Die Autorin

FRIDA GRONOVER, geboren 1969, verbrachte die Sommer ihrer Kindheit auf Falster und ist der dänischen Insel seitdem besonders verbunden. Wenn sie nicht in ihre Wahlheimat reist, lebt sie zusammen mit ihrer Familie und ihren Tieren in Nordrhein-Westfalen.

Frida Gronover

Gitte Madsen ermittelt - Die ersten drei Bände der beliebten Dänemark-Krimireihe

3 Dänemark-Krimis in einem E-Bundle

Ullstein

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Sonderausgabe im Ullstein Taschenbuch
April 2022
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2022

Ein dänisches Verbrechen:

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018
Umschlaggestaltung: bürosüd° GmbH, München
Titelabbildung: mauritius images / © Günter Rossenbach

Dänische Schuld:

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Titelabbildung: © Daniel Schoenen / getty images (Haus mit Steg am Meer); © PhotographerCW / getty images (Fahne); © Roberto Moiola / Sysaworld / getty images (Strand im Hintergrund); © FinePic®, München (Düne)

Dänische Gier: 

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Titelabbildung: © Stuart Black / Alamy Stock Foto (Landschaft); © FinePic®, München (Himmel, Haus, Fahne) 

Autorenfoto: © Studioline Hamm

ISBN 978-3-8437-2762-4

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Ein dänisches Verbrechen


1

Eine Überfahrt mit der Autofähre von Puttgarden im Norden Deutschlands nach Rødby in Dänemark dauerte keine Stunde.

Bereits wenige Minuten nach dem Ablegen des großen Kahns sah Gitte eine Menge Passagiere dösend in den Sesseln und auf den Bänken sitzen, oft mit einem Becher Kaffee in der Hand. Sie grinste, als sie umherblickte. Viele der älteren Kinder sprangen herum, schauten durch die großen Fenster aufs Meer hinaus oder stürmten über die Sonnendecks. Die kleinen Kinder hingegen hingen im Arm der Eltern, viele weinerlich und völlig übermüdet. Es gab auf dieser Fähre zum Zeitvertreib sogar einarmige Banditen, aber insgesamt erinnerte der Wartebereich an eine Bahnhofshalle.

Die Ungeduldigen unter den Touristen strebten schon früh zum großen Shop und wussten offenbar genau, was sie an Spirituosen und Kosmetikwaren brauchten.

Gitte wollte erst kurz vor dem Anlegen in den Shop gehen und in sentimentaler Erinnerung an alte Zeiten mit ihrem Vater einige gefüllte Schildkröten kaufen. Es gab diese Schokodinger mit Lakritze oder Karamell. Als Kind hatte sie die Schokoschildkröten geliebt.

Derweil beobachtete sie relativ ungeniert die Leute in der Nachbarschaft ihres Sessels. Nach zwanzig Minuten wusste Gitte, dass die Familie ihr gegenüber bereits zum dritten Mal in Dänemark Urlaub machte und hoffte, diesmal endlich gutes Wetter zu haben. Sie erfuhr auch, dass der Mittlere der drei Geschwister eine Lese-Rechtschreib-Schwäche und deshalb neben der Badehose auch seine Deutschbücher dabeihatte. Grausam. Am liebsten hätte Gitte der Familie einige Tipps für einen entspannten Urlaub mitgegeben.

Es war Samstagmorgen, die Fähre war bis auf den letzten Autoplatz gefüllt und schipperte bei strahlendem Sonnenschein durch das blaue Wasser. Alle Urlaubsgäste an Bord waren entzückt, viele saßen draußen auf den Sonnendecks. Was für ein herrlicher Start in die schönste Zeit des Jahres.

Gitte selbst war das Wetter beinahe egal, sie würde noch genug Gelegenheit bekommen, jede Variante des Sommers in Dänemark zu erleben. Denn sie hatte eine anfangs nur vage Idee tatsächlich in Realität verwandelt und siedelte nach Dänemark über. Das klang ungewöhnlicher, als es für Gitte war. Mit einem dänischen Vater und einer deutschen Mutter war sie in beiden Ländern und beiden Sprachen heimisch. Die glatten blonden Haare hatte sie von ihrem Vater geerbt, obgleich längst nicht alle Dänen blond waren. Ihr Naturell hätte jeder, der sich da auskannte, als original westfälisch beschrieben, womit die sehr direkte, aber manchmal wortkarge oder auch sture Art der münsterländischen Landbevölkerung gemeint war.

Da fiel ihr jemand auf, der ebenso wenig Urlaubsstimmung ausstrahlte wie sie selbst. Der südländisch wirkende junge Mann stand aufrecht an die Wand gelehnt, eine Hand umschloss einen weißen Pfeiler, die andere umklammerte einen sehr großen Rucksack, der zwischen den Beinen des Jungen steckte, beides so angestrengt, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Das Gesicht mit den schwarzen Augen und dem feinen dünnen Schnurrbart war starr. Und wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass der junge Mann leise vor sich hin redete.

Gitte Madsen erkannte Angst bei einem Menschen, wenn sie sie sah. Sie hatte lange als pädagogische Mitarbeiterin in der Opferhilfe gearbeitet. Außerdem fühlte sie sich selbst gerade nicht besonders mutig. Immer wieder musste sie zu dem jungen Mann hinüberblicken. Er sah so hilflos und einsam aus.

