Carolin Frey im Interview – Unsere Autorin des Monats August

Carolin Frey spricht im Interview über ihren Thriller Das Krähenzimmer, ihre Leidenschaft für psychologische Spannung, Atmosphäre und True Crime. Erhaltet hier interessante Einblicke über ihr Schreiben, Grusel und die Faszination für Verbrechen.
Meine Rezension zu Das Krähenzimmer von Carolin Frey findet ihr hier.
Carolin Frey über ihren Debütthriller Das Krähenzimmer
In Das Krähenzimmer passieren so einige merkwürdige Dinge, die manch eine Frau sehr schnell aus dem Haus vertrieben hätten – Protagonistin Lotta aber nicht. Wie sieht es bei dir aus, gruselst du dich schnell oder lässt du dich durch nichts aus der Ruhe bringen?
Ich grusele mich sogar sehr schnell, weil mein Thriller-Hirn, wie ich es nenne, einfach immer läuft. Klar genieße ich an abgelegenen Orten die Idylle, denke manchmal aber auch: Hier würde niemand irgendwas hören – auch keine Schreie. Der perfekte Ort für einen Mord! Das ist vermutlich eine Berufskrankheit. Und obwohl ich mich schnell fürchte, mag ich den Grusel, schaue zum Beispiel sehr gern Horrorfilme. Keine Slasher, sondern die mit dem kleinen, feinen Grauen, was man meinem Thriller vermutlich auch anmerkt. Ich kann bei Lotta aber verstehen, dass sie bleibt. Sie ist in einer Notsituation, und vor allem ist sie rational. Wir alle kennen das aus dem echten Leben: Obwohl wir überzeugt sind, die Tür geschlossen zu haben, sehen wir, dass sie offensteht und fragen uns: Habe ich sie vielleicht doch offengelassen und das einfach nur vergessen? Es braucht schon sehr viel, um zu akzeptieren, dass man sich manche Dinge nicht eingebildet hat, sondern dass da wirklich jemand ein böses Spiel mit einem treibt.
Wenn du dir einen Ort für eine Auszeit aussuchen dürftest, wäre es dann eher ein uriges, behagliches Haus wie aus Lottas Kindheit oder die moderne Luxusvilla, die sie heute bezieht?
Vermutlich eine Mischung aus beidem. Ich finde den Luxus der sanierten Villa Sturmmöwe schon beeindruckend – ich meine, wer hätte nicht gern ein Heimkino, einen Fitnessraum im Keller oder eine Sauna mit Eisbecken im großen Garten? Aber manchmal wirken solche Häuser auch kühl. Das Haus aus Lottas Kindheit klingt für mich heimeliger, wärmer und hat einen ganz besonderen Charme, sodass ich dort gern mal urlauben würde.
Findest du dich manchmal auch selbst in deiner Protagonistin Lotta wieder oder seid ihr komplett unterschiedliche Typen? Welche Eigenschaften an ihr findest du am bewundernswertesten und welche am nervigsten?
Ich glaube, fast alle meiner Figuren haben ein bisschen was von mir und sind gleichzeitig komplett anders. Das gilt auch für Lotta, die ich sehr liebe und von der ich hoffe, dass auch die Leserschaft sie trotz ihrer Ecken und Kanten mögen wird. Eine Gemeinsamkeit von uns: harte Schale, weicher Kern. Und ich wäre gern so mutig wie sie und würde Dinge einfach wegschieben und verdrängen können. Bei mir rattert es eigentlich ohne Unterlass im Kopf, das nervt manchmal. Ich finde an Lotta auch bewundernswert, dass – obwohl sie einiges durchgemacht hat –, sie sich nicht hat brechen lassen und noch immer in der Lage ist, sich Menschen zu öffnen. Ich wiederum bin deutlich zielstrebiger als sie, weiß, was ich will und nehme auch die Entbehrungen in Kauf, die man auf dem Weg zum Ziel vielleicht hat
Es gibt in deinem Thriller Das Krähenzimmer auch Kapitel aus der Sicht des Täters. Wie war es für dich, in diese Rolle zu schlüpfen und die psychologischen Hintergründe zu erforschen?
