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Dieser Roman ist für dich, der du ihn unter so vielen anderen ausgewählt hast. Ich habe ihn für dich geschrieben. Danke dafür, dass du ihn lesen willst.
Übersetzung aus dem Spanischen von Anja Rüdiger
ISBN 978-3-492-97805-7
© Elia Barceló, 2016
© der deutschsprachigen Ausgabe:
Piper Verlag GmbH, München 2017
Covergestaltung: U1 berlin / Patrizia Di Stefano
Covermotiv: "Gelbe Tomaten" (Öl auf Leinwand) von Edward B. Gordon. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers
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Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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Prolog
1. Kapitel
Australien. Gegenwart
2. Kapitel
Australien. Gegenwart
3. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Valencia, 1935
4. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Valencia, 1935
Madrid. Gegenwart
5. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Valencia, 1936
6. Kapitel
Madrid. Gegenwart
7. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Lissabon, 1940
8. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Madrid. Gegenwart
Marokko, 1940
9. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Casablanca, 1940
Madrid. Gegenwart
Casablanca, 1940
Madrid. Gegenwart
10. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Rabat, 1941
Madrid. Gegenwart
Rabat, 1941
Madrid. Gegenwart
11. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Rabat, 1943
Madrid. Gegenwart
Madrid. Gegenwart
Tanger, 1943
Madrid. Gegenwart
12. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Madrid. Gegenwart
Casablanca, 1947
Madrid. Gegenwart
13. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Im Süden Marokkos, 1957
Rabat. Gegenwart
14. Kapitel
La Mora. Rabat. Gegenwart
Rabat, 1957
Rabat. Gegenwart
La Mora. Rabat. Gegenwart
Rabat, 1961
La Mora. Rabat. Gegenwart
15. Kapitel
La Mora. Rabat. Gegenwart
La Mora, 1969
La Mora. Rabat. Gegenwart
16. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Rabat, 1969
17. Kapitel
Madrid. Gegenwart
Rabat, 1969
Madrid. Gegenwart
La Mora, 1979
Madrid. Gegenwart
Madrid, 1981
Epilog
Madrid. Gegenwart. Zwei Jahre später
Danksagung
»Das habe ich getan«, sagt mein Gedächtnis. »Das kann ich nicht getan haben«, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich … gibt das Gedächtnis nach.
F. W. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, 1886
… hasta que llega un niño y se pone a hurgar con un palito en lo que tanto trabajo nos ha costado enterrar en el jardín trasero …
… bis ein Kind kommt und mit einem Stock in dem herumwühlt, was wir mit so viel Mühe im hinteren Garten vergraben haben …
Julio Cortázar
Freedom’s just another word for nothing left to lose.
Kris Kristofferson
Gestern habe ich von La Mora geträumt. Es war einer dieser Träume, die zunächst völlig real erscheinen und gleichzeitig wie eine Entdeckungsreise sind, weil sie nicht nur jene Euphorie erzeugen, etwas lieb und teuer Gewordenes wiederentdeckt zu haben, sondern auch das wunderbare Erstaunen über alles Neue, darüber, was schon immer existiert hat, das zu entdecken man zuvor jedoch nicht in der Lage war.
La Mora glitzerte wie ein Juwel tief unten in einem See, was zugleich absolut real und völlig unmöglich schien. Die Wasseroberfläche war unruhig; Wellen und Lichtspiegelungen enthüllten immer wieder etwas, was nicht dort sein sollte, aber dennoch vorhanden war, um es gleich wieder zu verbergen.
Ich folgte dem Verlauf der Wege und betrachtete die Brunnen, die Laternen aus Metall und buntem Glas, die in den Bäumen hingen, und die gefliesten Bänke, die mit blauen, grünen und schwarzen geometrischen Mustern verziert waren. Alles stand in voller Blüte, und ich wusste, dass ich in der schönsten Jahreszeit gekommen war, im frischen und duftenden atlantischen Frühling, der später unter der heißen Sommersonne verdorren würde, nun jedoch seine Reize voll entfaltete und sämtliche Sinne des Betrachters erfreute, des seltenen Spaziergängers, der sich von der reinen Schönheit des Lebens gefangen nehmen ließ, das nach dem lethargischen Winter neu erstand.
Schließlich hielt ich unter einem der Bäume inne, deren Namen ich nicht wusste und der über und über mit kugelförmigen rosafarbenen Blüten bedeckt war, als wäre es Weihnachtsschmuck, und genoss die Stille, die vollkommene Ruhe in jenem Garten, der einer der verwunschenen Gärten aus den Märchen zu sein schien. Aus einem orientalischen Märchen, das außer mir niemandem Einlass gewährte.
Die laue Meeresbrise versetzte die Äste in den Baumkronen in Bewegung, ließ die Spitzen der Zypressen vor dem makellos azurblauen Himmel hin und her schaukeln und strich durch die Palmenwedel, wobei jenes Geräusch erklang, das sich mit geschlossenen Augen wie Regen anhört. Dabei brachte der Wind von einem fernen Ort einen würzigen Nelkenduft mit, der sich mit dem Salzgeruch des Meeres mischte.
