kuh immer ein glückliches Leben an der frischen Luft und mit echtem Gras hatte. Mit diesem guten Gewissen geht er dann allerdings trotzdem in den Supermarkt und möchte höchstens 49 Cent für den Liter Milch bezahlen, nur um kurze Zeit später auf Facebook wieder in die Medienschelte über die Discounter einzustimmen, die unsere Landwirte kaputt machen.

Dieser Verbraucher ist nicht wirklich mündig und aufgeklärt, er trifft keine wohl überlegten Entscheidungen, sondern verhält sich aufgrund der totalen Überforderung durch Überfrachtung mit losen Informationen weitgehend irrational. Da ist es auch kein Wunder, dass internationale Handelsabkommen und die Globalisierung für viele Menschen Teil eines Schreckensszenarios sind und wir aktuell einen großen Trend hin zu einer Renationalisierung erleben.

Licht ins Dunkel bringen

Die fehlende Mündigkeit des Verbrauchers ist auch ein wesentlicher Antrieb für dieses Buch. Nochmal: Obwohl wir so viel über die Themen Lebensmittel und Ernährung lesen, sehen und hören können wie niemals zuvor, obwohl alles an Informationen zur Verfügung zu stehen scheint, was wir brauchen, ist der Verbraucher so verunsichert und misstrauisch wie nie.

Es gibt unterschiedliche Arten, auf die wachsende Informationsflut und Verunsicherung zu reagieren. Laut einem auf der Nestlé-Ernährungsstudie basierenden Abstract4 herrscht bei rund 30 Prozent der Verbraucher völliges Desinteresse am Thema, rund 40 Prozent sind gesundheitsbewusst und interessiert, die übrigen rund 30 Prozent verlassen sich, zum Teil aus Zeitmangel, auf die gegebenen Informationen. Dieser gleichmäßigen Aufteilung entsprechen dann auch drei Arten, auf die Ernährungsdebatte zu reagieren: mit Rückzug und dem Versuch, dem Thema aus dem Weg zu gehen, mit Aufsaugen aller Informationen und dem Versuch, zum Ernährungsexperten zu werden oder mit der so kritiklosen wie sensationsgeilen Verfolgung jeder Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird. Die schlechte Botschaft ist: Keine dieser drei Strategien macht einen mündigen Verbraucher aus uns. Allerdings ist allen Verbrauchern eines gemein: Sie wollen den Lebensmitteln und ihren Herstellern wieder trauen können. Sie wollen sich wieder wohlfühlen, wenn sie sich für ein Produkt entscheiden, ganz egal, ob im Supermarkt, im guten Restaurant oder an der Imbissbude um die Ecke. Außerdem wollen sie die Macht zurück, die sie mit ihrer Produktwahl auf die Lebensmittelwirtschaft ausüben können.

Dieses Buch beleuchtet daher den kompletten Weg unserer Lebensmittel vom Samenkorn bis zum fertigen Essen auf dem Teller. Es geht um die Aspekte „Masse oder Klasse?“ und „Quantität oder Qualität?“. Es geht aber auch um Abhängigkeiten, Geld und Verantwortung.

Mein Ziel ist, dass Sie sich in ihrer Rolle als Verbraucher wieder wohl und sicher fühlen können, um als mündiger Bürger eine bewusste Entscheidung für eine bessere Ernährung zu treffen. Das Buch soll wie eine Machete sein, mit der Sie sich durch den Dschungel an Informationen und Verschleierungen Ihren ganz persönlichen Weg zu Ihrer ganz persönlichen Ernährungswende schlagen können.

