Mythos Kaschmir - Vom Paradies der Mogulen zum Konfliktherd Südasiens

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ISBN: 978-3-7375-1000-4

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Vorwort

Als wir im Jahr 1995 zum ersten Mal gemeinsam nach Kaschmir reisten, waren wir noch Studenten der Ethnologie und befanden uns in der Vorbereitung zu unseren Magister-Arbeiten. Unvorhergesehene Umstände führten uns nach Srinagar, der Hauptstadt des Kaschmir-Tals, wo wir von der Zwiespältigkeit unserer Wahrnehmungen frappiert waren. Wie war es möglich, dass in solch einer lieblichen Umgebung derart unerfreuliche Lebensumstände herrschten? Allenthalben waren Bombenexplosionen oder das Knattern von Gewehrsalven zu vernehmen. Der Blick vom Hausboot verhieß Ruhe und Frieden; ein Besuch in der Altstadt offenbarte Hass und Gewalt - inmitten einer jahrhundertealten Kulisse, die jedem Touristen das Herz höher schlagen lässt. Was ging hier vor sich? Hatten die Menschen in Kaschmir nicht allen Grund, zufrieden und glücklich ihren Geschäften nachzugehen? Immer noch kamen zu jener Zeit westliche Touristen nach Kaschmir; die fünf Europäer, die wenig später ermordet werden sollten, darunter auch ein Deutscher, waren zu diesem Zeitpunkt noch frei und genossen das vermeintliche „Paradies Kaschmir“.

Unsere Erlebnisse warfen mehr Fragen auf, als wir in kurzer Zeit beantworten konnten. Wir suchten Abhilfe in diversen Buchhandlungen Srinagars und daheim, in der Fachbibliothek des Südasien-Instituts der Universität Heidelberg. Schnell wurde klar, dass das Informationsangebot zum Thema „Kaschmir“ recht eingeschränkt war. Wissenschaftliche Werke befassten sich mehrheitlich mit historischen Perspektiven des Konflikts und traditionellen Lebensformen der Kaschmiris. Erst allmählich hielt der aktuelle - gewaltsam ausgetragene - „Kaschmir-Konflikt“ Einzug in die wissenschaftliche Literatur. Ein Anfang; visuelle Eindrücke waren jedoch von diesen Publikationen nicht zu erwarten. Die Informationen blieben größtenteils akademisch abstrakt. Auf der anderen Seite beließen es die wenigen „populären“ Buchveröffentlichungen über Kaschmir meist bei mehr oder weniger „paradiesischen“ Fotos, oder aber sie kamen in Form individueller Reiseberichte daher. Letztere häufig mit kulturellen Vorurteilen und Halbwissen gespickt. Zwei Ausnahmen, die auch Einfluss auf die Idee zu diesem Buch haben, sind der hervorragende Fotoband „Kashmir“ von Raghubir Singh sowie die bereits im 19. Jahrhundert verlegte Monografie „The Valley of Kashmir“ des britischen Kolonialbeamten Walter Lawrence. Wenn es gelänge, ein Buch über das Kaschmir-Tal zu schreiben, welches die Vorzüge dieser beiden Publikationen in sich vereint, so unsere Überlegungen in der Folge, hätte der Leser eine Informationsquelle, die unterschiedliche Ebenen dieser Kultur und ihre publizistische Darstellung miteinander verknüpft. Visuelle Eindrücke, Fotografien in Verbindung mit Geschichten, Beobachtungen und Fakten. Informationen, welche die Leser zunächst über das Auge erreichen, um das optisch Wahrgenommene in Verbindung mit korrespondierenden Artikeln in einen tieferen, kulturrelevanten Zusammenhang zu stellen. Die Idee zu diesem Band war geboren. Für die Umsetzung dieses Projektes wurden jedoch zunächst wissenschaftliche Forschung und zahlreiche Reisen nach Kaschmir notwendig.

Erst die langjährige Interaktion mit Kaschmiris, Indern und Deutschen, Wissenschaftlern und Privatpersonen sowohl in Kaschmir als auch in Indien und Deutschland machte dieses Buch überhaupt erst möglich. Der vorliegende Band ist keine ethnologisch-wissenschaftliche Monografie, aber ein Buch, dessen Schlussfolgerungen auf ethnologischen Erkenntnissen und deren Interpretationen beruhen. Es ist kein Buch, das den Anspruch hat, alle relevanten Fragen der Geschichte, der Kultur und des Konflikts im Kaschmir-Tal erschöpfend zu behandeln. Vielmehr ist es unser Bestreben, in exemplarischer Form gewisse Bereiche der Geschichte, des Lebens und des Leidens zu beleuchten, die nach unserer Auffassung zum gesellschaftlichen Selbstverständnis vieler Menschen in Kaschmir beitragen. Daher haben wir uns bemüht, wo möglich, die Sichtweisen der Bewohner Kaschmirs einzunehmen, die auch deren Widersprüche, Vorurteile und gesellschaftliche Polyphonie beinhalten. Wichtig war uns hierbei weniger stringente Wissenschaftlichkeit als vielmehr die Verständlichkeit der entsprechenden Fakten, Meinungen und Handlungen in und über diese Region. Ist im Verlauf dieses Bandes von „Kaschmir“ die Rede, so beziehen wir uns dabei ausschließlich auf das indisch verwaltete „Kaschmir-Tal“, denn es ist diese Region, welche in der Regel sowohl mit dem Paradies per se als auch mit dem Konflikt zwischen Indien und Pakistan assoziiert wird. Dieses Buch soll den Leser ermutigen, sich auf eine spannende Kulturreise zu begeben. Eine Begegnung, die ihn mit eigenen touristischen Träumen, aber auch mit kulturellen Vorbehalten konfrontiert. Eine Konfrontation, die letztlich den Schlüssel bietet für verantwortliches und erlebnisintensives Reisen, differenzierte Wahrnehmung des „Fremden“ und kritisches Hinterfragen des eigenen Handelns. Wir hoffen, dem Leser einen Ansatzpunkt zu bieten, von dem ausgehend er eigene Nachforschungen und Überlegungen zur Gesellschaft und dem Konflikt anstellen kann. Dies scheint uns wichtig, da der vorliegende Band unserem kulturellen Verständnis als Europäer, Wissenschaftler und Reisende entspringt.

