Inhalt
Hexagrammtabelle
Vorwort
Einführung
Historischer Hintergrund
Die Übersetzung
I Ging und WissenschaftI Ging und Wissenschaft
Die Philosophie des I Ging
Das Orakel
Selbsterkenntnis
Das spirituelle Weltbild dieses Buches
Die innere Architektur des I Ging
„Gebrauchsanweisung“
Die Trigramme
Kien – der Himmel
Kun – die Erde
Dschen – der Donner
Kan – das Wasser
Gen – der Berg
Sun – der Wind
Li – das Feuer
Dui – der See
Die Hexagramme
1 – Das Schöpferische
2 – Das Empfangende
3 – Die Anfangsschwierigkeit
4 – Die Jugendtorheit
5 – Das Warten
6 – Der Streit
7 – Das Heer
8 – Das Zusammenhalten
9 – Des Kleinen Zähmungskraft
10 – Das Auftreten
11 – Der Friede
12 – Die Stockung
13 – Gemeinschaft mit Menschen
14 – Der Besitz von Großem
15 – Die Bescheidenheit
16 – Die Begeisterung
17 – Die Nachfolge
18 – Die Arbeit am Verdorbenen
19 – Die Annäherung
20 – Die Betrachtung
21 – Das Durchbeißen
22 – Die Anmut
23 – Die Zersplitterung
24 – Die Wiederkehr
25 – Die Unschuld
26 – Des Großen Zähmungskraft
27 – Die Mundwinkel
28 – Des Großen Übergewicht
29 – Das Abgründige
30 – Das Haftende
31 – Die Einwirkung
32 – Die Dauer
33 – Der Rückzug
34 – Des Großen Macht
35 – Der Fortschritt
36 – Die Verfinsterung des Lichts
37 – Die Sippe
38 – Der Gegensatz
39 – Das Hemmnis
40 – Die Befreiung
41 – Die Minderung
42 – Die Mehrung
43 – Der Durchbruch
44 – Das Entgegenkommen
45 – Die Sammlung
46 – Das Empordringen
47 – Die Bedrängnis
48 – Der Brunnen
49 – Die Umwälzung
50 – Der Tiegel
51 – Das Erregende
52 – Das Stillehalten
53 – Die Entwicklung
54 – Das heiratende Mädchen
55 – Die Fülle
56 – Der Wanderer
57 – Das Sanfte
58 – Das Heitere
59 – Die Auflösung
60 – Die Beschränkung
61 – Innere Wahrheit
62 – Des Kleinen Übergewicht
63 – Nach der Vollendung
64 – Vor der Vollendung
Literatur
Die Autorin
Hexagrammtabelle
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1 | 11 | 34 | 5 | 26 | 9 | 14 | 43 |
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12 | 2 | 16 | 8 | 23 | 20 | 35 | 45 |
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25 | 24 | 51 | 3 | 27 | 42 | 21 | 17 |
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6 | 7 | 40 | 29 | 4 | 59 | 64 | 47 |
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33 | 15 | 62 | 39 | 52 | 53 | 56 | 31 |
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44 | 46 | 32 | 48 | 18 | 57 | 50 | 28 |
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13 | 36 | 55 | 63 | 22 | 37 | 30 | 49 |
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10 | 19 | 54 | 60 | 41 | 61 | 38 | 58 |
Vorwort
Dieses Buch ist mein Baby. Ein Kind, das ich über viele Jahre hinweg ausgetragen habe und nun in die Welt setze. Darin stecken viele, viele Stunden des Recherchierens, geduldiger Informationssammlung, Stunden der Verwirrung und des intensiven Nachdenkens, Stunden berührender Inspiration und aufgeregter Aha-Erlebnisse.
Ich habe das I Ging in meinen dreißiger Jahren kennen gelernt, als ich mich bereits intensiv mit Astrologie befasste. Alle Orakelmethoden, auch das Tarot, hatten auf mich seit jeher eine magische Anziehungskraft, obwohl sich mein wissenschaftlich geschulter Verstand noch in Erklärungsnot befand. Und so holte ich mir eines Tages auch die klassische Übersetzung des I Ging von Richard Wilhelm nach Hause. Zunächst einmal war ich etwas ratlos, weil ich völlig überfordert vor einem neuen Denksystem stand, das sich nicht gerade als leichte Kost präsentierte. Ich stellte es erst einmal ins Regal und ließ es dort stehen, bis ich durch die Beschäftigung mit der Philosophie des Taoismus wieder darauf gestoßen wurde. Damals studierte ich bereits Psychologie und befasste mich zunehmend mit fernöstlicher Spiritualität. Ich begann, mit dem I Ging zu experimentieren, obwohl ich die dahinter stehende, hoch komplexe Metaphysik noch lange nicht verstand. Heute meine ich, dass das der richtige Weg war. Das I Ging ist ein Buch, das dem Leben dienen will. Wenn wir es benützen, erschließt es sich von selbst, wir dringen immer tiefer ein und beginnen seine Hintergründe besser zu verstehen. Das ist ein Prozess, im Laufe dessen wir wachsen und reifen, und zu dem ich Sie wärmstens einladen möchte.