Unterwegs auf Feldern und Weiden. Oder: wie wir unsere Lebensmittel produzieren

Es war bereits die Rede davon: Bei den meisten Menschen, die in ihrem Leben noch nie oder nur äußerst selten mal einen landwirtschaftlichen Betrieb betreten haben, herrscht immer noch eine sozialromantische Vorstellung vom Leben auf dem Bauernhof, die irgendwo zwischen „Wir Mädels vom Immenhof“ und „Unsere kleine Farm“ angesiedelt ist. Alle stehen mit dem Hahnenschrei auf, die Kühe werden einzeln beim Namen genannt und die Schweine sind froh und glücklich, dereinst als Schnitzel zu dienen. Zwar ahnen wir alle, dass es so wohl in der Realität gar nicht aussieht, aber wer hat schon die Möglichkeit, mal hinter die Kulissen zu schauen. Deshalb machen wir das jetzt zusammen.

Wenn wir uns der Lebensmittelproduktion widmen wollen, lohnt es sich, vorne anzufangen und das ist nun mal nach wie vor die Landwirtschaft. Immenhof und kleine Farm sind hier allerdings schon lange Geschichte und nur wenige Unternehmensführer haben in den letzten Jahrzehnten und vor allem in den letzten Jahren einen so enormen Strukturwandel durchmachen und managen müssen wie die Landwirte. Die Anzahl der Betriebe ist erheblich zurückgegangen, die durchschnittliche Größe der einzelnen Betriebe dafür aber deutlich angewachsen. Die ganze Problematik lässt sich dabei auf drei zentrale Konflikte eingrenzen, die besonders kontrovers und emotional diskutiert werden:

1) Grundlage jeder Lebensmittelproduktion ist die landwirtschaftliche Fläche. Insbesondere im Hinblick auf den Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln ist die Frage, wer die Böden und Flächen besitzt, zentral für die Art und Weise, nach welchen Prinzipien und Leitlinien die Bewirtschaftung stattfindet. Kleinbäuerliche und mittelständische Autonomie stehen großen Finanzinvestoren gegenüber.

2) Im Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln unterscheidet sich die Herangehensweise der konventionellen Bewirtschaftung mit ihrem Bemühen, die Ertragsleistung zu optimieren, von der Herangehensweise der ökologischen Bewirtschaftung, die ihren Fokus auf den nachhaltigen Umgang mit Ressourcen und Umwelt legt.

3) In der Erzeugung tierischer Lebensmittel trifft die Massentierhaltung mit ihren Möglichkeiten sehr kostengünstiger Fleischerzeugung auf die ökologische Nutztierhaltung, die das Wohl und die Würde des Tieres zu dessen Lebzeiten stärker im Blick hat.

Auf den Böden der Tatsachen bleiben

Warum Sie dieses Kapitel lesen sollten

Nicht nur das „Institute for Advanced Sustainability Studies“ aus Potsdam sieht fruchtbare Böden als entscheidend für den Kampf gegen Hunger und Klimawandel: „Böden bilden die Grundlage für mehr als 90 Prozent der weltweit produzierten Nahrung. Ohne fruchtbare Böden steht jedoch die weltweite Ernährungssicherheit auf dem Spiel.“5 Das Thema Bodennutzung und Bodenschutz betrifft uns alle unmittelbar, wenngleich erst mittel- und langfristig. Dies verführt oftmals dazu, das Thema zu übersehen.

• Anstieg der Bodenpreise: Der Kauf- und Pachtpreis für Ackerflächen in Deutschland ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen: zwischen 2007 und 2016 der Kaufpreis um 142 Prozent, der Pachtpreis um 57 Prozent.6 Dies führt laut „Kritischem Agrarbericht 2013“ dazu, dass „vielseitige Fruchtfolgen, Bodenschutz, generell kleinere Strukturen und dörfliche Einbindung der Höfe […] auf Dauer nicht mehr durchzuhalten“ sind. Die steigenden Bodenpreise zwingen die verbliebenen Landwirte dazu, die Lebensmittelpreise zu erhöhen, was wir alle unmittelbar in unserem Geldbeutel spüren, oder die kostenintensiven boden- und umweltschonenden Maßnahmen einzuschränken.

