Riikka Pelo

Unser tägliches Leben

Roman

Aus dem Finnischen
von Stefan Moster

C.H.Beck

Zum Buch

Mütter und Töchter haben ein besonders nahes Verhältnis zueinander, zugleich herrscht zwischen ihnen auch eine besondere Spannung – bei der russischen Dichterin Marina Zwetajewa und ihrer 1912 geborenen Tochter Ariadna war dies nicht anders.

Die Revolution zwingt ihre Familie ins Exil, erst Ende der 1930er Jahre kehren sie nach Moskau zurück: die Tochter als glühende Revolutionärin, die Mutter in unüberwindlichem Hass auf Stalins Regime.

Von einem Leben zwischen Hoffnung, Erkenntnis und Widerstand erzählt Riikka Pelos Roman. In schwebend leichtem Ton, dabei immer zupackend realistisch, entsteht ein intensiv leuchtendes Doppelporträt von Mutter und Tochter – darin eingeschlossen das faktentreue Bild der von ihrer Arbeit besessenen Dichterin unter extremen politischen Bedingungen: Bespitzelung und Verrat sind allgegenwärtig. Doch größte persönliche Erwartungen und überschäumendes Gefühl behaupten sich noch in widrigstem Klima, bis der politische Terror alle Beziehungen zerschlägt.

Riikka Pelo erzählt voller Einfühlung und Scharfblick: als wär’s ein Stück von Tschechow, versetzt ins grausame 20. Jahrhundert.

Über die Autorin

Riikka Pelo, geboren 1972, ist für ihre Romane und Drehbücher mehrfach preisgekrönt worden. Bereits ihr Debüt, erschienen 2006, wurde ausgezeichnet, für den Roman „Unser tägliches Leben“ erhielt sie 2013 den renommierten Finlandia-Preis. Riikka Pelo hat längere Zeit in Potsdam und Prag verbracht und lebt heute mit ihrer Familie in Helsinki.

Über den Übersetzer

Stefan Moster, geboren 1964, ist Schriftsteller und einer der renommiertesten Übersetzer aus dem Finnischen. Er lebt in Berlin.

Inhalt

Moskau August 1939

Horní Mokropsy, Všenory, Tschechoslowakei August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Moskau August 1939

Voškov August 1923

Moskau August 1939

Voškov August 1923

Moskau August 1939

Voškov August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Moskau August 1939

Všenory August 1923

Bolschewo August 1939

Všenory August 1923

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Všenory August 1923

Bolschewo August 1939

Bolschewo August 1939

Všenory August 1923

Lubjanka, Moskau August – September 1939

Workuta, Republik Komi August 1941

Jelabuga, Tatarstan August 1941

Workuta August 1941

Jelabuga August 1941

Workuta August 1941

Jelabuga August 1941

Workuta August 1941

Jelabuga August 1941

Workuta August 1941

Nachweise

Der Roman enthält Verweise auf folgende Quellen:

Denn was ist Liebe, wenn nicht

Das, was aus den Nähten bricht –

Kleid! Kein Verband und kein Schild. – Wozu

Bräuchtest du Schutz! – Der Leichnam

Ist mit der Erde vernäht wie du

Mit meinem Leib. So. Zweisam.

Marina Zwetajewa: «Endgedicht» (1924)

Übersetzt von Felix Philipp Ingold

Moskau August 1939

Ich stand vor dem frisch gestrichenen Nebengebäude der Klinik. Schon am Morgen war die Sonne erdrückend, der heißeste Sommer seit zwanzig Jahren, an den Rändern von Moskau brannten die Wälder und Torfmoore unter der wütenden Hitze. Rußflocken schwebten in der dicken, heißen Luft langsam aufwärts. Genau wie an der Schwelle zur Revolution, erinnerten sich die Journalistenveteranen bei ZhurGas, damals gingen im Sommer rund um Moskau die Wälder in Flammen auf, das Feuer war ein gutes Omen, das Alte verbrannte vor dem Neuen, dieser Preis musste bezahlt werden.

Ich sah fremd aus in der Milchglasscheibe des Krankenhausfensters, und in meiner Nervosität zündete ich mir eine Zigarette an, bevor ich hineinging. Der August neigte sich dem Ende zu, das Verfahren gegen Kolzow hätte längst zu Ende sein sollen, aber es war noch keine Nachricht über ihn in die Redaktion gelangt.

Die Ärztin war eine Frau in den Vierzigern, ausdruckslos, dennoch freundlich, und beinahe geschlechtslos. Sie glich eher einem Lama als einem Kamel. Schön war sie nicht, auch nicht, als sie die Brille abnahm, die eine Membran vor dem Gesicht zurückzulassen schien.

Ja, ja, seit meiner Ankunft in Moskau war meine Regel so exakt gewesen wie ein deutscher Zugfahrplan, aber die letzte hatte Anfang Juni eingesetzt, vielleicht sogar noch Ende Juni. Am Sonntag hatte ich ausgerechnet, dass ich tatsächlich seit mehr als sieben Wochen meine Tage nicht gehabt hatte, im August blieben sie ganz aus. Meine Brüste waren empfindlich und spannten, und morgens plagte mich Übelkeit, als hätte ich zu viel Luft im Bauch, stundenlang mochte ich nichts essen, obwohl ich den Hunger spürte, meinen alten Kampfgefährten. Ich musste niemanden fragen, um zu wissen, was das bedeutete. Und wenn ich esse, sagte ich der Ärztin, esse ich für zwei.

In Moskau hatte man zu essen, wenn man nur arbeitete, man brauchte keine Steine in der Tasche mit sich herumzutragen oder Sonnenblumenkerne oder saure Äpfel, an denen man lutschen konnte, um den Hunger zu vertreiben, so, wie ich es in Paris gelernt hatte, als ich durch die nach Croissants und Milchkaffee duftenden Straßen des Sechsten Arrondissements gerannt war, um mich in der Zeichenstunde von der großen Künstlerin Gontscharowa demütigen zu lassen.

Ich lag unter dem offenen Fenster auf der Pritsche und betrachtete die gespaltene Schwarzpappel im Hof. Die Ärztin schob die von einem Gummihandschuh umhüllte Hand in mich hinein und drehte das zunächst kalte Spekulum hin und her, wodurch sich mein Unterleib zusammenzog. Ich spürte Harndrang, obwohl ich gerade erst im Badezimmer eine Probe abgegeben hatte.