Obwohl wir versucht haben, unsere persönlichen Eindrücke in ausgewogener Form wiederzugeben, ist uns durchaus bewusst, dass es keine absolute Objektivität geben kann. Zu vielfältig und vielschichtig sind die Meinungen, Überzeugungen und „Wahrheiten“, die das Leben und den Konflikt dieser Region reflektieren. „Wahrheit“, davon sind wir überzeugt, spiegelt immer die Lebenswirklichkeit desjenigen wider, der sie ausspricht. Wir glauben, dass es mitunter wichtig ist, auch unbequeme „Wahrheiten“ offen auszusprechen, und sei es um den Preis der politischen Incorrectness. Dass es für unsere Ausführungen und Interpretationen nicht nur Zustimmung geben wird, ist uns durchaus bewusst. Das gilt insbesondere für den Bereich dieses Buches, der sich mit dem gewaltsam ausgetragenen „Kaschmir-Konflikt“ befasst. Wir legen jedoch Wert auf die Feststellung, dass es nicht in unserer Absicht liegt, eine der an diesem Konflikt beteiligten Parteien persönlich anzugreifen, wenngleich einige ihrer Verhaltens- und Verfahrensweisen kritisch kommentiert werden müssen. Vielmehr betrachten wir auch die publizistische Form des Diskurses als konstruktiven Ansatz zur Lösung eines spezifischen Problems – nicht nur in Kaschmir. Es ist daher nicht unser Anspruch, die eine, unumstößliche „Wahrheit“ zu präsentieren. Vielmehr möchten wir gerne dem Leser den Teil davon zeigen, welchen wir während unserer Aufenthalte in Kaschmir wahrgenommen, erlebt und mit Einheimischen erörtert haben. Wir möchten Denkanstöße geben. Denn am Ende ist eines sicher: Die „Wahrheit“ hat viele Gesichter. Heidelberg, im März 2014

