Blick über den Königssee
35 außergewöhnliche Wanderungen
abseits des Trubels
Lichtkaskaden über Hagengebirge, Tennengebirge und Dachstein
»Eine strenge Stille thront über Fels und Abgrund.« – Abend am Watzmann-Hocheck
Vorwort
Willkommen am Königssee
Bruckmann Tourenfinder
Piktogramme und Schwierigkeitsgrade
Mensch und Berg im Berchtesgadener Land
DIE TOUREN
1Vom Predigtstuhl bis zum Karspitz
Die Längsüberschreitung des Lattengebirges
2Weißbachtal und Steinerne Agnes
Herrliche Pfade im Lattengebirge
3Von Hallthurm auf den Hirschangerkopf
Unterwegs auf der stillen Seite des Untersbergs
4Der Rauhe Kopf
Unscheinbarer Vorgipfel des Untersbergs
5Barmsteine und Hohe Götschen
Grenzgänge zwischen Bayern und Salzburg
6Auf die Kneifelspitze
Einsame Pfade am beliebten Aussichtshügel
7Lockstein, Kälberstein, Baderlehenkopf
Überschreitung der drei Berchtesgadener Hügel
8Weitwandern im Berchtesgadener Tal
Von der Almbachklamm bis in die Ramsau
9Das andere Bild des Königssees
Das Tal von Berchtesgaden bis zum Röthbachfall
10Eisbachtal und Eiskapelle
Spaziergang zum Fuß der Watzmann-Ostwand
11Malerwinkel und Rabenwand
Wunderschöne Aussichtspunkte am Königssee
12Über den Kehlriedel zum Kehlstein
Vergessener historischer Weg am Touristenberg
13Steilaufstieg zur Brettgabel
Aussichtswarte über dem Berchtesgadener Tal
14Rotspielscheibe und Fagstein
Gipfelglück abseits des Trubels
15Der Schneibstein-Ostgrat
Einsame Überschreitung im Hagengebirge
16Vorderschlumsee und Angeralm
Stille Orte in einem fast vergessenen Gebirge
17Kaunersteig und Hochlafeld
Streifzüge in den südlichen Gotzenbergen
18Kahlersberg und vier weitere Grenzgipfel
Herrliche Dreitagestour im westlichen Hagengebirge
19Einsame Wanderungen im Steinernen Meer
Wasseralm, Wildalmkirchl und Riemannhaus
20Durch die Saugasse zum Funtensee
Ein bekannter Weg mit verborgenen Hintergründen
21Der Stuhljochgrat am Funtenseetauern
Traumgrat am größten Bergmassiv des Steinernen Meers
22Über die Sagereckwand zum Funtensee
Klassischer Steilaufstieg zum Steinernen Meer
23Brandenberg und Schottmalhorn
Zwei Felsberge voller Gegensätze
24Rotwandl und Viehkogel
»Kleine« Gipfel des Steinernen Meers
25Zwei Wege durchs Steinerne Meer
Beeindruckendes stilles Wandererlebnis
26Schöneck-Südgrat und Wurmkopf
Wenig bekannter Steilaufstieg zum Steinernen Meer
27Vier-Hörner-Runde
Breithorn, Mitterhorn, Äulhorn und Achselhorn
28Unbekannter Schartenkopf
Von der Peter-Wiechenthaler-Hütte ins Steinerne Meer
29Touren rund ums Ingolstädter Haus
Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
30Sigeretplatte, Trischübel, Hundstodgatterl
Weiter Weg durch stille Landschaften
31Durchs Wimbachtal zum Seehorn
Sandflüsse, Felstürme und Baumruinen
32Auf die Hirschwiese
Vom grauen Wimbachtal ins blau-grüne Königsseetal
33Von Süden über den Großen Watzmann
Die berühmte Überschreitung neu betrachtet
34Überschreitung der Watzmannfrau
Außergewöhnliche Rundtour in hochalpiner Umgebung
35Schapbachriedel und Grünstein
Ein unbekannter Hügel und sein beliebter Nachbar
PS:
Register
Impressum
Das südwestliche Steinerne Meer mit dem Riemannhaus
Im Felsgelände sollte man nicht »kopfscheu« werden, wie man in Berchtesgaden traditionell sagt.
