Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-7751-7353-7 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-5740-7 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book:
CPI books GmbH, Leck
© der deutschen Ausgabe 2016
SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
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Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:
Elberfelder Bibel 2006, © 2006 SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Weiter wurden verwendet:
Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006
SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.
Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch
Titelbild: stocksy.com
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Vorwort von Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer
Vorwort des Autors
Kapitel 1 | Was ist eine Nahtoderfahrung?
Eine außergewöhnliche Nahtoderfahrung
Ein junger Mann reist ohne Körper von West-Texas nach Mississippi
Bin ich verrückt geworden?
Ich glaube es nicht!
Die Beschreibung der Nahtoderfahrung
Ein Student macht den Anfang
Acht Elemente von Nahtoderfahrungen
Die Erforschung der Nahtoderfahrungen
Nahtoderfahrung ohne nahen Tod
Wie häufig sind Nahtoderfahrungen?
Gibt es Nahtoderfahrungen erst seit 1975?
Nahtoderfahrungen in anderen Kulturen
Kapitel 2 | Erklärung gesucht
Alles nur Täuschung?
Alles nur erfunden!
Sind Nahtoderfahrungen nicht einfach Halluzinationen oder Träume?
Sind Nahtoderfahrungen vielleicht Wahn, Einbildung oder Wunschdenken?
Sind Nahtoderfahrungen so etwas Ähnliches wie Drogentrips?
Was die Neurowissenschaft dazu sagt
Bin ich mein Gehirn?
Sauerstoffmangel & Co.?
Ein letztes Aufbäumen?
Ketamin oder Epilepsie?
Was ist es dann?
Hellsehen und Telepathie?
Reine Glaubenssache?
Kapitel 3 | Von der Hölle bis zum Himmel
Die Reise von George Ritchie
Das irdische Leben - mit geistigen Augen gesehen
Ein Besuch in der Hölle
Ein Schimmer vom Himmel
Ein Atheist stirbt
In der Zwischenwelt
Wieder in der Hölle
»Bete zu Gott!«
»Gott, wenn es dich gibt, dann hilf mir beten.«
Liveberichte aus dem Himmel
Den Himmel gibt's echt!
90 Minuten im Himmel
Selbst ein Teil des Himmels sein
Kapitel 4 | Das Leben nach dem Tod
Wie das Leben nach einer Nahtoderfahrung weitergeht …
Tiefgreifende Veränderungen
»Habe ich das wirklich erlebt?«
Völlig andere Prioritäten
Depression als Folge einer Nahtoderfahrung?
Depression und Agoraphobie - was genau ist damit gemeint?
»Ich wollte in den Himmel zurück.«
Suizid und Suizidalität
Wie kann es zu einem Suizid kommen?
Was geschieht nach dem Suizid?
Nachdem er von der Brücke sprang
Hilfe gegen Depression und Suizidalität
Ich habe Gott gesehen und gehe darum nicht mehr in die Kirche
Wer eine Nahtoderfahrung hatte, wird gläubig - wirklich?
Wie wirkt sich eine Nahtoderfahrung auf den persönlichen Glauben aus?
Was bedeutet »Spiritualität«?
Kapitel 5 | Von der Esoterik vereinnahmt
Die Renaissance der Esoterik
ABD-RU-SHIN und die Gralsbotschaft
Was ist eigentlich mit Esoterik gemeint?
Weisheit - oder »tiefer blicken wollen«
Die große Täuschung
Göttliche Weisheit?
Lucifers Trust
Sind alle Nahtod-Forscher Anhänger des »New Age«?
Alles nur dämonische Täuschung?
»Sie sind kein schlechter Mensch!«
Kapitel 6 | Die Botschaft der Nahtoderfahrungen
Bedingungslos geliebt
Eine Liebe jenseits meiner kühnsten Vorstellungen
Bedingungslos akzeptiert und geliebt
Liebe deinen Nächsten
Die Lektion heißt lieben lernen
Heilung im Licht
Erkenne, wie Gott ist
Om oder Jesus?
»Welches ist die beste Religion?«
Unsere Gottesbilder machen krank oder heilen
Gott kann nur lieben
Liebe auch dich selbst!
Wir können andere erst lieben, wenn wir uns selbst lieben
Sünde ist Zielverfehlung
Der breite und der schmale Weg
Ich bin wunderbar gemacht!
Selbstliebe ist nicht Selbstsucht!
Wie kommen Menschen dazu, sich selbst zu wenig zu lieben?
Wir sind mit allem verbunden
»Wir sind ein Teil des Ganzen«
Aspekte der Mystik und der Bibel
Kapitel 7 | Beliebte Ansichten auf dem Prüfstand
Die Toten schlafen doch!
»Sie begehen einen Kategorienfehler!«
In Predigten hört man wenig darüber, wie es nach dem Tod weitergeht
Ganz tot?
Ewige Verdammnis?
Oder ein langer Reifungsprozess der Seele?
Wer kommt denn in die Hölle?
Da bekommt man eine Riesenwut
Die Kindsmörderin
Sadhu Sundar Singh - vom Verfolger zum Verkündiger
Wie einem Bösewicht erlaubt wurde, in den Himmel einzugehen
Kapitel 8 | Körper, Seele, Gehirn und Bewusstsein
Was ist die Seele?
Total anders?
Die Trennung der Seele vom Leib
Die Seele ist leiblich
Nachtodkontakt - oder: Wenn Verstorbene sich melden
»Der Geist küsste mich!«
»Du sollst wissen, dass es mir gut geht!«
Das Verhältnis zwischen Gehirn und Bewusstsein
Ein unverzichtbares Werkzeug
…aber auch ein reduzierendes Ventil
Kapitel 9 | Bestätigungen von anderer Seite
Das Leben geht nach dem Tod weiter
»Mach dir keine Sorgen, Papa. Mir geht es gut!«
Die Macht der Alltagserfahrung
Das Unsichtbare beim Sterbevorgang von außen sehen
Häufiger als man denkt!
Der freundliche Alte
Die jenseitige Welt
Joy Snell: Entrückung oder Nahtoderfahrung?
Der Himmel, ein Ort der großartigen Fülle
In der unsichtbaren Zwischenwelt
Im düsteren Wald
Über den Kulturen
»Du musst mit mir einen Vertrag machen, um zu leben«
»Lasset die Kinder zu mir kommen!«
Kapitel 10 | Was bleibt?