Versuche dich zu entspannen, Genossin. Dann drückte sie mit den Fingern in mir herum, ob man es schon fühlen konnte, das andere Leben, das ein Teil von mir war. Ich schloss die Augen, ein Baum duftete draußen, noch nicht herbstlich, nicht nach Blättern und auch nicht nach Blüten, sondern nach frisch geborstenem Holz, süß, ein bisschen nach Honig. Ich hatte mir die Bäume draußen nicht genauer angesehen und konnte den Duft nicht zuordnen, aber es kam mir vor, als hätte sich der Baum durchs Fenster geschoben und mich in die Arme geschlossen. Mulja, du bist hier, bei mir, dachte ich. Am richtigen Ort. Alles ist gut. Und alles, was jetzt geschieht, ist richtig. Wenn du zurückkommst, werde ich dir dies alles erzählen, die wundersame Neuigkeit, sie wird unser Leben verändern.

Das ging ja gut, sagte die Frau, als sie den Finger herauszog, und beim Waschen und Abtrocknen der Hände fügte sie hinzu, es sei ganz offensichtlich etwas da. Es klang, als spräche sie von einer Wucherung, einem Geschwür, einem Krankheitsherd. Was?, fragte ich, als hätte ich selbst vergessen, warum ich gekommen war.

Ein neuer Mensch, erwiderte die Ärztin, korrigierte sich aber gleich. Noch könne man es nicht als Menschen bezeichnen. Allerdings sei es in der Gebärmutter bereits zu deutlichen Veränderungen gekommen, die auf eine Schwangerschaft hindeuteten. Trotzdem müsse man die Untersuchung der Urinprobe abwarten. Die Resultate kämen Ende dieser, spätestens Anfang nächster Woche. So lange dauere es, bis das Hormon im Versuchstier zu sehen sei. Die Frau sprach langsam und deutlich, als könnte ich kein Russisch oder als spräche ich es mit dem falschen Akzent, und in ihren Ohren tat ich das vielleicht auch. Ich versprach, am Freitag anzurufen, denn ich wollte nicht, dass so eine Nachricht in Liljas Haus durch fremde Hände ging.

Ich zog mich an und merkte, dass mich schon das Schließen des Reißverschlusses außer Atem brachte. Darüber vergaß ich, nach dem Versuchstier zu fragen, ob Ratte oder Hase, und was mit ihm geschah. Wurde ihm mein Urin in den Organismus gespritzt, und starb es dann wegen mir?

Am Abend rief Marina an. Der alte Sudak hatte den Hörer des Etagentelefons abgenommen und hörte nun aus wenigen Metern Abstand mit, wobei er so tat, als studiere er das Schwarze Brett im Flur. Mir fiel auf, dass seine Kleider nach ranziger Butter rochen, als ich den schwarz gewordenen Hörer in die Hand nahm.

Ist alles in Ordnung?, fragte ich als Erstes, schnell, denn mir war bereits der Gedanke gekommen, dass meinem Vater etwas zugestoßen sein könnte, dass er doch nicht von den Beratungen, die die ganze Nacht über gedauert hatten, zurückgekehrt war.

Marina machte sich gar nicht erst die Mühe, mir zu antworten, sondern gab nur einen müden sarkastischen Ton von sich. Ich fragte sie dennoch, wie es Serjoscha ging, aber sie kam direkt auf ihr eigenes Anliegen zu sprechen. Es war eine Benachrichtigung wegen ihres Reisegepäcks eingetroffen, man solle es im Viertel des Innenministeriums abholen, in der Lubjanka, aber wie sollte sie vom Jaroslawler Bahnhof dort zu Fuß hinfinden, wo doch alle Straßennamen geändert worden waren.

Und natürlich fragte sie, ob ich morgen etwas vorhätte. Ich sagte, ich müsse arbeiten und gerade derzeit gebe es in der Redaktion schrecklich viel zu tun. So ist das doch immer bei dir, sagte sie vorwurfsvoll, du tust ja nichts anderes als arbeiten. Wie auch immer, ich würde sie nicht in die Lubjanka begleiten. Wir waren zwei Wochen zuvor zusammen dort gewesen, um nach ihren Sachen zu fragen, und hatten bei der Gelegenheit gleich versucht, in der Behörde gegenüber Klarheit über das Verschwinden ihrer Schwester zu erhalten. Man hatte uns von einem Schalter zum nächsten rennen lassen, ohne Papiere konnte man keine Information bekommen, nicht einmal über die eigenen Papiere, ein Paket für Anastasia Zwetajewa war auch nicht angenommen worden, man sagte uns, einen Menschen dieses Namens gebe es nicht, keinerlei Vermerk.

Kann diesmal nicht Mur mit dir hingehen, schlug ich vor. Aber Marina wollte nicht, dass der Junge sah, dass es auf dieser Welt solche Orte überhaupt gab, er sei ja noch ein Kind. Mur war vierzehn.

Geh einfach hin, sagte ich, entschlossen, die Geduld nicht zu verlieren, bei Marina musste man resolut sein, mit der Metro kommst du gut hin, du musst nicht einmal umsteigen, du holst deine Sachen ab und quittierst es. Die werden dir schon sagen, was du tun sollst.

Den ganzen Sommer hatte Marina über die Beschlagnahmung ihrer Reisetruhen lamentiert. Sollte sie sich doch freuen, dass sie gekommen waren, aber nein, sie stimmte das gleiche Klagelied an, das ich seit ihrer Ankunft hörte, wie sie einem Menschen nur alles abnehmen konnten, die Koffer, den Pass, das ganze Eigentum, völlig willkürlich; das Gleiche, als man sie zum Schiff brachte, nicht einmal verabschieden durften sie sich, wie Verbrecher wurden sie in den Schiffsrumpf verfrachtet.

Auch diesmal standen keine Papiere in Aussicht. Was fange ich ohne Pass in so einem Land an, setzte sie ihr Klagelied fort, ein unnützes Wesen mit falschem Namen, ohne die Möglichkeit, auch nur einen freien Schritt zu tun.

Aber du hast doch immerhin eine Reiseerlaubnis bekommen, versuchte ich sie aufzumuntern. Ja, dieses eine Mal. Hin und zurück darf ich fahren, sagte sie widerwillig. Das nächste Mal muss ich einen neuen Antrag stellen.

