Jenny Völker
Goldröschen
Jenny Völker
Ein spannender Märchenroman
© 2021 Jenny Völker – alle Rechte vorbehalten
Jenny Völker
c/o Firma Tasso Kahl
Friedberger Anlage 14
60316 Frankfurt am Main
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www.jennyvoelker.com
Lektorat & Korrektorat: Christoph Stefan
Cover: Juliane Buser – Grafikdesign
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Für alle, die mit mir gemeinsam träumen
Mama, Mama, erzählst du mir eine Geschichte?«
»Aber es ist schon so spät, mein Schatz. Morgen müssen wir früh aufstehen.«
Die braunen Augen weit aufgerissen schmachtete Noah seine Mutter an. »Bitte, nur eine kurze!«
Sie lachte. »Du weißt doch ganz genau, dass ich nur lange Geschichten kenne.«
Noah strahlte sie an. »Bitte, wenigstens den Anfang. Du kannst doch morgen Abend weitererzählen.«
»Also schön, mein Schatz.« Sie setzte sich zu ihrem kleinen Jungen aufs Bett und strich ihm über das dunkle Haar. »Ich denke, es ist an der Zeit, dass du das Märchen von Goldröschen kennenlernst.«
Noah kuschelte sich an seine Mutter und richtete gespannt seine braunen Kinderaugen auf sie, und endlich begann sie zu erzählen.
Es waren einmal vor langer, langer Zeit in einem weit entfernten Land ein König und eine Königin, die wünschten sich so sehr ein Kind. Es dauerte Jahre, und jeden Abend und jeden Morgen hockte die fromme Königin vor ihren Rosenbüschen und betete. Endlich war sie guter Hoffnung und neun Monate später verkündeten dreizehn Kanonenschüsse, dass sie ein Mädchen geboren hatte. Sie tauften das Kind auf den Namen Rosalind.
Die Prinzessin übertraf ihre Mutter an Anmut bereits im zarten Kindesalter und ein jeder bewunderte sie für ihren Liebreiz und ihre Schönheit. Ihre Haut war so weiß wie frisch gefallener Schnee, ihre Lippen so rot wie eine anmutige Rose und ihr Haar so golden wie die Strahlen der Sonne. Schon von klein auf wurde das Mädchen Goldröschen genannt.
Das Mädchen verlebte eine wunderschöne Kindheit am Hofe seiner Eltern, die kein weiteres Kind zu bekommen vermochten. Deshalb herzten und verwöhnten sie es und dennoch wurde Rosalind weder hochnäsig noch gemein. Ihr Sanftmut und ihr ansteckendes Lachen bezauberten das ganze Volk. Schon früh eiferte sie ihrem Vater nach, der ein gerechter und beliebter König war, und die Bewohner des Königreiches freuten sich darauf, wenn einst sie den Thron besteigen und ihr Land regieren würde.
Seit ihrer Geburt waren ihre Eltern so glücklich, dass sie jeden Monat ein großes Fest am Königshof veranstalteten, zu dem ein jeder herzlich eingeladen war. Unzählige Musikanten, darunter auch eine junge Geigenspielerin namens Barbara, strömten jeden Ersten des Monats zu dem Schlosse hin, um bei den Festlichkeiten ihre Virtuosität unter Beweis zu stellen und eine Festanstellung bei Hofe zu ergattern. Die Königsfamilie liebte die Musik, und jede Mahlzeit, die sie zu sich nahmen, wurde von Melodien begleitet, sodass sie regelmäßig neue Musikanten einstellten.
Auch Goldröschen liebte das Musikspiel, weshalb für sie eine eigene Musikantenschar beauftragt wurde, die sie tagsüber erfreute. Barbara, die junge Geigenspielerin, die im Zuge eines solchen Festes ein Solo am Abend hatte spielen dürfen, schaffte es, Teil dieses Orchesters zu werden. Mehrere Stunden täglich spielte sie von nun an für Goldröschen, die begeistert zu den Melodien tanzte. Nur am Abend war es die Königin selbst, die sich an Goldröschens Bette setzte, um ihre Tochter in den Schlaf zu singen.