• Einschränkung des regionalen Angebots: Böden, die zu Spekulationsobjekten von Investoren werden, die kein Interesse an der landwirtschaftlichen Nutzung haben, gehen den familiären und regional engagierten Landwirten verloren. So wird das Angebot von regional und/oder ökologisch erzeugten Lebensmitteln massiv eingeschränkt. Stattdessen nimmt der Anteil der ökologisch fragwürdigen Lebensmitteltransporte national und international zu, um die Nachfrage zu decken.

• Zerstörung der Böden: Aufgrund des gestiegenen Fleischkonsums werden immer mehr Böden für den Anbau von Futtermitteln verwendet. Aber auch der Trend zu Agrotreibstoffen verwandelt Bodenflächen in Monokulturen, bestehend aus Energiepflanzen. Monokulturen zerstören jedoch die fruchtbare Humusschicht unserer Böden, was wiederum die regionale Versorgung mit Lebensmitteln gefährdet.

• Anheizen des Klimawandels: Unsere weltweiten Böden speichern 4000 Milliarden Tonnen CO2 und damit zehnmal so viel wie alle Bäume.5 In den letzten 25 Jahren sind aber ein Viertel der Landoberfläche für die landwirtschaftliche Nutzung verloren gegangen.7 Diese Zerstörung fruchtbarer Böden setzt Treibhausgase frei, die darin gespeichert waren und verringert die Fläche, die neue Treibhausgase aufnehmen kann. Dies heizt den Klimawandel weiter an. Die Folge: heftige Wetterkapriolen und Naturkatastrophen.

Der Tod der Ackerkrume. Oder: Wenn Böden kollabieren

Es wirkte wie ein Aufstand der Maschinen, plötzlich schienen die Städte von Monstern auf überdimensionierten Rädern umzingelt zu sein und eingenommen zu werden. Als Anfang des Jahres 2020 groß angelegte Treckerdemos durch verschiedene deutsche Städte rollten und für Stunden den kompletten Verkehr lahmlegten, rückten die Probleme der Landwirtschaft mal wieder für kurze Zeit in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Einer der wesentlichen Punkte, um die es den Bauern ging, war auch die Frage nach der Verteilung des Bodenbesitzes.

Fakt ist: Wir brauchen sehr viel landwirtschaftlich nutzbare Bodenfläche, um den weltweiten Bedarf an Nahrung decken zu können. In Deutschland wird knapp die Hälfte der Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt8, doch die Nutzung ist nicht alles, denn gleichzeitig brauchen wir die Böden als Speicher für die immensen Mengen CO2, die wir produzieren und die unser Klima bedrohen. Dabei unterscheidet sich der Umgang mit den Böden sehr stark, je nachdem, ob es sich um konventionelle oder ökologische Landwirtschaft handelt. Wie ein Landwirt die Bedeutung seines Bodens definiert, ist laut „Bund der ökologischen Landwirtschaft“ sogar der gravierendste Unterschied zwischen einem konventionell betriebenen und einem ökologisch bewirtschafteten Betrieb. Dabei muss man sich darüber klar sein, dass es bei diesem Thema kein „heute hü“ und „morgen hott“ gibt, denn die Fruchtbarkeit eines Bodens neu aufzubauen, ist eine Frage von Generationen, nicht von einer Saison. Kurzfristige Korrekturen der Entscheidung für konventionell oder ökologisch sind also nicht möglich.

