Colleen Hoover

LOVE AND CONFESS

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Katarina Ganslandt

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Über Colleen Hoover

Colleen Hooverstand mit ihrem Debüt ›Weil ich Layken liebe‹ (dtv 71562), das sie zunächst als eBook veröffentlichte, sofort auf der Bestsellerliste der ›New York Times‹. Mittlerweile hat sie auch in Deutschland die SPIEGEL-Bestsellerliste erobert. Mit ihren zahlreichen Romanen, die alle zu internationalen Megasellern wurden, verfügt Colleen Hoover weltweit über eine riesengroße Fangemeinde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Texas.

 

Katarina Ganslandtwurde 1966 geboren, lebt mit ihrem Freund Sascha und Hund Elmo in Berlin und sammelt am liebsten alle möglichen Arten von nützlichem und unnützem Wissen an, wenn sie nicht gerade Bücher aus dem Englischen übersetzt. Inzwischen sind über hundert Titel zusammengekommen.

Über das Buch




Vor fünf Jahren hat Auburn ihre erste große Liebe in Dallas zurücklassen müssen, verbunden mit einem Schmerz, den sie bis heute nicht ganz überwunden hat. Jetzt ist sie zurück in der Stadt und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Ausgerechnet da trifft sie auf Owen, den jungen Künstler mit den grünen Augen, der sich von den Geschichten anderer Menschen für seine Bilder inspirieren lässt. Vom ersten Augenblick an fühlt Auburn sich zu ihm hingezogen – und Owen geht es nicht anders. Die beiden verlieben sich mit ungeahnter Wucht ineinander. Doch beide verbergen Geheimnisse voreinander, die alles zu zerstören drohen, was ihnen wichtig ist – vor allem Owen, der mehr mit Auburns Vergangenheit zu tun hat, als sie ahnt …

Impressum

Ungekürzte Ausgabe

2017 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,München

© Colleen Hoover 2015

Titel der amerikanischen Originalausgabe: ›Confess‹,

2015 erschienen bei Atria Paperback, an imprint of Simon & Schuster, Inc., New York

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form.

This edition published by arrangement with the original publisher, Atria Books, a division of Simon & Schuster, Inc, New York.

© der deutschsprachigen Ausgabe:

2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG,München

Umschlaggestaltung: buxdesign,München, und Carla Nagel

Bild: Trevillion und Carla Nagel

 

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

 

eBook-Herstellung im Verlag (01)

 

eBook ISBN 978-3-423-42850-7 (epub)

ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-71759-5

 

Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/ebooks

ISBN (epub) 9783423428507

Inhalt

Prolog

AUBURN

Erster Teil

erstes kapitel AUBURN

zweites kapitel OWEN

drittes kapitel AUBURN

viertes kapitel OWEN

fünftes kapitel AUBURN

sechstes kapitel OWEN

siebtes kapitel AUBURN

achtes kapitel OWEN

neuntes kapitel AUBURN

zehntes kapitel OWEN

elftes kapitel AUBURN

zwölftes kapitel OWEN

dreizehntes kapitel AUBURN

vierzehntes kapitel OWEN

Zweiter Teil

fünfzehntes kapitel AUBURN

sechzehntes kapitel OWEN

siebzehntes kapitel AUBURN

achtzehntes kapitel OWEN

neunzehntes kapitel AUBURN

zwanzigstes kapitel OWEN

einundzwanzigstes kapitel AUBURN

zweiundzwanzigstes kapitel OWEN

dreiundzwanzigstes kapitel AUBURN

vierundzwanzigstes kapitel OWEN

Danksagung

AUBURN

Als er mir eröffnet, wie hoch sein Stundensatz ist, sacke ich unmerklich in meinem Stuhl zusammen. Mit dem, was ich verdiene, kann ich ihn mir auf gar keinen Fall als Rechtsanwalt leisten.