Es vergingen wundervolle Jahre, bis eines morgens so dichte Wolken den Himmel verdeckten, dass das Sonnenlicht nicht mehr auf die Erde zu dringen vermochte. Von diesem Tag an ward alles anders …
Noah sah seine Mutter gespannt an. »Und dann?«
»Wie es weitergeht, erzähle ich dir morgen.«
»Aber wie soll ich denn jetzt einschlafen? Ich will unbedingt wissen, was passiert ist. Wieso wurde der Himmel so dunkel? Kam die Sonne wieder raus?«
Sie strich ihrem Jungen über den Kopf. »Du selbst hast dir gewünscht, dass ich dir den Anfang einer Geschichte erzähle. Nun musst du dich damit abfinden, das Ende erst im Laufe der nächsten Tage zu erfahren. Und jetzt mach deine Äuglein zu und schlaf, mein Schatz. Mami passt auf dich auf.«
Wie an jedem Abend sang sie ihm ein Schlaflied, das ihn binnen Sekunden ins Land der Träume schickte, auch wenn ihn der Gedanke an Goldröschen nicht einmal dort losließ …
Wie jeden Sonntagmorgen spazierte Noah die Uferpromenade entlang auf dem Weg zum Antikflohmarkt. Sein Kreuz schmerzte. Dringend musste er mal wieder trainieren gehen, aber die Woche hatte er es nicht ein einziges Mal geschafft. Ein Auftrag, der spontan reingekommen war, hatte ihn täglich bis spät in die Nacht arbeiten lassen. Obwohl er sich nur selten aus der Ruhe bringen ließ, hatte es eine Kundin geschafft, ihn auf einen fixen Termin festzunageln – und zu dem musste er nun auch fertig werden.
Er drückte den Rücken durch und zog die Schultern auseinander. Egal wie sehr die Dame drängte, heute nahm er sich frei – unter anderem, um seinem wöchentlichen Ritual nachzugehen.
Die Luft war klar und frisch, etwas zu kühl für die Jahreszeit. Skeptisch schaute er hinauf. Ein paar dicke Wolken waren im Anmarsch. Hoffentlich zogen sie über die Stadt hinweg, ohne einen Tropfen abzuwerfen. Er hörte bereits die Marktbesucher feilschen und schwätzen, und sah die zwei gedrechselten Säulen mit der ornamentalen Bekrönung, die den Eingang symbolisierten, obgleich sie sich inmitten einer breiten Straße befanden. Aber ein jeder, der den Flohmarkt besuchte, spazierte durch dieses symbolische Tor.
Es war viel los, der Geheimtipp war längst keiner mehr, und so drängten sich die Leute an den Verkäufern vorbei, obwohl die meisten lediglich Kommentare austeilten und nur die wenigsten ihr Geld.
Noah gehörte nicht zu dieser Masse. Er erwarb beinahe jeden Sonntag mindestens ein altes, besonderes Stück, um ihm zu neuem Glanz zu verhelfen und es in seiner Schreinerei weiterzuverkaufen. Streng genommen war es keine Schreinerei, die er besaß, und er selbst war auch kein Schreiner. Da er aber seinen erlernten Beruf nicht mehr ausübte, jedoch mit Holz zu arbeiten gelernt hatte, war ihm die Idee gekommen, abgewetzte Möbelstücke wieder herzurichten. Er schmirgelte abplatzenden Lack ab, ölte, leimte, schnitzte Verzierungen und verhalf den Einzelstücken auf diese Weise zu einem zweiten Leben.