Einleitung

„Wenn es ein Paradies gibt, dann ist es hier“, soll der Mogulherrscher Jehangir (1509 - 1627) beim ersten Anblick des Kaschmir-Tals verzückt ausgerufen haben. Im 19. Jahrhundert etablierte sich der Begriff des „Happy Valley“, basierend auf den Erfahrungen von zur Zwangsarbeit in Baltistan (heutiges Pakistan) rekrutierter Kaschmiris, die sich in der Regel tatsächlich glücklich schätzen konnten, wenn sie „ihr Tal“ lebend wieder sahen. Auch die kolonialen Herrscher aus England hatten Grund zur Freude, wenn sie an Kaschmir dachten. Das kleine Königtum im westlichen Himalaja bot ihnen eine Gelegenheit, der flirrenden Sommerhitze des indischen Subkontinents zu entgehen und stattdessen ihre Zeit mit jagen, fischen und süßem Nichtstun zu verbringen. So etablierte sich über die Jahrhunderte ein Mythos um das kleine Kaschmir-Tal, der dieses Fleckchen Erde mit dem Garten Eden gleichsetzt. Ein fast verborgenes Paradies voll Mystizismus und Exotik, das Abenteurer, Missionare und machthungrige Herrscher gleichermaßen anzog. An einem Knotenpunkt des historischen Handelsnetzes „Seidenstraße“ gelegen, trafen hier zentralasiatische, südasiatische und persische Kulturen aufeinander und formten eine Gesellschaft, auf die sich die jeweils eigenen Vorstellungen der Besucher vom Paradies scheint’s trefflich übertragen ließen. Sowohl frühen westlichen Reisenden als auch den späteren Kolonialherren aus Großbritannien erschienen die Bewohner dieses „Paradieses“ verweichlicht, naiv und verschlagen (Rau, 1996). Meist traten die Bewohner des Kaschmir-Tals in entsprechenden Beschreibungen jedoch höchstens als schmückendes Beiwerk auf, das bestenfalls den Eindruck des Exotischen und Geheimnisvollen vervollständigte. Ihre Lebensweisen, Nöte und Vorstellungen waren den meisten Besuchern fremd und wohl auch gleichgültig. In ihnen manifestierten sich damit westliche Vorstellungen einer paradiesischen Region, die voller Verheißung, aber auch voller Geheimnisse und Gefahren steckt. Heutzutage werden unsere Einschätzungen in Bezug auf Kaschmir von gegensätzlichen Wahrnehmungen getragen. Die viel beschworene Multireligiosität und Toleranz der kaschmiri Gesellschaft scheint unwiederbringlich verloren zu sein. Das so genannte Naturparadies eignet sich bestenfalls noch als Kontrapunkt zu den momentanen Geschehnissen im Kaschmir-Tal, die nicht von Brüderlichkeit, sondern vielmehr von Hass und Gewalt getragen sind. Nachdem im Jahr 1995 mehrere Ausländer verschleppt und getötet wurden, verkam das ehemalige Touristenparadies mit seinen pittoresken Hausbooten und spektakulären Trekking-Routen für europäische Besucher zu einer Art „No-Go-Area“. Mehrere Reiseführer warnen auch heute noch explizit vor einem Besuch. Seit dem zweiten Drittel der 1990er Jahre gibt es verstärkt Hinweise auf dieAnwesenheit afghanischer Kämpfer in Kaschmir, die den seit 1989 gewaltsam ausgetragenen Widerstand gegen indische Soldaten um eine importierte kulturelle Variante bereicherten - Selbstmordattentate, die zwischenzeitlich verstärkt auch von einheimischen Jugendlichen durchgeführt wurden. Ebenso legen die Aktivitäten islamistischer Gruppen aus Pakistan und arabischen Ländern, die sich seit Jahren in der Region tummeln, eine Verbindung zum „virtuellen“ Netzwerk Al-Qaida nahe. Dessen ungeachtet gelingt es der indischen und pakistanischen Regierung weiterhin nicht, den nun schon 60 Jahre andauernden Konflikt um die politische Zugehörigkeit Kaschmirs im Einvernehmen aller drei beteiligten Parteien (Indien, Pakistan und Kaschmir) beizulegen. Mit Hilfe des Militärs versuchen die beiden südasiatischen Atommächte, ihren Einfluss auf die geteilte Region aufrecht zu erhalten, während im Kaschmir-Tal selbst die Menschen auf eine direkte Beteiligung an der Suche nach einer friedlichen Lösung des Konflikts warten - und auf Gerechtigkeit für die vielen Toten.

Viele Chancen wurden auf indischer Seite vertan, um die Herzen der Menschen zu gewinnen. So bleiben auch bis ins aktuelle Jahr 2013 die meisten der mutmaßlich von Armee, Sondereinheiten oder Polizei verübten Menschenrechtsverletzungen weiterhin ungesühnt. Auch wurde es versäumt, den Vertrauensvorschuss, den die kriegsmüden Kaschmiris ihren Politikern in Form von Wahlteilnahmen, im Jahre 2008, gewährten, in politische Handlung zu transformieren. Ein runder Tisch, der staatliche Vertreter – auch der Sicherheitskräfte, die unbestreitbar für viele Tote verantwortlich zeichnen - Gewaltopfer, Widerstandsgruppen und Moderatoren ins Gespräch bringt, existiert bis heute nicht einmal ansatzweise. Die Aufarbeitung des Geschehenen wird von staatlicher Seite versucht auszusitzen. Stattdessen baut man auf touristische Infrastrukturen, welche als schöne Kulisse vor den hässlichen Hintergrund von Gewalt und Ungerechtigkeitserfahrungen geschoben werden. So stellt sich das Kaschmir-Tal als eine Region dar, deren Natur und Kultur voll paradiesischer Potentiale steckt, die jedoch unglücklicherweise gegen abgründiges Handeln eingetauscht wurden. Akte von Gewalt, Rache und Verzweiflung, die bereits zehntausende von Menschenleben gekostet haben und bei denen noch kein Ende abzusehen ist, prägen den Alltag - allen Regierungsverlautbarungen von Frieden und Wohlstand in Kaschmir zum Trotz. Am Beispiel dieses Konfliktes lässt sich in exemplarischer Form die Vielschichtigkeit, Langlebigkeit und Wandlungsfähigkeit bürgerkriegsartiger, innerstaatlicher Konflikte studieren. Die Lehren daraus ist man freilich nicht bereit zu ziehen. Die Bezeichnung „Kaschmir“ ist ein wenig verwirrend. Da ist zunächst das historische Königtum Kaschmir, dessen politische Grenzen sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder veränderten. Wir beziehen uns hier auf die Gebiete, die im Vertrag von Amritsar (1846) als zum Königtum gehörend benannt wurden. Dieser Vertrag hatte bis zur Teilung Indiens (1947) Gültigkeit. Das damalige Königreich grenzte im Nordwesten an Afghanistan, im Norden an China und im Osten an Tibet. Pakistan existierte zu jener Zeit noch nicht, und so lag im Westen und Süden des Landes Britisch-Indien. Natürliche Grenzen bildeten das Karakorum-Gebirge im Norden, der Hindukusch im Nordwesten, das Pir Panjal-Gebirge und das Siwalik-Gebirge im Süden bzw. Südwesten sowie das Himalaja-Gebirge im Südosten und die Ost-Ladakh-Gebirgskette im Osten. Das Territorium des Maharajas umfasste die Regionen Gilgit, Baltistan, Aksai Chin, Ladakh, Zanskar, Jammu, das Kaschmir-Tal sowie einen schmalen Streifen westlich des Kaschmir-Tals, der heute unter dem Namen Azad Kaschmir bekannt ist.