Ich forderte sie auf, sich gerade deshalb über die jetzige Möglichkeit zu freuen, aber darauf schnaubte sie so wütend, dass es besser war, nicht weiter zu versuchen sie aufzuheitern.

Ist etwas passiert?, fragte sie.

Nein. Wieso?

Du klingst – so anders.

Der alte Sudak hatte angefangen, Zettel vom Schwarzen Brett zu entfernen. Er hielt es für den richtigen Zeitpunkt, um die Informationsvermittlung der Kommunalka in Ordnung zu bringen. Ich lächelte ihm freundlich zu. Er wandte den Blick ab. Manchmal kam es mir so vor, als hätten die Menschen Angst vor meinem Lächeln.

Ich sagte, ich sei müde und im Flur könne man schlecht reden, außerdem fing die Verbindung an zu streiken. Sudak schickte sich an zu gehen.

Wenn Serjoscha mitkommen könnte, fügte Marina scheinbar resigniert hinzu. Es hängt davon ab, ob sie ihn in der Nacht wieder holen.

Lass Serjoscha sich ausruhen, Marina, sagte ich streng.

Das kann er ja auch am besten, gab sie zurück.

Papa ist ein kranker Mann, sagte ich, ohne den Ärger in meiner Stimme zu verbergen.

Serjoscha war in so schlechtem Zustand wie seit Jahren nicht mehr. Sein Herz würde die nächtlichen Versammlungen nicht mehr lange mitmachen. Das verstanden sie nicht, auch Marina nicht. Normalerweise kamen die Männer, ohne sich vorher anzukündigen. Sie nahmen ihn mit und brachten ihn am nächsten Morgen zurück. Solche nächtlichen Einberufungen waren jedoch üblich. Das hatte auch Vera gesagt. Im Apparat war man bis in die Nacht hinein aktiv. Vater Sonne konnte nachts nicht schlafen und hatte darum auch die Uhren aller anderen auf den Kopf gestellt.

Ich versprach, am Wochenende zu Besuch zu kommen, selbstverständlich, Murs Schulbeginn musste gefeiert werden, und ich sollte natürlich alles vorbereiten. Ich sagte auch, dass mich Mulja diesmal vielleicht begleiten würde.

Marina schwieg zunächst, dann sagte sie in ihrem ungeduldigsten Ton: Ich kann nichts Zusätzliches gebrauchen.

Ich fragte sie, was sie damit meine.

Hier rennen ständig Leute rein und raus. Die Klepinins, die Arbeiter, man hat keinen Moment für sich.

Mulja ist nicht irgendwer, sagte ich lauter als beabsichtigt, er ist mein Mann.

Ich traue diesem Menschen nicht, erwiderte Marina.

Ich sagte, ich traue ihm mehr als jedem anderen, und Marina lachte schadenfroh auf.

Ich traue diesem Menschen nicht. Ein Satz genügte, um mich so rasend zu machen, dass ich die Telefonschnur aus der Wand gerissen hätte, wenn Sudak mich nicht weiterhin bespitzelt hätte. Ich wusste, dass Marina niemandem traute. Und ich musste für Muljas Besuch nicht um Erlaubnis bitten, er war mein Mann und die Datscha auch mein Zuhause, so hatte es Serjoscha gesagt, ich war dort sogar noch gemeldet, hatte mein eigenes Zimmer im Haus, meine Sachen, den Plattenspieler und die Schreibmaschine, Kleider und Zeitschriften.

Ich hatte mir eingebildet, Marina würde Mulja mögen. Er war kein Dichter, aber doch ein Mann der Feder, gebildet und sprachkundig und in hoher Position im Pressehaus, er stand täglich mit den großen europäischen Nachrichtenagenturen in Kontakt, die Auslandsberichterstattung von ZhurGas ging durch seine Hände, aber Marina wusste so etwas nicht zu schätzen, sie hatte sich von allem, was die Welt in Bewegung hielt, entfremdet.

Ein kurzer, leiser Brummton verriet, dass sie noch immer in der rauschenden Leitung war, aber weit weg, wie Tausende von Kilometern entfernt. Ich überlegte kurz, ob ich ihr doch sagen sollte, was mir auf dem Herzen lag, aber schließlich fragte ich, ob sie nach dem Abholen der Pakete zur WDNCH kommen wolle.

Sie kannte die Bezeichnung nicht. Ein neues Anagramm für die Tscheka?, fragte sie.

Dabei hatten wir bereits über die Messe gesprochen, die ganze Stadt sprach über die Ausstellung der Volkswirtschaftlichen Errungenschaften. Aber Marina hielt an ihrer Arroganz fest. Alles, was die Leute auch nur ein bisschen interessierte, fand sie billig und vulgär.

Es ist das Großartigste, was es im neuen Moskau gibt. Fast wie Versailles, versuchte ich sie zu locken. Ich war sicher, dass wenigstens das ihre Begeisterung wecken würde, denn Marina liebte die Parkanlagen und Paläste dort. Meine Mutter und ich hatten zusammen lange Wanderungen in die Wälder von Meudon und die Parks von Versailles unternommen, an milden Herbsttagen, geleitet vom gemeinsamen Rhythmus der Schritte und Worte, aber das war lange her, eine solche Zeit würde kaum wiederkehren.

Das neue Moskau, sagte sie. Klingt entsetzlich, aber was soll man von einem Menschen erwarten, der sich als Nachfolger Gottes hinstellt.

Ich erklärte, mein Interview sei spätestens um drei vorbei, danach hätte ich Zeit, mich mit ihr zu treffen. Ja, ja, ich hatte Zeit.

Das Problem war natürlich die Fahrt, mit der Metro kam man von der Lubjanka mit einmal Umsteigen zur Messe, aber Marina war nicht bereit, die Metro zu nehmen, und es wäre schwierig, sie allein durch die Stadt zu lotsen, sie verlief sich ja schon in ihrem eigenen Viertel, besser man vergaß das Ganze.

Ich erwähnte die Eintrittskarten. Die seien teuer, aber sie brauche nichts zu bezahlen. Und dann sagte sie, sie komme. Entscheidend war also, dass sie etwas umsonst bekam. So denken arme Menschen.