Ich wusste, dass sich niemand in diesem Garten aufhielt und auch nie jemand kommen würde, dass all die Magie nur für mich da war. Daher lachte ich vor Freude und rannte die Wege entlang, wobei sich hinter jeder Biegung ein bisher unbekannter Anblick bot: ein Buchsbaumlabyrinth, in dessen Mitte sich eine Sonnenuhr befand, ein großes rechteckiges Wasserbecken mit weißen Seerosen und einem Springbrunnen am anderen Ende, dessen diamantener Wasserregen in der Sonne glitzerte, ein Marmorpavillon mit einem wunderbaren Ausblick auf das Meer und einen einsamen Strand, eine römische Büste in einer Nische, die mit einer duftigen Wolke aus Teerosen bekleidet war.
Doch plötzlich wurde mir die Einsamkeit schwer, und ich war von dem intensiven Wunsch beseelt, diese Schönheit mit jemandem zu teilen, obwohl ich wusste, dass ich alle verlassen hatte, dass es meine Schuld war, dass niemand kommen würde, um mit mir die Last jener Schatten zu teilen, die unter den Büschen hervorkriechen würden, um sich der schönsten Ecken zu bemächtigen und alle diese Statuen und Blumen in Finsternis zu hüllen.
Ich rannte weiter und versuchte das Haus zu finden, um darin Schutz zu suchen. Denn ich wusste, dass es irgendwo ein Haus gab und dass es mir gehörte. Die Schatten verfolgten mich, und sie waren heiß und hungrig und seltsam lebendig.
In der Eile stieß ich an einen Brunnen und landete mit dem Gesicht im kalten Wasser. Als ich mich wieder aufrichtete, entdeckte ich in der Tiefe etwas Glänzendes, etwas, was zwischen den leuchtend grünen Algen auf dem Grund glitzerte. Ich steckte die Hand ins Wasser und tastete nach dem funkelnden Etwas, doch das Wasser verdunkelte sich immer wieder, und die Schatten kamen näher.
Endlich schlossen sich meine Finger um etwas Metallisches, Kaltes. Ich zog es zwischen den ineinander verschlungenen Wasserpflanzen hervor, und als ich die Hand öffnete, um nachzusehen, worum es sich handelte, stellte ich fest, dass sich das Wasser rot verfärbt hatte, genau wie meine Hand, die blutete, während ich eine goldene Kette darin hielt, an der mehrere blutige, golden schimmernde Münzen hingen.
Ich ließ das Schmuckstück in den roten Brunnen fallen, und als ich den Blick hob, sah ich deinen Schatten, der mich mein ganzes Leben lang begleitet hat und den zu bannen mir niemals gelungen ist.
Dann erwachte ich in der Dunkelheit eines Zimmers, das nicht meines war, und begann haltlos zu weinen.
Sie hatte schlecht geschlafen, sich im Bett hin und her gewälzt und war immer wieder kurz aufgewacht, voller Angst, abermals in einen dieser beunruhigenden Träume zu fallen, die keine echten Albträume waren und deren Inhalt sie gleich darauf schon wieder vergaß. Sie hinterließen jedoch eine diffuse Angst, eine gewisse Unruhe, als ob die Schatten, die sie seit jeher begleiteten und die sie ihr ganzes Leben lang durch die Malerei hatte bannen wollen, Gestalt annehmen und aus der Dunkelheit treten würden, um sie im hellen Tageslicht anzufallen und gierig zu verschlingen.
Sie hätte sich nicht überreden lassen sollen. Dann wäre sie nun in ihrem eigenen Bett aufgewacht, in ihrem Haus. Nachdem sie eine Weile im See geschwommen wäre, hätte sie ihr Atelier aufgesucht und sich wieder dem Bild gewidmet, das sie in der vergangenen Woche begonnen hatte. Stattdessen befand sie sich in einem Hotel in Sydney, um sich in weniger als einer Stunde an einen beunruhigenden, seltsamen Ort zu begeben, auf der Suche nach etwas vielleicht Unerreichbarem, das auf jeden Fall viele alte Wunden aufreißen würde. Wunden, die sie mit großer Umsicht gepflegt hatte, bis sie zu verschrumpelten Narben in ihrer Seele wurden und für nahezu alle anderen unsichtbar blieben.
Warum willst du die Vergangenheit aufrühren, Helena?, fragte sie sich, während sie in dem großen Spiegel am Schminktisch ihr Spiegelbild betrachtete. In deinem Alter und mit deiner Erfahrung müsstest du doch wissen, dass man die Vergangenheit nicht ändern, dass man sie nicht einmal begreifen kann. Dass die meisten Geschehnisse so weit verblasst sind, dass nicht einmal du selbst weißt, ob alles tatsächlich so war, wie du dich erinnerst, oder ob sich die Ereignisse mit der Zeit durch das häufige Erzählen immer mehr verändert haben. Irgendwann waren sie dann ganz anders, eine andere Geschichte, die du selbst gewählt hast, indem du gewisse Einzelheiten weggelassen, andere gestrafft und versucht hast, das Ganze irgendwie in Zusammenhang zu bringen. Diese eigenartige Manie der Menschen, in allem einen Sinn zu suchen, dieser Impuls, der uns den Wolken im Sommer, den Flecken an der Decke und den Rissen in den Wänden und sogar der Oberfläche des Mondes bestimmte Formen zuschreiben lässt. Parädolie nennt man dieses Phänomen. Den gleichen Impuls, der uns glauben lässt, dass unser Leben ein zusammenhängendes Ganzes ist, dass es einen Sinn hat, dass alles, was uns widerfährt, einen positiven Effekt hat, etwas, das nur eintritt, wenn wir alle jene Momente des Schmerzes, der Opfer, des Scheiterns und des Verzichts durchgemacht haben.
