Über den Titel
Das Buch gibt einen Überblick über die moderne Emotionsforschung und deren Implikationen für die Psychotherapie. Die Relevanz wissenschaftlicher Theorien und neuester Erkenntnisse wird in jedem Kapitel anhand konkreter Fallbeispiele für die klinische Praxis veranschaulicht.
Psychosoziale Fachkräfte aller Ausbildungsrichtungen, klinische Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiater, Sozialarbeiter, Seelsorger oder Krankenpfleger, finden in diesem Buch wertvolle Hinweise und Werkzeuge für ihre tägliche Arbeit. Aber auch Studenten dieser Fachrichtungen erhalten einen komprimierten Überblick über den Forschungsstand.
Über den Autor
Dr. Stefan G. Hofmann ist Professor für Psychologie in der Abteilung für Psychologie und Neurowissenschaften an der Universität Boston. Dort leitet er das Institut für Psychotherapie- und Emotionsforschung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen v.a. bei den Angststörungen und der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT).
Weitergehende Informationen siehe unter: www.bostonanxiety.com
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Mag. Vera Baumgartner, Wien.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
Emotion in Therapy
From Science to Practice
Copyright © The Guilford Press 2015
A Division of Guilford Publications, Inc.
Für Rosemary, Benjamin und Lukas
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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Layout: VMR, Monika Rohde, Leipzig
eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Auch als Printausgabe erhältlich: ISBN 978-3-87159-265-2
ISBN eBook: 978-3-87159-428-1
Vorwort
Danksagung
Einleitung
1. Emotionale Grundlagen
Emotionsdefinition
Grundemotionen
Charakteristik der Emotionen
Affekt im Vergleich zu Emotion
Kernaffekt
Positiver kontra negativer Affekt
Funktion der Emotionen
Veranlagung im Vergleich zu Erziehung
Metaerfahrung von Emotionen
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
2. Individuelle Unterschiede
Ebenen individueller Unterschiede
Kultureller Hintergrund
Diathese
Emotionale Itelligenz
Affektive Stile
Fehlregulierung von negativem Affekt: Rumination, Grübeln und Sorgen
Positiver Affekt
Emotionale Störungen
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
3. Motivation und Emotion
Die Beziehung zwischen Motivation und Emotion
Motiviertes Verhalten
Ansatz zur Vermeidungsmotivation
Wollen kontra Mögen
Verhaltensaktivierung
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
4. Ich und Selbstregulierung
Die Struktur des Ich
Selbsterfahrung
Entwicklung des Selbst
Selbst und Affekt
Selbst, Grübeln und sich Sorgen machen
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
5. Emotionsregulation
Abgrenzung der Emotionsregulation
Emotionsregulation und Bewältigung
Intrapersonelle Emotionsregulation
Zwischenmenschliche Emotionsregulation
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
6. Beurteilung und Neubewertung
Der kognitive Verhaltensansatz
Fehlangepasste Bewertung
Neubewertungstechniken
Fehlangepasste Schemata
Neubewertung und Emotionen
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
7. Positiver Affekt und Glück
Definition von positivem Affekt und Glück
Historischer Hintergrund
Positiver Affekt ist nicht die Abwesenheit von negativem Affekt
Messen von positivem Affekt und Glück
Vorhersage von positivem Affekt und Glück
Wandernder Geist, unglücklicher Geist
Achtsamkeit
Achtsames Sitzen und Atmen
Achtsames Essen
Meditation der liebenden Güte- und Mitgefühls
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
8. Neurobiologie der Emotionen
Neurobiologische Systeme von Emotionen
Neurobiologie der Emotionsregulation
Korrelate der Empathie
Individuelle Unterschiede in der Neurobiologie
Fazit
Zusammenfassung der klinisch-relevanten Punkte
Anhang 1
Allgemeine Selbstbeurteilungsfragebögen
Anhang 2
Progressive Muskelentspannung
Anhang 3
Expressives Schreiben
Literaturverzeichnis
Es gibt wahrscheinlich nur wenige Themen, die häufiger diskutiert werden – und trotzdem scheint es schwierig, Emotionen in der Therapie begreiflicher zu machen. In nahezu jeder Fallberatung oder Sprechstunde sind meist sehr viele emotionale Anteile dabei. Emotionale Bezeichnungen werden häufig dafür herangezogen, um klinische Störungsbilder zu beschreiben oder zu benennen. Auch Klienten verwenden diese Bezeichnungen gerne und beschreiben damit ihre Wünsche. Gibt man eine überschaubare Stichprobe an emotionalen Bezeichnungen in Suchmaschinen wie Google Books Ngram Viewer oder Word-Net-Affect ein, so realisiert man rasch, dass es kaum englische Literatur gibt, in der keine emotionalen Erfahrungen vorkommen.
Es gibt einen Grund für diesen intensiven Gebrauch: Gefühlte und wahrgenommene Emotionen bedeuten für uns Menschen viel Arbeit. Emotionen sagen uns etwas über unseren Körper, unsere Geschichte sowie auch über unsere Neigungen. Emotionen helfen, uns besser zu verstehen, unsere eigenen Handlungen besser vorhersagen zu können und anderen zu zeigen, was wir gerade brauchen. Und das ist nur der Anfang!
Stefan G. Hofmann versucht in diesem wichtigen Werk einen Großteil der Literatur über Emotionen zusammenzufassen und mit der klinischen Praxis in Verbindung zu bringen. Er verwendet dabei einen sehr anwenderbezogenen Ansatz, den ich als sehr hilfreich empfinde. Um von dem Buch optimal profitieren zu können, lege ich jedem Leser und jeder Leserin ans Herz, diesen Ansatz stets zu berücksichtigen. Nach der Definition von Emotionen im ersten Kapitel kann man erahnen, welche Aufgabe sich Hofmann mit diesem Buch selbst gesetzt hat:
Eine Emotion ist (1) eine multidimensionale Erfahrung, die (2) durch unterschiedliche Erregungszustände wie Freude oder Unzufriedenheit charakterisiert wird; (3) verbunden ist mit subjektiven Erfahrungen, Wahrnehmungen und motivationalen Tendenzen; (4) durch die Kultur und das Umfeld bereichert wird; und (5) auch zu einem gewissen Grad durch intra- und interpersonelle Prozesse reguliert werden kann. (S. 2)
Diese Definition beinhaltet psychologische Kernthemen wie etwa
Erfahrung
physiologische Erregung
Gefühl
Motivation
Kultur
Umfeld – sowohl die Geschichte als auch die Lebensumstände
Bewertung der Erfahrung
Selbstkontrolle
Kontrolle durch das soziale Umfeld
Die Liste wirkt auf den ersten Blick abschreckend, wir sollten uns jedoch durch ihre Länge nicht verunsichern lassen. Emotionale Erfahrungen sind ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Erfahrungen und sollten nicht verdrängt werden, nur weil diese nicht leicht definiert oder gemessen werden können.