Horní Mokropsy, Všenory, Tschechoslowakei August 1923

Die Nacht war warm gewesen, nur zarter Tau im Gras, von der Sonne noch nicht einmal ein blasser Faden auf den Bergschultern, als Marina aus dem Haus trat. Der Mond, bald voll, das wusste man auch ohne hinzusehen, zitterte im Wasser der Bottiche, ein fahles Lächeln, fast spöttisch, als riete er ihr, auf der Hut zu sein.

Von der Wiese stieg stechender Ammoniakgeruch auf. Die Schafe waren die ganze Nacht draußen gewesen. Marina hatte mit Alja gestern Wasser für die Wäsche aus dem Bach geholt, alle Eimer gefüllt, auch das hatten sie geschafft, noch spät am Abend trugen sie Wasser von der Quelle den Hang hinunter, und die Schafe glotzten sie an, als wüssten sie, dass wir bald abreisen, sagte das Mädchen.

Den ganzen gestrigen Tag hatten sie Sachen getragen und Koffer und Truhen gepackt. Man spürte es an diesem Morgen in jedem Muskel. Dennoch hatte sich Marina gleich nach dem Aufstehen frisch und stark gefühlt wie ein Reh oder sonst ein sehniges, wachsames Tier, das die Muskeln auch im Schlaf anspannte für die Flucht.

Von ihrem Traum waren ihr nur noch schwache Streiflichter im Gedächtnis, wie verblasste Fotografien, die ihre Einzelheiten verloren hatten. Dennoch hatte der Traum wieder etwas sonderbar Wahres an sich gehabt, das immer noch auf ihr lastete: als stünde jemand neben ihr, ohne ein Wort zu sagen. Deswegen war sie aufgewacht, wegen der störenden Anwesenheit dieses Wesens, sie hatte nicht atmen können, aber dann geschrien, trotzdem weitergeschlafen, weil sie niemanden im Zimmer gesehen hatte. Boris war es diesmal nicht gewesen, niemand, den sie kannte, war es überhaupt ein Mensch gewesen, und sie wusste auch nicht mehr, was sich im Traum zugetragen hatte. Sie hatte aufgehört, sich an ihre Träume zu erinnern. Und sie schrieb ihre Träume auch nicht mehr auf. Sie hatte nicht darauf geachtet, was als Erstes passiert war.

Die Gier nach einer Zigarette war bereits bis unter die Achseln zu spüren. Marina nahm eine Fertiggedrehte aus der Dose, steckte sie ins Mundstück, zündete sie an. Von den ersten Zügen wurde ihr noch immer schwindlig, es war jedes Mal wie beim ersten Tanz, beim ersten Kuss. Aber dann machte das Rauchen sie entschlossen und unbeugsam wie ein Weidenzweig. Darum erlaubte sie dem aufreibenden Verlangen ihres Körpers jedes Mal, zu reinem Atem zu verbrennen. Die ersten Züge am Morgen ließen alles klar erscheinen, sie zeigten die Dinge in ihrer richtigen Ordnung.

Dieser Tag würde gut werden, sie würde atmen, alles regeln, bevor sie das Mädchen auf die Reise schickte. Und sie würden diesen letzten Tag gemeinsam verbringen. Morgen früh würden sie mit dem Lokalzug nach Prag fahren, und das Mädchen würde vom dortigen Bahnhof aus um elf Uhr mit dem Fernzug ans andere Ende des Landes reisen und den ganzen Herbst fortbleiben. An einer Schule, um von anderen erzogen und unterrichtet zu werden. Es war nicht ihr Wille gewesen, nicht ihre Entscheidung, sondern eine Folge von Serjoschas fixer Idee, das Mädchen müsse mit anderen Kindern die Schule besuchen dürfen und unter normalen Menschen sein. Aber dieses Knäuel würde sie jetzt nicht entwirren. Es war nicht die Zeit dafür.

Sie war wach und sie war hier. Lebte, obwohl sie tot war. Sie müsste gehen und etwas tun, atmen. Und sie rauchte nicht einmal die ganze Zigarette zu Ende, sondern drückte sie an der Hauswand aus und ließ sie halb aufgeraucht auf dem Geländer liegen. Sie musste los, das Wasser erhitzen, schnell, schnell.

Marina trug das Waschwasser in die Küche und holte noch einen Armvoll Holz von draußen, ebenfalls das letzte. Sie machte Feuer im Herd, es kam so träge in Gang wie an einem Regentag, erwachte aber schließlich durch ihr Pusten und verschlang die Blätter, die Splitter, griff auf das trockene Holz über, sodass sie warmes Wasser zum Waschen bekam, zwei ganze Töpfe voll.

Der Morgenkaffee brodelte in der Schnabelkanne, sie hatte hier gelernt, ihn türkisch zu trinken, wie die Tataren von Koktebel.

Serjoscha hatte aus Konstantinopel einen kleinen Kocher aus Kupfer mitgebracht, ohne dabei wohl an sie gedacht zu haben, aber es war die schnellere Art, Kaffee zu kochen, auch wenn der Satz wie Sand zwischen die Zähne geriet. Der Kaffee der Nomaden. Das türkisfarbene Licht des Schwarzen Meeres, die Krim, Koktebel. Und in jenem Licht sie alle, die ganze Schar der Wanderer, Max, Pra, Lilja, Osip, Serjoscha und dazu immer viele andere, die Gäste kamen und gingen.

Dies hier ist nicht das Leben, auf das sie damals zugegangen war, dasjenige, das man ihr versprochen hatte. Wer hatte es ihr versprochen, Max? Hatte sie es Maximilian Woroschin von den mitfühlenden Augen abgelesen? Max hielt sie für seine Entdeckung und hätte ihr das Wohlwollen des ganzen Universums gegönnt, obschon sie ihren Gedichtband ganz allein geschrieben und mit der Entschlossenheit der Sechzehnjährigen auch hatte drucken lassen. Und dieses Mädchen hat sie noch nicht betrogen, und sie würde auch jetzt nicht nachgeben. Sie wusste um ihre Aufgabe. Sie bestand gewiss nicht darin, die Familie zusammenzuhalten und Mutter und Ehefrau zu sein, nicht einmal darin, das eigene Kind zu unterrichten.

