Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Der Mond
  8. Mailand, Juli 2017
  9. Die Montagnola
  10. Mailand, Juli 2017
  11. Tre Valli Varesine, 13. September 1959
  12. Jenseits des Horizonts
  13. Die Rosafarbene
  14. Varese, 13. September 1959
  15. Zurück zum Start
  16. Tre Valli Varesine, 13. September 1959
  17. Brinzio-Pass, 13. September 1959
  18. Der Giro d’Italia 1924
  19. Tre Valli Varesine, 13. September 1959
  20. Mailand, Juli 2017
  21. Die Belastungsprobe
  22. Comer See, 13. September 1959
  23. Antonia und der Mond
  24. Mailand, 11. Juli 2017
  25. Jenseits der Grenzen
  26. Dank

Über das Buch

Schon als kleines Mädchen hat Alfonsina Strada einen großen Traum: Fahrrad zu fahren und das rasant. 1891 in einem norditalienischen Dorf geboren, die Eltern arm, saust sie heimlich auf dem alten Drahtesel ihres Vaters durch die Nacht. Trotz aller Verbote meldet sie sich zu Rennen an, gewinnt und will noch mehr: am gloriosen Giro d’Italia teilnehmen, für den jedoch nur Männer zugelassen sind. Mit Mut und Fantasie bereitet sie sich auf den größten Coup ihres Lebens vor …

Über die Autorin

Simona Baldelli, geboren 1963, hat Theater und Kreatives Schreiben studiert. Sie lebt als freie Autorin in Rom, mehrere ihrer Werke wurden in Italien mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Die Rebellion der Alfonsina Strada ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint.

SIMONA BALDELLI

DIE REBELLION DER
ALFONSINA STRADA

ROMAN

Übersetzung aus dem Italienischen
von Karin Diemerling

Für Marga –
mit den Beinen fest im Sattel,
die Augen zu den Sternen gerichtet

DER MOND

Mailand, 13. September 1959

Die Strapazen. Die Strapazen.

Niemand denkt an die Strapazen. Alle haben nur Augen für die Medaillen und Trophäen oder spekulieren über das gewonnene Preisgeld, das immer zu wenig, immer zu schnell weg ist. Man redet über den Applaus, über Schlagzeilen in den Zeitungen, doch die Strapazen werden vergessen. Und die Einsamkeit.

Alfonsina dagegen dachte daran. Es war das Erste, was ihr beim Aufwachen in aller Frühe in den Sinn gekommen war, während draußen ein grauvioletter Spätsommerhimmel dämmerte. Mit einiger Überwindung hatte sie sich aus dem Bett gehievt. Sie hatte wenig und schlecht geschlafen, doch sie durfte sich nicht der Trägheit überlassen.

Sie zog die Jalousien hoch und blickte über die vereinzelten Häuser und die Wiesen, die den Stadtrand von Mailand mit La Bovisa verbanden. Alles war still, auch die Schornsteine der Chemiefabrik Montecatini schwiegen. Kein grauer Qualm verdeckte die Sonne, keine Sirene rief die Arbeiter zum Schichtwechsel zwischen Nacht und Tag. Sonntag, Tag der Ruhe und der Familie. Außer für sie, die ohne Mühe nicht sein konnte und deren Familie, oder was davon übrig war, über halb Norditalien verstreut wohnte.

Von der Straße unten klangen Schritte herauf. Ein gebeugt gehender Mann kam vom Ende der Via Varesina her und hielt sich mit beiden Händen den Kragen seiner dürftigen Anzugjacke zu.

Er tat ihr leid. Der Ärmste fror jetzt schon, obwohl laut Kalender noch eine Woche Sommer war. Alfonsina lehnte sich ein Stück aus dem Fenster. Es war nicht auszuschließen, dass der Mann zu ihr hinaufsah, und dann wollte sie einen freundschaftlichen Blick mit ihm wechseln. Es hatte eine Zeit gegeben, noch nicht allzu lange her, als sich vor ihrem Haus kleine Prozessionen von Passanten bildeten, die zu ihr hinauflächelten oder -winkten, wenn sie sie hinter der Scheibe entdeckten. Mit den Jahren kam das immer seltener vor, aber heute war vielleicht ein guter Tag.

Der Mann ging weder langsamer noch blickte er auf, eher beschleunigte er seine Schritte noch. Sie sah ihn gebückt um die Ecke zur Via Fiamminghino verschwinden. Wohin er wohl so zielstrebig am frühen Sonntagmorgen wollte? Vielleicht zur Sechs-Uhr-Messe in San Martino in Villapizzone, aber es war noch Zeit, die Welt würde nicht untergehen, wenn er ein bisschen weniger hetzte. Ihr Anflug von Mitgefühl eben verwandelte sich in Unmut, weiß der Himmel, warum.

Sie schloss das Fenster mit einem Knall, der in der Wohnung widerhallte. Sei’s drum, was bedeutete schon der Gruß eines Fremden, wenn sie doch heute so viele Freunde wiedertreffen würde, Leute, die sie gernhatten, in deren Herzen sie einen besonderen Platz einnahm. Von ihnen würde sie die Bestätigung bekommen, dass Alfonsina Strada immer noch etwas zählte.

Der Horizont färbte sich gelb über der Galopprennbahn von San Siro. Leicht verblasst durch den heraufziehenden Tag schien noch der Mond. Er war etwas mehr als halb voll, zunehmend, und der Teil im Schatten sah aus wie ein Stück einer noch vor dem Reifwerden verfaulten Orange. Sie fragte sich, wo die Luna 2 aufsetzen würde, ob auf dem hellen oder dem dunklen Bereich.

