Sophienlust
– 64 –

Die Bewährungsprobe

… für den »schweren Jungen« aus gutem Hause

Susanne Svanberg

Impressum:

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Originalausgabe: © Kelter Media GmbH & Co.KG, Hamburg.

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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74092-385-3

»Warum hast du es getan?« Richter Hans Melling schaute über den Rand seiner starken Brille und musterte den Jugendlichen eingehend. Es war nicht das erste Mal, daß sich Bernd Larenberg vor dem Jugendgericht verantworten mußte. Er tat es mit verblüffender Kaltschnäuzigkeit.

»Antworte bitte«, forderte der Vertreter der Staatsanwaltschaft in rauhem, unfreundlichem Ton.

Bernd Larenberg schwieg und grinste. Er hatte die Erfahrung gemacht, daß er damit die Erwachsenen ungeheuer reizte. Frech und unbeteiligt sah er in die Runde. So, als ginge ihn diese Verhandlung überhaupt nichts an.

»Hast du nicht gehört?« rief der Mann, der Bernd gegenüberstand. »Warum hast du das Mofa gestohlen und warum die Ersatzteile von anderen Fahrzeugen?«

Das Grinsen in Bernds Lausbubengesicht verstärkte sich.

Er sieht nicht anders aus als andere Jugendliche, überlegte Richter Melling. Er trägt Jeans, ein billiges T-Shirt und Sportschuhe, obwohl sein Vater mehrfacher Millionär ist und seine Mutter die eleganteste Frau der Stadt. Er bekommt mit Sicherheit mehr Taschengeld, als er verbrauchen kann, und trotzdem stiehlt er. Warum?

Grübelnd sah Melling in das frische, junge Gesicht. Es war nichts Unsympathisches zu entdecken. Nur der Blick der braunen Augen war voller Haß und Herausforderung. Warum? Was ging in diesem Jungen vor? Er legte es darauf an, die Erwachsenen zu provozieren. Weshalb?

Richter Melling schob die Brille wieder hoch. »Du hast weder das Mofa noch die Ersatzteile gebraucht. Warum hast du sie genommen?«

Es herrschte Stille im kleinen Gerichtssaal. Vielleicht war es das, was Bernd zum Antworten bewog. Vielleicht war es auch die Art, wie Richter Melling mit ihm sprach. Er behandelte ihn mit jener Mischung von Nachsicht und Respekt, die Bernd ansprach.

»Nur so zum Spaß!« erklärte er selbstbewußt.

»Da haben wir es. Nur so zum Spaß bestiehlt dieser Junge seine Mitschüler. Er zeigt nicht die geringste Reue, und wenn wir ihn nicht empfindlich strafen, wird er in ein oder zwei Jahren wegen schweren Einbruchs, wegen Totschlags oder Mordes vor uns stehen.« Der Vertreter der Anklage warf Bernd einen verächtlichen Blick zu. »Für Bernd Larenberg ist es ein Sport, das Eigentum anderer anzugreifen. Er leugnet es nicht und schämt sich nicht, er macht sich sogar noch wichtig. Er ist ein Rowdy übelster Sorte.«

Jugendrichter Melling blätterte in den Akten, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Er war ein warmherziger Mann, der gern an den Sieg des Guten glaubte. Häufig wurde er enttäuscht, doch manchmal erlebte er auch angenehme Überraschungen. Auf jeden Fall war er entschlossen, nichts unversucht zu lassen, um Bernd zu helfen. Er war bereit, für dieses Ziel ungewöhnliche Wege zu gehen.

»Bei der letzten Verhandlung haben wir eine Geldstrafe beschlossen, die jedem von uns als Abschreckung erschien. Hat sie dein Vater bezahlt?«

Bernd schüttelte den Kopf. Wenn er an seine Eltern dachte, wurde ihm heiß und kalt. Denn sie wußten von allem nichts. Er fing alle Briefe mit unangenehmem Inhalt geschickt ab und fälschte die nötigen Unterschriften.

»Du hast sie also von deinem Taschengeld beglichen. Ich muß annehmen, daß es dir nicht schwergefallen ist.«

Gleichgültig zuckte der Junge mit den Schultern. Er war groß und schmal, und man sah, daß er noch lange nicht ausgewachsen war. Vermutlich würde er einmal die imposante Größe seines Vaters noch überbieten.