Da mir das I Ging so sehr am Herzen liegt, bedauerte ich immer wieder, dass so wenige Menschen in meinem Umfeld bereit waren, sich näher mit ihm zu befassen. Zugegeben, die Hürden waren hoch: eine komplizierte fremdartige Philosophie, die altertümliche Sprache Richard Wilhelms, unvertraute Symbole… Auch die modernen Autoren, die sich um zeitgemäße Versionen des chinesischen Klassikers bemühten, konnten die Blockade nicht auflösen. Ich war bei aller Begeisterung selbst oft völlig „angenervt“ von den höchst kryptischen und wolkigen Texten, die sich nur manchmal gegenseitig vervollständigten und aufklärten. Irgendwann begann ich, für mich selbst diese vielschichtigen, teils widersprüchlichen Informationen zusammenzuschreiben. Dabei verdichtete sich mein Verständnis. Ich arbeitete an der Sprache, versuchte, wirklich zu verstehen, was der vor mir liegende Text bedeutete, und es in verständliche Worte zu fassen. Das gelang mir am besten, indem ich das I Ging immer wieder persönlich befragte und seine Antworten aus dem Kontext meiner Erfahrungen heraus begriff. Diese Lebenspraxis ergänzte sich ganz von selbst mit meinem Fachwissen aus Psychologie und Spiritualität.
Richard Wilhelm blieb in diesem ganzen Prozess mein hochgeschätzter Dreh- und Angelpunkt, doch auch einige neuere Autoren vermittelten mir wertvolle Ansätze. Mit großem Gewinn habe ich vor allem drei Werke gelesen, die ich hier explizit und in Dankbarkeit nennen möchte: „I Ging, das Buch vom Leben“ von René van Osten, die „Schule des I Ging“ von Franciscus Adrian und „Das kosmische I Ging“ von Carol Anthony und Hanna Moog. Viele ihrer Gedanken sind in das vorliegende Buch eingeflossen.
Einführung
Vielleicht schauen Sie ja gerade zum ersten Mal in eine Ausgabe des I Ging, mit der stirnrunzelnden Frage:
Was ist das I Ging überhaupt?
Viele Menschen mit bester Schulbildung und Universitätsabschluss haben noch nie etwas davon gehört. Das ist auch gar nicht verwunderlich, denn es gehört ja in den höchst esoterischen Kontext des alten chinesischen Denkens. Kampfsportler und Feng-Shui-Anhänger mögen schon einmal darauf gestoßen sein, da die acht grundlegenden Bausteine des I Ging, die so genannten Trigramme, in der Philosophie dieser Disziplinen ebenfalls eine tragende Rolle spielen und immer wieder abgebildet werden – oft nur, weil das so hübsch chinesisch und bedeutsam aussieht.
Wenn Sie also noch nicht viel Ahnung vom I Ging haben, muss Ihnen das nichts ausmachen. Sie sind in guter Gesellschaft.
Dennoch möchte ich diesem „Defizit“ ein wenig abhelfen, ohne dabei zu akademisch zu werden. Ich erzähle Ihnen das, was mein eigenes Interesse erweckt hat, im vollen Bewusstsein, wie subjektiv das ist. Den Anspruch auf Objektivität habe ich längst aufgegeben, er ist für niemanden einlösbar. Ich stelle Ihnen hier vor, was ich für wichtig halte und was mich bewegt. Wenn Sie mehr wissen möchten, kann Ihnen die Literaturliste im Anhang gute Dienste leisten.
Also noch einmal: Was ist das I Ging?
Das I Ging (oder I Ching oder Yijing) ist ein Buch, ein uraltes Buch – eines der ältesten der Welt, ein Orakel- und Weisheitsbuch aus dem alten China, aufgeschrieben vor gut 3000 Jahren, doch mit noch viel älteren Ursprüngen. Das I Ging ist kein Buch, das zum Durchlesen gedacht ist – obwohl man natürlich auch das mit Gewinn tun kann. Im Grunde ist es ein Buch, das uns auf die Fragen unseres Lebens Antwort geben will, also ein Buch, das mit uns spricht.
Wortwörtlich bedeutet I Ging: „Buch (Ging) vom Werden und Vergehen (I)“ oder, so hat es sich eingebürgert: „Buch der Wandlungen“. In diesem kurzen Titel steckt schon die zentrale Idee der chinesischen Philosophie: dass alles in Bewegung und nichts von Dauer ist, oder wie es Heraklit formulierte: dass man nicht zweimal in denselben Fluss steigen kann, weil „alles fließt“.
Im I Ging verdichtet sich das Weltbild der alten Chinesen, ein Modell des Kosmos aus vorpatriarchaler Zeit, als die Menschen sich noch im Einklang mit dem Ganzen fühlten. Dieses spirituelle Meisterwerk mit universellem Gültigkeitsanspruch stammt nicht aus der Hand eines einzigen Autors, es wurde von Generationen von Schamanen und Weisen zusammengetragen, die im innigen Kontakt mit der kosmischen Wirklichkeit standen. In diesem Buch bilden die sichtbare Wirklichkeit und die unsichtbare, geistige Welt noch eine Einheit, ganz so wie es das esoterische Gesetz des Hermes Trismegistos ausdrückt: „Wie oben, so unten“ (oder auch: „Wie innen, so außen“ – und umgekehrt). Dieses Buch offenbart also ein durch und durch ganzheitliches Weltverständnis, in dem auch die Zeit symbolische Qualitäten aufweist.