Emotionen sind für Hofmann ein Knoten in einem Geflecht aus zahlreichen Themen. Dieses Buch leistet in jeglicher Hinsicht die Erforschung dieses Geflechtes. Emotionen wie Angst oder Trauer werden nicht in eine Schublade gesteckt, sondern vielmehr von Natur aus als vielseitiges und multidimensionales Konstrukt betrachtet. Nur wenige Autoren haben sich getraut, tiefer in dieses Themengebiet einzusteigen, weshalb ich dieses Buch sehr schätze, es wird einen hohen Stellenwert einnehmen.
In der angewandten Psychologie werden Emotionen kontrovers behandelt. So können emotionale Erfahrungen als zentrales Problem in jeder klinischen Arbeit betrachtet oder als Nebeneffekte anderer Prozesse (z.B. Wahrnehmungen) angesehen werden. Aber auch die Interpretation der Emotionen als Begleiterscheinung, soziales Konstrukt oder auch nur als Körpergefühl oder Überempfindlichkeit sind möglich. Es gibt Systemansätze in der Psychotherapie, in denen Emotionen nur am Rande erwähnt werden und wiederum andere, bei denen es um nichts anderes geht. Diese Theoretiker haben zwar einen Teil des Spektrums an Fragen, die von Emotionen betroffen sind, behandelt, aber auf Kosten der Betrachtung und Beachtung des Ganzen.
Dieses Buch schafft es, nie in eines dieser Extreme zu fallen, da es einen anderen Zweck hat: Es soll die Leserinnen und Leser ermächtigen, das Thema aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Der Leser soll das Netzwerk sehen, nicht nur einen Teil davon. Das Buch stellt grundsätzliche Überlegungen an und beleuchtet den Forschungsstand mit einer gesunden Dosis Skepsis, behält dabei aber stets die Faszination von Emotionen und deren fundamentale Bedeutung im Auge. Es lädt den Leser zu der gleichen offenen, seriösen, neugierigen und nachdenklichen Haltung ein, wie sie Medizinern und Wissenschaftlern zueigen ist, die eine unvoreingenommene Perspektive einnehmen wollen, um die Bedeutung von und den Umgang mit Emotionen zu reflektieren. Sie als Leser werden mit diesem Buch keinesfalls zu einer bestimmten Sichtweise gezwungen. Stattdessen werden Sie für die Darstellung der vielen Aspekte dieses Bereiches sehr dankbar sein und können klinische bzw. wissenschaftliche Wege neu entdecken. Dies ist eine ungewöhnliche Art intellektueller und praktischer Partizipation, die den Leserinnen und Lesern großen Respekt entgegenbringt. Es wird nie versucht, ihnen etwas einzutrichtern oder sie mit etwas allein zu lassen, und sie werden nie eingeschüchtert. Stattdessen erhält die Stärke der Wissenschaft, ein wichtiges Thema kritisch zu analysieren und zu untersuchen, die angemessene Bedeutung, mit der sich jeder Psychotherapeut und jeder Bereich der Psychologie auseinandersetzen sollte. Das Buch versucht dabei eine Hilfestellung zu leisten, schreibt jedoch nichts vor. Jedes der Kapitel endet mit einer Zusammenfassung des Gelesenen in einer Reihe von kurzen Stichpunkten, die für die klinische Praxis hilfreich sein können. Ich lege Ihnen sehr ans Herz, diese Zusammenfassungen mit großer Aufmerksamkeit zu lesen. Sie sind nicht nur grobe Zusammenfassungen, sondern stellen Schlüsselelemente des Buches dar. Durch die Wiederholung dieser Punkte vor jeder Therapiesitzung erhalten Sie bereits eine große Hilfestellung, da vieles verdeutlicht wird.
Lassen Sie mich hierfür ein paar kurze Beispiele anführen anhand von drei Aussagen aus Zusammenfassungen aus verschiedenen Teilen des Buches:
„Um weitere Klarheit über ihre emotionalen Zustände zu gewinnen, können Patienten angewiesen werden, nicht nur ihre Gedanken und Gefühle über bestimmte Ereignisse oder Auslöser zu erforschen, sondern auch ihre Gedanken über ihre anfänglichen / primären Gefühle.“ (S. 41)
„Emotionsregulationsstrategien an sich sind weder gut noch schlecht. Die Wirksamkeit hängt vielmehr von der Anpassungsfähigkeit einer Emotionsregulationsstrategie an die jeweilige situative Nachfrage und Zielerreichung ab.“ (S. 124)
„Menschen neigen dazu, die Intensität eines positiven oder negativen Affekts zu überschätzen, von dem sie denken, dass sie ihn erleben werden, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt, da Menschen die Wichtigkeit von Selbstregulierungsprozessen unterschätzen und sie dazu neigen, nicht die Umstände zu berücksichtigen, die mit dem zukünftigen Ereignis einhergehen (was auch als „Fokalismus“ bekannt ist).“ (S. 103)
Sie erhalten mit diesem Buch viele nützliche Ratschläge, und wenn sie all diese Punkte gelesen haben, werden sie zu hilfreichen klinischen Anhaltspunkten für ein ganzes Wissensnetzwerk geworden sein. Es gibt Dutzende solcher Anhaltspunkte in diesem Buch und das angeeignete Wissen wird Ihre Art und Weise, wie Sie über Emotionen denken, subtil verändern, sodass sowohl Praktiker als auch Wissenschaftler neue gangbare Wege entdecken können. Dies ist eine großartige Leistung für diesen Wissensbereich! Das Buch ist ein ganz außergewöhnlicher Schatz, der nicht nur geschätzt und genossen, sondern auch weitergegeben und angewendet werden sollte.