»Sie haben nicht zufälligerweise günstigere Sätze für Mandanten, die finanziell nicht ganz so … gut gestellt sind?«, frage ich.

Er versucht, sich seinen Unwillen nicht anmerken zu lassen, aber die Falten um seinen Mund vertiefen sich. »Ihr Fall wird Zeit kosten.« Er faltet die Hände auf seinem Mahagonischreibtisch und drückt die Daumen aneinander. »Und Zeit ist Geld.«

Ach was.

Ich sage ihm nicht, wie geschmacklos ich diesen Vergleich finde, sondern betrachte frustriert seine Visitenkarte, die ich in der Hand halte. Er ist mir als besonders gut empfohlen worden, und ich habe damit gerechnet, dass er teuer sein würde, aber mir war nicht klar, wie teuer. Ich werde mir einen Zweitjob oder gleich auch noch einen Drittjob suchen müssen … am besten überfalle ich eine Bank.

»Und trotzdem können Sie mir wahrscheinlich nicht garantieren, dass das Urteil am Ende zu meinen Gunsten ausfallen wird, oder?«

»Garantieren kann ich gar nichts.« Er seufzt. »Aber ich kann Ihnen zumindest versprechen, dass ich alles in meinen Kräften Stehende tun werde, um das Gericht dazu zu bringen, in Ihrem Sinne zu entscheiden. Nachdem ich allerdings einen Blick in Ihre Unterlagen aus Portland geworfen habe, kann ich Ihnen gleich sagen, dass das keine einfache Aufgabe wird. Ich wiederhole mich nur ungern, aber ich muss es noch einmal sagen: Ihr Fall wird Zeit kosten.«

»Das ist das Einzige, von dem ich mehr als genug habe«, murmle ich und stehe auf. »Okay. Dann würde ich gerne wiederkommen, sobald ich meinen ersten Lohn habe.«

Der Anwalt schickt mich ins Vorzimmer zu seiner Sekretärin, um einen Termin zu vereinbaren, und wenig später finde ich mich draußen in der brütenden texanischen Hitze wieder.

Eigentlich bin ich immer davon ausgegangen, dass ich mein ganzes Leben an der Westküste in Portland, Oregon, verbringen würde, wo ich aufgewachsen bin. In Dallas bin ich vor meinem Umzug hierher erst einmal gewesen. Als Fünfzehnjährige habe ich einige Wochen hier verbracht. Und obwohl der Anlass für meinen Aufenthalt damals ein verdammt trauriger war, möchte ich keine einzige Sekunde dieser Zeit missen.

Diesmal ist es genau umgekehrt. Im Moment habe ich keinen sehnlicheren Wunsch, als so schnell wie möglich wieder nach Portland zurückfliegen zu können.

Ich ziehe meine Sonnenbrille aus den Haaren, setze sie auf und mache mich auf den Weg in die Innenstadt, die so ganz anders ist als das Stadtzentrum von Portland. Dort kann man fast alles zu Fuß erreichen. Dallas ist viel weitläufiger und unpersönlicher, auf den Straßen sind kaum Menschen unterwegs, alle fahren nur mit dem Auto und … habe ich schon erwähnt, wie unerträglich brütend heiß und schwül es hier ist? Geradezu unmenschlich. Um den Umzug zu finanzieren, musste ich meinen Wagen verkaufen, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen oder zu Fuß zu gehen. Und weil ich jeden Cent zweimal umdrehen muss, spare ich sogar an den Bustickets.