Sie vermutete eine panische Furcht, das Schiff könnte kentern. Er blieb trotz seines starren Gesichtsausdrucks fluchtbereit, behielt ständig den Ausgang im Auge und stand nahe an der Tür zu den Decks. Ungünstig nahe. Die Wahrscheinlichkeit, von einem anderen Passagier geschubst zu werden und hinzufallen, war deutlich größer als die zu ertrinken. Zumal der junge Mann sehr schmal gebaut war. Gitte überlegte, wie sie ihn zum Lächeln bringen könnte. Dann sähe er mit diesen runden Augen und dem schönen Mund bestimmt fantastisch aus.

Als neben ihr ein Platz frei wurde, machte sie dem fremdländischen Jungen ein Zeichen, dass er sich setzen könne. Er lächelte, ganz kurz, aber tatsächlich sehr schön. Doch er blieb stehen und starrte weiterhin durch die Fenster aufs Meer hinaus. Ruhiger würde er wohl erst werden, wenn das dänische Land in Sicht kam. Dann würde allerdings in ihr selbst Unruhe aufkommen.

Und das wäre auch kein Wunder. Mit vierunddreißig Jahren den Job zu kündigen und mit der Fähre nach Dänemark überzusiedeln riss einen auf jeden Fall aus dem Alltag. In ihrem Fall einem eigentlich recht geordneten Alltag. Wäre da nicht der Tod der Mutter gewesen. Der hatte ein ganz schönes Loch in ihr Leben gerissen, und sie musste feststellen, dass Münster nicht mehr ihre erste Wahl war. Die Trennung von ihrem Freund kam erschwerend hinzu, und Gitte beschloss, nach Dänemark zu ziehen, in das Land ihres Vaters. Das war ein großer Schritt, der viel mit ihren Gefühlen zu Dänemark zu tun hatte, denn ihr Vater war vor knapp zwanzig Jahren bei einem Auftrag dort spurlos verschwunden.

Immerhin hatte sie sich in Dänemark einen Job besorgt. In Marielyst, das sie von Urlauben her kannte, würde sie bei einem örtlichen Bestatter arbeiten. Dieser Beruf faszinierte sie, seit sie noch während der Schule ein Praktikum gemacht hatte. Nun hatte sie noch einen entsprechenden Lehrgang absolviert und war froh, dass der Bestatter in Marielyst sehr kurzfristig jemanden gesucht hatte, als Ersatz für einen verunglückten Mitarbeiter. Zusammen mit dem Geld, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, würde sie eine Zeit lang über die Runden kommen. Ein kleines Häuschen, so eine niedliche Ferienholzhütte, wartete ebenfalls auf sie.

Die Hütte sei sogar wintertauglich, hatte der Vermieter geprahlt. Darin hätten schon jede Menge deutsche Touristen Weihnachten gefeiert. Das hatte er eigens betont: deutsche Touristen. Die bräuchten es doch immer extra warm, trocken und sauber. Und auf die Beleuchtung legten sie auch großen Wert. Hell sollte der Raum sein, jede Ecke musste man erkennen können. Der Däne hingegen hatte seine Beleuchtung lieber »hyggelig«, gemütlich halt. Und dann hatte er gelacht, der Herr Asgersen.

Nun, dieses Jahr würde sie dort Weihnachten feiern.

Plötzlich schrie ein kleiner Junge los: »Mami, Feuer, Feuer, es brennt!« Gitte sah, wie der Junge mit dem Rucksack zwischen den Beinen heftig erschrak. Aufgeregt blickte er um sich, ohne dabei die Hand von der Eisenstange zu nehmen.

Zwei, drei andere Passagiere sprangen beunruhigt auf und drehten den Kopf suchend in sämtliche Richtungen, doch die meisten Leute sahen ruhig den beiden Stewards entgegen, die den Gang entlangeilten. Tatsächlich konnte man einen Brandmelder gedämpft tuten hören. Für einen ganz kleinen Moment durchfuhr auch Gitte ein Schreck, dann beruhigte sie sich wieder. Der Signalton kam von den Toilettenräumen, da explodierte so leicht nichts.

Hinter dem kleinen Jungen tauchte jetzt ein langhaariger Mann auf, zu dem sein teurer Blazer nicht recht passen wollte.

Er sagte zerknirscht: »Ich habe auf der Toilette geraucht, und die Rolle Klopapier hat sich entzündet. Ein Versehen. Entschuldigung.«

Gitte war sich nicht sicher, ob der ängstliche Passagier die auf Dänisch gesprochenen Worte verstanden hatte, und sie ging zu ihm, um ihm auf Englisch Entwarnung zu geben. Er nickte eifrig und sagte in einem leidlich verständlichen Gemisch aus Englisch und Deutsch, dass alles okay sei. Er wisse schon, dass er keine Angst haben müsse.

Einmal ins Reden gekommen, wurde der junge Mann gesprächig und wiederholte mehrmals, dass es doch so voll sei auf der Fähre.

»Volle Boote bringen Tod im Wasser. Das Meer holt sich Tribut.« Dazu nickte er mit dem Kopf, sodass einzelne schwarze Locken wippten.

Das klang sehr nach einer traumatischen Erfahrung, und kurz kam ihr der Gedanke, es könnte sich um einen Flüchtling handeln. Sie fragte ihn, woher er komme.

