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„Jay Garner, du bist ein verdammtes Arschloch!“ Es war ein stummer Schrei in den Nachthimmel, der von geballten Fäusten und zornigen Blicken begleitet wurde und der in Jackies Kopf widerhallte. „Jay Garner, du bist ein verdammtes Arschloch!“ Ein Arschloch, weil er den ganzen Abend mit dieser Blondine auf Gregs Party herumhing. Jay ging doch seit unendlicher Zeit schon mit Jackie, sie beide gehörten zusammen. Er hatte auch wieder sein Cure-T-Shirt angezogen. Sie hatten später, zu mitternächtlicher Stunde, noch eine romantische Nacht auf dem Friedhof verbringen wollen. Knutschen und fummeln zwischen Grabsteinen. Vielleicht auch etwas mehr, je nachdem, wie Jay drauf war. Er nannte sie Black Angel, sie war sein schwarzer Engel, denn alles an ihr war schwarz, angefangen von den schulterlangen, glatt herabfallenden Haaren über ihre Klamotten bis zum tiefschwarzen, dick aufgetragenen Lidschatten. Um ihren Hals hing eine Silberkette mit einem Totenkopfanhänger. Den hatte Jay ihr geschenkt. Jackie liebte es, sich das Aussehen einer frischen Wasserleiche ins Gesicht zu schminken. Es war großartig, die Leute in dem Kaff, in dem sie zu leben verdammt war, mit ihrem morbiden Aussehen zu schockieren. Eine richtige Szene gab es zu ihrem Bedauern hier leider nicht. Wenn sie sich mit Gleichgesinnten treffen wollte, musste sie knapp anderthalb Stunden mit dem Greyhound fahren. Hier war sie nichts anderes als eine Außenseiterin. Und Jay gewissermaßen auch, weil er zu ihr stand und das oft genug mit seinem Totenkopf-T-Shirt und Death Metal auf dem iPod zum Ausdruck brachte. Sie waren Freunde. Na und? Schließlich taten sie niemandem etwas, konnten sich sogar manch heimlicher Bewunderung der weniger Mutigen sicher sein. Und dann erschien plötzlich diese Daggy auf der Bildfläche! Die hatte auf der Party eigentlich gar nichts verloren! Ihre wallende blonde Mähne war wie ein Sonnenstrahl, der in Jackies schöne, anheimelnd dunkle Welt brach, ein Sonnenstrahl, der lange tiefe Schlagschatten warf, in denen die Angst vor dem Verlassenwerden lauerte. Die Blondine mit ihrem falschen Cheerleaderlächeln und dem kurzen Röckchen war eines dieser Mädchen, die stets im Mittelpunkt standen, die sich blind darauf verstanden, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und Jay, dieser hirnlose Idiot, war an ihr kleben geblieben! Jemand wie Jackie existierte in der Welt von Daggy gar nicht. Sie bekam nicht mit, dass sie Jay einer anderen wegnahm, sie wusste nicht, was sie anderen antat. Mädchen wie Daggy kratzten mit allem, was sie taten, nur ein bisschen an der Oberfläche des Lebens. Dabei war doch klar, dass Jay ihr eigentlich nichts bedeutete. Er war nicht mehr als ein Spielzeug für sie. Vielleicht für eine Woche, möglicherweise nur für eine Nacht. Für Mädchen wie sie war ein Spielzeug nur interessant, so lange es neu war. Irgendwann kam der Moment, in dem sie ihm das Herz brach. Das war eigentlich jedem bewusst. Nur Jay nicht. Ebenso wenig wie er schnallte, dass es mit Jackie aus war. Er brauchte, wenn er irgendwann Trost suchte, gar nicht bei ihr angekrochen kommen. No way, Boy! Sie würde dann nur ein herzhaftes „Fuck you!“ für ihn übrig haben. Schlimm und verdammt schmerzhaft war nur das lange Warten bis der Moment der Genugtuung kam. Jackie biss die Zähne zusammen, um nicht heulen zu müssen. Erstens stand ihr Weinen nicht, zweitens hätten die Tränen ihre Schminke verwischt und ihr ein lächerliches Aussehen gegeben. Das wollte doch niemand, nicht wahr? Niemand lachte über die Kreaturen der Nacht, und über den schwarzen Engel gleich gar nicht. Sie kämpfte gegen das Gefühl der Enttäuschung und Verzweiflung, das ihr die Tränen in die Augen trieb, so hart an, dass sie am ganzen Leib zitterte. Wenn sie jetzt jemand sähe, der hätte glauben müssen, sie litte an Schüttelfrost. Ihre Gedanken flogen durch die Nacht. Die Nacht war ihr Freund, ein zuverlässiger Freund, auf den sie sich immer blind verlassen konnte. Die Nacht war ihr Beschützer und ihr Verbündeter, sie würde Jay im Schutze der Dunkelheit auflauern. Natürlich würde er die Blondine, diese Schlampe, nach Hause begleiten. Aber die beiden hatten ihre Rechnung ohne Jackie gemacht, die Rächerin der Verlassenen dieser Welt. Sie würde sich aus der Luft auf Jay herabstürzen und ihn zu Boden werfen. Der schwarze Engel war wiederauferstanden. Mit ungeheurer Kraft packte sie ihn am T-Shirt und riss das Konterfei von Robert Smith in der Mitte durch. Dann stieß sie ihre spitzen Fingernägel tief in seine Brust und schrieb ihm die blutigen Initialen JM ins Fleisch. Narben würden zurückbleiben, in Form der beiden ineinander verschlungenen Buchstaben. Sie würden ihn für immer an sie erinnern: Jackie Malone. Diese Vorstellung gefiel Jackie. Mit diesen mit seinem Blut geschriebenen Initialen hatte sie ihn zu einem Wesen der Nacht gemacht, aber sie, Jackie, hatte er für immer verloren. Diese Strafe hatte der verfluchte Verräter verdient. Irgendwann kam er in die Nähe ihrer schwarz lackierten Fingernägel … Mit diesen erbaulichen Gedanken drehte sich Jackie um und begab sich zurück ins Haus. Mit unbewegter Miene mischte sie sich wieder unter die Partygäste. Wer sich die Mühe machte, ihre Hände anzusehen, hätte den Eindruck bekommen, hier sei eine Katze kurz davor, ihre Beute zu packen. Das Licht war inzwischen gedimmt, statt hämmernder Partyklänge säuselte nun etwas von Paul Simon aus den Boxen. Die Paare auf der Tanzfläche rückten näher zusammen. Als wenn es dazu der Musik bedurft hätte! Manche Pärchen wälzten sich bereits auf einem der in der Wohnung verteilten Sofas oder drückten sich in irgendwelchen Ecken herum. Hinter der verschlossenen Küchentür waren auch schon Geräusche zu vernehmen, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Und Gregs Schlafzimmer war garantiert schon ausgebucht. Wahrscheinlich hatte er als guter Gastgeber auch ein paar Nutten eingeladen, der lockeren Stimmung wegen. Immer das Gleiche. Und immer die gleichen bonbonbunten Schickimicki-Cocktails. Jay hatte sie inmitten des Getümmels noch nicht entdeckt. Sie suchte ihn auch nicht. Ihre angriffsbereiten Klauen hatten sich wieder in Hände verwandelt. „Hi!“
  • Book type: E-book
  • Language: German
  • Ean Code: 9783961270033
  • ISBN: 9783961270033
  • Publisher: VSS-VERLAG
  • E-Book type: PDF
  • Author: Eberhard Leucht
  • Kopierschutz: No DRM
  • Format: pdf
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