Ja, und dieses steinalte Buch aus dem fernen Osten will auch für uns, hier und heute, gültig sein. Es hat den Anspruch, die Gesamtheit aller kosmischen Gesetzmäßigkeiten und ihrer Auswirkungen in einem Code von 64 Strichmustern zu umschreiben. Damit bietet es sich uns als wertvoller Ratgeber für die Entscheidungen unseres Alltags an.
Viele Menschen sind überrascht und betroffen, wenn sie sich zum ersten Mal an das I Ging wenden – denn es kommt ihnen entgegen wie ein lebendiges, bewusstes Wesen mit größter Einfühlungskraft. Es vermittelt uns das starke Gefühl, von einer unsichtbaren Präsenz gesehen zu werden, was sich zunächst geradezu unheimlich anfühlen kann. Doch mit der Zeit kann es zu einem intimen Freund werden, zu einem persönlichen Coach, ja, zu einem spirituellen Lehrer.
Mir hat das I Ging schon oft den Kopf gewaschen, wenn mein Ego sich aufgeplustert hatte, und mich in anderen Situationen wieder liebevoll aufgemuntert und an meine Ressourcen erinnert. Jenseits unserer alltäglichen Moralvorstellungen verfolgt es eine eigene Zielrichtung, die ausschließlich auf unser spirituelles Wachstum hinzielt. Nach vielen Jahren der Erfahrung mit dem I Ging kann ich sagen: Ich weiß, dass es funktioniert. Für das Warum fehlen mir beweiskräftige Erklärungen, auch wenn ich natürlich meine persönlichen Lieblingshypothesen habe.
Dieses merkwürdige alte Buch hat schon viele Menschen in seinen Bann gezogen, auch hier bei uns im Westen. Carl Gustav Jung, der über die Archetypen der Welt forschte, experimentierte damit und kam zu dem Ergebnis, es zeige einen Ausblick auf den unsichtbaren Plan des Lebens. Dieser ungewöhnliche Forscher besaß den Mut, seinen spottenden Zeitgenossen zum Trotz zu bekennen, dass er den Aussagen des I Ging vertraue. Und er versuchte, über die Dynamik des kollektiven Unbewussten aufzuzeigen, warum seine Antworten stimmen. Hermann Hesse war vom I Ging ebenso tief beeindruckt. Er verarbeitete seine Begegnung mit dem Orakel im komplexesten seiner Bücher, dem Spätwerk „Das Glasperlenspiel“. Darüber hinaus standen auch große Wissenschaftler wie Werner Heisenberg und Künstler wie Bob Dylan fasziniert vor jener Weisheit, die alle wissenschaftlichen Beweise transzendiert.
Historischer Hintergrund
Vorgeschichte
Die Ursprünge des I Ging liegen in der Jungsteinzeit (ca. 3000 v. Chr.). Damals gab es noch keine geschriebene Sprache, so dass jegliches Wissen mündlich weitergegeben wurde. In unserem typisch modernen Hochmut neigen wir dazu, die Menschen von damals als „Primitive“ zu bezeichnen. Doch es ist gut möglich, dass sie uns auch Einiges voraushatten, da sie noch im ungestörten Einklang mit der Natur lebten – sowohl mit der Natürlichkeit ihres eigenen Wesens als auch mit ihrer Umwelt. Der Ethnologe Claude Lévi-Strauss hat das als „participacion mystique“ bezeichnet, als mystische Teilhabe am Göttlichen. Heutzutage schauen wir fast ein wenig neidisch auf diese „edlen Wilden“, die wohl in einer Art paradiesischen Symbiose mit dem Kosmos lebten. Das idyllische Bild, das wir von ihnen malen, macht uns bewusst, wie fremd und verloren wir uns selbst in unserer Welt fühlen und in welchem Maße wir das Gespür für das harmonische Mitfließen im Großen Ganzen verloren haben.
Dieses Gefühl von Abgetrenntheit scheint physiologisch mit der Weiterentwicklung der Sprache und des linkshemisphärischen, rationalen Denkens zusammenzuhängen, die unsere rechte, ganzheitliche Hirnhälfte ins Hintertreffen brachte. So stolz wir auch auf unseren hoch differenzierten Intellekt sind – durch ihn kam uns auch etwas Wesentliches abhanden: das Gefühl heimischer Geborgenheit in der Welt.
Im Zuge dieses evolutionär fortschreitenden Entfremdungsprozesses wurde schließlich besonders eingeweihten Menschen die Aufgabe übertragen, die Verbindung zum Göttlichen zu erneuern. So schlug die Geburtsstunde der Religion. Durch Trancen und ekstatische Zustände versuchten die archaischen Schamanen den Kontakt zu den versperrten Erfahrungswelten wiederherzustellen. In ihren außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen „sahen“ sie überzeitliche Zusammenhänge, die sowohl das Diesseits wie auch die Welt der „Götter“ betrafen. Diese seherische Funktion der Schamanen im alten China wurde mit der Zeit immer mehr an Orakelmethoden delegiert: Zunächst las man in der Musterung der Rückenpanzer der heiligen Schildkröte, später griff man zu Schafgarbenstengeln – dem traditionellen Werkzeug der I Ging-Befragung.