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Grafik: Der Bundesstaat Jammu, Kaschmir und Ladakh, im geografischen Kontext Indiens

Der heutige indische Bundesstaat „Jammu, Kaschmir und Ladakh“ (J&K) ist nach der Teilung Indiens und dem daraus folgenden Zerfall des Königreichs Kaschmir aus dem Territorium des einstigen Herrschergebiets hervorgegangen. Während die Gebiete Gilgit, Baltistan und Azad Kaschmir heute zu Pakistan gehören (wobei sich Indien und Pakistan um Azad Kaschmir und Baltistan streiten), und China im Jahr 1961 die Region Aksai Chin besetzte, wurden die verbleibenden Regionen zu dem neuen Bundesstaat zusammengefasst. Kulturell und religiös lässt sich dieser in drei unterschiedliche Regionen einteilen: Das ist erstens die Region Jammu mit der Winterhauptstadt des Staates in der Stadt Jammu. Dort liegt die Heimat der Dogras, des hinduistischen Herrschergeschlechts Kaschmirs im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Dieses Gebiet wird hauptsächlich von Hindus bewohnt. Die zweite Region ist Ladakh, zu der auch das Zanskar-Tal zu rechnen ist. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Buddhisten, wobei aber auch Muslime in Ladakh leben. Schließlich umfasst die dritte Region das kleine Kaschmir-Tal. Dort befindet sich die Sommerhauptstadt des Staates: Srinagar. Die überwiegende Anzahl der Bewohner ist muslimisch (über 90 Prozent). Dieses Gebiet wird traditionell aber auch von kaschmiri Hindus bewohnt. Das hat im Laufe der letzten 80 Jahre zu einem Streit zwischen Hindus und Muslimen über die kulturelle Identität der Bewohner des Kaschmir-Tals geführt. Dieser Streit findet seine politische Fortsetzung im so genannten Kaschmir-Konflikt. Ein verbindendes Element existiert freilich zwischen den unterschiedlichen Religionsgruppen im Kaschmir-Tal. Es handelt sich dabei um die Regionalsprache Kaschmiri, die nur hier gesprochen wird, während die übrigen Regionen des Bundesstaates ihre eigenen Sprachen und Dialekte besitzen.

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Karte: “Jammu, Kaschmir und Ladakh”

Ist in Indien von „Kaschmir“ die Rede, so bezieht man sich dabei allgemein auf das Kaschmir-Tal. Die anderen - kulturell eigenständigen - Regionen des Bundesstaates werden mit ihren eigenen Namen (Jammu, Ladakh etc.) benannt. Spricht man vom politischen Staat „Jammu, Kaschmir und Ladakh“, bezeichnet man diesen kurz und knapp als J.K. (engl. Jay Kay). Sofern nichts anderes ausdrücklich benannt wird, handelt dieses Buch ausschließlich vom indisch verwalteten Kaschmir-Tal, wobei wir uns den Begriff „Kaschmir“ in gleichbedeutender Weise zu eigen gemacht haben.

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Karte: Das Umland der Stadt Srinagar

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Foto: Die Altstadt von Srinagar

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Foto: Einfache Transportboote, wie sie auch heute noch in Gebrauch sind.

1.1. Wie Brahma den Wasserdämon Jalobhava tötete

Mythos und Fakten über die Entstehung des Kaschmir-Tals

Der Mythos

Am Anfang war in Kaschmir das Wasser, und in ihm lebten eine Vielzahl von Dämonen und übel wollenden Geistern, die Göttern, heiligen Männern und Menschen gleichermaßen das Leben schwer machten. Einer der Mythen über Die Entstehung des Kaschmir-Tals bezeichnet den einstigen Riesensee, der das Tal| ausfüllte, als Satisaras (Puri 1997, S. 3). An dieser Stelle nahm Shakti die Form eines Sees an. Shakti, manchmal auch Sati genannt, ist eine hinduistische Muttergottheit, der unterschiedliche Aspekte wie göttliche Kraft, weibliche Hingabe, Reproduktionsfähigkeit, Kreativität und Zerstörung zugeschrieben werden. Kashyapa, ein Enkel Brahmas, Seher und Vater der Nagas (Nagas sind mythische Schlangenwesen aus der buddhistischen und hinduistischen Frühgeschichte des Kaschmir-Tals, die auch heute noch von Hindus in der Region verehrt werden. Nagas/Nags werden häufig mit Wasser assoziiert. Daher sind sie in der Überzeugung der Gläubigen insbesondere an Quellen, Grotten und unterirdischen Daseinswelten präsent. Zahlreiche Ortsnamen, wie z.B. Sheshnag, Verinag, Kokernag, verweisen auf den Bezug zu ihnen. Daneben erscheinen diese Wesen freilich auch als Stammesgesellschaft aus der Frühzeit der Besiedelung im Kaschmir-Tal. Auch in anderen Regionen des indischen Subkontinents existieren noch „Naga“-Gesellschaften, wie beispielsweise in Nagaland.), erfuhr auf einer Pilgerreise, dass „das Land im Nordwesten“ (Kaschmir) von einem mächtigen Raksha (ein Dämon) und seinen Gesellen heimgesucht wurde. Der Name des Dämons war Jalobhava, der Wassergeborene. Er und die anderen Dämonen lebten im See Satisaras und machten eine Besiedelung des Kaschmir-Tals unmöglich.

wasserFoto: Wasser, nichts als Wasser.

