Mark Mordue

JUGENDFEUER

Die frühen Jahre
des Nick Cave

Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Thiele

www.hannibal-verlag.de

Widmung

Für meine Kinder

Atticus, Franny und Levon

Und für Bryan Wellington,

Anne Shannon und Eddie Baumgarten

sowie alle Boys and Girls Next Door

Impressum

Deutsche Erstausgabe 2022

© 2022 by Hannibal

Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen

www.hannibal-verlag.de

ISBN 978-3-85445-734-3

Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-733-6

Titel der Originalausgabe: BOY ON FIRE – The Young Nick Cave

Copyright © 2020 Mark Mordue

Erstausgabe 2020 HarperCollinsPublishers Australia Pty Limited

Level 13, 201 Elizabeth Street, Sydney NSW 2000

ABN 36 009 913 517

harpercollins.com.au

ISBN 978 1 4607 5965 3

Grafischer Satz in deutscher Sprache und Covergestaltung: Thomas Auer

Coverillustration © Angie Réhe, adaptiert von einem Foto von © Detlev Schneider Autorenfoto © Hugh Stewart

Übersetzung: Sabine Thiele

Deutsches Lektorat und Korrektorat: Hollow Skai

Hinweis für den Leser:

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden.

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Inhalt

Über den Autor

Zitat

Prolog
Der Journalist und der Sänger

Teil I
The Rider

Such Is Life
Melbourne & Sydney
2007

King And Country
Dockers Plains
1979

Teil II
The Good Son

Man In The Moon
Warracknabeal
2008, 1957–59

Down By The River
Wangaratta
1959–70

Teil III
Sonny’s Burning

The Word
Melbourne
1971–75

Double Trouble
Melbourne
1975–76

Zoo Music Girl
Melbourne
1976–77

Boy Hero
Melbourne
1977–78

Teil IV
God’s Hotel

Shivers
Melbourne
1978–79

Flight From Death
Melbourne
1979

Crime And Punishment
Melbourne
1979–80

Epilog
Der Sänger und der Song

Danksagungen

Editorische Notiz des Autors

Endnoten

Ausgewählte Bibliografie

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Über den Autor

Der Autor und Musikjournalist Mark Mordue schreibt für den Rolling Stone, die Vogue, GQ, Interview und den Sydney Morning Herald. Nachdem er 1992 Australiens führendes Popkultur-Magazin Australian Style gegründet und herausgegeben hatte und 2010 zum australischen Kritiker des Jahres gewählt wurde, war er von 2016 bis 2018 Chefredakteur der in Sydney erscheinenden Kulturzeitung Neigh­bourhood. Neben belletristischen Arbeiten, Essays und biografischen Texten verfasst er auch Gedichte, die für den renommierten WB Yeats Poetry Prize nominiert wurden. Mordue lebt in Sydney und ist Vater zweier Kinder.

Zitat

Letztlich ließ sich kaum sagen,

was romantischer, was aufregender war:

der tatsächliche Mann oder der Mythos,

zu dem er geworden war.

Colin F. Cave – Ned Kelly, Man and myth

Prolog
Der Journalist und der Sänger

Mein erstes Gespräch mit Nick Cave war ein Telefoninterview anlässlich der Promotion seines zweiten Soloalbums, The Firstborn Is Dead (1985), einer unheilvollen, vom Blues beeinflussten Platte, die in fast schon biblischer, apokalyptischer Sprache die Geburt von Elvis Presley – und damit des Rock’n’Roll – feierte. Unsere Unterhaltung war so trocken wie Wüstengras, so zäh und unkonkret, dass sie zwischendurch versiegte. Cave schien nicht das geringste Interesse daran gehabt zu haben, was ich ihn fragte oder sagte. Damals war er für seinen notorischen Hass auf Journalisten berüchtigt. Nach diesem anstrengenden Gespräch legte ich den Hörer mit schweißnassen Händen und schwerem Herzen auf. Was für ein Reinfall.