Am Abend zuvor war sie spät ins Bett gegangen, weil sie noch lange Radio gehört hatte. Die Mondsonde Luna 2 war an diesem Morgen des 12. September 1959 um 9.40 Uhr Moskauer Zeit, 7.40 Uhr in Italien, ins All geschossen worden. Die im Januar gestartete Luna 1 hatte kein Glück gehabt und den Erdtrabanten um knapp 6000 Kilometer verfehlt. Während sie den Nachrichten lauschte, hatte Alfonsina sich ausgerechnet, wie lange man brauchen würde, um diese für die Raumfahrt kurze Distanz mit dem Fahrrad zurückzulegen: bei 300 Kilometern am Tag fast drei Wochen. Die Entfernung von der Erde zum Mond dagegen war so groß, dass sie gar nicht erst versucht hatte, die nötige Fahrzeit zu berechnen. Vom Kraftaufwand ganz zu schweigen.

Heilige Madonna, tatsächlich bis zum Mond. Wenn man bedachte, als welch enorme Leistung es ihr erschienen war, den Macerone-Pass zu überwinden. Mit einem letzten Blick auf die schiefe Scheibe dort oben riss sie sich vom Fenster los. Es gab noch viel zu tun, bevor sie aufbrach, sie konnte nicht ihre Zeit damit vertrödeln, in den Himmel zu starren.

Zärtlich strich sie über das Foto von Carlo. »Ich mache einen Ausflug, um ein paar Freunde zu sehen«, erklärte sie ihm, »heute Abend erzähle ich dir alles.« Dahinter stand eine ältere, verblichene Fotografie, aufgenommen vor dem Mailänder Rathaus, die sie neben einem Mann mit liebevollem, irrem Lächeln zeigte. Damals hatte sie nicht auf seinen verrückten Blick geachtet, sondern vor allem seine Freundlichkeit gesehen, die ihr so gutgetan hatte. Sie streichelte auch ihn, denn der Gedanke an den schönen Tag, der vor ihr lag, erfüllte sie mit Wohlwollen für die ganze Welt.

Sie wusch sich eilig und ging zum Kleiderschrank. Es war reines Theater, sich davorzustellen, als würde sie überlegen, was sie anziehen sollte, denn sie wusste ja bereits, wie es enden würde: dunkler Pullover, schwarze Hose und die unvermeidliche Schirmmütze, um ihre wilden Haare zu bändigen. Eher Uniform als Kleidung. Noch nie war sie bei einem Rennen oder einer Veranstaltung in etwas anderem erschienen, ohne diese Sachen fühlte sie sich einfach nicht wohl.

Sie erwog, sich einen Imbiss zum Mitnehmen zu machen. Gewiss würde man sie zum Mittagessen einladen, keine Frage, aber was, wenn sich alles ein wenig in die Länge zog oder sie noch vor dem Ende des Rennens Hunger bekam? Sie schnitt die mit Olivenöl gebackenen Brötchen auf, die sie am Vortag für alle Fälle gekauft hatte, und belegte sie großzügig. Da sie schon mal dabei war, steckte sie auch eine Feldflasche voll Wasser in den Rucksack, man wusste schließlich nie. Dann machte sie die Runde durch die Wohnung, um zu kontrollieren, ob alles in Ordnung war, das Licht ausgemacht, das Gas abgedreht und ihre Schätze in Sicherheit. Seit Carlos Tod vor zwei Jahren war mehrfach bei ihr eingebrochen worden. Man hatte ihr einige ihrer liebsten Erinnerungsstücke gestohlen, Medaillen und vergoldete Pokale, Blech von geringem Wert für diese diebischen Mistkerle, aber von enormer Bedeutung für sie, die für jedes Gramm literweise Schweiß vergossen hatte. Weiß der Teufel, was sie damit machten, diese Idioten. Außerdem ein paar Alben mit Fotos und Zeitungsartikeln, in denen von ihr die Rede war. Carlo hatte sie mit Andacht zusammengestellt wie eine Sammlung von Heiligenbildchen. Erst als er damit fertig war, hatte er ihr die Alben gezeigt. »Hier, Fonsina, damit du dich immer daran erinnerst, wer du bist«, hatte er gesagt. Das war die schönste Liebeserklärung für sie gewesen.

Geld hatte man ihr auch geraubt, einen Teil ihrer armseligen Ersparnisse, die es ihr ermöglichten, halbwegs menschenwürdig über die Runden zu kommen. Seitdem hatte sie sich angewöhnt, es an verschiedenen Stellen zu horten, ein paar Tausend Lire hier, ein Bündel Scheine da. Manchmal vergaß sie, wo sie es versteckt hatte, und wenn sie es dann plötzlich wiederfand, freute sie sich wie ein Kind über ein unerwartetes Geschenk.

Sie sah nach dem Geld im Kühlschrank, das in einer Wurstpackung steckte, und dem, das sie in eine Schuhspitze gestopft hatte wie eins dieser Papierknäuel, mit denen die Schuhmacher die Form erhalten. Anschließend ging sie ins Bad und zog aus einem Stapel sauberer Handtücher das Diadem hervor. Der goldene Reif und die Steine glänzten um die Wette. Sie setzte es auf und betrachtete sich im Spiegel. Es war das Geschenk eines Mäzens zu ihrer Zeit in Paris vor mehr als dreißig Jahren. Immer wenn ein Kummer sie plagte, der sich anders nicht vertreiben ließ, zog sie das Diadem auf und stolzierte damit hoch erhobenen Hauptes durch die Wohnung, während sie die Hausarbeit erledigte oder Radio hörte. In der Öffentlichkeit trug sie es nicht, das war ihr peinlich – außer zur Weiberfastnacht. Dann ging sie damit hinunter auf die Via Varesina oder in ihr Büro in der Via Farini. Die Leute lachten und klatschten Beifall.

»Wie ihr seht, habe ich mich auch dieses Jahr kostümiert!«, scherzte sie.

»Es lebe die Königin der Tretkurbel!«, antworteten sie.

