„Schneegrab“ von Michelle Paver

Ist der Berg wirklich ihr einziger Feind? Michelle Paver überzeugt in Schneegrab mit atmosphärischem Setting, spannenden Charakteren und der alles überschattenden Frage: Liegt vielleicht tatsächlich ein Fluch auf dem Kangchenjunga?
Schneegrab – Worum geht es in Michelle Pavers neuem Roman?
Mehr als einmal scheiterten Expeditionen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Kangchenjunga sollte lange Zeit ein unbezwungener Berg im Himalaya bleiben, wenn auch immer wieder Menschen versuchten, den Gipfel zu erreichen.
Natürlich gab es auch mehr als nur ein Todesopfer, doch das hielt bei Weitem nicht alle davon ab, es zu versuchen. Schneegrab basiert auf wahren Ereignissen und ist gerade deshalb auch so interessant.
„Natürlich ist Angst beim Bergsteigen immer mit von der Partie. Ebenso wie Sehnsucht, Ehrfurcht, Respekt, ja sogar Liebe. Übermächtige, alles andere verschlingende Panik hat darin allerdings nichts zu suchen.“
Auf den Spuren einer ganz bestimmten Expedition machen sich nun fünf Englänger von Darjeeling aus auf den Weg, um als erste diesen Gipfel zu erreichen und ihr Land damit stolz zu machen. Mit vielen Hindernissen und Herausforderungen haben die Männer gerechnet, doch vieles kommt dann doch anders - und vor allem schlimmer - als gedacht.
Unser Protagonist Dr. Stephen Pearce wird erst recht spät in die Gruppe integriert, da der ursprünglich eingeplante Arzt leider ausfällt. So begleitet er nun seinen Bruder Kits und die anderen Herren auf ihrem Weg, gilt dabei aber mehr als einmal als unwissender Außenseiter.
Großartig schildert Stephen den mühsamen Weg der Männer, die atemberaubende, aber auch angsteinflößende Umgebung und auch die zwischenmenschlichen Schwierigkeiten. Ob sie es gemeinsam schaffen werden, als erste Menschen überhaupt den Gipfel des Kangchenjunga zu erreichen?
„Nur die Männer in meiner Begleitung zählen noch. Und das Wissen, dass ich mich auf sie verlassen kann, falls ich einmal daneben treten sollte. Genauso wie umgekehrt.“
Dr. Stephen Pearce – Ein großartige Protagonist
Mit seinem großen Bruder Kits hatte Stephen es noch nie leicht. Nicht nur hat dieser viel geerbt und reich geheiratet, schon seit der Schule fiel ihm sowieso immer alles in den Schoß.
Doch Stephen ist der Kluge und Fleißige von den beiden, meistens auch der Beherrschtere. Er weiß, dass Kits ihn oft mit Absicht kleinhält, damit er ihm bloß nicht gefährlich wird. Auf dieser gemeinsamen Expedition sollen die beiden mehr als einmal ordentlich aneinandergeraten.
„Und ich hasse ihn wie niemanden sonst. Einen winzigen Moment lang jedenfalls.“
Stephen ist ein Protagonist, den wir gerne begleitet haben und in den wir uns wunderbar einfühlen konnten. Er trägt das Herz am richtigen Fleck, ist gut zu den Einheimischen und hinterfragt auch Dinge, wenn es sein muss.
Als er zunehmend reizbarer wird und körperliche Leiden aufgrund der extremen Höhe hinzukommen, stößt er auch als Arzt an seine Grenzen. Wenn das nur alles wäre! Eigentlich glaubt Stephen nicht an das Übernatürliche – doch auf dem Kangchenjunga ist alles anders.
Was uns an Schneegrab am besten gefallen hat
Was als abenteuerliche Expeditionsschilderung beginnt, geht langsam aber sicher in eine Mysterystory über, die es in sich hat. Wenn man dem eigenen Verstand und seinen Sinnen schon nicht mehr trauen kann, hat man auf dem Berg dann überhaupt noch eine Chance?
„Das Böse ist leichter zu ertragen als gnadenlose Gleichgültigkeit.“
Mit Schneegrab hat Michelle Paver uns bestens unterhalten. Es ist faszinierend, wie die Autorin es auf vergleichsweise wenigen Seiten schafft, einen solchen Sog auf uns Lesende auszuüben. Ganz egal, ob ihr selbst schon mal eine lange Wanderung unternommen oder einen Berg bestiegen habt – ihr werdet sicher mit Stephen mitfiebern und euch fühlen, als wärt ihr selbst mit dabei gewesen.
Eine große Leseempfehlung für alle Fans von Spannungsromanen, die Lust auf eine ordentliche Gänsehaut haben!
Aus Michelle Pavers Nachwort:
„Die Cotterell-Expedition die Südwestflanke hinauf folgt in groben Zügen der Route einer britischen Mannschaft unter der Leitung von Charles Evans, die den Gipfel 1955 als Erste überhaupt erreichte. […] Im Jahr 1955 war der Kangchenjunga ein heiliger Berg, und das ist er für viele Menschen bis heute. Dass Charles Evans und seine Gruppe der Regierung von Sikkim versprechen mussten, den Gipfel nicht zu entweihen, indem sie mit den Füßen darauf traten, gibt davon ein beredtes Zeugnis ab. Sie haben ihr Wort gehalten. Als George Band und Joe Brown am 25. Mai 1955 den Gipfel erreichten, widerstanden sie der Versuchung, die letzten anderthalb Meter auch noch zu erklimmen; […] Der Kangchenjunga blieb bis 1980 der »unbetretene Gipfel«, dann stiegen die Mitglieder einer japanischen Expedition bis ganz nach oben auf.“
Über Michelle Paver
Michelle Paver wurde 1960 im heutigen Malawi geboren und zog mit ihrer Familie noch in ihrer Kindheit nach England. Sie studierte Biochemie in Oxford und arbeitete später als Patentanwältin in einer Londoner Kanzlei.
Während eines Sabbat-Jahres reiste sie dann durch Frankreich und Amerika und schrieb auch ihren ersten Roman; und das mit großem Erfolg, denn heute arbeitet sie als freue Schriftstellerin und begeistert uns auch in Deutschland mit ihren Werken.