Leicht
7Überschreitung der drei Berchtesgadener Hügel
9Das Tal von Berchtesgaden bis zum Röthbachfall
10Spaziergang zum Fuß der Watzmann-Ostwand
11Wunderschöne Aussichtspunkte am Königssee
20Ein bekannter Weg mit verborgenen Hintergründen
Mittel
1Die Längsüberschreitung des Lattengebirges
2Herrliche Pfade im Lattengebirge
3Unterwegs auf der stillen Seite des Untersbergs
4Unscheinbarer Vorgipfel des Untersbergs
5Grenzgänge zwischen Bayern und Salzburg
6Einsame Pfade am beliebten Aussichtshügel
8Von der Almbachklamm bis in die Ramsau
12Vergessener historischer Weg am Touristenberg
13Aussichtswarte über dem Berchtesgadener Tal
14Gipfelglück abseits des Trubels
16Stille Orte in einem fast vergessenen Gebirge
17Streifzüge in den südlichen Gotzenbergen
19Wasseralm, Wildalmkirchl und Riemannhaus
22Klassischer Steilaufstieg zum Steinernen Meer
24»Kleine« Gipfel des Steinernen Meers
25Beeindruckendes stilles Wandererlebnis
28Von der Peter-Wiechenthaler-Hütte ins Steinerne Meer
30Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
32Vom grauen Wimbachtal ins blau-grüne Königsseetal
35Ein unbekannter Hügel und sein beliebter Nachbar
Schwer
15Einsame Überschreitung im Hagengebirge
18Herrliche Dreitagestour im westlichen Hagengebirge
21Traumgrat am größten Bergmassiv des Steinernen Meers
23Zwei Felsberge voller Gegensätze
26Wenig bekannter Steilaufstieg zum Steinernen Meer
27Breithorn, Mitterhorn, Äulhorn und Achselhorn
29Wildes Steinernes Meer und der Dießbachsteig
31Sandflüsse, Felstürme und Baumruinen
33Die berühmte Überschreitung neu betrachtet
34Außergewöhnliche Rundtour in hochalpiner Umgebung
leicht |
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mittel |
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schwer |
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Gehzeit |
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Höhenunterschied |
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Weglänge |
Wandertour mit Laufrichtung |
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Tourenvariante |
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Ausgangs-/ Endpunkt der Tour |
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Wegpunkt |
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Bahnlinie mit Bahnhof |
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S-Bahn |
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Tunnel |
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Seilbahn, Gondelbahn |
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Bushaltestelle |
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Parkmöglichkeit |
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Hafen |
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Autofähre |
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Personenfähre |
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Flugplatz |
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Kirche |
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Kloster |
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Burg/Schloss |
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Ruine |
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Wegkreuz |
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Denkmal |
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Turm |
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Leuchtturm |
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Windpark |
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Windmühle |
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Mühle |
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Hotel, Gasthof, Restaurant Jausenstation |
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Schutzhütte, Berggasthof (Sommer/Winter) |
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Schutzhütte, Berggasthof (Sommer) |
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Unterstand |
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Grillplatz |
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Jugendherberge |
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Campingplatz |
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Information |
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Museum |
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Bademöglichkeit |
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Bootsverleih |
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Sehenswürdigkeit |
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Ausgrabung |
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Kinderspielplatz |
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schöne Aussicht |
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Aussichtsturm |
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Wasserfall |
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Randhinweispfeil |
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Maßstabsleiste |
Dieses Buch zu schreiben war ein Abenteuer im Kleinen. Es stellte sich als eine große und schöne Aufgabe heraus, Bergerlebnisse zu Hause am Arbeitstisch noch einmal nachzuvollziehen, Erinnerungen und Geschichten wachzurufen, in Büchern zu forschen und mir im Lauf von Monaten allmählich die Worte und Bilder zurechtzulegen, die zuletzt als Ganzes dastehen sollten. Ein Abenteuer war die Arbeit aber auch deshalb, weil sie mich in die Geschichte meines eigenen Bergerlebens zurückführte. Denn die Berge rund um den Königssee waren das erste Gebirge, das ich für mich liebgewann.
