Das Erdbeben
Port-au-Prince, Haiti, 12. Januar 2010, 16:50 Uhr
Breitbeinig über den Zinkbottich gebeugt stand Aimee Gémin, 28, vor ihrer Hütte und schrubbte Wäsche auf dem alten Waschbrett, das sie vor Jahren von ihrer Großmutter geerbt hatte. Obwohl sie im Schatten stand, rann ihr der Schweiß von der Stirn und tropfte auf ihre Hände. Schon seit über zwei Stunden stand sie hier; doch bald würde sie es geschafft haben. Sie unterbrach ihre Arbeit, wischte sich die Hände an der Schürze trocken und dann mit der Linken den Schweiß von der Stirn. Sie verzog schmerzhaft das Gesicht, drückte stöhnend den Rücken durch und bückte sich nach der Flasche Wasser neben ihr. Nach einem kräftigen Schluck stellte sie die Flasche wieder auf den Boden, holte tief Luft und beugte sich erneut über den Bottich.
Um sie herum tobten ihre Kinder – zwei Jungs und vier Mädchen im Alter von drei bis zwölf Jahren –, die zwischen vor sich hin rostenden Autowracks, halb verbrannten Reifenstapeln und von den letzten Stürmen im Jahr 2008 arg zerfledderten Palmen lautstark Fangen spielten.
Als neben ihr ein vertrockneter Palmwedel zu Boden fiel, schweiften ihre Gedanken zurück in jenes verhängnisvolle Jahr, in dem so viele Tropische Stürme und Hurrikane über Haiti hinweggefegt waren, dass sie Schwierigkeiten hatte, noch alle ihre Namen aufzuzählen. Sie hielt einen Moment inne, schaute nach oben und konzentrierte sich. Ja richtig: Es begann im Mai mit Arthur, im Juli folgten Bertha, Cristobal und Dolly, im August Edouard, Fay sowie Gustav, im September Hanna, Ike, Josephine und Kyle, im Oktober Laura, Marco, Nana, Omar und Sixteen, und im November kam dann noch zum Schluss der Saison Paloma. Siebzehn Stürme, die Hunderte von Menschenleben gekostet und Tausende obdachlos gemacht hatten. Sie dankte Gott noch heute dafür, dass ihre Hütte damals verschont geblieben war. Sie hätte sonst nicht gewusst, wo sie mit ihren sechs Kindern untergekommen wäre.
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Seufzend schob Ann-Katrin Scheffler, 20, ihr Handy in den Ausschnitt ihres Bikinioberteils, lehnte sich auf ihrem Bett zurück und stützte sich auf die Ellbogen. Gerade hatte sie ein Telefonat mit ihrer Mutter in Köln beendet. Die hatte sich wieder einmal minutenlang weinerlich darüber beklagt, dass es drüben in Deutschland seit Tagen bitterkalt sei. Inzwischen seien es schon minus fünf Grad, und sie bekomme die Wohnung kaum noch warm genug, hatte sie geklagt. Die Sonne habe sie auch schon tagelang, ach was, wochenlang nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und überhaupt … das ganze Leben …
Hier in Port-au-Prince dagegen knallte die Sonne erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel, Ann-Katrin schwitzte bei annähernd 40 Grad Celsius. Da sie keine Klimaanlage im Zimmer hatte, war das Fenster weit geöffnet, doch auch das brachte kaum Erleichterung. Als sie vor acht Wochen aus dem novemberkalten Deutschland kommend auf dem Aéroport international Toussaint Louverture aus dem Flugzeug gestiegen war, hatte sie die Hitze wie einen Schock empfunden. Doch mittlerweile hatte sie sich akklimatisiert und an die hiesigen Temperaturen gewöhnt. Sie trug so oft wie möglich nur einen Bikini, zumindest in ihren eigenen vier Wänden.
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Lange hatte Jaques Lafayette, 22, an seinem Haus gebaut. Nun war es endlich fertig. Und es wohnte sich gut darin. Besser jedenfalls als in der rasch und notdürftig aus Wellblech, Brettern und Schrott zusammengezimmerten Hütte, in der er hatte hausen müssen, nachdem der neue Mann seiner Mutter ihn aus deren Haus geworfen hatte. Aus seinem Elternhaus! Obwohl er mit seinem bescheidenen Einkommen als Strandwärter bisher zum gemeinsamen Haushalt beigetragen hatte und seine Mutter bedauerte, dass diese Einnahmequelle nun weggefallen war, hatte jener darauf bestanden, dass die Hütte, die wie üblich nur aus einem einzigen Raum bestand, keinen Platz für einen zweiten Mann habe.