Schlimm, aber großartig. Ich bin in Thrillern ein großer Fan von Täterkapiteln, vor allem, wenn man ihn oder sie nicht durchschauen kann. Ich mag es sehr, mich in die Psyche hineinzudenken, auch wenn das manchmal echt hardcore ist und man dann erstmal eine Pause braucht. Spannend finde ich auch den Aspekt, dass man nicht einfach zum Mörder wird, sondern dass das oftmals eine Entwicklung, ein langer Prozess ist. Diesen versuche ich glaubhaft darzustellen. Mein Täter versucht beispielsweise, mit Regeln gegen das Monster in ihm anzukämpfen. Simple bluthungrige sadistische Massenmörder finde ich langweilig.
Wie lange hast du insgesamt an Das Krähenzimmer geschrieben und was war an dieser Arbeit am intensivsten für dich?
Den ersten Funken einer Idee hatte ich schon im November 2022, als ich mit meinem Mann außerhalb der Saison in einem Küstenort Urlaub gemacht habe. Die konkrete Buchidee manifestierte sich im Herbst 2024 auf einem ähnlichen Trip. Ich bin nahe der Ostsee aufgewachsen und fand es faszinierend, wie lebendig die Touristenorte im Sommer sind und wie ausgestorben sie in der dunklen Jahreszeit wirken. Ich habe mich dann im Januar 2025 in einem kleinen Küstenort eine Woche lang allein in einem Haus eingemietet, alle anderen Häuser um mich herum standen leer. Diese Atmosphäre, dieses Gefühl, das auch meine Protagonistin Lotta verspürt, wollte ich erleben und einfangen. Das war sehr intensiv, weil jedes Geräusch eine ganz neue Bedeutung bekam – besonders nachts. Ab da habe ich geschrieben, zuerst nur ab und an, weil ich noch in meinem alten Job gearbeitet habe, aber im Frühsommer habe ich gekündigt und mich seitdem nur noch aufs Schreiben konzentriert. Im November war das Manuskript fertig.
Carolin Frey über ihre Arbeit
Du steckst nicht nur durch deine Autorinnentätigkeit tief in der Buchbranche, du betreibst auch gemeinsam mit Buchhändler Christian Koch den Podcast Krimi-Duett. Magst du den für alle, die ihn vielleicht noch nicht kennen, kurz beschreiben? Was gefällt dir an der Zusammenarbeit mit Christian am besten, welche Themen sind deine liebsten?
Im Podcast Krimi-Duett reden wir über das weite Feld der Spannungsliteratur – Krimis, Thriller, Spannungsromane und alle Unterkategorien – und auch über die Buchbranche allgemein. Ich habe schon immer geschrieben, mit 15 Jahren meine ersten Thriller gelesen und diese Faszination hat bis heute nicht nachgelassen, weshalb es für mich ganz natürlich war, darüber zu sprechen. Wir bekommen immer wieder das Feedback, dass wir uns schön ergänzen: Mann und Frau, etwas älter und etwas jünger, Buchhändler und Autorin, oft unterschiedliche Buchvorlieben. Auch unsere Art ist anders. Christian ist eher ruhig und bedacht, ich bin lockerer und lebhafter. Ich denke, dieser Mix macht das Ganze lebendig. Ich habe ohnehin größten Respekt vor den Menschen, die im Buchhandel arbeiten, und deshalb mag ich es besonders, dass Christians Profession und auch seine Erfahrung mir immer wieder neue Perspektiven aufzeigen. Lieblingsthemen habe ich einige, aber meine liebste Folge ist vermutlich die aus dem Monat Juni, denn darin geht es um den langen Weg des Buches in den Handel und ich gebe viele Einblicke in den Entstehungsprozess von Das Krähenzimmer.
Hollywood Kills ist dein zweiter Podcast, den du gemeinsam mit Steven Gätjen moderierst. True Crime gepaart mit der glamourösen Welt der Stars und Sternchen. Was macht in diesen beiden Bereichen für dich den größten Reiz aus?