Wärst du heute dieselbe, wenn das, was in jener Nacht im Jahr 1969 passiert ist, nicht geschehen wäre? Wenn Alicia nicht zu Tode gekommen wäre, wärst du dritte Teilhaberin des Unternehmens geworden, hättest dich um die Verwaltung gekümmert und nur in deiner Freizeit gemalt. Wäre sie nicht gestorben, hättest du nicht panisch die Flucht ergriffen, hättest Iñigo nicht geheiratet, wärst nicht ungeplant schwanger geworden und hättest nicht alles hinter dir gelassen, um dich in ein Künstlerleben zu stürzen, das dich in den Siebzigerjahren in die ganze Welt führte, als einen der vielen Rucksacktouristen, die damals in Massen durch Asien reisten. Auf der Suche nach etwas, was Asien ihnen nicht geben konnte, weil sie selbst es nicht besaßen. Du hättest nicht so viele Liebhaber gehabt, so viele gescheiterte Beziehungen hinter dir. Oder vielleicht doch, denn möglicherweise liegt der Jagdinstinkt in deiner Natur und hätte dir, wenn du ein konventionelleres Leben geführt hättest, viel mehr Probleme bereitet. Denn selbst den modernsten Ehemann stört es dann doch, wenn seine Frau sich derartige sexuelle Freiheiten herausnimmt.
Sie schüttelte den Kopf und schminkte sich die Lippen in dem neuen Orangerot, das ihre gebräunte Haut zum Erstrahlen brachte. Hör auf, dir damit das Hirn zu zermartern! Du hast dich bereits entschieden. Dein Leben ist, wie es ist, und es ist nicht schlecht. Jetzt noch dieses verdammte Seminar, dieser Workshop oder was auch immer, und dann auf nach Spanien, zur Hochzeit der Kleinen. Ein paar Tage Madrid genießen, sehen, ob sich das mit der Ausstellung konkretisiert, bevor es zurück nach Hause geht, nach Adelaide, um weiterzuarbeiten. Die Vergangenheit ist abgeschlossen. Du wirst nie erfahren, was in jener Nacht geschehen ist. Du wirst eines Tages sterben, ohne es zu wissen, und im Grunde ist es auch gleichgültig. Wir Menschen müssen lernen, mit unserer Unwissenheit zu leben. Schluss, aus! Und jetzt los!
Sie verließ das Hotel so früh, dass ihr noch jede Menge Zeit bis zum vereinbarten Termin blieb. Dieser verdammte, von ihrem Vater eingetrichterte Pünktlichkeitswahn, der immer betont hatte, dass Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige sei. Der Könige – typisch für die Überheblichkeit ihres Vaters, die sie auch von ihm geerbt hatte.
Es war ihr immer noch selbst ein Rätsel, warum sie Carlos’ stetigem sanftem Druck nachgegeben und sich zu dieser Familienaufstellung angemeldet hatte, das sie ein komplettes Wochenende kosten würde. Dabei wusste sie nicht einmal, worum genau es sich dabei handelte. Eine Art Psychotherapie, ein außergewöhnliches Gruppenerlebnis, etwas von dem Zeug, das sie mit dem Wort New Age assoziierte, irgend so einem Quatsch, um den Menschen das Geld aus den Taschen zu ziehen, Männern und Frauen, aber vor allem gut situierten, leichtgläubigen Frauen mittleren Alters. Schrecklich!
Aber nun wirklich Schluss mit den Grübeleien! Sie hatte sich darauf eingelassen, und jetzt musste sie sich damit abfinden. Egal, ob es irgendetwas nutzte oder nicht.
Sie wandte dem Meer den Rücken zu und drang in das Gassengewirr von The Rocks ein, dem historischen Hafenviertel Sydneys, bis sie zu der auf der Einladung angegebenen Adresse gelangte, einer türkisfarben gestrichenen Holztür mit einem einfachen Schild aus mattem Metall. Dort stieg sie eine enge Treppe hinauf, ohne irgendwo klingeln zu müssen.
Leises Stimmengewirr war zu hören, das durchweg weiblich klang. Und tatsächlich! Beim Eintreten sah sie sich vier Augenpaaren gegenüber, die zu vier Frauen gehörten, die sie anlächelten und sie offensichtlich zum Näherkommen ermunterten, nachdem sie tatsächlich zu erscheinen gewagt hatte. Genau, wie sie es erwartet hatte. Furchtbar!
Sie lächelte ebenfalls, obwohl sie es vorgezogen hätte, schreiend die Flucht zu ergreifen, und sofort kam die Gruppenleiterin mit ausgestreckter Hand auf sie zu. Es war eine knochige große Frau mit langem grauem Haar, das ihr, zum Pferdeschwanz gebunden, auf den Rücken fiel. Sie war in eine Art losen violetten Sack gekleidet und trug darüber eine Aborigineskette. Sicher war sie um einiges jünger als sie selbst, doch das ungefärbte Haar und das formlose Kleid machten sie älter, als sie wirklich war. Sie hatte diese halb esoterische Art, die Helena auf die Palme brachte, schien sich aber aufrichtig zu freuen, sie zu sehen. Wahrscheinlich weil sie bereits die Überweisung des Honorars für das Wochenende erhalten hatte. Und das war nicht gerade gering.