Danach riss ich mich nicht mehr darum, mit Cave zu sprechen, geschweige denn ihn persönlich treffen. 1988 wollte ich ihn trotzdem für On the Street interviewen, eine Gratiszeitung, die in Sydney erschien. Aller guten Dinge sind zwei, dachte ich wohl. Im direkten Gespräch musste er doch aufgeschlossener sein als über eine hallende Telefonverbindung, bei der seine Stimme wie aus weiter Ferne geklungen hatte. Außerdem war er der bedeutendste australische Rockmusiker seiner Zeit. Man konnte ihn nicht ignorieren.

Cave war in der Stadt, um aus seinem lang erwarteten Roman zu lesen, der zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war und erst 1989 unter dem Titel Und die Eselin sah den Engel veröffentlicht wurde. Er nannte sich aber bereits „eher einen Schriftsteller“1 und lehnte Rockmusik wegen ihrer Niveaulosigkeit und des wie Pawlowsche Hunde konditionierten Publikums ab.2

Man hatte mir die Adresse eines Lagerhauses gegeben, das sich in einer Gasse direkt hinter der Oxford Street befand, Sydneys alternativem und bohemehaftem Schwulenviertel. Cave hatte sich darin offenbar mit einer Freundin oder einem Dealer oder einem kriminellen Bekannten vergraben – die Gerüchte waren vielfältig und hingen vom jeweiligen Gesprächspartner ab. Um Cave rankten sich immer Gerüchte, jede seiner Aktivitäten wurde begierig aufgesogen und ausführlich in Sydneys einschlägigen Kreisen diskutiert. Sonst sorgte nur Michael Hutchence so zuverlässig für Wirbel. Ihre Anwesenheit schien sich geradezu wellenförmig von dem Moment an durch die Stadt zu verbreiten, in dem das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte und sie halb im Verborgenen unsere abgeschirmte kleine Welt betraten.

Als ich an einem Sonntagnachmittag an die Tür einer alten Garage klopfte, wurde ein Schlüssel auf die Straße geworfen, begleitet von einem vage vertrauten Rufen, das irgendwo über mir ertönte. Während ich aufschloss, hörte ich Schritte auf dem Holzboden im Obergeschoss und das Knarzen einer Falltür. Eine Leiter wurde polternd zu mir heruntergelassen, und über mir stand Nick Cave im Gegenlicht. Wie eine gruselige Gestalt in einem B-Movie über einen Journalisten, der einen furchteinflößenden Rock-Vampir interviewen soll, bedeutete er mir, nach oben zu kommen. Ich schluckte und machte mich auf den Weg zu Nosferatu.

Sobald ich durch die Öffnung geklettert war, schlug die Atmosphäre sofort um. Cave war ein beflissener Gastgeber, während eine junge Frau, die ich für seine Freundin hielt, ihn herumscheuchte, als wäre ich gerade in eine Gothic-Version der britischen Sitcom George and Mildred geraten. „Hol Mark etwas zu essen, Nick“, befahl sie knapp. Eine große Platte mit liebevoll angerichteten Weintrauben, Litschis, Melonen und Äpfeln wurde mit großer Geste vor mir abgestellt.

Als Cave sich gerade hinsetzen und sich etwas von dem Essen nehmen wollte, fragte seine Freundin: „Hast du Mark Kaffee angeboten, Nick?“ Wieder stand er auf, steif und mit gespielt düsterer Miene. Er ging zu einem alten Metalltrichter, der an einer hölzernen Werkbank befestigt war, schüttete Kaffeebohnen hinein und drehte langsam die Kurbel: „Mahlen, mahlen, mahlen, das ist die Geschichte meines Lebens.“