»Wir müssen uns also etwas anderes einfallen lassen, um dir zu der Einsicht zu verhelfen, daß es unfair ist, seine Mitschüler zu bestehlen.« Richter Melling wußte, daß gute Worte hier wenig halfen. Auch drastische Strafen wie die Verweisung vom Gymnasium machten auf Bernd keinerlei Eindruck. Er war verstockt wie kaum ein anderer. Doch warum? Dieser Junge war umsorgt und behütet aufgewachsen, hatte niemals Not gelitten, war in einer Familie groß geworden, die zu den reichsten und vornehmsten der Stadt gehörte. »Ich schlage vor, daß du als Strafe vier Wochen ehrenamtlichen Arbeitseinsatz im Kinderheim Sophienlust leistest.«

»Kinderheim? Sehe ich aus wie ein Säugling?« Bernd blies die Backen auf.

»Du wirst dort nicht betreut werden, sondern arbeiten.«

»Sophienlust? Was für ein Heim ist das?« erkundigte sich der Verteidiger des Jungen.

»Ein vorbildlich geführtes privates Kinderheim«, antwortete Melling ruhig. »Ich kannte die frühere Besitzerin persönlich. Sie hat das Haus mit all seinen Ländereien dem Urenkel Nick vererbt und zur Auflage gemacht, daß dort ein Heim für elternlose Kinder eingerichtet wird. Da Nick selbst noch ein Kind ist, verwaltet seine Mutter, Denise von Schoenecker, den Besitz. Sie hat im Umgang mit Jugendlichen viel Erfahrung, und ich hoffe, daß Bernd bei ihr einiges lernen wird. Vor allen Dingen aber wird das Verhalten der anderen Jugendlichen für ihn ein gutes Beispiel sein.«

»Ich lasse mich doch nicht in einen Kindergarten stecken«, protestierte Bernd entrüstet.

»Diese Strafe erscheint mir etwas sehr milde.« Der Vertreter der Anklage schüttelte den Kopf. »Früher hätte man solche Burschen in ein Straflager geschickt. Gar nicht hart genug kann man ihn anfassen, damit er endlich begreift, daß auch ein Larenberg sich nicht alles erlauben kann.«

Jetzt mischte sich der Verteidiger wieder ein. »Ich bin auch dafür, daß wir diesem Jungen eine letzte Chance geben, sich zu bessern«, erklärte er gegen seine eigene Überzeugung. Am liebsten hätte er sich der Meinung des Anklagevertreters angeschlossen, denn er hielt Bernd Larenberg für einen aufsässigen Jugendlichen, der sich ohne Zweifel zum Verbrecher entwickeln würde. Güte und Nachsicht zu üben, war hier doch reine Verschwendung. Das bewies schon die Tatsache, daß Bernd immer wieder rückfällig wurde.

Der Ankläger nickte widerstrebend. »Ich bin einverstanden, aber ich fordere zusätzlich eine Geldstrafe.«

Bernd Larenberg stampfte zornig mit dem Fuß auf. »Ich will aber nicht in ein Kinderheim. Und Sie können mich nicht zwingen…«

»Da täuschst du dich aber gewaltig. Man kann dich noch zu ganz anderen Dingen zwingen. Zum regelmäßigen Schulbesuch zum Beispiel.« Feindselig sah der Vertreter der Anklage auf Bernd.

»Selbst wenn mich die Polente abholt und in die blöde Schule schleppt, passe ich trotzdem nicht auf, und die Lehrer haben auch nichts zu lachen.« Bernd grinste hämisch.

»Das Problem ist uns ja bekannt. Bernd stört den Unterricht so nachhaltig, daß die Lehrkräfte kapitulieren. Ich fürchte, das wird im Kinderheim Sophienlust nicht anders sein.«

»Warten wir’s ab.« Richter Melling dachte an das Gespräch, das er mit Denise von Schoenecker geführt hatte. Diese Frau, die nicht nur klug, sondern auch schön und charmant war, erzog ihre Kinder mit Liebe und Güte und kannte keine Probleme. Warum sollte das gute Verhältnis, das in Sophienlust

herrschte, nicht auch auf Bernd Larenberg abfärben?