»Ich bin Grieche. Ich habe gearbeitet auf einem Fischerboot. Und dann kam kleines Boot mit Flüchtlingen. So viele Leute. Sie schreien und wollen Hilfe, aber beide Boote sind zu klein für so viele Menschen. Ich habe immer wieder Menschen aus dem Wasser gezogen.« Er ließ die Stange los und machte mit den Armen Bewegungen, als fischte er jemanden aus dem Wasser.

»Ich konnte nicht mehr, war so schwach, zu viele im Wasser, und alle rufen nach Hilfe. Und sie starren mich an. Da war so viel Angst. Vier Menschen sind ertrunken.« Er riss die Augen so weit auf, dass zu viel Weiß zu sehen war. Diese Augen machten Gitte ganz nervös.

»Das muss schrecklich gewesen sein. Aber auf dem Schiff sind nicht zu viele Menschen, die Fähre ist groß genug. Es gibt nur einen Blödmann an Bord«, sagte sie in beruhigendem Tonfall.

Jemand lachte bestätigend, als er ihre Worte hörte.

Wie furchtbar, mitansehen zu müssen, wie andere ertrinken, ohne helfen zu können. Kein Wunder, dass eine Überfahrt über das offene Meer, egal, wie groß das Schiff war, ihn daran erinnerte.


Und endlich befand sie sich auf dänischem Boden. Gitte ließ ihren alten Volvo über die Rampe rollen und fuhr zum Ausgang des Fährhafens. Links von ihr warteten schon neue Autoschlangen, um sich nach Deutschland zurückbringen zu lassen. In vielen Bundesländern waren die ersten drei Wochen der Sommerferien bereits um. Sie selbst hatte alles andere als Urlaub hinter sich. Eine Umsiedlung in ein anderes Land erforderte eine Menge Behördengänge, man musste viel organisieren und entscheiden. Immerhin hatte Gitte seit ihrem zehnten Lebensjahr in Münster gelebt. Damals war die Familie von Kopenhagen, wo sie ihre frühe Kindheit verbracht hatte, nach Deutschland gezogen.

Gitte hielt noch kurz am Straßenrand an und warf einen Blick in den Karton, in dem Hieronymus die lange Fahrt hinter sich gebracht – und hoffentlich sicher überstanden hatte. Beim ersten Geräusch erhob er sich aus seiner dösenden Haltung und fuhr den Kopf aus dem Panzer heraus, als wollte er fragen, wie weit sie schon seien. Hieronymus war eine mediterrane Landschildkröte, eine sogenannte Testudo Hermanni boettigeri, und mit vierunddreißig Jahren genauso alt wie Gitte. Er war ein Geschenk ihres Vaters zur Einschulung gewesen und bedeutete Gitte viel. Egal, von welchen Menschen sie in ihrem Leben noch verlassen werden würde, gemeinsam mit diesem Tier würde sie alt werden. Achtzig Jahre konnte auch eine Landschildkröte schaffen.

Eine Dreiviertelstunde später befuhr sie den Kreisverkehr am Eingang des beschaulichen Ortes Marielyst. Marielyst war ein Ferienort auf der dänischen Insel Falster und zählte damit zu Dänemarks sogenannter Südsee. Trotz des exotischen Begriffs durfte man allerdings keine tropischen Temperaturen erwarten. Auf Falster herrschte ein feuchtes und typisch dänisches Wetter vor, selbst in den Sommermonaten wurde es selten viel wärmer als zwanzig Grad. Aber gäbe es hier eine Garantie für gutes Wetter, dann würde Marielyst in kürzester Zeit vom Tourismus überrollt. Schon mehrfach war der feine, zwanzig Kilometer lange Sandstrand zum besten Strand Dänemarks prämiert worden.

Gitte musste grinsen, als sie daran dachte, dass jeder dauerhaft hier lebende Besucher die Einwohnerzahl von Marielyst deutlich erhöhte. Etwa siebenhundert Einheimische waren es. Hinzu kamen jedes Jahr bis zu fünfzigtausend Touristen. Deshalb – und weil die umliegenden Städte ebenfalls zum Kundenstamm zählten – lohnte sich ein Unternehmen wie das ihres künftigen Arbeitgebers überhaupt. Es gab im Ort einige kleine Boutiquen und Geschäfte, eine Touristeninformation und seit zwei Jahren eine völlig neu gestaltete Strandpromenade mit einem Aussichtsturm. Der große Platz um den Turm war komplett mit Holzdielen ausgelegt, Liegestühle standen bereit, und man konnte auf diesen Holzplatten auch bequem und behindertengerecht zum schönsten Sandstrand Dänemarks gelangen.

Gitte staunte nicht schlecht. Sie betrachtete die vielen sonnenhungrigen Leute, die sich auf dem großen Platz und dem neuen Aussichtsturm tummelten. Alle Liegen waren besetzt, und auf dem Weg zum Strand herrschte reger Verkehr. Eis essend oder mit Gummitieren und Luftmatratzen im Wasser planschend genossen die Urlauber das sonnige Wetter bei 23 Grad.

Wenige Minuten später bog Gitte in den Anemonenvej ein und erreichte über einen Schotterweg das Haus Nummer 14. Das knirschende Geräusch beim Befahren des Weges klang nach Urlaub und Unbeschwertheit, es erinnerte sie an vergangene Zeiten und ein Familienleben, das lange vorbei war.