Ich bin wirklich ziemlich verzweifelt über meine momentane Situation. Weil ich mir im Salon noch keinen eigenen Kundenstamm aufbauen konnte, werde ich diesen Monat auf keinen Fall genug verdienen, um den Anwalt bezahlen zu

Ich ziehe das Handy aus der Tasche und wähle ihre Nummer. Als ihre Mailbox anspringt, überlege ich kurz, ob ich ihr eine Nachricht hinterlassen soll. Aber ich habe sie im Verdacht, meine Nachrichten zu löschen, ohne sie angehört zu haben, also stecke ich das Telefon wieder zurück. Die Hitze kriecht mir den Hals hinauf, meine Wangen glühen und hinter meinen Lidern spüre ich das mittlerweile vertraute Stechen. Ich habe mitgezählt: Das ist jetzt das dreizehnte Mal, dass ich unter der glühend heißen Sonne quer durch diese riesige anonyme Stadt zu Fuß nach Hause gehe, aber ich bin fest entschlossen, es diesmal bis zum Apartment zu schaffen, ohne in Tränen aufgelöst zu sein. Das wäre eine Premiere. Meine Nachbarn halten mich bestimmt jetzt schon für schwer gestört.

Leider ist es ein verdammt langer Weg. So lang, dass ich gar nicht anders kann, als über mein Leben nachzudenken, und mein Leben ist etwas, das mich unweigerlich zum Weinen bringt.

Vor einem Schaufenster bleibe ich stehen und schiebe die Brille in die Stirn, um in der Scheibe zu überprüfen, ob meine Wimperntusche verlaufen ist. Beim Anblick meines Spiegelbilds schüttle ich frustriert den Kopf. Was ich sehe, gefällt mir gar nicht.

Ich sehe ein Mädchen, das die Entscheidungen, die es in seinem Leben getroffen hat, schwer bereut.

Ein Mädchen, das Portland vermisst.

Und das dringend einen Nebenjob braucht, weil … was sehe ich da?

An der Tür hängt ein Schild.

Assistentin gesucht.

Bitte klopfen.

Ich trete einen Schritt zurück und betrachte das Gebäude, vor dem ich stehe. Auf meinem Arbeitsweg bin ich jeden Tag zweimal daran vorbeigekommen und trotzdem ist mir dieser Laden nie aufgefallen. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich auf dem Hinweg immer mit Lydia telefoniere und auf dem Rückweg zu viele Tränen in den Augen habe, um überhaupt irgendetwas von meiner Umgebung wahrzunehmen.

CONFESS

Das ist das Einzige, was auf dem Schild über dem Briefkastenschlitz in der Tür steht. Nur dieses eine Wort: »confess«. Soll das eine Aufforderung sein? Gestehe! Ist das hier womöglich gar kein Geschäft, sondern eine Art Kirche? Aber die vielen in unterschiedlichen Handschriften vollgekritzelten Zettel, mit denen die Schaufenster zugepflastert sind, sehen irgendwie nicht nach Gotteshaus aus. Es sind so viele, dass man nicht in den dahinterliegenden Laden hineinschauen kann.

Sind das Kleinanzeigen? Ich trete wieder näher und beginne zu lesen.

Ich balle unwillkürlich die Hand und drücke sie auf mein Herz. Das liest sich tatsächlich wie ein Geständnis! Mein Blick fällt auf den Zettel daneben.

Vor vier Monaten habe ich das letzte Mal mit meinen Kindern gesprochen. Sie rufen an den Festtagen und an meinem Geburtstag an, melden sich ansonsten aber nie bei mir. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich war ein schrecklicher Vater.

Ich lese den nächsten Zettel.

Bei meiner Bewerbung habe ich in meinem Lebenslauf gelogen. Ich habe gar keinen Uniabschluss. In den fünf Jahren, die ich jetzt schon in der Fima arbeite, wollte nie jemand mein Zeugnis sehen.

Ich kann nicht aufhören zu lesen, stelle mich auf die Zehenspitzen, um die Zettel in den oberen Reihen zu entziffern, und bücke mich nach denen, die weiter unten hängen. Mir ist nach wie vor völlig unklar, was das für ein Laden ist oder welche Organisation dahintersteckt. Ich kann mir nicht erklären, warum diese Geständnisse hier aushängen, sodass jeder sie sehen kann. Aber aus irgendeinem Grund gibt es mir ein gutes Gefühl, sie zu lesen. Wenn sie echt sind, dann ist mein Leben vielleicht doch nicht so verpfuscht, wie es mir manchmal vorkommt.