Als Kind unternahm ich mit meinem Vater erste Hüttenwanderungen, als Jugendlicher ließ ich mich von den Bildern und Texten in Horst Höflers Buch »Berchtesgadener Alpen« zum Träumen anregen. Die »beständige Sehnsucht, die nie enttäuscht wird«, packte auch mich. Es lag auf der Hand: Diese Berge übten einen ganz besonderen Reiz aus, der die Anziehungskraft anderer Landschaften überstieg. Als ich dann mit sechzehn Jahren zum ersten Mal auf der Watzmann-Mittelspitze stand, glaubte ich einen Endpunkt erreicht, das Allerwichtigste geschafft zu haben. Ich kannte nun ja alles vermeintlich Bedeutsame: St. Bartholomä mit seinem Souvenirtrubel, das Trompetenecho und die Sage vom schrecklichen König; ich hatte ein paar Normalwege in meinem Tourenbuch verzeichnet und war bei jeder Fahrt über den Königssee aufs Neue gespannt, ob die Zahl der Toten in der Watzmann-Ostwand schon wieder gestiegen war. Der größere und stillere Teil der Wirklichkeit blieb mir hingegen noch verborgen.
Doch die Watzmann-Besteigung war ja erst der Anfang. Jahr für Jahr kehrte ich öfter zurück, entdeckte Schritt für Schritt Neues und Verborgenes. Die wichtigste Erkenntnis dabei war: Neben den touristischen Brennpunkten existiert auch noch eine tiefere Dimension, die nur bei genauem Hinsehen hervortritt – alte Viehtriebsteige, unbekannte Pfade, verfallene Hütten, abgelegene Hochflächen, selten betretene und sogar namenlose Gipfel, vor allem aber auch eine Menge Hintergrundwissen, das im Laufe der Zeit verschüttgegangen ist oder einem breiteren Publikum nie zugänglich war. Mit Feuereifer besorgte ich mir antiquarisches Bücher- und Kartenmaterial, suchte und fand wenig bekannte Routen, an denen die Erschließungs- und Werbemaschinerie gänzlich vorübergegangen ist – großartige Orte der Stille, manchmal beinahe eine vergessene Welt. Aus dieser aufregenden Recherche ging schließlich selbst wieder ein Buch hervor, das Sie nun in den Händen halten. Es präsentiert eine Auswahl von 35 Touren, die teils in die Einsamkeit führen, teils aber auch Bekanntes neu betrachten, eine neue Annäherung an ein literarisch fast schon zerschriebenes und bergtouristisch stark kanalisiertes Gebirge wagen wollen. Keine »35 schönsten zum zigsten Mal« also, sondern 35 schöne ohne Superlativ, oft unkonventionelle Touren. Und mit Sicherheit 35-mal ein besonderes Naturerlebnis für den Liebhaber, der sich nicht nur für die bekanntesten Touristenziele interessiert.
Die Gefahr, den einen oder anderen »Geheimtipp« durch die Veröffentlichung kaputtzureden, ist dabei nur gering. Denn solange die einsamen Pfade nicht im großen Stil beworben, vor Ort markiert und ausgebaut werden, wird eine einzelne Publikation nicht viel an ihrem Dornröschenschlaf ändern. Ein nettes Detail aus der alten Literatur wieder hervorzuholen, kann ohnehin nicht schaden – im Gegenteil: Es hilft, Wissen zu bewahren. Und man muss es wirklich einmal sagen: Ein mit viel Mühe, vielleicht auch mit Liebe angelegter Pfad im Gebirge stellt einen kulturellen und historischen Wert dar, er ist Ausdruck des menschlichen Ringens und Unterwegsseins in einer wilden Natur – und als ein solcher verdient er es, in Erinnerung zu bleiben. Darum dieser Tourenführer.