Um Jalobhava und seine Helfer unschädlich zu machen, unterzog sich der Seher einer starken Askese, aufgrund derer ihm die Gottheiten Brahma, Vishnu und Shiva zu Hilfe eilten. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass dies nicht so einfach war wie gedacht. Auch der Donnergott Indra hatte bereits vergeblich versucht, des Wasserdämons Herr zu werden, war jedoch gescheitert. Vishnu nahm die Gestalt eines Bären (Vahara) an und zerstörte die das Kaschmir-Tal umgebenden Berge bei der Stadt Vaharamula, die an der Stelle des heutigen Baramulla lag (Puri 1997, S. 3). Das Resultat dieser Zerstörung war so nachhaltig wie unerfreulich für den Dämon Jalobhava und seine Helfer. Das Wasser des Satisaras lief nämlich ab, und das Kaschmir-Tal kam nach und nach zum Vorschein. Noch gab sich der Dämon aber nicht geschlagen. An der Stelle des heutigen Srinagar, der Hauptstadt des Kaschmir-Tals, versteckte sich der Wasserdämon im Schlamm des niedrigen Überbleibsels des Sees und hielt seine Verfolger zum Narren. Andere Autoren, wie zum Beispiel Morris, verorten diesen Platz im heutigen Wular-See, der im Norden des Kaschmir-Tals liegt. Am Ende jedoch wurde der Dämon ausfindig gemacht und getötet. Nach dem Tod ihres Meisters verloren die übrigen Dämonen den Mut, und die Belästigungen gegenüber Göttern und Menschen hörten größtenteils auf. Nach und nach konnte das Kaschmir-Tal während der Sommermonate besiedelt werden. Die Winter jedoch gehörten immer noch den Dämonen, da die frühen Siedler während dieser Periode in wärmere Gegenden abwanderten. Das ging so lange, bis eines Winters ein alter Brahmane im Tal blieb. Er wurde von den übriggebliebenen Dämonen gepackt, in den kleinen Rest-See geworfen und schließlich vor den König der Schlangen (Nila Naga), der der Sohn des Sehers Kashyap war, gebracht. Dort beschwerte sich der Brahmane über die ungebührliche Behandlung. Als er dies hörte, gab ihm der König das Buch Nilamata Purana und machte ihn mit dessen Geheimnissen vertraut. Wenn er dessen Anweisungen befolge, so der König, würden die Dämonen aufhören, ihn zu belästigen. Im darauf folgenden Frühling wurde er wieder an Land gesetzt, wo er die Anweisungen des Nilamata Purana an die anderen Siedler weitergab. Von diesem Zeitpunkt an war es möglich, das Kaschmir-Tal permanent zu bewohnen (Puri 1997, S. 3).

Geologische Anhaltspunkte

Der Mythos von der Entstehung und Besiedelung des Kaschmir-Tals korrespondiert in gewisser Weise mit wissenschaftlichen Erkenntnissen, wobei diese jedoch dürftig sind. Demnach muss in prähistorischer Zeit tatsächlich ein riesiger See an der Stelle des heutigen Kaschmir-Tals gelegen haben. Irgendwann wurde durch ein Erdbeben nahe der heutigen Stadt Baramulla ein natürlicher Abfluss für den See geschaffen, durch den im Lauf von Jahrhunderten das Wasser abfließen konnte. Nach und nach wurde der See Satisaras zum Kaschmir-Tal. Noch heute sind an verschiedenen Stellen des Kaschmir-Tals die Sedimentschichten des ehemaligen Sees sichtbar, und auch zahlreiche Funde von Muscheln und Wasserschnecken untermauern diese These.