Zum Kaffee musste eine zweite Zigarette geraucht werden, ganz gleich, wie eilig man es hatte, sie zündete sich eine an und strich ihr verknittertes Kleid glatt, aus dessen Falten ein muffiger, scharfer Geruch aufwehte. Sie hatte in der Nacht angefangen zu bluten, natürlich, es war wieder Vollmond, einmal im Monat brachte sich der Körper in Erinnerung, das Blut strömte aus ihr heraus, selbst wenn sie sich ein Laken in die Unterhose gestopft hätte, hätte es nicht verhindert, dass sich das Blut zu einem Meer um sie herum ausbreitete. Sie war in ein falsches Leben geraten und auch in einen falschen Körper, der nicht im Gleichschritt mit ihr ging. Wie beneidete sie doch die schmalen Narzisstenkörper der jungen Burschen, so schnell und unberechenbar. Auch wenn sie noch sosehr versuchte mit Hilfe von Kaffee und Zigarette ihr eigenes Fleisch zu schlagen, mit Höhenluft, er war immer langsamer als sie, auch an solchen Morgen wie diesem.

Die Wäsche war wieder einmal bis zum letzten Moment aufgeschoben worden, weshalb sie nun die kostbarsten Stunden des Tages an diese alltägliche Verrichtung vergeuden musste. An solchen Morgen sprangen die Gedanken in ihr umher, sie wollten hinaus aus den engen vier Wänden und wurden trübe und schlaff, bevor sie dazu kam, sie sich zu angeln.

Sie müsste herausfinden, wer Helena ist, ob überhaupt wer, warum sie sich entführen, von Paris verzaubern lässt. Paris ist eine Null, die Bedeutungslosigkeit selbst. Warum sieht Helena das nicht? Will sie nur von Menelaos fort, kann sie nicht mehr leben, atmen?

Aus dieser Falle kam man nur heraus, indem man schrieb, sich selbst einen neuen Körper erschrieb, der nicht alterte. Ihr Widerspruch: Der Leib gab den Rhythmus, der Himmel die Worte, eine Zwangsehe im Missverhältnis. Aber heute würde sie keine Zeit haben, auch nur einen Blick in ihre Hefte zu werfen, auch wenn die Verse und die Heldinnen der Tragödie noch so unter der Haut stachen. Jeder Tag, an dem sie ihr Heft nicht aufschlug, war verdorben. Das Papier war, im Gegensatz zur Wäsche, ein strenger Richter, ein weißer Ankläger.

Die ganze Woche würde zerrissen sein, keine Minute Zeit für die Arbeit, zum Öffnen eines Buches, zum Denken, so viel zu tun, dass man nicht dazu kam, die Seele zu pflegen, weder die Seele noch die Gedichte. Die Tage würden mit Umzugsvorbereitungen vergehen, und heute der Ausflug zur Burg, sie hatte es dem Mädchen versprochen, und morgen musste das Mädchen auch schon auf die Reise begleitet werden, auf die lange Fahrt bis zum Kaiser-Franz-Joseph-Bahnhof, und was dann? Allein zurückkehren ohne das Mädchen, ins leere Haus, um dem hohlen Dasein ins Auge zu schauen, dem Scheitern, und alles zu Ende bringen.

Am Stuhlgriff hing eine blaugraue Schirmmütze. Die musste der Mann aus Minsk zurückgelassen haben. Sonst hatte es keinen Besuch gegeben. Erst gestern war er wieder hier gewesen, Serjoschas Freund, und hatte gefragt, ob sie Hilfe beim Umzug bräuchten. Seit Halbmond war er ständig hier, da hatte man wenigstens Gesellschaft. Sie war schon immer besser mit Männern zurechtgekommen, Frauen hatten Scheu vor ihr, sie war ihnen zu direkt und sonderbar. Nina Nikolajewna und die ganze Gemeinde hatten zumindest etwas zu reden über die Feier am Abend, was für ein schreckhaftes Frauenzimmer, warf ihr vor, sie angegriffen zu haben, es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte die Polizei gerufen, als Marina zum Ausklang des Festes die Lichter im Wohnzimmer löschte und Nina probehalber einen flüchtigen Kuss auf den Mund drückte, ganz spielerisch nur, zu mehr war sie bei der Frau, die sich in ihre Arme gedrängt hatte, auch nicht gekommen. Nina war schön wie das Herz einer Mohnblume, aber in ganz Russland gab es keine zweite Frau von solchem Ernst.

Was der Mann aus Minsk wollte, dessen war sie sich dennoch nicht ganz sicher, er gab keinen Ton von sich, kannte sich mit Pferden aus, stammte aus einer ganz anderen Welt. Aber er hatte seine alte, abgetragene Arbeitermütze liegen gelassen, der weiße Soldat. Nun musste dafür gesorgt werden, dass sie zu ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückfand, als gäbe es nicht schon genug an Gerümpel und Lumpen, um die man sich zu kümmern hatte.

Über den Mann aus Minsk ärgerte sie sich nach wie vor, wie ganz am Anfang schon. Ein lächerlicher Kerl mit lächerlicher Kappe. Er hatte zu viel von allem an sich, war schön wie ein lackierter glänzender Käfer, mit Augen wie schwarze Beeren, er besaß Gesundheit und Ritterlichkeit, jedoch nur verlogene Selbstgewissheit anstelle von Seele und Herz. Sie kannte diesen Typ Mann.

Das letzte Mal hatten sie einen Heidenspaß gehabt. Als sie ihn zum Zug brachte, war es schon dunkel, und plötzlich riss der Wind an ihnen, an Rockschößen und Hosenbeinen, er schob sie vor sich her, die Bäume wüteten wie in den Dramen Shakespeares, an wem wollten sie sich rächen, und der Wind sog das Feuer, das sie für die Zigarette zwischen ihren Händen hütete, geradezu auf, gut, dass kein Waldbrand ausbrach zwischen den dicht an dicht stehenden trockenen Fichten. So freunden sich Kinder an, dachte sie, junge, herzlose Jungen, die das gemeinsame Abenteuer eint.

Und da hatte der Mann seine Kappe vergessen, rascher Aufbruch, der letzte Zug, als hätte er über Nacht bleiben wollen und wäre deshalb so schnell gegangen. Marina kehrte das Futter nach außen, zerfranster Rand, gelb von Schweiß, türkische Buchstaben, Stempel des Gerbers. Hatte Serjoscha den Mann geschickt, um sie im Auge zu behalten, sie beide, Mutter und Tochter? Oder jemand anderer hatte es getan, warum wäre er sonst gekommen, in der Stadt gab es doch Frauen genug, um die er herumscharwenzeln konnte.