Aber wem gehören die Böden überhaupt? Das ist eine zentrale Frage, die großen Einfluss darauf hat, wie unsere Böden beim Pflanzenanbau und bei der Nutztierhaltung bewirtschaftet werden. Ganz prinzipiell gibt es immer weniger verfügbare Flächen für die Landwirtschaft. Gründe dafür sind vor allem die Bodenerosion sowie der Siedlungs- und Straßenbau. Gleichzeitig steigen die Preise für Ackerland so stark an, dass der ökonomische Druck auf die Landwirte immer größer wird und damit auch zunehmend die Überlegungen leitet, welche Art von Bewirtschaftung noch möglich ist. Dann sind da noch die Heuschrecken. Nicht die aus der biblischen Plage, die die Felder leer fressen, sondern die mit dem dicken Portemonnaie, für die Boden eine von vielen Geldanlagen ist. Immer mehr Flächen wechseln in den Besitz von Finanzinvestoren, die sich mehr für den kurzfristigen finanziellen Ertrag interessieren und weniger dafür, welchen Beitrag der Boden für die Lebensmittelproduktion und für den Klimaschutz leisten kann. Steuern wir also mittel- und langfristig auf eine Katastrophe zu? Und welche Rolle spielt unser aller Konsumverhalten in diesem Zusammenhang?

Zunächst zurück zu der Frage, wem denn nun unsere Böden gehören. Die Antwort ist scheinbar ganz einfach: Böden gehören Staaten, Privatbürgern oder Unternehmen. Spannend wird das Ganze, wenn wir uns anschauen, wie Verkauf und Verpachtung von Böden ablaufen, wer die Käufer und Pächter sind und weshalb die Preise in den letzten Jahren so enorm gestiegen sind.

Wie blühende Landschaften die Wiedervereinigung bezahlten

Wir schreiben das Jahr 1989. Die DDR ist Geschichte und damit auch ein System, das vom Thema „Besitz“ so ganz andere Vorstellungen hatte, als das im kapitalistischen Westen der Fall war. Der Staat besaß nach der Wiedervereinigung plötzlich etwa ein Drittel aller Böden im Land, weil die DDR nach 1949 alle Grundbesitzer enteignet hatte, die über 100 Hektar Fläche ihr Eigen nannten. Der sozialistische Staat hatte sich diese Böden einverleibt und die Bundesregierung hätte dies durch Rückgabe an die Alteigentümer wiedergutmachen können. Doch nach der Wende war nur wenig normal, und auch in der Praxis schien diese Rückübertragung unmöglich, da einzelne Betriebsflächen zum Teil von über 1000 Pächtern bewirtschaftet wurden und man erst einmal die große Komplexität an Pachtverträgen entwirren musste, bevor die Frage geklärt werden konnte, wem diese Böden eigentlich gehören und wer sie zukünftig bewirtschaften soll. Was erschwerend hinzu kam: Es waren längst nicht alle Alteigentümer interessiert oder in der Lage, nach 40 Jahren die Bewirtschaftung der Böden wieder zu übernehmen.

Wie auch immer, eine Lösung musste her, und so wurde 1992 die Bodenverwertungs und -verwaltungs GmbH (BVVG) als Tochtergesellschaft der Treuhandanstalt gegründet, um die Privatisierung der land- und forstwirtschaftlichen Flächen der neuen Bundesländer zu organisieren. Dabei ging es nicht nur darum, wem die Krume gehört, sondern vor allem auch darum, dass die Flächen nicht brach liegen, sondern weiterhin vernünftig bewirtschaftet werden sollten. Aufgrund der komplizierten Gesamtsituation versuchte man also, Zeit zu gewinnen und schloss daher zunächst Pachtverträge über einen relativ langen Zeitraum von zwölf Jahren ab, die meist um weitere sechs Jahre verlängert wurden. Bis 2007 war die Preisentwicklung des Bodenmarktes damit quasi gedeckelt, während nach dem Auslaufen vieler Pachtverträge und Ausschreibung der Flächen die Preise für ostdeutsche Böden plötzlich durch die Decke gingen und natürlich auch viel Geld in die Staatskassen spülten. So konnte sich der Bundeshaushalt allein im Jahr 2012 über knapp 500 Millionen Euro Einnahmen durch Verkauf und Verpachtung von Flächen inklusive Forstflächen freuen, die die BVVG erwirtschaftete.