Die Erfahrung zeigt doch: Wenn eine Gefahr für die Intaktheit der Natur besteht, dann nicht durch ein Buch, das spezielle Touren für Kenner und Liebhaber beschreibt, sondern vielmehr durch die aus dem Ruder laufenden Entwicklungen im Internet, speziell im Bereich der sozialen Medien – und natürlich durch physische Ausbau- und Erschließungsmaßnahmen im Gebirge. Denn während dieser gedruckte Tourenführer bewirkt, dass einzelne Touren höchstens ein paar Dutzend zusätzliche Begehungen pro Jahr bekommen, droht durch im Internet veröffentlichte Tipps manchmal die zerstörerische Heimsuchung durch Tausende Bergunkundige – man denke an die sogenannten »Instagram-Hotspots«. Für die Touren dieses Buchs hingegen werden auch ganz bewusst keine GPS-Tracks zur Verfügung gestellt, um das »blinde« und unreflektierte Nachwandern nicht zu fördern. Stattdessen sind gezielt diejenigen Bergsteiger angesprochen, die in der Lage sind, sich selbstständig und verantwortungsvoll im alpinen Gelände zu bewegen.
Mögen alle Interessierten die in diesem Buch beschriebenen Wanderungen und Bergtouren mit Vorsicht, Umsicht und Rücksicht begehen – und sich an der einzigartig schönen Landschaft der Berchtesgadener Alpen erfreuen. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich leuchtende Erlebnisse am Berg und tiefgründige Freude bei der Lektüre dieses Buchs!
Das Berchtesgadener Land ist fast eine Enklave: Auf drei Seiten vom österreichischen Bundesland Salzburg umschlossen, bildet es den südöstlichen »Wurmfortsatz« Deutschlands.
Nationalpark Berchtesgaden
Die außergewöhnliche Schönheit der Natur rund um den Königssee führte schon früh zur Errichtung von Schutzgebieten. Bereits 1910 wurde der »Pflanzenschon bezirk Berchtesgadener Alpen« mit einer Fläche von 83 km2 ins Leben gerufen, 1921 folgte das »Naturschutzgebiet Königssee« mit 200 km2. Noch etwas größer ist der heutige Nationalpark Berchtesgaden, 1978 als erster deutscher Alpen-Nationalpark errichtet. Aus der ganzen Welt kommen Touristen nach Berchtesgaden, um Königssee und Watzmann mit eigenen Augen zu bewundern. Die Schifffahrt über den See zum berühmten Kircherl von St. Bartholomä zählt dabei zum absoluten Pflichtprogramm der Besucher.
Königssee
Herzstück der Berchtesgadener Alpen ist der Königssee. Er ist bis zu 190 m tief, und sein Wasser hat Trinkwasserqualität.
Watzmann
Die dominierende Berggestalt im Berchtesgadener Land ist der Watzmann. Mit seiner markanten Form beflügelt er seit jeher die Fantasie.
Neun Massive
Die Berchtesgadener Alpen bestehen aus neun Gebirgsmassiven, die sich rund um den Königssee gruppieren. Im Uhrzeigersinn sind dies: Lattengebirge, Untersberg, Göllstock, Hagengebirge, Hochkönig, Steinernes Meer, Watzmann, Hochkalter, Reiter Alm. Jedes Einzelne mit seinen Eigenheiten, Schönheiten und verborgenen Seiten.
Vergessene Pfade
Blickt man hinter die Kulissen des Massentourismus, ist in den Bergen eine Vielzahl von nicht mehr gepflegten Almwegen, Forststeigen und Jägerpfaden zu entdecken.