Die Wäsche wartete zusammengeknüllt in einem großen Laken. In der geflickten Zinkwanne stand sparsam Wasser, bei mehr wären die Rostaugen geplatzt. Marina gab zuerst die ausgebeulte Unterwäsche und die Blusen des Mädchens in die Wanne und goss heißes Wasser hinzu. Die weißen Fasern ließen los und gingen auf. Wenn die Kleider sich vollgesogen hatten und untergingen, verschwanden die Beulen an Knien und Ellenbogen aus dem Stoff, und die Kleidungsstücke wurden zu namenlosen Textilien ohne Erinnerung an ihre Trägerin. Jeder konnte sie anziehen.

Das war aber noch nicht alles, das eigene Bettzeug müsste auch gewaschen werden, auch wenn sie dann in der Nacht nichts zum Schlafen hätte, aber sie konnte nicht später noch einmal von vorn anfangen, denn sie hatte zwei harte Tage vor sich, die Kräfte kosten würden, sie musste also jetzt ran, und der Morgen war auch schon so weit gediehen, dass es bald Zeit wäre, das Mädchen zu wecken.

Weiß ist eine barmherzige Farbe, dachte sie, als sie hineinging, um einen zweiten Topf Wasser zu holen, und sie ist stark. Sie enthüllt und vergisst, dringt bis auf den Grund vor. Es ist ein Rhythmus darin, eine Bewegung, man muss hinhören.

Die Kunst des Hinhörens hatte sie erst hier gelernt, hier im tschechischen Wald. In Moskau hörte sie zuerst nur sich und dann bloß noch den Lärm der Bolschewiken, in Berlin das Getöse des Geldes. Sie hatte nicht geahnt, dass sie bis hierher kommen musste, in ein fast namenloses Dorf, um die wichtigste Kunst von allen zu lernen. Und das beruhigte sie. Früher oder später würde man es ihren Versen anhören, etwas davon hörte man jetzt schon. Aber es musste noch viel gelernt werden: Wie man zu reinem Rhythmus wird, zum Puls des Lebens, wie man dem Willen des Gedichts folgt anstatt dem eigenen.

Und je genauer sie auf das hörte, was hinter allem steckte, umso schwerfälliger wurde ihr Körper, die Hände arbeiteten allein, und sie kam erst auf der Treppe wieder zu sich, als das kochend heiße Wasser überschwappte und sie etwas davon abbekam. Zuerst fühlte es sich wie ein zartes Stupsen an. Erst als das heiße Wasser in die Kleider eindrang, bis zur Haut an den Unterarmen und Oberschenkeln, spürte sie den Schmerz.

Marina hielt den Atem an. Schrie nicht. Eine kleine Verbrennung, was war schon dabei. Tränen stiegen ihr in die Augen, aber das kam vom Wasserdampf. Sie war stärker als das heiße Wasser, es konnte ihr nichts anhaben. Mond und Wasser vereint gegen sie. Aber der Schmerz ließ nach, weil sie es wollte. Energisch trug sie den Rest des Wassers zum Waschplatz, goss es mit Schwung in die Wanne und ließ Soda auf die Bettwäsche im trüben Wasser rieseln. Sofort wurde das Wasser klar, die gleichgültige Schlacke der Haut löste sich auf. Die Laken waren beim Umrühren schwer wie eine Leiche, miteinander verschlungen wälzten sie sich am Boden der Wanne. Das basische Wasser spritzte ihr auf die Arme, aber der Schmerz konnte nicht weiter zunehmen, denn sie war schon gesättigt davon.

Serjoschas Schuhe lagen auf der Treppe, über Kreuz, einer auf dem anderen. Marina stolperte jedes Mal fast darüber, so auch jetzt, als sie Bettwäsche aus den Schlafzimmern holte, stolperte immer als Erstes am Morgen über die Schuhe, wenn sie hinunterstieg, und abends, wenn sie mit Gaslampe, Wollknäueln, Strickzeug, Büchern und Briefen nach oben ging. Sie hätte Serjoscha sagen sollen, sie nicht auf der Treppe liegen zu lassen. Oft hatte sie das gedacht, aber da lagen sie immer noch. Nicht einmal das hatte sie ihrem Mann sagen können.

Serjoschas Abreise in das mährische Sanatorium lag schon mindestens drei Wochen zurück, so musste es sein, die Tage wechselten so schnell, wie das Gras auf der Wiese hinter dem Haus wuchs, und sie hatte nicht Buch darüber geführt, aber die Schuhe hatten den ganzen Sommer auf der Treppe gelegen, und immer hatte sie ihnen im Vorbeigehen einen Tritt versetzt und gedacht, sie beim nächsten Mal mit hinunter zu nehmen, wenn sie die Hände frei hätte.

Wann hatte ihr Mann sie gekauft? Daran erinnerte sie sich nicht, bislang war ihr der Gedanke nicht einmal gekommen. Jedenfalls nicht in der Zeit, in der sie in diesem Dorf gelebt hatten. Es waren auch keine Armeestiefel, die hatte er angeblich verloren. Wie kann ein Mensch ganze Schuhe verlieren? Dies hier waren die kurzschaftigen, ausgelaugten Treter eines Arbeiters, von atemlosen Schritten abgelaufen. Das Leder war ganz schwarz geworden und knautschte sich in Wellen, wie scheue Tiere, die sich verkriechen, sahen die Schuhe aus, abstoßend wie Bisamratten oder andere Kreaturen, die sich vorm Regen flüchten. Einen der Schuhe hat eine Spinne mit ihrem Netz an die Wand gebunden, wie um ihn im Körper des Hauses zu begraben wie ein Geschwür.

Die Schuhe hat Serjoscha zurückgelassen, alles andere, was sein Eigen war, die Bücher und zwei Garnituren Kleider, die Fotografien, das Tintenfedergestell, hat er in seinem nach toten Früchten riechenden Armeesack mit ins Sanatorium genommen. Einen Koffer Bücher und Fahnen, Material aus der Redaktion, gab er unweit des Wohnheims in Aufbewahrung.