Eine Auswahl teuren Gebäcks wurde mir ebenfalls serviert, und ich dankte dem Paar für seine überraschende Gastfreundschaft. Cave fragte mich, warum ich so überrascht sei. Eine ausweichende Antwort schien mir taktisch unklug, weshalb ich seine Fürst-der-Finsternis-Aura ansprach und seinen Ruf, Journalisten schlecht zu behandeln. „Wer sagt das?“, fragte er ein wenig angesäuert. „Nun, der NME …“, begann ich und bezog mich dabei auf das damals einflussreiche britische Musikmagazin, den New Musical Express. „Der NME!“, knurrte er und mahlte die Bohnen mit mehr Nachdruck. Seine Freundin sah zu mir und sagte: „Hör bloß damit auf.“ Ihm rief sie beruhigend zu: „Nick, schon gut …“ Cave mahlte weiter, ließ seinen Ärger an den Bohnen aus. „Der NME!

Schließlich kam er mit einer großen silbernen Kanne voll dampfendem Kaffee zurück. Auf einem silbernen Tablett stand feines Porzellan bereit. Beim Einschenken schweiften seine Gedanken allerdings ab, der Kaffee floss langsam aus der Kanne um die Tassen, der Kreis wurde immer größer, das Tablett füllte sich mit der schwarzen Flüssigkeit wie ein Swimmingpool, bis Nick wieder in die Gegenwart zurückkehrte und letztlich auch die Tassen traf. Nach vollbrachter Tat fragte er mich mit so viel Würde, wie er aufbringen konnte: „Milch oder Zucker?“

Die nächsten zweieinhalb Stunden des Interviews verliefen ähnlich. Jede Frage schien Cave riesige Konzentration abzuverlangen, unterbrochen von regelmäßigen Pausen und nur Sekunden dauernden Schlafmomenten. Seine zuweilen dünne und brüchige, manchmal aber auch sonore und selbstbewusste Stimme wirkte hypnotisch. Ich fühlte mich haltlos, wusste nicht, was ich tun oder wie ich mich verabschieden sollte. Ich glaube, das Gespräch endete nicht, es verblasste. Irgendwann waren wir alle unendlich entspannt, und ich schlich mich durch die Bodenklappe nach unten.

Auch bei diesem Interview mit Nick Cave hatte ich das Gefühl, versagt zu haben, trotz seiner großen Bemühungen, mir entgegenzukommen. Vor allem lag es daran, dass ich nicht genau wusste, wie ich unser Treffen zusammenfassen sollte. Mir graute auch davor, die Tonbänder zu transkribieren, was mich noch viel mehr Zeit als das eigentliche Interview kosten würde.

Zwei Abende später stand Cave auf der Bühne des Mandolin Cinema im Stadtteil Surry Hills in Sydney und las aus seinem Buchmanuskript, begleitet von atmosphärischer Musik, die zusammen mit seiner Stimme immer lauter und leiser wurde und eine angemessen bedrohliche und traumartige Atmosphäre erzeugte.3 Als perfektes Abbild des „Black Crow King“ (einer von vielen typischen Songs, in denen er sich auf sich selbst bezieht und die zu dem ihn umgebenden Mythos beitragen, trotz der darin enthaltenen satirischen Seitenhiebe auf sein Image und dessen Anhänger) kam Cave nicht einfach auf die Bühne, sondern ging stolpernd und wankend, als hinge er an unsichtbaren Fäden. Irgendwann fiel er auch von der Bühne. Dennoch war das Kino bis zum letzten Platz mit seinen Fans gefüllt, zwei Abende hintereinander war die Vorstellung ausverkauft. Es gelang ihm, die Stimmung seines fast vollendeten Werks in den Raum zu übertragen, eines glaubwürdig wirkenden Romans voll schwarzem Humor in der Tradition von William Faulkner.