Das Einzige, was ich sehe, ist eine Männerhand, die das Schild abnimmt. Dann höre ich das energische Quietschen eines Markers, und als das Schild gleich darauf wieder hingehängt wird, steht da:

Assistentin gesucht.

Bitte klopfen.

SUPERDRINGEND gesucht!

BITTE AN DIE TÜR HÄMMERN!!!

Ich muss über die radikale Änderung der Formulierung lachen und denke gleichzeitig, dass das vielleicht eine schicksalhafte Fügung ist. Ich brauche dringend einen Job, und hier ist jemand, der offensichtlich dringend Unterstützung braucht.

Im nächsten Moment öffnet sich die Tür ein Stück weiter und vor mir steht ein Typ, der ein paar Jahre älter ist als ich und mich mit großen Augen ansieht, die mich sofort faszinieren. Sie strahlen in mehr Grüntönen, als ich sie auf seinem farbverklecksten T-Shirt finden könnte. Volle schwarze Haare fallen ihm widerspenstig ins Gesicht. Nachdem er mich einen Moment lang überrascht gemustert hat, schüttelt er kurz den Kopf und stößt dann einen Seufzer aus. Es kommt mir fast so vor, als wäre er erleichtert, dass ich vor der Tür stehe.

»Kann es sein, dass dich der Himmel schickt?«, fragt er, und mein Blick wird unwillkürlich wieder von seinen grünen Augen angezogen. »Komm rein.« Er strahlt mich an und hält die Tür einladend auf.

Ich werfe zögernd einen Blick auf das »Assistentin gesucht«-Schild und frage mich, was gleich passieren wird, wenn ich ihm tatsächlich in diesen Laden folge.

Das schlimmste Szenario, das mir einfällt, endet mit meiner Ermordung. Aber angesichts der hinter mir liegenden höllischen drei Wochen kann mich traurigerweise selbst diese Vorstellung nicht wirklich abschrecken.

»Bist du derjenige, der eine Assistentin sucht?«, frage ich.

»Falls du diejenige bist, die sich bewirbt?«

Er klingt total nett und irgendwie verunsichert mich das. Ich bin so nette Menschen nicht gewöhnt.

»Könnte sein, dass ich mich bewerbe. Aber vorher hätte ich noch ein paar Fragen an dich«, sage ich, stolz darauf, dass ich mich nicht einfach so von einem Mörder in den Hinterhalt locken und abschlachten lasse.

Der Typ zieht das Schild von der Scheibe, stemmt sich mit dem Rücken gegen die Tür, um sie aufzuhalten, und winkt mich herein. »Eigentlich haben wir keine Zeit, uns vorher noch lange zu unterhalten, aber ich schwöre dir, dass ich dich garantiert nicht foltern, vergewaltigen oder umbringen werde, falls dich das beruhigt.«

Seufzend schiebe ich mich an ihm vorbei in den Laden. »Worauf lasse ich mich da nur ein?«

»Vielleicht auf etwas, aus dem du so schnell nicht mehr herauswollen wirst«, antwortet er. Die Tür fällt hinter uns ins Schloss und sperrt das Sonnenlicht aus, was nicht weiter schlimm wäre, wenn der Innenraum beleuchtet wäre. Das ist er aber nicht. Er ist stockfinster und nur durch einen Spalt in der geöffneten Tür am anderen Ende des ziemlich großen Ladenlokals fällt ein schwacher Lichtschein herein.

In dem Moment, in dem mich mein rasend schnell klopfendes Herz wissen lässt, dass ich gerade eine lebensgefährliche Dummheit begangen habe, erwachen an der Decke mehrere Leuchtstoffröhren summend zum Leben.