Steven C. Hayes, PhD
Gründungsprofessor für Psychologie
Universität Nevada, Reno
Ein populäres chinesisches Sprichwort und der Inhalt eines meiner Glückskekse besagen: „Auch eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt.“ Diese Seite ist der letzte Schritt nach einer langen Reise, die viele Schritte zählte. Ich bin froh, dass ich zu Beginn nicht wusste, wie lange die Reise nach dem ersten Schritt dauern würde, denn einige Teile davon waren viel schwieriger, als ich es zuerst erwartet hatte. Ich verbrachte unzählige Schritte mit Schreiben, Umschreiben, Organisieren und Umstrukturieren des Textes und noch mehr Zeit verbrachte ich mit Lesen, Forschen oder nur, um über die Fragen nachzudenken. Einige dieser Ideen waren fruchtbar genug, um sich in einer Reihe von veröffentlichten Aufsätzen niederzuschlagen. Zu verschiedenen Zeitpunkten spürte ich, dass ich wahrscheinlich viel mehr verschlungen hatte, als ich verdauen konnte. Anstatt aber aufzugeben oder mich mit weniger zufrieden zu geben, habe ich einfach langsamer gegessen.
Das Schreiben dieses Buches bedeutete auch, weniger Zeit für meine Familie zu haben. Ich danke meiner Frau Rosemary und meinen beiden Söhnen, Benjamin und Lukas, mir zu ermöglichen, was ich erreichen wollte. Es wäre mir ohne ihre Unterstützung nicht gelungen. Ich möchte mich auch bei Jim Nageotte, dem leitenden Redakteur von Guilford Press, sehr herzlich für seine Geduld und Betreuung bedanken. Es war offensichtlich, dass Jim und ich das gleiche Ziel vor Augen hatten, und wir wollten uns nicht mit weniger zufrieden geben.
Meine Studenten sind für mich eine ständige Quelle der Inspiration. Vielen Dank an Anu Asnaani, Joseph Carpenter, Joshua Curtiss, Angela Fang, Cassidy Gutner, Shelley Kind and Ty Sawyer. Ihr seid einer der Hauptgründe, warum ich davon überzeugt bin, dass ich den besten Job der Welt habe. Ein großer Dank gilt auch meinen Mentoren und Freunden. Es gibt zu viele, um alle aufzuzählen, aber ich bin David Barlow, Anke Ehlers, Aaron T. Beck, und Steven Hayes besonders dankbar. Für einige Momente stand ich auf den Schultern von Riesen und ich habe mich gefragt, wie ich dort hingekommen bin. Die Reise ist jetzt beendet, so lange und außergewöhnlich sie auch war. Wie es für viele aufregende Reisen zutrifft, habe ich den Großteil davon sehr genossen, aber ich bin letztendlich auch froh, angekommen zu sein. Die Reise hat mich eine Menge gelehrt und ich hoffe, dass es mir gelungen ist, mein erarbeitetes Wissen über die Verbesserung emotionaler Gesundheit in diesem Buch mitzuteilen.
Ziel des Buches ist es, die Erkenntnisse aus der Emotionsforschung in klinische Anwendungen umzusetzen, denn Emotionen sind die wesentlichen Einflussgrößen von psychischer Gesundheit. Die Fähigkeit, mit Emotionen angemessen umzugehen, ist eine wichtige menschliche Eigenschaft und für die soziale Anpassung sowie das allgemeine Wohlbefinden von entscheidender Bedeutung. Seine Lebensziele zu erreichen erfordert einiges an Toleranz und das Bewältigen einer breiten Palette von affektiven Zuständen – auch und vor allem von unangenehmen und beunruhigenden Gefühlen. Untaugliche Strategien im Umgang mit Emotionen sind die zentrale Ursache von vielen psychischen Problemen. In der Tat besteht ihre überwiegende Mehrheit aus emotionalen Problemen. Einige davon können mit psychologischen Interventionen wie kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) sehr effektiv behandelt werden. Doch obwohl sich viele Klienten nach diesen Therapien besser fühlen, sind sie oft weit davon entfernt, gesunde und glückliche Menschen, frei von emotionalen Belastungen, zu sein. Wenn Behandlungen über die reinen Krankheitssymptome hinaus weitergehen, kann die persönliche und emotionale Gesundheit erheblich verbessert werden. In diesem Buch präsentiere ich mehrere Ansätze, die dazu geeignet sind, nicht nur das Leiden zu verringern, sondern auch ein verbessertes Wohlbefinden zu erreichen, indem Befunde aus der Emotions- und Motivationsforschung sowie der Sozialpsychologie in die klinische Praxis umgesetzt werden.
Trotz der zentralen Bedeutung der Emotionen für die psychische Gesundheit gibt es bisher leider nur wenige konkrete klinische Empfehlungen für den Umgang mit ihnen. Um zu veranschaulichen, wie die neuere Forschung in spezifische klinische Techniken umgesetzt werden kann, präsentiere ich in jedem Kapitel Abschnitte unter dem Titel „In der Praxis“, zusammen mit Fallbeispielen und abschließenden Zusammenfassungen, um einige der klinisch relevanten Umsetzungsmöglichkeiten darzustellen.
Neuere Studien deuten darauf hin, dass spezifische Strategien zur Verbesserung der emotionalen Gesundheit tatsächlich die bisherigen Behandlungen für psychische Störungen verbessern können. Zudem wurde gezeigt, dass Menschen sich in ihrem Stil, ihre Emotionen zu steuern, unterscheiden, und dass sich diese individuellen Unterschiede auf die psychosoziale Funktionsfähigkeit signifikant auswirken. So wurde zum Beispiel festgestellt, dass Personen, die Neubewertungen zur Regulierung ihrer Emotionen verwenden, mehr positive Emotionen und weniger negative erleben, über bessere zwischenmenschliche Beziehungen verfügen und über ein größeres Wohlbefinden berichten. Im Gegensatz dazu erleben Menschen, die dazu neigen, ihre Gefühle zu unterdrücken, weniger positive Emotionen und mehr negative, haben schlechtere zwischenmenschliche Beziehungen und berichten über ein geringeres Wohlbefinden. Darüber hinaus scheint jede spezifische Emotionsregulationsstrategie an sich weder passend noch unpassend zu sein. Vielmehr sind es der Kontext und die situationsbezogenen Anforderungen, die festlegen, ob eine bestimmte Strategie passt oder nicht. Daher sollten wir im Idealfall die Fähigkeit entwickeln, eine bestimmte Strategie flexibel anzuwenden, um die gewünschten Ziele zu erreichen und unerwünschte Ergebnisse zu vermeiden.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass dieses Buch nicht nur auf die Emotionsregulation fokussiert ist. Das Thema der Emotionsregulation hat sich in der Sozialpsychologie zu einem relativ begrenzten Forschungsgebiet entwickelt, mit (aus meiner Sicht) eingeschränkter Relevanz für die klinische Anwendung. Auf der anderen Seite ist der Begriff der Emotion breitgefächert und kompliziert. Mein primäres Ziel ist es, die Erkenntnisse aus verschiedenen Disziplinen, die sich mit Emotionen beschäftigen, in konkrete klinische Strategien umzusetzen, um die Psychotherapie für eine Vielzahl von psychologischen Problemen zu verbessern. Die Disziplinen, auf die ich mich beziehe, sind affektive Neurowissenschaften, laborbasierte Emotionsforschung, Biologie, Anthropologie, Sozial-und Persönlichkeitsforschung, Psychiatrie sowie sogar auf den Buddhismus und andere Religionen.