Als ich 1994, sechs Jahre nach diesen beiden Lesungen und unserem Treffen in dem Lagerhaus, das nächste Mal mit Cave sprach, hatte sich das Blatt gewendet. Wir telefonierten. Er lebte zu der Zeit in Brasilien, in São Paulo, und war – zumindest nach außen hin – völlig clean. Für mich war es früher Morgen. Sehr früh. Leider hatte ich mich am Abend zuvor von meiner Freundin getrennt, war die ganze Nacht unterwegs gewesen und gerade rechtzeitig zur Tür hereingestürzt, um Caves Anruf entgegenzunehmen. Zum Glück hatte ich mich am Tag zuvor auf das Interview vorbereitet. Als Cave mich fragte, wie es mir ginge, erzählte ich ihm alles: Dass ich die ganze Nacht herumgelaufen sei, viele Gedanken und Gefühle gewälzt hätte, ein langer, chaotischer, emotionaler Vortrag. Zum Schluss sagte ich, ich wäre begeistert von seinem neuen Album, Let Love In, und fragte ihn, ob er in São Paulo eine Lieblingsspazierroute habe.

Cave schwieg lange, knurrte leise – und dann redeten wir. Es war ein großartiges Interview, und ich mochte ihn sehr. Er schien meinem „Zustand“ gegenüber völlig unvoreingenommen zu sein; tatsächlich war er sehr höflich und auch ein wenig amüsiert. Meine erste Frage beantwortete er folgendermaßen: „Meine Lieblingsstrecke gehe ich jeden Tag, sie führt zu meiner Stammkneipe hier im Viertel. Aus der Tür, die Straße entlang, an dem Schrottplatz mit den Hühnern und dem alten Hund vorbei. Einen steilen Hügel hinauf zu meiner Lieblingsbar San Pedro’s. Dort arbeitet ein riesiger Barkeeper, der fetteste Mann, den ich je gesehen habe. Die Einheimischen reden von ihm immer als dicke Frau, aber er ist ein Mann mit einem Schnurrbart. Für mich sieht er eher wie ein riesiges Baby aus. Dort sitze ich, lese, trinke und denke über den Sinn des Lebens nach. Dann gehe ich wieder hinunter zu meiner Wohnung.“

Ein paar Jahre später, 1997, traf ich Cave erneut, in einem recht sterilen Raum mit Neonbeleuchtung beim Label Festival Mushroom in Sydney. Cave erinnerte sich an mich, doch er war seltsamer Stimmung und – das wird mir nachträglich klar – hochgradig verletzlich, nachdem The Boatman’s Call kurz vor der Veröffentlichung stand, ein rohes und selbstentblößendes Album rund um die Trennung von ihm und seiner brasilianischen Freundin Viviane Carneiro sowie eine schmerzhafte Affäre mit PJ Harvey. Nichts von alldem war zu dem Zeitpunkt allgemein bekannt. Ich fragte ihn trotzdem, fast beiläufig, ob die Liebe einer anständigen Frau seiner Meinung nach einen Mann erlösen könne. Die Frage schien sich aus den Songtexten und Anspielungen auf dem Album zu ergeben. Cave sah mich an, als sei ich ein absoluter Vollidiot, dann blickte er zu der weißen Wand, als sei er selbst ein hoffnungsloser und gottverlassener Fall. „Wie zum Teufel soll ich das wissen?“, sagte er. Dann sah er wieder mich an und wartete auf die nächste Frage.

Über zehn Jahre nach dieser Begegnung begann ich, an einer Biografie über ihn zu arbeiten. Biografien sind seltsame Geschöpfe, bei denen man etwas nicht vernachlässigen darf, was bereits die Künstler der italienischen Renaissance wussten: Dass der Maler bei einem Porträt nämlich auch immer ein Stück weit sich selbst malt.5

2010 trafen Nick und ich uns in seinem Büro in Brighton and Hove, um über das Projekt zu sprechen. Man hatte mir gesagt, er würde ein paar Stunden für mich erübrigen können. Wir verbrachten die nächsten drei Tage mit intensiven Gesprächen und trafen uns auch in den folgenden Jahren oft auf Tour, telefonierten und schrieben E-Mails. Unser erstes Treffen vor seinem Büro fand an einem sehr warmen Tag statt, das weiß ich noch. Der Strand war so nah, dass ich die Wellen auf die Steine schlagen hörte. Ich trug ein neues Paar Havaianas-Flipflops in „Brazilian Blue“, die ich mir als Glücksbringer für diesen ersten Termin gekauft hatte. Nick bemerkte sie sofort. „Tolle Farbe! Meine sind pink. Ich werde sie morgen anziehen.“

