Hans-Werner Wienand

Verlierer

Wahre Lügen aus der Seglerwelt

Aequator

Impressum

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die
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sind im Internet unter https://dnb.de abrufbar.

Aequator GmbH, München
© 2015 Aequator GmbH

Grafik: Helden & Mayglöckchen GmbH & Co. KG, Karlsruhe

Titelbild: Fotolia
© Sergey Nivens

Edition 1

ISBN 978-3-95737-009-9

Geschichten müssen gut sein, nicht wahr.

Die Geschichten in dieser Sammlung haben sich zugetragen – so oder so ähnlich – aber alle Hinweise wurden verwischt, die Kielspuren geglättet. Sollten Sie irgendwo, in irgendeinem Hafen der Welt, an irgendeinem Ankerplatz dennoch glauben, Ähnlichkeiten zu wahren Ereignissen oder Personen zu entdecken oder entdeckt zu haben, seien Sie versichert, dass diese Ereignisse oder Personen nicht gemeint sind.

Schriftsteller dürfen lügen.

Inhalt

Verlierer

Neuanfang

Nennen wir ihn Volker (1)

Opti-Eltern, kauft euch endlich Stöcke

Der große Gonzo

Macho

Glossar

Verlierer

Sie war der Typ von Frau, die einen Mönch bewegen könnte, den ganzen Tag die Glocken zu läuten, oder den Papst dazu, die Putten von der Säule zu treten. Es gibt solche Frauen in der Fantasie und auf Bildern in Magazinen, wenn die zuständigen Redakteure Photosoftware wirklich beherrschen. Und mit wirklich meine ich, wenn sie in ihrem Job göttliche Meister sind und nebenher auch noch wissen, worauf es ankommt.

In der Wirklichkeit findet man diese Frauen nicht. Dazu ist die Evolution zu wenig kreativ gewesen. Und zu langweilig.

So war ich bei der Rückkehr auf mein Schiff schon ein wenig erstaunt, als ich die Frau in meiner Kajüte sitzen sah. Sie trug ein T-Shirt, das eigentlich mir gehörte, und eine Jeans, ebenfalls aus meinem Schrank. Sie saß da, vor sich meinen Lieblingskaffeebecher, den mit dem aufgedruckten Schweinemotiv. Der Becher war gefüllt und dampfte.

Und dann diese Stimme:

„Es ist noch Kaffee da“, sagte sie. „Ganz frisch aufgebrüht.“

Ich rede nicht mit Hologrammen. Nicht mehr, seit ich nach Beendigung meiner Drogenexperimente in frühen Jugendzeiten beschlossen habe, mich in meinem Leben mehr auf Handfestes zu verlegen.

Realität kann auch ganz schön aufregend sein, das habe ich als Segler gelernt. Also begann ich wortlos damit, die frisch eingekauften Sachen im Kühlschrank zu verstauen, ignorierte den personifizierten Flashback in meiner Sitzecke hinter mir und nahm mir vor, gelegentlich über persistierende Wahrnehmungsstörungen zu recherchieren. „Nimmst du Milch oder Zucker oder beides?“

Ich knallte die Kühlschranktür zu. Zu heftig.

„Schwarz!“, sagte ich.

Der Arzt meines Vertrauens war 18.000 Seemeilen entfernt. Luftlinie! Es wurde klar, dass ich diese Situation allein bewältigen musste. Ein Kaffee konnte dabei nicht schaden. Ich setzte mich auf die andere Seite des Kajüttisches, nahm den angebotenen Becher, trank einen Schluck. Der Kaffee war gut, war offensichtlich mit genau der richtigen Zeremonie gefiltert, so, wie ich es selber mache.

„In Ordnung“, sagte ich. „Kaffeekochen kannst du also!“

*

Nora wurde wach und wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie sah auf die Kajütuhr. Sie hatte eine halbe Stunde zu lang geschlafen. Eric hatte sie nicht geweckt. Wachwechsel alle drei Stunden, das war ihre Vereinbarung. Sie hörte das Rauschen der außen am Rumpf entlangstreifenden Wellen und die hellen, zwitschernden Signale der begleitenden Delphine. Sie konnte die hochfrequenten Rufe der Tiere in ihrer Koje deutlich hören. Eric nicht. Er machte sich immer über sie lustig, wenn sie davon sprach. Aber sie wusste genau, wann wieder eine Schule die Schwärme kleinerer Fische jagte, die Schutz unter ihrem Schiffskörper gesucht hatten. Sie hörte sie deutlich durch die sechs Millimeter starke Stahlhaut der Framtid. Sechs Millimeter, die sie vom Tod trennte. Sechs Millimeter Schutz vor fünftausend Metern Wasser bis zum Grund. Sechs Millimeter, hinter denen sie sich sicher fühlte. Aber jetzt war sie beunruhigt.