Sein Können hatte sich derart herumgesprochen, dass viele ihre abgenutzten, aber geliebten Kommoden, Schränke, Tische und Stühle zu ihm in die Werkstatt brachten, damit er sie restaurierte. Und er tat es gern. Ein altes Stück war immer einem Neukauf vorzuziehen.
Bei dieser Gelegenheit warfen die Kunden stets einen Blick auf seine eigenen Kreationen und kaum einer verließ die Werkstatt, ohne einen Kauf zu tätigen. Sein Ruf eilte ihm voraus, doch glücklicherweise war die Stadt, in der er lebte, recht klein, sodass er seine Aufträge in der Regel gut abarbeiten konnte.
Aus diesem Grund ging er seit Jahren auf diesen Antikmarkt, jeden Sonntag, und wählte aus, welche Stücke sich für eine Restauration eigneten. Sein Pickup parkte nicht weit entfernt und die Ladefläche war komplett freigeräumt, sodass er jeden Kauf direkt mitnehmen konnte.
Er passierte einen Stand mit Uhren, manche in hübschen Uhrenkästen, die sich immer zur Instandsetzung eigneten. Bei dem geschäftstüchtigen Herrn hatte er schon öfter zugeschlagen, doch heute reizte ihn das Angebot weniger. Er näherte sich seinem Lieblingsstand, an dem er beinahe jeden Sonntag fündig wurde, doch eine große Menschentraube bedrängte den Verkäufer und beäugte seine Waren, weshalb er einen großen Bogen darum machte. Er war weiß Gott kein Eigenbrötler, aber er mochte kein Gedränge und hatte gerne seinen Platz für sich. Wenn er Interesse an einem Stück hatte und sich kurz darauf jemand anderes für dasselbe Exemplar begeisterte, ging er kommentarlos seiner Wege. Er mochte keinen Streit, keine Diskussionen, kein Gefeilsche, weshalb er sich über kurz oder lang einen anderen Antikmarkt würde suchen müssen. Mittlerweile wurde es hier definitiv zu voll.
Dennoch entschied er sich für eine ausführliche Runde. Zu viele schöne Einzelstücke gab es auf diesem Trödelmarkt zu entdecken, und diese Exemplare galt es aufzufinden. Er stöberte an einem Spielwarenstand, an dem ein älterer Herr mit der Verkäuferin über einen Puppenwagen stritt, der der Meinung des Kunden zufolge absolut überteuert war. Noah warf einen kurzen Blick darauf und musste der Verkäuferin im Stillen recht geben. Die Bemalung war zwar kaum noch zu erkennen, aber die Schnitzereien am Griff und die Verarbeitung waren von guter Qualität. Immer diese Leute, die ahnungslos waren, aber dem Verkäufer einzureden versuchten, sein Produkt sei nichts wert und er sollte froh sein, überhaupt einen Abnehmer dafür zu finden!
Zum Glück war seine Kundschaft anders. Wer zu ihm kam, wusste sowohl um den Preis des Stückes als auch den Wert seiner Arbeit. Einen anders handelnden Kunden würde er nicht annehmen. Noah hatte gerne seine Ruhe, arbeitete allein und vermied sämtliche Verhandlungsgespräche. Der Kunde kam, Noah nannte seinen Preis, fertig. Wer sich darauf nicht einließ, wurde höflich, aber unmissverständlich zur Tür gebeten.
Langsam spazierte er an einem Stand mit Statuetten vorbei. Einzelne waren aus Holz und ein wenig juckte es ihm in den Fingern, sein Können an einem solchen Stück zu erproben. Derartige Feinarbeiten hatte er immer gemocht, sonst hätte er seine ursprüngliche Berufsausbildung gar nicht angefangen. Aber heute lockte ihn keine der kleinen Statuen.