Ihr Haus lag etwas zurückgesetzt und war von Nadelbäumen umgeben. Eine blaue Holzvertäfelung und weiße Fenster ließen es beinahe schwedisch aussehen. Der Garten war großzügig, wie bei den meisten dänischen Ferienhäusern, und das Gras kurz und gelblich. Auf einer Veranda stand ein einfacher Tisch mit vier weißen Stühlen aus Metall. Die würde sie putzen müssen. Aber mit seinem vorstehenden grauen Dach sah das Hüttchen fantastisch aus, fand Gitte.


»Ah, schlechte Stimmung in Deutschland, oder? Zu viele Flüchtlinge aufgenommen, kaum Platz, und das Geld wird knapp. Sind sicher alle neidisch, weil wir Dänen so streng sind. Ist es nicht so, Gitte Madsen?«

Ihr Vermieter stellte sich als hünenhafter, drahtiger Mann heraus, dem offenbar seine Wikingerherkunft zu Kopf gestiegen war. Er trug seine wenigen langen Haare zu einem Zopf geflochten, und an seinem Gürtel baumelte ein riesiges Messer, so als gälte es, gleich ein Wildschwein zu erlegen.

»Nein, es ist ganz anders, Herr Asgersen. Ich verlasse Deutschland sicher nicht wegen der Flüchtlingspolitik.« Demonstrativ ruckelte sie an einem sehr schwer zu öffnenden Fenster, um frische Luft in die Wohnung zu lassen.

»Ah.« Offenbar überrascht, dass eine Deutsche nicht sofort über die Flüchtlingspolitik sprechen wollte, wechselte der bärtige Mann das Thema.

»In Marielyst wird bereits über dich geredet. Nur Gutes natürlich. Bei einem solchen Job fangen die Leute ja eh an zu grinsen, aber du als Frau – abgedreht.«

Sie sollte netter zu ihm sein, er meinte es nur gut, und er war ihr Vermieter. Gitte zwang sich zu einem Lächeln und wandte sich ihm zu. Sie beide hatten am Telefon so oft hart miteinander verhandelt und dabei sogar gescherzt.

»Ja, ich freue mich darauf. In Deutschland war ich lange in der Opferhilfe der Polizei tätig, ich kann keine einzige Geschichte mehr hören. Aber das ist ja nun zum Glück ein ganz anderes Kümmern um … hm … Opfer.«

Er lachte schallend und haute ihr auf die Schultern. »Mädel, wenn du was brauchst oder es geht was kaputt, melde dich. Ich wohne nur drei Straßen weiter.«

Ja, in Marielyst befand sich immer alles nur drei Straßen – oder Schotterwege – weiter.

Zu ihrem neuen Arbeitgeber hatte sie es auch nur drei Straßen weit. Was für ein Luxus, wenn man zuvor dem Stadtverkehr von Münster ausgesetzt gewesen war. Aber ein Fahrrad brauchte man hier schon, im Schuppen stand sogar ein alter Drahtesel. Die beiden Hauptstraßen Bøtøvej und Bøtøringvej zogen sich ein paar Kilometer weit, sie verbanden die einzelnen Ortsteile von Marielyst. So war zum Beispiel der Campingplatz einige Kilometer vom Ortskern entfernt, und auch andere Ferienhäuser standen überall verteilt auf der kilometerlangen Landzunge.

Gitte spazierte durch ihr neues Domizil. Achtzig Quadratmeter dänisches Ferienhaus mit Holzboden, einer einfachen Einrichtung und alten Fenstern. Mit wachsender Begeisterung blickte sie von einem Fenster zum anderen. Es gab Nadelbäume zu sehen, eine große Wiese vorm Haus, und in der Ferne lockte das Meer. Die Wohnung war hell, besaß im Wohnbereich einen gusseisernen Ofen und strahlte eine unpersönliche Freundlichkeit aus. In den Regalen standen einige Romane, auf Deutsch oder Dänisch, was die Touristen eben so zurückgelassen hatten. Das Badezimmer war in Jadegrün gehalten, da duschte man doch wie in Neptuns Reich.

Ab und an ertönte der Schrei einer Möwe. Durch die Terrassentür trat Gitte hinaus in den Garten, stellte ein mitgebrachtes klappbares Gitter auf der Wiese auf und ließ Hieronymus erst einmal den leckeren Klee probieren und die für ihn so wichtige Sonne genießen. Sein Zubehör hatte viel Platz im Auto eingenommen.

Als ein Mann an ihrem Garten vorbeikam und neugierig guckte, lächelte sie ihm zu. Sie wollte sich hier unbedingt wohlfühlen.

Auspacken würde sie später; ihr ganzes Auto war vollgestopft mit Gepäck und den Erinnerungsstücken, die ihr wichtig waren. Jetzt musste sie erst das Meer sehen, die Ostsee. Das Wetter hielt noch, was es auf der Fähre versprochen hatte, aber das konnte sich morgen schon ändern.


Von ihrem Haus bis zum Strand waren es, wie sollte es anders sein, nur drei Straßen, knapp zehn Minuten Fußweg.

Die Deichlandschaft hier in Marielyst war fantastisch. Sie zeigte hohes, teilweise recht scharfkantiges Gras, bunte Heidegewächse und feinen Sand. Es roch nach Meer und nach Nadelbäumen. Immer wieder trat man auf kleine Tannenzapfen, und die feinen Nadeln vermischten sich mit dem Sandboden.

Auf dem Deich konnte man kilometerweit laufen und Rad fahren. In den Sandkuhlen daneben lagen heute vereinzelt Touristen und genossen das gute Wetter.

