Anne Freytag
Reality Show
Roman
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
ANNE FREYTAG hat International Management studiert und als Grafikdesignerin gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Für ihre Romane wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur. Die Autorin lebt mit ihrem Mann in München.
HOCHSPANNUNG ZUR PRIMETIME
Heiligabend: Die mächtigsten Personen Deutschlands werden in ihren Häusern eingesperrt und ihre Geiselnahmen live übertragen. Der Showmaster tritt vor die Kamera und präsentiert die Reality Show: Eine Sendung, die den Menschen ihre Stimme zurückgeben soll. Denn auch wenn diese ihre Regierung wählen, sind es doch die Kandidaten der Show, die wirklich Einfluss nehmen. Sie sind die Strippenzieher, die nie ihre Gesichter zeigen – und die doch auf das Leben eines jeden Einzelnen einwirken. Nun aber haben die Zuschauer die Wahl, wer für seine Verbrechen an der Bevölkerung mit einem blauen Auge davonkommt und wer bluten muss.
Von Anne Freytag ist bei dtv außerdem lieferbar:
Aus schwarzem Wasser
Originalausgabe
© 2021 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Dieses Werk wurde vermittelt von der Verlagsagentur Lianne Kolf, München
Umschlaggestaltung: semper smile, München
Umschlagmotive: Plainpicture / Frank Herfort / Hayden Verry und shutterstock.com
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Funktionalität der Web-Links wurde zum Zeitpunkt der Drucklegung (E-Book-Erstellung) geprüft. Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkungen nicht erkennbar.
eBook-Herstellung im Verlag (01)
eBook ISBN 978-3-423-43922-0 (epub)
ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-26303-0
ISBN (epub) 9783423439220
Das Zitat stammt aus dem Song »Ding Dong«/ ERSTE ALLGEMEINE VERUNSICHERUNG.Text: Thomas Spitzer. Verlage: Blank Musikverlag/Wintrup Musikverlag. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung.
not in alphabetical order, nor in order of appearance – or importance.
Das Zitat stammt aus: Bertolt Brecht, Die Dreigroschenoper, in: ders., Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 2: Stücke 2. © Bertolt-Brecht-Erben/Suhrkamp Verlag
Für die Menschen, die verstehen, dass (auch diesmal) nur ein Teil der Geschichte Fiktion ist.
(Und auch ein bisschen für Brad Pitt. Und für Lars Eidinger.)
»We were all humans until race disconnected us, religion separated us, politics divided us and wealth classified us.«
Pravinee Hurbungs
Das hier war nicht geplant. Nichts davon. Sie dort, der Pistolenlauf zwischen seinen Zähnen, der Ausdruck in seinem Gesicht – mehr als Angst, mehr als die Schweißperlen, die seine Schläfen hinunterlaufen wie Tränen aus einem nassen Ansatz.
»Wren.« Meine Stimme klingt schwach, wie die eines Waschlappens, der durch meinen Mund spricht. Wie konnte es so weit kommen? Was habe ich übersehen? Warum tut sie das?
Ich starre auf den Monitor. Zu weit weg von allem, abgehängt und doch dabei, auf eine untätige, passive Art daneben, ein Knopf in ihrem Ohr. Der Bildschirm ist bläulich, alles ist bläulich, der Typ, die Waffe in seinem Mund, die zweite in ihrer Hand, sein Gesicht, Wren.
Ich dachte, ich kenne sie. Ich dachte, ich weiß, wer sie ist, wie sie tickt, was sie antreibt. Aber wann kennt man jemanden schon? Ich meine, wirklich? Nicht nur die Oberfläche, nicht nur das, was sie einem zeigen, nicht nur bis knapp unter die Haut, sondern weiter, bis in die Schichten, in denen es wehtut. In denen wir unsere Geheimnisse begraben, wie Leichen auf einem Friedhof. Wir kultivieren sie mit unseren Gedanken, düngen sie mit unserem Schweigen, halten den Deckel darauf, damit sie nicht wieder zurück an die Oberfläche finden aus den Höhlen unseres Unterbewusstseins, Herzkammern, Nieren. Wir wollen sie in uns ersticken. Zum Schweigen bringen. Und scheitern daran.
Ich stütze mich mit den Handflächen auf dem Metalltisch ab, die Oberfläche ist rau, meine Ellenbogen zittern, ich schaue auf den Laptopbildschirm, versuche, die Situation zu begreifen, zu kapieren, was da gerade passiert. Ein Mann in einem orangen Sträflingsoverall auf dem Boden kniend, die Hände hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt, seine Frau und die beiden Kinder, ein Junge, ein Mädchen, zusammengekauert auf dem riesigen Ecksofa, eine hellgraue Insel aus teurem Stoff, die Kinder weinen, ihre Mutter hält ihnen die Augen zu – und es lässt mich vollkommen kalt. Sie, ihr Sohn, ihre Tochter, ihr Betteln. Bitte, tun Sie das nicht. Bitte. Er ist ein guter Mann. Immer dieselben Sätze, dieselbe Intonation unter erstickten Tränen, die Nase verstopft, geschwollene Schleimhäute.
All das ist mir egal. Aber sie nicht. Sie ist mir nicht egal.
Die Kameras blinken in schwarz-weiß an der Zimmerdecke, gleichmäßig wie ein Herzschlag. Und dann frage ich mich, wie das hier enden wird – ich in dieser gottverdammten Wohnung und sie in einem Kubus aus Glas, kurz davor, jemandem eine Kugel in den Kopf zu jagen. Am besten mit Millionen Zuschauern, die wie gebannt auf ihren Sofas und Sesseln sitzen, mit angehaltenem Atem und einer Hand in der offenen Chipstüte. So war es nicht gedacht. Das hier ist falsch.
»Swift?« Stille. »Swift, ist das live?«
Er reagiert nicht.
»Wren«, sage ich dann noch einmal, diesmal drängender. Aber auch sie antwortet nicht, steht halb mit dem Rücken zu mir. Eine schmale Schulter, ein Bruchteil ihres Profils, ein runder Hinterkopf. Ihr gesamter Körper ist starr, ihr ausgestreckter Arm, ihre Hand. Sie schiebt den Lauf der Waffe noch tiefer in seinen Rachen. Sein Gesicht sieht aus wie ein Schrei, ein Spiegelbild ihrer Entschlossenheit. Er kniet vor ihr, als würde er betteln, unterdrückt ein Würgen, seine Tochter heult, sein Sohn auch, seine Frau zittert, kein Flehen mehr, nur noch Kinderweinen. Der Moment ist zum Zerreißen gespannt, eine Stille, in der etwas lauert, als würden wir auf einen Funken warten. Darauf, dass alles in die Luft fliegt.