Klingt erst einmal gut, ist es für das Staatssäckel sicher auch, doch natürlich konnte kaum ein Landwirt sich die hohen Bodenpreise, verbunden mit den nach wie vor riesigen Strukturen und Flächen, leisten. Die Folge: Insbesondere Kapitalgesellschaften mit viel Geld erwarben riesige Flächen, um hohe Gewinne zu erzielen. Die kleineren und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe vor Ort dagegen schauten in die Röhre. Solche Kapitalgesellschaften bewirtschaften die Böden mit dem kleinstmöglichen Aufwand. Es entstanden nur wenige Arbeitsplätze vor Ort und es wurde kaum Wert auf kostenintensivere Methoden zum langfristigen Erhalt der Bodenfruchtbarkeit gelegt.9

Steigende Bodenpreise verdrängen kleine Betriebe

Für Landwirte wird es aber nicht nur in Ostdeutschland immer schwieriger, auslaufende Pachtverträge zu erneuern oder gar Flächen zu kaufen. Weiter steigende Bodenpreise sind insbesondere für kleine und mittlere Landwirte nicht aufzubringen, da die wirtschaftliche Potenz und damit auch die Kreditvoraussetzungen maßgeblich von der Betriebsgröße abhängen. Viele Landwirte sind inzwischen in ihrer Existenz bedroht, was einer der Hauptgründe für die stetig sinkende Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe in Deutschland sein dürfte. Wir haben es folglich mit einer Entfremdung zwischen Landbesitzern und Bewirtschaftern beziehungsweise der Bevölkerung in dem jeweiligen Landstrich zu tun, was die Identifikation und das Verantwortungsgefühl für den Boden vor Ort vermindert. Gleichzeitig ist der Job des Landwirts augenscheinlich so unattraktiv, dass im TV ein Format wie „Bauer sucht Frau“ Erfolg haben kann, in dem ganz offen damit „gespielt“ wird, dass der Landwirt als solcher nicht einmal die Chance auf eine „normal“ entstehende Beziehung hat. Der soziale Status ist schon seit langer Zeit gering, viele erinnern sich vielleicht daran, dass schon zu Schulzeiten die Bezeichnung „Du Bauer!“ im Sinne einer Beleidigung gebraucht wurde und daran dürfte sich bis heute wenig geändert haben. Darüber hinaus sind die Arbeitsbedingungen schlecht, Ferien und freies Wochenende Fremdwörter und dann reicht der erwirtschaftete Lohn noch nicht mal, um sich wirklich etwas leisten zu können. Wahrlich: Ausschließlich ein Beruf für Menschen mit ausgeprägtem Masochismus, wie es scheint. Warum sich also abplagen und dann womöglich auch noch auf Ertrag verzichten, indem auf eine umweltfreundliche und bodenschonende Bewirtschaftung geachtet wird?

Ausverkauf osteuropäischer Böden. Oder: Warum Ungarn die EU nicht mag

Ungarn war zuletzt meistens wegen der oft zweifelhaften Ansichten seines Regierungschefs in den Medien, doch wenn wir bei unserem Thema über den deutschen Tellerrand hinausschauen, landen wir ebenfalls schnell bei den Magyaren. Nicht nur dort, sondern auch bei weiteren unserer osteuropäischen Nachbarn herrschen nach dem Ende des Sozialismus ganz ähnliche Probleme wie im Nachwendedeutschland. Es stehen zunehmend Flächen zum Verkauf, die jahrzehntelang in Staatsbesitz waren. Auch hier gibt es Konflikte bei der Veräußerung. Schauen wir dazu nach Ungarn.