Sie hatte sich sehr bewusst für eine Rückkehr im Sommer entschieden, weil Marielyst dann viel lebendiger und bunter war. Es gab so viele treue Urlauber, die immer wieder kamen und die auch das dänische Wetter nicht schrecken konnte.

Allerdings war das Strandleben in Dänemark nicht mit dem in südlichen Ländern vergleichbar. Wenn man in einer Urlaubsbroschüre ein Foto von Marielyst mit einem Strand voller Menschen sah, war es entweder trickreich bearbeitet, oder es war eine Strandprämie ausgerufen worden. Mehr als zehn Menschen auf dreißig Meter Strand gab es dort selten.

Gitte ließ ihre Flipflops im Sand liegen und ging zum flachen Wasser, das sanft ins Tiefe verlief. Ihre Füße versanken im nassen Sand, sie hinterließen tiefe Spuren, die das Wasser sofort wieder glatt zog. Die Sonne brannte ihr auf den Nacken, und zusammen mit dem Geschrei der Möwen kam sie sich plötzlich vor wie im Urlaub. Gitte schloss die Augen und erinnerte sich an die Urlaube mit ihren Eltern, in denen ihr Vater mit ihr komplizierte Sandburgen gebaut hatte. Dann hatten sie aufgeregt beobachtet, wann das Wasser sich die Burg wohl eroberte. Sie hatten zusammen gelacht und die Tage am Strand genossen.

Tief atmete sie die Meeresluft ein und stellte sich vor, die lauten Stimmen im Hintergrund gehörten zu ihrer Familie. Doch schon nach ein paar Sekunden hörte sie das empörte Rufen einer Mutter: »Niko, du schlägst deine Schwester nicht mit der Schippe auf den Kopf!«

Der kleine Junge reagierte empört: »Womit soll ich sie sonst hauen? Sie ist blöd.«

Gitte grinste und beguckte sich die Streithähne. Und sie musste Niko recht geben. Seine Schwester war blöd, sie trat mit ihrem rechten Fuß in seiner Sandburg herum und machte sie kaputt.


Zwei Stunden später, als sie im Supermarkt ihre notwendigen Einkäufe erledigte, entdeckte sie den Jungen wieder. Er stöberte gerade in der Tiefkühltruhe mit dem Fisch.

Gitte genoss es, in Dänemark einzukaufen. Es gab so viel zu entdecken, was sie unbedingt probieren wollte.

Die Dänen liebten Marzipan und Lakritze. Sie schreckten nicht einmal davor zurück, diese Zutaten in die Grillfleischsoße zu mischen. Und natürlich gab es Kekse, Eis, Schokolade und vielen andere Süßigkeiten mit Marzipan oder Lakritzstückchen. Gitte mochte beide Geschmacksrichtungen gerne, aber sie kaufte Süßigkeiten nur in Maßen.

An der Fleischtheke packte sie zwei Scheiben Schweinebauch in den Korb. Den ersten Abend wollte sie mit einem der Nationalgerichte der Dänen beginnen: stegt flæsk med persillesauce, gebratener Schweinebauch mit Petersiliensauce. Dazu gab es Kartoffelpüree, das sie aus der Tiefkühltruhe mitnahm. In Deutschland konnte man Fertigpüree nur zum Einrühren in Milch oder heißes Wasser kaufen, in Dänemark fand man dieses Gericht auch gefroren und mit Speck angereichert.

Der Laden war noch immer gut besucht, auch jetzt um halb acht Uhr abends. Viele Familien waren an diesem Tag erst mit der Fähre angekommen und suchten nun ihre ersten Einkäufe zusammen, in urlaubsgerechter Kleidung, die oft mehr weiße Haut zeigte, als andere sehen wollten.

Gitte beobachtete den kleinen Niko, wie er eine durchsichtige Tüte mit tiefgekühlten Meeresfrüchten begutachtete und ein Gesicht zog, als würden die Tiere lebendig auf ihm herumkrabbeln. Er blickte sich verstohlen um, und sie traute ihren Augen nicht, als der Bengel die Tüte mit einem Finger durchbohrte, aufriss und eines der seltsamen Tiere herauspuhlte. Schön ekelig und hoch wirksam, denn er steckte es nun seiner nur wenig älteren Schwester in das T-Shirt. Das Gekreische war groß, und am Ende hatten die Eltern so viel Anstand, die angebrochene Tüte in ihren Wagen zu legen. Gitte war sich sicher, dass sie die Kinder noch häufiger zu Gesicht bekommen würde. In Marielyst lief man sich immer wieder über den Weg, und dieser Junge hatte ein besonderes Talent, Ärger anzuziehen. Sie grinste ihm zu.


In der Nacht begann der Ärger dann für sie selbst. Das gute Wetter hielt bis zum späten Abend, dann zog ein unangenehmer Wind auf. Gitte konnte keinen Stern am Himmel sehen, als sie ihr Kissen vom Gartenstuhl hereinholte. Aber über Wolken und Regen wollte sie jetzt noch nicht nachdenken.

Für Hieronymus hatte sie inzwischen ein Terrarium mit Erde und Sand bestückt und ein paar Steine hineingelegt. Ein Wasserbecken war in den Sand eingebettet, und eine Wärmelampe mit UV-Strahlung verbreitete bei jedem Wetter die passende Umgebungstemperatur. Solange es noch warm war, würde sie die Schildkröte tagsüber immer draußen lassen. Diese Tiere brauchten Auslauf und Natur, aber wenig zu essen. Ein paar Grashalme und etwas Klee reichten vollkommen. Mit Leckerbissen in Form von Tomate, Gurke oder gar Obst war Gitte sehr zurückhaltend. Hieronymus liebte das, aber es kam in seiner natürlichen Umgebung eigentlich nicht vor.