Zwischen Wissen und Glauben
Genügt die Bibel nicht?
Wer mit Gott eine Erfahrung macht, soll ruhig davon reden
Wo steht die Kirche in Sachen Nahtoderfahrung?
Phänomen Nahtod - was wir fürs Leben mitnehmen können
Liebe
Wahrheit
Freude
Friede
Gottes Treue
Personenverzeichnis
Anmerkungen
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Sensible Menschen haben oft eine ganz eigenartige Durchlässigkeit für die »andere Welt«, eine Welt, in der das festgelegte Gitter von Zeit, Distanz und Materie auf einmal durchlässig wird und jeder wissenschaftlichen Festlegung spottet. Aber solche Erfahrungen treten nur ganz selten auf, oftmals verbunden mit einer Grenzerfahrung des Todes, emotional immer durchwoben von einem tiefen Gefühl der Ehrfurcht und des Staunens. Und sie durchbrechen nicht nur wissenschaftliche Raster, sondern auch starre theologische Vorstellungen. Das macht Angst und lässt viele Menschen verschämt schweigen über das, was sie erlebt haben. Was nicht sein kann, darf nicht sein.
Am Rande einer Veranstaltung über Sensibilität in der Seelsorge sprach mich ein älterer Mann an und erzählt mir folgende Geschichte: »Ich war als Missionar mit meiner Familie in Brasilien, in einer ganz entlegenen Gegend im Amazonasgebiet, weit weg von jeder Zivilisation. Damals gab es noch nicht die heutigen Mittel der Kommunikation, und das kleine Motorboot brachte nur alle zwei Wochen Post aus der Heimat. An einem Abend ging ich hinunter an den Fluss und schaute über die wabernden Nebel ans andere Ufer, das schon im Dämmerlicht lag. Da trat auf einmal ein Mann aus dem Wald auf der anderen Seite. Ich kannte ihn und konnte es kaum glauben: Das war kein Indianer, nein, er sah aus wie mein Vater! Er winkte mir zu, aber ich hörte kein Wort, nur das Glucksen des Wassers. Einen Moment später war er wieder verschwunden. Einige Wochen darauf erhielten wir einen Umschlag aus Deutschland mit schwarzem Rand. Mein Vater war gestorben. Als ich zurückrechnete, stellte ich fest: Seine Todesstunde stimmte genau mit meiner Begegnung an jenem Abend überein!« Ich hörte ihm zu und spürte seine Ergriffenheit. »Ich habe nie gewagt, das jemandem zu erzählen. Ich fürchtete, man könnte mich als okkult belastet betrachten, weil ich eine Geistererscheinung hatte. Das ist in unseren Kreisen ein theologisches Unding!«
Und doch können derartige Erscheinungen vorkommen, auch bei Menschen, die fest im Glauben stehen. Letztlich sind es Grenzerfahrungen in der Nähe des Todes, an der Bruchlinie zur Ewigkeit; Grenzerfahrungen, die wir nie ganz verstehen können. Nur wenigen Menschen ist eine solche Erfahrung vergönnt. Doch die Berichte ähneln sich in erstaunlicher Weise.
Dr. Walter Meili hat es unternommen, das Phänomen von Nahtoderlebnissen neu zu untersuchen und die darin enthaltenen »Botschaften« zu klären und zu diskutieren. Herausgekommen ist ein Buch voller überraschender Einsichten über das Leben in der anderen Welt. Ich schätze die vorsichtig tastende Art der Darstellung, die keine Dogmen erstellt, sondern Fragen aufwirft. Fast kommt man sich beim Lesen vor wie jener Missionar am Fluss, der nur undeutlich durch die Abendnebel wahrnimmt, was auf der anderen Seite geschieht. So gilt auch für dieses Buch das Pauluswort: »Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen!« (1. Korinther 13,12; L).
Es ist das Verdienst dieses Buches, die Literatur der letzten Jahrzehnte auf den neusten Stand zu bringen und dem interessierten Leser einen Einblick in die sonst nur verstreuten Erfahrungen unterschiedlichster Menschen zu vermitteln. Es regt an zum Nachdenken und erspart es uns dennoch nicht, das Spannungsfeld zwischen Wissen und Ahnen auszuhalten, das zu unserer irdischen Existenz gehört.
Prof. Dr. med. Samuel Pfeifer
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie;
Professor an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg
Masterprogramm für Religion und Psychotherapie
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Für Nahtoderfahrungen interessiere ich mich seit bald vierzig Jahren. Ich habe sie schon damals als etwas empfunden, durch die man Glaubensinhalte gewissermaßen nachvollziehen kann.
Sie haben dabei aber nie meinen Glauben ersetzt, noch wurde meine Beschäftigung mit ihnen zu einer wissenschaftlichen Passion. Ich habe mich einfach gefreut, wie Menschen Einblick in Transzendentes bekamen, und ich habe diese Erfahrungen anderer für mich genutzt. Ich selbst habe nie eine Nahtoderfahrung gemacht.
In meiner ersten Arztpraxis hielt ich eine Zeit lang Vorträge darüber, denn es war mir ein Bedürfnis, meinen Patientinnen und Patienten, wie ich glaubte, mehr mitzugeben, als mir das durch die alltägliche Behandlung ihrer körperlichen Beschwerden möglich war.
Das Thema ruhte für mich auch immer wieder während mehrerer Jahre. Die letzte Aktivierung erfuhr es – und dies mündete schließlich in die vorliegende Arbeit – als ich auf eine öffentliche Tagung des Institutes für Hermeneutik und Religionsphilosophie der Theologischen Fakultät der Universität Zürich vom Januar 2014 aufmerksam wurde. Das Thema lautete, für mich etwas wenig greifbar, »Imaginatives Erleben in Todesnähe. Hermeneutische Erkundungen einer heutigen ars moriendi«. Immerhin war ich positiv überrascht über dieses Zeichen einer Annäherung der wissenschaftlichen Theologie an das Thema Nahtod. Eigentlich fallen die Nahtodphänomene ja in ihr Gebiet – sie weiß es nur noch nicht. Die Medizin mit ihren Teilbereichen – von der Notfallmedizin über Neurologie, Palliativmedizin bis zur Psychiatrie und Psychotherapie – hat dabei lediglich den Status einer Hilfswissenschaft.
Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist es mir ein Anliegen, über die Nahtodphänomene fundiert zu informieren. Dabei nutze ich meine »Narrenfreiheit«, auch auf theologischem Gebiet mitzudenken. Ich bin so vorgegangen, dass ich viele Erfahrungsberichte zitiere, die ich vertrauenswürdig und wichtig finde. Mitunter habe ich auch manche Schätze gehoben, die sonst in Vergessenheit zu geraten drohen. Insgesamt soll ein nachvollziehbares Bild über das Phänomen Nahtod entstehen und Auswirkungen auf unser Weltbild angedacht werden.
Ich wünsche Ihnen unterhaltsame und bereichernde Stunden beim Lesen.
Basel, im Frühjahr 2016
Dr. med. Walter Meili
[ Zum Inhaltsverzeichnis ]
Abilene, Texas, 10. Dezember 1943. »Wir werden die Nazis schlagen!« – davon war George Ritchie überzeugt, als er sich freiwillig für die Armee meldete. Er ist einer von 250 000 jungen Männern, die im Lager Barkeley ihre militärische Ausbildung absolvieren. Doch nach wenigen Wochen ist ihm das Kasernenleben schon ziemlich verleidet. Sie mussten zwei Stunden draußen bei ungefähr minus 10 Grad auf dem Boden sitzen, während ein junger Leutnant eine Instruktion darüber hielt, wie man seine Ausrüstung auf richtige Weise reinigt. »Zum Glück dauert das nicht mehr lange!«, dachte George, denn schon in einer Woche würde er nach Hause nach Virginia fahren, um am 22. Dezember sein Medizinstudium anzufangen. Am nächsten Morgen hatte er Halsschmerzen und meldete sich krank.
15. Dezember. Der fünfte Tag im Lazarett, und immer noch 39 Grad Fieber. Am 18. Dezember fährt der Zug nach Richmond. Am 20. Dezember um 04.00 Uhr gäbe es noch eine allerletzte Möglichkeit, um mit ein bisschen Glück rechtzeitig zum Beginn des Studiums dort zu sein!
Endlich, am Morgen des 19. Dezembers, normale Temperatur. Nur noch etwas Husten. In der folgenden Nacht steht der junge Soldat auf, um sich zur Reise fertig zu machen. Der Spucknapf, bis zum Rand voll mit eitrigem Auswurf, gemischt mit hellem Blut, verheißt nichts Gutes. George kann kaum auf den Beinen stehen, aber das hat jetzt keine Bedeutung. Im Zug kann er ja weiterschlafen. Nur zur Sicherheit wird nochmals die Temperatur kontrolliert: 41 Grad! Der Nachtpfleger, ein Sanitätssoldat, holt den Arzt, welcher gleich eine Röntgenaufnahme veranlasst. Befund: doppelseitige Lungenentzündung. Doch George bekommt das nicht mehr mit – er ist, noch bevor er sich wieder setzen konnte, vor dem Röntgenapparat bewusstlos zusammengebrochen.
Trotz aller Bemühungen des Sanitätspersonals bleibt er bewusstlos. Sein Zustand verschlechtert sich sogar. Am frühen Morgen des 21. Dezembers findet der Pfleger auf seinem Rundgang weder Puls noch Atmung bei George Ritchie. Der herbeigerufene Arzt bringt es nur zögernd heraus: »Er ist wirklich tot.« Der Pfleger zieht ihm das Betttuch über den Kopf und setzt seinen Rundgang fort. Nach 9 Minuten – so steht es im Krankenhausbericht – kehrt er zurück, um den Körper zur Überführung ins Leichenhaus vorzubereiten. Dabei stellt er fest, dass eine Hand in einer anderen Position liegt als vorher. Er ruft wieder den Arzt herbei, wobei dieser zum zweiten Mal den Tod feststellt. Der Sanitätssoldat bittet ihn daraufhin, dem jungen Soldaten eine Adrenalinspritze ins Herz zu geben – vielleicht ließe er sich so wieder zum Leben erwecken. Das Erstaunliche ist, dass der Arzt dies tat, wo er doch wusste, dass dies bei einem Herzstillstand infolge einer Vergiftung des Körpers durch eine schwere Infektion völlig sinnlos ist. Aber was soll’s? Einen Augenblick später setzt bei George Ritchie die Atmung wieder ein. Drei Tage vergehen, bis er wieder sein volles Bewusstsein erlangt. Der verantwortliche Arzt schrieb später, dass die Rückkehr des Soldaten George Ritchie vom Tode zu kräftiger Gesundheit »auf andere als natürliche Weise« erklärt werden müsse1.
Die bisherige Schilderung ist eine Perspektive, sozusagen die objektive. Doch es gibt noch eine andere Perspektive: In den mindestens neun Minuten, in denen George Ritchie hätte »tot« sein sollen, erlebte er sich als höchst lebendig. Das mit dem Zug, denkt er, könnte knapp werden – erst recht, wenn man noch von einem ängstlichen Sanitäter mit Fiebermessen und Röntgenaufnahme aufgehalten wird! »Wenn ich auch den Zug verpasst haben sollte, ich würde schon eine Möglichkeit finden, nach Richmond zu kommen!«2, denkt er.
Im selben Moment fand er sich draußen wieder und bewegte sich mit einer Schnelligkeit, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Als er hinunterblickte, war er erstaunt, dass er nicht die Erde sah, sondern die Spitzen einiger Büsche unter sich. Camp Barkeley schien bereits weit hinter ihm, als er über die dunkle, gefrorene Wüste jagte. »Mein Verstand versuchte mir klarzumachen, dass das, was ich tat, unmöglich war, und doch … es geschah«, berichtet er später.
»Die Lichter einer Stadt tauchten unter mir auf, Warnlichter blinkten an den Kreuzungen. Dies war doch lächerlich. Ein menschliches Wesen kann ohne Flugzeug nicht fliegen – für ein Flugzeug flog ich jedoch zu niedrig. […] Ich ging nach Richmond; irgendwie hatte ich das von dem Augenblick an gewusst, als ich durch die Krankenhaustür stürmte. Ich ging hundertmal schneller nach Richmond, als irgendein Zug auf dieser Erde mich hätte befördern können. Aber … nachdem ich jetzt darüber nachdachte, wie konnte ich sicher sein, dass dies der Weg nach Richmond war? Ich war zwischen Texas und Virginia nur einmal gereist, und dazu in der anderen Richtung, und ein großer Teil der Bahnfahrt war nachts gewesen.«3
Es war immer noch Nacht. Jetzt sah er einen breiten Fluss unter sich und auf der anderen Seite eine Stadt. Er wünschte sich, er könnte dort jemanden finden und nach dem Weg fragen. »Fast zur gleichen Zeit bemerkte ich, wie ich mich langsamer fortbewegte. Gerade vor mir, wo zwei Straßen zusammenkamen, entdeckte ich ein flackerndes blaues Licht. Es kam von einem Neonschild über der Tür eines einstöckigen Gebäudes mit einem roten Dach, mit einem ›Pabst Blue Ribbon Beer‹-Schild im Fenster. ›Café‹, entzifferte ich die tanzenden Buchstaben über der Tür, und aus den Fenstern fiel der Lichtschein auf das Pflaster.