Almruinen
Die meisten der ehemals bewirtschafteten Almen sind längst außer Betrieb, ihre Hütten dem Verfall preisgegeben. Wer genau hinschaut, findet im Gestrüpp heute noch ihre Grundmauern oder Holzbalken.
Weglose Gipfel
Der Mensch hat die Bergwelt erschlossen, Straßen und Hütten gebaut, und vielleicht waren noch nie so viele Wanderer im Gebirge unterwegs wie heute. Dennoch gibt es an den meisten Gipfeln in den Berchtesgadener Alpen keinen Weg, der zum höchsten Punkt führt. Sie sind wild und still geblieben.
Geheimes & Kurioses
In den Bergen gibt es nicht nur Gipfel und Wege zu entdecken, sondern auch jede Menge spannende Anekdoten. Von einem Wilderer, der auf die Galeeren geschickt wurde, über Berge, die ihre Namen getauscht haben, bis hin zur Fahrradfahrt über den zugefrorenen Königssee.
Schätze im Bücherregal
Wie man an all dieses hintergründige Wissen kommt? Vieles lässt sich vor Ort recherchieren und selbst in Augenschein nehmen. Anderes hingegen ist nur in Büchern zu finden. Für diesen Tourenführer wurden über 130 meist nur noch antiquarisch erhältliche Werke der Literatur sowie alte Landkarten ausgewertet. So kamen diverse Volkssagen, Hintergrundgeschichten und Routenbeschreibungen zum Vorschein, die fast schon vergessen waren.
Der Große Barmstein (Tour 5) sieht wie eine senkrechte Felsnadel aus, kann aber über die Rückseite relativ einfach bestiegen werden.
INFO
PIKTOGRAMME ERLEICHTERN DEN ÜBERBLICK
Gehzeit
Länge
Höhenunterschied
Einkehr |
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wintergeeignet |
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Mehrtagestour |
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kintergeeignet |
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Seilbahn |
ANFORDERUNGEN
LEICHT
Technisch einfache, meist kürzere Wanderungen auf guten Wegen, in Einzelfällen auch mit längeren, konditionell anspruchsvollen Anstiegen
MITTEL
Technisch mittelschwierige Bergwanderungen mit alpinem Charakter, die meist gute Kondition, einen sicheren Tritt, Schwindelfreiheit und im weglosen Gelände Orientierungssinn erfordern. Einzelne Stellen können drahtseilversichert sein und die Zuhilfenahme der Hände erfordern.
SCHWER
Technisch anspruchsvolle Bergtouren mit alpinem Charakter, meist mit hohen Anforderungen an die Kondition. Ausgesetzte, eventuell gesicherte und oft weglose Passagen, steile und mühsam zu begehende Pfade, einzelne Kletterstellen bis zum II. Grad nach UIAA. Bergerfahrung, Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und ein gutes Orientierungsvermögen sind zwingend erforderlich.
Der Königssee und die Berchtesgadener Alpen sind Touristen-Hotspots. Der Mensch hat die Landschaft nach allen Regeln der Kunst erschlossen, viele Besucher lernen sie aber dennoch nur oberflächlich kennen.