Es gibt einen Grund für das hier. Es muss einen geben, irgendeine Erklärung. Denk nach, verdammt, denk nach.
Dann erinnere ich mich. An Wren nackt im Schutzraum unter meinem Zimmer, an ihren Blick, als sie eins und eins zusammengezählt hat, daran, dass sie ihn in den Top Ten haben wollte, dass es ihr Vorschlag war. Davor war er nur ein möglicher Kandidat unter vielen. Zu der Zeit kam es mir nicht seltsam vor, ich habe es nicht hinterfragt. Aus dem Jetzt betrachtet hätte ich es tun sollen. Ich erinnere mich an den Ausdruck in ihrem Gesicht, an die Unnachgiebigkeit in ihren Augen. Meine Gedanken fallen wie Dominosteine, einer nach dem anderen, sie werden zu Gräueltaten in meinem Kopf, zu Adrenalin in meinem Blut, zu Aggression und geballten Fäusten. Mein Brustkorb zieht sich zusammen, meine Blutgefäße, meine Muskeln, mein gesamter Körper schrumpft. Schweiß an meinen Händen, Schweiß unter meinen Achseln, Schweiß an meinem Bauch.
Wieso hat sie es mir nicht gesagt? Wieso habe ich es nicht gemerkt?
»Woher kennst du ihn?« Ich stelle die Frage leise. Eine Stimmlage, die nicht zu mir passt. »Sag mir, was er dir angetan hat.«
Da endlich dreht sie sich um. Ein direkter Blick in die Kamera, als würde sie mich ansehen und nicht nur in eine Linse. Ihre Augen sind hart und leer, nicht grün-grau, sondern bläulich schwarz. Gunmetal Blue.
Sie sieht mich an, eine endlose Sekunde lang, nur mein Herzschlag und ihr innerer Kampf.
Dann richtet sie die zweite Waffe auf mich.
Und drückt ab.
92 Minuten zuvor.
Heiner Voigt steht nackt vor dem Spiegel in seinem riesigen Masterbad und dirigiert lustvoll den Radetzky-Marsch. Das Stück läuft in ohrenbetäubender Lautstärke, es ist so laut, dass die Kristalle des Deckenlüsters zitternd dazu vibrieren.
Was für ein Abend. Ein Abend genau nach Heiners Geschmack. Er hasst Weihnachten, diesen Kommerzrausch, den man Heiligabend nennt, vollkommen lächerlich. Er feiert das Fest der Liebe seit Jahren allein. Heuer hat Heiner sich mit einer Ganzkörpermassage überrascht – er hat die kleine Asiatin vorhin ganz spontan im Internet bestellt, so wie etwas zu essen. Eine Stunde später war sie da. Mai-Jin, Mai-Li, Mai-Tong? Wen interessiert’s? Sein Trapezius ist butterweich, genau wie sein Nacken. Mai-Jin, Mai-Li, Mai-Tong hatte erstaunlich starke Hände. Und exquisite Körperöle. Mit Jojoba und Lavendel. Heiner hatte schon so manche Massage, er kennt sich da aus. Im Anschluss an die heutige hat er sich gefühlt wie eine griechische Vorspeise, so glitschig war er.
Heiner hat der kleinen Asiatin ein großzügiges Trinkgeld gegeben und sie dann weggeschickt. Danach ist er in die Wanne gestiegen, eine Stunde Halbschlaf im Whirlpool, im Anschluss die Börsennachrichten. Wie gesagt: ein Abend genau nach Heiners Geschmack. Ein Fest der Liebe für sich selbst.
Heiner spürt seinen Magen knurren. Perfektes Timing. Denn während er hier oben noch dirigiert, wird in seiner Küche bereits das Essen für ihn zubereitet. Ist es nicht schön, reich zu sein?, denkt Heiner. Er muss nichts tun, kann alles bezahlen, jeden kaufen. Ein absoluter Systemgewinner.
Als er das Essen riecht, ganz salzig und würzig aus dem Erdgeschoss, läuft ihm das Wasser im Mund zusammen. Heiner hatte keine Lust auf Ente, genauso wenig auf Gans oder Reh, kein obligatorisches Weihnachtsmenü. Stattdessen Streetfood aus Shanghai – ein Kontrastprogramm zu diesem rührseligen Schwachsinn, dem die halbe Menschheit erlegen ist wie Neugeborenen und Welpen. Weihnachtslieder, Weihnachtsbäume, Weihnachtsdeko, Heiner hat dafür nichts übrig, für diesen an Kitsch kaum zu übertreffenden Konsumanfall, der sich hinter Traditionen und christlichen Werten versteckt. Die unbefleckte Empfängnis, eine Jungfrau, die Gottes Sohn in einem Stall zur Welt bringt. Ja, genau, so wird es gewesen sein.
Aber Heiner macht das Beste draus. Er marschiert gut gelaunt durchs Bad, spielt imaginäre Posaune, bewegt zackig den Kopf und amüsiert sich königlich. Heiner geht auf und ab, geht in der Musik auf, lächelt, als er sich im Spiegel sieht, so nackt und wohlgenährt. Diesen Wohlstandsbauch, den er sich redlich verdient hat, er hat ihn sich erarbeitet über Jahre hinweg.
Heiner stapft über die beheizten Fliesen, seine Fettschicht vibriert jedes Mal, wenn seine Fersen auf dem Boden aufkommen, so wie die Kristalle des Deckenlüsters. So schließt sich der Kreis, denkt Heiner. Und bei diesem Gedanken lacht er. Er lacht laut auf, doch man hört ihn nicht, der Radetzky-Marsch ist lauter.
Als der ein letztes Mal Fahrt aufnimmt, gibt Heiner alles. Sein lichtes Haar wippt im Takt, er hebt triumphierend die Arme, erhaben, vollkommen zufrieden mit sich und der Welt. Am Ende des Stücks macht Heiner eine finale Drehung und fällt in eine tiefe Verbeugung vor seinem eigenen Spiegelbild.
Als er sich im nächsten Moment wieder aufrichtet, hält ihm jemand eine Waffe an die Schläfe.
Das Garagentor schließt sich hinter Walter Emhoff wie ein Vorhang aus Metall. Als wäre es der Wall einer Festung. Danach ist es dunkel bis auf die rötliche Ambientebeleuchtung seines Wagens.
