„Immerkalt“ von Roman Klementovic

Mit Immerkalt entführt Roman Klementovic erneut in einen fesselnden Thriller voller düsterer Geheimnisse und nervenaufreibender Spannung. Tauche hier mit der Leseprobe zu Immerkalt direkt in die Geschichte ein.
Inhaltsangabe von Immerkalt
Der einstige Kriminalpolizist Schulz ist am Ende: von seiner Frau verlassen, von einem Schlaganfall gezeichnet, vorzeitig pensioniert. Morgens schafft er es kaum noch aus dem Bett. Bis ihn an einem düsteren Herbstnachmittag ein verzweifelter Hilferuf erreicht. Ein mysteriöser Vermisstenfall hält ein entlegenes Dorf in Atem. Schulz kennt den Ort nur zu gut. Die Hoffnung, ihn nie wieder betreten zu müssen, zerplatzt. Ohne zu zögern, kehrt er zurück. Und ahnt nicht, dass er sich damit direkt ins Verderben stürzt …
Leseprobe: Immerkalt von Roman Klementovic
KAPITEL 1
Der öffentliche Spielplatz Grundendorfs hatte diese Bezeichnung nicht mehr wirklich verdient. So gut wie nichts war noch richtig intakt. Zum größten Teil war der Ort eine Ansammlung veralteter, vor sich hin rostender, teilweise schon jahrelang kaputter und in einem Fall sogar richtig gefährlicher Gerätschaften. Im Sandkasten war kaum noch Sand zu fin den. Dafür wucherte Unkraut und in der Mitte thronte ein Hundehäufchen. Die Netze der zwei Miniatur-Fußballtore waren zwar an einigen Stellen beschädigt, aber immerhin vorhanden. Wie auch die Seile der beiden Schaukeln. Sie waren allerdings schon so spröde, dass wahrscheinlich selbst das Gewicht von Kleinkindern eine Herausforderung für sie darstellte. Aber auch die gesamte Konstruktion hatte ihre besten Tage hinter sich. Sie war ein wenig wackelig und die Balken waren morsch. Das Tipi aus Holz hingegen schien jünger und weitgehend in Ordnung – von dem Penis-Graffiti außen und den vielen leeren Bierdosen und Zigarettenstummeln im Innern einmal abgesehen. Dafür stellte die Rutsche eine echte Gefahr dar. Sie war von Idioten – vermutlich halbstarken Jugendlichen – mit einem großen Messer, einer Axt oder Ähnlichem massakriert worden. Das dünne Blech war nicht nur verbeult, sondern auch von Schnitten und Stichen übersät. Teilweise ragte das Metall spitz empor. Wer hier rutschte, konnte sich im besten Fall von seiner Hose verabschieden. Mit etwas Pech würde er mit einer üblen Fleischwunde im Krankenhaus landen.
Als Schulz den Spielplatz erreichte, war ihm sofort klar, wie jemand am helllichten Tag unbemerkt von diesem Ort verschwinden konnte. Das Areal lag zwar bloß einen Steinwurf von der Kreuzung der beiden Hauptstraßen entfernt, allerdings befand es sich an der Rückseite der Häuserreihen und war somit trotzdem recht abgelegen und schwer einsehbar. Bäume und Büsche erschwerten zusätzlich die Sicht.
Der Spielplatz grenzte an den Fußballplatz, der die meiste Zeit der Woche verwaist war. Und an die drei kaum höher frequentierten Tennisplätze – vor allem jetzt im Herbst, da sie schon zur Überwinterung bereitgemacht worden waren. Außerdem an ein kahles Feld sowie an einen schmalen Waldausläufer. Von Schulz’ Position aus war schwer einzusehen, wie weit sich dieser nach hinten erstreckte. Ein einsamer Platz also. Normalerweise.
Jetzt hingegen schien das halbe Dorf hier zu sein. Unzählige Autos standen kreuz und quer um das Areal herum, auf der weitläufigen Wiese, die viele kahle Flächen aufwies und deren Gras gelb und krank aussah. Außerdem entlang der umliegenden Feldwege und der Straße, die vor zur Kreuzung führte. Neben den vielen zivilen Fahrzeugen entdeckte Schulz auch ein paar Einsatzwagen der Polizei. Außerdem einen … nein, zwei Rettungswagen. Und einen Traktor.
Schulz fuhr im Schritttempo und hielt nach einer Parkmöglichkeit Ausschau. Neben der Angst vor dem, was ihn erwartete, saß ihm auch noch der Schreck von eben in den Knochen. Nicht auszudenken, wenn er die alte Frau Graf einen Sekundenbruchteil später entdeckt hätte. Dann hätte er das Lenkrad niemals rechtzeitig herumreißen können. Die Frau war nur noch Haut und Knochen. Sicher hätte sie schon von dem geringsten Aufprall schwere Verletzungen davon getragen. Wenn sie ihn überhaupt überlebt hätte.