»Tut mir leid.« Seine Stimme ist so nah, dass ich zusammenzucke. »Normalerweise arbeite ich nicht in diesem Teil des Ateliers, deswegen lasse ich das Licht aus, um Strom zu sparen.«

Jetzt, wo der Raum erleuchtet ist, sehe ich, dass überall an den in neutralem Weiß gestrichenen Wänden große Gemälde hängen. Ich schaue mich neugierig um. »Ist das hier … eine Galerie?«

»Es als Galerie zu bezeichnen, wäre leicht übertrieben«, sagt er lachend und geht auf die Tür am anderen Ende des

Er hat mir immer noch nicht gesagt, wobei er Hilfe braucht, und dass er jetzt meine Kleidergröße wissen möchte, beunruhigt mich etwas. Fragt er sich, welche Maße die Grube haben muss, in der er mich verscharren wird? Geht es um die Größe der Handschellen?

Okay, ich bin sehr beunruhigt.

»Wie meinst du das?«, frage ich und folge ihm in den Flur hinaus, obwohl es wahrscheinlich klüger wäre abzuhauen und um mein Leben zu rennen. »Wozu musst du meine Kleidergröße wissen?«

Er dreht sich um und läuft rückwärts vor mir her. »Na ja, weil …« Er zeigt auf meine Jeans und das Top, »du die Sachen da nachher schlecht anbehalten kannst.«

Vom Flur aus führt eine Treppe ins obere Stockwerk. Dieser Typ ist wirklich süß, und sein schiefer Schneidezahn ist vertrauenerweckend, aber ich habe trotzdem das starke Gefühl, dass jetzt endgültig der Moment gekommen ist, in dem ich die Reißleine ziehen sollte. Ich gehe garantiert nicht mit ihm da hoch.

»Moment«, sage ich und bleibe am Treppenabsatz stehen. Mein neuer Arbeitgeber, der schon halb hinaufgegangen ist, dreht sich mit fragender Miene um. »Kannst du mir wenigstens stichpunktartig verraten, was da oben passieren soll? Allmählich kriege ich nämlich leichte Zweifel, ob es klug ist, jemandem, den ich überhaupt nicht kenne, ins Ungewisse zu folgen.«

Er wirft einen Blick nach oben, sieht mich an und kommt wieder ein paar Schritte herunter. Etwas oberhalb von mir setzt er sich auf eine der Treppenstufen, sodass wir auf

Er ist Maler.

Er macht eine Ausstellung.

In weniger als einer Stunde.

Über die Freundin oder jetzige Exfreundin denke ich erst mal nicht nach.

»Verstehe …«, sage ich und werfe einen Blick die Treppe hinauf, bevor ich ihn wieder ansehe. »Bekomme ich vorher irgendeine Art von Einweisung?«

»Kannst du mit einem Taschenrechner umgehen?«

Ich verdrehe die Augen. »Ja.«

»Dann betrachte dich damit als eingewiesen. Ich brauche dich ungefähr für zwei Stunden und du bekommst dafür zweihundert Dollar. Sobald die Ausstellung vorbei ist, kannst du gehen.«

Zwei Stunden.

Zweihundert Dollar.

Irgendwas stimmt hier nicht.

»Wo ist der Haken?«

»Es gibt keinen.«

»Wenn du hundert Dollar pro Stunde zahlen kannst,

Owen reibt sich über sein stoppeliges Kinn, als würde er versuchen, seine Anspannung wegzumassieren. »Als meine Freundin mit mir Schluss gemacht hat, hat sie mir nicht gesagt, dass sie damit gleichzeitig auch aufhört, für mich zu arbeiten. Das habe ich erst vorhin erfahren, als ich bei ihr angerufen habe, weil sie nicht zur üblichen Zeit aufgetaucht ist. Betrachte die zweihundert Dollar als so eine Art Dringlichkeitszuschlag und freu dich drüber. Vielleicht warst du gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort.« Er steht auf und dreht sich um.