Während ich hinunterstarrte, entdeckte ich, dass ich zum Stillstand gekommen war. Das Gefühl, irgendwie 15 Meter über dem Erdboden zu hängen, war noch fremder, als der Flug im Wirbelwind gewesen war. Aber ich hatte keine Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen, denn auf dem Fußweg kam in Richtung Nachtcafé ein Mann eilig daher. Ich dachte, ich könnte wenigstens von ihm herausfinden, welche Stadt dies wäre und in welche Richtung ich mich bewegte. Gerade, als mir der Gedanke kam – so, als ob der Gedanke und die Bewegung identisch geworden wären –, fand ich mich unten auf dem Fußweg und eilte an der Seite des Fremden entlang. Er war ein Zivilist, vielleicht 40 oder 45 Jahre, trug einen Mantel, aber keinen Hut. Er dachte anscheinend angestrengt über etwas nach, denn er schaute auch nicht einmal nach mir, seitdem ich neben ihn getreten war und ihn begleitete.
›Können Sie mir bitte sagen‹, fragte ich, ›was für eine Stadt das hier ist?‹
Er ging einfach weiter.
›Bitte, mein Herr!‹, sagte ich und sprach jetzt lauter: ›Ich bin ein Fremder hier und wäre sehr dankbar, wenn …‹
Wir hatten das Café erreicht, und er drehte sich um, um nach dem Türgriff zu fassen. War der Bursche taub? Ich streckte meine linke Hand aus und wollte ihm auf die Schulter klopfen.
Aber da war nichts.
Ich stand da vor der Tür und gaffte ihm nach, als er sie öffnete und drinnen verschwand. Es war so, als hätte ich dünne Luft berührt. So, als wäre dort niemand gewesen. Und trotzdem hatte ich ihn bestimmt gesehen, sogar die ersten schwarzen Stoppeln an seinem Kinn, wo er sich hätte rasieren sollen.
Ich kehrte mich ab von dem Geheimnis des Mannes ohne Körper und lehnte mich gegen das Halterungsseil eines Telefonmastes, um die Dinge zu durchdenken. Mein Körper ging durch das Seil hindurch, als ob es nicht da wäre.
Dort auf dem Fußweg der unbekannten Stadt fing mein ungläubiges Denken an. Das fremdeste und schwierigste Denken, mit dem ich es jemals zu tun hatte. Der Mann im Café, dieser Telefonmast … angenommen, sie wären durchaus normal. Angenommen, ich war derjenige, der irgendwie verändert war. Wie wäre es, wenn ich auf irgendeine unmögliche, unvorstellbare Weise meinen Körper verloren hätte, meine Fähigkeit, Dinge zu greifen, mit dieser Welt in Berührung zu kommen? Sogar gesehen zu werden! Der Bursche gerade eben. Es war offensichtlich, dass er mich weder gesehen noch gehört hatte.«4
Es dämmerte George Ritchie, dass ja auch der Krankenpfleger dort auf der Station, als er sich nach der Röntgenaufnahme davonmachte, einfach durch ihn »hindurch«-gegangen war. Er war höchst verwirrt und beunruhigt, vor allen Dingen wollte er unbedingt seinen Körper wieder zurückhaben! Und wie er das so dachte, war er wieder in Bewegung.
»Ich […] entfernte mich schnell von der Stadt. Unter mir war der breite Fluss. Anscheinend war ich auf dem Weg zurück, zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war, und es schien mir, als wäre die Geschwindigkeit noch größer als vorher. Hügel, Seen, Farmen flogen unter mir vorüber, als ich in einer unentwegt geraden Linie über dunkles nächtliches Land raste. Schließlich nahmen die Bäume ab, und mit dem Schimmer einer Erinnerung sah ich unter mir die Büsche und die wasserleeren Mulden von Westtexas. Dort erschienen die Barackendächer von Camp Barkeley, lange, dunkle Silhouetten gegenüber dem schneebedeckten Boden. Ich verlor an Höhe; ich wurde langsamer. Ich stand vor dem Lazarett.«5
Damit war er aber noch lange nicht am Ziel, vielmehr stand er vor der schwierigen Aufgabe, in einem riesigen Kasernenkomplex mit unzähligen Baracken, die alle gleich aussahen, unter Tausenden von jungen Männern, die alle kahl geschoren waren, seinen Körper zu finden. Zum Glück erinnerte er sich an den speziellen Ring, den er am Finger trug – so konnte er seinen Körper schließlich finden.
Seine Nahtoderfahrung war damit noch nicht vorbei, aber er konnte nun einordnen, was mit ihm geschehen war: Das Laken, das seinem Körper über den Kopf gezogen war, verriet, dass er offensichtlich gestorben war!
Wir werden uns später noch mehr mit George Ritchies Nahtoderfahrung beschäftigen.
George Ritchie trat das Medizinstudium jedenfalls mit mehr als einem Monat Verspätung an. Es hätte einer fast übermenschlichen Anstrengung bedurft, diesen Rückstand aufzuholen, und mit einem von der Lungenentzündung geschwächten Körper war dies nahezu unmöglich. Weil seine Noten in einigen Fächern nicht genügten, wurde George dann nach acht Monaten wieder zurück ins Militärcamp geschickt. So fuhr er, zusammen mit drei anderen Medizinstudenten, die den strengen Anforderungen auch nicht gewachsen waren, im Auto zurück nach Texas. Über Louisville und Memphis erreichten sie den Mississippi, den sie in Vicksburg überquerten.