Ein besonderer Ort zum Leben
Ein neues Buch, ein neuer Artikel über Berchtesgaden und seine Berge – das bedeutet oft die Wiederholung von sattsam Bekanntem: gewohnte Postkarten-Fotomotive, schon vielfach gelesene Lobeshymnen, interessanterweise auch die gleichen Griffe in die Zitatekiste. Publikationen über Königssee & Watzmann berufen sich in der Einleitung immer wieder gern auf eine berühmte Persönlichkeit à la Ludwig Ganghofer, Heinrich Noë oder Alexander von Humboldt. Ohne deren hundertfach wiedergegebene Bonmots hier ein hundertunderstes Mal strapazieren zu wollen, kann ich doch nicht umhin, am Beispiel des Letztgenannten auf die pikanten Hintergründe hinzuweisen: Der Historiker Robert Hoffmann hat in einer 2006 erschienenen, höchst lesenswerten Abhandlung überzeugend dargelegt, dass der berühmte Ausspruch Alexander von Humboldts, er halte die Gegenden von Salzburg, Neapel und Konstantinopel für die schönsten der Erde, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht authentisch ist. Erst 1870 tauchte dieses angebliche Zitat plötzlich auf, wurde sofort als dankbarer Slogan instrumentalisiert und oft nach Gutdünken abgeändert. Hoffmann weist darauf hin, dass Friedrich Schönau in seinem Werk »Hochlandromantik um den Königssee« im Jahr 1952 schließlich auch Berchtesgaden mit ins Zitat schmuggelte. Dies hatte Eugen Fischer alias A. Helm allerdings schon 1929 getan, als er in seinem Buch »Das Berchtesgadener Land im Wandel der Zeit« Humboldt den Satz in den Mund legte: »Die Gegenden von Salzburg-Berchtesgaden, Neapel und Konstantinopel halte ich für die schönsten der Erde.« Eine überwältigende Zahl von neueren Publikationen ist auf diesen Zug aufgesprungen und präsentiert immer wieder stolz diese Abwandlung eines ohnehin nicht echten Zitats. Nur sehr wenige machten wie Horst Höfler in seinem Watzmann-Buch darauf aufmerksam, dass der Ausspruch nicht belegt ist. Halten wir dies kurz fest, um uns klarzumachen: Beim frenetischen Lobpreis einer Landschaft, vollends in der Werbung, ist offensichtlich alles erlaubt und vieles Fassade. Ein wenig genauer hinzusehen, nicht alles unkritisch zu übernehmen, nicht nur in breit ausgetretene Fußstapfen zu treten – das wäre ein guter Einstieg in die Berge rund um den Königssee und zugleich ein Anliegen dieses Buchs. Nebenbei, eines wird ja gern vergessen: Nicht zu allen Zeiten stimmten Reisende in den Lobgesang auf die Schönheit des Berchtesgadener Landes ein. In früheren Jahrhunderten wurden die schroffen Bergmassive mit ihren dunklen Wäldern und den langen Wintern eher als abweisend, ja beängstigend empfunden, und auch nach 1800 quoll beileibe nicht jeder Reisebericht vor zügellosem En thu siasmus über. In der Gegenwart freilich vermutet man im Gebirge zwischen Saalach und Salzach gemeinhin keine Brutstatt von Geistern und Drachen mehr. Wir empfinden Göll, Watzmann und Hochkalter überwiegend als schön, gleichwohl uns ein gewisser Schauder noch heute manchmal über den Rücken rieselt, etwa beim Blick in die Tiefe oder beim Gedanken an einen Schneesturm am ausgesetzten Grat.
Dass Berchtesgaden und seine Berge heute so gerühmt werden, hat natürlich einige ganz handfeste Gründe. Reizend sind etwa seine alten und zugleich lebendigen Traditionen, die in anderen Landesteilen oft nur noch als museale Erinnerung nachwirken. Interesse wecken auch die hiesige Almwirtschaft und der Salzbergbau. Die starke Zersiedelung der Landschaft in viele Einzelgehöfte (»Lehen«) ist schön anzuschauen, wirkt ländlich und malerisch und stellt kleinräumige Vielfalt her. Das ehemalige Augustiner-Chorherrenstift und seine umliegenden Straßenzüge dagegen bilden das urbane Zentrum des pittoresken Marktfleckens Berchtesgaden.
Schönheit ist überall – man muss sie nur entdecken!