Er war guter Laune und sprühte vor Kreativität und der momentanen Begeisterung für das Werk der amerikanischen Lyriker John Berryman und Frederick Seidel. Später beschäftigte ich mich eingehender mit Berryman. Sein Spiel mit diversen Identitäten faszinierte mich und wie er sich selbst durch Schauspieler hinterfragte, die Variationen seiner eigenen Persönlichkeit repräsentierten. Seidel war völlig anders, bewegte sich fordernd und privilegiert, wild und liedartig durch die Welt. Es war leicht nachzuvollziehen, warum Nick sich von diesen literarischen Stimmen angesprochen fühlte. Er legte mir nahe, mich mit Jerome Rothenberg auseinanderzusetzen, dessen Gedichtsammlung Technicians of the Sacred ein Referenzwerk für ihn geworden war. Sie enthielt schamanistische Rituale und Gesänge aus aller Welt sowie deren zeitgenössische Äquivalente. Die radikalen Logiksprünge, die alles durchziehende Magie, die Konzentration auf Klang als Ausdruck von Sinn oder Empfindung (im Gegensatz zu Sprache) schwingt in allem mit, was auf Push The Sky Away folgte. Beim Schreiben sehe ich vor mir, wie Rothenbergs Werk Nicks Auffassung von Musik und Sprache geändert hat, wie es die spirituelle Reise beeinflusst hat, auf der zusammen mit Warren Ellis und den restlichen Bad Seeds Ghosteen entstanden ist.

Am zweiten Tag unserer gemeinsamen Zeit in Brighton gingen wir nach oben in die Wohnung der Familie – ein seltener Vertrauensbeweis. Während Nick Anrufe beantwortete, fragte mich seine Frau Susie Bick, ob ich Hunger habe. Sie machte mir ein Sandwich zum Mittagessen und bot mir dann Tee und Kekse an, nach denen sie im Kühlschrank suchte. Susie strahlte eine aristokratische, fast schon nervöse Energie aus, die mir exzentrisch, verletzlich und gleichzeitig wild vorkam, irgendwie nicht von dieser Welt. Dass sich Susie die Mühe machte, die Kekse für mich zu suchen, fand ich besonders nett und aufmerksam. Und auch wenn sie nicht für die Biografie interviewt werden wollte, mochte ich sie, weil sie mich bei sich zu Hause willkommen hieß. Andere wären an ihrer Stelle zurückhaltender oder misstrauischer gewesen.

Nick erzählte mir später, dass Susie die Angewohnheit hatte, regelmäßig die Möbel umzustellen. Wenn er aus London oder von einer Tour zurückkam, selbst nach einem Abend außer Haus, konnte es vorkommen, dass er das Wohnzimmer und den Fernseher nicht mehr fand. „Manchmal verlegt sie das ganze Schlafzimmer, und ich muss danach suchen.“ Er zuckte mit den Schultern und schien es hinzunehmen. „Ich habe es in einem Song verarbeitet. Die Leute glauben, ich hätte mir da irgendein poetisches Bild einfallen lassen. Dabei habe ich nur eine nüchterne Tatsache beschrieben.“

Im Erdgeschoss wohnte ein Mann, dem Nick erst kürzlich beim Entrümpeln geholfen hatte. „Er war wie diese Menschen in den Fernsehsendungen, die Unmengen Sachen anhäufen. Messies.“ Man hatte die Wohnung kaum betreten können. Das Gerümpel hatte sich schon im Hausflur gestapelt. Nick konnte den Mann überreden, einige alte, rostige Fahrräder aufzugeben und noch einiges andere von dem gehorteten Krempel. Man musste den armen Typen nur bestärken und ermutigen. „Ich habe ihm gesagt, komm schon, du kannst das.“ Nick lachte. „Ich weiß, dass er die Wohnung wieder vollmüllen wird, und in einem Jahr werde ich ihm wieder beim Entrümpeln helfen.“