»Hieronymus«, sagte sie zu ihm, bevor sie zu Bett ging, »weißt du, wir müssen uns dringend ein paar Freunde suchen, sonst werden die Winterabende sehr, sehr lang. Hier kann man nicht einfach so ausgehen wie in Münster. Diese Stadt macht Winterschlaf, auch wenn es tapfere Urlauber gibt, die die Weihnachtszeit in Marielyst verbringen. Nein, auf einen Partner kann ich erst einmal verzichten. Das wird doch alles überbewertet. Schau dich an, Hieronymus – no stress, keine Dame, der du hinterherlaufen musst, um dich ständig zu beweisen.«

Sie musste an ihre Mutter denken, die mit dem Alleinsein nicht gut fertiggeworden war. Als ihr Ehemann von einem Tag auf den anderen spurlos verschwand, war das für ihre Mutter die Hölle gewesen. Sie hatte eine Vermisstenanzeige aufgegeben, sich bei der Polizei gemeldet, hatte Suchmeldungen losgeschickt und das Schlimmste befürchtet. Schließlich musste sie ihrer sechzehnjährigen Tochter eine Erklärung liefern. Denn Gitte kam überhaupt nicht damit zurecht, als ihre Mutter lediglich hilflos erklärte: »Papa ist weg!«

Die Mutter hatte mit Gitte immer wieder über ihre Ängste und Befürchtungen gesprochen. »Hat er uns verlassen? Will er ohne Verpflichtungen irgendwo ein neues Leben beginnen?« Doch auch wenn ihr Vater in Dänemark, seiner Heimat, verschwunden war, das konnte sich Gitte nicht vorstellen.

Gitte hatte vor, in Marielyst nach Leuten zu suchen, die ihren Vater gekannt hatten. Sie wusste noch nicht, wo sie anfangen sollte, denn sie selbst kannte hier kaum jemanden. Ihr Vater hatte mit Gitte und ihrer Mutter zwar mehrmals in der Nähe Urlaub gemacht, aber zu seinen Geschäftspartnern oder anderen Bekannten hatte er sie beide nie mitgenommen.

Gitte verabschiedete sich von ihrer Schildkröte und ging zu Bett. Nichts war Schlaf weniger zuträglich als die Beschäftigung mit alten Problemen.


Mitten in der Nacht schreckte sie jäh auf und musste sich erst zurechtfinden. Sie befand sich nicht mehr in ihrer Altbauwohnung in Münster, wo der Lichtschalter rechts vom Bett ertastbar war, sondern in einem Holzhaus mit einer unpraktischen Stehlampe neben dem Bett. Ein Geräusch hatte sie geweckt, ein undefiniertes Poltern. Womöglich spielte der Wind mit ihren Gartenmöbeln.

Im schwarzen Nachthemd und barfuß marschierte sie durch das Haus, kontrollierte erst, ob vor der Haustür alles in Ordnung war, und lief dann zur Terrassentür. Sie schaltete das Licht im Wohnzimmer an.

Tatsächlich, da lag etwas Längliches vor der Tür auf den Holzdielen. Es sah nicht aus wie ein Stuhl – eine Robbe? Aber Robben verirrten sich nicht aufs Festland und landeten dann auf einer Veranda. Man sah sie überhaupt eher selten.

Gitte wurde es unheimlich zumute, und sie betätigte alle Schalter an der Wand. Als auch auf der Terrasse ein schwaches Licht aufglimmte, stieß sie einen erschrockenen Schrei aus.

Hinter der Glastür auf dem Boden lag ein Mann.

Seit es Krimis und »Aktenzeichen XY« im Fernsehen gab, öffnete natürlich niemand mehr sofort die Tür, um nachzusehen, ob Hilfe benötigt wurde. Daher holte sie ihr Handy und wählte den Notruf.

»Bei mir liegt eine leblose Person auf der Terrasse.« Sie nannte ihre Adresse und sagte dann: »Ich gehe jetzt nachsehen. Aber es wäre wohl gut, einen Krankenwagen zu schicken.«

Doch der Mann am anderen Ende der Leitung, der sie wie in Dänemark üblich duzte, reagierte entspannt. Sie solle doch erst einmal nachgucken. Eventuell sei es ja ein Verehrer, der nur gestürzt sei und sich gleich wieder aufrappeln würde.

»Ich kenne hier niemanden,« sagte Gitte bestimmt.

Mit dem Handy in der Hand traute sie sich, in den Wind hinauszutreten. Sie bückte sich zu dem Mann hinab und sah weit aufgerissene leere Augen, dunkel und samtig, und einen feinen kleinen Schnurrbart in dem jungen Gesicht. Tief bestürzt erkannte sie den jungen Mann vom Schiff.

Und sie sah ein Messer, ein sehr großes Messer. Es steckte in seiner Brust. Zitternd tastete sie nach dem Puls an seinem Hals, konnte aber nichts spüren. Auf einmal hätte sie sich beinahe übergeben. Da kam etwas hoch, das rauswollte. Sie schluckte ein paarmal dagegen an.

