Wie es Japan heute geht: Wie es leidet. Wie es lebt. Wie es duftet. Wie es stinkt. Wie es schmeckt. Wie es schuftet.
Ein Augenzeugen-Bericht.
Zwei Deutsche besuchen drei Monate nach dem größten anzunehmenden Unfall ein Land zwischen Trauer und Atomangst, zwischen Aufbau-Elan und Zukunftssorgen. Was sieht der Besucher, was erzählen die Bewohner?
Zusammengestellt von Matthias Matting
Anzahl der Toten durch den Tsunami: 15.373
Anzahl der Vermissten durch den Tsunami: 8.198
Anzahl der Obdachlosen durch den Tsunami: 234.000
Höhe der Tsunami-Welle: 10 bis 15 Meter
Ausradierte Städte: 16
Zerstörte Gebäude: über 100.000
Evakuierte aus Sperrzone: 115.000
Evakuierte aus Tsunami-Gebiet (12.3.): 70.000
Heruntergefahrene Reaktoren: 35 von 54
Vorgesehene Stromeinsparung in ganz Japan im Sommer: 15 Prozent
Anstieg der Selbstmordrate in der vom Tsunami besonders betroffenen Provinz Miyagi: 39 Prozent
Anstieg der Selbstmordrate in Tokio: 27 Prozent
Anteil des Tourismus an Japans Wirtschaft: 5,3 Prozent
Anzahl der Jobs im Tourismus: 4,3 Millionen
Besucherrückgang im April im Vergleich zum Vorjahr: 63 Prozent
Teilnehmer an Anti-Atomkraft-Demo in Tokio Anfang Juni: 20.000
Umfang des Reports der japanischen Regierung zum Fukushima-Unglück: 750 Seiten
Nach dem GAU zum Aufräumen eingesetzte Arbeiter: 3.700
Tote durch Fukushima-GAU: 0
Fläche der Fukushima-Sperrzone: 60 Quadratkilometer
Vom Tsunami zerstörte Zone: 470 Quadratkilometer
In den ersten Tagen durch Explosionen in die Luft freigesetzte Radioaktivität: etwa 200 Billiarden Becquerel (ein Zehntel der in Tschernobyl freigesetzten Menge)
Darin Anteil kurzlebiger Isotope, die innerhalb eines Monats zerfallen: 90 Prozent
Radioaktives Kühlwasser in den Lagerbecken: über 100.000 Kubikmeter
Darin enthaltene Radioaktivität: 720 Billiarden Becquerel
Ins Meer gelangte Radioaktivität: 5 Billiarden Becquerel
Betrag natürlicher Radioaktivität im Körper eines Menschen: etwa 10.000 Becquerel
Ankunft in Tokio nach ca. 11 1/2-stündigem Flug in einem Flugzeug voller Männer, von denen niemand sprach. Außer uns nur zwei andere Europäer. Business Class und Economy waren gleich groß, daher die Schlangen in der Business Class auch länger als in der Economy Class.
Im Flughafen alles blitzblank. In der Halle mit der Passkontrolle riesige Menschenmenge an den Schaltern mit den inländischen Reisenden, die plötzlich verschwunden ist, als wir uns nach kurzer Wartezeit und wiederholter sehr freundlicher Kontrolle unserer Zollerklärung erneut umsehen. Die frei gewordenen Schalter werden auch sofort für unsere Schlangen genutzt. Freundliche Einweiser sorgen für schnellen und reibungslosen Ablauf.
Draußen finden wir relativ schnell den richtigen Expresszug nach Shinjuku. Als wir kommen, steigen gerade die letzten Reisenden aus und wir machen Anstalten einzusteigen. Prompt werden wir zurückgehalten. Die Wagen werden gesperrt und gewischt, obwohl schon vorher alles blitzte.
Auf dem Weg in die Stadt fahren wir an unzähligen Reisfeldern vorbei, die tief grün leuchten. Häuser und Straßen wirken hässlich modern - nicht so schick wie unser Zug. Nur wenige Gebäude haben die typisch japanische Dachform.
Nach 1 1/2 Stunden endlich angekommen in Shinjuku Station und noch vor dem Plan grübelnd, spricht uns ein netter Japaner auf Englisch an, um uns zu helfen. Er geleitet uns aus dem unübersichtlichen Bahnhof und bringt uns fast bis zum Shuttle-Bus zum Hotel. An der Bushaltestelle reihen wir uns brav in die Schlange der Wartenden ein.
Wir werden bestens unterhalten durch eine Riesenkrähe und die Vielfalt der an uns vorüberlaufenden Japanerinnen, deren abwechslungsreiche und sehr individuelle Kleidungsstile uns beeindrucken. Beliebt sind offenbar Kniestrümpfe bis unter und über das Knie, aber auch hochhackige Schuhe, die bei den wenigsten gut sitzen und mit denen auch nur wenige richtig laufen können. Bereits hier fallen mir die vielen x-beinigen Frauen und Mädchen auf.
Der Blick aus dem Hotelzimmer im 24. Stock ist grandios. Ein Lichtermeer unter uns, aber auch ein Park, der in der Nacht nur eine dunkle Masse ist. Nach kurzem Aufenthalt ziehen wir los zum nächsten Abenteuer.
Gleich im ersten Restaurant machen wir Halt, da ich das Gefühl habe, kurz vor dem Umfallen zu sein. Es ist ein trendiges Café, in dem wir draußen auf einer Art Terrasse sitzen können. Die Attraktion: ein Tisch mit vielleicht 16- bis 18-jährigen Mädchen, das mindesten sechs handtaschenkompatible Hunde in Kinderwagen ausführt. Schick gekleidet (Mädchen und Hunde) und vor dem Essen mit Lätzchen ausgestattet (nur die Hunde). Sie, also die Hunde, sitzen ganz gesittet in ihren Wägen, ohne einen Laut von sich zu geben, nur auf dem Tisch herumschnuppernd.
Am Nebentisch gut erzogene, adrett gekleidete Japanerinnen, die zum Lachen die Hand vor das Gesicht halten. Dann taucht noch eine große Gruppe Jugendlicher auf, die im Restaurant gegessen hatte und offensichtlich etwas feierte (Schulabschluss?). Die Frauen alle superschick in Plastik-Abendkleidern und hochhackigen Schuhen, die Männer in schwarzen Anzügen. Unser Essen ist besser als erwartet, besonders das Lemon Chicken, doch die Portionen sind für europäische Gewohnheiten klein.
Weiter geht's ins Vergnügungs- und Rotlichtviertel Kabuki-cho, wo tausende Jugendliche sich vergnügen. Die Mädchen in stets schicken und extravaganten Klamotten, die Jungen zum Teil sehr feminin anzusehen, geschminkt, mit Haartolle und oft schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Es ist schwer zu erkennen, wer hier professionell unterwegs ist. Die Gegend ist voller sehr exklusiv gestalteter Love-Hotels, Stunden-Hotels, in denen man Zimmer für kurze Zeit („Rest“) oder auch die ganze Nacht („Stay“) mieten kann.