»Die ehemalige Königin der Tretkurbel«, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. So titulierten die Zeitungen sie jetzt bei den wenigen Malen, die man sie noch erwähnte. Von wegen ehemalige, dachte sie. Eine Königin war sie und würde sie bleiben. Sie schob das Diadem zurück zwischen die Handtücher, wobei sie darauf achtete, dass nichts hervorlugte, und strich kurz darüber. Ihr lag viel an diesem Schmuckstück, nicht nur wegen des materiellen Werts, sondern weil es sie an diesen besonderen Tag erinnerte, an dem sie ihre Mutter dazu gebracht hatte, es aufzuprobieren. Sie hatten so gelacht, dass ein Hoteldiener angeklopft hatte, um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Und vor Kurzem hatte sie versprochen, das Diadem Antonia zu leihen, einem jungen Mädchen, das mit seiner Familie über ihrer Werkstatt mit Büro wohnte. Wenn nur dieser Trottel von Antonias Verehrer sich mal dazu durchringen könnte, ihr einen Antrag zu machen. Alfonsina schloss das Schränkchen und fuhr mit ihrer Inspektion fort.

In einem grünen Plastikdöschen befand sich statt Puder der Ordensstern, den sie von D’Annunzio bekommen hatte. Alles an seinem Platz also, sie konnte beruhigt aufbrechen.

Doch irgendetwas ließ sie zögern. Ein Gefühl von Erschöpfung, ein lastendes Gewicht auf den Schultern hielt sie an der Türschwelle fest. Sie hatte unruhig geschlafen, daran lag es wohl. Die Nachrichten hatten bis kurz vor Mitternacht gedauert, und beim Zubettgehen war sie noch ganz aufgewühlt gewesen von der Geschichte mit der Raumsonde. Sie hatte sich vorgestellt, wie die Luna 2 auf ihrem weiten, mühelosen Flug über sie hinwegsauste, geradewegs in den Himmel hinein. Du liebe Güte, der Mensch schickte sich an, auf den Mond zu fliegen, und wer weiß wohin als Nächstes, weiter und weiter, über alle Grenzen hinaus. Auf diese Weise war sie spät eingeschlafen und immer wieder ruckartig aufgewacht, weil sie glaubte, Erschütterungen unter sich zu spüren und ein Brummen zu hören, das sich zwischen den Sternen verlor.

Kein Wunder, dass sie heute nicht ganz bei sich war und sich matt bis in die Knochen fühlte. Die Uhr zeigte sechs an, die Morgennachrichten, mit denen das tägliche Programm begann, würden in einer Dreiviertelstunde auf Sendung gehen. Sie hätte gern das Neueste über die Mondmission gehört, aber es war keine Zeit mehr. Schade. Sie wollte nicht die Augenblicke vor dem Start des Rennens verpassen, so voller Adrenalin und Träume, Zweifel, Zuversicht und Tollkühnheit. Auch wenn es ihr stets das Herz zerriss vor Wehmut, auf keinen Fall würde sie sich das entgehen lassen. Kurz sah sie zu dem Wandbord hin, auf dem ihre kostbarste Trophäe lag: ein Stück von einem Besenstiel. Das konnte sie gut sichtbar aufbewahren, weil niemand seinen Wert ahnte. Dieses Stück Holz hatte sie in der schwersten, dunkelsten Stunde erhalten, die sie je auf der Straße durchgemacht hatte. Daneben hatte sie das Radio gestellt, als Verbindung zwischen dem Stock und dem Himmel. Ihre Leistungen hatten den Weg zum Mond gewiesen, denn der Mensch kennt keine Grenzen, auch nicht der weibliche.

Sie spürte einen Kloß im Hals und musste mehrmals schlucken. »Schluss jetzt, Fonsina, es ist schon spät.«

Direkt unter dem hölzernen Andenken lehnte ihr Fahrrad an der Wand. Sie lud es sich auf die Schulter und trug es die zwei Treppen hinunter. Obwohl sie Übung darin hatte, strengte es sie heute enorm an. Gut, dass sie beschlossen hatte, mit dem Motorrad nach Varese zu fahren. Noch bis vor wenigen Jahren wären die dreißig Kilometer ein Klacks für sie gewesen, aber jetzt musste sie auf motorgetriebene Räder zurückgreifen. Sie radelte langsam zur Via Farini, wo ihre leuchtend rote Moto Guzzi 500 stand. Die Guzzi sprang nicht beim ersten Tritt an, auch nicht beim zweiten, es waren ein Dutzend Versuche nötig. Offenbar zeigte auch sie Ermüdungserscheinungen. Alfonsina schob sie im Leerlauf hinaus auf die Straße, auch wenn sie das Dröhnen des aufgedrehten Motors liebte, aber sie wollte nicht das ganze Umland so früh am Sonntagmorgen wecken.

»Guten Morgen, Alfonsina!«

Sie hob den Kopf.

Antonia beugte sich munter aus dem Fenster.

»Oh, habe ich dich geweckt? Tut mir leid.«

Das Mädchen lächelte. »Nein, nein, ich bin schon seit einer Weile auf.«

»Wieso das denn?«

Antonia seufzte. »Ich konnte nicht schlafen.« Sie drehte sich kurz zur Wohnung um und lehnte sich dann noch ein Stück weiter hinaus. »Stefano kommt heute Abend zum Essen«, flüsterte sie. »Er will mit meinem Vater sprechen, wir wollen uns verloben.«

»Ach, hat er sich endlich entschlossen!«, platzte Alfonsina heraus. »Na, dann werd ich schon mal das Diadem wienern.«

Die junge Frau lachte, ein Bild des Glücks. »Komm doch auch, dann kannst du ihn kennenlernen.«

Alfonsina stieg auf ihr Motorrad. »Würde ich gern, aber es wird spät heute. Ich fahre zum Tre-Valli-Rennen, die Freunde und Kollegen erwarten mich dort.«

»Na gut, dann ein andermal.« Antonia warf ihr eine Kusshand zu und schloss das Fenster.