»Herzlich willkommen. Ich bin Maggie. Ich freue mich, dich hier begrüßen zu dürfen. Und du bist?«
»Helena. Helena Guerrero.«
»Super. Du kommst aus Adelaide, richtig?«
»Genau.«
»Sprichst du fließend Englisch?«
»Sicher.« Sie empfand die Frage beinahe als beleidigend. Doch gleich darauf fiel ihr ein, dass ihr Name nicht gerade angelsächsisch klang und Maggie ja nicht wissen konnte, dass sie bereits seit mehr als zwanzig Jahren in Australien lebte und seit über vierzig Jahren Englisch sprach.
»Gut, dann mach es dir bequem. Die Sitzungen werden in dem Raum hier rechts stattfinden, du kannst dich hinsetzen, wo du möchtest. In den Pausen gibt es hier draußen Wasser, Tee, Kaffee und Säfte und ein paar süße und herzhafte Kleinigkeiten zu essen. Ach ja, und Trockenfrüchte. All das ist in dem Preis inbegriffen, den du bereits bezahlt hast.« Maggie lächelte ihr noch einmal zu, bevor sie sich einer weiteren neu angekommenen Teilnehmerin zuwandte und Helena an der Tür stehen ließ, die in den Raum führte, in dem sie die nächsten drei Tage verbringen würde.
In dem großen Saal von etwa sechzig Quadratmetern mit Fenstern an drei der vier Wänden standen an die zwanzig Stühle im Kreis. Sieben von ihnen waren bereits besetzt – von fünf Männern und zwei Frauen, die freundlich nickten, als sie Helena eintreten sahen.
Nachdem sie sich zuerst auf dem Stuhl niederlassen wollte, der der Tür am nächsten stand, entschied sie sich schließlich für den genau in der Mitte des Kreises. Sie hatte keine Ahnung, ob die Gruppenleiterin aus dem gewählten Platz irgendwelche Schlüsse zog. Aber lieber galt sie als arrogant, weil sie sich den Stuhl in der Mitte ausgesucht hatte, als dass man ihr Furcht unterstellte, weil sie dicht neben dem Ausgang saß.
Nach und nach trafen die anderen Kursteilnehmer ein, bis jeder Stuhl besetzt war. Achtzehn an der Zahl. Sechs Männer, zwölf Frauen und Maggie. Alle wirkten völlig normal, dennoch ertappte Helena sich bei dem Gedanken, ob es sich nicht vielleicht doch um verkleidete Psychopathen handelte. Was für ein Quatsch!, rief sie sich selbst zur Ordnung. Carlos hatte bereits mehrere Familienaufstellungen hinter sich und war kein bisschen verrückt. Genau wie sie selbst, die sie schließlich auch gerade im Begriff stand, an einer solchen Sitzung teilzunehmen. Höchstwahrscheinlich waren alle Anwesenden vernünftige Menschen, die etwas über sich selbst herausfinden wollten oder die sich schon lange vergeblich bemühten, einen seelischen Schmerz zu überwinden, ein Trauma, eine Wunde, die nicht vernarbte. Oder sie hatten beschlossen, einmal etwas Unkonventionelles zu tun und einen solchen Kurs zu belegen. Für sie zumindest schien dies etwas Unkonventionelles zu sein. Wobei sie aus dem Verhalten verschiedener anderer Kursteilnehmer schloss, dass sie nicht zum ersten Mal gekommen waren. Und falls einige zum wiederholten Mal hier waren, bewies das möglicherweise, dass die Sache gar nicht so übel war.
Helena wusste nicht genau, worauf sie sich einließ, obwohl sowohl Carlos als auch Stefanie wiederholt versucht hatten, es ihr zu erklären. Soweit sie verstanden hatte, handelte es sich um eine Gruppentherapie, die darin bestand, dass nacheinander jeder Teilnehmer ein persönliches Problem zur Sprache brachte, das er lösen wollte und das er in den meisten Fällen bereits seit Jahren mit sich herumschleppte. Die betreffende Person beschrieb den anderen das Problem und wählte dann unter den Teilnehmern diejenigen aus, welche jene Familienangehörigen, Freunde oder Feinde verkörperten, die mit dem Problem konkret in Verbindung standen. Wenn dies geschehen war, wurde angeblich auf mysteriöse, vollkommen unverständliche Art eine Dynamik unter den Teilnehmern in Gang gesetzt, die gewisse Aspekte des Problems zutage förderte, die in vielen Fällen bisher verborgen geblieben waren. Wie Carlos und Stefanie erzählt hatten, hatte das Ganze etwas Esoterisches, weshalb sie sich viele Jahre lang geweigert hatte, an einer solchen Familienaufstellung teilzunehmen. Trotzdem war sie durchaus neugierig, ob das Seminar ihr helfen würde, den schlimmsten Schmerz ihres Lebens zu überwinden, jenen furchtbaren Schmerz, der sich in der Tiefe ihrer Seele festgesetzt hatte und seit ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr ihre Existenz prägte. Ihr Optimismus hielt sich in Grenzen, dennoch glomm in ihrem tiefsten Innern unbestritten ein winziges Licht der Hoffnung. Es ging ihr wie einem kleinen Mädchen, das nicht mehr an das Christkind glaubt und weiß, dass die Geschenke von den Eltern kommen, das sich jedoch immer noch wünscht, dass die Magie existiert.
