Chris Dominik im Interview

Was treibt Chris Dominik beim Schreiben seiner packenden Thriller an? In unserem exklusiven Interview spricht der Autor über seine Figuren, Mental Health und den Alltag als Autor. Ein Beitrag voller persönlicher Antworten und faszinierender Hintergründe.
Chris Dominik über seine Thriller
Lieber Chris, wir starten direkt mal mit einer Aufforderung statt mit einer Frage: Beschreibe uns deine beiden Protagonisten Marc Davids und Zoé Martin in je drei Schlagworten.
Marc: selbstbewusst, undurchsichtig, troubled
Zoé: selbstbewusst, intuitiv, fokussiert
Welche Eigenschaften der beiden hättest du manchmal selbst gerne und welche nerven dich am meisten? Warum?
Sowohl Marc als auch Zoé sind nicht idealisiert dargestellt. Sie haben ganz wunderbare Eigenschaften und sind gleichzeitig Menschen mit Zweifeln, Unsicherheiten und auch Makeln. Marc hat durch seine Angsterkrankung noch etwas mehr Last mitbekommen und Zoés Narben werden im Laufe der Reihe immer deutlicher. Ich glaube, wenn man die richtigen Menschen mit ihren guten Eigenschaften zusammenbringt, können sie ihre Probleme gegenseitig abfedern. Solch ein Team wollte ich für meine Protagonisten. Daher würde ich auch keine speziellen Eigenschaften – positiv, wie negativ – herausstellen.
Mental Health ist ein wichtiges Thema, das du immer wieder präsent machst – reagiert die Leserschaft da durchweg positiv drauf?
Bisher habe ich darauf fast ausschließlich positives Feedback erhalten. Ich denke aber, dass auch Teile der Leserschaft noch immer Berührungsängste mit dem Thema haben und eher zurückhaltend sind. Das Bewusstsein für Mental Health wird zum Glück immer größer. Trotzdem liegt noch ein gutes Stück Weg vor uns, bis man davon sprechen kann, dass das Thema enttabuisiert ist.
Ein schönes Beispiel, es gab mal ein Review, in dem geschrieben wurde, dass Marcs Panik nirgendwo hinführt. Manchmal ist genau das der Kern einer solchen Erkrankung. Sie ist da. Sie führt erstmal nirgendwo hin. Sie begleitet und beeinflusst einen, sie bringt das Leben und den Alltag durcheinander und man muss sich damit auseinandersetzen. Und dieser Prozess ist extrem individuell. Von außen sieht es vielleicht so aus, als ob es nirgendwo hinführt. Für die Betroffenen ist das ein extrem kräftezehrender Weg.
Und ich versuche zumindest etwas Bewusstsein für all das zu schaffen. Außerdem bietet es großartigen Spielraum für eine spannende Entwicklung von Charakteren.
Deine Geschichten leben unter anderem von den moralischen Grauzonen – verlierst du dich beim Schreiben manchmal selbst drin? Wie ist es für dich, dich auch in Täter hineinzudenken?
Wie verrückt liest es sich, wenn ich sage, dass es mir nicht so schwer fällt, mich in die TäterInnen hineinzudenken?
Ich schreibe meist über TäterInnen, die nicht automatisch das personifizierte Böse sind. Aber teilweise werden sie es. Ich mag eine Beschreibung sehr gerne, die ich häufig benutze. Kaum etwas im Leben ist eindeutig Schwarz oder Weiß. Und wenn es Schwarz ist, hat dieses Schwarz eine Entwicklung genommen.
Es ist für Lesende immer ein eigenartiges Gefühl, wenn man auf der einen Seite von den Grausamkeiten liest, zu denen ein Mensch fähig sein kann, und auf der anderen Seite die Gründe erfährt, warum die Person überhaupt erst an diesen Punkt gekommen ist. Ihr Handeln vielleicht sogar nachvollziehen kann, oder gar Mitleid mit Ihr bekommt.
Und ich überlasse es der Leserschaft, das letztendlich zu bewerten.
Kannst du nach einer Schreibsession wieder abschalten oder begleiten dich deine Figuren und Geschichten bis in deinen Alltag hinein?
Ich glaube, es geht vielen AutorInnen so, dass sie ihre Story, oder den aktuellen Plottwist etc., ständig unterbewusst mitnehmen. Man denkt nicht zwangsläufig daran, aber plötzlich kommt im Alltag ein Einfall, der alles zusammenfügt. Oder es interessanter macht. Oder alles umwirft.
