„Weiterleben“ von Patrick Charnley

Worum geht es in Weiterleben?
Nach einem Herzstillstand und der daraus resultierenden Hirnschädigung zieht der 20-jährige Jago zu seinem Onkel Jacob. Dieser lebt ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben auf einer kleinen Farm. Strom gibt es nur in dem Schuppen, in dem die Gefriertruhe steht, das Gemüse wird selbst angebaut und gekocht, und die Abende verbringt man bei Kerzenschein mit Lesen oder einer Partie Schach.
Für die meisten 20-Jährigen wäre ein solcher Alltag vermutlich wenig reizvoll, doch für Jago ist dieses entschleunigte Leben nach seinem Unfall genau das Richtige. Seit sein Gehirn nicht mehr so funktioniert wie früher, ist er schnell überreizt und muss lernen, mit seinen neuen Grenzen umzugehen. Sein altes Leben würde deshalb nicht mehr zu dem Menschen passen, der er jetzt ist.
In Weiterleben begleiten wir Jago dabei, wie er sich nach und nach in seiner neuen Lebensrealität zurechtfindet, sein bisheriges Leben reflektiert und herausfindet, was ihm heute wirklich wichtig ist. Dabei wird deutlich, dass ein Schicksalsschlag nicht nur Verlust bedeuten muss, sondern manchmal auch Raum für neue Perspektiven, andere Prioritäten und einen ganz neuen Blick auf das eigene Leben schaffen kann.
Meine Meinung
Weiterleben von Patrick Charnley hat mir wirklich gut gefallen. Wenn es um Belletristik geht, bin ich meist nicht ganz so leicht zu begeistern, denn ich suche oft nach etwas, das ich aus einem Buch auch für mich selbst mitnehmen kann – auch wenn das natürlich nicht das Ziel jeder Geschichte sein muss. Glücklicherweise war das bei Weiterleben der Fall.
Jagos Geschichte hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie heilsam und schön ein ruhiges, entschleunigtes Leben sein kann. Besonders gut gefallen hat mir, dass Weiterleben vergleichsweise kurz ist und einen angenehm einfachen, unaufgeregten Schreibstil hat. Das passte meiner Meinung nach nicht nur sehr gut zu den Themen des Buches, sondern machte die Geschichte auch unglaublich angenehm zu lesen. Ich war selbst überrascht, wie schnell ich am Ende angekommen war, weil ich so leicht durch die Seiten geflogen bin.
Spannend fand ich außerdem den Einblick darin, wie sich das Leben mit einer Hirnschädigung verändern kann. Sehr eindrücklich wurde beschrieben, wie viel stärker sich Jago auf einzelne Dinge konzentrieren muss als früher. So kann er beispielsweise nicht mehr gleichzeitig kochen und Radio hören. Auch beim Schachspielen fällt es ihm schwer, sich vorzustellen, wie sich das Spiel weiterentwickeln könnte, da er immer nur einen kleinen Ausschnitt des Brettes im Blick behalten kann. Gerade diese scheinbar alltäglichen Situationen haben für mich sehr anschaulich gemacht, wie sehr sich seine Wahrnehmung und sein Alltag verändert haben.
Auch das Thema Fatigue fand ich gut in die Geschichte eingebunden – soweit ich das als jemand, der selbst nicht davon betroffen ist, beurteilen kann. Jago muss sich über den Tag verteilt immer wieder hinlegen und kann innerhalb kürzester Zeit so erschöpft sein, dass er sich unmittelbar zurückziehen und schlafen muss. Für mich wurde sehr greifbar beschrieben, wie einschränkend und unberechenbar diese Erschöpfung im Alltag sein kann.
Da Patrick Charnley selbst nach einem Herzstillstand mit den Folgen einer schweren Hirnverletzung leben und sich zurück ins Leben kämpfen musste, fließen vermutlich auch viele seiner eigenen Erfahrungen in die Geschichte ein. Gerade dieses Wissen hat Jagos Erleben für mich noch einmal eindrücklicher gemacht.
Fazit – Lohnt sich Weiterleben?
Weiterleben ist für mich eines dieser Bücher, die gar nicht besonders laut oder dramatisch sein müssen, um etwas zu hinterlassen. Patrick Charnley erzählt eine ruhige Geschichte über einen jungen Menschen, dessen Leben von einem Moment auf den anderen vollkommen anders aussieht – und darüber, dass anders nicht zwangsläufig schlechter bedeuten muss.
Besonders empfehlen würde ich das Buch Leser*innen, die gerne Geschichten über persönliche Entwicklung, Neuanfänge und die kleinen Dinge im Leben lesen. Gleichzeitig bekommt man einen eindrücklichen Einblick darin, wie sich eine Hirnschädigung auf den Alltag eines Menschen auswirken kann, ohne dass sich das Buch dadurch besonders schwer anfühlt.
Sehr berührt hat mich außerdem die Beziehung zwischen Jago und seinem Onkel Jacob. Obwohl Jacob wahrscheinlich nur schwer vollständig nachvollziehen kann, wie sich Jagos Alltag nach seiner Hirnschädigung anfühlt, begegnet er ihm mit viel Verständnis und Unterstützung. Gleichzeitig versucht er nie, Jago zu sehr einzuschränken oder für ihn zu entscheiden. Stattdessen nimmt er seine Beeinträchtigungen ernst und lässt ihm dennoch den Raum, selbst herauszufinden, wo seine Grenzen liegen und wie er sein neues Leben gestalten möchte. Für mich war das eine sehr besondere und liebevoll erzählte Verbindung zwischen den beiden.
Für mich war Weiterleben genau die Art von Buch, die ich gerne lese: zugänglich und unaufgeregt erzählt, aber trotzdem mit Gedanken und Eindrücken, die ich für mich aus der Geschichte mitnehmen konnte. Eine kurze, ruhige Geschichte, die gerade deshalb noch länger nachwirkt.
Über den Autor: Patrick Charnley
Patrick Charnley stammt aus Bristol und lebt heute mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in London. Bevor er sich dem Schreiben widmete, arbeitete er als Anwalt in der Musikindustrie. Nach einem Herzstillstand im Jahr 2021, der eine schwere Hirnverletzung zur Folge hatte, begann er während seiner Genesung an seinem ersten Roman zu schreiben. Mit Weiterleben legt er nun sein literarisches Debüt vor – eine Geschichte, die von Themen wie Erinnerung, Hoffnung und einem Neuanfang geprägt ist und dabei auch Erfahrungen aus seinem eigenen Leben aufgreift.
Mehr von DuMont findet ihr hier.
Text von Anna @xthelittlerose.books