»Herzlich willkommen«, sagte Maggie und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen. »Seid ihr bereit anzufangen?«
Zwei Tage später war Helena bei zwölf Familienaufstellungen zugegen gewesen und hatte an dreien davon aktiv teilgenommen. Sie hatte die anderen Teilnehmer weinen, lachen, sich auf dem Boden winden, vor Schmerz heulen und sich überglücklich darüber wundern sehen, dass sie auf einmal erkannten, was sie ihr ganzes Leben lang verfolgt hatte. Furchtbare Gespenster aus der Vergangenheit hatten sich erhoben, die die Träume dieser Menschen und damit ihr Leben vergiftet hatten. Einige hatten sich erleichtert und befreit gefühlt, andere hatten noch nicht verstanden, was während der Aufstellung geschehen war. Wieder andere hatten ihre Fragen bisher nicht zu stellen gewagt. In den vergangenen zwei Tagen hatte sich Helena nicht nur die Namen der anderen Teilnehmer gemerkt, sondern in den meisten Fällen war zwischen ihnen eine engere und intensivere Bindung entstanden, als es unter normalen Umständen nach zwei Jahren der Fall war. Von den Schmerzen der anderen zu erfahren, von den Wunden, die auch nach langer Zeit noch ein Leben prägten, hatte sie, von Maggies kundiger Hand geleitet, einander nähergebracht, zumindest die meisten von ihnen.
Helena selbst hatte allerdings wie immer eine gewisse Distanz gewahrt, sich diskret am Rand gehalten. Obwohl sie gemerkt hatte, dass die angewandte Methode hilfreich sein konnte, war es ihr nicht gelungen, sich zu lösen und vor den anderen davon zu sprechen, was sie im Lauf ihres Lebens nur wenigen Freunden und Lebenspartnern erzählt hatte. Außerdem war sie keinesfalls davon überzeugt, dass eine Nachstellung dessen, was im Jahr 1969 geschehen war, den harten Panzer aus Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen aufzubrechen vermochte, der sie seitdem begleitete.
Tatsächlich wollte sie nicht zu jenen Tagen zurückkehren, nicht einmal in ihren eigenen Erinnerungen. Zum glühenden Licht Marokkos, zur Magie jenes Gartens Ende Juli, zu dem Schrecken, der danach kam.
»Möchtest du die heutige Sitzung eröffnen, Helena?«
Beim Klang von Maggies Stimme schreckte sie auf.
»Nein«, sagte sie und verneinte auch in Gedanken.
»Nein? Komm, meine Liebe! Für dich selbst hast du es sicher schon fertig formuliert. Fehlt nur noch, alles laut auszusprechen. Los, wie viele Mitspieler brauchst du? Wer von den anderen soll dich darstellen? Wer soll Helena sein, während du zusiehst?«
Ohne eine bewusste Entscheidung zu treffen, schweifte Helenas Blick in die Runde und ruhte schließlich auf Claire, einer Frau um die dreißig, blond, zierlich, die viel Erfahrung mit derartigen Aufstellungen zu haben schien. Sie war Familientherapeutin, aber Helena hatte sie nicht deshalb ausgewählt. Vielmehr schien diese so zart wirkende Frau eher als jeder andere Teilnehmer dazu befähigt zu sein, ihre Rolle zu übernehmen, obwohl sie beide äußerlich nicht unterschiedlicher hätten sein können. Claire nickte und stand auf.
»Und nun erzähl es uns, Helena!«, forderte Maggie sie auf.
Wie alle Australier, die sie bisher kennengelernt hatte, sprach Maggie Helenas Namen mit behauchtem H und Betonung auf der ersten Silbe aus, während die Spanier nach stummem H auf der zweiten Silbe betonten. Was sie bei vielen Gelegenheiten als störend empfunden hatte, wirkte nun beruhigend auf sie. Als ob die Hélena, die nun ihre Seele bloßlegen würde, eine andere Person wäre.
Am ersten Kurstag hatte sie den anderen erzählt, sie sei Spanierin, habe aber viele Jahre ihres Lebens nicht in Spanien verbracht. Erst habe sie in Thailand, dann in Bali gelebt und sei anschließend nach Australien gezogen. Die Teilnehmer wussten auch, dass sie in ihrer Kindheit in Spanien, Marokko und der Schweiz gelebt hatte. Was sie verschwiegen hatte, war ihr beruflicher Werdegang. Wie es schien, hatte das auch keinen interessiert.
»Es passierte vor vielen Jahren«, begann sie zögernd, »am zwanzigsten Juli neunzehnhundertneunundsechzig, oder besser gesagt zwischen dem zwanzigsten und dem einundzwanzigsten, an dem Tag oder eher in der Nacht, als der erste Mensch den Mond betrat. Damals war ich zweiundzwanzig Jahre alt und verbrachte meine Ferien im Haus meiner Eltern in Marokko, wo ich mich als Kind fast jeden Sommer aufhielt. Meine Eltern, meine Schwester und mein Schwager waren ebenfalls dort. Und jede Menge Freunde unterschiedlicher Nationalitäten. Wir feierten mit einer Gartenparty die Mondlandung. Am Nachmittag hatte meine Schwester das Haus verlassen, um einige Stoffbahnen abzuholen, die wir in Auftrag gegeben hatten, um den Garten für das Fest zu schmücken.« Helena schluckte und blickte zu Boden. »Sie kehrte nie mehr zurück. Am nächsten Tag fand die Polizei ihren Leichnam. Am Strand, zwischen den Felsen, an der Flussmündung unterhalb der alten Festung des Oudaïa. Sie war vergewaltigt worden, und man hatte sie ermordet, wahrscheinlich um ihr das goldene Münzarmband zu stehlen, das sie an jenem Tag trug. Das Armband gehörte mir, ein Erbstück meiner Großmutter, das ich meiner Schwester für das Fest geliehen hatte. Es stand ihr besser als die Perlenkette, die sie geerbt hatte.