Taoismus
In jenen noch matriarchal geprägten Zeiten entstanden auch die Wurzeln des Taoismus, der in vielem auf die Kosmogonie des I Ging zurückgreift, sich aber auch unabhängig davon entwickelte, um dann wieder auf die Ausdeutung des I Ging zurückzuwirken.
Der Taoismus ist seit jeher eine völlig unpolitische, pragmatische Philosophie, die sich an der Beobachtung der Natur orientiert. Die frühen chinesischen Wissenschaftler studierten den Lauf der Sterne und die Abfolge der Jahreszeiten, damit sie die bedrohlichen Launen der Natur, wie Überschwemmungen oder Dürreperioden, besser verstanden und ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert waren. Sie machten bei ihren Beobachtungen die Entdeckung, dass Ereignisse, die zeitgleich auf ganz verschiedenen Ebenen (Wetter, Politik, Kunst, persönliche Beziehungen…) stattfanden, dieselbe Grundqualität aufwiesen. Daraus zogen sie den Schluss, dass Natur und Geist innig verwoben sind und dass alle Erscheinungen in der sichtbaren, materiellen Welt einem verborgenen Rhythmus unterliegen, der seine Wurzeln in der geistigen Welt hat. Das führte zu der Konsequenz, dass wohl derjenige im Leben am besten fährt, der im Einklang mit diesen kosmischen Rhythmen lebt, während jedes Zuwiderhandeln auf Kampf, Konflikt und Niederlage hinausläuft.
Der Taoismus setzt damit auf Werte wie Spontaneität, Natürlichkeit und Bescheidenheit, er schätzt die kleinen Dinge des Lebens. Humor, Muße und Freundlichkeit gelten ihm weit mehr als Erfolg, Wissen und Heldentaten. Sein zentrales Konzept ist das so genannte Wu wei, die Nichteinmischung in den Fluss der Dinge (davon wird später noch einmal die Rede sein…).
Der berühmteste Vertreter des Taoismus ist Laotse, der Autor des berühmten Taoteking - das Buch vom Tao -, der wohl im 6. Jahrhundert v. Chr. geboren wurde. Sein geniales Werk, das voller Paradoxien ist, nimmt etwas vorweg, was erst die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts wiederentdecken sollte: die Einheit der Gegensätze. Wenn wir heute das Taoteking lesen, kommen wir dem Weltbild der I Ging-Autoren nahe, weil beide so eng miteinander verwandt sind. Aus diesem Grund werde ich später, wenn ich Ihnen die 64 Hexagramme vorstelle, immer wieder aus diesem faszinierenden Klassiker zitieren.
Der gesellschaftliche Aufstieg des I Ging
Auch wenn die Legende erzählt, dass der sagenumwobene König Fu Xi vor ungefähr 5000 Jahren das I Ging verfasst hätte, liegt sein tatsächlicher Ursprung im Dunkeln. Orakelpraktiken wurden in China ja über Jahrtausende hinweg benützt. Erst mit der schriftlichen Fixierung unter König Wen (ca. 1150 v. Chr.) kommen wir in den Bereich soliderer Daten. Diese Epoche war davon geprägt, dass das ursprüngliche Weltbild zunehmend patriarchalisiert wurde. Es entstand ein feudales Gesellschaftssystem, dessen Basis die Familie war. In diesem Staat wurde das Orakel von König Wen selbst betreut: Der Kulturkönig und Begründer der Dschou-Dynastie sorgte dafür, dass die Hexagramme und zugehörigen Texte neu geordnet und vereinheitlicht wurden. Von da an stieg das I Ging allmählich auf zum Leitfaden in allen wichtigen Angelegenheiten des Staates. Vorerst lag dieses Instrument in den Händen der Regierenden und wurde vor allem zu politischen Sachverhalten befragt.
Der große Gesellschaftsphilosoph Konfuzius, ein Zeitgenosse Laotses, hatte zunächst nur Hohn und Verachtung für die alten Orakelpraktiken übrig. Doch als er sich selbst mit dem I Ging befasste, trat ein Sinneswandel ein. Heute zählt Konfuzius zu den bedeutsamsten Interpreten des I Ging. Er verfasste gemeinsam mit seinen Schülern zehn Anhänge zur seiner Deutung. Der enorme Einfluss der konfuzianischen Philosophie auf die chinesische Gesellschaft reichte bis in die Neuzeit. Über 2000 Jahre hinweg bestimmte sie die gemeinsame Weltsicht der Chinesen, selbst noch nachdem 1911 schon die Republik ausgerufen wurde.
Das zentrale Konzept der von ihm vertretenen, konservativen Lebenshaltung war die Kindesliebe. In ihr sah er den Ursprung aller Tugenden und die Wurzel der Kultur. Konfuzius predigte einen gesunden Menschenverstand, der nach sozialer Ordnung, Gerechtigkeit, Moral, Bildung und allgemeiner Harmonie strebt. Er war gewissermaßen Chinas erster Volkserzieher und Soziologe. Für ihn war der Staat eine große Familie, mit dem Kaiser als Oberhaupt. In dieser Gesellschaft gab es eine klare Rangordnung, die den Status jeder Person festschrieb – wobei Frauen letztlich auf die Rolle von Dienstmädchen verwiesen wurden, denen man weder Freiheit noch Bildung zugestand. Als höchste weibliche Tugend galt die Treue, notfalls bis in den Tod.