»Bestimmt!« Alfonsina setzte ihre Kappe auf und sah zum Himmel. Der immer bleichere Mond war weiter gesunken und größer geworden, fast als wollte er der Raumsonde den Anflug erleichtern: Hier, ich komme dir entgegen und mache mich ganz breit, du kannst mich nicht verfehlen!

Sie schüttelte den Kopf und schaltete grinsend in den Ersten; die Vorstellung, dass der Mond mit dem Flugkörper sprach, war zu ulkig. Heute Abend bei ihrer Rückkehr würde sie gleich die Nachrichten anmachen, um zu hören, ob der Versuch gelungen war. Sie gab Gas, und das Motorrad schoss mit einem Satz los. Innerhalb kürzester Zeit würde sie in Varese sein.

Schon als Kind hatte sie gern den Mond betrachtet.

Sie war am 16. März 1891 um drei Uhr morgens zur Welt gekommen, als der Frühling bereits in der Luft lag und der Nachthimmel leuchtete.

Eine Nachbarin hatte ihrer Mutter bei der Entbindung beigestanden und das Neugeborene sofort nach dem Durchtrennen der Nabelschnur hinausgebracht. Vielleicht, um dem Gedränge im Haus der Morinis zu entkommen oder um Virginia eine Atempause zu verschaffen, die beim Herauspressen der zweiten Tochter mehr gelitten hatte als beim ersten Mal. Die Nachbarin hatte das Kind in einen Lumpen gewickelt und es in dem bläulichen Licht draußen an ihrer Brust gewiegt. Später, als Alfonsina größer war, hatte sie ihr erzählt, dass der Mond in der Nacht ihrer Geburt halb voll gewesen sei. Das habe sie als ein gutes Zeichen aufgefasst, denn der dunkle Teil verheiße zwar Hürden und Plackerei, doch dafür werde die andere Hälfte ihres Lebens hell und reich an Glück sein. Freud und Leid seien ihr zu gleichen Teilen beschieden, und darüber könne sie froh sein. Den meisten Leuten ergehe es schlechter.

Man hatte sie Alfonsa Maria Rosa getauft. Auf den ersten Namen zu Ehren des alten Fürsten von Ferrara, Modena und Reggio Emilia, Alfonso I. d’Este, auch wenn die Morinis arm wie die Kirchenmäuse waren. Vielleicht liebte Fonsina den Mond deshalb so sehr – er war schön, strahlend und rein, eine glänzende Silbermünze, bei deren Anblick allein man sich schon reich fühlte. Wo sie lebte, gab es dagegen nichts Schönes, nur Schmutz im Überfluss.

Von ihrer Kindheit sollten Alfonsina vor allem die Enge und das ewige Geschrei in Erinnerung bleiben. Zu dem ihrer Brüder und Schwestern kam noch das der Findelkinder hinzu, die ihre Eltern aus den Waisenhäusern holten, um die Beihilfe der Provinzverwaltung zu erhalten. Gleich nach der Geburt ihrer älteren Schwester Emma hatten Vater und Mutter sich an das Waisenhaus in Bologna gewandt und ein wenige Tage altes, schmächtiges Geschöpf zu sich genommen, das Ubalda hieß und nur ein paar Monate lebte. Alfonsina war überzeugt, dass die Kleine in der Ecke des Betts gestorben war, in der sie nun schlief, denn nachts erschien ihr manchmal ein runzeliges Köpfchen mit dunklen, traurigen Augen und verdrießlichem Ausdruck, und im Laufe der Jahre kamen die schrumpeligen Gesichter all der in Pflege genommenen und im Haus gestorbenen Waisenkinder hinzu. Ein Kreis aus hungrigen Augen um das Lager herum.

Alfonsina war ein Jahr alt, als die Eltern wieder zum Waisenhaus gingen und Giuseppina samt einer weiteren Unterstützung abholten. Sie starb nach einem Vierteljahr. Die kleine Leiche wurde vom Karren der Pfarrei abgeholt, während ihre bleiche, aufgedunsene Seele sich aufmachte, um dem faltigen Gespenst Ubaldas Gesellschaft zu leisten. Die Kinder kamen nun immer abwechselnd: auf eines, das die Mutter zur Welt gebracht hatte, folgte im nächsten Jahr eines aus dem Heim, das sie als Amme aufzog. Alfonsinas erster Bruder, Riccardo, wurde 1893 geboren, und kaum war er abgestillt, wurde das Findelkind Amelia aufgenommen. Amelia hatte mehr Glück oder war von zäherer Natur, denn sie wurde über ein Jahr alt und schließlich ins Waisenhaus zurückgegeben. Man hörte nichts mehr von ihr, doch sie musste überlebt haben, denn ihr Geist erschien nie unter denen, die den schmalen Platz um das Bett herum bevölkerten.

Vor der Geburt Lodovicos, des vierten Kindes, zogen die Morinis um. Auch das wiederholte sich regelmäßig. Jahr für Jahr gegen Ende des Sommers luden arme Familien wie sie Möbel und Haushaltsgegenstände auf einen Karren und wanderten von einem Ort in der Ebene zum nächsten. Die Ernte war weitgehend eingebracht und der Boden hart und trocken, ausgedörrt von der Sonne. Die Kleinstbauern und Tagelöhner nutzten die Zeit, um weiterzuziehen, bevor die Herbstregenfälle die Felder aufweichten und eine neue Aussaat ermöglichten. Sie hofften auf fruchtbareres Pachtland, allerdings meist vergeblich. Nach jeder Umsiedelung war der Boden karger, ausgelaugt durch die, die ihn vorher bestellt hatten.

Der September war der Monat der großen Wanderungen, auf der Erde wie am Himmel. Oben machten sich Schwärme von Zugvögeln bereit, weite Länder zu überfliegen, um etwas zu picken zu finden, und unten bewegten sich Scharen von armen Teufeln, getrieben von dem gleichen Bedürfnis, auf Muliwagen oder häufiger zu Fuß durch die Gegend.