Seitdem fühle ich mich …«
Sie brach ab, und alle musterten sie schweigend. Sie warteten darauf, dass sie den Satz beendete.
Maggie ermunterte sie mit einer leicht auffordernden Geste dazu.
»Ich weiß nicht recht … Schuldig, nehme ich an«, schloss sie.
»Weil du noch lebst?«, half Maggie ihr nach einer Minute vollkommenen Schweigens. »Weil du weiterleben durftest und deine Schwester nicht?«
Helena nickte.
»Aber auch … hilflos, dumm, wütend, weil ich nie erfuhr, wer der Täter war, weil ich Alicia nicht rächen konnte«, ergänzte sie. »Seitdem wollte ich mein Leben lang damit abschließen, alles hinter mir lassen. Ich weiß, dass die Geschichte niemals geklärt wird, dennoch … hier bin ich und fühle mich schrecklich.«
Maggie kommentierte Helenas Worte nicht, sondern nickte nur.
»Gut, sag uns, wer wen darstellen soll! Deine Eltern?«, fragte sie.
»Ja.«
»Erzähl uns ein wenig von ihnen!«
»Mein Vater war Kaufmann, Unternehmer … ein Geschäftsmann, der in Spanien nach dem Bürgerkrieg viel Geld verdiente. Er war ein überzeugter Franquist, also politisch rechts, und hatte einen unglaublichen Geschäftssinn. Für Geschäfte jeder Art.« Sie unterbrach sich kurz, um den Blick über die Gesichter der Anwesenden schweifen zu lassen. »Wäre es für dich in Ordnung, meinen Vater darzustellen, Ted?«
Ted stand auf.
»Und deine Mutter?«, fuhr Maggie mit ihren Fragen fort.
»Eine schöne Frau. Mutter, Ehefrau, Hausfrau.« Helena lachte nervös. »Nun ja, Hausfrau in dem Sinn, dass sie den Dienstboten Anweisungen gab, Feste organisierte und die Beziehungen zu den diplomatischen Kreisen pflegte … Solche Aufgaben eben. Sandra, es wäre nett, wenn du sie darstellen könntest.«
»Wer noch?«
»Meine Schwester. Alicia. Meine große Schwester. Eine tolle Frau, viereinhalb Jahre älter als ich. Blond, zierlich, elegant. Sie studierte Modedesign in Mailand und Paris. Sie und mein Schwager führten ein Modehaus, und die Geschäfte gingen gerade richtig gut, als … als es passierte. Könntest du das übernehmen, Lily?«
»Nun fehlt noch dein Schwager, oder?«
»Mein Schwager gehört nicht zur Familie.« Helena presste die Lippen aufeinander. »Ich meine, er ist nicht blutsverwandt. Deswegen gehört er nicht dazu.«
»Hier geht es um familiäre Beziehungen, nicht um Blutsverwandtschaft. Er muss dabei sein.«
Helena schloss die Augen und stellte sich Jean Paul im Jahr 1969 vor: gut aussehend, gebräunte Haut, charismatisch, mit seinem strahlenden Lächeln und dem langen Haar. Nacheinander betrachtete sie die Anwesenden und wählte denjenigen aus, der ihm am wenigsten ähnlich sah.
»Dann mach du es bitte, Tom, wenn es für dich okay ist.«
»Noch jemand?«, hakte Maggie nach.
Helena schüttelte den Kopf.
»Soll auch jemand die Schuld darstellen? Ich habe den Eindruck, dass sie dich all die Jahre über am meisten belastet hat.«
»Wenn es etwas bringt …«
»Versuchen wir es. Fühlt sich einer von euch davon angezogen, die Schuld darzustellen? Danke, Andy! Legen wir los. Komm her, Helena, setz dich neben mich und sieh zu! Beobachte, was geschieht, und dann reden wir darüber.«
Als Helena bei den Aufstellungen der anderen eine bestimmte Person verkörpert hatte, war in ihr sehr wohl bereits das seltsame Gefühle aufgestiegen, von einem Moment zum nächsten nicht mehr dieselbe zu sein. Dennoch war sie jetzt überrascht, dass Ted, der ihren Vater darstellte und selbst ein schwammiger Typ mit Bauch von etwa fünfundvierzig Jahren war, sich gleich zu Anfang zu strecken schien, viel selbstsicherer wirkte und die sportliche, beinahe militärische Haltung annahm, die ihrem Vater bis ins hohe Alter zu eigen gewesen war. Wie konnte Ted wissen, was für ein Mensch ihr Vater gewesen war? Maggie war dies auch sofort aufgefallen, und sie stellte gleich eine Frage.
»Was fühlst du? Wie wirken die anderen auf dich?«
Mit großen, entschiedenen Schritten ging Ted umher, ballte dabei immer wieder die Fäuste und blickte in alle Richtungen.
»Wut. Vor allem Wut, Zorn. Am liebsten würde ich jemandem die Hände um den Hals legen und fest zudrücken.«
»Wem?«
»Ich weiß nicht. Völlig egal. Ich würde gern alles zerstören. Ich muss mich abreagieren, die Wut rauslassen.«
»Willst du deine Frau schlagen? Deine Töchter?«
Die beiden Frauen, die links von Helena saßen und bei dieser Aufstellung nicht mitwirkten, schrien leise auf.