Vielleicht machte der Ruhm auch in seinem Leben ein ebenso radikales Aufräumen notwendig. Ich sah, wie vehement manche Menschen sich an Nick hängen wollten, und wie verletzt und wütend sie sein konnten, wenn es ihnen nicht gelang. Ich definierte so gut wie möglich meine eigenen Regeln zu Nähe und Distanz, da es mir peinlich war, wie manche Menschen sich erniedrigten, ja sogar entmündigten, nur um in seiner Nähe zu sein.

Für mich als Biograf hatte ich unser schwer in Worte zu fassendes Verhältnis als eine Art Arbeitsfreundschaft eingeordnet. Mir war klar, dass die Freundschaft wahrscheinlich einschlafen würde, sobald die Arbeit getan war. Mit diesem Dilemma ließ Nick die Menschen zurück, nachdem ihre Lebensgeschichte in den Windschatten seines eigenen Lebens gesogen worden war und sich immer daran und an den dazugehörigen Songs messen lassen musste. Ich schwor mir, diese fatale Bindung zu vermeiden. Natürlich ist es aber nie so einfach, wenn man Menschen erst einmal besser kennt. Zurückhaltung zu üben kann verwirrend sein, vielleicht sogar heuchlerisch. Sich zu öffnen allerdings auch.

Am dritten Tag gingen Nick und ich nach der Schule mit seinen zehnjährigen Zwillingen Arthur und Earl Pizza essen. Wie viele Väter, die zu Hause arbeiten, schien Nick eine sehr enge Bindung zu seinen Kindern zu haben und aktiv in ihr Leben involviert zu sein. Earl war ruhiger und schüchterner und kam mit seiner zarten Art eher nach Susie. Arthur sah zwar zerbrechlich aus, ähnelte aber eher Nick und war sehr lebendig. Er interessierte sich fürs Zaubern und führte gern Dinge vor, zum Beispiel einen beeindruckenden Seiltrick. Selbst als er mir zeigte, wie das theatralische und schnelle Entwirren funktionierte, war mir nicht klar, wie er es geschafft hatte. Arthur erklärte es mir noch ein paarmal, doch auch dann verstand ich die Auflösung nicht. Schließlich brachte Nick ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen und sagte: „Ich glaube, dein Geheimnis ist hier in England sicher, Arthur. Mark wird den Seiltrick nicht mit zurück nach Australien nehmen können.“

Im Sommer 2013 steckte ich mitten in der Arbeit an der Biografie. Nick und ich trafen uns in Melbourne im Haus seiner Mutter Dawn. In der Abenddämmerung gingen wir mit seinen Söhnen in einen nahegelegenen Park. Die Jungen fuhren abwechselnd mit einem Skateboard. Earl schien mir der geschicktere Skateboarder zu sein, doch Arthur rollte langsam um einen schwach beleuchteten Pavillon, während Earl immer wieder aufs Geländer kletterte und ihn mit einer professionell aussehenden Videokamera filmte. Nick rief den beiden zu, sie sollten vorsichtig sein. Sie erklärten ihm, sie wollten den Eindruck erwecken, Arthur schwebe wie ein Vogel oder wie in einem Traum, deshalb dürfe das Skateboard nicht auf der Aufnahme zu sehen sein.