Es war wie das Spiel Bäumchen wechsle dich, bei dem einer in der Mitte stehen und rasch einen Platz besetzen muss, während die anderen von hier nach dort rennen. Doch jeder Winkel war schlimmer als der vorige. Klar, denn wenn er besser gewesen wäre, hätten die vorigen Bewohner ihn nicht aufgegeben. Die Kinder wussten das, hielten aber den Mund, denn wehe, wenn man den Erwachsenen widersprach. Also ließen sie sich stumm herumkarren, in einem endlosen, unsinnigen Reigen.

»Aufbruch«, so hieß dieses hastige Wegziehen im Spätsommer, ehe der Regen die Straßen in Schlammbäche verwandelte, oder auch »den San Michele machen«. Wahrscheinlich nach dem Heiligen, dessen Tag am 29. September begangen wurde, wenn das Hin und Her allmählich nachließ und die Familien ihre Kinder und Habseligkeiten von den Wagen hoben, um sich in den neuen Hütten, genauso schäbig wie die letzten, einzurichten.

Alfonsina reckte oft die Nase zum Himmel und beobachtete den Flug der Turteltauben, Schwalben und Stare. Sie schienen sich auf ihren Wegzug zu freuen und riefen einander mit lang gezogenen Pfeiftönen, sammelten sich zu großen Wolken, die die Sonne verdeckten. Der Luftzug, wenn sie über die Köpfe der Menschen dahinsausten, erinnerte an das Streicheln des Winds.

Wenn sie Flügel hätte, dachte sie, würde sie ganz schnell ganz weit weg fliegen und nie wiederkommen. Aber wohin nur? Jedes Mal waren die Häuser kleiner, wenn man diese Hütten aus Mörtel und Laub überhaupt so nennen konnte, jedes Mal schwirrten mehr Mücken und Fliegen durch die Gegend und gab es weniger Brot. Sie hätten die Vögel um Rat fragen sollen, denn die kannten das richtige Ziel, Gegenden mit fruchtbarem Boden, der reichlich Getreide und Mais hervorbrachte, um duftendes Brot und Polenta daraus zu machen, auch gute Hirse für die Hühner, die saftige Eier legen würden, sogar welche mit zwei Dottern! Das dachte Alfonsina, während die Schwalben kreischten und den Ärmsten unten auf den Karren »ciao, ciao« zuriefen.

Die Bauernkate, in der sie am längsten blieben, befand sich in der Nähe von Castenaso, nicht weit von Bologna. Sie war weder besser noch schlechter als die vorige, doch der Name des Ortsteils sagte alles: Fossamarcia, Faulgrube. Ein matschiges Loch voller Larven und Stechmücken. Dort wurde Lodovico geboren und nach ihm kamen Armando, Ernesto, Lina, Guglielmo und Anna, die Nella genannt wurde, niemand wusste, warum. Im Jahr 1912, als Mamma Virginia schon zweiundvierzig war, alt und ausgelaugt, kam noch Elio. Dazwischen hatte sie elf weitere Kinder in Pflege gehabt, an deren Namen Alfonsina sich als Erwachsene nicht mehr erinnerte, weil es zu viele gewesen waren. Eins aber wusste sie noch, nämlich dass es fast nur Mädchen waren. Daraus hatte sie geschlossen, dass Mädchen minderwertig sein mussten, aus schlechterem Holz geschnitzt als die Jungen, weshalb ihre Eltern sie nur zu gern loswurden.

Viele Kinder starben damals früh. Die aus den Findelhäusern kamen meist schon halb tot an, ausgezehrt von Tuberkulose, mit magerer, von Weinkrämpfen geschüttelter Brust oder gefleckt von Pellagra, geschwächt von Typhus. Diejenigen, die in den Hütten zur Welt kamen, erkrankten ebenfalls früher oder später und waren von Mangelernährung gezeichnet. Alfonsina entsann sich, dass die Todesfälle mit einer gewissen Resignation hingenommen wurden, als seien die Geburten eine Wette und die Eltern darauf eingestellt, diese zu verlieren. Es blieb keine Zeit zum Weinen, Trauer war ein Luxus für die Reichen. Starb dagegen ein Nachkomme der Grundherren, war das ein schwerer Schicksalsschlag, kaum zu verkraften. Die Familie trug jahrelang Trauer und ließ Messen und Novenen für die liebe kleine Seele lesen. Das tote Kind wurde in einen glänzenden weißen Sarg gelegt und von Kutschen und dem Wehklagen des ganzen Dorfs begleitet. Auch die Tagelöhner weinten, als sei der Verlust eine allgemeine Tragödie, als zählte dieses Engelchen mehr als die Bälger zu Hause. Vermutlich, weil die Reichen nur wenige Kinder hatten, sie dagegen mehr als genug.

Auch wenn Alfonsina sich nicht alle Namen gemerkt hatte, vergaß sie doch nie die Augen der Geschwister und Ziehgeschwister, die in dem Haus in Fossamarcia gestorben waren, kleine flackernde Laternen im Dunkel der Küche, in der sie zusammengedrängt schliefen. Sie starrten sie feindselig an, als wollten sie Rechenschaft von ihr verlangen für das versagte Brot und die allzu kurze Lebenszeit. Warum wurden wir auf die Welt gerufen, schienen sie zu fragen, was sollten wir auf Erden, wenn es für uns keinen Platz gab, keinen Teller Suppe, keine Liebkosung, nicht einmal eine Träne?