Historische Anhaltspunkte und Interpretationen

Zur Zeit der Besiedelung könnten die Winter in der Region sehr kalt gewesen sein, was die ersten Bewohner des Tals bewegt haben könnte, während dieser Jahreszeit in südlicher gelegenen Regionen auszuharren, bis es wieder Frühling wurde. Im Lauf der Jahrtausende jedoch wurde das Klima gemäßigter und erlaubte den Bewohnern eine permanente und sesshafte Lebensweise, wobei jedoch bis heute keine Artefakte gefunden wurden, die weiter zurück als bis in die Jungsteinzeit reichen. So sind die meisten Schlussfolgerungen über das vorgeschichtliche Kaschmir spekulativ und mit Vorsicht zu genießen. Der fruchtbare Boden des Kaschmir-Tals, der einstmals der Schlamm des Sees gewesen war, erlaubte es den Menschen, erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben, eine bis heute weit verbreitete Art im Kaschmir-Tal, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Name „Kaschmir“ scheint, einer Interpretation zufolge, aus den Wortstämmen „ka“ und „samira“ [Land, welches durch Wind (samira) vom Wasser befreit wurde] zusammengesetzt zu sein (Puri, 1997, S. 4). Andere Quellen bringen den Namen „Kaschmir“ mit Stämmen in Verbindung, die sich „Kash“ nannten und Städte wie Kashgar und Kashan gegründet haben sollen. Diese Thesen sind jedoch weder gesichert noch belegt. Dennoch ist es logisch und üblich, dass sich kulturspezifische Mythen auch an Umweltfaktoren der Menschen orientieren. Äußere Lebensumstände, wie in diesem Fall kalte lange Winter, zwingen die Menschen zum entsprechenden Handeln und lassen sie andererseits nach Erklärungen suchen, die ihr Schicksal in einen erweiterten, höheren Zusammenhang stellen. Somit ist der Mythos von der Entstehung des Kaschmir-Tals eine Geschichte von Besiedelung und dem Wachsen von Kultur. Tatsächlich lassen sich im Kaschmir-Tal auch heute noch sowohl Lebensformen als auch geologische Anhaltspunkte ausfindig machen, die in Zusammenhang mit dem Mythos von der Entstehung Kaschmirs gebracht werden können.

Gujjars mit ihren TierenFoto: Gujjars, Wanderhirten

GujjarhütteFoto: Konstruktion einer Sommerhütte auf einer Hochalm.

Noch immer existieren Semi-Nomaden wie beispielsweise die vor langer Zeit zugewanderten Gujjars, die während des Winters mit ihrem Vieh in die Rajouri - Region nahe der Stadt Jammu wandern, während sie die Sommermonate auf den Hochalmen des Kaschmir-Tals verbringen. Zwar haben auch bei ihnen zwischenzeitlich Coca-Cola und Mobilfunk Einzug gehalten, aber warum sollten sie deshalb eine Lebensweise aufgeben, die sich für sie bewährt hat und auf deren Tradition sie mit Selbstbewusstsein zurückblicken? Nahe der Stadt Baramulla existiert tatsächlich eine Art Abfluss im Fels, von dem allgemein angenommen wird, dies sei die Stelle, an der Satisaras das Tal verlassen habe. Schlüssige Beweise hierfür existieren freilich ebenfalls nicht. Heute ist es jedoch der Fluss Jhelum, der hier das Kaschmir-Tal verlässt und in den pakistanischen Teil Kaschmirs fließt. So verweisen auch heute noch zahlreiche Spuren im Leben und den Erzählungen der Menschen auf ihre mythische Herkunft. Eine Herkunft, auf die - obwohl ungesichert und teils im Dunkeln liegend, viele Kaschmiris stolz sind.

1.2. Ratarangini - der Fluss der Könige

Historischer Überblick über die ereignisreiche Geschichte Kaschmirs

Als der Chronist Pandit Kalhana im 12. Jahrhundert, wahrscheinlich im Jahr 1148 n. Chr., sein Werk Rajatarangini (Fluss der Könige) fertig stellte, blickte Kaschmir bereits auf mehr als dreitausend Jahre Geschichte zurück. Zahllose Machtkämpfe und Kriege prägten die bisherige Vergangenheit Kaschmirs, und Pandit Kalhana war es als Erstem gelungen, eine akribische Chronik der Macht- und Lebensverhältnisse im frühen Kaschmir zu erstellen. Eine Chronik, die in späteren Jahren immer wieder kopiert und interpretiert wurde, und die bis zum heutigen Tag wichtige und verlässliche Anhaltspunkte zum Studium der frühen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse Kaschmirs liefert.

Kalhana

Über Kalhana und sein Leben ist wenig Konkretes bekannt, und das Wenige, das uns zugänglich ist, beruht zu einem großen Teil auf späteren Interpretationen und wissenschaftlichen Schlussfolgerungen. Aus dem Rajatarangini selbst erfahren wir, dass Pandit Kalhana der Sohn des „hohen kaschmiri Ministers, des berühmten Herrn Canpaka“ war, der als Kommandant König Harsha ( 1089 bis 1101) diente.Er gehörte der Kaste der Brahmanen an, was auch durch den Stil seiner Chronik belegt wird. Jedes der einzelnen Bücher des Rajatarangini ist mit einer Einführung versehen, in der die Hindugottheit Shiva in ihrer Form des Ardhanarishwar gepriesen wird (Mohamed / Madhavi 1996, S. 78).