Besonders nicht nachts.
Sein Vater hatte – wie viele Männer im karibischen Raum –, schon vor Jahren, nachdem sich der Hormonrausch der Liebe verflüchtigt hatte, die persönliche Freiheit der Verantwortung für eine Familie vorgezogen. Er war einfach klammheimlich verschwunden. Dass Jaques’ Mutter nun einen neuen, wenngleich viel jüngeren Mann in ihre Arme schließen konnte, war weniger ihrem guten Aussehen als vielmehr der Tatsache geschuldet, dass sie ihn finanziell aushielt.
Über Monate hatte Jaques Abend für Abend und an den Wochenenden mühsam von diversen Baustellen Material zusammengeklaut und Stein für Stein aufeinandergeschichtet, bis er endlich mit seiner Freundin Marie, mit der er schon zwei Kinder hatte, in sein Haus einziehen konnte. Statik? Tragfähiges Fundament? Darüber konnte Jaques nur lachen. In Haiti war jeder, der nicht gerade zwei linke Hände hatte, sein eigener Handwerker.
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Port-au-Prince, Haiti, 12. Januar 2010, 16:51 Uhr
Nur schwer konnte Aimee Gémin ihre Gedanken von jenem verhängnisvollen Sturmjahr losreißen. Angelique, eine ihrer besten Freundinnen, deren Bruder und alle ihre fünf Kinder waren im September vor zwei Jahren bei einem der stärksten Hurrikane jenes Jahres, Gustav, umgekommen. Der Bruder hatte die Frau und ihre Kinder in seinem Auto aus der Stadt in Sicherheit bringen wollen. Doch dabei war das Auto auf einer Brücke über den Fluss Artibonite von einer gewaltigen Sturmbö erfasst und quer über die Straße auf die andere Seite geschleudert worden, hatte das Geländer durchbrochen und war in die Tiefe gestürzt. Alle sieben Insassen waren auf der Stelle tot gewesen.
Mit einem Seufzer senkte sie ihren Blick wieder auf die Arbeit vor ihr. Um die sich anbahnenden Tränen zu unterdrücken, presste sie ihre Lippen fest aufeinander und schrubbte fast wütend das letzte Kleidungsstück über das Waschbrett. Dann trocknete sie ihre Hände an der Schürze, eilte in die Hütte und kam mit einem großen geflochtenen Korb wieder. Mit all ihrer Kraft wrang sie Wäschestück für Wäschestück aus und ließ es in den Korb fallen.
„Allez, les enfants! Venez avec moi vers le haut!“ („Auf, Kinder! Kommt mit mir nach oben!“), rief sie ihren Kindern zu, nachdem der Korb voll war. Als sie sah, dass diese auf sie zueilten, bückte sie sich, hievte den Korb mit der Wäsche auf ihre Hüfte und stapfte um die Hütte herum auf die schmale Treppe zu, die auf das Flachdach führte. Die Kinder stürmten laut schreiend an ihr vorbei und wetteiferten darin, wer von ihnen zuerst das Dach erreichte.
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Schon seit zwei Monaten arbeitete Ann-Katrin Scheffler im Zuge ihres Freiwilligen Sozialen Jahres für ein Kinderhilfswerk in der Hauptstadt des Inselstaates Haiti. Da sie Kinder über alles liebte, hatte sie sich dafür entschieden, dorthin zu gehen, wo die Not am größten war und die Ärmsten der Armen lebten. Und seit sie in einem Magazin in Deutschland über das Elend der sogenannten Restaveks gelesen hatte, war es für sie klar gewesen, dass sie nach Haiti gehen musste. Diese Restaveks – die kreolische Bezeichnung leitet sich aus rester avec (frz.: bei jemandem bleiben) ab – sind Kinder, die im Haushalt fremder sogenannter Adoptiveltern schuften – ohne Lohn, nur gegen Kost und Logis. Viele von ihnen werden misshandelt, einige fast täglich geschlagen. Sogar sexueller Missbrauch ist nicht selten. Manche von ihnen sind erst fünf, sechs Jahre alt. Sie werden von ihren bitterarmen Familien auf dem Land in die Stadt geschickt, zu völlig fremden Menschen, denen es meist auch nicht viel besser geht, die das Kind aber wenigstens ernähren können. Daneben hoffen die leiblichen Eltern – meist vergeblich –, dass ihr Kind auch zur Schule gehen kann.