Das waren zu schwierige Fragen für die junge Alfonsina, und um ihnen zu entkommen, floh sie aus dem Bett hinaus ins Freie, in den dunklen, insektenverseuchten Sumpf, und stellte sie dem Mond. Der aber antwortete nicht. Er lächelte nur, mal schmal und gebogen wie eine Sichel, mal prall und rund, aber immer schweigend, den Kopf in den Wolken erfreute er sich an seinem silbernen Gewand. Was wusste der prächtige Mond schon vom Elend auf Erden? Welche Antworten konnten die Reichen auf die Armut der Unglücklichen geben, wenn doch diese selbst, die darin geboren worden waren, keine hatten?

Die traurigste Gestalt dieses jämmerlichen Friedhofs der Seelen war Emma, ihre ältere Schwester. Virginia hatte noch nicht die letzten Sprösslinge hervorgebracht, da wurde auch Emma schon schwanger, als wären frühe Schwangerschaften eine erbliche Krankheit, übertragen von der Mutter auf die Tochter.

Emma starb bei der Geburt eines kleinen Mädchens, auch das violettblau und schrumpelig, noch mehr als die Findelkinder aus dem Waisenhaus. Also musste Virginia zusätzlich als Amme für ihr Enkelkind herhalten, während Emma sich zu dem Chor der nächtlichen Gespenster hinzugesellte.

Danach hatte Alfonsina Angst, dass sie jetzt an der Reihe sein könnte, die Kette der Schwangerschaften fortzusetzen, und beobachtete monatelang ihren Bauch. Zum Glück blieb er leer und flach, und irgendwann seufzte sie erleichtert auf, weil sie von der Krankheit verschont geblieben war.

Fasziniert und furchtsam zugleich betrachtete sie die kleinen hungrigen Münder an den Brüsten der Mutter. Was gab es da zu saugen, wenn Virginia selbst nur Haut und Knochen war? An manchen Abenden zur Essenszeit schien es ihr, als würden lauter Skelette um den Tisch sitzen. Sie kratzten die Teller leer und reichten dann den Topf herum, weil noch ein paar Reste am Boden klebten. Ihre Mienen waren ernst und konzentriert, während sie ein Stück Brot hineintunkten in der Hoffnung, dass ein wenig vom Geschmack der Mahlzeit daran hängen blieb. Danach herrschte stets gedrückte Stille.

Der Vater stützte den Kopf in die Hände und seufzte laut. Die Mutter sammelte das Geschirr ein und stapelte es mit müden Bewegungen im Spülbecken. Die Kinder schwiegen und beobachteten die Erwachsenen.

In der Schule hatte die Lehrerin einmal von einem berühmten Buch erzählt, das vor vielen Hundert Jahren geschrieben worden war und in dem die Seele eines Grafen sich in der Hölle grämte, weil er aus Hunger seine eigenen Kinder gegessen hatte. Er war mit ihnen in den Kerker geworfen worden, ohne Essen. Eines Tages, als er sich vor Verzweiflung in die Hände biss, bot sich ihm eines der Kinder, das glaubte, er täte es aus Hunger, als Speise an. Der Vater war entsetzt, doch als die Kinder nacheinander an Auszehrung starben, stürzte er sich auf sie und riss ihnen mit den Zähnen das Fleisch vom Leib. Alfonsina hatte sich an ihre Familie erinnert gefühlt. Sie saßen zwar nicht im Kerker, waren aber dennoch Gefangene eines ewigen Hungers, dem sie gern entkommen wäre, indem sie sich den anderen als Nahrung anbot. Immer noch besser, als ständig das Leid auf den Gesichtern von Eltern und Geschwistern zu sehen.

Seit sie die Geschichte von dem Grafen gehört hatte, konnte sie es abends nicht erwarten, vom Tisch aufzustehen und ins Freie zu flüchten. Draußen sah sie zum Mond auf, dessen Üppigkeit sie ihre Not vergessen ließ, auch das Bedürfnis, zu Vater und Mutter hinzugehen und zu sagen: Hier, bitte, ich mache mir nichts aus dem Körper, den ihr mir geschenkt habt, nehmt ihn und stillt euren Hunger.

Im blausilbrigen Licht der Nacht stellte sie fest, dass sie einen zweifachen Hunger in sich trug. Einen nach Brot und noch einen anderen, der nichts mit Essbarem zu tun hatte und den sie nicht richtig benennen konnte. Er überkam sie jedes Mal, wenn sie an Virginias Röcken vorbeistreifte oder an den dürren Beinen des Vaters. Dann blieb sie kurz stehen und hoffte auf einen Blick, eine Geste, mit der die Eltern zu erkennen gaben, dass sie sie wahrgenommen hatten, dass es ihnen nicht gleichgültig war, ob es sie gab oder nicht. Keine großen Wunder, nur so viel, damit sie sich gewollt und zu Hause fühlte.

An diesem Septembermorgen 1959 nun, so viele Jahre später, während der Himmel zunehmend heller wurde und den fernen Umriss des Monviso zum Glänzen brachte, dachte Alfonsina, versteh einer, warum, an all das zurück.

Wahrscheinlich, weil die Reise zum Mond sie durcheinandergebracht hatte, auf dem irgendwann Astronauten landen und Adern von Gold und Edelsteinen entdecken würden. Sicher gab es dort oben große Reichtümer, warum sonst sollte man sich auf solche verrückten Missionen versteifen und sein Leben aufs Spiel setzen?

Das war eine dumme Frage, merkte sie. Die Antwort war dieselbe, die sie mit ihrem Fahrrad gesucht hatte. Wie weit konnte man gehen? Sie beschleunigte ein wenig, weil es sie auf einmal drängte, so schnell wie möglich nach Varese zu kommen.

Antonia heiratet also, dachte sie. Heilige Madonna, wie die Zeit vergeht. Ihr kam es vor, als hätten sie sich erst gestern kennengelernt, dabei war es mittlerweile zehn Jahre her.

Das Mädchen war ihr eines Nachmittags im Sommer in der Via Farini aufgefallen. Die Kleine stand am Rand, während ein paar Kinder aus der Nachbarschaft Himmel und Hölle spielten. Es war ihr anzusehen, wie gern sie mitgemacht hätte, doch sie blieb mit herzzerreißend traurigen Augen an der Mauer lehnen.