Sie strampelte das dünne Laken zur Seite und ging gebückt nach vorn zum Navitisch. Eric war nicht zu sehen. Wahrscheinlich saß er draußen im Cockpit. Sie fand es nicht fair, dass er sie nicht geweckt hatte. Sie hatten eine klare Abmachung. Sie empfand es als diskriminierend, wenn er so tat, als ob sie geschont werden müsste.

Die Kurslinie auf dem Plotter malte eine saubere, gerade Linie über die elektronische Karte. An dem einen Ende stand Cartagena, Columbia, der Zielpunkt war irgendwo in der Comarça Kuna Yala vor Panama. Der Autopilot arbeitete zuverlässig. Die Geschwindigkeit war gut, die Richtung perfekt. Das Radar war eingeschaltet. Auf dem Bildschirm gab es keine bedenklichen Punkte, keine verwischten Flecken von drohenden Squalls, keine unbekannten Hindernisse, keine anderen Segler, mit denen man kollidieren könnte. Alles war in Ordnung. Eine angenehme, südkaribische Tropennacht.

Sie zog ihre Fleecejacke über und stieg den Niedergang hoch. Sie wusste genau, was sie Eric sagen würde; und sie wusste auch wie. Sie würde nicht mehr freundlich sein. In der letzten Zeit hatte sich eine Menge in ihr angestaut. Einen Teil davon würde sie jetzt abarbeiten.

Das Cockpit war leer.

Sie stolperte die letzte Stufe des Niedergangs hoch, war dann draußen. Die Frontscheiben des Deckshauses waren von nebliger Gischt beschlagen. Aber sie konnte das Vorschiff überblicken. Ein Dreiviertelmond am klaren Nachthimmel schickte ausreichend Licht. Hinter der Backbordsaling stand dicht über dem Horizont das Kreuz des Südens. Von dessen Fuß aus explodierte der Diamantstaubschweif der Milchstraße über den Himmelszenit nach Norden. Zum Heulen schön.

Eric war nicht an Deck.

„Eric…?“ Sie sagte es leise, fragend, vorsichtig; so, als ob sie niemanden stören wollte. Aber dann wollte sie stören. Sie schrie.

„Eric!“

Sie sprang den Niedergang wieder nach unten und schrie.

„Eric!“

Sie stürzte ins Vorschiff, stieß mit dem Schienbein gegen eine Sitzkante, spürte nicht den Schmerz, riss die Toilettentür auf.

„Eric!“

Auch der Toilettenraum war leer.

Sie schloss die Augen. So konnte sie besser sehen. Sie sah alles gleichzeitig. Sie sah das leere Cockpit, das verlassene Deck, die leere Vorschiffskabine. Sie sah das Boot allein in der Weite des Ozeans, allein mit ihr. Jetzt spürte sie den Eisenring, der sich um ihre Brust legte. Sie spannte die Brust, dehnte das Zwerchfell, saugte die Luft ein, kämpfte gegen den Ring an, der sie zu ersticken drohte.

„Eric.“ Sie sagte es noch einmal. Ganz leise diesmal. Ohne Sinn. Sie wusste, niemand würde sie hören.

Sie stolperte zurück zum Navitisch und drückte die MOB-Taste am Plotter. Man Over Bord. Auf dem Bildschirm flammte ein rotes Kreuz auf, markierte elektronisch die aktuelle Position. Aber die momentane Position war nicht der Ort, wo es passiert war. Man Over Board! Wo es passiert war! Wie das klang! Was? Was war passiert? Aber viel wichtiger noch: Wo? Wo in dieser unendlichen Wasserwüste? 

Wieder kroch sie den Niedergang nach oben, tastete im Cockpit nach dem Startschlüssel des Motors. Der Schlüssel lag immer einsatzbereit. Darauf hatte Eric bestanden. Für Notfälle! Sie drehte den Schlüssel, heizte den alten Diesel ein paar Sekunden vor, startete. Die Maschine sprang sofort an, lief gleichmäßig und ruhig im Leerlauf. Sie registrierte, dass der Auspuff das Kühlwasser in gleichmäßigen Schüben ausspie. Routine. Alles in Ordnung.

Nichts war in Ordnung!

Sie rutschte den Niedergang wieder herunter, fiel, stieß hart gegen den Navitisch. Die Framtid lief mit sechs Knoten Fahrt. Vor 215 Minuten hatte sie sich von Eric verabschiedet und war in ihre Koje gekrochen. Also hatte sie Eric seit 3,58 Stunden nicht mehr gesehen. Seitdem hatte das Schiff 21,5 Seemeilen zurücklegen können. 21,5 Seemeilen, auf denen sie suchen würde. 21,5 Seemeilen, auf denen sie im Sternenlicht einen kleinen Menschenkopf zwischen den schwarzen Einmeterfünfzigwellen finden musste.