Walter wartet darauf, dass das Licht der Garage angeht. Er hat sich daran gewöhnt, dass die Bewegungsmelder verzögert reagieren – unter Smart Home versteht er trotzdem etwas anderes. Er stellt den Motor ab und öffnet die Fahrertür, dann klickt es leise, und die Neonröhren schalten sich flackernd ein. Ein nüchternes, nacktes Licht, das den Raum riesig und tot wirken lässt. Betonwände, vier Wagen, einer links von ihm, zwei rechts, dazwischen Walter in seinem Mercedes. Er ist spät dran, seine Frau hatte ihn gebeten, früher nach Hause zu kommen, aber der Flug hatte Verspätung, und Walter hat es nicht sonderlich eilig gehabt, sie zu sehen – weder sie noch die Kinder. Eva und er haben sie verwöhnt, ihnen von allem zu viel gegeben – nur nicht von ihrer Aufmerksamkeit, die war meist woanders. Evas in der Kanzlei ihres Vaters, seine bei anstehenden Sportereignissen. Es ist leichter, etwas zu kaufen, als etwas zu ändern. Und es bringt das schlechte Gewissen zum Schweigen, eine Art materielles Gegengewicht, wenigstens auf Zeit. Das Ergebnis: leuchtende Kinderaugen, Dankbarkeit, Frieden.
Ein paar Minuten lang sitzt Walter da und starrt vor sich hin, dann nimmt er resigniert seinen Ehering aus dem Portemonnaie und steckt ihn an. Er kann ihn nicht tragen, wenn er seine Frau betrügt, das konnte er nie. Als wäre er kein Ehebrecher, solange er den Ring dabei abnimmt. Früher konnte er auf Knopfdruck von einem Leben ins andere wechseln, wie bei einem Fernsehprogramm. Mittlerweile ist es ein Kraftakt, als würde er sich dabei selbst verbrauchen, jedes Mal ein bisschen mehr. Als wäre er ein Verschleißteil seiner eigenen Lügen.
Walter öffnet die letzte E-Mail seiner Assistentin, liest noch einmal nach, welche Geschenke er für seine Frau und die Kinder besorgt hat – er war auch in diesem Jahr wieder großzügig –, danach steigt er aus, geht zum Kofferraum und öffnet ihn. Zwei große Papiertüten. Walter wirft einen Blick hinein. Das Geschenkpapier ist geschmackvoll weihnachtlich, an einer der Schleifen hängt eine Zimtstange, an einer anderen eine kleine Christbaumkugel. Jeder, der ihn kennt, weiß, dass er das niemals selbst verpackt hat. Es ist auf eine Art offensichtlich, die ihn zum Lachen bringen würde, wäre es nicht so traurig. Walter verabscheut die Feiertage, diese verlogene Zurschaustellung, das »so tun als ob«.
Er atmet tief ein, strafft die Schultern, tritt einen Schritt zurück, die Papierhenkel schneiden in seine Finger, dann drückt er den länglichen Knopf an der Fernbedienung seines Wagens, und der Kofferraumdeckel schließt sich wie von Geisterhand. Es ist eine präzise, gleichmäßige Bewegung, die Walter mag. So technisch und unmenschlich.
Als er in Richtung Tür geht, fällt sein Blick auf die Kamera an der Decke, sie ist auf ihn gerichtet wie ein Scheinwerfer. Walter sieht direkt hinein und lächelt wie für ein Publikum, als wäre er ein Theaterschauspieler, kurz davor, die Bühne zu betreten.
Die Sicherheitstür geht automatisch auf, Walter geht ins Haus, und sie geht zu. Kurz darauf wird es dunkel.
Zur selben Zeit woanders.
Auf den Monitoren sind zehn kleine Kacheln. Wohnzimmer, Küchen, Weihnachtsbäume, Geschenke, Kaminfeuer, große Kinder, Kleinkinder, Männer in Anzügen, Frauen in Festtagskleidung, Mädchen mit Rüschen, Jungs mit gemusterten Wollpullovern. Zehn kleine Welten in schwarz-weiß mit bläulichem Stich. Als lägen sie unter einem von diesen Filtern, die man bei Filmen mit vielen Kampfszenen verwendet. Colour Grading. Dunkel und bedrohlich. Emhoff steht mit zwei Tüten in seiner Garage und lächelt aufgesetzt in die Kamera. Danach geht er ins Haus.
»Er ist drin«, sagt Swift.
Finch kommt zu ihm an den Tisch, stützt sich mit den Handflächen auf der Platte ab. »Was ist mit den anderen?«, fragt er.
»Die auch. Emhoff war der Letzte.«
»Gut«, sagt Finch. »Dann mach dicht.«
Und wieder spielt sie Ave Maria. Sie spielt es jedes Jahr, und jedes Jahr will Walter es ausschalten, so wunderschön und grausam ist es. Opus 52 No 6, D839, Franz Schubert. Walter weiß nicht, woran es liegt, aber dieses Stück macht etwas mit ihm, als würde er davon als Sünder entlarvt. Als wüsste die Sopranistin alles, was er je getan hat. Als wäre sie die Verkörperung des durch ihn entstandenen Leids.
Walter hat vor drei Jahren mit alldem aufgehört, seither befriedigt er seine Sucht anders – und übt sich im Verdrängen, versucht, sein schlechtes Gewissen im Keim zu ersticken. Es ist ein Wettlauf, der ihn zunehmend ermüdet. Als wögen die Lügen zu schwer für nur zwei Schultern. Irgendwann wird ihn die Vergangenheit einholen, da ist er sich sicher, wahrscheinlich, wenn er es am wenigsten erwartet.
Walter spürt, wie ihn etwas an der Taille berührt, und zuckt zusammen. Eva legt die Arme um ihn.
»Geht es dir gut?«, fragt sie.
»Es war ein langer Tag«, erwidert Walter ausweichend.
»Es ist immer ein langer Tag«, antwortet Eva. Sie steht vor ihm, einen halben Kopf kleiner als er, und sieht ihn an. »Wir sind ein langer Tag.«
Walter weiß, was sie meint und nickt.
»Es wäre schön, wenn du den Kindern zuliebe so tust, als wärst du gern hier. Du weißt ja, wie sensibel sie sind. Besonders Antonia.«
»Aber ich bin gern hier«, antwortet er.
»Ja«, sagt seine Frau.
Walter greift nach ihrer Hand. »Das bin ich«, sagt er.
»Ich denke, das geht überzeugender.« Eva lächelt. Und Ave Maria beginnt von vorn – Harfenklänge, die vor sich hin plätschern. Walter wird schlecht davon.
Er rührt sich nicht, steht nur da und betrachtet seine Frau. Sie ist schön, sie war immer schön. Blondes, schulterlanges Haar, ein Gesicht, das ihre Intelligenz widerspiegelt, graublaue Augen, teure Ohrringe und eine Strenge um den Mund, die verrät, dass sie sich häufiger grämt als lächelt. Seine Tochter wird ihr mal sehr ähnlich sehen. Auf den ersten Blick hübsch, auf den zweiten enttäuscht.