Ist nicht immer wieder der Gedanke faszinierend, dass hier bis ins Jahr 1803 ein mehr oder weniger unabhängiger Fürstpropst herrschte? Mit der Stiftskirche, dem Wallfahrtskirchlein Maria Gern, der Pfarrkirche St. Sebastian in der Ramsau und der Kapelle von St. Bartholomä existieren vier Sakralgebäude, die als Fotomotive überregional berühmt wurden und oft als repräsentative Aushängeschilder für ganz Bayern herhalten. Schließlich und endlich wären auch die sprachlich-dialektalen Eigenheiten und überhaupt der so selbstbewusste, sympathische bis dickschädlige Menschenschlag zu nennen – man muss vom Berchtesgadener Landl, wie es die Einheimischen selbst nennen, einfach begeistert sein. Doch diese Aspekte menschlicher Kultur sind nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die Natur – eine überaus facettenreiche Bergwelt, in der steile Felswände ebenso zum Landschaftsbild beitragen wie flache Hochplateaus und bewaldete Hügel. Die Zergliederung in neun sehr unterschiedliche Einzelgebirge, im Kreis um Berchtesgaden angeordnet, lassen diesen Alpenteil interessanter erscheinen als eher gleichförmige Massive, und es war vielleicht gar nicht vermessen, dass das Berchtesgadener Land in der Zeit der Romantik sehr oft als »Schweiz im Kleinen« bezeichnet wurde. Letzten Endes sind es wohl einige Besonderheiten, die den Berchtesgadener Alpen die Aura des Außergewöhnlichen verleihen: Erstens natürlich »König« Watzmann als Blickfang und Wahrzeichen des Landes, zweitens der Königssee als geheimnisvoller, herrlicher See, aber auch die Gesamtheit der umliegenden Berge mit all ihren charakteristischen Formen und Eigenheiten. Vom Enzian bis zur seltenen Bergkieferart, vom Murmeltier bis zum Steinadler, vom tiefen Gewässer bis zur himmelhohen Felswand – so viel atemberaubende und gleichzeitig idyllische Natur auf verhältnismäßig engem Raum gibt es nur ganz selten.
Info
FUNDSTÜCKE DER REISELITERATUR
Die vielen erhaltenen Reiseberichte aus dem 18. und 19. Jh. sind heute von einem unschätzbaren kulturhistorischen Wert. Bei der Lektüre fällt auf, dass einige Reisende in erschreckender Deutlichkeit über die Berchtesgadener und Pinzgauer Bevölkerung urteilten:
So stellte C. Meiners im Jahr 1788 fest, in Berchtesgaden seien »beyde Geschlechter … weder groß, noch schön«, und er könne sich nicht besinnen, »eine einzige schöne Bäuerin, oder einen einzigen großen wohlgewachsenen Bauernkerl« gesehen zu haben. Franz Friedrich von Spaur wurde im Jahr 1800 noch deutlicher: »In diesem Winkel der Erde scheint indessen alles zur Herabwürdigung des Menschen sich zu vereinigen.« Auch Franz Sartori giftete 1811: »Wer die Menschheit auf einer tiefen Stufe von Selbsterniedrigung und gewohntem Elende sehen will, der darf nur eine Excursion durch den Markt Berchtesgaden machen«; die dort ansässigen Bettler jener Zeit bezeichnete er als »Halbmenschen«.
Sogar Hermann von Barth ließ seinen sonst so leuchtenden Edelmut vermissen, als er 1874 genervt vermerkte, die »pinzgauerische Stupidität« werde noch auf ferne Jahrhunderte hinaus das Wahrzeichen des Berchtesgadener Ländchens sein, und das Gehirn des Pinzgauers sei nur rudimentär ausgeprägt. Und noch 1909 führt F. Bohlig in seinem Watzmannführer aus, der Berchtesgadener sei freundlich, artig, dienstgefällig und höflich, »worin er sich vom benachbarten Pinzgauer sehr zum Vorteil unterscheidet«.
Der Watzmann gehört untrennbar zu Berchtesgaden.