Der junge Mann war tot, aber seine Haut fühlte sich noch so warm und lebendig an. Wie viel Angst hatte er bei der Überfahrt mit der Fähre über das weite Meer gehabt, und nun war er an einem Messerstich gestorben. Das Ende einer Bowie-Klinge ragte aus dem Oberkörper. Gitte kannte diese Art von Messern mit den typisch geschwungenen Klingen, weil sie eine alte Messersammlung besaß.

Auf einmal kam ihr der unangenehme Gedanke, dass der Mörder sie vielleicht gerade beobachtete. Der war doch bestimmt noch in der Nähe! Der Körper des jungen Mannes war warm, es konnte nur Minuten her sein, dass sie gehört hatte, wie er auf ihrer Veranda aufschlug. In plötzlicher Panik rappelte sie sich auf, stürzte ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Dann besann sie sich, machte die Tür noch einmal einen Spalt auf und schrie in die Dunkelheit hinaus: »Du Schwein, du verdammter Irrer!« Der Wind ließ ihr die Haare vors Gesicht flattern. Erneut überkam sie ein unheimliches Gefühl, und schnell schloss sie wieder fest die Tür.

»Hallo, hallo, bist du noch da?« Sie hatte das Handy noch immer in der Hand, und am anderen Ende der Leitung wartete jemand.

Mit lauter Stimme, um sich zu beruhigen, sagte sie: »Den Krankenwagen kannst du streichen, ich habe einen toten jungen Mann vor mir liegen. Er ist ermordet worden.«

Da hatte dieser Junge so viel erlebt und seine Angst bei der Überfahrt ausgehalten, um nach Dänemark zu kommen, nur um dann in einem besinnlichen Urlaubsort brutal erstochen zu werden. Hatte die Angst, die er auf der Überfahrt gezeigt hatte, eventuell etwas mit seiner Ankunft hier zu tun gehabt? Hatte er vielleicht schon geahnt, dass er sich in tödliche Gefahr begab?

Sie hatte auf dem Schiff mit dem jungen Mann gesprochen, und nun lag er ausgerechnet auf ihrer Terrasse. Das konnte doch kein Zufall sein!

Natürlich würde sie in ihrem neuen Job noch viele Leichen zu sehen bekommen, aber sie hatte nicht geahnt, dass ihr bereits der erste Tote so nahegehen würde.

An Schlaf war nicht mehr zu denken, in Kürze würden sich hier jede Menge Beamte tummeln. Sie zog sich an und kochte eine große Kanne Kaffee.

Der erste Wagen, der vorfuhr, war der des Notarztes. Es handelte sich um einen dünnen, älteren Herrn im Trenchcoat, der sehr schnell das Ableben des jungen Mannes konstatierte.

»Alles Weitere muss der Gerichtsmediziner feststellen«, sagte er, während er einen Totenschein ausfüllte. Er wollte gerade wieder gehen und sie mit der Leiche allein lassen, als zum Glück zwei Polizisten in blauer Uniform eintrafen und den Tatort sicherten. Sie stellten Scheinwerfer im Garten auf, und Gitte kam der abstruse Gedanke, dass deutsche Touristen davon sicher begeistert wären, weil man im Garten nun jeden Käfer erkennen konnte.

Und dann erschien der Kommissar. Selbstsicher übernahm er die Verantwortung, seine offensichtliche Müdigkeit trug er wie eine Kriegsverletzung. Gitte schenkte er ein Lächeln, das jede Braut am Altar glücklich gemacht hätte. Er war sehr dänisch: groß, mit blonden Haaren und einer Frisur, die an die Achtzigerjahre erinnerte. Blaue Augen und eine saloppe Art rundeten das Bild ab.

»Du hast den Toten also gefunden?«, sprach er Gitte an.

»Das klingt ja, als hätte ich bei einer Schnitzeljagd gewonnen. Der Junge wurde mir quasi vor die Tür geworfen. Ich glaube, ich sollte ihn finden.«

»Aha. Kennst du ihn denn?«

Gitte erzählt ihm in kurzen Sätzen von der Begegnung auf der Fähre und schloss mit den Worten: »Ich kenne hier noch nicht viele Leute.«

Seinen eigenen Namen hatte der Kommissar noch gar nicht genannt, ihren aber schrieb er groß auf seinen Notizblock und machte sich darunter weitere Notizen, in ungewöhnlich großer Schrift. Vielleicht war er kurzsichtig, dachte sie, und wollte sein Gesicht nicht mit einer Brille verunstalten.

Unverhofft nahm er den Stift und hielt ihn sich wie der Kinderheld Wicki an die Nase. Offenbar war ihm etwas eingefallen. »Du bist das! Die Frau, die bei Larstsen arbeiten wird. Hab ich recht? Das ist schon subtil, dir einfach eine Leiche vor die Füße zu legen, als wäre das hier dein neuer Arbeitsplatz. Vielleicht sollte das eine Anspielung sein? Hat jemand etwas dagegen, dass du diesen Job machst?«

»Meine Tante in Deutschland. Aber die hätte jeden Job schlechtgeredet, den ich in Dänemark annehme. Wenn es nach ihr ginge, würde ich zu ihr nach Hamm ziehen und ihren kleinen Buchladen übernehmen.«

Er grinste jungenhaft und sagte: »Ich würde sehr gerne einen Buchladen übernehmen.«

»Nicht in Hamm, glaub mir.«

Er drehte sich abrupt um und wandte sich dem Toten zu.