Er bemerkte nicht, dass er vor Erleichterung die Luft ausblies und dabei den Kopf leicht schüttelte.
Mann, dieser Ort machte ihn fertig. Wieder einmal. Und das, noch bevor er überhaupt so richtig angekommen war. Das Treiben auf und rund um den Spielplatz trug sein Übriges dazu bei. Schulz wünschte sich zurück nach Wien. In seine Wohnung, auch wenn sich diese nach Inges Auszug nicht mehr wie ein Zuhause anfühlte.
Während Schulz weiter nach einer Parkmöglichkeit suchte, nahm er das Szenario immer deutlicher wahr. Einige uniformierte Polizeibeamte waren vor Ort. Außerdem Rettungskräfte, Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr und viele Helfer und Schaulustige – in Summe mussten es an die 100 oder mehr Menschen sein. Manche hetzten von A nach B. Andere telefonierten und gestikulierten wild. Die meisten aber standen in der Gegend herum, rauchten oder quatschten. Kaum jemandem war so etwas wie Anspannung anzusehen. Schulz fuhr an zwei Burschen vorüber, die sich offenbar mit heiteren Geschichten die Zeit vertrieben. Sie lachten und schienen bester Laune zu sein. Hatte sich also alles bereits aufgeklärt? War die kleine Sophie in Sicherheit? Oder waren die beiden Kerle einfach zwei Arschlöcher, die den Ernst der Lage nicht begriffen? Schulz hätte sie am liebsten gepackt, kräftig durchgeschüttelt und die Antworten aus ihnen herausgeholt.
Da, endlich: eine freie Parklücke!
Schulz lenkte den Audi hinein, was gar nicht so leicht war. Er musste mehrmals vor- und zurücksetzen, weil nur wenig Platz war. Die alten Bremsen quietschten dabei unangenehm. Als er es endlich geschafft hatte, fühlte er sich von allen Seiten beobachtet. Aber das war natürlich Unsinn. Niemand kümmerte sich um ihn. Er zog die Handbremse an und machte den Motor aus.
Damit änderte sich schlagartig seine Stimmung.
Auf dem Weg von Wien hierher war er voller Ungeduld gewesen. Er war wie ein Verrückter gerast. Zweimal hatte er eine Radarfalle aufblitzen sehen. Oder es sich zumindest ein gebildet. Es war ihm egal gewesen. Das Adrenalin, das durch seinen Körper geschossen war, hatte ihn alles andere vergessen lassen. Da war nur die kurvenreiche und von Kastanien- und Kirschbäumen gesäumte Straße vor ihm gewesen. Die Sorge um die kleine Sophie. Und die Angst vor dem, was ihn bei seiner Rückkehr in Grundendorf erwarten würde.
Doch jetzt, da er endlich angekommen war, war die Eile plötzlich verflogen. Er blieb einen Augenblick lang im Wagen sitzen – um sich einen Überblick zu verschaffen, versuchte er sich einzureden. In Wirklichkeit jedoch hatte er bemerkt, dass er ein wenig zu zittern begonnen hatte. Denn ja, über Jahrzehnte hinweg war es seine Aufgabe gewesen, Vermisstenfälle, Morde und andere Schwerverbrechen aufzuklären. Er hatte schon unzählige Leichen in seinem Leben gesehen. Manche von ihnen waren kaum noch als Menschen zu erkennen gewesen. Und dennoch hatte er sich in all den Jahren nicht an den Anblick gewöhnen können. Jedes Mal aufs Neue graute ihm davor. Weil ihm klar war, dass sie einmal gelebt hatten. Dass sie geliebt hatten und geliebt wurden. Dass sie Hobbys gehabt hatten, Leidenschaften. Aber auch Fehler und Geheimnisse. Manchen waren diese zum Verhängnis geworden.
Doch das hier fühlte sich anders an. Es war nicht der übliche Respekt, mit dem er an einen Fall heranging. Nein, das Gefühl, wie gelähmt zu sein, hatte er während seiner gesamten Laufbahn nur in Grundendorf gespürt. Und so ging es ihm auch jetzt. Vor allem bei dem Gedanken daran, dass ein Kleinkind involviert war – was auch immer da passiert sein mochte. In seinem Magen hatte sich etwas verknotet und Übelkeit ausgelöst. Eine Übelkeit, die nun, seit er den Motor ausgemacht hatte, zu brodeln begann und ihm langsam die Speiseröhre hochkroch.