»Du trittst deinen Dienst am nächsten Montag an, Bernd«, fügte der Richter hinzu.

»Nein. Ich weigere mich.« Bernd schaute auf seinen Verteidiger. »Biegen Sie das ab!« herrschte er den Mann an.

Der schüttelte bedauernd den Kopf.

*

Mit erstaunlichem Eifer schleppten Nick und die größeren Kinder von Sophienlust Tisch und Stühle aus dem Speisesaal und stellten sie in der Halle auf. Während der Renovierung des großen Raumes würde man die Mahlzeiten hier einnehmen.

Frau Rennert, die Heimleiterin, überwachte den Transport der Möbel.

»Tante Ma, wo soll die Pflanze hin?« fragte Angelika, die mit Pünktchen zusammen einen schweren Kübel wegzutragen versuchte. Beide Mädchen keuchten und hatten hochrote Gesichter.

»Den Philodendron bringt Justus in den Wintergarten, denn für euch ist es zu schwer. Nehmt lieber die Blumentöpfe von der Fensterbank. Sie kommen auch in den Wintergarten.« Frau Rennert lächelte den Kindern freundlich zu.

Pünktchen und Angelika, die beide keine Eltern mehr hatten, lebten seit vielen Jahren in Sophienlust. Das ehemalige Gut-Larenberg war ihnen zur zweiten Heimat geworden. Sie fühlten sich wohl in der großen Gemeinschaft und vermißten nichts. Pünktchen, deren richtiger Name Angelina Domin war, erinnerte sich kaum noch an ihre Eltern. Bei Angelika dagegen sorgte der ältere Bruder Michael dafür, daß die Erinnerungen an die Familie nicht ganz erlosch. Michael studierte in Heidelberg und kam nur in den Semesterferien nach Sophienlust. Dann war das Wiedersehen mit seinen jüngeren Schwestern Angelika und Vicky besonders herzlich. Vicky, zwei Jahre jünger als Angelika, hatte sich den kleineren Kindern angeschlossen, die mit Schwester Regine einen Spaziergang machten.

Denise von Schoenecker, die das Kinderheim verwaltete, beteiligte sich selbstverständlich auch an den Arbeiten. Sie kam täglich von Gut Schoeneich, wo sie mit ihrer Familie wohnte, herüber. Die Kinder liebten sie sehr und nannten sie zärtlich »Tante Isi«. An diesem Nachmittag trug Denise eine Schürze, die Köchin Magda gehörte und die ihr viel zu groß war. Der Stoff bauschte sich um Denises schlanke Taille, und die Träger rutschten ihr immer wieder über die Schultern.

»Wenn die Maler hier fertig sind, werden wir die Vorhänge erneuern«, erklärte Denise mit einem Blick auf die Gardinen, die eben von zwei Hausmädchen abgenommen wurden.

»Oh, das wollte ich Ihnen schon vorschlagen«, sagte jetzt Frau Rennert erfreut. »Ich befürchte nur, daß die Kosten zu hoch werden.«

»Es geht schon.« Denise nickte ganz zuversichtlich. Glücklicherweise kannte das Heim keine finanziellen Sorgen. »Übrigens werden wir demnächst eine weitere Arbeitskraft bekommen.« Denise trat etwas zur Seite, um ungestört mit der Heimleiterin sprechen zu können.

»Ein neues Hausmädchen?« erkundigte sich Frau Rennert interessiert.

Denise zögerte. »Ich weiß noch nicht. Wahrscheinlich ein Junge. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt.«

Frau Rennert hob die Brauen. »Ein Junge für die Hausarbeit?«

»Ein Jugendlicher, der straffällig geworden ist.« Frau von Schoenecker sprach so leise, daß sie nur von Frau Rennert verstanden werden konnte.

Die Heimleiterin zuckte erschrocken zusammen. »Warum soll dieser Junge ausgerechnet bei uns arbeiten? Er wird unseren Kindern ein schlechtes Beispiel geben.«

»Jugendrichter Melling hat mich um diesen Gefallen gebeten. Wir haben uns vor einiger Zeit über das Problem der Jugendkriminalität unterhalten. Richter Melling war der Ansicht, daß viele gefährdete Jugendlichen sich ändern würden, wenn man es verstünde, auf sie und ihre Probleme einzugehen. Leider haben die Jugendhelfer oft zu wenig Erfahrung und zu wenig Zeit.«

»Das ist bei uns nicht anders.« Frau Rennert machte ein betroffenes Gesicht, denn sie sah den Frieden von Sophienlust bedroht.