Unter dem Konfuzianismus wurde das I Ging zur Staatsideologie. Nun musste jeder, der im Beamtenapparat Chinas etwas werden wollte, sich gründlich damit auskennen.
Ca. 200 v. Chr. wurde das I Ging dann in der heute bekannten Form zusammengestellt. Zur dieser Zeit war es auch längst nicht mehr den Regierungsstellen vorbehalten, sondern wurde in allen Volksschichten benützt, vom Straßenkehrer bis zum Mandarin - es wurde zur „Bibel der Chinesen“. Allerdings hatte es inzwischen auch eine lange Entwicklung durchlaufen, in deren Prozess es mehrfach interpretiert und gefiltert wurde – natürlich immer im Sinne der herrschenden Klasse. Es ist also kein Text aus einem Guss, sondern besteht aus einer Sammlung von Schriften, die sich über zwei Jahrtausende summierten und die den Stempel zahlloser Gelehrter und Machthaber tragen.
Erst im 16. Jahrhundert ereignete sich wieder eine bahnbrechende Veränderung im höchst traditionsorientierten China, die große Konsequenzen für die Verbreitung des I Ging hatte. In das damals politisch geschwächte Land kamen die ersten europäischen Missionare, die staunend vor seinen mächtigen kulturellen Wurzeln standen. Nun setzte ein reger geistiger Austausch mit Europa ein, der viele dortigen Geistesgrößen inspirieren sollte.
Der maßgebliche Übersetzer Richard Wilhelm (1873- 1930)
Unter den Missionaren, die im ausklingenden 19. Jahrhundert nach China kamen, war auch Richard Wilhelm. Sein Name ist inzwischen unauflöslich mit dem I Ging verbunden. In gewisser Weise könnte man ihm sogar das Verdienst zurechnen, dass er das Buch der Wandlungen in die moderne Zeit hinüberrettete.
Der junge evangelische Theologe ging 1899 mit seiner Frau in den Missionsdienst nach Tsingtau, einem Fischerdorf auf halber Strecke zwischen Peking und Shanghai. Für 21 Jahre sollte er in seiner neuen Wahlheimat China bleiben. Voller Idealismus machte sich Richard Wilhelm an das schwierige Studium der chinesischen Sprache, er gründete eine Schule, richtete ein Hospital ein. Da er sich ohne rassistische Vorurteile aufrichtig für das chinesische Volk engagierte, erwarb er sich mit der Zeit einen Ruf, der ihm die höchste Achtung der Einheimischen einbrachte. So öffneten sich ihm Türen, die anderen strikt verschlossen blieben: Er traf hohe chinesische Gelehrte und taoistische Priester, die ihm Einblick in die alten kulturellen Wurzeln Chinas gaben. Als selbst sehr gebildeter, philosophisch interessierter und spiritueller Mensch war er tief beeindruckt von diesem fremdartigen und doch einleuchtenden Gedankengut. Er ergriff diese einmalige Chance, bei den letzten Vertretern des chinesischen Geisteslebens in die Lehre zu gehen - kurz bevor Mao und die bald heraufziehende Kulturrevolution die alten Traditionen mit eisernen Besen hinwegfegen sollten.
Bald reifte in ihm die Überzeugung, dass die Weisheit der chinesischen Klassiker auch im Westen bekannt gemacht werden müsse. Zunächst machte sich Wilhelm an die Übersetzung des Taoteking. Dieses Büchlein stellte trotz seines überschaubaren Umfangs bereits höchste Anforderungen an die Übersetzung, da die wenigen Schriftzeichen äußerst unterschiedlich zu deuten sind (bis heute kommen immer neue Interpretationen des Taoteking auf den Markt, die jeweils wieder eine neue Facette dieses Werks beleuchten).
Das umfangreiche und hoch komplexe I Ging war jedoch eine Herausforderung besonderen Formats. Es übte schon lange große Faszination auf Richard Wilhelm aus. Auch hier leistete er Pionierarbeit. Er machte sich das Werk einerseits umfassend vertraut, indem er es in seinen Alltag einbezog. Andererseits suchte er das Gespräch mit Gelehrten, die ihm die vielschichtigen esoterischen Hintergründe aufschlüsselten. Über zehn Jahre hinweg feilte er an der Übersetzung dieses Buches, das ihm heilig war, weil er darin einen vollständigen Spiegel des Kosmos erkannte. Diese tief schürfende Arbeit veränderte ihn auch als Mensch, sie verwandelte ihn allmählich vom Theologen zum Mystiker.
Als Wilhelm in den zwanziger Jahren in das nach dem ersten Weltkrieg völlig veränderte, depressive und materialistische Deutschland zurückkehrte, erwartete ihn ein Kulturschock. Nach so vielen Jahren im Reich der Mitte konnte er sich nicht mehr mit den Deutschen identifizieren und schwor sich, persönlich dafür zu sorgen, dass das kostbare kulturelle Erbe Chinas nicht verloren ging. 1924 wurde sein Hauptwerk, die Übersetzung des I Ging, zum ersten Mal veröffentlicht und stieß sogleich auf großes Interesse: Carl Gustav Jung, Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Martin Buber, Karlfried Graf Dürckheim … – die Liste der Intellektuellen ist lang, die mit Wilhelm in Kontakt traten. Auch wenn der Autodidakt Wilhelm jetzt Karriere machte – als Kulturattaché, Hochschullehrer der Universität Peking und ordentlicher Professor für Sinologie in Frankfurt, konnte er sich doch mit der etablierten Wissenschaft in Deutschland und ihrem mechanistischen Weltbild nicht mehr anfreunden. Er blieb im Herzen der Seele Chinas treu. 1930 starb er an einer Tropenkrankheit.