Die Vorgehensweisen, die ich beschreiben werde, sind transdiagnostisch. Obwohl sich die empirischen Belege am stärksten an der KVT ausrichten, bleiben sie nicht auf ein bestimmtes Psychotherapie-Modell beschränkt. Sie bieten Klinikern konkrete Empfehlungen für die Einbeziehung von Emotionen in alle traditionellen psychosozialen Behandlungen. Das Buch besteht aus acht Kapiteln, die wie folgt kurz zusammengefasst werden können:
Kapitel eins beschäftigt sich mit der Natur der Emotionen und überprüft die einflussreichsten und relevantesten Emotionstheorien.
Kapitel zwei identifiziert individuelle Unterschiede in Bezug auf Erfahrung, Ausdruck und Regulierung von Emotionen. Emotionen sind direkt mit dem Konzept des Vermeidungsverhaltens und der Zielerreichung assoziiert. Daher wird in
Kapitel drei die Beziehung zwischen Motivation und Emotion diskutiert.
Kapitel vier überprüft das Selbst und die Selbstregulierung, wie sie auf Emotionen angewendet wird und
Kapitel fünf untersucht im Detail eine solche Selbstregulierungsstrategie: die Emotionsregulation.
Kapitel sechs widmet sich der Bewertung und Neubewertung, die wichtige Aspekte in der KVT bilden.
Kapitel sieben diskutiert Achtsamkeit und Meditationsstrategien, einschließlich der Meditation der liebenden Güte zur Verbesserung des positiven Affekts, ein allgemein vernachlässigter, aber wichtiger Aspekt der emotionalen Gesundheit.
Schließlich gibt Kapitel 8 einen kurzen Überblick über die neurobiologischen Korrelate von Emotionen und Emotionsregulation.
Die Leserschaft, die ich im Sinn hatte, als ich dieses Buch geschrieben habe, besteht aus Klinikern und medizinischen Fachleuten, die sich für die neuesten und modernsten psychologischen Behandlungsansätze interessieren. Ich habe bei der Erforschung dieses faszinierenden Bereiches viel gelernt und es hat mir eine große Freude bereitet, die Inhalte zusammenzufassen und auf die Praxis hin so umzuformulieren, dass konkrete Behandlungsstrategien daraus abgeleitet werden können. Ich hoffe, dass mir dies gelungen ist!
Die Fähigkeit, Emotionen zu erleben, ist eine zentrale menschliche Eigenschaft. Lieutenant Commander Data aus der Star Trek-TV-Serie Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert, ein Android, der bis auf das Erleben von Emotionen alle menschlichen Fähigkeiten besitzt, wurde dennoch nie als Mensch betrachtet, da ihm genau diese menschliche Eigenschaft fehlte. Trotz seiner Intelligenz war es für Data schwer, emotionale Färbungen zu verstehen, genauso wie es für seine menschlichen Kollegen schwer war, diese zu erklären. Datas Rolle veränderte sich jedoch schlagartig, als ihm in dem Star Trek-Film Die ungleichen Brüder ein Chip zur Wahrnehmung von Emotionen in seine positronische Matrix implantiert wurde. Dadurch verwandelte er sich von einem intelligenten und selbstbewussten Roboter in einen Menschen.
Was genau sind eigentlich Emotionen? Was sind ihre definierenden Merkmale? Was ist der Unterschied zwischen Emotion und Affekt? Wie sieht die Beziehung zwischen Gedanken und Emotionen aus? Dienen Emotionen einem Zweck, haben sie eine Funktion? Wie werden Emotionen erlebt, wie werden sie erzeugt und wie können Emotionen zu Verhalten und psychischen Erkrankungen in Beziehung gesetzt werden?
Mit diesen Fragen werden wir uns im folgenden Kapitel beschäftigen. Ein wichtiger Hinweis jedoch vorweg: Emotionen können nicht in einem Satz definiert werden; sie sind ein multidimensionales und vielschichtiges Konstrukt, und es gibt viele verwandte Begriffe, die verwendet werden, um sie näher zu bezeichnen.
Für die Leser soll in diesem Buch folgende Definition verwendet werden: Eine Emotion ist (1) eine multidimensionale Erfahrung, die (2) durch unterschiedliche Erregungszustände wie Freude oder Unzufriedenheit charakterisiert wird; (3) verbunden ist mit subjektiven Erfahrungen, Wahrnehmungen und motivationalen Tendenzen; (4) durch die Kultur und das Umfeld bereichert wird; und (5) auch zu einem gewissen Grad durch intra- und interpersonelle Prozesse reguliert werden kann.
Diese Definition impliziert, dass Emotionen biologische Systeme beinhalten, die meistens (aber nicht notwendigerweise) mit evolutionären Anpassungen und motivationalen Neigungen verbunden sind, und von sozialen, kulturellen und anderen kontextabhängigen Faktoren geformt werden. In Kapitel 8 wird ein kurzer Überblick über die modernen neurobiologischen Grundlagen von Emotionen gegeben.
Eine Emotion ist eine Erfahrung. Wenn wir also eine Emotion haben, beziehen wir diese auf die Erfahrung, die wir bereits mit einer Emotion gemacht haben. Diese Erfahrung wird normalerweise (aber nicht zwingend) durch einen Stimulus, wie zum Beispiel eine Situation, ein Ereignis, eine andere Person, ein Gefühl oder eine Erinnerung hervorgerufen. Meistens (aber auch hier gilt dies nicht immer) sind wir uns über diese Erfahrung und den auslösenden Stimulus bewusst. In Kapitel 8 werde ich auf die unterschiedlichen Ebenen von (bewussten und unbewussten) Prozessen emotionaler Kernmerkmale eingehen.
Emotionale Erfahrungen und emotionale Antworten sind funktionell miteinander verknüpft. Einfach ausgedrückt, bezeichnet der Begriff emotionale Antwort die Reaktion auf emotionsauslösende Reize, während der Begriff emotionale Erfahrung die Verknüpfung einer Beschriftung mit dieser Antwort bezeichnet. Wie später in diesem Abschnitt genauer besprochen wird, betrachteten William James (1884) und Carl Lange (1887) eine Emotion lediglich als Wahrnehmung einer Körperreaktion als Antwort auf eine Situation. Dies ist auch als James-Lange-Theorie bekannt. Später wurde unter kognitiven Emotionsforschern angenommen, dass eine emotionale Erfahrung das Ergebnis einer kognitiven Einschätzung über einen allgemeinen physiologischen Erregungszustand ist (Schachter & Singer, 1962).