Seit zwei Jahren war dieses Kinderhilfswerk, dem sich Ann-Katrin angeschlossen hatte, dabei, durch Spendengelder Heime für solche Restaveks aufzubauen. In diesen wurde nicht nur für Unterkunft und das leibliche Wohl der Kinder gesorgt, sondern auch für deren schulische Ausbildung.
Auch einige junge Männer aus anderen Nationen waren unter den freiwilligen Helfern in Port-au-Prince. Daher hegte Ann-Katrin die leise Hoffnung, unter ihnen vielleicht den Mann kennenzulernen, der ihre familiären Vorstellungen und Ziele, selbst einmal Kinder zu haben, teilte.
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Einerseits freudig erregt, andererseits besorgt schloss Jaques Lafayette seine Marie in die Arme. Gerade hatte sie ihm unter Freudentränen gestanden, dass sie erneut schwanger war.
„Wann … wann ist es so weit? Wann kommt das Kind?“, stieß er hervor und kam dabei ins Stottern, so sehr hatte ihn Maries Geständnis aufgewühlt.
„Ich glaub, ich bin im dritten Monat oder so“, antwortete sie und wickelte sich verlegen eine Haarsträhne um den Finger.
Jaques rechnete nach. „Im Juli?“, folgerte er.
Marie nickte und zuckte zugleich mit den Schultern. „Hm …“
Dass sich seine Familie so schnell vergrößerte, damit hatte Jaques nicht gerechnet und das brachte sein Konzept ein wenig durcheinander. Auf der anderen Seite hatte er als Strandwärter im Kyona Beach Club in der Nähe der Stadt einen festen Job. Der bestand darin, für die wohlhabenden Gäste Liegen und Sonnenschirme aufzustellen, die Segelboote und Jetskis zu verleihen, Schmuck-, Sonnenbrillen- und sonstige Verkäufer vom Strand fernzuhalten und dergleichen. Die Bezahlung war nicht gerade üppig, doch dafür hatte er ein geregeltes Einkommen und konnte so seine Familie ernähren. Daneben bekam er von der einen oder anderen Dame, die ihm in eindeutiger Absicht einen verführerischen Augenaufschlag zuwarf, hin und wieder ein Trinkgeld zugesteckt. Doch Jaques hatte es bisher noch immer geschafft, standhaft zu bleiben. Ihm half dabei ein Standardsatz, mit dem er sich stets gut aus der Affäre zu ziehen wusste: „So sorry, aber Chef will nicht, dass Privat und Job mixen.“ Welche Dame hätte ihm schon das Gegenteil beweisen können?
Als Jaques’ Vater die Familie verließ, war er gerade mal zwölf Jahre alt gewesen, ein Alter, in dem ein Junge seinen Vater eigentlich besonders braucht. Zwölfjährige Söhne sind der Mutter längst entwachsen und orientieren sich jetzt umso mehr am Vater. Wenn sie denn einen haben. Jaques hatte aber keinen und sich daher schon als Zwölfjähriger geschworen, nie so zu werden wie sein Vater, sollte er einmal eine eigene Familie haben.
Er hatte auch jetzt nicht die Absicht, dieses Gelöbnis zu brechen.
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Port-au-Prince, Haiti, 12. Januar 2010, 16:52 Uhr
Während Aimee Gémin begann, auf dem Flachdach ihrer Hütte die Wäsche aufzuhängen, warf sie mit einem Auge immer wieder einen Blick auf ihre um sie herumtobenden Kinder. Und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, was aus ihnen einmal werden würde. Beruflich, aber auch charakterlich. Würden ihre Söhne nach dem Vater kommen und ihre Frauen verlassen, sobald die Schmetterlinge im Bauch zur Ruhe kamen und von einer Blüte zur anderen flattern wie Kolibris? Und würden die Mädchen so leichtgläubig sein wie sie es gewesen war und auf die Liebesschwüre und Zärtlichkeiten des Erstbesten hereinfallen? Ihren Ältesten hatte sie schon mit knapp sechzehn bekommen; nicht wenige haitianische Mädchen werden noch früher schwanger.