Eva sieht ihn unverwandt an, als würde sie versuchen, in ihn hineinzuschauen, ihn zu verstehen, die Sopranistin singt weiter, es klingt wie ein Klagen, der Chor setzt ein, Walters Puls beschleunigt sich. Und dann stellt er sich vor, wie er alles um sich herum kurz und klein schlägt. Wie er nach dem Schürhaken neben dem offenen Kamin greift und damit auf den perfekt geschmückten Christbaum eindrischt, links, rechts, links, rechts, Hiebe von oben und von unten, von allen Seiten. Walter stellt sich vor, wie die Kugeln in rote und goldene Splitter zerbersten, er stellt sich vor, wie die liebevoll arrangierten Päckchen durchs Wohnzimmer fliegen, wie das Geschenkpapier reißt, die Kartons mit den kleinen Weihnachtsmännern gegen die Wände knallen und dann zerbeult auf dem Boden landen. Walter stellt sich vor, wie er aus vollen Lungen schreit, so wie er noch nie geschrien hat – und Walter hat oft geschrien.
»Und du bist sicher, dass es dir gut geht?«, fragt Eva.
Walter nickt.
»Okay.« Pause. »Wenn das so ist, hole ich jetzt die Kinder.«
Ihre Aussage klingt nach einer Frage, also sagt Walter: »Ja.« Und lächelt.
Einen kurzen Moment zögert Eva, dann wendet sie sich ab und durchquert den großzügigen Wohnbereich. Walter fällt ihr geschmeidiger Gang auf, katzenhaft, als würde sie den Boden kaum berühren. Sie geht die Stufen nach oben in den ersten Stock. Walter sieht dabei zu, wie ihr Kopf aus seinem Blickfeld verschwindet, danach ihr Rücken, ihr Po, ihre Beine. Als sie nicht mehr zu sehen ist, fällt ihm das Atmen leichter.
Walter steht reglos da, ein verlorener Mann, der nach außen hin alles hat, ein Bilderbuchleben. Bilderbuchehe, Bilderbuchfamilie, Bilderbuchkarriere. Es ist wie bei einem dieser totretuschierten Fotos, auf denen die abgebildeten Personen nicht mehr zu erkennen sind. Zu glatt, zu glücklich, zu gut, um wahr zu sein. Auf ihn trifft das zu. Sein Leben ist wie der Maßanzug eines anderen.
Manchmal will Walter die Fassade einfach einreißen. Sich mit der Wahrheit aus der Lüge befreien. Aber er wird nicht die Wahrheit sagen. Weil es Dinge gibt, die zu groß sind, um sie zu beichten. Die nimmt man mit ins Grab.
Bei diesem Gedanken hört Walter Schritte auf den Treppen. Ihr Klang ist sein Kommando für eine heitere Miene. Ein Startschuss: Ready, set, go. Walter schaut hoch, maskiert mit seinem Lächeln. Doch noch im selben Moment spürt er, dass etwas nicht stimmt. So, wie ein Lügner einen anderen erkennt. Er kann nicht sagen, was es ist, nur, dass es so ist. Seine Mundwinkel sinken, eine tiefe Falte legt sich steil zwischen Walters Augenbrauen. Und da begreift er es. Dass es zu viele Füße sind. Die kleinen seiner Kinder, dazwischen die seiner Frau, dahinter ein Paar schwarze Stiefel, zwei Paar, drei Paar. Sie kommen im Gleichschritt.
Walter starrt auf die Stufen. Auf die Beine, die sichtbar werden, die Oberkörper, die Gesichter. Erst die seiner Kinder, dann das seiner Frau, alle drei auf dieselbe Art blank. Die Personen, die ihnen folgen, tragen Masken und schwarze Overalls. Walter weiß, was das bedeutet. Er weiß es, wie man manche Dinge einfach weiß.
»Guten Abend, Herr Emhoff«, sagt eine Männerstimme, die Walter nicht kennt. »Es tut uns leid, Sie und Ihre Familie am Weihnachtsabend derart zu überfallen. Doch ich befürchte, das ist bei einer Geiselnahme nicht zu vermeiden.«
Im selben Raum mit ihm zu sein ist surreal. Als wäre ihr Leben an einer Stelle angehalten worden und würde nun viele Jahre später an einer völlig anderen fortgesetzt. Zuletzt gesehen hat sie ihn, als sie sechzehn war. An einem trüben Sonntagabend im April nach einem Wettkampf. Die Scheibenwischer jagten auf höchster Stufe über die Windschutzscheibe – rechts, links, rechts, links. Sie erinnert sich noch, wie angestrengt es klang. Als wären die Wischer außer Atem. Im Hintergrund lief das Radio – irgendein Lied, an das sie sich nicht erinnert. Er ist gefahren. Sie saß mit gesenktem Kopf auf dem Beifahrersitz, die Sporttasche auf dem Schoß. Gesprochen haben sie nicht. Als sie beim Internat ankamen, hat er sie wie üblich vor dem Haupthaus rausgelassen und sich mit einem Bis morgen von ihr verabschiedet. Danach hat sie ihn nie wieder gesehen.
Bis jetzt. Bis zu diesem Moment.
Er steht in dem riesigen Wohnzimmer in Anzug und Krawatte, seltsam deplatziert, wie eine Spielfigur. Bei seinem Anblick arbeitet es in ihr. Alte Bilder drängen sich an die Oberfläche, ringen um ihre Aufmerksamkeit, ein Schwelbrand, der zur Stichflamme wird.
Als sie auf ihn zugeht wird ihr bewusst, wie viel besser sie ihn verdrängt hat, als sie dachte. Ihre Beine tragen sie, bewegen sich Schritt für Schritt auf ihn zu, während hinter ihrer Maske die Fassade zu bröckeln beginnt. Sie hat vergessen, wie groß er ist. Aber nicht, wie klein er sie gemacht hat. Sich daran zu erinnern ist wie ein Ballon, der in ihr platzt. Sie beginnt zu weinen, was jedoch niemand sieht, weil Guy Fawkes auf der Maske weiter für sie lächelt.
Laut Duden ist Rache eine von Emotionen geleitete, persönliche Vergeltung für eine als böse, besonders als persönlich erlittenes Unrecht empfundene Tat.
Damals war sie die Maus und er die Katze. Jetzt ist es andersrum.
Nur, dass er das nicht weiß.
Felicitas sitzt am Flügel und spielt The Christmas Song – Ferdinands Lieblingsstück zu Weihnachten. Ganz besonders, wenn sie es spielt. Bei ihr klingt es so einfach, als müsste das jeder können, selbst er mit seinen zwei linken Händen. Ferdinand liegt mit geschlossenen Augen auf dem Sofa. Er genießt den Moment, seinen wachsenden Hunger, das leere Gefühl in seinem Bauch, der darauf wartet, gefüllt zu werden. Ruth hat den ganzen Tag in der Küche zugebracht. Sie bereitet das Weihnachtsessen zu, Rehbraten mit Spätzle, das gesamte Haus duftet danach. Später gibt es Bratäpfel in Blätterteig mit Karamell, weil Nikolas und Pauline die so gern mögen. Die Zwillinge sind noch in ihrem Zimmer, Greta hat sie gebadet und hilft ihnen nun beim Anziehen. Ferdinand hört sie oben lachen und muss dabei selbst lächeln. Unbekümmert, unbeschwert, kindlich. Julian war auch mal so. Jetzt ist er das Gegenteil davon.