Emotionen sind per se nicht gut oder schlecht. Durch eine kontextuelle Abhängigkeit, wie spezifische Aspekte und Interpretationen einer Situation, werden Emotionen jedoch häufig als angenehm oder unangenehm erlebt. Zusätzlich empfiehlt die Definition, Emotionen auf zwei Bereiche einzuschränken. Zum einen durch kognitive Strategien innerhalb einer Person, wie zum Beispiel Neubewertung oder Unterdrückung, und zum anderen im zwischenmenschlichen Bereich durch andere Personen. Emotionen sind selten nur auf eine einzige Erfahrung zurückzuführen. Sie werden in der Regel als Mischung von verschiedenen Emotionen erlebt (z.B. glücklich oder traurig, wütend oder ängstlich sein). Unterschiedliche Emotionen können auch zu einem komplexen Netzwerk zusammengeführt werden, woraus Emotionen über Emotionen entstehen können (darauf gehen wir später noch näher ein). Je nachdem, ob man Emotionen eher als natürlich vorgegeben oder als kulturell erlernt betrachtet (z.B. sind Emotionen danach eher biologisch verankert bzw. ein Produkt sozialer Rahmenbedingungen), können auch deren Definitionen variieren. Die hier verwendete Definition beinhaltet sowohl naturwissenschaftliche Elemente als auch soziale Gesichtspunkte. Emotionen werden durch eigene Gedanken und ein gesellschaftliches Umfeld geformt, jedoch besitzen sie auch ein biologisches und evolutionäres Fundament. Mehr als ein Jahrzehnt nach seiner bahnbrechenden Theorie zur Evolution schrieb Darwin das Buch „Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren“ (1872/1955), in dem er die evolutionäre Bedeutung von Emotionen erörterte. Darin hielt er fest, dass Gefühlsäußerungen innerhalb unterschiedlicher Altersgruppen und Gattungen allgemeingültig sind. Er beobachtete folgendes:
Die Bewegungen des Ausdrucks im Gesicht und am Körper, …, sind an und für sich selbst für unsere Wohlfahrt von großer Bedeutung. Sie dienen als die ersten Mittel der Mittheilung zwischen der Mutter und ihrem Kinde; sie lächelt ihm ihre Billigung zu und ermuthigt es dadurch auf dem rechten Wege fortzugehen, oder sie runzelt ihre Stirn aus Mißbilligung. Wir nehmen leicht Sympathie bei Anderen durch die Form ihres Ausdrucks wahr; unsere Leiden werden dadurch gemildert und unsere Freuden erhöht; und damit wird das gegenseitige wohlwollende Gefühl gekräftigt. Die Bewegungen des Ausdrucks verleihen unseren gesprochenen Worten Lebhaftigkeit und Energie. Sie enthüllen die Gedanken und Absichten Anderer wahrer als es Worte thun, welche gefälscht werden können. (S. 320)
Darwin weist Emotionen eine wichtige kommunikative Aufgabe zu und verbindet Emotionen eng mit Kognitionen. Dagegen haben auch Kognitionen eine bedeutende evolutionäre Aufgabe, da sie dem Organismus anhand von begrenzten Informationen eine Vorhersage erlauben, ob eine Situation einen gewollten oder ungewollten Ausgang nimmt. Anhand dieser Vorhersage versucht der Organismus die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, einen angenehmen Zustand zu erreichen bzw. einen unangenehmen zu vermeiden. Kognitionen und Emotionen interagieren über einen komplexen Prozess mit Verhaltensweisen, die Reizeinströmung, Aufmerksamkeit und Informationen aus dem Langzeit- und Kurzzeitgedächtnis beinhalten. Ähnlich den anatomischen Strukturen, handelt es sich bei diesem Prozess auch um eine anpassungsfähige Anlage, um die evolutionäre Fitness eines Individuums zu erhöhen.
Aufgrund von Darwins Einfluss haben zahlreiche Forscher vorgeschlagen, biologische Systeme als Grundlage für Emotionen zu betrachten, die sich weiterentwickelt haben, um Verhaltensweisen zu regulieren und den Erhalt der Spezies, einschließlich des Menschen, zu sichern (z. B. Tomkins, 1963, 1982; Ekman, 1992a; Izard, 1992). Diese und andere Theoretiker gehen davon aus, dass innerhalb aller menschlichen Kulturen „Grundemotionen“ existieren, die auch Ähnlichkeiten zu anderen Spezies aufweisen. Diese Grundemotionen haben evolutionsgeschichtlich die Aufgabe, rasche und gut angepasste Reaktionen auf Umweltveränderungen zu generieren. So gesehen kann vereinfacht gesagt werden, dass Grundemotionen evolutionäre und anpassungsfähige Reaktionen auf situationsbezogene Anforderungen darstellen. Nach Ekman (1992a) stellt ein Gefühl eine Grundemotion dar, wenn es (1) rasch auftritt; (2) von kurzer Dauer ist; (3) ungewollt auftritt; (4) die unabhängige Bewertung des Ereignisses, das es auslöst, zu einer sofortigen Erkennung des Reizes führt; (5) die vorangehenden Ereignisse universell (d.h. nicht auf eine bestimmte Kultur zurückzuführen) sind; (6) es durch eindeutige physiologische Symptome begleitet wird; und (7) durch einen einzigartigen und unverwechselbaren Gesichtsausdruck charakterisiert ist.
Diese Definition ist eng mit der darwinistischen Sichtweise verbunden, dass Emotionen eine biologische Grundlage besitzen und eine evolutionär angepasste Antwort auf Umweltreize darstellen. Zu diesen Grundemotionen, die sich in nahezu allen menschlichen Kulturen wiederfinden, zählen Freude, Traurigkeit, Überraschung, Furcht, Wut, Ekel und Verachtung. Außerdem können sie eindeutigen Gesichtsausdrücken zugeordnet werden (Ekman, Friesen, & Ellsworth, 1972).