Ich bleibe unten an der Treppe stehen. »Du hast deine Freundin bei dir angestellt? Davon rät einem doch immer jeder ab.«

»Anders herum. Ich habe meine Angestellte zur Freundin gemacht. Das ist noch viel weniger empfehlenswert.« Er geht wieder nach oben, bleibt stehen und sieht zu mir herunter. »Wie heißt du eigentlich?«

»Auburn.«

Er runzelt die Stirn. Das kenne ich schon. Jeder denkt natürlich automatisch, ich hätte meinen Namen wegen der Farbe meiner Haare bekommen, aber sie sind nicht kastanienbraun. Ich bin blond. Mit viel gutem Willen könnte man behaupten, blond mit zartem Rotschimmer.

»Und mit vollem Namen?«

»Auburn Mason Reed.«

Owen legt den Kopf in den Nacken, sieht zur Decke und atmet langsam aus. Ich folge seinem Blick, kann da oben aber nichts als Weiß sehen. Er hebt die Hand, berührt erst seine

»Du heißt mit zweitem Namen Mason?«, fragt er.

Ich nicke. Ja, okay, Mason ist vielleicht nicht gerade ein gängiger Mädchenname, aber ich finde es trotzdem übertrieben, dass er sich deswegen gleich gezwungen sieht, religiöse Rituale durchzuführen.

»Ich auch«, sagt er.

Ich sehe ihn schweigend an. »Ohne Witz?«

Er nickt und zieht seinen Geldbeutel aus der Jeans. Dann kommt er die Treppe herunter und hält mir seinen Führerschein hin. Ich greife danach. Er heißt tatsächlich mit zweitem Namen Mason. Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, als ich seine Initialen sehe. »Owen Mason Gentry. Oh, mein Gott – OMG!«, kichere ich und gebe ihm das Kärtchen zurück. Das ist mir so rausgerutscht, eigentlich hatte ich es nicht laut sagen wollen.

Owen schiebt den Geldbeutel wieder in die Jeans zurück und sieht mich mit hochgezogenen Brauen an. »Wow, du hast eine schnelle Auffassungsgabe.«

Meine Schultern zucken vor unterdrücktem Lachen. Gleichzeitig fühle ich mich mies. Es tut mir echt leid, dass ich gelacht habe.

Owen verdreht die Augen und grinst. »Ich weiß schon, warum ich nie jemandem verrate, wie ich mit zweitem Namen heiße«, sagt er.

Mit schlechtem Gewissen gehe ich hinter ihm die Treppe hinauf. Hoffentlich nimmt er es mir nicht übel, dass ich mich über seine Initialen lustig gemacht habe.

Im ersten Stock angekommen, geht er auf eine Kommode zu, zieht die oberste Schublade heraus und beginnt, darin zu

Anscheinend wohnt er hier.

Owen dreht sich um und drückt mir ein schwarzes Kleidungsstück in die Hand. Als ich es auffalte, sehe ich, dass es ein Rock ist.

»Vielleicht hast du ja die gleiche Größe wie die Verräterin, die mich heute hängen gelassen hat. Das wäre dann so was wie ausgleichende Gerechtigkeit.« Er geht zu einem Schrank, öffnet ihn und zieht eine weiße Bluse von einem Bügel. »Hier. Schau mal, ob die dir passt. Deine Schuhe sind okay.«

Ich greife nach der Bluse und nicke in Richtung der Türen. »Hinter welcher ist das Bad?«

Er deutet auf die linke.

»Und was mache ich, falls mir die Sachen nicht passen?«, frage ich, weil ich plötzlich Angst bekomme, dass er mich wieder wegschickt, wenn ich nicht seriös angezogen bin. Ich brauche diese zweihundert Dollar unbedingt.