»Während der letzten Meile fühlte sich mein Mund ganz trocken an, mein Magen war wie verschlossen. Irgendetwas über die Anlage dieser Stadt erschien befremdend, unmöglich bekannt: Ich wusste, ich war nie zuvor hier gewesen, und doch wusste ich genau, wie das Ufer hinter der nächsten Kurve aussehen würde. […] Und plötzlich wusste ich mit Sicherheit, dass geradeaus auf derselben Straße ein Fachwerkhaus kommen würde mit einem roten Dach und dem Wort ›Café‹ in Neonbuchstaben über der Tür.
›Da ist es! Nach links!‹ Der Boy neben Pete zeigte auf ein kleines Hinweisschild an der Ecke. […]
›Bitte!‹ Meine Stimme klang rau. ›Halt hier nicht an. Fahr weiter.‹ – ›Das Schild zeigte aber doch dorthin.‹ – ›Ich weiß. Ich – ich möchte einfach noch ein paar Blocks in dieser Richtung fahren, das ist alles.‹ […] ›Ich dachte, ich hätte etwas wiedererkannt‹, sagte ich.
Pete zuckte die Achseln. ›Wie viel weiter?‹ Mein Herz hämmerte zu stark, als dass ich sprechen konnte. Einen Block vor uns, an meiner Seite an der Ecke war das weiße Nachtcafé mit dem roten Dach. Die Neonbuchstaben über der Tür waren im hellen Tageslicht ausgeschaltet, aber das Bierzeichen flackerte noch im rechten Fenster.
Dort war der Fußweg, wo ich neben dem Mann ging, der mich nicht sehen konnte. Da war der Telefonmasten, wo ich so lange gestanden hatte … wie lange? In welcher Art von Zeit und in welcher Art Körper?
›Stopp!‹, schrie ich. Denn Pete fuhr an dem kleinen Restaurant vorbei. […] ›Ich dachte, du bist niemals in Mississippi gewesen?‹, sagte Pete. Meine Hand schwitzte an dem Türgriff. Ich sehnte mich danach, aus dem Wagen zu springen, über die Straße zu dem Telefonmasten zu laufen, das Halteseil zu ergreifen, es zu packen und zu schütteln. Die Tür zum Café zu öffnen und hineinzugehen und zu beobachten, wer mich darin bemerken würde. Eine Frage zu stellen. Wie spät ist es? Irgendetwas, nur um meine Stimme zu hören und die Antwort von einem anderen.
Ich ließ den Griff los und zwang meine Augen, von dem weißen Café dort an der Ecke wegzusehen.
›Ich dachte dasselbe‹, sagte ich.
Was konnte ich sonst sagen? Dass ich in einer Nacht hier war, als ich auch in einem Lazarettbett in Texas gelegen hatte?
Pete riss das Steuer ungeduldig herum und folgte den Zeichen zurück und auf kurvenreicher Straße hinauf zur Brücke. Aber auf der Landkarte auf meinem Schoß verfolgte mein Finger eine Linie: Abilene, Texas – über Louisiana … eine gerade Linie nach Osten von Abilene nach Vicksburg, Mississippi […] Es war also hier, wo ich bei dem zielstrebigen körperlosen Flug anhielt. Hier hielt ich an und dachte nach und kehrte um …«6
Universität Virginia, ein sonniger Vormittag im Februar 1967. »Wow«, raunt der 22-jährige Philosophiestudent Raymond Moody beein-druckt seiner Sitznachbarin im Hörsaal zu, als er vom Psychiater Dr. George Ritchie diesen Bericht hört. Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass wir nach dem physischen Tod auf einer spirituellen Ebene irgendwie weiterleben könnten. Als er drei Jahre später von einem Bekannten, der nur knapp dem Tod entgangen war, eine ganz ähnliche Geschichte hörte, war sein Interesse geweckt. Er nahm noch das Medizinstudium auf und sammelte weitere Erlebnisberichte. Schließlich kamen immerhin 150 Fallberichte von Menschen zusammen, die im medizinischen Sinn »gestorben« waren (das heißt, ihr Herz schlug nicht mehr, und sie atmeten nicht mehr spontan), dank Wiederbelebungsmaßnahmen aber doch überlebt hatten. Jeder Fall war anders, freilich, doch die Parallelen verblüfften Moody zutiefst.
1975 präsentierte er die Ergebnisse seiner Untersuchungen in seinem ersten Buch Life after Life, zu Deutsch: »Leben nach dem Tod«7. In seiner Widmung schrieb er: »Für Dr. med. George Ritchie und über ihn für Den, welchen er vorgeschlagen hat.«
Moody beobachtete bei diesen 150 Personen acht Elemente, die in unterschiedlicher Kombination bei vielen Personen mit einer Nahtoderfahrung vorkamen:
• Trennung vom physischen Körper
• Lebensrückblick
• Tunnelerlebnis
• Eintritt in eine andere Welt
• Begegnung mit Anderen
• Lichtwesen
• Gefühl des Friedens und Wohlbefindens
• Rückkehr
Zahlreiche spätere Untersuchungen bestätigten diese Befunde.
Was muss man sich unter diesen acht Elementen vorstellen?
Damit ist gemeint, dass die betroffene Person sich voll bewusst außerhalb ihres Körpers wahrnimmt, also ihren Körper gewissermaßen von außen sieht, wie es der Bericht einer Patientin, die einen Herzstillstand infolge Herzinfarkt überlebte, verdeutlicht: »Ungefähr vor einem Jahr wurde ich wegen Herzbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert. Als ich im Krankenhaus im Bett lag, spürte ich auf einmal einen sehr heftigen Schmerz in der Brust. Ich drückte auf den Knopf neben dem Bett, um die Schwestern zu rufen. […] Ich hörte die Schwester noch rufen: ›Herzstillstand!‹
Ich fühlte, wie ich aus meinem Körper austrat und zwischen Matratze und Seitengitter des Bettes hinabglitt – es kam mir eigentlich eher so vor, als ob ich mich durch das Gitter hindurchbewegte –, bis ich am Boden ankam. Und von da an stieg ich ganz langsam in die Höhe. […] Sie riefen meinen Arzt, und auch ihn sah ich hereinkommen. […] Ich wurde immer weiter hinaufgetrieben, an der Lampe vorbei – ich sah sie ganz deutlich von der Seite –, bis ich unter der Decke zum Stillstand kam; dort oben schwebend, blickte ich hinunter.«8
Diese Patientin fuhr fort, zu beschreiben, wie sie ihre eigene Reanimation beobachtete. Dabei ist es wichtig, zu beachten, wie sie ihr Ich mit seinem Bewusstsein außerhalb des Körpers wahrnahm: »Ich wurde immer weiter hinaufgetrieben, bis ich unter der Decke zum Stillstand kam.« Wie muss man sich dieses Ich denn vorstellen? Den Berichten zufolge erstaunlicherweise nicht als eine Art Nebel oder etwas Undefinierbares. Vielmehr erleben sich die Betroffenen in diesem Zustand wiederum als eine Art Körper: »Die überwiegende Mehrzahl meiner Zeugen berichtet, dass sie sich nach der Loslösung von ihrem physischen Körper in einem andern Körper wiedergefunden hätten«, schreibt Moody.9
Dieser »Körper« – Moody bezeichnete ihn »spirituellen Leib« – wird in der Regel als Abbild des physischen Leibes beschrieben, besteht also aus Kopf, Rumpf, Extremitäten usw., ist aber für die Menschen normalerweise unsichtbar. Dies hatte ja auch George Ritchie auf seiner seltsamen Reise erlebt. Und auch er erlebte sich »ganz normal« mit Ich-Bewusstsein und Körper. Deshalb merkte er lange gar nicht, dass er seinen physischen Leib »verloren« hatte. (s. S. 17-19). Wenn die Betroffenen – im Gegensatz zur oben geschilderten Frau, die noch das Wort »Herzstillstand« hörte – ihren »Tod« nicht bewusst miterleben, scheint das die Regel zu sein.