Er hat auch dieses Jahr nicht geschrieben, keine E-Mail, keine Weihnachtskarte. Ferdinand hat ihm eine geschickt. Nur ein paar Zeilen. Fröhliche Weihnachten, ich hoffe es geht dir gut – etwas in der Art. Es hat ihn überkommen, ein sentimentaler Kurzschluss kurz vor den Festtagen. Sonst neigt er nicht zu Gefühlsausbrüchen. Das Leben ist hart, aber ungerecht. Eine Philosophie, der er sich angepasst hat. Ferdinand denkt an die letzten Sätze, die er und sein Sohn im Zorn zueinander gesagt haben, an den verächtlichen Ausdruck in Julians Gesicht, unmittelbar bevor er gegangen ist. Dieser Blick hat sich in Ferdinands Erinnerung gebrannt. Wie ein Foto in seinem Kopf, das er nicht entsorgen kann.
Ruth hantiert in der Küche, Ferdinand hört, wie ein Gusseisentopfdeckel geöffnet und wieder geschlossen wird, im Hintergrund das Brummen des Backofens. Angenehme Geräusche, heimelig. Genau das, was er jetzt braucht. Die letzten Jahre waren anstrengend – und dieses ganz besonders. Er will nicht darüber nachdenken, konzentriert sich auf den Klang des Klaviers, driftet dennoch in Erinnerungen ab, lässt die vergangenen Monate Revue passieren, die Höhepunkte und Tiefschläge – allen voran Felicitas’ Fehlgeburt. Neunzehnte Woche, ein Mädchen. Die Tage danach haben ihn aufgebraucht. Insbesondere seine Machtlosigkeit und die Wut darüber, den Launen des Lebens derart hilflos ausgeliefert zu sein. Kontrollverlust, Albträume. Wenigstens die Geschäfte sind gut gelaufen. Litten & Partner steht solide da. Geradlinig, ausdauernd, verlässlich, hört Ferdinand den Werbeslogan seiner Firma. Und dann, wie die Küchentür geöffnet wird. Kein Knarzen, nur ein leiser Laut, als würde das Haus flüstern.
Ja, die Feiertage werden ihm guttun. Die Stille und die Zeit mit der Familie. Wollsocken statt Anzugschuhe. Die Arbeit ein paar Tage ruhen lassen, ausschlafen, mit den Kindern spielen, Pauline endlich das Radfahren beibringen, ein paar Massagen, mit seiner Frau schlafen, mit ihr Wein trinken und in die Sauna gehen, nachts auf der Terrasse im Whirlpool sitzen und in den Sternenhimmel schauen. Ferdinand spürt, wie sich seine Stirn bei der Aussicht auf die kommenden Tage entspannt, wie seine Lider schwer werden. Er ist müde, kurz davor, einzunicken, die Klaviermusik lullt ihn ein, der Duft des Festtagsbratens vermittelt Wärme und Geborgenheit. Ein aufgehobenes Gefühl in all der Hektik, das ihn an die Weihnachtsabende seiner Kindheit denken lässt. An ihn als kleinen Jungen im Wohnzimmer seiner Eltern, an den Geruch von Tannennadeln und entzündeten Kerzendochten, an das Rascheln beim Auspacken der Geschenke.
Das ist der Moment, in dem er bemerkt, dass Felicitas aufgehört hat zu spielen – nicht am Ende des Stücks, sondern mittendrin. Es riecht nach etwas – Synthetik, Metall. Keine Töpfe mehr, kein Klappern, kein Kinderlachen, nur der Ofen. Die Stimmung kippt im Bruchteil einer Sekunde. Anspannung kehrt in Ferdinands Muskeln zurück, in seine Stirn, in seine Arme und Beine. Er öffnet die Augen und blickt in den Lauf einer Waffe. Die Person dahinter ist maskiert.
»Guten Abend, Herr Litten«, sagt eine Frauenstimme. »Mein Name ist Jay. Ich bin heute Abend für Sie zuständig.«
Genau so hat Harald sich das diesjährige Weihnachtsfest vorgestellt. Die richtige Gesellschaft – Markus, Johannes und Kai –, die richtige Stimmung – angeheitert und hungrig –, der richtige Ort – sein Chalet in den Bergen, zu viert in einer Schneekugel in wohliger Wärme. Ein knisterndes Kaminfeuer, zwei großzügige Schlafzimmer mit eigenem Bad – weit genug voneinander entfernt –, eine Stube mit Essbereich und Leinwand, eine ausladende Liegewiese mit Fellen und Decken, auf den Fensterbrettern brennen Kerzen, die Geweihe an den Wänden werfen Schatten auf den Dielenboden. Eine Reihe von Angestellten kümmert sich um ihr leibliches Wohl.
Haralds Blick fällt auf die reichlich geschmückte Tanne vor der Fensterfront, draußen ist nur Schnee und irgendwo in der Dunkelheit das Tal mit seinen Dörfern – verstreute Lichterhaufen, die aus der Entfernung daran erinnern, dass es auch noch andere Menschen gibt. Aber die interessieren Harald nicht. Die Kleinbürger und Einfaltspinsel, die ihn nie verstanden haben. Markus legt liebevoll die Hand auf Haralds Schulter, er und ihre Freunde unterhalten sich, sie lachen, trinken Wein, im Hintergrund läuft amerikanische Weihnachtsmusik, die vor Kitsch nur so trieft. Es ist perfekt, wie in einem Weihnachtsfilm. Abgeschnitten vom Rest der Welt, sie, vier Könige auf seinem Gebirgsthron.
Keiner hätte ihm das je zugetraut, das alles. Das viele Geld, den Erfolg, die Immobilien und Wertpapiere. Mit Ausnahme seiner Mutter vielleicht, die hat immer an ihn geglaubt, Gott hab sie selig. Harald war stets anders gewesen. Schon als Junge. Heute mag er genau das – das Anecken, die Eigenheiten, die sein Leben erst zu seinem Leben machen. Früher war er einfach nur zu klein, zu zynisch, zu schwul. Schwul in einem österreichischen Kaff. Keine schöne Art aufzuwachsen, aber er hat viel daraus gelernt. Über den menschlichen Makel, die Abgründe, den Mob.
Schaut mal, da kommt die vaterlose Schwuchtel.