Der Tod des fünfzehnjährigen Arthur, der am 14. Juli 2015 von einer Klippe stürzte, war eine furchtbare Tragödie für Nick und Susie und Earl und alle anderen Angehörigen. Mein Biografieprojekt war schon lange aus dem Ruder gelaufen, da mich die Menge, Qualität und Tiefe von Nick Caves Veröffentlichungen überwältigten. Ich schrieb an einem aufgebauschten und endlosen Monster von Moby-Dick-artigen Ausmaßen. Mein ursprüngliches Konzept hatte ein konventionelles chronologisches Vorgehen und die sieben Leben einer Katze umfasst, aber auch eine symbolische Grundstruktur auf der Basis von Miltons Das verlorene Paradies, auf das sich Nick wiederholt mit Anspielungen wie „die rote Hand“ Gottes bezogen hatte.6 Ich sah viele deutliche Parallelen: Gott verbannt den Rebellen Satan aus dem Himmel (Nick wurde von seinem Vater aus dem Haus in Wangaratta verbannt). Der gefallene Engel versammelt seine dämonischen Heerscharen und erschafft das Pandämonium (Nick lernt die Mitglieder von The Boys Next Door kennen, und der Crystal Ballroom in St. Kilda schweißt sie zusammen). Satan dringt in den Garten Eden ein und übt verheerende Rache (Nick geht nach England, in die Wiege der Kultur, um diese zu attackieren). Solche Verbindungen waren lose und zufällig, aber auch in Liedform dokumentiert, als hätte Nick die ganze Zeit seine eigene Mythologie erschaffen und manifestiert. Was er natürlich auch getan hatte.

Nach Arthurs Tod hatte Nick das Gefühl, sich grundlegend gewandelt zu haben. Es gab nur ein Davor und ein Danach. „Ich bin jetzt ein anderer Mensch“, sagte er ein paarmal zu mir. Seiner Auffassung nach wurde dadurch alles, was er in unseren Gesprächen gesagt hatte, „völlig unerheblich“.

Unsere Kommunikation versandete. Ich war mit meinem eigenen chaotischen Leben beschäftigt, da zu dem Zeitpunkt meine großen Milton-artigen Pläne für eine Megabiografie über Nick Cave kollabiert waren. Nick war während meines Absturzes die ganze Zeit nett und verständnisvoll, zeigte sich besorgt um mein Wohlergehen und bestärkte mich, wieder auf die Füße zu kommen. Außerdem bot er mir gut gelaunte Konversation sowie ein bisschen wohldosierten Pragmatismus. Unser gemeinsamer Weg sollte sich allerdings bald trennen, was mir von Anfang an bewusst gewesen war. Die Reise war zu Ende.

Ich jammerte, dass ich ja trotz allem eine fast fertige Biografie hatte, das Porträt des Künstlers als jungem Mann und seiner vielversprechenden Zukunft. Ein Buch, das – mit ein wenig zusätzlicher Arbeit – angesichts der Ereignisse sogar noch wichtiger wäre. Es beschäftigte sich mit Nick Caves Kindheit und Jugend, von Wangaratta bis zur Bühne des Crystal Ballroom in Melbourne, mit den Landschaften, Büchern, Künstlern, Beziehungen und Freundschaften, die ihn geformt hatten und auf die er sich regelmäßig in seinen Songs, Büchern, Gedichten und Filmen bezog. Ich glaube, diese Jugend in Australien, diese australische Identität ist tief in ihm verwurzelt. Meiner Meinung nach spielt auch das Paradoxe am „Australisch sein“ hinein: Wir unterschätzen und verbergen, ignorieren sogar, wer wir sind, während wir verzweifelt nach internationaler Bestätigung suchen und dabei unsere eigene Geschichte aus dem Blick verlieren und vergessen. Je älter wir allerdings werden, desto mehr erkennen wir, wie essenziell unsere Herkunft für den Menschen ist, zu dem wir geworden sind und zu dem wir noch werden können.

In dieser Biografie soll an diese Welt erinnert werden. Nicht nur Nick Caves Kindheit und Jugend sollen behandelt werden, sondern auch die damit verbundenen Erinnerungen und Geschichten der Menschen aus seinem Umfeld. Das Leben eines Jungen, der für alles brannte, was er in sich aufgesogen hatte, um einer unserer dunkelsten und schließlich einer der strahlendsten Rockstars zu werden. Strahlend genug, um für andere zu leuchten.

Teil I
The Rider