»Warum spielst du nicht mit den anderen?«, hatte sie gefragt.

Das Mädchen zuckte die Achseln.

»Wie heißt du?«

»Antonia.« Schon daran, wie sie ihren Namen aussprach, erkannte Alfonsina, dass sie nicht aus Mailand stammte. Sie fühlte sich bestimmt fremd, das arme Ding. »Hast du schon mal eine Fahrradwerkstatt gesehen?«, fragte sie.

Antonia schüttelte den Kopf.

»Dann komm mit rein.«

Das Mädchen blieb an der Tür stehen. »Gehört die Ihnen?«

»Ja, gefällt sie dir?«

Sie nickte. »Sind Sie Mechanikerin?«

Alfonsina lachte. »Ja, das auch. Na los, komm her, und bitte sag du zu mir.«

»Aber ich kenne Sie doch gar nicht.«

»Ich heiße Alfonsina Strada. Ich bin so was wie eine Tante für das ganze Viertel hier.«

Schüchtern betrat Antonia die Werkstatt.

Alfonsina erklärte ihr nacheinander jedes Fahrradteil, dann die Werkzeuge auf der Werkbank und wozu sie dienten.

Das Mädchen gewöhnte sich bald an, sie regelmäßig zu besuchen.

Sie gewann sie lieb wie eine Enkelin, und die Eltern waren froh, dass diese nette Frau sich ihrer Tochter annahm. Alfonsina half ihr bei den Hausaufgaben, ging mit ihr Eis essen und ins Kino. Dreimal schleppte sie die Kleine in Das Wunder von Mailand, und sie beklagte sich nie. Alfonsina war überzeugt, dass De Sica und Zavattini sich von ihr zu der Figur des Totò hatten inspirieren lassen. Ihr ganzes Leben war in diesem Film enthalten.

Plötzlich ruckelte die Moto Guzzi heftig, offenbar hatte sie ein Schlagloch übersehen. Achte mal lieber auf die Straße, Träumerin, sagte sie sich und blickte verstohlen nach oben, als erwartete sie, Totò auf einem Besen über den Himmel sausen zu sehen.

Der Mond mit seinem krummen, blassen Bauch machte nun endgültig der Sonne Platz.

Heute Abend sehe ich dich ja wieder, dachte sie, und um Viertel nach elf werde ich im Radio hören, ob sie dich diesmal erwischt haben.

Als sie auf die Landstraße abbog, hatte sie eine letzte Vision von all den kleinen, hungrigen Gesichtern ihrer Kindheit, den lebenden und den toten. Sie erschienen am Straßenrand wie damals zu ihren Anfängen, als die Strapazen so groß waren, dass sie fürchtete, aufgeben zu müssen. Los, Alfonsina, fahr weiter, sagten ihre Blicke. Fahr immer weiter, denn du kannst es.

Sie spürte einen Druck im Magen, als hätte ihr Herz sich aus der Brust gelöst und wäre dort hinuntergerutscht. Eine Träne quoll hervor und verflog. Sicher nur der Wind, der unter ihre Brille fuhr und die Augen reizte. Es gab ja auch keinen Grund zu weinen. Antonia heiratete, und sie fuhr einem schönen, erfüllten Tag entgegen.

Vater und Mutter waren beide hübsch gewesen in ihrer Jugend, jedenfalls, wenn man ihren Erzählungen Glauben schenken konnte.

Carlo Morini, stattlich und dunkel, hatte einen Schnurrbart gehabt, den die Frauen mit Küssen verschlingen wollten. Er stammte aus Modena, war aber mit achtundzwanzig nach Rastellino bei Castelfranco gezogen, um Arbeit zu finden. Als Tagelöhner machte er alles, was anfiel, ob es nun eine Mauer hochzuziehen oder den Boden umzugraben galt. Virginia war zehn Jahre jünger als er und mit Brüsten gesegnet, die das Gespräch von ganz Riolo, ihrem Wohnort, waren. Nur zwei Kilometer trennten sie voneinander, und Carlo legte diese Strecke liebend gern zu Fuß zurück, besonders, wenn ein Erntefest oder eine Kirchweih lockten.

Er war hin und weg vom üppigen Busen dieses Mädchens. Sie hatte noch nie einen so glänzenden schwarzen Schnauzer gesehen. Die beiden zogen zusammen, ohne sich um die Sakramente zu kümmern. Daran, ihre Verbindung durch eine ordnungsgemäße Heirat legitimieren zu lassen, dachten sie erst nach Emmas Geburt.

Die Familie Morini unterschied sich nicht von den anderen ringsherum. Der Mann ging arbeiten und die Frau zog die Kinder auf, viele, so viel es ging, in der Hoffnung, dass ein paar überlebten und zur Stütze ihres Alters wurden.

Schon als Alfonsina noch klein war, fanden sich in Carlos Schnurrbart die ersten grauen Haare, und aus seinen Augen war der Glanz verschwunden, von dem Virginia manchmal noch schwärmte. Wer weiß, ob es ihn je gegeben hatte. Die Brüste der Mutter dagegen hingen welk herab. Durch das ständige Sichfüllen und Entleertwerden hatten sie ihre schöne Form verloren, und man konnte kaum glauben, dass Virginias geschwollene Beine einmal leicht und anmutig getanzt hatten.