Die Übersetzung
Als in den Zwanziger Jahren in Deutschland die weltweit erste Übersetzung des I Ging erschien, war das ein Meilenstein für unseren Zugang zur östlichen Spiritualität. Seit seiner Veröffentlichung wächst die Aufmerksamkeit, die das alte Buch der Wandlungen im Westen erfährt. Vor allem seit den Sechzigern wird es im Zeichen des New Age und der Selbstfindungsbewegung immer populärer. Gleichzeitig verliert es in seinem Herkunftsland, dessen Gesellschaft sich dem Materialismus verschrieben hat, dramatisch an Bedeutung.
Richard Wilhelm hatte als Autor eine Herkulesarbeit vollbracht, die sich nicht auf die reine Übersetzungsleistung reduzieren lässt. Ein Werk vom spirituellen und philosophischen Rang des I Ging muss zunächst einmal aus der Tiefe verstanden werden. Und das gelang Wilhelm in einer Weise, die sein Werk noch heute einzigartig macht. Er assimilierte die Weisheit vieler Jahrtausende und goss sie in die Form seiner Worte. Das Ergebnis ist nicht einfach eine Übersetzung, es ist nach wie vor „die“ Übersetzung des I Ging, an deren Horizont sich alle anderen messen müssen.
Obwohl sich Wilhelm nach Kräften um Genauigkeit bemühte und seine Übersetzung durch mehrfache Rückübersetzungen ins Chinesische absicherte, war auch er ein Kind seiner Zeit und damit auch ihrer Vorurteile und geistigen Beschränktheiten.
Problematische Filter
So wie das I Ging uns deutschen Lesern heute vorliegt, hat es viele verschiedene Filter durchlaufen, begonnen bei den ersten kulturellen Überformungen durch die Dschou-Dynastie und den Konfuzianismus. Vor allem die Geisteshaltung des Neokonfuzianismus kollidiert mit den wertungsfreien Urgedanken des Buchs der Wandlungen. Die zu Wilhelms Zeiten offizielle Interpretation behauptet, dass der ganze Kosmos hierarchisch gegliedert sei: oben der Himmel, unten die Erde; oben die Männer, unten die Frauen; oben die Herrscher, unten das Volk... Mit der Frau und den weiblichen Werten wird ganz allgemein das Yin herabgewürdigt und mit Attributen wie „böse“, „gemein“, „niedrig“ versehen, was die kosmische Balance der beiden Urenergien, die den Taoisten noch heilig war, ins Wanken bringt. Dieses feudalistische Weltbild lieferte im Grunde eine bequeme Rechtfertigung der irdischen Machtverhältnisse, so dass die jeweilig herrschende Oberklasse sich auf die „himmlische Ordnung“ berufen konnte.
Mit seiner Übersetzung hat Wilhelm zwangsläufig einen weiteren Filter hinzugefügt, der den Stempel seiner Epoche trägt: Der Zeitgeist Ende des 19. Jahrhunderts war von Imperialismus, Kapitalismus und Industrialisierung geprägt. Wie im damaligen China herrschte auch in Deutschland ein feudalistisches System, das Hierarchien, Sitte und Staatsmoral hochhielt. In der patriarchalen Gesellschaft hier wie dort galt das Weibliche wenig. Gleichzeitig herrschte eine ausgeprägte Prüderie, die durch Wilhelms Protestantismus noch bekräftigt wurde. Diese verklemmte Haltung reibt sich mit dem Urtext, der die Sexualität als mächtigen Aspekt des Kosmos anerkennt und bejaht.
Darüber hinaus machte Wilhelm wohl auch Zugeständnisse an das naturwissenschaftliche Denken seiner Zeit, indem er sich in Vielem darauf beschränkte, die zutiefst esoterischen Hintergründe des I Ging nur anzudeuten.
Diese Verzerrungen mindern Wilhelms Leistung nicht. Sie sind die unvermeidbaren Begleiterscheinung jeglicher menschlichen Tätigkeit. Dennoch müssen wir uns bewusst machen, dass solche Filter existieren und dass ein überzeitliches Weisheitsbuch wie das I Ging niemals „fertig“ ist, niemals eine zementierte, absolute Form hat, auf die man sich berufen kann. Es lebt mit uns und verändert sich mit uns und unserer Zeit.
Die Schwierigkeiten der Übersetzung
Wilhelm stand bei seiner Übersetzung vor grundlegenden Problemen: Weder die chinesischen Schriftzeichen, noch die darin vermittelten Bilder sind eins zu eins in eine westliche Sprache transferierbar. Der Urtext gibt seinem Übersetzer solche Probleme auf, dass er jedem, der nicht darauf spezialisiert ist, größtenteils unverständlich bleibt.