Nichts, was er bislang an diesem Morgen gesehen hatte, entsprach seinen Vorstellungen, nichts konnte ihn begeistern, dennoch gab er nicht auf. In den letzten Wochen hatte er nur Aufträge abgearbeitet. Er wollte mal wieder an einem eigenen Stück werkeln, das ihn reizte, das er selbst auswählte und das er anschließend in seinem Laden zum Verkauf anbieten würde. In der Regel blieb kein restauriertes Exemplar länger als eine Woche stehen, da er – wie formulierten es seine Kunden? – er vermochte es, aus dem Einfachen etwas Besonderes zu machen.
Manchmal brauchte es etwas Zeit, ein geeignetes Teil zu finden, aber die Suche war es immer wert. Als er an einem Stand vorbeilief, an dem unzählige Kommoden, Truhen und Tische aufeinandergestapelt waren, als handele es sich um einen Räumungsverkauf, durchfuhr ihn ein Gefühl, als riefe etwas nach ihm.
Noah räusperte sich und sah sich unschlüssig um. Mit Esoterik hatte er nichts am Hut, dennoch trat er näher an den Marktstand und beäugte die angebotene Ware. Die Kommode dort mit den drei Schubladen sah ganz passabel aus, der Schaukelstuhl daneben mit den geschwungenen Armlehnen hatte etwas, aber überzeugen konnten ihn die Stücke nicht. Er ließ seinen Blick über das Chaos gleiten, hinter dem eine alte Frau auf einem Hocker saß. Sie sah dünn aus, müde und uralt. Ihr Haar war weiß, tiefe Falten zeichneten all die Emotionen, die sie gefühlt hatte, auf ihrem Gesicht ab und ihre Augen lagen tief in den Höhlen. Ihre Hände zitterten, obwohl sie in ihrem Schoß auf dem abgetragenen Stoff ihres Rockes ruhten. Die alte Dame besaß nicht viel, das erkannte er auf einen Blick. Hatte sie ihr Haus leergeräumt, um sich etwas zu ihrer Rente dazuzuverdienen?
Als sie bemerkte, dass er an ihrem Stand verharrte, erhob sie sich schwerfällig und kam in gebückter Haltung auf ihn zu. Ihre kurzen schneeweißen Locken umrahmten ihr herzförmiges Gesicht – gewiss war sie einst eine Schönheit gewesen.
»Guten Morgen junger Mann.«
Junger Mann? Er schmunzelte.
»Guten Morgen.«
»Suchen Sie etwas Bestimmtes?«
»Ich habe mich lediglich umgesehen.«
Er sah die Enttäuschung in ihren dunklen Augen aufflackern. Besaß sie überhaupt genug zu essen?
Kurzerhand überflog er ihr Angebot mit den Augen. »Ich hätte gerne …« Er wollte auf den Schaukelstuhl deuten, als ein anderes Stück seine Aufmerksamkeit auf sich zog, das so weit abseits stand, als gehöre es nicht zum Angebot. Es war ein Tisch mit Schubfächern und einem ovalen Spiegel, der in einem verschnörkelten Rahmen eingefasst war. Es musste ein alter Schminktisch sein. Der Rahmen war aus Metall, das mochte Noah normalerweise nicht, dennoch konnte er den Blick nicht davon abwenden. Die Oberfläche des Spiegels schimmerte, sie zeigte nicht die Spiegelung der Straße oder Noah selbst, sondern lediglich ein Gemisch aus Hellblau und Grau.
»Ich hätte gern dieses Stück.«
Die Frau sah ihn ungläubig an. »Den alten Schminktisch?«
»Wie viel möchten Sie dafür haben?«
»Ach, der ist nichts Besonderes. Der Spiegel ist kaputt.«
»Ich will ihn trotzdem erwerben.«
Neugierig musterte sie ihn und ein Funkeln trat in ihre dunklen Augen. »Ich überlasse Ihnen das Stück für vierzig Euro.«
Vierzig Euro? Damit konnte sie heutzutage nicht einmal einen Wocheneinkauf tätigen. »Ich gebe Ihnen achtzig, das ist er auf jeden Fall wert.« Er drückte ihr die Geldscheine in die Hand, die sie stirnrunzelnd betrachtete.