Der entscheidende Punkt bei der Betrachtung der Berchtesgadener Alpen aber scheint mir das Miteinander von Mensch und Berg zu sein, das Verwobensein der landschaftlichen Pracht mit den Spuren der Wald- und Almbauernkultur: Unter großen Mühen angelegte Viehtriebsteige, Waldpfade und Weideflächen, architektonisch und kulturhistorisch wertvolle Almgebäude und vor allem unzählige Flurnamen erzählen noch heute Geschichten aus einer vergangenen Zeit und wirken identitätsstiftend. Ein aufmerksamer Blick in die Alpenvereinskarte lässt ganze Welten menschlichen Berg-Erlebens vor dem geistigen Auge heraufziehen: Da gibt es die Verlorene Weid, das Himmelreich, ’s Paradeis, die Wunderquelle, die Regentiefe, Gold- und Silberbründl, das Kälbergrubenwindloch, die Rosengrube und die Bärengrube, das Tote Weib, den Saurüssel, den Großen Hundsschädel und eine Lindwurmhöhle. Diese Landschaft ist, obwohl hochalpin und schwer zugänglich, von menschlichem Tun und Schaffen durchdrungen. Das macht sie lieblich und liebenswert – viel mehr, als dies in einem von Menschen unberührten Ödland der Fall sein könnte.
Wer sich im Königsseegebiet ein wenig auskennt, sollte einmal einen Blick in die »Karte der Berchtesgadener Alpen« werfen, die der Deutsche Alpenverein im Jahr 1887 herausgegeben hat. Es ist kaum zu glauben, wie viele Wege und Pfade dort verzeichnet sind, die heute niemand mehr kennt. Tatsächlich existierten damals noch unzählige Alm-, Forst- und Jagdsteige, die sich auf kühnste Weise selbst durch abweisende Steilhänge schlängelten und die Landschaft wie ein enges Netz überzogen. Einige davon sind mittlerweile von der Landkarte verschwunden und auch vor Ort nicht mehr auffindbar, andere wiederum wachsen allmählich zu, werden aber hin und wieder noch begangen und tauchen auch in guten neueren Karten auf. Wer glaubt, dass im Zuge der fortschreitenden Erschließung des Gebirges auch die Weganlagen immer zahlreicher werden, irrt. Im Gegenteil: Im Laufe der vergangen 130 Jahre ist die Zahl der Wege rund um den Königssee deutlich zurückgegangen.
Die Gründe dafür sind vielfältig und im Wechselspiel von Almwirtschaft, Jagd, Forstwirtschaft, Tourismus und Naturschutz zu suchen. Die Almwirtschaft etwa wird nur noch zu einem Bruchteil früherer Ausmaße betrieben, was zur Folge hat, dass alte Hütten sowie Viehtriebsteige verfallen und freies Wiesengelände vom Dickicht zurückerobert wird. Verantwortlich für den Rückgang der Almwirtschaft bis in die 1970er-Jahre waren diverse Faktoren, wie z. B. Jagdinteressen, steigende Personalkosten oder eine fortschreitende Verkarstung des Bodens, in früheren Jahrhunderten auch eine langfristige Abkühlung des Klimas. Für den Tourismus wurden einige Wege neu angelegt, meist baute man jedoch bereits bestehende Pfade aus und markierte sie. Der Naturschutz wiederum, vor allem die Errichtung des Nationalparks Berchtesgaden 1978, legte verschiedenen Nutzungsformen des Gebirges Beschränkungen auf, was sich auf den Bestand der Jagd- oder Forstinfrastruktur negativ auswirkte. Viele alte Steige, z. T. sogar markierte Wanderrouten werden nicht mehr erhalten, verfallen mit der Zeit oder werden sogar bewusst unkenntlich gemacht. Die Gratwanderung zwischen Natur- und Kulturschutz ist nicht einfach, Interessenskonflikte sind vorprogrammiert.
Während die Almwirtschaft auf vielfache Weise im Bewusstsein der Bergtouristen verankert ist – man denke an Almen als Gastronomie- und Produktions-Betriebe, an Selbsterfahrungstrips gestresster Großstädter auf der Alm oder an den Event des Almabtriebs –, handelt es sich bei der Jagd um eine Art »vergessene Nutzungsform« im Gebirge, die aber ebenfalls ein uralter Bestandteil der alpinen Geschichte und Kultur ist.