Als Alleinerziehende hatte sie es nicht leicht, in der Millionenstadt sechs hungrige Kinder und sich selbst durchzubringen; ganz zu schweigen vom Schulgeld. Da der Schulbesuch in Haiti auch an öffentlichen Schulen Geld kostet, haben auch heute noch ein Viertel aller Kinder keinen Zugang zu Bildung. Von Aimees Kindern durften nur die beiden Jungs zur Schule gehen. Für alle sechs konnte sie das Schulgeld nicht aufbringen.
Und vom Staat hatte sie keine Unterstützung zu erwarten.
Zum Glück hatte sie ein paar Quadratmeter fruchtbaren Bodens um ihre Hütte herum und konnte dort Gemüse anbauen, das sie an einem kleinen Stand an der Straße vor ihrem Grundstück verkaufte. Sie zog Kartoffeln, Süßkartoffeln, Karotten, Zucchini, Salat, Erbsen, Zwiebeln, Zuckerrüben, Maniok, Brokkoli und Karfiol. Und manchmal half sie auch bei einem Bäcker in der Nähe als Verkäuferin aus.
So kam sie einigermaßen über die Runden.
Wenigstens hatte sie ein festes Dach über dem Kopf. Ihr Mann hatte das Haus nach ihrem dritten Kind eigenhändig gebaut. Zwar entsprach es nicht unbedingt den üblichen Baustandards, aber bis jetzt hatte es allen Stürmen standgehalten.
Vor drei Jahren dann hatte ihr Mann von heute auf morgen und ohne ein Wort des Abschieds – wie Zehntausende anderer Männer ebenfalls – das Land verlassen, um in der Dominikanischen Republik Arbeit zu suchen.
Eigentlich war er ja gar nicht ihr richtiger Mann gewesen. Denn sie hatten nie geheiratet. Nur etwa zwölf Prozent aller Paare in Haiti sind verheiratet. Frei zusammenzuleben war hier die Regel und …
In ihre Gedanken hinein hörte sie plötzlich ein Pfeifen, so laut und schrill, wie sie es noch nie zuvor gehört hatte.
Aufgeschreckt hob sie den Blick und schaute über die Stadt.
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Ann-Katrin Scheffler erhob sich vom Bett und trat ans Fenster. Das Haus lag an einem Hang im Stadtteil Baillergeau. Von hier oben hatte sie einen herrlichen Blick über fast die ganze Stadt. Ihr Blick schweifte nach links über den Friedhof Grand Cemetière zum Hafen mit dem Fährterminal, und rechts ganz im Hintergrund konnte sie im Dunst gerade noch den Flughafen erkennen, auf dem sie vor acht Wochen gelandet war.
Ann-Katrin schaute auf ihre Armbanduhr: 16:52. Dann war es zu Hause – sie rechnete rasch nach – jetzt kurz vor elf Uhr abends. Sie fragte sich, ob ihre Mutter gleich nach dem Telefonat zu Bett gegangen war. Schmunzelnd dachte sie daran, dass ihre Eltern – besorgt wie Eltern halt so sind – bis zuletzt versucht hatten, ihr davon abzuraten, das Freiwillige Soziale Jahr in Port-au-Prince zu leisten. „Kind“, hatte ihre Mutter gejammert und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, „warum musst du ausgerechnet in ein Land fahren, das ständig von Katastrophen heimgesucht wird? Denk nur an die vielen … wie heißen diese Stürme gleich wieder? … Hurrikane. Und hatten die nicht auch schon das eine oder andere Erdbeben? Muss es denn ausgerechnet dieses Land sein? Denk an das Sprichwort: ,Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.‘“
Doch ihr Chef hatte ihrer Mutter auf deren Rückfrage versichert, dass das Haus des Kinderhilfswerks, in dem Ann-Katrin und die anderen Mitarbeiter wohnen würden, ein erdbebensicher erbautes Haus sei. Das wiederum habe ihm die Firma zugesichert, die das Gebäude errichtet hatte. Angeblich solle es Erdstößen bis zu einer Stärke von 7 auf der Richterskala standhalten.