»Junger Mann, ich brauche keine Almosen.«
»Das sind keine Almosen, sondern die adäquate Bezahlung für dieses alte, aber recht gut erhaltene Stück. Ich nehme es nicht für vierzig.«
Ihre dünnen Lippen verzogen sich zu einem Schmunzeln. »Dann ist die Lieferung inbegriffen. Mein Neffe kann das machen – er hat mir auch geholfen, all die Möbel herzubringen.«
»Das ist nicht notwendig. Ich nehme es sofort mit.« Zielstrebig lief er an der alten Frau vorbei, als eine andere Besucherin auf den Schminktisch aufmerksam wurde.
»Oh, wie hübsch! Den muss ich einfach haben. Was verlangen Sie dafür?«
»Entschuldigen Sie«, entgegnete die alte Frau und deutete mit ihren langen ausgemergelten Fingern auf Noah, »aber ich habe ihn soeben verkauft.«
»Verkauft? Nein, das kann nicht sein. An Sie?« Ungläubig betrachtete die Besucherin Noah in seinem karierten Hemd und der blauen Jeans. Unangenehm langsam ließ sie ihren Blick von seinem dunklen Haar, über sein ovales Gesicht mit dem Dreitagebart und seine breiten Schultern bis zu seinen bequemen Lederschuhen schweifen. Er mochte es gar nicht, von Frauen derart gemustert zu werden. Normalerweise war dies der Augenblick für einen Rückzug.
»Aber der junge Mann hat bereits bezahlt«, betonte die alte Frau, als spüre sie sein Zögern. Dabei stützte sie sich auf ihren einfachen Stock, der bis eben noch an ihrem Hocker gelehnt hatte.
Die Kundin fuhr sich durch ihr langes dunkles Haar und warf es sich über die Schulter. »Ich bitte Sie, was wollen Sie denn mit einem Schminktisch? Ihren Bart scheren? Der Tisch sieht genau so aus, wie ich ihn mir immer für mich vorgestellt habe. Sie müssen ihn mir einfach überlassen! Was haben Sie bezahlt? Ich könnte Ihnen einen Zwanziger mehr dafür geben, dann haben Sie sogar ein Geschäft gemacht.«
Noah seufzte, doch als er einen Blick auf den Schminktisch warf, überkam ihn ein Sehnen, ein Gefühl, als müsse er ihn unter allen Umständen an sich nehmen. Dabei entging ihm das feine Lächeln, das auf den Lippen der alten Verkäuferin ruhte.
»Es tut mir leid, aber wie die Dame bereits gesagt hat, habe ich ihn schon bezahlt. Ich fürchte, Sie müssen weitersuchen.« Mit den Worten hob er den Tisch an und trug ihn trotz der Proteste an der Interessierten vorbei.
Was tat er eigentlich? Wieso überließ er ihn ihr nicht einfach? Er wusste es nicht, aber etwas drängte ihn, diesen Tisch mit nach Hause zu nehmen. Auch wenn er es sich nicht erklären konnte – auf diesen Schminktisch wollte er bestehen!
Mit einem befremdlichen Gefühl im Magen trug er ihn an der missmutig dreinblickenden Kundin vorbei, über den Flohmarkt durch das symbolische Tor bis hin zu seinem Wagen. Dort bettete er ihn auf die Ladefläche, schlug Decken um ihn, als müsse er ihn vor den Blicken der anderen beschützen, und zurrte ihn mit Schnüren fest, um ihn unbeschadet heimzubringen.
Zuhause lud er ihn in aller Vorsicht ab und hievte ihn in seine Werkstatt, die zugleich der Laden war. Vorne im Eingangsbereich standen einzelne fertige Möbelstücke, die zum Verkauf bestimmt waren, und im hinteren Bereich arbeitete er.