»Wenn sie dir nicht passen, verbrennen wir sie zusammen mit allem anderen, was sie dagelassen hat.«

Ich lache, gehe ins Bad und ziehe mich schnell um. Zum Glück haben Rock und Bluse tatsächlich meine Größe. Aber als ich mich im Spiegel betrachte, stelle ich erschrocken fest, dass meine Haare katastrophal aussehen. Zum letzten Mal habe ich sie mir heute Morgen nach dem Aufstehen gekämmt. Ich bin eine Schande für meinen Berufsstand. Als Frisörin müsste ich mich eigentlich viel sorgfältiger stylen.

Als ich aus dem Bad komme, steht Owen an der Küchentheke und gießt Weißwein in zwei Gläser. Ich überlege kurz, ob ich ihm sagen soll, dass ich noch nicht einundzwanzig bin und erst in ein paar Wochen offiziell Alkohol trinken darf, entscheide mich dann aber dagegen. Ein Schluck kann nichts schaden. Vielleicht beruhigt der Wein mich ja sogar. Ich bin ziemlich nervös.

»Passt wie angegossen«, verkünde ich und drehe mich einmal im Kreis. »Und? Sehe ich adrett genug aus?«

Owen hebt den Kopf und betrachtet mich einen Moment länger als nötig. Dann räuspert er sich und blickt wieder auf die Gläser. »Die Sachen stehen dir sogar viel besser als ihr«, sagt er trocken.

Ich setze mich auf einen der Barhocker und muss mich schwer anstrengen, nicht zu breit zu grinsen. Es ist schon eine Weile her, dass mir jemand ein Kompliment gemacht hat, und ich hatte ganz vergessen, wie gut sich das anfühlt. »Ach was, das glaub ich nicht. Du bist bestimmt bloß sauer, weil sie Schluss gemacht und dich hängen gelassen hat.«

Owen schiebt mir ein Weinglas hin. »Ich bin kein bisschen sauer, sondern erleichtert, und das ist die Wahrheit.« Er prostet mir zu. »Lass uns darauf trinken, dass ich eine verflossene Freundin und eine neue Assistentin habe.«

Unsere Gläser stoßen klirrend aneinander und ich lache. »Auf jeden Fall besser als eine verflossene Assistentin und eine neue Freundin.«

Als mich etwas Weiches an der Wade berührt, ist mein erster Impuls, laut aufzuschreien. Okay, vielleicht schnappe ich auch nur erschrocken nach Luft. Jedenfalls ziehe ich instinktiv die Beine hoch und schaue nach unten. Eine schwarze Katze reibt sich genüsslich schnurrend an dem Hocker, auf dem ich sitze. Ich beuge mich sofort begeistert herunter, um sie zu streicheln. Die Katze lässt es sich gefallen und erlaubt mir sogar, sie auf den Schoß zu nehmen. Die Tatsache, dass Owen eine Katze hat, lässt den letzten Rest von Misstrauen schmelzen, den ich vielleicht noch hatte. Als könnte jemand, der mit einem Haustier zusammenlebt, einem anderen Menschen niemals etwas Böses antun. Bescheuert, ich weiß, aber ich fühle mich gleich viel sicherer.

»Wie heißt sie … oder er?«

Er beugt sich vor und streicht durch das dichte Fell. »Owen.«

Ich lache über seinen Witz, aber er bleibt vollkommen ernst.

»Ohne Quatsch? Dein Kater heißt genau wie du?«

Jetzt spielt ein Lächeln um seine Mundwinkel und er zuckt fast verlegen mit den Schultern. »Irgendwie hat sie mich an mich erinnert.«

Ich muss wieder lachen. »Sie? Und du hast ihr einen Männernamen gegeben?«

Owen krault Owen liebevoll den Nacken. »Schsch«, flüstert er. »Mach dich nicht über sie lustig. Sie versteht alles, was wir sagen. Ich will nicht, dass sie Komplexe kriegt.«

Als hätte Owen-die-Katze tatsächlich verstanden, dass ich über ihren Namen gelacht habe, springt sie aus meinen

OMG

OMG

»Wird nicht wieder vorkommen. Versprochen.«

»Noch nicht alt genug, um Wein trinken zu dürfen«, gestehe ich und nehme einen Schluck.