Serjoscha besaß auch bessere Schuhe, mit denen er in die Stadt und zur Universität ging. Sie hatten sie zusammen bei Bat’a gekauft, in dem vornehmen dreistöckigen Geschäft am Wenzelsplatz, es war vielleicht November gewesen, die Dunkelheit brach während ihres Einkaufs herein, und fast hätte Marina mit dem Mädchen anschließend nicht mehr zum Bahnhof gefunden, nachdem Serjoscha zum Wohnheim am Stadtrand zurückgeeilt war, um für seine Prüfung zu lernen. Aber im Geschäft hatte man sie wie Königliche bedient, obwohl man ihnen die Armut ansah, man konnte sie bis zum Fluss und zum Hradschin hinauf riechen, nur an ihrem Schmuck mochte man noch erkennen, was für Leute sie eigentlich waren, Flüchtlinge, die ihren Besitz und ihre Heimat verloren hatten. In der Hauptstadt blickte man auf die Russen jedoch nicht herab wie in den Dörfern, man hielt sie für Waffenbrüder, für weiße Slawen.

Es musste November gewesen sein, denn der Fluss war noch nicht zugefroren gewesen, schwarz und üppig strömte er am behelmten Bruncvík-Denkmal, dem geharnischten Herzen der Stadt vorbei, als sie die Uferstraße entlanggingen und den anlegenden Fischern und den vor Kälte zitternden Vögeln auf dem Damm zusahen, und Alja warf den Vögeln trockenes Brot hin. Aber die glänzenden, an den Rändern genähten Lederschuhe hatten sie für Serjoscha gekauft und von dem ersten Dichterstipendium, das ihr von der Tschechoslowakei zugesprochen worden war, bezahlt. In dem feinen Schuhwerk fuhr Serjoscha auch in die mährische Klinik, fröhlich, dachte Marina zunächst, zufrieden, dass er weit von ihr weg kam, er polierte sie sogar, als ginge er zu einem Fest. Vielleicht bekam er in der Klinik andere Schuhe, Sandalen oder wenigstens weiche Krankenhauspantoffeln, mit denen er über die kalten Gänge gehen konnte, ohne dass die Schwindsucht aufs Herz übergriff, das schüchterne, schwache Herz lag bei den Efrons in der Familie.

Das Spinnennetz ließ los, als sie sich bückte, um die Schuhe aufzuheben, auf der Treppe blieb ein heller Fleck im Staub zurück. Was sollte sie mit den Schuhen machen? Hatte Serjoscha gemeint, sie dürfe sie wegwerfen? Wenn alles knapp war, fiel es einem schwer, etwas wegzuwerfen, es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätte auch die verbogenen Eichhörnchenkäfige und das pedallose Harmonium aus Moskau hierhergeschleppt. Alja war die Stimme der Vernunft gewesen: Marina, wir haben einander. Wir brauchen diese ganzen Sachen nicht. Seelen benötigen keine Gegenstände. Und das stimmte. Dennoch hatte sie gestern beide abgelaufenen Paar Schuhe eingepackt, die von Alja und ihre eigenen, die Filzstiefel, die Wanderschuhe, die Gummistiefel, auch die mussten wohl mit, da sie es sich lange nicht würden leisten können, neue zu kaufen, und da hatte man immerhin etwas, mit dem man gehen konnte.

Sie ließ die Schuhe vorläufig an ihrem Platz. Zuerst musste die Wäsche gemacht werden, und die Treppe musste gefegt werden, bevor die Vermieterin kam, jetzt, in den ersten Lichtkegeln des Morgens, sah man jeden Schmutz, der in den Ecken liegen geblieben war, obwohl sie mit Alja und Olga Maximowa tagelang geputzt und gewienert hatte, damit ihnen Frau Sasková nichts vorwerfen konnte, so wie die vorige Vermieterin, die sie am liebsten ihren Hunden und Schweinen zum Fraß vorgeworfen hätte, weil sie angeblich ihr Haus verdorben hatte. Dabei war es ein Schweinestall gewesen, als sie einzogen, mit bloßem Erdboden, bröckelndem, feuchtem Putz an den Wänden, Kalk und Stroh, hier benutzte man Heu und Stroh für alles, man konnte von Glück sagen, wenn nicht fürs Brot.

Oben war es gerade erst so hell, dass man allmählich das Olivgrün der Fensterrahmen erkennen konnte. Alja hätte sie gern gestrichen, himmlisch blau, hatte sie gesagt, aber Marina mochte sie grün, so wie sie waren, ließen sie die Bäume herein, und was hatten sie denn sonst außer den Bäumen, deren Arme schützten sie, verlässlicher als Menschenhände.

Marina zog vorsichtig das Laken unter Alja heraus, das Mädchen schlief fest wie ein Stein, obwohl es sonst von ihren Geräuschen auffuhr, weshalb sie sich angewöhnt hatte, sich so lautlos zu bewegen wie ein Gespenst. Das Kind roch nach frischem Brot und etwas Frühlingshaftem, nach Birkenknospen, nach Rinde. Es sollte noch schlafen dürfen, entschied sie. Sie bewegte es leicht, psst, schlaf, mein Mädchen, schlaf, und das Mädchen seufzte tief, rollte auf die Seite, trat die Bettdecke ans Fußende und warf sich, die ausgebreiteten Arme rechts und links des Kopfes, wieder auf den Rücken, lächelte, wen lächelte es wohl an im Traum, glänzt ein Mond in ihrem Haar, auf der Stirn ein Sternklein klar.

Sie hatte noch zu tun, bis das Kind aufstand. Die Wäsche und ein Brief, der Brief an Jüngling musste heute weggehen, der einen Monat umfassende Brief, sämtliche Seiten, die ganze Krankengeschichte. Bis sie ihn fertig hatte, würde sie das Mädchen schlafen lassen, wie es jetzt schlief, mit diesem lachenden Atmen, das sich beschleunigte, so leicht, aber auch so tief, eine Fußsohle am Bein, die Arme im Ring um den Kopf, in der Haltung einer Balletttänzerin, aber vollkommen kraftlos, ohne Bewusstsein und doch bereit zum schnellen, leichten Sprung, zum Überwinden der Schnur.