Um EU-Vorgaben zu erfüllen, musste Ungarn noch im Jahr 2014 das Bodenrecht reformieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Verkauf staatlicher Ackerflächen an ausländische Firmen und Personen verboten. Auf diese Weise wurden die Böden unter einheimischer Kontrolle gehalten und die Nähe zwischen Bevölkerung und Landbesitzern gewährleistet. Auch in anderen Staaten, die heute zur Europäischen Union gehören, galt diese Regelung. Man befürchtete beispielsweise, dass Spekulationsbodenkäufe von ausländischen Investoren die Preise für Ackerflächen und Pacht massiv in die Höhe treiben und es damit einheimischen Landwirten unmöglich machen würden, selbst Ackerflächen zu erwerben oder zu pachten. Die Angst, die einheimische Landwirtschaft unter die Knute ausländischer Landbesitzer zu bringen, war groß. Unter solchen Verdrängungsprozessen verlöre die Landwirtschaft die Kontrolle darüber, was mit den heimischen Ackerflächen passiert. Verlust durch Bebauung wäre etwa sehr viel wahrscheinlicher.

Um dieser Entwicklung vorzubeugen, wollten Länder wie Ungarn die EU dazu bewegen, die Regeln der Bodenveräußerung anzupassen und spezifische Einschränkungen zu vereinbaren. Ungarns Vorschlag zum Beispiel war, dass nur kleinere Flächen verkauft werden dürfen, bei gleichzeitiger Nachweispflicht des Käufers über die geplante landwirtschaftliche Nutzung oder einen regionalen Bezug des Käufers. Nicht jedoch mit der EU. Mit der dort häufig üblichen Ignoranz bestand und besteht man auf der Öffnung des Bodenmarkts im Sinne einer offenen EU. Dass dieses Vorgehen ausschließlich den reicheren EU-Ländern sowie China und den USA in die Hände spielt, scheint in Brüssel niemanden zu interessieren. Nicht zuletzt erklärt sich durch derart repressive und als übergriffig empfundene Maßnahmen auch ein wenig das tiefe Misstrauen, welches in einigen osteuropäischen Ländern gegenüber der EU herrscht.

Energie statt Nahrung: Neue Konkurrenz für die Landwirtschaft

In den 1960er Jahren packten die Deutschen den Tiger in den Tank. Die damalige Werbekampagne der Esso-Tankstellen ist bis heute in guter Erinnerung und zum geflügelten Wort geworden. Heute allerdings haben wir den Tiger ersetzt, auch das Volltanken ist jetzt vegan und wir packen lieber Grünzeug in den Tank, sogenannten „Bio-Sprit“, etwa Bio-Diesel oder E10, ein Benzinkraftstoff mit zehn Prozent beigemischtem Bioethanol.

Viele landwirtschaftliche Flächen werden nun also nicht mehr nur für den Anbau von Lebensmitteln oder zumindest Futtermittel für unseren Fleischbedarf genutzt, sondern die neue Konkurrenz durch den Anbau sogenannter Energiepflanzen verdrängt die klassische Nutzung.

Die Diskussion um solche Bio-Kraftstoffe ist ein typisches Beispiel dafür, dass in unserer komplexen Welt die Interaktion verschiedener Ideen aus gut gemeinten Innovationen ein Problem werden lassen. Denn die Grundidee ist gut: Biokraftstoffe schonen die fossilen Ressourcen und sollen einen erheblichen Beitrag dazu leisten, dass die vorgegebenen Ziele der CO2-Einsparung erreicht werden können, sie stoßen nämlich beim Verbrennen nur die Menge an CO2-Gasen aus, die sie zuvor beim Wachstum aus der Atmosphäre aufgenommen haben, gelten also als CO2-neutral.