Nichts ist gruseliger als die Realität und das, wozu der Mensch in der Lage ist. True Crime bildet eben diese Realität ab und gerade das macht für viele den Reiz aus. Die Welt der Stars und Sternchen reizt ebenso: schön, reich und berühmt – eine vermeintliche Traumvorstellung. Aber das ist oft nur Fassade, dahinter tun sich Abgründe auf. Echte menschliche Schicksale, und das fasziniert uns. Ich bin da keine Ausnahme. Klar, True-Crime-Podcasts wie Hollywood Kills sind Unterhaltung, aber ich finde es extrem wichtig, dass es nicht in den Voyeurismus kippt, sondern auch eine journalistische Komponente hat.
True Crime oder fiktionale Kriminalfälle – was von beidem ist deine größere Leidenschaft? Kannst du das überhaupt sagen?
Fiktionale Kriminalfälle bzw. das belletristische Schreiben sind meine große Leidenschaft. Ich liebe es einfach, Figuren und Welten zu erschaffen, mit meinen Worten Atmosphäre zu vermitteln und Geschichten zu erzählen. Das kann ich nur mit meinen Romanen. Als ich von einer Leserin das Feedback bekam „Ich habe mich noch nie so in einer Figur wiedergefunden, schon gar nicht in einem Thriller. Danke, dass du eine struggelnde Protagonistin geschaffen hast, die du trotzdem nicht stigmatisierst“, hat mir das sehr viel bedeutet und zeigt einmal mehr, dass Spannungsliteratur mehr kann als „nur“ unterhalten.
Kannst du dir vorstellen, auch selbst ein True Crime Buch zu schreiben? Verrätst du uns schon ein wenig über weitere Projekte? Auf TikTok hast du bereits zwei Veröffentlichungen angeteasert, Das Krähenzimmer ist die erste…
Ein True-Crime-Buch zu schreiben, kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Eines meiner Lieblingsbücher ist „In Cold Blood“ (dt. Kaltblütig) von Truman Capote. Gerade mein journalistischer Background wäre da sicher sehr nützlich. Dabei wäre mir wichtig, dass es nicht sensationsheischend wirkt, sondern respektvoll den Opfern und Angehörigen gegenüber ist. Aber natürlich müssen diese Geschichten erzählt werden. Nicht aus einer stumpfen, kruden Faszination den Tätern gegenüber heraus, sondern, weil man es den Opfern schuldig ist. Und weil Verbrechen auch im Kontext des Ortes, der Gesellschaft oder der Zeit interessant sind. Ich habe mal eine Jack-the-Ripper-Tour in London mitgemacht, bei der vor allem seine Opfer im Fokus standen. Man hat so viel darüber gelernt, wie Frauen im viktorianischen Zeitalter gelebt haben, besonders die am Rande der Gesellschaft. Darüber denke ich noch immer regelmäßig nach.
Und zu den weiteren Veröffentlichungen: Ich schreibe gerade meinen nächsten Thriller für Rowohlt. Er kommt voraussichtlich im ersten Halbjahr 2028, wann genau, kan ich aktuell noch nicht sagen, aber es wird wieder atmosphärisch (allerdings mit einem ganz anderen Setting), charaktergetrieben und auch twisty. Wer so lange nicht warten kann, darf sich auf den Mai freuen, da gibt's eine Überraschung, die besonders meinen Leserinnen gefallen könnte...
Wir als E-Reader Hersteller haben natürlich eine obligatorische letzte Frage: Wie stehst du zum digitalen Lesen? Welche Editionsform(en) konsumierst du privat am liebsten?
Ich liebe sowohl gedruckte Bücher als auch das digitale Lesen! Manche Bücher sind so schön aufgemacht oder haben mich nachhaltig beeindruckt, sodass ich sie einfach im Bücherregal stehen haben muss. Aber der Großteil meiner Lektüre findet tatsächlich auf dem eReader statt. Es ist extrem praktisch: Ich kann 30 Bücher mit in den Urlaub nehmen, ohne Übergepäck zu riskieren, und im Bett oder auf der Couch bei schummrigem Licht lesen. Außerdem finde ich eBooks eine tolle Art, auch kostengünstig zu lesen, wenn man sich die gedruckte Version nicht leisten kann, weil es immer wieder super Angebote gibt. Da schlage auch ich gern zu. Der einzige Nachteil daran: Der Stapel ungelesener Bücher wird immer größer.
Carolin Frey – Ihr Debüt
Mehr von Rowohlt findet ihr hier.
Interview geführt von Sanni @sound.of.closing.doors