Gitte blieb unschlüssig auf ihrer Terrasse stehen und sah zu, wie immer mehr Menschen in das kleine Häuschen und auf die Terrasse drängten.


Irgendwann traf die Spurensicherung ein, und ihr Garten war von Menschen und Utensilien übersät. Der Nachbar, ein Urlauber aus Schweden, erschien vor seinem Haus, im grünen Bademantel und barfuß, und genoss das kriminalistische Element in seinem beschaulichen Urlaub sichtlich. Er wurde natürlich befragt, ob er etwas gesehen oder gehört habe, und es tat ihm sehr leid, keine Angaben machen zu können. Er sei durch Gittes Rufen wach geworden, und nun habe ihn der ganze Rummel doch neugierig gemacht.

Gitte wäre eigentlich gerne wieder ins Bett gegangen, da kam der Kommissar plötzlich auf sie zu, streckte doch noch die Hand aus und sagte: »Kommissar Ole Ansgaard, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich gehöre zum Ermittlungsdienst in Nykøbing, Abteilung personengefährdende Kriminalität.«

Sie schüttelte seine kräftige, warme Hand und erwiderte: »Ja, Personengefährdung lag hier eindeutig vor.«

»Der Tote hatte Papiere dabei, einen griechischen Pass und eine Adresse in Nykøbing. Was er hier in Marielyst wollte, weißt du nicht?«

»Nein, aber ich vermute, dass er jemanden besuchen wollte, so allein, wie er zu sein schien. Ich dachte erst, er wäre ein Flüchtling.«

Ganz leicht verzog der Kommissar das Gesicht, und sie hakte sofort nach. »Bist du auch für eure strenge Verfahrensweise in der Flüchtlingspolitik?«

Ole Ansgaard schüttelte den Kopf. »Nein, aber das ist ein schwieriges Thema, dafür würde die Nacht nicht reichen. Wir ziehen jetzt erst mal ab und bringen den Toten in die Rechtsmedizin. Du wirst ihn danach ja eventuell wiedersehen.«

Himmel, diese ständigen Anspielungen auf ihren neuen Job. Sollte das die Art der Dänen sein, »herzlich willkommen« zu sagen?

Er sah sich im Raum um. Sein Blick blieb an dem Terrarium, das am Boden stand, hängen, und er fragte verdutzt: »Warum hast du denn eine Schildkröte?«

»Weil ich dann nicht alleine alt werden muss. Sie ist im gleichen Alter wie ich und kann locker achtzig Jahre schaffen.«

Er guckte erst auf Hieronymus, dann zu ihr und meinte: »Das hört sich nach einem einsamen Lebensplan an.«

Gitte zuckte zusammen und erwiderte etwas scharf: »Den Lebensplan lass mal meine Sorge sein. Ich ziehe Qualität der Quantität vor.«

Eine einzelne Schildkröte als qualitativ hochwertige Gesellschaft zu verteidigen klang jetzt sehr nach schlechten Erfahrungen. Einen solchen Eindruck hatte Gitte eigentlich nicht hinterlassen wollen. Sie war froh, als der Kommissar aufbrach.

Ihr Nachbar, der Schwede, blickte, wie Gitte auch, den abfahrenden Wagen der Polizei hinterher und fragte dann liebenswürdig, ob sie Hilfe brauche. Er sprach kein Dänisch, aber Englisch. »Entschuldigung, kannten Sie den Toten? Dann spreche ich Ihnen hiermit mein Beileid aus.«

Der Mann mit den grauen Haaren und dem Lächeln eines Seehundes wirkte tief betroffen. In seinem vollen Gesicht saß ein beeindruckender Schnurrbart.

»Nein, ich kannte ihn nicht näher. Aber er ist mit der gleichen Fähre gekommen wie ich und ist offenbar Grieche, mehr weiß ich nicht von ihm. Ich bin auch nicht im Urlaub hier, sondern bleibe dauerhaft und arbeite ab Montag in Marielyst. Mein Name ist Gitte Madsen.«

»Oh, wie nett. Arbeiten, wo andere Urlaub machen. Mein Name ist Erik Nyström, und ich komme aus Malmö. Einen guten Start wünsche ich Ihnen. Ich bin noch drei Wochen hier, wenn Sie Hilfe brauchen …«

Beim Sprechen streckte er sich unbewusst und zog den Bauch ein. Gitte hoffte, dass es auch noch eine Frau Nyström gab, und zwar direkt in seiner Nähe, schlafend. Wahrscheinlich war der Mann aber nur nett und hatte keine Hintergedanken. Er war bestimmt zwanzig Jahre älter als sie.

Als Gitte endlich wieder in ihrem Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen. Immer wieder sah sie die dunklen Augen des jungen Mannes vor sich und wie er sich angstvoll an der Säule festgehalten hatte. Konnte es sein, dass sie ihn missverstanden hatte und seine Angst einen konkreten Grund gehabt hatte? Er war keinen Tag in Marielyst gewesen und hatte bestimmt kaum Zeit mit irgendwelchen Freunden oder Verwandten verbringen können. Wie grausam und traurig.

Willkommen war der fremde Grieche hier ganz offensichtlich nicht gewesen. Wer konnte nur einen solchen Hass auf jemanden haben, der gerade erst ein paar Stunden in der Stadt war? Noch lange grübelte Gitte, ob es wohl zwischen ihrem Gespräch mit dem Griechen auf der Fähre und dem Auffinden der Leiche auf ihrer Terrasse einen Zusammenhang gab.