Das beginnt schon damit, dass die chinesische Schrift sich ja als Bilderschrift entwickelt hat und von daher unmittelbar an unsere ganzheitliche, rechte Hemisphäre richtet, ganz anders als die Lautschriften aus unserem Kulturraum. Gleichzeitig sind ihre Schriftzeichen grundsätzlich mehrdeutig. Es gibt keine Unterscheidung nach grammatikalischem Geschlecht, nach Singular oder Plural. Und da auch Zeitangaben und Pronomen fehlen, schwebt der Text merkwürdig in der Luft. Die Urtexte des I Ging beschränken sich zwar meist auf nur sechs Zeichen, doch diese lassen sich auf viele verschiedene Weisen übersetzen – mit zum Teil gravierenden Abweichungen. Damit steht der Übersetzer vor einem tatsächlich unlösbaren Problem. Es ist fast, als hätte er einen Tintenklecks des Rohrschach-Tests vor sich, in den er die unbewussten Inhalte seines eigenen Geistes hineinprojiziert…
Neben der Unschärfe der Schriftzeichen sind auch viele spezifische Begrifflichkeiten, die im I Ging vorkommen, wenig fassbar. Schon bei der Übersetzung des Taoteking grübelte Wilhelm lange über dem Begriff „Tao“, auf dem ja die ganze Philosophie des I Ging aufbaut. Bei Laotse heißt es: „Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao“. Nur, wenn es nicht benannt werden kann, wie soll man es dann übersetzen? Wilhelm entschied sich für „der Sinn“. Andere Autoren wählten ähnlich vage Worte wie „der Weg“, „der Weltengang“ oder sie beließen es gar bei „das Tao“. Nun ist das I Ging voll von solchen Begriffen: Es spricht von „Edlen“ und „Gemeinen“, vom „großen Mann“ und vom „Überschreiten des großen Wassers“… All diesen Worten liegen komplexe Gedankengebäude und Konnotationsfelder zugrunde, die man kennen und verstehen muss, um etwas damit anfangen zu können. Auf den unvorbereiteten westlichen Leser wirken diese Texte deshalb erst einmal mysteriös bis unverständlich.
Das I Ging beinhaltet viele uralte Bilder, die noch aus einer Zeit des vorwissenschaftlichen Denkens stammen. Es nimmt Bezug auf den schamanischen Seelenvogel und andere mythische Tiere, es verwendet Bilder aus Astrologie, Astronomie und Geomantie. Wie soll ein Übersetzer sich in all diese komplexen Wissensgebiete einarbeiten?
Angesichts der beschriebenen Fülle von Schwierigkeiten und verzerrenden Filtern wird klar, wie relativ jede Übersetzung des I Ging bleiben muss, auch die von Richard Wilhelm. Es ist schlicht unmöglich, dem Anspruch auf eine vollkommen „richtige“ Übersetzung gerecht zu werden. Daher können alle Übersetzungen nicht mehr als ein Vorschlag sein, der gefärbt ist durch das Verständnisniveau und das Weltbild des Übersetzers.
Das mag zunächst unbefriedigend klingen, doch es ist auch eine Einladung an uns, aktiv zwischen den Zeilen zu lesen und uns das Recht zu nehmen, eigene Assoziationen und Weiterdeutungen zu entwickeln.
Neuinterpretationen
Mittlerweile ist Richard Wilhelms Maßstäbe setzende Übersetzung fast 100 Jahre alt. Seine Sprache ist längst nicht mehr zeitgemäß, das Weltbild gründlich veraltet. Dementsprechend haben zahlreiche jüngere Autoren den Versuch unternommen, das I Ging moderner zu formulieren und von seiner feudalistischen Ideologie zu befreien. Einige von ihnen sind ebenso eingehend und ernsthaft in die Spiritualität dieses Werks eingetaucht wie dereinst Wilhelm. Dann gibt es eine Anzahl von eher akademischen Veröffentlichungen, die sich allerdings als ziemlich schwer verdaulich erweisen. Und schließlich sind viele „Light“-Versionen auf dem Markt, die die Gedanken des I Ging auf das Niveau trendiger Fastfood-Spiritualität verkürzen.
Ich lege Ihnen hier eine Version vor, die vor allem psychologisch orientiert ist. Ich spreche zwar kein Wort Chinesisch, doch durch eine gründliche Sichtung der Literatur und vor allem die spirituelle Vertiefung in den Sinn der Hexagramme ist ein ernsthaftes neues Werk entstanden. „Mein“ I Ging wächst und verändert sich täglich, auch wenn die Erkenntnisse dieses aktuellen Moments jetzt in Buchform fixiert werden. Was hier vor Ihnen liegt, entspricht meinem persönlichen Verständnis zu diesem ganz bestimmten Moment und hat keinen Anspruch auf Ewigkeit.
Die Philosophie des I Ging
Das I Ging beruht auf einem metaphysischen Weltgebäude, das auch den chinesischen Kampfkünsten, dem Feng-Shui und der traditionellen chinesischen Medizin zugrunde liegt.
Die Schöpfung
Das Tao erschafft die Eins.
Die Eins erschafft die Zwei.
Die Zwei erschafft die Drei.
Die Drei erschafft alle Dinge.