Der war bestimmt auch schwul, deswegen ist er abgehauen.
Ja, zu seinem Lover.
Harald hat so getan, als wäre es ihm egal. Meistens ist ihm das ganz gut gelungen, nur an Weihnachten war es schwer. Er hat die Feiertage immer geliebt. Das Glitzern, die Kugeln, den Schnee. Bereits als Kind, als verwöhnter kleiner Hosenscheißer, für den seine Mutter alles getan hat. Weil sie wiedergutmachen wollte, was sein Vater falsch gemacht hat: ihn totgeschwiegen wie eine Krankheit, von der man hofft, dass sie wieder verschwindet. Stattdessen ist er verschwunden. Zu irgendeiner anderen Frau in irgendeine andere Stadt. Harald hat ihn nie kennengelernt. Auch wenn er sich solche Treffen oft ausgemalt hat. Sein Vater, der seinen verlorenen Sohn sucht und findet, der ihm alles erklärt, und Harald, der ihm alles verzeiht. Irgendwann wurde diese Fantasie durch die Realität ersetzt. Nämlich, dass sein Vater ihn nie gesucht hat, weil er ihn nicht hat finden wollen. Dass er ihm egal war, ein Fehler aus seiner Vergangenheit, und sein Vater ein Arschloch.
Harald hat es weit gebracht. Manchmal fragt er sich, ob das so ist, weil er ihn beeindrucken wollte, dieses Phantom, das er sein Leben lang als Leerstelle mit sich herumgetragen hat. Um ihm eins auszuwischen, ihm zu zeigen, was für einen tollen Sohn er verpasst hat. Jeder Schritt auf der Karriereleiter ein weiteres Fick-dich in seine Richtung. Auf diese Art hat er es bis ganz nach oben geschafft. Er, ein Milliardär, der schwule Sohn eines Pharmavertreters aus einem Kaff in Österreich. Was für eine grandiose Geschichte. Der Antiheld.
Harald lächelt bei dem Gedanken – und bei dem an seine kleinen Schulkameraden, die in diesem Moment unten im Tal in ihrer Mittelmäßigkeit Weihnachten feiern. Mit ihren fetten Ehefrauen und ihren verkommenen Kindern, die nicht weit vom Stamm gefallen sind. Er ist weit gefallen. Im Nachhinein ein Segen.
Einer der Angestellten kommt zu ihnen an den Tisch und schenkt Wein nach. Harald versucht, sich an seinen Namen zu erinnern, aber er hat ihn vergessen – der junge Mann arbeitet zum ersten Mal für ihn. Normalerweise ist Harald gut mit Namen.
»Sind die Herren bereit für den ersten Gang?«
»Sind wir?«, gibt Harald die Frage weiter.
Markus zuckt mit den Schultern. »Lieber so in einer Viertelstunde?«
Johannes und Kai nicken. »Das klingt gut«, sagen sie.
»Sehr gerne«, entgegnet der Kellner und macht einen kleinen Diener. »Dann also in einer Viertelstunde.« Als er sich abwendet, klopft es an der Tür. Er hält inne, fragt: »Erwarten Sie noch weitere Gäste, Herr Lindemann?«
»Ich … nein«, sagt Harald und schaut fragend zu Markus. »Du etwa?«
Der schüttelt den Kopf.
»Soll ich mich darum kümmern?«, fragt der Angestellte.
»Nicht nötig.« Harald erhebt sich von seinem Stuhl. »Vielen Dank.«
Im Windfang ist es kühl, die schweren Vorhänge haben die Kälte draußen gehalten. Harald ist angetrunken, zuvor am Tisch ist es ihm nicht aufgefallen, doch jetzt, da er geht, bemerkt er es. Er hört, wie die anderen nebenan lachen, lächelt unwillkürlich mit. Es läuft ein Song von Ella Fitzgerald, Haralds Blick fällt auf seine Lammfellhausschuhe, und sogar die amüsieren ihn.
Als er wieder aufschaut, sieht er, dass das Glas des kleinen Fensters in der Haustür beschlagen ist. Er kann nicht sehen, wer draußen steht. Die Situation erinnert Harald an die Erste Allgemeine Verunsicherung, an deren Song Ding Dong. Er hat ewig nicht an dieses Lied gedacht. Bruchstücke des Refrains gehen ihm durch den Kopf. »Mach nie die Tür auf, lass keinen rein, mach nie die Tür auf, sei nie daheim[1]«, singt Harald leise, während er mit der rechten Hand die Klinke umfasst und sie nach unten drückt.
Dann ist die Tür offen. Eisiger Wind. Drei schwarz gekleidete Gestalten mit gezogenen Waffen und maskierten Gesichtern.
»Herr Lindemann«, sagt der in der Mitte. »Bitte verzeihen Sie, dass wir einfach so in Ihre Feierlichkeiten platzen. Aber Sie sind heute Abend Teil unserer Show.«
Der Schminktisch erinnert mich jedes Mal an Las Vegas mit seinen vielen goldverspiegelten Glühbirnen. Magpie hat ihn bei der Auflösung eines Varietétheaters entdeckt. Sie meinte: Für so eine Show brauchen wir so einen Spiegel. Langsam verstehe ich, warum. Er ist genauso over the top wie der Rest dieser Operation. Genauso wie der Typ mir gegenüber: Diese Influencer-optimierte Version von mir mit drei Millimeter kurzen Haaren, solariumgebräunter Haut und einem Muskelshirt mit Hula tanzenden Frauen drauf. Ich habe dreizehn Kilo abgenommen für diesen Scheiß. Mehrere Monate lang sieben Tage die Woche trainiert, mich auf einen Körperfettanteil von unter elf Prozent gehungert – und das alles für nur einen Abend.
Bei diesem Gedanken schütteln der Influencer und ich simultan den Kopf. Es irritiert mich immer wieder, dass er ich ist. Wie ein Instagram-Filter, der es in die Realität geschafft hat. Ich benutze die nicht mehr, diese Filter, weil ich sie nicht brauche. Nichts an mir ist wahr, aber alles ist echt. Sogar der Sixpack. Den zu kriegen hat gedauert. Beinahe ein Jahr habe ich darauf hingearbeitet. Fast ein Vollzeitjob. Aber kaum etwas generiert so viele Follower, wie halb nackt mit bösem Blick in eine Kamera zu schauen. Am besten leicht verschwitzt von einem gerade beendeten Workout oder noch nass vom Duschen. Eine Gruppe junger Frauen hat meinetwegen den Hashtag #sexonlegs eingeführt. Es hat sich also gelohnt.