Der amerikanische Kunsthistoriker Howard Storm hatte 1985 als 39-Jähriger auf einer Studienreise in Paris infolge Magendurchbruchs eine Nahtoderfahrung. Die Operation, die notfallmäßig hätte durchgeführt werden müssen, wurde aus unverständlichen Gründen verzögert, sodass Storm mehrere Stunden mit entsetzlichen Schmerzen im Krankenhaus warten musste. Er stellte sich schon auf seinen Tod ein. Da er diesen aber mit seinem Auslöschen gleichsetzte, wurde er sich seiner Trennung vom physischen Körper erst nicht bewusst.
»Da lag ein Objekt in meinem Bett unter der Bettdecke. Als ich mich vornüberbeugte, um mir das Gesicht des Körpers dort im Bett genau anzusehen, bekam ich einen gehörigen Schrecken, weil ich feststellte, wie sehr es meinem eigenen Gesicht ähnelte. Es war doch unmöglich, dass es sich bei diesem Ding dort um mich selbst handelte, denn ich stand doch darübergebeugt und schaute es an. Was ich sah, war ein Faksimile meines eigenen Körpers – Hände, Arme, Beine und Füße – unter der Bettdecke. Es sah zwar aus wie mein eigenes Gesicht, aber sein Ausdruck war so bedeutungslos wie eine Hülle – leer und leblos. Ich stand also neben dem Bett und starrte auf das Objekt dort in dem Bett. Alles, was mich selbst ausmachte, also mein Bewusstsein und mein physisches Selbst10, standen neben dem Bett. Nein, das war nicht ich, der da im Bett lag. Es war nur ein Ding, das keine Bedeutung für mich hatte. Es hätte genauso gut ein Stück Fleisch im Supermarkt sein können. Die Unmöglichkeit dieser Situation stürzte mein Denken in äußerste Verwirrung. Es kam mir vor, als ob ich verrückt geworden sei. Irgendwie hatte ich es geschafft, mich selbst in zwei Teile aufzuspalten. Ich war schizophren, vollkommen durchgedreht und wahnsinnig. Gleichzeitig hatte ich mich nie aufmerksamer und meiner Selbst bewusster gefühlt. Verzweifelt sehnte ich mich danach, zu Beverly [seiner Ehefrau, Anm. d. V.] Kontakt aufzunehmen und ich begann, sie anzuschreien, dass sie endlich etwas sagen solle, aber sie blieb wie eingefroren auf dem Stuhl auf der anderen Seite des Bettes. Ich schrie immer wütender, aber sie ignorierte mich einfach. Egal, wie laut ich schrie oder sie verfluchte, es kam keine Reaktion. Noch nicht einmal ihre Augen reagierten darauf.«11
Besonders eindrücklich sind überprüfbare Wahrnehmungen, die Menschen nach Trennung von ihrem physischen Körper manchmal machen. Der niederländische Kardiologe und Nahtod-Forscher Pim van Lommel berichtet von einem 44-jährigen Mann, der offenbar in einem Stadtpark eine schwere Herzkrise hatte. Jedenfalls sei er bereits komatös und bläulich violett verfärbt gewesen, als er auf die kardiologische Station gebracht wurde.
»Als ich die Beatmung übernehme«, berichtet der Pfleger, »und den Patienten intubieren will, fällt mir auf, dass er noch ein künstliches Gebiss trägt. Vor der Intubation entferne ich den oberen Teil der Prothese und lege sie auf den Instrumentenwagen.«12
Die Reanimation verlief soweit erfolgreich, das heißt, nach »etwa anderthalb Stunden« hatte der Patient wieder einen »ausreichend stabilen Herzrhythmus und Blutdruck«, er sei aber weiterhin komatös gewesen und in diesem Zustand zur weiteren Beatmung auf die Intensivstation verlegt worden.