»Es soll ein Versuch sein. Der Versuch, einem Jungen zu helfen, an dem die Sozialarbeiter gescheitert sind. Bernd Larenberg ist bockig und unzugänglich.«

»Larenberg? Ist das der Sohn des Unternehmers Larenberg, dem das große Einkaufszentrum gehört?«

»Ja. Horst Larenberg scheint ein tüchtiger Geschäftsmann zu sein. Seiner Frau gehört übrigens die Schönheitsfarm Bellissima.«

»Dieses große Sanatorium in der Nähe von Rimstein?« Frau Rennert schüttelte bekümmert den Kopf. »Was glauben Sie, wie verwöhnt der Junge ist! Er wird uns nur Unannehmlichkeiten machen.«

»Außerdem begreife ich nicht, wie ein Kind, das im Luxus und Überfluß lebt, zum Dieb werden kann.«

»Mit dieser Frage hat sich auch Richter Melling befaßt und kam zu der Überzeugung, daß es Bernd nur getan hat, um auf sich aufmerksam zu machen. Es ist also der Schrei eines Kindes nach Beachtung, nach Zuwendung, nach ein bißchen Liebe. Bernd Larenberg ist reich an materiellen Dingen, aber seine Eltern haben vermutlich keine Zeit für ihn. Unbewußt will er es erzwingen, daß man sich mit ihm beschäftigt.«

»Warum wendet sich Herr Melling dann nicht direkt an die Eltern und bittet sie, etwas für den Sohn zu tun?« Inzwischen waren Frau Rennert und Denise von Schoenecker allein im ausgeräumten Speisesaal. In der Halle wurden Tische und Stühle gerückt.

»Das hat er getan, aber leider ohne Erfolg. Herr Larenberg hat ihm einen Brief geschrieben und ihn gebeten, sich nicht in seine Privatangelegenheiten einzumischen.« Niemand, auch nicht Denise, ahnte, daß Bernd dieses Schreiben geschickt gefälscht hatte. »Wir müssen also in Bernd ein Kind sehen, das Hilfe braucht, wie viele unserer Schützlinge.«

»Wahrscheinlich will sich dieser Junge überhaupt nicht helfen lassen. Er wird unsere Kinder aufhetzen und für Unfrieden und Unruhe sorgen. Wie soll man den Kindern überhaupt erklären, weshalb dieser Junge hier ist?«

»Wir werden ihnen ganz einfach die Wahrheit sagen und sie bitten, für Bernd Verständnis zu haben und freundlich zu ihm zu sein.«

Frau Rennert seufzte besorgt. »Das wird schwer werden.«

»Wenn es wirklich nicht klappt, brechen wir das Experiment ab. Das habe ich mit Herrn Melling vereinbart. Ich möchte natürlich nicht, daß Sie mit Bernd zusätzliche Schwierigkeiten haben.« Nur zu gut wußte Denise, daß Frau Rennert rund um die Uhr für die Schützlinge von Sophienlust im Einsatz war. Sie hatte kaum Freizeit und wollte es auch nicht. Denn in Sophienlust war man eine große Familie. Eine Familie, die alles teilte.

Frau Rennert nickte zögernd. »Versuchen wir es. Wann soll Bernd kommen?«

»Schon nächsten Montag.«

»Ausgerechnet jetzt, wo wir die Handwerker im Haus haben!« stöhnte Frau Rennert.

»Es ist vielleicht ganz gut so. Denn bei einer Renovierung gibt es immer viel Abfall, und da können wir einen Helfer gut gebrauchen.«

»Tante Ma, wo sollen die Teppiche hin?« Fabian, ein schmächtiger Junge mit mittelblondem Schopf und graugrünen Augen blieb an der offenen Tür stehen.

»Bringt sie vorübergehend in den Bastelraum«, bestimmte die Heimleiterin.

»Okay!« Schon war Fabian wieder verschwunden.

*