Ein Vorteil dieser Begriffsbildung liegt in ihrer Einfachheit, z.B. physiologische Reaktionen und Gesichtsausdrücke auf einen bestimmten Reiz hin methodisch zu messen. Viele Forscher haben deshalb Emotionen im Labor als lineare Regulationsmechanismen untersucht, was zu einer großen Anzahl an experimentellen Laborstudien geführt hat (in Kapitel 5 und 6 wird näher darauf eingegangen). Der Nachteil dieser Begriffsbildung ist die mangelhafte Erfassung der Komplexität menschlicher Emotionen, wie sie in diesem Buch besprochen werden sollen, z.B. individuelle Unterschiede emotionaler Erfahrungen, mit Emotionen verknüpfte motivationale Tendenzen oder zwischenmenschliche und kontextabhängige Faktoren, die die Erfahrung und den Ausdruck von Emotionen formen, sowie Meta-Erfahrung von Emotionen (d.h. Emotionen über Emotionen).
Schnell wurde das Konzept der Grundemotionen nach deren Einführung entkräftet (z.B. Ortony & Turner, 1990), und dessen Annahmen in Frage gestellt (Ekman, 1992b). Plutchik (1980) hat in ähnlicher Weise die Existenz einer Reihe von Grundemotionen postuliert. Ähnlich dem Schema eines Farbkreises schlug er ein kreisförmiges Model von gegensätzlichen Paaren aus acht Grundemotionen vor: Freude vs. Trauer, Ärger vs. Angst, Anerkennung vs. Verachtung sowie Überraschung vs. Erwartung. Wie bei der großen Bandbreite an Farben, die durch die Vermischung der drei Primärfarben entstehen, nimmt er an, dass auch alle menschlichen Gefühle aus einer Mischung der acht Grundemotionen entstehen. So enthält zum Beispiel die Liebe in diesem kreisförmigen Modell Elemente von Freude und Anerkennung.
Verwandt mit den Grundemotionen sind primäre emotionale Prozesse (Panksepp & Biven, 2010) oder biologisch verankerte und evolutionär ältere Systeme (z.B. Systeme, die sich bereits früh im evolutionären Prozess entwickelt haben). Diese Systeme umfassen das Angstsystem, welches dem Organismus reflexartig erlaubt, sich zurückzuziehen, sich zu verstecken oder davonzulaufen; das Trauersystem (oder auch Trennungsangst, früher bezeichnet als Paniksystem), welches mit Trauer und Verlust in Verbindung gebracht wird; das Ärgersystem, welches bei Aggressionshandlungen aktiv ist; das Suchsystem, aktiv bei der Suche nach Nahrung oder Sexualpartnern; das Triebsystem, das sich während sexueller Handlungen aktiviert; das Pflegesystem, aktiv beim Aufziehen von Nachkommen, sowie auch das Spielsystem, welches sowohl aktiv ist, wenn wir mit dem Nachwuchs spielen, als auch, wenn wir uns soziale Kompetenzen aneignen. All diese unterschiedlichen Systeme können auch zusammenwirken. So führt zum Beispiel das Trauersystem in Verbindung mit dem Pflegesystem zu sozialer Bindung.
Emotionale Erfahrungen sind komplex und unterscheiden sich auf vielerlei Ebenen. So sind einige Emotionen stark, wohingegen andere wiederum schwach sind; manche sind angenehm, andere eher unangenehm; manche dauern sehr lange, andere halten nur sehr kurz an; manche Emotionen sind klar und einfach, andere sehr komplex und schwierig; bei manchen Emotionen haben wir das Gefühl, sie kontrollieren zu können, andere sind jedoch sehr überfordernd und außerhalb unserer Kontrolle; bei einigen Emotionen haben wir das Verlangen schnell zu handeln, andere hingegen lähmen uns eher. Trotz dieser großen Bandbreite an unterschiedlichen emotionalen Erfahrungen gibt es Grundgesetze, die alle Emotionen regulieren.
Frijda (1988) hat insgesamt zwölf dieser Grundgesetze beschrieben. Zuerst bezieht sich eine Emotion auf die Interpretation der jeweiligen Situation, was als Gesetz der situationsbedingten Bedeutung bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um eine einfache, aber kritische Beobachtung, auf die ich im nächsten Abschnitt detaillierter eingehen werde. Zusätzlich könnte man argumentieren, dass die Interpretation nicht auf eine Situation begrenzt ist, sondern auch auf die Erfahrung, die mit der Emotion verbunden wird. Aber auch hier werde ich diese Beobachtung zu einem späteren Zeitpunkt genauer schildern.
Zweitens ist die emotionale Erfahrung von persönlichen Zielen, Motiven und Befürchtungen abhängig. Diese Gegebenheit wird als Gesetz der Besorgnis bezeichnet. Wir sind glücklich, wenn wir eine der vielen Golfrunden, die wir sonntagmorgens spielen, gewinnen, wohingegen wir vor Freude in die Luft springen, wenn wir ein lange vorbereitetes Golfturnier gewinnen. Drittens nimmt die Intensität emotionaler Erfahrungen mit steigender Realität zu (Gesetz der scheinbaren Wirklichkeit). So ist die Freude über ein gewonnenes Minigolfspiel gegen den Ehepartner weitaus geringer, als die Freude über einen Sieg in einem Turnier gegen Tiger Woods.
Emotionen werden weniger von der Präsenz erwünschter oder unerwünschter Bedingungen ausgelöst, sondern durch die aktuelle oder erwartete Veränderung der erwünschten oder unerwünschten Bedingungen (viertes, fünftes und sechstes Gesetz: das Gesetz der Veränderung, Gewöhnung und des Vergleiches). Die emotionale Erfahrung, mit einem Tor in letzter Minute die Fußballmeisterschaft zu gewinnen, ist daher viel stärker als die Emotion über den Gewinn im letzten Jahr.
Das siebte Gesetz (Gesetz der hedonischen Asymmetrie) besagt, dass anhaltende Freuden (aber auch Unmut) mit der Zeit an Intensität verlieren, da Emotionen immer an die jeweiligen Rahmenbedingungen geknüpft sind. So wird sich eine Person unmittelbar nach dem Gewinn von einer Million Euro mehr freuen als Tage, Monate oder Jahre später.
Satz man sich nicht wiederholt den emotionalen Ereignissen aus, neigen Emotionen dazu, verankert zu bleiben. Das achte Gesetz lautet daher: Das Gesetz der Erhaltung des emotionalen Impulses. Versucht man also traumatische Erlebnisse zu verdrängen, kann dies sogar zur Erhaltung der damit verbundenen Emotionen führen.