»Erst eine Woche später«, fährt der Pfleger fort, »bei der Medikamentenausgabe, begegne ich dem Patienten […] wieder. Als er mich sieht, sagt er: ›Oh, dieser Pfleger weiß, wo mein Gebiss liegt.‹ Ich bin ganz überrascht, doch er erklärt mir: ›Ja, Sie waren dabei, als ich ins Krankenhaus kam, und haben mir das Gebiss aus dem Mund genommen und es auf einen Wagen gelegt, auf dem alle möglichen Flaschen standen. Er hatte so eine ausziehbare Schublade und in die haben Sie meine Zähne gelegt.‹ Das erstaunte mich vor allem deshalb, weil sich dies meiner Erinnerung nach alles zu einer Zeit abgespielt hatte, als der Patient in tiefem Koma lag und gerade reanimiert wurde. Weitere Nachfragen ergaben, dass er damals selbst sehen konnte, wie er im Bett lag und dass er von oben auf die Pflegekräfte und Ärzte herabsah, die ihn mit aller Kraft zu reanimieren versuchten. Er konnte auch den kleinen Raum, in dem er wiederbelebt wurde, und das Aussehen der Anwesenden korrekt und genau beschreiben. Damals, als er die Szene beobachtete, hatte er große Angst davor, dass wir ihn nicht weiter reanimieren würden und er sterben müsste. Wir hatten uns tatsächlich große Sorgen um ihn gemacht, da er schon in sehr schlechter Verfassung ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Er schilderte mir, wie er uns verzweifelt und erfolglos zu signalisieren versuchte, dass er noch lebe und wir ihn weiterreanimieren sollten.«13 Dieser Schilderung schickte van Lommel die Bemerkung voraus: »Wir haben den Bericht persönlich überprüft und ich habe bewusst den Pfleger und nicht den Patienten um eine möglichst objektive Schilderung gebeten.«14
Raymond Moody berichtete schon zuvor von mehreren solcher Erfahrungen, wovon wir uns zwei näher ansehen wollen:
»Ein 49-jähriger Mann erlitt einen so schweren Herzanfall, dass der Arzt nach fünfunddreißig Minuten angestrengter Wiederbelebungsversuche aufgab und den Totenschein auszustellen begann. Aber dann bemerkte jemand ein Aufflackern der Lebensgeister, und der Arzt machte sich mit Elektroschock- und Beatmungsgerät noch einmal daran, das Herz des Patienten wieder in Gang zu bringen, was ihm auch gelang. Als der Patient am nächsten Tag wieder klar war, konnte er in allen Einzelheiten beschreiben, was im Notfallraum geschehen war. Der Arzt war überrascht. Noch mehr überraschte ihn freilich seine lebensechte Schilderung der assistierenden Schwester. Er beschrieb sie vorzüglich, bis hin zu ihrer Keilfrisur und ihrem Nachnamen Hawkes. Er erzählte, sie habe einen Wagen über den Gang geschoben mit einem Apparat darauf, an dem zwei tischtennisschlägerartige Teile befestigt gewesen seien (ein Elektroschockgerät, das zur Grundausrüstung für die Reanimation gehört). Der Arzt fragte, woher er den Namen der Schwester wisse und was sie während seines Herzanfalls getan habe. Er habe sich aus seinem Körper heraus in den Korridor bewegt, um nach seiner Frau zu sehen, antwortete der Patient, und dabei sei er genau durch Schwester Hawkes hindurchgegangen. Er habe ihr Namensschild gelesen und sich ihren Namen gemerkt, um ihr später danken zu können.«15
Ein weiterer Bericht Moodys zeigt, dass diese Trennung vom physischen Körper mehr ist als ein subjektives Erleben:
»Auf Long Island beschrieb eine siebzigjährige Frau sehr genau und anschaulich, was um sie herum passierte, als die Ärzte sie nach einem Herzanfall reanimierten. Diese Frau war seit ihrem achtzehnten Lebensjahr blind. Sie konnte nicht nur beschreiben, wie die angewendeten Instrumente aussahen, sondern sogar ihre Farbe angeben. Das Erstaunlichste für mich war, dass es die meisten dieser Instrumente noch gar nicht gab, als diese Frau vor über fünfzig Jahren das Augenlicht verlor.«16
Der »spirituelle Leib« scheint also nicht den Einschränkungen des physischen Leibes unterworfen zu sein.
Wenn jemand bei einer Nahtoderfahrung Situationen aus seinem Leben noch einmal erlebt, spricht man vom Lebensrückblick. Was in unserer Zeit vielleicht nur Sekunden dauert, erlebt der Betroffene unter Umständen als lange und ausführliche Schau. Lange vor Moody schon berichtete der Schweizer Geologe und Alpinist Albert Heim von einer Nahtoderfahrung. Heim stürzte 1871 beim Bergsteigen ab, überlebte den Sturz aber. Während seines freien Falles erlebte er unter anderem:
»Dann sah ich, wie auf einer Bühne aus einiger Entfernung, mein ganzes vergangenes Leben in zahlreichen Bildern sich abspielen. Ich sah mich selbst als die spielende Hauptperson. Alles war wie verklärt von einem himmlischen Lichte, und alles war schön und ohne Schmerz, ohne Angst und Pein. Auch die Erinnerung an sehr traurige Erlebnisse war klar, aber dennoch nicht traurig. […] Erhabene und versöhnende Gedanken beherrschten und verbanden die Einzelbilder, und eine göttliche Ruhe zog wie herrliche Musik durch meine Seele. […] Objectives Beobachten, Denken und subjectives Fühlen gingen gleichzeitig nebeneinander vor sich. Dann hörte ich einen dumpfen Aufschlag, und mein Sturz war zu Ende.«17
Dieses frühe Zeugnis über eine Nahtoderfahrung blieb über Jahrzehnte wenig beachtet, bis in den 1970er Jahren Moody das Thema bekannt machte. Den Anstoß dazu gab aber, wie erwähnt, George Ritchie, aus dessen sehr ausführlicher Nahtoderfahrung an dieser Stelle nochmals zitiert werden soll. Dieser erlebte auch einen eindrücklichen Lebensrückblick – in Gegenwart von Jesus, der zuvor die Bühne seines Erlebens betreten hatte.
»Jede Einzelheit eines zwanzigjährigen Lebens war zu sehen. Das Gute, das Schlechte, die Höhepunkte, das, was Zum-davon-Laufen war. Und mit dieser Allesinklusive-Schau entstand eine Frage. Sie war in jeder Szene gegenwärtig, und, wie die Szenen selbst, schien sie von dem lebendigen Licht neben mir gesteuert zu sein. Was hast du aus deinem Leben gemacht?
Es war offensichtlich nicht eine Frage der Art, dass er Auskunft wünschte, denn was ich aus meinem Leben gemacht hatte, war klar zu erkennen. […] Es schien eine Frage nach den Werten und nicht nach den Fakten zu sein: Was hast du mit der kostbaren Zeit, die dir zugeteilt worden war, gemacht? […] Und plötzlich baute sich ein Widerstand gegen die Frage selbst in mir auf. Es war unfair! Natürlich hatte ich nichts aus meinem Leben gemacht! Ich hatte keine Zeit gehabt. Wie kann man eine Person beurteilen, die noch nicht richtig mit dem Leben begonnen hat? Wie auch immer, die Antwort enthielt keine Spur von Gericht.«18
Ist es gar nicht Gott, sondern wir selbst, die hart mit uns ins Gericht gehen?
Einige erleben während der Nahtoderfahrung, dass sie durch einen dunklen Tunnel gezogen werden. Dies wird meist nicht negativ oder bedrohlich erlebt. Auf der anderen Seite wartet dann oftmals ein Licht – entweder als lichtvollere Welt oder als ein Wesen aus Licht.