Komm endlich in die Gänge!
Er schüttelte sich. Schnaufte tief durch und schlug sich ein paarmal mit der Faust auf den Brustkorb, um das unangenehme Gefühl abzuschütteln. Es half nur ein wenig. Aber besser würde es nicht werden. Er durfte der Übelkeit einfach keine Aufmerksamkeit schenken. Also griff er in die Mittelkonsole, um mehrere Zitronenbonbons herauszuholen. Er wickelte eines aus dem Papier, steckte es sich in den Mund und verstaute die restlichen in seiner Sakkotasche.
Los jetzt!
Er stieß die Tür auf und schälte sich mit einem schmerz haften Stich im Kreuz aus dem Wagen. Kaum dass er ausgestiegen war, erfasste ihn eine kräftige Böe. Der Wind hatte weiter aufgefrischt. Außerdem begann es ausgerechnet jetzt auch noch zu nieseln. Eine ekelhafte Kombination. Schulz zog die Schultern hoch, stellte den Kragen seines Cordsakkos auf und knöpfte es zu. Doch das brachte wenig. Feuchte Kälte kroch durch die großen und kleinen Lücken seiner Kleidung. Er ärgerte sich über seine eigene Dummheit und darüber, in der Eile des Aufbruchs nicht einmal an einen Mantel gedacht zu haben. Nun konnte er nichts mehr daran ändern. Er würde die nächsten Stunden wohl oder übel frieren müssen.
Er scannte noch einmal die Umgebung. Wo sollte er anfangen?
Da die meisten Anwesenden in der Gegend herumstanden, wirkte der Anblick weniger wie ein nervöses Treiben als vielmehr wie ein Stillleben. Doch selbst das sah unkoordiniert aus.
Von seinen ehemaligen Kollegen von der Kripo konnte er auf Anhieb niemanden entdecken. Waren sie überhaupt schon informiert worden? Dafür erkannte er die Gesichter einiger Dorfbewohner wieder. Keines davon hatte er vermisst. Auch eine altbekannte, lästige Lokalreporterin erblickte er. Sie war gerade damit beschäftigt, ihren überdimensionalen weißen Regenschirm wieder in Form zu bekommen, weil ihn ein Windstoß umgestülpt hatte. Ein Stück weit hinter ihr suchten einige Männer in Uniformen der Freiwilligen Feuerwehr im Tipi Zuflucht vor dem Regen. Einer von ihnen nahm vor dem Reinschlüpfen noch einen letzten tiefen Zug und schnippte seine Zigarette dann in hohem Bogen in Richtung Sandkiste.
Schulz’ Blick fiel auf eine Gruppe von etwa zehn Männern, die gerade durch die Büsche brachen und in den angrenzenden, gut 100 Meter entfernten Wald stapften. Ein schwer Übergewichtiger erteilte wild gestikulierend Anweisungen, die Schulz aus der Ferne nicht verstand. Dennoch regte sich bei diesem Anblick Wut in ihm. Denn der Mann war Alois Gruber – Grundendorfs Langzeit-Bürgermeister, wie er leibte und lebte. Dass selbst aus Distanz zu erkennen war, dass er weiter zugenommen hatte, war Schulz egal. Aber nicht, dass Gruber sich gerade wieder einmal aufführte, als leite er die Ermittlungen. Schon damals waren sie deshalb einige Male aneinandergeraten.
»Schulz?«, nahm er eine vertraute Stimme, von der er gehofft hatte, sie nie wieder hören zu müssen, in seinem Rücken wahr. »Scheiße, was machen Sie hier?«
Er fuhr herum. Und konnte nichts gegen den Seufzer tun, der ihm dabei entkam.
Ausgerechnet!
Unser Interview mit Roman Klementovic findet ihr hier.
Über Roman Klementovic
Roman Klementovic, geboren 1982, lebt in Wien. Er liebt Bier in Pubs, Punkrock und den SK Rapid. Sein Thriller »Immerstill« wurde für die LandKrimi-Reihe von ORF und ZDF verfilmt. Sein Thriller »Wenn das Licht gefriert« wurde unter der Regie von Andreas Prochaska mit Adele Neuhauser, Erwin Steinhauer und Fritz Karl in den Hauptrollen verfilmt.
Hier kommt ihr zu Romans Autorenhomepage
E-Books von Roman Klementovic
Immerstill (Band 1)
Immerschuld (Band 2)
Immerkalt (Band 3) erscheint am 09.09. 2026
Mehr von Gmeiner findet ihr hier.
Interview von Sanni @sound.of.closing.doors