Ann-Katrin hoffte im Stillen, dass es nie erforderlich sein würde, den Beweis dafür zu erbringen.
Während ihr Blick nun aus der Ferne zurückkehrte und sie eine ihrer Nachbarinnen dabei beobachtete, wie diese, umgeben von einer Horde um sie herumtobender Kinder, Wäsche auf dem Flachdach aufhängte, vernahm sie urplötzlich ein besorgniserregendes Pfeifen.
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Jaques Lafayette war froh, dass er sein Haus von vornherein so geplant hatte, dass er ohne Mühe weitere Räume anbauen konnte. Damals, zu Hause bei seiner Mutter, hatte er die Enge gehasst. Sie alle, vier Kinder und die Eltern, später nur noch die Mutter, hatten in einem einzigen Raum von vier mal sechs Metern gehaust, der Wohn- und Schlafzimmer sowie Küche in einem war. Tagsüber wurden die Matratzen – richtige Betten gab es nicht – an einer Wand gestapelt, und wenn sie nachts auf dem Boden ausgebreitet waren, war kaum genügend Platz gewesen, um zwischen ihnen hindurchzugehen, musste man mal nach draußen.
Damals hatte er sich geschworen, dass seine Kinder einmal ein eigenes Schlafzimmer haben würden. Besser sogar zwei, nach Jungen und Mädchen getrennt.
Spontan beschloss er, nach draußen zu gehen und mit Steinen und Stangen schon mal die Umrisse des Anbaus abzustecken. Später dann wollte er Marie dazuholen und ihr sein Vorhaben zeigen.
Als er aus dem Haus trat, hörte er mit einem Mal ein ohrenbetäubendes Pfeifen. Irritiert schaute er zum Himmel.
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Port-au-Prince, Haiti, 12. Januar 2010, 16:53 Uhr
Im Bruchteil einer Sekunde schwoll das Pfeifen immer stärker an … und dann brach die Hölle los. Ann-Katrin Scheffler spürte einen Stoß, als wäre eine Bombe von gewaltigem Ausmaß mitten in Port-au-Prince detoniert. Schlagartig bewegte sich das Haus, die ganze Umgebung um sie herum, Putz bröckelte von Wänden und Decke, Staubwolken wirbelten auf und vernebelten die Sicht. Ann-Katrin sah, wie die Frau, die eben noch ihre Wäsche aufgehängt hatte, auf dem schwankenden Dach die Arme hochriss und versuchte, sich schützend über ihre vor Angst brüllenden Kinder zu werfen. Ihre Schreie konnte sie mehr sehen als in diesem infernalischen Lärm hören. Ringsum krachten Gebäude ein, fielen Hütten in sich zusammen wie Kartenhäuser; Menschen, die Gesichter grau von Staub, rannten schreiend und ziellos durcheinander. Über die Straße sah Ann-Katrin den jungen Mann, der erst vor wenigen Sekunden aus dem Haus getreten war, auf dem Absatz kehrtmachen und in das schon bedenklich schwankende Haus rennen. Gleich darauf stürzte er wieder heraus und zerrte eine junge Frau an der Hand hinter sich her. Schreiend rannten die beiden mit anderen die Straße den Berg hinauf in weniger bewohntes Gebiet.
Im nächsten Moment fiel ihr Haus krachend und in einer großen Wolke grauen Staubs in sich zusammen.
Die Wäschefrau lag noch immer über ihre sechs Kinder gebeugt, wie eine Henne über ihre Küken, die Arme wie Flügel weit ausgebreitet auf dem schwankenden Dach. Sie wirkte wie gelähmt, konnte sich anscheinend nicht bewegen und Ann-Katrin hoffte, dass die Hütte der Belastung standhielt.
Ein nächster Erdstoß. Wieder stürzten Gebäude und Hütten ein. Jetzt endlich rappelte die Wäschefrau sich auf, brüllte ihren Kindern etwas zu, das Ann-Katrin nicht verstehen konnte, und scheuchte sie die Treppe hinunter. Unten nahm sie das kleinste Mädchen auf den Arm und im Gänsemarsch rannten alle bergauf. Beim dritten Erdstoß nur wenige Sekunden später fiel auch ihre Hütte in sich zusammen.