»Inwiefern bereiten mich diese Fragen auf meine Arbeit heute Abend vor?«

Ich tue, was er sagt, weil ich für einen Stundenlohn von hundert Dollar alles tun würde.

fast

Als wir wieder unten sind, stellt er sich in die Mitte des Raums und breitet die Arme aus, als wollte er mir sein Reich präsentieren. Ich drehe mich einmal um die eigene Achse und nehme alles in mich auf. Über jedem der Gemälde an den Wänden ist ein kleiner Spot angebracht, der die Aufmerksamkeit auf das jeweilige Bild lenkt. Sehr viel mehr gibt es nicht zu sehen. Nur weiße Wände, ein glänzend lackierter Betonboden und die Kunst. Die Wirkung ist trotz oder gerade wegen dieser Schlichtheit überwältigend.

»Wie alt bist du eigentlich?«, frage ich, von seiner lässigen Professionalität beeindruckt.

Ehrlich gesagt hätte ich ihn etwas älter geschätzt. Seine Augen wirken auf mich nicht wie die eines fast Gleichaltrigen. Sie sind unergründlich und wecken in mir das Bedürfnis, tief in sie einzutauchen, um zu sehen, was er schon alles gesehen hat.

Aber dann reiße ich mich von ihnen los und beschließe, dass es höchste Zeit ist, mir seine Kunst aus der Nähe anzuschauen. Ich gehe auf das Bild zu, das vor mir an der Wand hängt. Es sieht schon allein von der Farbgebung her interessant aus, und je näher ich komme, desto klarer wird mir, dass er ein wirklich talentierter Künstler ist. Als ich davorstehe, muss ich die Luft anhalten.

Das Bild ist wunderschön und unfassbar traurig zugleich. Es zeigt eine Frau, auf deren Gesicht sich sowohl tief empfundene Liebe als auch schmerzhafte Scham widerspiegeln und zugleich jede kleinste Emotionsfacette, die dazwischenliegt.

Manchmal frage ich mich, ob es vielleicht leichter wäre, tot zu sein, als weiterhin seine Mutter sein zu müssen.

»Ja, genau«, sagt er knapp.

»Dann sind das alles solche … Geständnisse?«, frage ich. »Sind sie denn echt? Und stammen sie … von Menschen, die du kennst?«

Ich gehe zum nächsten Bild und lese mir diesmal erst die Karte durch, bevor ich mir ansehe, wie Owen das, was darauf steht, umgesetzt hat.

Ich habe mich noch nie jemandem ungeschminkt gezeigt. Es ist mein schlimmster Horror, mir vorzustellen, wie ich aussehen werde, wenn ich nach meinem Tod aufgebahrt werde. Lieber lasse ich mich gleich verbrennen. Meine Komplexe sitzen so tief, dass ich sie nicht einmal im Tod ablegen kann. Danke dafür, Mutter.

Mir läuft ein Schauder über den Rücken. »Krass«, flüstere ich und betrachte das Bild. Anschließend gehe ich langsam die Längsseite des Raums ab und sehe mir die anderen Bilder an. Als ich am Schaufenster angekommen bin, fällt mir ein Zettel ins Auge, der mit roter Tinte geschrieben ist. Der Satz darauf ist zusätzlich dick mit gelbem Marker unterstrichen.

»Erzähl mir was über dich, was sonst keiner weiß. Etwas, das ich für mich behalten kann.«

Wird es mir so gehen wie demjenigen, der den Satz geschrieben hat, den ich eben gelesen habe? Werde ich mein Leben ohne ihn immer mit dem Leben vergleichen, das ich mit ihm hätte haben können?