Das neunte Gesetz (Gesetz der Schließung) besagt, dass emotionale Erfahrungen als einzigartig und absolut wahrgenommen werden. So scheint es zum Beispiel unmöglich, zwei unterschiedliche Personen in der gleichen Weise und im gleichen Ausmaß zu lieben. Auch wenn wir wir absolute und bedingungslose Liebe zu all unseren Kindern fühlen, werden die Eltern unter uns bestätigen, dass wir unsere Kinder leicht unterschiedlich und auch aus unterschiedlichen Gründen lieben (manche vielleicht sogar mehr als andere). Andererseits werden aber Emotionen nicht als rein, unmissverständlich und absolut erfahren. Größtenteils werden Emotionen sogar als sehr komplex und facettenreich erlebt. So werden wir vielleicht unsere Eltern verehren, fürchten, lieben und hassen, aber diese Gefühle werden sich im Laufe der Kindheit und Jugend verändern.
Emotionsabhängige Antworten sind oft sehr komplex, da wir versucht sind, sie zu ändern, je nach den möglichen Konsequenzen, die diese Impulse zur Folge haben. Das zehnte Gesetz lautet daher: Das Gesetz der Gedanken über Auswirkungen. Auch versuchen wir zweideutige emotionale Erlebnisse in einer Weise wahrzunehmen, die den Grad an schmerzhaften oder schwer zu ertragenden Ereignissen minimalisiert, d.h. wir versuchen die negative emotionale Last zu verringern. Gleichzeitig erfahren wir aber auch zweideutige Situationen als emotionale Bereicherung. Diese zwei Gesetze wurden beschrieben als Gesetz der höchsten Last (elftes Gesetz) und Gesetz des größten Gewinns (zwölftes Gesetz).
Ungeachtet der Komplexität einer Emotion, variiert diese mit der Zeit. Wir verlieben uns in jemanden und fühlen überwältigende Liebe. Mit der Zeit realisieren wir aber vielleicht, dass die Beziehung auch viele Schwierigkeiten mit sich bringt und die emotionale Erfahrung geht möglicherweise über in Traurigkeit, Verzweiflung oder auch in ein Gefühl des Verlustes. Diese Gefühle könnten sich aber auch mischen und uns uneins werden lassen, mit dem Drang, in widersprüchlicher Weise zu handeln. Ein Teil von uns würde gerne eine Lösung finden, der andere Teil möglicherweise lieber alles verdrängen und zu der Person, der wir uns so nah fühlen, auf Abstand gehen. Manche emotionalen Erfahrungen, wie zum Beispiel Überraschung, tauchen in Sekundenschnelle auf, andere Emotionen. wie etwa Liebe. können Jahre oder sogar das ganze Leben lang anhalten. Offensichtlich lässt sich darüber streiten, Liebe nicht als emotionalen Zustand, sondern vielmehr als eine generelle Annäherung oder Perspektive auf etwas oder für jemanden zu sehen. Dies unterscheidet sich von kurzlebigen und abgegrenzten emotionalen Erfahrungen wie der Überraschung oder dem Schrecken. Je verbreiteter und weitreichender die Erfahrung von Liebe ist, desto vergleichbarer ist sie mit einem Zustand oder der Bereitschaft, bestimmte positive Gefühle für jemanden oder etwas zu haben. So wird zum Beispiel ein liebender Vater wahrscheinlich eine Freude empfinden, sein Kind Geige spielen zu hören, wohingegen der Nachbar vermutlich eher irritiert und verärgert über das Geigenspiel sein wird.
Die Charakteristik emotionaler Erfahrungen unterstreicht die Wichtigkeit der Rahmenbedingungen, unter welchen diese Emotionen erlebt werden, den Kontext der Situation, und vor allem die kognitive Beurteilung. Betrachten Sie die folgenden Äußerungen großer Denker: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns bewegen, sondern die Ansicht, die wir von Ihnen haben“ (Epiktet, 55–134 v. Chr.); „Wenn Sie durch äußere Einflüsse beunruhigt sind, sind es nicht die Einflüsse selbst, die Sie beunruhigen, sondern die Einschätzung dieser, und Sie haben es in der Hand, diese Einschätzung jederzeit zu widerrufen“ (Marcus Aurelius, 121–180 v. Chr.); „An sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu“ (William Shakespeare, aus Hamlet). Diese Äußerungen lassen uns erkennen, dass nicht bestimmte Situationen, Ereignisse oder Anlässe unsere emotionale Antwort bilden, sondern die kognitive Beurteilung derselben. Mit anderen Worten: Es ist nicht das Ereignis, das uns verärgert, ängstlich, glücklich oder traurig macht, sondern unsere Interpretation davon. Daher ist es wichtig, den zugrundeliegenden Gedanken für eine Emotion zu erkennen. Auch wenn Gedanken oft zu Emotionen führen, stehen Gedanken, Emotionen (und auch Verhaltensweisen) nicht in einem einseitig ausgerichteten Verhältnis. Wenn Emotionen genutzt werden, um wahrzunehmen, was gerade um eine Person herum passiert, können Emotionen auch Gedanken beeinflussen. So kann zum Beispiel das ängstliche Gefühl, wenn man auf die Rückkehr des Ehepartners wartet, bedeuten, dass die Person denkt „etwas Schlimmes muss passiert sein“. Unser menschliches Gehirn nimmt bedrohliche Informationen sehr ernst, da das Missachten dieser Informationen unser Überleben gefährden könnte. Ähnliche Beziehungen zwischen Gedanken und Gefühlen existieren auch für andere Emotionen wie Trauer, Ärger o.Ä.
Denken und Urteilen erfolgen häufig automatisch. Die eigenen Gedanken zu überwachen und zu beobachten kann den Prozess verlangsamen und gibt einem die Möglichkeit, die Herkunft der eigenen Gedanken zu erforschen. Techniken aus der Meditation, welche genauer in Kapitel 7 behandelt werden, fördern das Bewusstsein im Hier und Jetzt. Automatische Abläufe werden unterbrochen und positive Erfahrungen verstärkt.