Dann, auf einen Schlag, war Stille. Als habe jemand einen Schalter umgelegt. Von jetzt auf gleich. Doch die Stille dauerte nur Sekunden. Dann hörte man von überallher verzweifelte Hilfeschreie, Menschen rannten wie verloren über Geröllberge, andere versuchten mit den bloßen Händen im Schutt zu wühlen und Verschüttete zu bergen.
Sirenen heulten. Hier und da loderten Feuer auf.
Wie versteinert klammerte sich Ann-Katrin am Fensterbrett fest, mit blassem Gesicht und verstörtem Blick, und starrte nach draußen auf das Chaos um sie herum. So weit sie blicken konnte nur Schutt und Staub.
Ann-Katrin drehte sich um, lehnte den Rücken an die Wand und schlug ihre Hände vors Gesicht.
Dann brach sie weinend zusammen.
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Port-au-Prince, Haiti, 20. Januar 2010, 21:20 Uhr
Nach einem Zwölfstundentag fiel Ann-Katrin Scheffler fix und fertig in einen Sessel im Gemeinschaftsraum ihrer Unterkunft. Bevor sie gleich unter die Dusche ging, wollte sie zum ersten Mal an diesem Tag ein wenig Ruhe tanken. Seit der Katastrophe vor acht Tagen war sie täglich zehn bis zwölf Stunden im Einsatz gewesen, sogar am Wochenende.
Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen und streckte alle viere von sich.
Inzwischen hatte sie auch schon mehrere Male mit ihren Eltern telefoniert und ihnen versichert, dass sie wohlauf und ihr nichts passiert sei. Dass sie und auch das Haus wie versprochen das Erdbeben heil überstanden habe. Dennoch, oder gerade jetzt erst recht, wolle sie hierbleiben, um vor Ort helfen zu können. Denn hier werde jede helfende Hand mehr gebraucht denn je.
Nachdem sie sich ein paar Minuten ausgeruht hatte, rappelte sie sich auf, um zum Badezimmer zu gehen und zu duschen. Dabei fiel ihr Blick auf eine Zeitung vor ihr auf dem Tisch. Es war eine Ausgabe des in unregelmäßigen Abständen und immer mit einigen Tagen Verspätung hier ankommenden Kölner Rheinanzeigers. Heute, über eine Woche nach der Katastrophe, war, wie sie gleich erkannte, wohl diejenige angekommen, die über das Erdbeben in Haiti berichtete. Denn die Überschrift Tod im Paradies sprang Ann-Katrin förmlich ins Gesicht.
Mit zitternden Fingern griff sie nach dem Blatt und begann zu lesen:
Am 12. Januar verwandelt sich Haitis bevölkerungsreichste Region, die Hauptstadt und Millionenmetropole Port-au-Prince, um exakt 16:53 (Ortszeit) in wenigen Sekunden in ein Leichen- und Trümmerfeld. Das Erdbeben, das die karibische Republik auf der Insel Hispaniola trifft, ist mit Stärke 7 auf der Richterskala eines der schwersten in der Menschheitsgeschichte. Rund 1,5 Millionen Einwohner in einem der ärmsten Länder der Welt verlieren ihr Zuhause. Die Zahl der Toten schwankt zwischen 220.000 und 500.000, so genau weiß das niemand. Denn bei Temperaturen um 40 Grad Celsius bleibt keine Zeit, sie zu identifizieren. Zu Tausenden werden sie in Massengräbern verscharrt oder auf Müllkippen verbrannt. Die Überlebenden vegetieren unter desolaten Bedingungen dahin, sauberes Wasser ist für die meisten Mangelware. Man geht davon aus, dass mindestens ebenso viele Menschen verletzt wurden.
Als die ersten ausländischen Hilfskräfte eintreffen, herrscht ein einziges Chaos. Mit bloßen Händen graben Mitarbeiter von Rettungsdiensten und Einheimische im Schutt nach Überlebenden und Leichen. Schweres Gerät ist über die zerstörten Straßen nur schwer heranzuschaffen. Regierung und Behörden sind unfähig, die aus aller Welt angebotenen Rettungsmaßnahmen zu koordinieren, was häufig zu lähmendem Kompetenzgerangel führt. Außerdem nutzen Kriminelle den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung zu Gewalt, Plünderungen und schwunghaftem Kinderhandel.