Die US-Amerikanerin und Mutter von sieben Kindern, Betty Eadie, machte 1973 als 31-Jährige eine Nahtoderfahrung, als es im Anschluss an die Gebärmutterentfernung zu einer großen Nachblutung kam. Dabei hatte sie unter anderem ein Tunnelerlebnis:
»Ich hörte ein Geläut, wie von fernen Glocken – ein wunderschöner Klang, den ich nie vergessen werde. Allmählich umfing mich Dunkelheit. Das Bett, das Licht neben der Tür, der ganze Raum schienen zu verschwimmen, und ich wurde sanft nach oben gezogen, hinein in eine riesige wirbelnde, schwarze Masse. Es war so, als sei ich von einem riesigen Tornado verschluckt worden. Ich konnte nichts sehen außer einer intensiven, beinahe greifbaren Dunkelheit. Diese Dunkelheit war mehr als die Abwesenheit von Licht; es war eine dichte Schwärze und mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gesehen hatte. Mein logischer Verstand sagte mir, dass ich mich eigentlich hätte fürchten müssen, dass ich all die Ängste meiner Kindheit hätte spüren müssen, doch inmitten dieser dunklen Masse fühlte ich mich unsäglich wohl und geborgen. Ich fühlte, wie ich mich durch die Dunkelheit vorwärts bewegte und wie das Rauschen nachließ. Ich bewegte mich liegend mit den Füßen nach vorne, den Kopf leicht angehoben. Die Geschwindigkeit nahm derart zu, dass ich das Gefühl hatte, mich schneller als das Licht zu bewegen. Doch auch Frieden und Ruhe nahmen zu; ich hätte für immer in diesem wunderbaren Zustand verharren mögen. […] Ich sah ein winziges Licht in der Ferne. Die schwarze Masse, die mich umgab, nahm langsam die Form eines Tunnels an, durch den ich nun noch schneller reiste – hin zum Licht.«19
Meist wartet also eine lichte Welt am anderen Ende des Tunnels. Seltener bleibt es dunkel beziehungsweise führt die Reise in eine schreckensvolle Umgebung. Für beide Situationen werden wir noch Beispielen begegnen.
Der amerikanische Neurochirurg Eben Alexander machte 2008 als 55-Jähriger eine Nahtoderfahrung. Er hatte eine schwere bakterielle Meningo-Encephalitis, also eine Infektion von Hirnhaut und Gehirn, weswegen er 6 Tage im Koma lag. Dr. Alexander beschrieb zwar nicht genau einen Tunnel, machte aber eine vergleichbare Erfahrung, indem er aus einer Art Unterwelt durch eine »Öffnung« eine neue Welt betrat:
»Es gab ein zischendes Geräusch, und in Windeseile sauste ich durch die Öffnung und fand mich in einer völlig neuen Welt wieder. Es war die eigenartigste, schönste Welt, die ich je gesehen hatte. Großartig, lebendig, ekstatisch, atemberaubend […] Ich könnte ein Adjektiv an das andere reihen, um zu beschreiben, wie diese Welt aussah und sich anfühlte, aber sie greifen alle zu kurz. […] Unter mir lag eine Landschaft. Sie war grün, üppig und erdähnlich. Es war die Erde … aber gleichzeitig auch nicht. […] Ich flog über Bäume und Felder, Flüsse und Wasserfälle, hier und da auch über Menschen. Kinder waren auch darunter. Sie lachten und spielten. Die Menschen sangen und tanzten in Kreisen, und manchmal sah ich einen Hund, der um sie herum und an ihnen hochsprang, weil die Menschen so voller Freude waren. Sie trugen einfache und dennoch schöne Kleider, und ich hatte den Eindruck, dass die Farben dieser Kleider dieselbe Art von Wärme ausstrahlten wie die Bäume und die Blumen, die in der Landschaft um sie herum grünten und blühten. – Eine unglaublich schöne Traumwelt … Nur dass es sich nicht um einen Traum handelte. Obwohl ich nicht wusste, wo ich mich befand, und noch nicht einmal, was ich war, bestand für mich an einer Sache kein Zweifel: Der Ort, an dem ich mich plötzlich wiederfand, war vollkommen real.«20
Wir werden später noch zahlreichen weiteren Beispielen begegnen. Und immer wird diese »andere Welt« als sehr real erlebt. Im Unterschied zu einem Traum sind die Erlebenden auch im Nachhinein davon überzeugt, wirklich dort gewesen zu sein.
Bei manchen Nahtoderfahrungen sehen die Betroffenen zwar Menschen, aber diese können sie umgekehrt nicht wahrnehmen. Bei diesem möglichen Element von Nahtoderfahrungen geht es um Begegnungen im spirituellen Leib mit – wenn man so will – ebenfalls spirituellen Wesen in einer spirituellen Welt. Oft handelt es sich hier um Begegnungen mit Verwandten, die bereits verstorben sind. Besonders eindrücklich sind Berichte, wo Verwandte angetroffen werden, welche der Betroffene zu Lebzeiten gar nicht kannte oder von deren Existenz er nicht einmal wusste.
Colton Burpo, ein US-amerikanischer Junge aus Nebraska, hatte 2003 – damals erst vierjährig – eine ausführliche Nahtoderfahrung. Anlass war ein geplatzter Blinddarm, der jedoch länger nicht als solcher diagnostiziert worden war. Nachdem der Junge immer wieder eigenartige Bemerkungen über die Zeit machte, in der er bewusstlos war, sammelte sein Vater diese und verfasste ein Buch, das schnell zum Bestseller wurde. Er berichtet zum Beispiel:
»In jenem Gespräch sagte Colton, er sei aus seinem Körper ›rausgekommen‹, habe mit Engeln gesprochen und auf Jesu Schoß gesessen. Und dass er sich das alles nicht nur ausgedacht hatte, erkannten wir daran, dass er uns sagen konnte, was wir in einem andern Teil des Krankenhauses getan hatten: ›Du warst allein in einem kleinen Zimmer und hast gebetet, und Mami war in einem andern Zimmer und hat gebetet und telefoniert.‹ – Nicht einmal Sonja [Coltons Mutter, Anm. d. V.] hatte mich in dem kleinen Raum gesehen, als ich meine heftige Konfrontation mit Gott hatte.«21
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