Das Entscheidende ist, es so aussehen zu lassen, als wäre es ganz einfach. Am besten sind Fotos, die den Eindruck erwecken, als wären sie nebenbei entstanden, aus einer Laune heraus und nicht geplant und konzipiert mit Ringlicht und Concealer, der die Schatten unter den Augen verdeckt. Scheinbar spontan und gut drauf. Immer gut drauf, während man hinter den Kulissen leise fluchend einen Eiweißshake nach dem anderen säuft und den WG-Mitbewohnern beim Pizzaessen zusieht. Und mein Vater dachte, ich hätte kein Durchhaltevermögen. Keine Disziplin. Keinen Drive, wie er es nannte. Ich kann noch hören, wie er es sagt: Dir fehlt der Drive, Junge. Du bringst einfach nichts zu Ende. Ich mache ein abschätziges Geräusch bei dem Gedanken. Wenn der mich jetzt sehen könnte …
Die Wahrheit ist, es hat mir nie an Drive gefehlt, ich hatte nur kein konkretes Ziel. Keinen Grund, mich anzustrengen. Ich war ein mikroskopisch kleines Molekül im Spucknebel des Lebens. Und jetzt bin ich der, der spuckt.
Anfangs habe ich den Influencer noch gespielt, aber seit einer Weile fürchte ich, spielt er mich. Als wäre ich mir im Laufe der Zeit selbst erlegen – so gut gelaunt, ein wahrer Sonnenschein, dank Solarium, Vitamin D und bezahlten Kooperationen. Oberflächlichkeit pays off. Ich rede sogar schon so wie die. Pays off. Trotzdem nice. Why not? Really?
Ich erhebe mich von dem schwarzen Klappstuhl und gehe ein paar Schritte zurück. Der Kerl im Spiegel sieht ziemlich scharf aus – und mir nicht sonderlich ähnlich. Er hat knapp acht Millionen Follower bei Instagram, ich habe noch nicht mal einen Account dort. Die Leute denken, sie wissen, wer ich bin, dabei kennen sie noch nicht mal meinen Namen. Ich bin eine perfekte Illusion. Deswegen bin ich der Moderator heute Abend. Weil ich die kantige Kieferpartie meines Vaters geerbt habe. Und die Eloquenz und Schlagfertigkeit meiner Mutter. Ich bin der Moderator, weil ich kein Problem damit habe, mich vor Millionen von Menschen zum Affen zu machen. Weil es mich nicht stört, in eine Kamera zu reden, als wäre da ein echtes Gegenüber. Und zu guter Letzt, weil Sex sells. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass einem so viele Leute Einladungen zum Sex schicken könnten – dreißig, vierzig an einem durchschnittlichen Tag. Man könnte fast eingebildet werden.
Was sie nicht begreifen, ist, dass ich ihre Projektionsfläche bin. Ich lasse meine Follower entscheiden, ob ich einen Bart trage oder nicht, die Haare lang oder kurz, Shirt oder Unterhemd, Casual oder Business Style. Ich bin ihre Kreation, ein Produkt, das sie geschaffen haben – und das sie nun beeinflusst. Man könnte auch sagen, ich manipuliere sie, aber das klingt so negativ. Deswegen nennt man es Influencer. Eine moderne Krankheit, die sich rasend schnell verbreitet.
Die Leute kaufen, was ich in die Kamera halte, ziehen an, was ich anziehe, benutzen dasselbe Deo oder Duschgel, weil sie glauben, mir dadurch näherzukommen, ein Stück von mir zu haben, weil sie dieselben Fitnessriegel essen oder Boxershorts tragen. Eine Schafherde mit Smartphones und Apple Pay.
Die Kooperationen haben einen beträchtlichen Teil unserer Operation finanziert. Das Vitamin D, das ich jeden Morgen lächelnd hochhalte, die Sportgeräte, die Eiweißshakes, die Modelables, die mir ihre neuesten Kollektionen schicken. Ich bekomme Samples und Gutscheine und Einladungen zu Veranstaltungen. Sie scheißen mich zu mit ihren verdammten Produkten und ihrer falschen Freundlichkeit, damit ich etwas Nettes darüber sage. Ein, zwei Storys, in denen ich idiotischen Blödsinn von mir gebe, wie: Also ich verwende das jeden Tag. Oder: Mmmmm, mein absoluter Lieblingsjoghurt. Und das ganz ohne tierisches Eiweiß. Oder: Das ist mit Abstand das beste Shampoo, das ich je benutzt habe.
Seit etwa einem Jahr zahle ich nicht mehr, wenn ich in Restaurants gehe – ich mache nur ein paar Storys. Ist kein Tisch frei, wird einer frei gemacht. Ich bin ein Erfolgsversprechen auf zwei Beinen. Eine Kunstfigur von Kopf bis Fuß, die auf Knopfdruck lächelt. Finch hat mal gesagt: Du bist die schönste Lüge, die ich je gesehen habe. Ich schätze, das bringt es auf den Punkt.
Mein Blick fällt auf die Uhr. Noch sieben Minuten.
»Okay«, sage ich zu meinem Spiegelbild. »Wir schaffen das.«
Ein Knacken in meinem Ohr, dann Finch, der sagt: »Alles gut bei dir?«
»Klar«, erwidere ich.
»Pep-Talk oder still sein?«
»Still sein.«
»Okay«, sagt er und danach nichts mehr.
Ich schließe die Augen. Es ist ein Gefühl wie kurz vor einem Sprung. Ein freier Fall, während ich mit beiden Beinen auf dem Boden stehe. Niemand ahnt, was wir gleich lostreten. Eine Lawine, die bisher nie da gewesene Ausmaße annehmen wird. Ich tease schon seit Tagen an, dass bereits sehr bald etwas richtig Großes passiert. Etwas, das es so noch nie gegeben hat. Einige meiner Halbhirne tippen auf Nacktfotos von mir. Andere fragen, ob ich einen Song aufnehme, und wieder andere, ob ich eine Rolle in einem Film ergattert habe. Kleingeister, denen nichts über Ruhm und Geld geht.
Ich öffne die Augen und sehe in das Gesicht des heutigen Abends. Einen der Köpfe hinter dieser Operation. Ein Rädchen von vielen, eine Bombe, die im Verborgenen tickt. Master of Ceremony, denke ich, während ich nach meinem Handy greife und ein letztes Boomerang von mir vor dem Vegas-Spiegel mache. Caption: WE ALL BLAME SOCIETY. BUT WE ARE SOCIETY. #getready #theshowmustgoon #zacherywiseman.
Langsam ist es nicht mehr zu leugnen. Auch, wenn Carolin es nicht wahrhaben will. Ihre Mutter baut zusehends ab. Nicht weiter verwunderlich mit beinahe sechsundneunzig. Und doch ist es befremdlich, dass die Frau, die seit jeher alle Fäden in der Hand hatte, zu schwach geworden ist, sie festzuhalten. Gicht, rheumatische Arthritis, Altersdiabetes. Und dann auch noch diese absonderlichen Geschichten, die sie seit einiger Zeit erzählt. Erinnerungen, wie sie sagt. Carolin hingegen glaubt, sie spinnt sich etwas zusammen – nicht selten eine Begleiterscheinung bei Demenz. Ihre Mutter hat nichts davon hören wollen, als die vor einigen Monaten bei ihr diagnostiziert wurde. Papperlapapp, sagte sie bloß.
