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In den Weserbergen, unweit des Bades Eilsen, liegt eine reizende kleine Ritterburg, die jetzt als Sommer- und Jagdschloß dem fürstlichen Hause Schaumburg-Lippe dient. Auf einer mäßigen Anhöhe erhebt sie sich über den Wipfelkronen prächtiger alter Eichen und Buchen; zu ihren Füßen, in der Thalschlucht, die sich nach Nordwest hinabsenkt, ruhen dunkle Weiher, die man die Hexenteiche nennt, einer über dem anderen, so schattig, so kühl, so still, von den mächtigen Aesten überhangen, von der Phaläne überflattert, an den Stellen, wo die Sonne durchbricht, ein helles Grün zeigend, neben dem um desto schneeiger die Kelche der weißen Seerosen leuchten – es ist eine Welt wie ein Waldmärchen, in deren duftige Stille von der Höhe herab die zierliche mittelalterliche Burg wie ein Traum niederblickt.

Märchen und Traum … das waren wenigstens die Eindrücke, welche ein junger Mann zu empfinden schien, der – es war im Jahre 1772 – eines Abends, um die Zeit, wo der Sommer in den Herbst überzugehen beginnt, in diesem kleinen Thale hinaufschritt, auf reinlich gehaltenen Kiespfaden, die neben den Weihern emporführten. Er ging das Haupt gesenkt, die Blicke auf den Boden heftend und nicht immer der Berührung mit den grünbelaubten Zweigen ausweichend, die sich weithin über Pfad und Teich ausstreckten.

Er mochte etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt sein; ein aristokratisches Gesicht mit scharfen grauen Augen und etwas gekrümmter Nase, deren Flügel scharf und weit geschnitten waren, verrieth einen ursprünglich hellen und feinen Teint, der aber offenbar in Wetter und Wind Schaden gelitten; der junge Mann mußte sich um seinen Teint eben so wenig gekümmert haben wie um den regelmäßigen Schnitt des schönen, stolzen Mundes, denn er hatte einen starken braunen Bart, welcher die ganze Oberlippe bedeckte, darüber wachsen lassen.

Gekleidet war er in grünes Jägergewand nach dem kleidsamen Schnitte der Zeit. Das kastanienbraune Haar bedeckte ein dreieckiges Hütchen mit weißblauem Federbesatz; um den grünen Rock mit breiten Klappen und Aufschlägen war ein Hirschfänger geschnallt, und zierliche silberne Sporen klirrten an den feinen Klappenstiefeln.

Dieser durch sein Aeußeres so einnehmende junge Herr also ging an den Weihern am Fuße der Ronsburg hinauf, wie ein Mensch verloren in das „doux cossire“ von dem Pierre Vidal, der Troubadour, singt, oder in süßschmerzlich Liebessinnen, wie wir es ausdrücken. Und wie ihn dies Sinnen so zerstreut machte, daß sein feiner Castorhut jetzt schon zum zweiten Male durch einen Baumzweig von seinem Haupte ab und zu Boden geworfen war, so nahm er auch nicht wahr, daß er von einer Steinbank aus, die am obersten der Weiher am Fuß einer mächtigen alten Eiche stand, aufmerksam beobachtet wurde. Sonst, und wäre er nicht so sehr in seine Träumerei verloren gewesen, hätte er die Gestalt, welche ihn von da oben beobachtete, so viel die Baumstämme und die Zweige es ihr erlaubten, längst entdeckt, sie war auffallend genug. Schon dadurch, daß es eine Dame war, die allein hier saß, mit einem Buche in der Hand, über das sie auf den Kommenden hinwegblickte, eine Dame in dunkelgrünem Kleide, welches am Knie aufgesteckt das silbergraue Untergewand und den Fuß im Schuh mit hohem rothen Absatz sehen ließ. Auf der Bank neben ihr lag ein weißer Strohhut mit lang herabhängenden weißen Bändern, ein Fächer, ein Strauß von Feldblumen und eine kleine braune Arbeitstasche.

Erst als der grüne Jägersmann am Rand des obersten Weihers angelangt war, erblickte er die Gestalt der einsamen Dame und eilte nun rasch zu ihr hin.

Als er in ihre Nähe gekommen, machte er ihr eine tiefe Verbeugung, die sie mit einem freundlichen Kopfnicken erwiderte, zugleich nahm sie den Strauß und den Hut von ihrer Seite, um ihm auf der Steinbank Platz zu machen.