Laut Webseite der „Fachagentur nachwachsende Rohstoffe e.V.“ (FNR) wurden im Jahr 2016 durch die Nutzung von Biokraftstoffen etwa sieben Millionen Tonnen CO2 (äquivalent) eingespart10, bezogen darauf, dass man dieselbe Menge Sprit ohne Einsatz der Biokraftstoffe verbraucht hätte. Klingt gut und wird sogar durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert. Doch wie so häufig hat die Sache einen Haken, wie das Umwelt- und Prognose - Institut e.V. bemerkt, da solche Berechnungen die Gesamtökobilanz ignorierten. So werde etwa der CO2-Einsatz für den gesamten Energieinput des landwirtschaftlichen Anbaus und für die Energieumwandlung bei der Gewinnung des Biosprits nicht eingerechnet11. Das Institut kommt zu dem ernüchternden Fazit: „Bereits im Jahre 1992 bestätigten Gesamtenergiebilanzen von Ethanol und Biodiesel unter Bedingungen der Landwirtschaft in Europa, dass Biotreibstoffe weder bei Klimagasen noch bei Schadstoffen zu einer Entlastung beitragen können.“

Wenn die Landschaft vermaist wird: Monokultur-Anbau ist ökologisch schlechte Bodennutzung

Kein Tiger mehr im Tank und klimafreundlich ist der Nutzpflanzenanbau auch nicht. Während wir die tiefen Sorgenfalten auf der Stirn von Greta Thunberg schon vor uns sehen, ist das noch gar nicht alles, denn: Was ebenfalls nicht eingerechnet wird, sind die negativen Folgen für die Bodenfruchtbarkeit durch die einseitigen und monokulturellen Bepflanzungen, in den Medien gerne als „Vermaisung der Landschaft“ und „Produktion für den Tank statt für den Teller“ bezeichnet.

Keine Frage: Solange Reste und Abfälle für Bio-Kraftstoffe verwendet werden, ist die Gesamtökobilanz positiv und der Einsatz absolut zu unterstützen. Ein gezielter und sehr monokulturell ausgerichteter Anbau von Energiepflanzen jedoch führt zu mehr Problemen, als er löst. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die Frage der langfristigen Bodennutzung und der Bodenpreise. Warum Monokulturen so problematisch sind, zeigt folgende Aussage von Dr. Felix Prinz zu Löwenstein aus dem Jahr 2013, seinerzeit Vorstandsvorsitzender des „Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft“ (BÖLW) und seit 2016 Träger des Bundesverdienstkreuzes für sein vielseitiges Engagement im Ökolandbau:

„Wenn ich Mais auf Mais auf Mais anbaue, dann habe ich irgendwann ein Erosions- und ein Verdichtungsproblem. Und wenn ich dann auch noch die Maispflanze komplett vom Acker entferne, weil ich alle Pflanzenteile einfach in die Biogasanlage schmeißen kann, dann fehlt auch noch der Kohlenstoff im Boden, der normalerweise durch die verrottenden Pflanzenreste nach der Maisernte dem Boden wieder zugefügt wird. Und der Kohlenstoff bildet das Gerüst für den Humusboden.“

Nochmal deutlich formuliert: Dank ihrer Fähigkeit, CO2 speichern zu können, schützen Böden unser Klima. Da humusreiche Böden sehr viel mehr CO2 speichern können als ausgelaugte Böden, stellt eine Bewirtschaftung, welche die Humusschicht gefährdet, eine zusätzliche Belastung unserer Umwelt dar. Beim BUND heißt es dazu12: „Monokulturen sind darauf ausgerichtet, hohe Erträge zu erzielen, während Umweltaspekte keine Rolle spielen.“

Der Anbau von Monokulturen ist darüber hinaus auch ein wirtschaftliches Risiko. Schließlich hängt das Überleben des landwirtschaftlichen Betriebs nicht nur vom Verkaufspreis eines einzigen Produkts ab, sondern auch von den Rohstoff- beziehungsweise Saatgutpreisen. Vergleichen Sie es mit Ihrer Geldanlage: Kein ehrlicher Finanzberater würde Ihnen empfehlen, ausschließlich Aktien von einem Unternehmen zu kaufen – ganz gleich, wie positiv die Aussichten für die Aktien dieses Unternehmens auch sein mögen.

Pflanzenanbau in Zeiten der Grünen Revolution