Trotz der gefährdeten Lage – mehr als ein Dutzend Erdbeben haben Haiti allein in den vergangenen 300 Jahren getroffen – war das politisch labile Land nicht im Geringsten auf eine Katastrophe vorbereitet. Pläne der Regierung für den Notfall existieren nicht.
Bei der verheerendsten Erdbebenkatastrophe seit der Zerstörung Tangshans in China 1976 stürzten ganze Stadtteile von Port-au-Prince ein; ebenso der Präsidentenpalast und die Cathédrale Notre-Dame de L’Assomption. Dabei kam das Beben mit einer Magnitude von 7,0 auf der Richterskala für die Fachwelt nicht überraschend – eine wissenschaftliche Veröffentlichung zwei Jahre zuvor hatte vor der Gefahr gewarnt.
Dass es in Haiti zu einer der größten Erdbebenkatastrophen der Menschheitsgeschichte kam, hat eine ganze Reihe von Ursachen. Zum einen die fehlenden Bauvorschriften, schlechtes Baumaterial und …
Ann-Katrin wischte sich über die Augen und legte die Zeitung aus der Hand. Der Zeitungsbericht hatte erneut die schrecklichen Bilder vor ihr inneres Auge gezerrt, die sie seit jenem verhängnisvollen Tag nicht vergessen konnte und die sie geradezu verfolgten. Immer und immer wieder hatte sie sich das Hirn zermartert, ob und wie dieser Super-GAU hätte verhindert – oder zumindest gemildert – werden können. Dabei war ihr aufgegangen, dass vor allem die miserable Bauausführung der meisten Gebäude das Ausmaß dieser gewaltigen Katastrophe begünstigt hatte. Bestes Gegenbeispiel war ja das Haus, in dem sie sich selbst gerade befand. Also war es doch möglich, weitgehend erdbebensicher zu bauen. Sie erinnerte sich an TV-Reportagen aus Japan, die ebenfalls von gewaltigen Erdbeben berichtet und in denen die Gebäude zwar gewackelt hatten, nicht aber zusammengestürzt waren.
Und zum wiederholten Male fragte sie sich, warum nicht mehr Häuser in Port-au-Prince dementsprechend errichtet worden waren. Lag es an der Unfähigkeit der Stadtverwaltung? An Korruption? An der Gleichgültigkeit der Politiker der einfachen Bevölkerung gegenüber? Oder woran?
Da erinnerte sie sich an einen Satz, den sie gerade gelesen hatte. Sie nahm noch einmal die Zeitung zur Hand, suchte und fand die Zeile: Dabei kam das Beben mit einer Magnitude von 7,0 auf der Richterskala für die Fachwelt nicht überraschend – eine wissenschaftliche Veröffentlichung zwei Jahre zuvor hatte vor der Gefahr gewarnt.
Demnach hätte die Katastrophe also verhindert werden können, oder wäre zumindest nicht so verheerend ausgefallen, wenn die Behörden, die Stadt, wer auch immer dafür zuständig war, diese Warnung beachtet hätten. Wären diese Verantwortlichen nur klug gewesen und hätten richtig reagiert. Oder den Menschen geholfen, stabile und erdbebensichere Häuser zu bauen. Und sie musste wieder an das Bild vom Hausbau denken, das ihr aus der Bibel bekannt war und die Worte Jesu. Da, in Matthäus, Kapitel sieben, stand es schwarz auf weiß: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. Wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört“ (V. 24–27).
Ann-Katrin barg ihren Kopf in den Händen. Und sie fragte sich, was aus ihrer Nachbarin geworden war, der Mutter mit den sechs Kindern, die gerade beim Wäscheaufhängen war, als das Erdbeben losbrach; sie hatte sie seit jenem Tag nicht mehr gesehen. Wo waren sie untergekommen? Oder der junge Mann, der mit seiner Frau gerade noch rechtzeitig sein Haus verlassen hatte; was war aus ihm geworden? Er war am nächsten Tag noch mal zurückgekommen, hatte im Schutt nach Verwertbarem gesucht. Doch er hatte nicht viel gefunden. Danach hatte sie ihn nie mehr gesehen.
Wer weiß, vielleicht würde sie die Frau oder den Mann ja doch noch eines Tages wiedersehen, sagte sie sich. Dann stand sie auf und ging hinüber ins Badezimmer, um sich mit dem Staub des Tages auch ihre Sorgen abzuduschen.