Ihre gemeinsame Arbeit durfte nicht unterbrochen werden, auch wenn das Mädchen nun den ganzen Herbst in der Schule der Bogengardts verbringen würde. Sie würden das Moskau-Buch fertigschreiben. Es würde ihr gemeinsames Werk werden. Auf der ganzen Welt hat es so ein Buch noch nicht gegeben, von Mutter und Tochter gemeinsam verfasst. Dieses Manuskript würde nicht unvollendet bleiben, auch wenn der Verlag Helikon es schon einmal abgelehnt hatte. Die Arbeit musste zu Ende geführt werden.

Während ihrer gesamten Reise und in dem ganzen Jahr, das sie hier in diesem Dorf, das schöner war als sein Name, verbracht hatten, hatte Alja mit ihr an dem Manuskript geschrieben. Die Omen des Alltags oder Die täglichen Zeichen – sie war sich des Titels noch immer nicht sicher. Aber es würde ihr gemeinsames Werk werden. Ihre beiden Stimmen miteinander verflochten, ein Atem, eine Seele. Ihrer beider Moskau übereinandergeschoben wie die Flächen auf dem Zierband am Weihnachtsbaum. Ihre Flucht, ihre Liebe, ihre Sprache.

In einem einzigen Buch das ganze Leben, der ganze Sowjetalltag, die ganze materielle tägliche Welt, die nie in Ordnung kam und versuchte, sie zu brechen, sie beide. Und Alja, ihr Gewissen, hatte für Maß und Menge gesorgt, als alles aus den Fugen geraten war, absolut alles. Das ganze Leben durch die Seele eines Kindes betrachtet, und durch was für eine Seele! All das, woran sie sich hier noch gemeinsam erinnern konnten, aus einem Jahr Abstand, Straßen, Plätze, Kindermädchen, alles musste zusammenkommen.

An solchen Morgen, wenn die Verse Atempausen brauchten, schrieb sie Aljas Aufzeichnungen ins Reine, bevor das Mädchen aufwachte, und während sie die Mahlzeit bereitete, schrieb das Kind an seinem Teil weiter.

Das Buch würde auch ihrer beider Tagebücher enthalten, ihre Briefe, Aljas Gedichte, auch sie von Marina ins Reine geschrieben. Schon die Aufzeichnungen des siebenjährigen Mädchens hätte man fast so, wie sie waren, veröffentlichen können.

Meistens waren sie zu zweit im Haus gewesen, weil Serjoscha die Woche über in Prag studierte und im Wohnheim der russischen Soldaten wohnte. Tagsüber hatte er Vorlesungen und Prüfungen im Rudolfinum, Sprachwissenschaft und Byzantinische Kunstgeschichte, abends fanden die Studienkreise des Ikonologieprofessors Kondakow und Redaktionssitzungen und Gilden statt – und vor allem der Frühling an den Hängen des Petřín. In der Stadt blühten die Kirsch- und Birnbäume im königlichen Garten, die Mädchen lachten, Bier bekam man bis in die frühen Morgenstunden. Das hielt Serjoscha am Leben, und Marina akzeptierte es, sie hatten ihre eigenen Welten. Marina hatte das Mädchen als Gesellschaft und das gemeinsame Vorhaben, dazu die eigenen Manuskripte, die Theseus-Trilogie und die Hefte. Jetzt, da die Verse endlich zu ihr zurückgekehrt waren, kannte ihre Welt keine Grenzen. Und mit welcher Kraft sie kamen, als wollte das Leben aus allen Adern hervorströmen! Bevor der Winter käme, mussten ihre Manuskripte fertig werden.

Im Frühling hatte das Mädchen angefangen, sich zu sträuben, mit Mühe gelang es ihr, das Kind dazu zu bewegen, das Heft aufzuschlagen. Nicht heute, maman, ich will einen freien Tag haben, eine Dichterin hat keine freien Tage, dann am Abend, am Abend hast du keine Lust mehr, aber maman, ich habe kein einziges Wort, keinen Satz, den ich schreiben möchte. Ich will nicht.

Auch in Berlin geriet das ganze Buchvorhaben beim Verlag in eine Sackgasse: Kannst du die Politik weglassen, kannst du dein Herz weglassen, das Leben. Was für Feiglinge. Sie würde trotzdem nicht aufgeben, und das Mädchen durfte auch nicht nachlassen.

Sie musste Alja das Versprechen abringen, die Arbeit fortzusetzen, jetzt, da das Kind noch dieselbe Luft atmete wie sie, im gleichen Rhythmus, die gleichen Träume hatte wie sie. Morgen Abend würde es bei fremden Leuten sein, fünfzig Kinder, fünfzig Ratten, ganz Hameln zwischen ihnen, und sie hätte nur noch das leere Haus, eine Flöte, die sie ohne das Mädchen nicht spielen konnte.

A wie Apfelblüte

und Unglück

in jedem Laut die Möglichkeit

die Möglichkeit von Glück und Unglück und

alles dazwischen

ha, meine Aljoscha,

sag ha, wie hold

und Hölle

und dazwischen die Liebe, das holde

Mädchen der Hölle

sag es

nun komm schon, Aljoscha

sag ha

sag ha zu deiner Musja,

ich will hören, wie du es sagst

schau

so haucht man

und so

so spannen sich

die Lippen

man muss stärker hauchen

pusten,

pusten, als würdest du

eine Flamme ausblasen

denke

an eine riesige flatternde Flamme

die uns alle verschlingt

rette uns, meine Aljoscha

puste

hhhaaa wie Hhhölle

und Hhhalbdunkel und Hhhauch

und Hhhlysten und Hhharsch

und Hhhärchen und Hhhülle und Hhhöhenflug

weißt du

was ein Höhenflug ist

ein Zustand, in dem du verschwindest und ich verschwinde

und alles ist ein und derselbe Atem

eins mit der Welt

weißt du mein Bündelchen, Sternenstirn, haa ist

der Laut der Seele

du kannst ihn sagen, hhaa

ich weiß, dass du begabt bist, hhhaaa

aus deiner Seele in meine

Moskau August 1939

Ein neuer Mensch. Ich trug ein Wesen in mir, von dem man noch nichts wissen konnte. Es war erstaunlich, so erstaunlich wie nichts zuvor. Ein neuer Mensch, durch mich und Mulja entstanden. Ob ich es spüren würde, wenn sein Herz anfing zu schlagen?