Er erfaßte ihre Hand, die vom langen weit über die Knöchel reichenden dänischen Handschuh verhüllt war, und zog sie an die Lippen, dann sagte er, indem er sich auf die Steinbank niederließ:

„Welche Ueberraschung, Antonie, Sie hier zu sehen … aber welch Wagniß, Ihre einsamen Spaziergänge so weit auszudehnen!“

„Ich bin nicht allein,“ versetzte die Dame, „ich habe mein Mädchen nach oben in’s Schloß gesendet, um mir ein Glas Milch zu verschaffen. Auch ist es nicht hübsch von Ihnen, Herr Rittmeister Baron Fauriel de Saint Roche, daß Sie mich schelten, statt über diese unerwartete Begegnung in Entzücken zu gerathen!“

„Sie haben Recht, Antonie,“ versetzte er noch einmal ihre Hand erfassend, die sie ihm eine Weile ließ, um sie ihm dann wieder zu entziehen und mit dem Strauße zu spielen. „Sie haben Recht, ich bin entzückt, Sie zu sehen und sie nach Eilsen heim begleiten zu können; welches Glück, mit Ihnen im Scheine des Mondes unter den Wipfelkronen der alten Buchen durch den Wald zu schreiten!“

„So ist’s recht,“ antwortete Antonie lachend, „das ist die Sprache, die ein Verliebter führen muß; es steht fast wörtlich so in dem Buche, worin ich eben las. und worin Sie böser Mensch mich zu stören kamen, in diesem Romane da. Aber geben Sie sich nicht so sehr Ihren Hoffnungen auf die empfindsamen mondscheindurchwobenen Entzückungen eines nächtlichen Spaziergangs hin, daraus wird nichts!“

„Daraus wird nichts?“ sagte der junge Mann fast erschrocken, „Sie werden mir doch nicht verwehren, Sie zu Ihrem Schutze heimzubegleiten?“

„Ich verwehre es Ihnen!“

„Aber weshalb … das ist ja unbegreiflich, ich darf Sie doch nicht allein heimgehen lassen …“

„Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß mein Mädchen bei mir ist?“

„Aber, Antonie, weshalb mir das Glück rauben wollen?“

„Weshalb?“ versetzte sie lächelnd. „Ist mein Wille nicht genug? Ich will es nicht!“

„Ihr Wille ist mir genug, ich entsage, Antonie,“ sagte der Rittmeister mit einer Stimme, deren trauriger, entsagungsvoller Ton ein Kieselherz erweicht hätte.

Antonie lachte.

„Aber Sie leiden furchtbar unter meinen Launen, nicht wahr, Herr von Fauriel?“ sagte sie.

Der junge Mann nickte, schwermüthig zu Boden sehend.

„Ja sehen Sie,“ fuhr sie fort, „eine Schauspielerin muß ihre Launen haben dürfen … wehe dem, der sich in ihren Netzen fangen läßt! Weshalb waren Sie so thöricht, sich darin fangen zu lassen?“

Sie sah ihn mit einem unendlich schelmischen und spöttischen Blicke an.

„Ach ja,“ antwortete er mit einem tiefen Seufzer und einen tragischen Ton annehmend, „das muß freilich wahr sein, es ist nicht das erste Mal, daß ich es mir heute sagen lassen muß. Sie sagen es jetzt und Er sagte es vorhin… Die beiden Menschen, die mir am höchsten stehen in der Welt, sagen es, es muß also wohl wahr sein!“

„Er?“ fiel Antonie ernsteren Tones ein, „wer ist der Er, der es wagt, Sie zu beklagen, weil Sie an den Triumphwagen einer Kokette gespannt seien?“

„Wer?“ antwortete der Rittmeister seufzend, „wer kann es anders sein als mein erlauchter Gebieter, der Graf?“

„Der Graf … und der hat eine so schlechte Meinung von mir … was muß ich hören … sagen Sie mir Alles … Alles!“

„Ach, es war nicht recht, daß ich davon begann!“

„Zuerst, wie kamen Sie und Er dazu, von mir zu sprechen?“ „Antonie,“ antwortete der junge Mann zärtlich ihre Hand erfassend, „ich will Ihnen Alles gestehen … zürnen Sie mir nicht … wollen Sie es mir versprechen?“

„Versprechen? Ich will nichts versprechen, aber Sie sollen mir Alles gestehen, auf der Stelle, hören Sie?“

„Nun ja, nun ja. Ich sprach den Grafen heute, um ihn um die Erlaubniß zu bitten, um Ihre Hand zu werben.“

„Verwegener! Das wagten Sie?“ antwortete sie betroffen, aber, wie es schien, mehr erregt als erzürnt durch diese Mittheilung. „Und was antwortete der Graf?“

„Der Graf antwortete: ‚Nein!‘ Sein Bescheid lautete scharf und bestimmt. ‚Ich kann nicht dulden, daß die Officiere in meinem Elite-Corps solche Verbindungen eingehen,‘ sagte er. ‚Eine Dame, die sich‘… aber ich kränke Sie, Antonie… es ist genug, um Ihnen zu erklären, weshalb ich sehr ernst gestimmt, sehr traurig und doch sehr entschlossen bin.“

„Es ist nicht genug … ich will Alles wissen und Sie haben mir versprochen, Alles zu sagen. Mir liegt in diesem Augenblicke weit mehr daran, zu erfahren, was der Graf gesagt, als wozu Sie entschlossen sind, Baron Fauriel!“