Gedanken sind keine Fakten, sondern eher „Hypothesen“, die zutreffen oder auch nicht zutreffen können. Manche Hypothesen (Gedanken) sind wahrscheinlicher als andere (z.B. „Mein Husten ist ein Anzeichen von Lungenkrebs“ vs. „Ich habe eine Erkältung“); andere Gedanken sind auf jeden Fall falsch („Morgen wird die Welt untergehen“), andere wiederum sind richtig, aber fehlangepasst („Ich werde sterben, wir alle werden sterben und die Welt wird aufhören zu existieren“). Ganz gleich, welche Gedanken wir auch immer haben, ist es wichtig, uns dieser bewusst zu sein, um deren Gültigkeit, Wahrscheinlichkeit, Anpassungsfähigkeit o.Ä. zu prüfen. In der Geschichte der Psychologie gab es unterschiedliche Theorien, um die Beziehung zwischen Emotionen und Gedanken zu erklären, vor allem in Bezug auf die Reihenfolge der Ereignisse und die Richtung der Kausalität. Die James-Lange-Theorie der Emotionen geht davon aus, dass situationsspezifische Reize bestimmte physiologische Reaktionen, wie beispielsweise eine Erhöhung der Herz- und der Atemfrequenz, hervorrufen. Zur gleichen Zeit zeigen wir ein bestimmtes Antwortverhalten auf eine Situation und ziehen uns z.B. zurück. Sobald wir uns über dieses Verhaltensmuster bewusst werden und die erste Reaktion auf das Ereignis aufgetreten ist, stufen wir diese Erfahrung als „Furcht“ ein. Folglich entstehen unterschiedliche emotionale Erfahrungen durch die Verknüpfung spezifischer physiologischer Symptome und dem Verhalten. So besagt die Theorie, dass wir zum Beispiel Furcht erleben, weil eine bedrohliche Situation zu einem spezifischen physiologischen Symptom (z.B. schnellerer Herzschlag und schnellere Atmung) sowie einem Verhalten (z.B. Erschrecken und Fliehen) führt. Passend zu dieser Theorie zeigen auch Studien, dass Personen mit einer Rückenmarksverletzung im oberen Bereich der Wirbelsäule (Tetraplegie) Emotionen weniger intensiv erfahren als Personen mit Rückenmarksverletzungen im unteren Bereich der Wirbelsäule (Paraplegie). Dieses Phänomen kann durch die Theorie erklärt werden, da eine Verletzung im oberen Bereich der Wirbelsäule die sensorische Rückmeldung über einen großen Teil des Körpers abtrennt (Hohmann, 1966). Jedoch hat die James-Lange-Theorie auch deutliche Defizite. So nimmt die Theorie an, feine Unterschiede in der sensorischen Rückmeldung unter zahlreichen emotionalen Erfahrungen zu erkennen. Psychophysiologische Studien konnten aber bisher keine eindeutigen biologischen Marker oder physiologischen Korrelate emotionaler Zustände identifizieren. Vielmehr führt eine einfache physiologische Erregung, wie zum Beispiel sportliche Betätigung, nicht zu einer emotionalen Erfahrung und die physiologische Erregung ist in vielen Fällen häufig zu langsam und zu allgemein, um die Latenz und die Vielfalt der emotionalen Ausdrücke zu erklären. Aufgrund dieser und anderer Kritiken haben Cannon (1927) und Bard (1934) eine konkurrierende Theorie entworfen, in der sie postulieren, dass eine undifferenzierte physiologische Erregung, wie z.B. die Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die Emotion auslöst. Laut der Cannon-Bard-Theorie geben Kanäle im Thalamus Information an die Großhirnrinde weiter und senden auch über das autonome Nervensystem aktivierende Botschaften an die Eingeweide und Skelettmuskulatur.
Die maßgebende Theorie und die bahnbrechenden Experimente von Schachter und Singer (1962) heben die zentrale Bedeutung von kognitiven Prozessen in Emotionen hervor. Passend zu Festingers Theorie (1954) wird angenommen, dass ein Erregungszustand den Wunsch eines Individuums nach einer wahrgenommenen Aktivierung fordert. So verspürt eine Person, die sich in einem allgemein erhöhten Erregungszustand befindet, den Wunsch, diesen Erregungszustand anhand situationsspezifischer Anhaltspunkte zu bewerten und zu interpretieren. Diese Theorie postuliert, dass die Intensität einer Emotion durch die physiologische Erregung beschränkt ist, wohingegen die Wertigkeit und Qualität der emotionalen Antwort durch die Bewertung des ausgelösten Reizes und des Kontextes begrenzt wird. Im Gegensatz zur James-Lange-Theorie geht das Schachter-Singer-Modell nicht davon aus, dass irgendwelche physiologischen Symptome einzigartig für eine emotionale Erfahrung sind. Stattdessen wird sogar davon ausgegangen, dass die gleiche allgemeine physiologische Erregung, abhängig von der Bewertung des hervorgerufenen Reizes, in unterschiedlicher Weise interpretiert werden kann.
Dieses Modell wurde am besten durch das klassische Experiment von Schachter und Singer (1962) veranschaulicht. Die Teilnehmer dieser Studie wurden getäuscht, indem ihnen mitgeteilt wurde, dass sie an einem Experiment über die Auswirkung von Vitaminen auf das Sehvermögen teilnähmen. Teilnehmer erhielten jedoch entweder Epinephrin oder ein Placebo. Epinephrin ist die synthetische Form von Adrenalin und verursacht eine vorübergehende Steigerung der Herz- und Atemfrequenz sowie des Blutdrucks, außerdem Muskelzittern und Nervosität. Die Teilnehmer wurden anhand der Information über die Auswirkung der Injektion und der Situation unterschiedlichen Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhielt echte Angaben über die Auswirkung der Injektion auf physiologische Parameter (informierte Gruppe); die zweite Gruppe wurde über die physiologischen Wirkungen gar nicht informiert (nicht informierte Gruppe) und die dritte Gruppe erhielt falsche Informationen (falsch informierte Gruppe). Die Hälfte der Teilnehmer jeder Gruppe wurde unterschiedlichen Situationen zugeordnet, die aus einer von zwei inszenierten sozialen Interaktionen zwischen einer eingeweihten Person und dem Teilnehmer bestand. In einer der beiden Bedingungen wurden die Teilnehmer mit einer sehr glücklichen Person konfrontiert, die fröhlich Papierknüller in einen Mülleimer wirft. In der anderen Situation wurden die Teilnehmer in eine unangenehme Situation gebracht, in der die eingeweihte Person ihren Ärger über das Experiment durch das Zerreißen eines Fragebogens oder sogar durch das Hinausstürmen aus dem Zimmers zum Ausdruck brachte. Das Verhalten der Teilnehmer wurde durch einen Spiegel beobachtet und durch unabhängige Beobachter beurteilt. Zudem wurden die Teilnehmer über ihren emotionalen Zustand befragt. Die Ergebnisse zeigten, dass Teilnehmer der informierten Gruppe keine starken Emotionen zeigten, da sie ihren physiologischen Erregungszustand der Injektion zuschrieben. Teilnehmer der nicht informierten und der falsch informierten Gruppe hatten hingegen keine Erklärung dafür. Für die Bewertung und Interpretation ihres erlebten physiologischen Erregungszustandes zogen sie die experimentelle Situation und das Verhalten der ihnen zugeordneten Person heran.