Welcher deiner Nebencharaktere hätte eigentlich ein eigenes Buch verdient und warum?
Ich mag interessante Nebencharaktere extrem gern. Und anscheinend meine Leserschaft auch, denn zu denen bekomme ich in der Tat oft Nachrichten.
Die Top 3 bisher sind Leon, Ayman und der Kapitän.
Achtung Spoiler – Leon ist einige Zeit der Hauptverdächtige in NARBENWALD. Er hat sich zu einem Charakter entwickelt, der die AS9, die Sondereinheit um Marc und Zoé, gerade im Bereich Social Media, Online, neue Technologien etc. immer wieder unterstützt. Natürlich alles im Graubereich.
Ayman ist Mitglied der AS9 und war früher Ermittler im Rotlichtmilieu. Er hat sich sowohl bei Unterweltgrößen als auch innerhalb der Polizei großen Respekt erarbeitet und ist damit schon ein äußerst spannender Charakter. Außerdem hat er den trockensten Humor aller Ermittler.
Der Kapitän kommt erst im aktuellen Band NARBENKÜNSTLER dazu. Er lebt auf der Straße, verstaut sein Hab und Gut in einem Einkaufswagen, hält regelmäßig Teezeiten in heruntergekommenen Gassen ab und wird zum Vertrauten von Marc.
Chris Dominik über das Schreiben – und weitere interessante Dinge
Du bist bekannt für deine gute Beziehung zu Bloggenden und bist auch selbst auf Social Media aktiv – DANKE für diese Wertschätzung. Was daran gefällt dir am besten und was findest du am schwierigsten?
Wirst du auf der Frankfurter Buchmesse 2026 sein?
Ich mag es total gerne, mich mit Bloggenden und meiner Leserschaft auszutauschen.
Vor meinem ersten Thriller war mir nicht bewusst, was für eine spannende Community es in dem Bereich gibt. Das Pensum, die Regelmäßigkeit, die unterschiedlichsten Arten, Bücher zu präsentieren, und vor allem die individuellen Stile vieler Bloggenden sind schon echt cool. Großen Respekt an euch.
Ich hatte das wirklich große Glück, dass mich viele Bloggende von Anfang an unterstützt haben. Das war total überraschend, weil mich schließlich niemand kannte. Ich bin ganz vielen extrem dankbar für ihren Support. Das ist sicher nicht selbstverständlich und ich weiß es wirklich zu schätzen. Ich kommentiere zwar sehr selten unter Beiträgen, aber die meisten Bloggenden treten ohnehin per Nachricht an mich heran. Da entsteht oft ein spannender Austausch. Also keine Scheu, schreibt gerne über Instagram, wenn ihr eine Frage habt und etwas wissen wollt.
So positiv viele Seiten an Social Media sind, auch in der Buchbubble bekommt man immer mal wieder Neid, Missgunst oder Launen zu spüren. Die Möglichkeit, sich anonym bewegen zu können, spielt so was natürlich in die Karten. Aber das ist, bei mir persönlich, zum Glück die Ausnahme.
Ich werde auf der Frankfurter Buchmesse 2026 sein und würde mich sehr freuen, einige von euch dort zu treffen.
Wer wäre in deinen Augen bei einer Verfilmung die perfekte Besetzung deiner beiden Protagonisten? Hast du dir darüber je Gedanken gemacht oder habe ich dich mit dieser Frage jetzt unvorbereitet getroffen?
Da muss ich echt überlegen. Ich habe einiges Feedback bekommen, dass meine Bücher als Serie gut funktionieren könnten. Viele haben sich da auf den visuellen Schreibstil und die Atmosphäre bezogen. Auch auf die Charaktere als Gruppe … aber jetzt, wo du es ansprichst, es waren nie konkrete Namen von Schauspielern dabei. Ich glaube, ich mache mal eine Umfrage auf Insta. Da kommen wahrscheinlich viel bessere Namen raus, als wenn ich was sage.
Gibt es perfekte Schreibtage für dich? Was macht sie aus?
Die perfekten Tage erkennt man immer erst im Nachhinein. Wenn man viel geschafft hat, oder etwas besonders gut gelungen ist (was man am nächsten Tag aber schon wieder anders bewerten kann). Ich mag es, wenn ich in einen Flow komme. Man weiß grob, wie das Kapitel werden soll, man hat den nächsten Schritt im Kopf, der übernächste ergibt sich aus dem Geschriebenen und es trägt dich so durch den Tag. Ich schreibe gern bei Nacht ohne Licht, oder am Tag mit Aussicht. Wenn man weit blicken kann, trägt es Gedanken auch weiter. Das inspiriert mich.