Manchmal, meist abends vor dem Zubettgehen, tut Carolin ihrer Mutter den Gefallen und hört sich ein paar ihrer kleinen »Anekdoten« an. Erfundene Namen und Schicksale, von deren Echtheit sie vollkommen überzeugt zu sein scheint. Neulich haben sie gemeinsam ein paar alte Fotoalben angesehen, Bilder von fremden Gesichtern, bei deren Anblick ihre Mutter unvermittelt in Tränen ausbrach. Sie hat nie geweint. Solange Carolin denken kann nicht. Sie war nicht herzlos, aber eben auch nicht sentimental. Eine Strategin, die intuitive Entscheidungen trifft und diese dann eisern verfolgt. Auf diese Art hat ihre Mutter aus ein paar kleinen Hotels in München ein weltumspannendes Netz gewoben, einen mehrere Milliarden schweren Luxushotelkomplex. Sie war immer gut im Strippenziehen, verstand es, ihre scheinbare Unbedarftheit und charmante Naivität gezielt einzusetzen, wickelte reihenweise Männer um den Finger. Einer von ihnen war Carolins Vater. Als die beiden damals heirateten, wurde sie seine Frau, doch nie die Frau von. Sie nahm seinen Namen an, blieb im Herzen aber immer eine Brenner. Ihre Waffen waren ihr Dekolleté und ihr Verstand, sagte Carolins Vater früher gern. Sie selbst hat immer werden wollen wie ihre Mutter. Eine schöne Frau, die von den Mächtigen der Welt erst unterschätzt wird und diese dann bei Verhandlungen vor Ehrfurcht erzittern lässt. Und nun ist sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Eine kleine, alte Dame mit gebeugter Haltung und kaputten Knien. Den strengen Blick hat sie noch, ihn und die darin deutlich sichtbare Unnachgiebigkeit und Willenskraft. Doch Willenskraft allein reicht nicht aus, wenn die der Muskeln schwindet. Ihre Mutter ist fragil geworden, ein Rest Mensch, der sich zum Sterben bereit macht. Und zum Abschied erzählt sie ein paar Geschichten, als würde sie einen Deckmantel aus Lügen überziehen, bevor sie die Welt verlässt.
Carolin wollte erst nicht wieder bei ihrer Mutter einziehen, in dieses riesige Haus, in dem sie auf- und aus dem sie herausgewachsen ist. Seither kam sie nur noch zu Besuch. Ein Gast an einem Ort, an dem sie laufen und sprechen gelernt hat. Ihr altes Kinderzimmer gibt es noch. Genau wie das ihres älteren Bruders. Zwei Museen, in denen die Zeit stehen geblieben scheint, ein blauer und ein rosa Raum, verbunden durch ein gemeinsames Badezimmer mit Wanne und zwei Waschbecken. Carolin hat eines der Gästezimmer in der ersten Etage bezogen. Es ist sonderbar genug, mit Mitte fünfzig wieder bei der Mutter einzuziehen, das rosa Kinderzimmer wäre wahrlich zu viel gewesen. Ein Rückfall in die Jugend, im letzten Lebensdrittel.
Carolin wohnt lieber im Hotel. Sie hat eine Luxussuite ganz für sich allein, Pool und Spa-Bereich nur zwei Türen entfernt, Zimmerservice, drei Restaurants zur Auswahl und einen Concierge. Es ist vielleicht nicht das Brenner’s New York City, dafür ist es das Stammhaus. Das Hotel, mit dem alles begann.
Carolin leitet den europäischen Markt. Die Traditionshäuser. Trotzdem war sie enttäuscht, als das Überseegeschäft vor sechzehn Jahren an ihren Bruder Leopold ging. Nicht wirklich überrascht, nur enttäuscht. Sie wäre auch gern ins Ausland gegangen, hätte Deutschland – wenigstens auf Zeit – den Rücken gekehrt. Aber Leopold ist der Ältere, nicht zu vergessen der Sohn, und dann waren da auch noch Beth und danach die Kinder. Eine amerikanische Bilderbuchfamilie, während sie, Carolin, kinderlos blieb. Verheiratet mit dem Hotel, eine Karrierefrau ohne Mann, dafür mit Ambitionen.
Carolin hat die Brenner Hotels modernisiert, sie hat eine Frauenquote und Kitas an jedem europäischen Standort eingeführt, einen Mitarbeiterrat, in dem Belange und Ideen der Angestellten gesammelt und besprochen werden. Sie hat ein Austauschprogramm initiiert, das es dem Hotelpersonal ermöglicht, in einem der anderen Brenner Hotels zu arbeiten, Land und Leute zu studieren, neue Sprachen vor Ort zu lernen. Sie wurde fünfmal in Folge vom managermagazin zur Unternehmerin des Jahres gewählt – etwas, das ihre Mutter nie lobend erwähnte. Keine Anerkennung, nichts. In derselben Zeit hat ihr Bruder seine Frau dreimal geschwängert und drei Manager eingestellt, die ihm das Tagesgeschäft abnehmen. Etwas, das ihre Mutter großartig findet. Leopold hat gelernt zu delegieren. Gut für ihn. Mir ist das nie gelungen.
Leopold. Der großartige Leopold.
Eigentlich wollte er Weihnachten bei ihnen verbringen, in Deutschland. Man weiß ja nicht, wie lange Mutter noch lebt, meinte er neulich am Telefon. Und hat dann wegen eines Geschäftstermins kurzfristig doch noch abgesagt. Carolin fragt sich, wofür er seine drei Manager bezahlt, wenn er dann doch zu jedem Termin selbst erscheinen muss.
Sie hat sich tatsächlich auf ihren Bruder gefreut. Auf ihn und die Kinder – auf Beth nicht unbedingt, aber die hätte sie ja ignorieren können. Sie haben sich seit fast vier Jahren nicht mehr gesehen, Leopold und sie. Er wird mit seiner Familie feiern, und Carolin verbringt einen weiteren Abend allein vor dem Fernseher. Ihre Mutter fühlte sich vorhin nicht gut, also hat Carolin sie am späten Nachmittag mit einer Tasse Lavendeltee zu Bett gebracht.
Das Menü, das Roswita zubereitet hat, war absolut vorzüglich, doch Carolin hätte sich gerne während des Essens mit jemandem unterhalten, Gesellschaft gehabt, sich amüsiert.