Stephan Lohse im Interview – Unser Autor des Monats September

August 31, 2026|vonPocketbook
Stephan Lohse im Interview – Unser Autor des Monats September

Mit Stephan Lohses neuem Roman Das Knistern im All erwartet Leser:innen eine poetische Coming-of-Age-Geschichte über Freundschaft, mentale Gesundheit und das Erwachsenwerden. Im Interview spricht Stephan Lohse über seinen Schreibprozess, gesellschaftliche Themen in der Literatur und die besondere Atmosphäre seines neuen Buches.

 

 

Stephan Lohse im Interview

 

Bevor wir über deinen neuen Roman Das Knistern im All sprechen: Wie würdest du das Buch jemandem beschreiben, der noch gar nichts darüber weiß?

Agentin und Verlag sagen immer, ich soll nicht sagen, dass es ein Jugendbuch ist. Ist es aber. Auch.

Matti, der Ich-Erzähler, Kind reicher Eltern, gerät zunehmend in psychische Ausnahmezustände. Er bekommt jede Hilfe, die ihm das Gesundheitssystem bietet (was leider nicht selbstverständlich ist), doch gerettet wird er schließlich von seinen Freunden.

 

Erst Das Summen unter der Haut, jetzt Das Knistern im All: Haben Geräusche oder generell die Verwendung aller Sinne für dich beim Erzählen eine besondere Bedeutung?

Als wir im Verlag über den Titel diskutiert haben, habe ich vorgeschlagen, das nächste Buch, an dem ich gerade schreibe, Das Klappern in der Waschmaschine zu nennen. Es gab eine Liste von etwa 15 Vorschlägen, und es haben sich dann sehr viele Leute aufs Knistern geeinigt. So läuft das mit Romantiteln.

Ich finde es langweilig, wenn ich lese: So-und-so war wütend. Das Schöne ist doch das Spezifische: Wo entsteht die Wut, wie drückt sie sich aus, was geschieht mit meinem Körper, was mit meiner Wahrnehmung? Sehe ich jetzt wirklich rot? Und warum?

 

Du schreibst über Freundschaft, Liebe und das Erwachsenwerden. Was bedeutet es für dich persönlich, Coming of Age Geschichten zu erzählen? Was ist dir dabei am wichtigsten?

Ich wollte eigentlich keine Coming-of-Age-Geschichte mehr erzählen. Es ist mir aus Versehen passiert. Coming-of-Age-Geschichten sind Geschichten der Passage. Alles ist offen. Vor dir liegt sehr viel Zukunft. Und hier befindet sich ein Jetzt. Das gefällt nicht nur literarisch. Ich würde diesen Zustand gerne immer und immer wieder erleben. Leider bin ich zu alt.

 

Die Insel Amrum ist Schauplatz einiger Schlüsselszenen in Das Knistern im All. Wieso eine Insel und wieso genau diese?

Es gibt etwas, was man, glaube ich, das Schiffbrüchigen-Paradox nennt. Der Schiffbrüchige bricht erst zusammen, wenn er sich auf der sicheren Insel befindet. So geht es Matti auf Amrum. Sein Leben zu Hause bewirkt großen Stress. Hier lässt er los, allerdings um den Preis der Dissoziation. Vielleicht ahnt er bereits, dass die Freunde ihn halten werden, wenn es sein muss.

Ich war noch nie auf Amrum. Aber vielleicht fahre ich, wenn das Buch erschienen ist. Das wäre doch eine Gelegenheit!

 

Das Thema Psychische Erkrankungen ist auch in der Literatur immer präsenter. Wie findest du das? Hast du für Das Knistern im All auf besondere Weise dazu recherchiert?

Ausgangspunkt für den Roman war ein Gespräch mit einer befreundeten Kinder- und Jugendpsychiaterin. Wir haben über Vernachlässigung gesprochen. Vieles habe ich von ihr erfahren, den Rest habe ich ein bisschen recherchiert.

Alles, was das Sprechen über psychische Erkrankungen enttabuisiert, ist erstmal gut. Gegenwärtig findet allerdings eine Diskussion darüber statt, ob die Selbstdarstellung psychisch erkrankter Personen in sozialen Medien zu einer Medikalisierung des Alltags führt. Nicht jeder, der Kummer hat, ist depressiv, nicht jeder, der ab und zu mit dem Stuhl kippelt, hat ADHS. Ich finde es aber falsch, das den Betroffenen vorzuwerfen. Wenn die Gesellschaft jungen Leuten kein adäquates Identifikationsangebot macht, sollte sie sich nicht wundern, wenn sie sich selbst was suchen.

 

Politische und gesellschaftliche Themen spielen eine große Rolle in Das Knistern im All: Wie wichtig ist es dir, deine eigenen Ansichten in deinen Geschichten unterzubringen?

Wer sagt, dass das meine Ansichten sind? Ich versuche nicht, den Leser:innen eine politische Meinung aufzuzwingen. Es sind die Ansichten der Figuren. Ich mag es allerdings nicht besonders, über stumpfe Figuren zu schreiben. Darin sehe ich gar keinen Sinn.

 

Poetischer Schreibstil, viele zitierwürdige Stellen – feilst du viel an der Sprache oder kommt es einfach so aus dir heraus und bleibt dann genau so stehen?

Ich würde so gerne sagen, es kommt einfach aus mir raus, so ist es aber nicht. Es ist eine elende Fummelei.

 

Wann und wo schreibst du am liebsten? Wo bist du in deinen Augen am produktivsten?

Ich schreibe gerne in Bibliotheken. Ich mag es, wenn alle um mich herum arbeiten. Neulich saß ich jemandem gegenüber, der Hieroglyphen übersetzt hat. Da ich mir das Geschriebene aber laut vorlese, erledige ich in der Bibliothek nur vorbereitende Arbeiten, das eigentliche Schreiben geschieht zu Hause am Küchentisch in den Vormittagsstunden. Ab 14 Uhr habe ich dann meistens keine Lust mehr.

 

Wir wissen, was du schreibst - aber was liest du selbst in deiner Freizeit am liebsten?

Alles. Ich glaube, im letzten Jahr habe ich über 80 Bücher gelesen. Ich wollte etwas herausfinden. Das ist mir zwar nur halb gelungen, aber ich weiß jetzt immerhin, dass mich Texte, die konsequent ihr Ziel verfolgen, manchmal um den Preis, dass man sie nicht gleich versteht, am meisten berühren und lange beschäftigen. Ich hoffe dann immer, dass das auf mich überspringt und ich ebenso mutig werde. Kafka, Max Porter, Jonas Hassen Khemiri, Baldwin, Ocean Vuong, Sebald, Büchner, Jonas Eika, Victor Heringer, Jakob Nolte und alles, wirklich alles von George Saunders. Ling Ma ist toll, eine chinesischstämmige Amerikanerin. Übrigens: Lesen ist nicht nur Freizeit, sondern immer auch Beruf.

 

Wir als E-Reader Hersteller haben natürlich eine obligatorische letzte Frage: Wie stehst du zum digitalen Lesen? Welche Editionsform(en) konsumierst du privat am liebsten?

Ich habe einen E-Book-Reader und benutze ihn auch. Ich habe eine kleine Wohnung, und sie wird mit jedem Buch aus Pappe kleiner. Mein romantisches Verhältnis richtet sich eher auf den Text als aufs Objekt.

 

 

Stephan Lohse – Bücher

 

 

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Interview geführt von Sanni @sound.of.closing.doors