Welche Autorinnen und Autoren liest du selbst am liebsten? Hast du aus der Lektüre deiner Lieblingsbücher für dein eigenes Schreiben gezielt etwas mitgenommen oder sind das Lesen und Schreiben für dich zwei ganz verschiedene Bereiche?
Ich muss gestehen, dass ich viel weniger lese, seit ich selbst schreibe. Ich mag es, in mittlerem Tempo zu lesen, und mir alles genau vorzustellen, mir die passende Atmosphäre zu „basteln“. Diese Zeit nutze ich im Moment lieber für meine eigenen Bücher. Klassische Vorbilder habe ich auch nicht.
Wie für viele Schreibende ist Stephen King für mich natürlich ein Autor mit Sonderstellung. Außerdem ist die John-Cardinal-Reihe von Giles Blunt bei mir ganz oben dabei, weil die Atmosphäre mich direkt gekriegt hat.
Für die Abwechslung: Wenn du eine Superkraft haben dürftest, welche würdest du dir aussuchen?
Gibt es so einen 7-Tage-Testzugang bevor ich mich entscheide? Oder 30 Tage kostenlos vor Abo? Gibt ein paar Superkräfte, die ich gerne mal ausprobieren würde. Früher wäre es wahrscheinlich Unsterblichkeit gewesen. Heute weiß ich nicht mehr so wirklich, ob das erstrebenswert ist.
Vielleicht die Fähigkeit, die Supermarktkasse zu erkennen, wo niemand mit Kleingeld bezahlt, die Hälfte vergessen hat oder in der falschen App nach Coupons sucht.
Würdest du gerne mal in einem anderen Genre veröffentlichen und wenn ja, welches wäre es? Darfst du uns schon etwas über zukünftige Projekte verraten?
Ich bin nicht per se auf Thriller festgelegt, fühle mich in dem Genre aber sehr wohl.
Horror oder Mystery würden mich reizen. Viel schwarzer Humor ebenfalls. Mal schauen, ob es da in Zukunft was geben wird.
Ich habe vor, die Narben-Reihe noch etwas fortzuführen. Es gibt noch ein paar Geschichten, die ich mit dem Team erleben möchte. Außerdem arbeite ich an Standalone-Thrillern, die ich neben der Reihe als regelmäßige Veröffentlichungen etablieren möchte.
Wir als E-Reader Hersteller haben natürlich eine obligatorische letzte Frage: Wie stehst du zum digitalen Lesen? Welche Editionsform(en) konsumierst du privat am liebsten?
Das gedruckte Buch hat für viele noch ein besonderes Feeling. Das kann ich absolut nachvollziehen und ist bei mir hin und wieder nicht anders. Ich lese allerdings beide Formen. Ich mag die Haptik von Büchern und habe besondere Ausgaben auch gerne in meinem Regal. Die Vorteile eines E-Readers sind allerdings nicht von der Hand zu weisen. Außerdem erscheinen viele Geschichten, von etablierten Autoren, wie von Self Publishern, nur digital. Daher funktioniert für mich beides wunderbar nebeneinander.
Über Chris Dominik
Chris Dominik ist ein Thriller-Autor aus Frankfurt am Main. Im Schatten der Skyline, zwischen Bankentürmen und Rotlicht, ermitteln seine Kommissare Marc Davids und Zoé Martin von der Sondereinheit AS9.
In seinen Büchern vermischt er geschickt Realität und Fiktion, was die Geschichten düster und unvorhersehbar macht. In den Hochhausschluchten Frankfurts gibt es mehr als nur Verbrechen; es gibt Wahrheiten, die seine Charaktere an den Rand ihres Verstandes bringen.
»Meine Geschichten sollen die Leserinnen und Leser in eine Welt führen, in der nichts so ist, wie es scheint, die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Seele kann ein dunkler Ort sein.«
Der Autor freut sich über jede Besucherin und jeden Besucher auf seiner Instagram-Seite @chris_dominik_autor.
Chris Dominik – E-Books
Davids-und-Martin-Thriller:
Narbenwald & Narbensommer & Narbenkünstler (Nur bei PocketBook!)*
Mehr von beTHRILLED findet ihr hier.
Interview geführt von Sanni @sound.of.closing.doors
*exklusiv erhältlich nur im Aktionszeitraum 01.08.2026 – 31.01.2027