»Er könnte sie misshandelt haben.«
»Nein!«, rief Helena mit lauter Stimme. »Mein Vater hat uns niemals etwas angetan. Meine Mutter hat er regelrecht angebetet. Das ist es nicht.«
Auch Ted reagierte.
»Niemals könnte ich meiner Familie etwas antun.«
»Aber dann diese Wut … Gegen wen richtet sie sich?«
Ted hielt mitten im Raum inne und dachte nach. Inzwischen hatte er leuchtend rote Flecken auf den Wangen, die Sehnen am Hals traten hervor, genau wie die Adern an seinen Schläfen. Der Rest der »Familie« hielt sich weiter am Rand des Geschehens.
»Gegen den Mörder meiner Tochter. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine solche Wut empfunden, einen derart glühenden Zorn, dass ich kaum mehr denken kann. Und … ich weiß nicht … da ist noch etwas, noch jemand, aber ich weiß nicht, wer es ist. Jemand hat mein Leben vergiftet, mich hintergangen. Ich könnte vor Zorn ersticken, wenn ich nur daran denke.«
»Deine Frau?«
»Nein, mit ihr hat dieser Zorn nichts zu tun.«
Es entstand eine kurze Pause. Die Frau, die die ermordete Schwester Alicia darstellte, wandte den anderen den Rücken zu und starrte mit verlorenem Blick aus dem Fenster. Jean Paul stand dicht bei Helena und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Die Schuld drängte sich an die Mutter, die sie vergeblich abzuschütteln versuchte.
»Wenn die Mutter also nicht die Verräterin ist, warum fühlt sie sich dann so schuldig?«, fragte ein Mann namens John aus dem Kreis der Zuschauer.
»Warum fühlst du dich so schuldig?« Maggie richtete die Frage an Sandra, die Helenas Mutter verkörperte.
Sandra rang die Hände, versuchte sich von der Schuld zu lösen und brach mit hängenden Schultern in Tränen aus.
»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass eine furchtbare Last auf mir liegt. Eine Tat, die ich niemals hätte begehen dürfen.« Plötzlich beugte sie sich vornüber und hielt sich mit beiden Händen den Leib.
»Eine heimliche Abtreibung?«, flüsterte jemand.
»Nicht dass ich wüsste«, widersprach Helena, verblüfft von dem Verlauf, den die Familienaufstellung nahm.
»Gab es noch weitere Kinder in eurer Familie?«, fragte Maggie.
»Jetzt, da du es sagst … ja. Zwischen Alicia und mir gab es noch einen Jungen, Goyito, der als kleines Kind an Meningitis starb.«
»Vielleicht fühlt sich deine Mutter schuldig an seinem Tod.«
Helena zuckte mit den Schultern.
»Sie trug jahrelang nur schwarze Kleidung. Dabei war sie bildhübsch und zog sich gern nach der neuesten Mode an. Sie hat sehr lange gebraucht, um Goyitos Verlust zu überwinden, aber sie war vollkommen schuldlos daran. Diese Krankheit führte zu jener Zeit oft zum Tod. Wir Mädchen waren damals noch klein, zumindest ich. Ich kann mich kaum daran erinnern.«
»Und du, Alicia?«
Lily, die junge Frau, die Alicia darstellte, sah über die Schulter nach hinten, blickte für kurze Zeit also nicht mehr aus dem Fenster.
»Ich spüre einen fernen Schmerz, sehr diffus. Nicht stark.«
»Und was noch?«
»Ich möchte weit fortgehen. Ich liebe sie alle sehr, aber ich muss gehen, weg von ihnen, ich fühle mich eingezwängt wie in einem engen Käfig. Komm, Helena, umarme mich! Wir müssen uns verabschieden.«
Helena stand so unvermittelt auf, dass ihr Stuhl krachend umfiel. Maggie legte ihr eine Hand auf den Arm.
»Du noch nicht. Die andere Helena, die, die dich darstellt.«
Claire ging auf Lily zu, und sie umarmten sich fest und lange. Beide lächelten glücklich. Dann löste sich Lily und trat einen Schritt zurück.
»Ich muss gehen, Helena, aber ich werde immer bei dir sein.«
Der echten Helena füllten sich die Augen mit Tränen, während die Helena in der Gruppe der Darsteller sich in Jean Pauls Arme warf, der sie mit versteinertem Gesicht tröstete. Die Schuld entfernte sich langsam von der Mutter und stellte sich hinter die beiden, ohne sie zu berühren. Doch sie musterte sie eindringlich.
»Was fühlst du als Alicias Ehemann?«, fragte Maggie.
»Schmerz. Einen großen Schmerz. Und das Bedürfnis, Helena zu beschützen. Ich möchte an ihrer Seite sein.«
»Du hast nicht das Bedürfnis, an der Seite deiner Frau Alicia zu sein?«
»Sie ist bereits fort. Sie braucht mich nicht.«
Die Mutter näherte sich Alicia mit kurzen, zögernden Schritten von hinten. Sie umarmte sie, ebenfalls von hinten, und stützte das Kinn auf ihre Schulter.
»Verzeih mir!«, flüsterte sie.
»Warum sollte deine Tochter dir verzeihen?«, griff Maggie ein.