Alfonsina hatte gedacht, dass das Leben eben so war, dass es nichts anderes gab, als zu frieren oder zu schwitzen, je nach Jahreszeit, das ganze Jahr hindurch Hunger zu haben und zu sechst oder noch mehr in einem der beiden Betten für die Kinder zu schlafen. Eins für die Jungen, eins für die Mädchen, die einen so herum, die anderen anders herum, um es ein wenig bequemer zu haben. Dazu das nächtliche Konzert von Fürzen, die nach Kohl stanken, das Einzige, was auf den Feldern von Fossamarcia reichlich wuchs. Sonntags gab es manchmal ein Omelett, einen gelblichen, dünnen Fladen, denn die wenigen Hühner im Hof ernährten sich praktisch von nichts, hauptsächlich Steinchen und Larven, und schieden nur wenige Eier aus. Sie waren so mager, dass einem die Lust verging, ihnen den Hals umzudrehen, und ergaben eine Brühe so fad und dünn wie Spülwasser. Nicht einmal genug Holz, um es richtig warm zu haben, war vorhanden, und wenn die Herrschaft mitbekam, dass man einen Baum gefällt hatte, gab es Ärger. Zum Glück konnte der Vater im August und September immer beim Hanfdreschen helfen und wurde mit einer Handvoll Münzen und ein paar Ballen Wurzeln entlohnt, die auf dem Dach getrocknet wurden und im Kamin knisterten, dass es eine Freude war. Die Küche füllte sich mit einem dichten, süßlichen Rauch, und die Familie versammelte sich um das Feuer, genoss die angenehme Wärme und lachte ohne Grund. Der Duft des brennenden Hanfs bewirkte eine unsinnige Heiterkeit, und das ewige Loch im Bauch kam ihnen nicht mehr ganz so groß vor.

An solchen Abenden konnte Alfonsina sogar die Stimmen der kleinen Toten um das Bett herum hören, während ihre Geschwister wie betäubt einschliefen und bis zum Tagesanbruch reglos auf ihren Strohsäcken lagen. Vater und Mutter hingegen packte in den vom Hanf gewärmten Nächten eine Art Raserei, sie rollten sich grunzend und seufzend herum und fanden keinen Schlaf, als hätte der Rauch sie wild gemacht.

Bei der Erinnerung an die Liebestollheit der Eltern musste sie lachen. Erst Jahre später hatte sie verstanden, was dieser nächtliche Radau zu bedeuten hatte.

Alfonsina fuhr auf Rho zu und verlangsamte ein wenig, um das gleißende Panorama bei Sonnenaufgang zu bewundern. Wer hätte damals geahnt, was alles jenseits des Sumpfs von Fossamarcia lag?

Der Weg hinaus eröffnete sich ihr eines Tages in Gestalt eines alten Fahrrads mit abgeplatztem Lack.

Der Doktor hatte sich ein neues gekauft und dem Vater die Klapperkiste für zwei von Virginias mageren Hühnern überlassen. Auch das Fahrrad schien in den letzten Zügen zu liegen, doch die Familie Morini empfing es mit Ausrufen der Bewunderung.

»Damit finde ich bessere Arbeit«, sagte Carlo stolz und gab dem Sattel einen Klaps. Er würde die Umgebung abfahren und vor allen anderen dort sein, wo es für guten Lohn einen Tag lang etwas zu tun gab.

Alfonsina mit ihren zehn Jahren hatte noch nie etwas Schöneres gesehen. Wie weit man mit einem Fahrrad wohl kam? Bis nach Fiesso oder Prunaro. Bis Budrio womöglich. Vielleicht sogar bis Bologna, du liebe Güte, bis Bologna und noch weiter, wohin die Beine und die Fantasie einen trugen.

Der Vater warf drohende Blicke um sich. »Wehe, jemand von euch fasst es an!«, sagte er mit erhobenem Zeigefinger und richtete sich in seinen knochigen, krummen Schultern auf. »Es gehört ganz allein mir, weil ich das Geld nach Hause bringe.« Alle nickten stumm, beeindruckt von diesem wunderbaren Fahrzeug, von dem ihr Schicksal abhing.

Alfonsina ging zurück ins Haus, nahm das Blatt mit den Maßen des Kleids, an dem sie gerade nähte, und schrieb das Wort mit dem Bleistift.

Virginia legte großen Wert darauf, dass ihre Kinder lesen und schreiben lernten. Sie schickte sie allesamt zur Schule in Fiesso, und falls eines sich widersetzte, gab es was auf die Ohren, dass sie sich purpurrot färbten.

Alfonsina war gern zur Schule gegangen. Sie hatte sich schnell zwischen Wörtern und Zahlen zurechtgefunden und es sehr bedauert, als man zu Hause beschloss, dass zwei Jahre Schule mehr als genug waren. Es wurde Zeit für sie, zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Wahlmöglichkeiten gab es nicht viele: Entweder half sie auf den Feldern, oder sie setzte sich an den Webstuhl. Daran, selbst einen anzuschaffen, war jedoch nicht zu denken, und die Spinnereien lagen zu weit weg. Virginia hatte ihr schließlich vorgeschlagen, Schneiderin zu werden. Das war eine sichere Arbeit, denn jemand, der einen Rock oder eine Hose nähte, wurde immer gebraucht, und sie konnte sie zu Hause erledigen, anstatt sich in Eiseskälte oder unter stechender Sonne den Rücken zu verrenken. Alfonsina hatte sich überzeugen lassen und die Familie die Ausgaben für Schere, Nadeln und Garn auf sich genommen. Den Stoff brachten die Kundinnen selbst mit.

An diesem Tag nun schrieb sie neben die Maße von Taillenumfang und Beinlänge für eine Hose das Wort »Fahrrad« und das Jahr, »1901«. Die Zahl erschien ihr Glück verheißend. Das gerade begonnene Jahrhundert hatte einen Hauch von Fortschritt auch in den Mückensumpf gebracht.

Fahrrad. Schon der Name war schön. Sie wiederholte ihn so oft, dass er seine ursprüngliche Bedeutung verlor und etwas Wunderbares bezeichnete. Ein magisches Pferd, das nicht einmal Hafer brauchte, eine unermüdliche Maschine, die Ebenen und Gebirge überwand.

Durch das Fahrrad lernte Alfonsina den Ungehorsam.