(Laotse)
Die Schöpfungsgeschichte der alten Chinesen drückt sich in numerischen Metaphern aus, die direkt in die mathematische Symbolik des I Ging münden:
Am Anfang war nur das Tao, jenseits von Zeit und Raum, die Quelle allen Seins, grenzenlos, formlos, ewig und unendlich. Dieser göttliche Ursprung wird dargestellt in der Null oder dem leeren Kreis (Wu Chi) und aus ihm geht der erste Schöpfungsakt hervor: Aus Nichts wird Etwas, aus 0 wird 1, die Leere erzeugt die allumfassende Einheit (Tai Chi, das Paradies). So wie ein Magnet zwei Pole hat, umfasst diese übergeordnete Ganzheit die sexuellen Energien von Yin und Yang (Adam und Eva). Damit erzeugt die Einheit die Zweiheit. Aus der Polarität von Yin und Yang entspringt wiederum die Dreiheit – die Grundbausteine der Welt, die acht Trigramme. Und die Dreiheit erschafft schließlich die Vielheit: aus den Trigrammen entstehen die Hexagramme, der Kosmos in seiner Fülle. So gesehen bringen das männliche Yang und das weibliche Yin in einem ewigen Prozess kosmischer Sexualität die ganze unüberschaubare Welt der „zehntausend Dinge“ hervor.
Die Urpolaritäten
Alle Dinge haben im Rücken das Dunkle
und wenden sich hin zum Licht.
Wenn Licht und Dunkel sich verbinden,
kommt Harmonie in alle Dinge.
(Laotse)
Nach der Grundidee des östlichen Weltbildes ist das Universum also eine Art zweigeschlechtlicher Organismus, in dem das Leben (Chi) zwischen den Polen von Yin und Yang pulsiert. Die Welt ist nichts anderes als der Tanz dieser beiden Grundkräfte, die in ihrem ständigen, kreativen Wechselspiel alles erschaffen, was ist. Der stetige Wandel aller Dinge ist also kein Ausdruck von Chaos, sondern die natürliche Ordnung der Welt. Leben heißt Veränderung und bleibt niemals stehen. Doch diese Veränderung ist nicht willkürlich, sondern folgt einer inneren Gesetzmäßigkeit, die im I Ging aufgezeichnet ist. Seine Hexagramme geben diese fluktuierende Weltordnung, den „Fluss der Dinge“ getreu wieder. So gibt es das Zeichen „Vor der Vollendung“ (Hex. 63), ebenso wie das Zeichen „Nach der Vollendung“ (Hex. 64), ein Hexagramm, das einen stabilen Zustand namens „Vollendung“ beschreiben würde, existiert nicht.
Die beiden Pole des Lebens Yin und Yang sind grundverschieden und dennoch keine Gegensätze, wie unser dualistisches Denken uns leicht weismachen könnte. Zwischen ihnen besteht kein Konkurrenzverhältnis, sondern eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit. Sie befruchten und ergänzen sich, sie sind wie die untrennbaren beiden Seiten einer Medaille. Beide sind bereits ineinander enthalten. Sie sind ja nichts Absolutes, sondern grundsätzlich relativ: etwas ist yin oder yang in Bezug auf etwas anderes. Der Mann ist yang im Vergleich zur Frau. Sein Körper ist yin im Kontrast zu seinem Intellekt. Seine Körperoberfläche ist wiederum yang bezüglich des Körperinneren, usw. Wie es im Tai Chi-Symbol dargestellt ist, birgt das Yin den Keim des Yang in sich und umgekehrt. Der Mann trägt die Frau in sich, die Frau den Mann. Sie ziehen einander magnetisch an, weil sie den gegenseitigen Ausgleich brauchen. Ein starkes Yin weckt das Yang; je stärker das Yang, umso mehr verlangt es nach Yin. Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung kippt jeder Pol in den jeweils anderen. So sorgen die Gesetze der Zeit für eine alchimistische Transformation: Yin verwandelt Yang, Yang verwandelt Yin - der Tag wird zur Nacht und die Nacht wieder zum Tag… Die Summe der möglichen Transformationsmuster ist in den 64 Hexagrammen wie auf einer qualitativen Zeittafel festgehalten.
Das älteste Bild zur Illustration der beiden Urkräfte zeigt einen Berg mit seiner sonnigen (yang) und seiner schattigen (yin) Seite. In der graphischen Darstellung wird Yang als geschlossene, durchgezogene Linie mit phallischen Charakter gezeichnet, während die durchbrochene und damit offene Linie zum Symbol des Yin wird.
Zum männlichen Yang gehören die Eigenschaften: Licht, Himmel, Tag, Sonne, Inhalt, Anfang, Ausdehnung, aktiv, schöpferisch, rational, bewusst, vorantreibend, Willenskraft, beharrlich, trocken, hart, plus, geistig …
Zum weiblichen Yin gehören: Dunkelheit, Erde, Nacht, Mond, Form, Ende, spüren, Kontraktion, passiv, rezeptiv, Ruhe, unbewusst, geschehen lassen, feucht, weich, nachgiebig, sanft, bescheiden, minus, materiell …
Diese beiden Pole sind einander völlig ebenbürtig. Allerdings klingt bei der Aufzählung der zugeordneten Begriffe unterschwellig schon an, was wir heute im Alltag ständig erleben: Yang scheint irgendwie besser zu sein als Yin, aktiv scheint besser zu sein als passiv, plus besser als minus, handeln besser als geschehen lassen – oder? …
Solche Bewertungen sind dem Kosmos fremd. Und wenn man weiß, dass die chinesische Medizin die Ursache aller Pathologien darin sieht, dass Yin und Yang nicht im Gleichgewicht sind, versteht man die Krankheit unserer Welt.