»Ich weiß nicht. Das ist mir einfach so über die Lippen gekommen. Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe.«
Maggie drehte sich zu Helena um, die sich mit einer Handvoll zerknitterter Papiertaschentücher die Tränen trocknete.
»Sagt dir das alles irgendwas? Siehst du etwas, das wir anderen nicht interpretieren können? Erkennst du etwas wieder?«
Bevor Helena antworten konnte, stand Martha plötzlich auf und trat entschieden in den Kreis. Sie war eine Frau mittleren Alters, die die ganze Zeit über noch nichts gesagt hatte.
»Maggie, ich gehöre auch dazu. Es fehlt jemand. Kann ich mitspielen?«
Die Gruppenleiterin machte eine einladende Geste mit der Hand.
»Warum? Wer bist du?«, fragte sie.
»Mhm …« Martha ging ein paarmal im Kreis umher, näherte sich sämtlichen anderen Personen und entfernte sich wieder. »Schwer zu sagen … Ich glaube, ich bin kein Jemand …«
Alle blickten sie erwartungsvoll an.
»Ich glaube …«, fuhr sie fort, »ich glaube … ich bin ein Etwas.«
»Ein Etwas?«, fragte Maggie, ohne eine Regung zu zeigen. »Was für ein Etwas?«
»Ich bin ein Schatten. Ja. Das ist es. Ein Schatten.«
Entsetzt starrte Helena die Frau an. Ein Schatten! Martha hatte gesagt, sie sei ein Schatten und gehöre zu der Gruppe. Wie konnte sie wissen, dass es in ihrem Leben immer einen Schatten gegeben hatte, dass es auch auf allen ihren Bildern einen Schatten gab? Sie presste die Hand auf den Mund, um nicht zu schreien, stand auf, floh über den Flur und schloss sich im Bad ein.
Was als Erstes ins Auge fällt, wenn man die Kiste öffnet, ist ein
länglicher cremefarbener Briefumschlag, auf dem in geschwungener alter Schrift, die vor langer Zeit einmal sehr hübsch gewesen sein muss, nun aber verblasst und abgenutzt wirkt, der Name Helena zu lesen ist. Wobei das H mit Schnörkeln und anderen Verzierungen geschmückt ist.
In dem Umschlag befindet sich eine beträchtliche Anzahl dünner Papierseiten, die mit derselben Schrift beschrieben sind, allerdings in verschiedenen Farben, und mit deutlichen Veränderungen in der Handschrift, als ob sie zu verschiedenen Gelegenheiten oder sogar über Jahre hinweg bearbeitet worden seien.
Auf der Rückseite wurde der Umschlag mit einem Lacksiegel verschlossen. Es ist ein violettes Siegel und trägt den deutlichen Abdruck eines Buchstabens. Eines B.
Das Foto – schwarz-weiß mit wellenförmigem Rand – zeigt ein Ehepaar mit seinen beiden Töchtern vor den Torres de Serranos in Valencia.
Die Eltern sind nicht viel älter als dreißig, doch aufgrund ihres Kleidungsstils, ihrer Frisuren und der Haltung, mit der sie in die Kamera blicken, wirken sie wesentlich älter. Sie scheinen eher auf die fünfzig zuzugehen, statt die Zwanziger knapp hinter sich gelassen zu haben. Die Mutter, eine zierliche kleine Frau, trägt ein weites Hängerkleid in einer hellen Farbe, dichte weiße Strümpfe und einen eng am Kopf anliegenden kleinen Glockenhut, aus dem an der Stirn einige hübsche Locken hervorlugen. Die Lippen sind herzförmig geschminkt und zu einem leicht schüchternen Lächeln verzogen. Sie trägt eine Handtasche unter dem Arm, während eine Hand auf der Schulter der jüngeren Tochter ruht und die Finger der anderen Hand mit einer Perlenkette spielen, die ihr fast bis zur Taille reicht.
Der Vater hat trotz seiner jungen Jahre bereits deutliche Geheimratsecken und einen beträchtlichen Bauchumfang. Er ist in einen hellen Sommeranzug mit Weste und Krawatte gekleidet. Auf dem Kopf trägt er einen Panamahut, und in der Hand, die auf der Schulter der anderen Tochter liegt, hält er eine qualmende dicke Zigarre. Er strahlt den entspannten Stolz eines zufriedenen Mannes aus, der es im Leben zu etwas gebracht hat: zu einer Frau, zwei Töchtern und deutlich sichtbarem Wohlstand.
Die Töchter sind gleich gekleidet wie Zwillinge, obwohl die eine unverkennbar zwei oder drei Jahre älter ist als die andere. Die ältere dürfte um die zehn Jahre alt sein, die jüngere etwa sieben oder acht. Beide Kinder tragen leichte Kleider, und jedes von ihnen hat eine große Schleife im Haar. Sie lächeln in die Kamera, die ältere brav, die jüngere schelmisch, was auf den Betrachter sofort äußerst sympathisch wirkt.
Im Hintergrund erheben sich massig und eindrucksvoll die Torres de Serranos. Ringsum sind mehrere Personen mit Hüten und Stöcken zu sehen, außerdem eine Straßenbahn und ein Teil eines schwarzen Autos, das ein Ford sein könnte.
In der rechten Ecke der Fotografie befindet sich das eingestanzte Firmensignet des Fotografen: Martí, Fotografie. Calle Barcas 34.
Auf der Rückseite steht in violetter, bereits ziemlich verblasster Tinte geschrieben: Mama, Papa, Pilar und ich. Fronleichnam 1922.