Tempel von Avantipora
Foto: Tempel von Avantipora

Pandit Kalhana zeigt in seiner Chronik eine differenzierte Darstellung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die wohl nicht zuletzt auf seiner Bildung und Nähe zu den Mächtigen seiner Zeit basiert. Seine eigenen politischen Ambitionen scheinen jedoch unter den wechselhaften Machtverhältnissen gelitten zu haben, weswegen er sich letztlich für den Weg des „Dichters“ und Chronisten entschieden haben könnte (Mohamed / Madhavi (1996, S. 79). Fakt ist, dass er nach der Thronbesteigung Jayasimhas im Jahre 1127 n. Chr. dessen Hofpoet wurde (Wakhlu 2005). Daneben scheint Kalhana auch bis zu einem gewissen Maße am Leben der einfachen Bevölkerung Anteil genommen zu haben. Er lässt uns wissen, dass die Menschen Kaschmirs im 12. Jahrhundert, ermüdet durch ständige Herrscherwechsel und Fehden, „abgestumpft und nur allzu bereit waren, jeden politischen Wechsel Willkommen zu heißen“ (Mohamed / Madhavi 1996, S. 79). Er war also ein höchst gelehrter Mann, der wohl die maßgeblichen literarischen Werke der damaligen Zeit - z.B. das Mahabharata - studiert haben dürfte, aber kein weltfremder „Bücherwurm“. Kalhana widmete sich dem Studium zahlreicher alter Originalquellen, vergaß jedoch dabei nicht die aktuellen Geschehnisse in Kaschmir. Er scheint ein Patriot gewesen zu sein, der voller Stolz auf die vermeintlich ruhmreiche Vergangenheit Kaschmirs zurückblickte. Dazu gehörte für ihn auch, dass Kaschmir zeitweilig ein maßgebliches Zentrum buddhistischer Gelehrsamkeit gewesen war. Immerhin hatte im ersten Jahrhundert v. Chr. ein buddhistisches Konzil nahe der Stadt Srinagar getagt. Sein Bildungsstand sowie sein gesellschafts- und machtpolitisches Interesse in Verbindung mit seinen poetischen Fähigkeiten und seinem kritischen Charakter sorgten für die Entstehung des Meisterwerkes Rajatarangini, das nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Kaschmir poetisch widerspiegelt, sondern außerdem noch als chronologischer Beleg für politische Vorgänge im Nordindien der beschriebenen Zeit dient.

Rajatarangini

Das Gesamtwerk Kalhanas besteht aus insgesamt acht Büchern, die grob in drei Kategorien unterteilt werden können (Mohamed / Madhavi 1996, S. 81): Die Bücher eins bis drei beruhen auf oraler und schriftlicher Überlieferung durch Originalquellen. Die Bücher vier bis sechs greifen auf frühere Chroniken zurück, deren Verfasser mutmaßlich Zeitgenossen der beschriebenen Geschehnisse gewesen sein könnten. Die Bücher sieben und acht hingegen beruhen vermutlich auf eigenen Beobachtungen und Erkenntnissen oder Augenzeugenberichten, die er niederschrieb. Pandit Kalhanas Chronik beginnt in etwa zur Zeit der Kuru-Kriege. Diese Kriege werden von verschiedenen Wissenschaftlern auf die Zeit zwischen dem 14. und dem 12. Jahrhundert v. Chr. Datiert. Akribisch listet Kalhana Herrscher, Kriege, politische Ereignisse und gesellschaftliche Verhältnisse auf; zunächst streng chronologisch, später etwas freizügiger und mit stärkerem persönlichem Hintergrundwissen versehen. Als Hofchronist und -poet hatte er wohl Zugang zu den wichtigsten Machtträgern und auch Staatsdokumenten seiner Zeit, was die teils detaillierten Beschreibungen nahe legen (Wakhlu 2005). Der lebendige und anschauliche Stil, in dem das Rajatarangini verfasst ist, lässt den Leser am Alltag der Mächtigen aus über zweieinhalb Jahrtausenden der Geschichte Kaschmirs teilhaben.

Tempel von Avantipora
Foto: Tempel von Avantipora

Während die meisten der porträtierten Könige und Potentaten schon bald nach ihrer Regentschaft wieder vergessen waren, finden sich in der Chronik jedoch auch Namen, die für die Geschichte Kaschmirs und Nordindiens von maßgeblicher Bedeutung waren und nach wie vor sind. Hierzu gehören unter anderem Gonanda I., der ein Zeitgenosse der Kuru-Krieger’ war, aber auch Kaiser Ashoka, der im dritten Jahrhundert vor Christus den Buddhismus in Kaschmir verbreitete. Parvasena II. lebte um das Jahr 600 n. Chr. und gilt als Gründer der heutigen Stadt Srinagar. Lalitaditya herrschte im achten Jahrhundert n. Chr., und unter seiner Herrschaft wurde Kaschmir zu einem der mächtigsten Königtümer Nordindiens. Der Sonnentempel in Martand erinnert noch heute an diesen Förderer der Kunst. In seiner Zeit wurde dem Ansturm arabischer Eroberer im Punjab Einhalt geboten. Die ehemalige Hauptstadt seines Reiches befindet sich nahe der heutigen Stadt Baramulla im Kaschmir-Tal (vgl. Rogers 2003). König Avantivarman regierte im neunten Jahrhundert n. Chr. Unter seiner Herrschaft entstand der Surya-Tempel in der Stadt Avantipura, die einige Kilometer entfernt von der Hauptstadt Srinagar liegt. Daneben sorgte Avantivarman für eine Bereinigung des Flusses Jhelum, der bis zu jenem Zeitpunkt voller Schlamm und Unrat dahin floss (Wakhlu 2005). Schließlich gelang es dem Herrscher Jayasimha (1127 bis 1155 n. Chr.), eine kurze Zeit des Friedens in Kaschmir zu etablieren, was durch den verstärkten Einsatz diplomatischer Bemühungen möglich wurde. Rajatarangini ist ein Werk voller lebendiger Beschreibungen aus dem Alltag der Könige und Herrscher. Romantische Anekdoten und Schilderungen heimtückischer Intrigen lassen Kalhanas moralische Vorstellungen deutlich werden, die zusammengefasst in seinem legendären Sprichwort gipfeln:

„Kaschmir, gewonnen durch die Kraft der Worte, nicht durch das Schwert.“

1.3. My home is my castle

Die Hausboote in Kaschmir - ein Erbe der Briten

Wenn Abdul Salama Dunoo sich an die gute alte Zeit erinnert, tut er dies mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Heute Besitzer einer stattlichen Hausboot-Gruppe am malerischen Nagin-See, verbrachte er den Großteil seiner Kindheit als „Boy“ auf den Booten seines Vaters. Das war in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, und „echte“ Hausboote existierten in Kaschmir zu jenem Zeitpunkt erst seit wenigen Jahren. Entnervt von der unbarmherzigen Sommerhitze des indischen Subkontinents suchten britische Offiziere und ihre Familien Zuflucht im gemäßigten Klima des Himalajas. Viele von ihnen hatten den Wunsch, Grund und Boden in Kaschmir zu erwerben, aber ein Gesetz verbot den Ausländern genau dies. Hotels gab es zu jener Zeit noch nicht in der Region. Erfindungsreich machten sich daher die ersten „Touristen“ den Umstand zunutze, dass es in Kaschmir eine alte Tradition des Lebens auf Booten gab. Die Nachfrage der Reisenden nach entsprechenden Unterkünften sorgte bald für entsprechende Angebote seitens der Bootsleute. Die Stunde der Hausboote war geboren, und mit ihnen der Beginn einer arbeitsreichen Kindheit für die Sprösslinge mancher Bootseigner wie Abdul Salama. Die Hausboote der ersten Generation besaßen nicht die Geräumigkeit heutiger „Superdeluxe“-Boote. Es waren im Wesentlichen bauliche Weiterentwicklungen der bereits seit Jahrhunderten auf den Flüssen und Kanälen Kaschmirs umherschippernden Frachtkähne. Davon existierten verschiedene Formen und Größen; gemeinsam war und ist ihnen jedoch das Fehlen eines Kiels. so dass diese Boote auch in seichtem Wasser fortbewegt werden können. Bereits in der unter Akbar dem Großen (1542 bis 1605) verfassten Chronik Ain-i-Akbari erfahren wir, dass „die Boote das Zentrum allen Handels“ im Kaschmir-Tal bildeten und dass „in Kaschmir eine Art Schiff konstruiert wurde, über die jedermann staunte, der sie zu Gesicht bekam“ (Lawrence 1998, S. 381). Mit ihnen wurden Getreide, Holz und andere Wirtschaftsgüter, aber auch Passagiere befördert. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt der britische Kolonialbeamte Walter Lawrence die verschiedenen damals gebräuchlichen Bootstypen im Kaschmir-Tal.

wohnsituation
Foto: Typische Wohnsituation einer Dunga, in der Altstadt Srinagars

Da gab es zunächst den vielleicht ursprünglichsten Typus eines Lastenkahns. Dieser verfügte für seine Besatzung lediglich über eine kleine Kabine am Heck des Bootes, in deren zwei Räumen die Bootsleute lebten. Während die größere Variante dieses Bootstyps bahat genannt wurde und zwischen „800 und 1000 „maunds“ (1 maund = 37,3242 kg) an Ladung aufnehmen konnte, gab es noch eine kleinere Ausführung. Diese konnte etwa 400 maunds aufnehmen und wurde wár genannt. Hinzu kam beim kleineren Modell ein niedriger Bug, während derjenige des bahat hochgezogen war. Auch heutzutage sind diese beiden Bootsformen noch vereinzelt im Kaschmir-Tal in Gebrauch. Gelegentlich kann man sie auf dem Jhelum beobachten, wo sie wie in alter Zeit mitunter von Hand gegen den Strom getreidelt werden. Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts vermutlich gebräuchlichste Bootsform war die der Dunga. Sie ist auch heute noch weit verbreitet und bietet in gewisser Weise einen Kompromiss zwischen dem ursprünglichen Transportkahn und den gestiegenen Anforderungen der Bootsleute an ihre Unterkunft. Die Dunga ist „zwischen 50 und 60 Fuß lang, etwa 6 Fuß breit und hat einen Tiefgang von ca. 2 Fuß“ (Lawrence 1998). Dies entspricht einer Länge von ca. 15 bis 20 Metern bei einer Breite von 2 bis 2,5 Metern. Im Gegensatz zu den reinen Lastkähnen nimmt der Wohnbereich der Dunga einen größeren Raum ein, wobei sich die Ladekapazität für Waren auf 200 maunds reduziert. Daneben existierten noch eine Reihe kleinerer, ungedeckter Boote für den Warentransport sowie herrschaftliche Boote, die dem Transport des Königs vorbehalten waren. Keines der beschriebenen Boote verfügt über eine Ruderpinne. Die Fortbewegung und Steuerung erfolgt mittels Staken, Rudern und Treideln, je nach Flussströmung.

Dunga
Foto: Dunga