„Weißdornzeit“ von Melissa Harrison

July 11, 2022|vonPocketbook
„Weißdornzeit“ von Melissa Harrison

In Weißdornzeit überrascht Melissa Harrison mit einer gefühlvoll und poetisch erzählten Geschichte eines Dorfes und dessen Bewohnern. Was macht das Leben in Lodeshill aus und warum wollen manche lieber ausbrechen als bleiben? Eindrücklich, nahbar und nachdenklich.

Worum es in Weißdornzeit geht

Lodeshill ist ein kleines Dorf, in dem sich alle kennen und eigentlich kaum mal etwas Aufregendes geschieht. In ihrem poetischen Roman Weißdornzeit schildert Autorin Melissa Harrison das Leben von vier ganz unterschiedlichen Personen, die alle auf die eine oder andere Weise in Lodeshill aufeinandertreffen.

Landstreicher Jack ist schon lange auf der Straße unterwegs. Er hat sich zwischenzeitlich den unterschiedlichsten Menschen angeschlossen, aber meistens bleibt er lieber allein. In Lodeshill hat er bereits mehrfach als Spargelstecher ausgeholfen und macht sich nun genau deshalb wieder auf den Weg dorthin – obwohl er damit gegen seine Bewährungsauflagen verstößt.

Howard und Kitty sind schon seit Jahrzehnten verheiratet – kennengelernt haben sie sich auf einem Konzert in London, sie als Besucherin und er als Roadie. Kittys Traum ist schon immer der Umzug aufs Land gewesen und als Howard beruflich endlich kürzergetreten ist, haben sie diesen Traum verwirklicht. Doch Howard hat sich in der Gemeinde noch nie wohl gefühlt, hält sich von den Dorfbewohnern eher fern und widmet sich lieber seinem Hobby, dem Restaurieren von alten Radios.

Der 19-Jährige Jamie wohnt schon sein Leben lang im Dorf. Er hat einen Job, schraubt gerne an seinem aufgemotzten Corsa herum und pflegt die Beziehung zu seinem Großvater. Was ihm früher alles wunderbar gefallen hat, kommt ihm jetzt zu wenig vor und er möchte dem Dorf entfliehen, weiterkommen im Leben. Wenn da nicht die zunehmende Demenz seines Großvaters wäre.

 

Die Besonderheiten

Das Buch steigt mit einem Prolog ein, der sich wie eine Klammer um die Geschichte schließt und uns bereits in gewisser Weise ihr Ende verrät: Ein Unfall auf einer Landstraße, das Schicksal mehrerer Menschen von jetzt auf gleich besiegelt.

„Sieben endlose Minuten sind seit dem Zusammenstoß vergangen. Der Himmel hellt weiter auf. Das Rad wird langsamer und kommt schließlich zum Stehen. Vögel, einer nach dem anderen, kehren in die Weißdornhecken zurück und schütteln schwere Blüten zu Boden. Ohne zu singen. Leben ringt und zaudert, Zukunft steht neben Zukunft, entfaltet sich. Der Unfall beherrscht die Szenerie.“

Vieles in diesem Roman scheint sich um die inzwischen verlassene Culverkey-Farm zu drehen. Dort lebte die Familie Harland und betrieb einen einst florierenden Betrieb. Doch mit der Zeit verließen den Bauern seine Frau und die Kinder und auch beruflich lief es schon lange nicht mehr rund. Als wir in die Geschichte einsteigen, ist Philip Harland verstorben und der Hof wird gerade aufgelöst. Unsere Hauptcharaktere haben alle eine andere Verbindung zum Hof und seinen ehemaligen Bewohnern und damit auch eine unterschiedliche Sichtweise auf die Geschehnisse.

Der Schreibstil von Melissa Harrison ist poetisch und einfühlsam. Sei schafft es, die verschiedenen Charaktere mit all ihren Besonderheiten einzufangen und authentisch und greifbar zu machen. Sie zeichnet ein Bild von Lodeshill und dessen Bewohnern, das wie aus dem Leben gegriffen scheint.

Begleitet werden die Kapitelanfänge zusätzlich noch von wundervollen schwarz-weiß Zeichnungen, was dem Roman noch ein weiteres stimmungsvolles Extra verleiht.

 

Wie uns Weißdornzeit gefallen hat

Wie die dörfliche Umgebung und die verschiedenen Menschen beschrieben werden, ist wahrlich einer der wundervollen Punkte der Geschichte. So unterschiedlich die Figuren wirken, erkennt man immer wieder auch gewisse Gemeinsamkeiten.

Die Autorin zeichnet ein Bild des ländlichen Lebens, welches sich stetig anpassen muss. Die Landwirtschaftskrise der Nachkriegszeit, stetige Modernisierungen und ein Lebenswandel, der in der Stadt viel rasanter von statten geht, sind nur einige der Themen, die hier aufgegriffen werden.

Ist für naturverbundene Eigenbrötler überhaupt noch Platz in einer solchen Gesellschaft?

Melissa Harrison wirft in Weißdornzeit viele Fragen auf und beantwortet sie nicht alle. Sie regt zum Nachdenken und vielleicht sogar Diskutieren an, sie bewegt uns Lesende und besticht mit stimmungsvollen Schilderungen und poetischer Sprache. Ein wundervoller Roman!

 


Über Melissa Harrison

Melissa Harrison ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Kritikerin und Kolumnistin. Sie arbeitet unter anderem für The Times, die Financial Times und den Guardian und lebt in Suffolk.

Für ihren Roman Vom Ende eines Sommers erhielt sie 2019 den European Union Prize for Literature.

Sie besticht durch ihr Auge fürs Detail und ihre liebevolle Beschreibung der Natur.

 

Auf Deutsch bisher erschienen

  

E-Book
Weißdornzeit
Preis
9,99 €