Eigentlich musste er zuerst den alten Schuhschrank von Frau Meier fertigstellen. Es fehlten nur noch die letzten Schnitzereien an den Füßen. Aber schließlich war heute Sonntag und streng genommen sein arbeitsfreier Tag. Er konnte also guten Gewissens an dem neuen Stück werkeln und die Auftragsarbeit wie verabredet morgen abschließen.
Er stellte ihn in der Mitte des großen Raumes ab. Wie bei jedem Stück ging er zunächst ein paar Mal um ihn herum, damit er ihn von allen Seiten betrachten konnte. Ein Seufzen entfuhr ihm, das so untypisch für ihn war, weshalb er sogleich die Arme vor der Brust verschränkte und sich laut räusperte. Er hob die Linke und stützte das Kinn in die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger.
Ein Bild erschien vor seinem inneren Auge wie bei jedem Stück, das er vom Trödelmarkt mitnahm. Wenn er die Tischbeine etwas dünner gestaltete und die Füße in einer Schnecke zu den Seiten schwingen ließe, würde es das Möbelstück enorm aufwerten. Dazu wollte er die einfachen Knaufe der kleinen Schubfächer abschmirgeln und zu kleinen Schneckenhäusern schnitzen. Und zu guter Letzt würde er sich das Glas des Spiegels näher ansehen. Der schönste Schminktisch verfehlte seine Wirkung, wenn der Spiegel nicht intakt war. Aber was war mit dessen Oberfläche los? Dieses Gemisch aus Hellblau und Grau, das mochte sich draußen noch erklärt haben. Dort hatte er vermutlich die Farbe des Himmels wiedergegeben. Aber hier in der Werkstatt gab es nur Brauntöne, selbst die Wände und die Decke waren mit Holz verkleidet.
Noah sah sich in seinen eigenen vier Wänden um, ließ seinen Blick über den chaotischen Schreibtisch in der Ecke und das ordentlich sortierte und an der Wand aufgehängte Werkzeug schweifen, doch nirgends ergab sich ein Bild, das diese Spiegelung erklärt hätte. Woher also kamen das Grau und das Blau? Die Oberfläche musste kaputt sein. Vielleicht war es gar keine Spiegelfläche. Er fuhr mit dem Finger darüber. Lag womöglich eine Staubschicht darauf? Doch sein Zeigefinger blieb sauber. Wahrscheinlich hatte die alte Dame ihre Stücke vor dem Antikmarkt poliert, ebenso dieses Exemplar.
Er wandte sich ab, als in seinem Augenwinkel etwas Rotes aufblitzte. Während er sich umdrehte, sah er Umrisse in dem Spiegel, die zuvor nicht dagewesen waren. Er sah Schemen von einem Gesicht – seinem Gesicht? Nein, die Lippen waren knallrot und umrahmt wurde das verschwommene Gesicht von langen, blonden Strähnen. Ungläubig fuhr sich Noah durch sein dunkelbraunes kurzes Haar und trat näher, doch im selben Moment verschwanden das Rot und das Blond und zurück blieb das Gemisch aus Grau und Hellblau.
Noah schüttelte den Kopf. Bestimmt war es seine Spiegelung gewesen und das Rot und das Blond waren durch die Belichtung entstanden. Womöglich funktionierte der Spiegel nur aus einem bestimmten Blickwinkel. Er drehte sich erneut, versuchte die richtige Position zu finden, doch die Oberfläche blieb gleich.
Schulterzuckend wandte er sich ab. Sein Blick fiel auf die kleine Uhr neben der Tür. Mist, es war gleich halb elf. War er so lange auf dem Trödelmarkt gewesen? Seine beste Freundin Susi – oder sollte er sagen seine einzige Freundin? – hatte ihn gebeten, ihr und ihrem Mann beim Umzug zu helfen. Er schnappte sich die Schlüssel von seinem Pickup und schlug die Tür hinter sich zu, ohne zu sehen, dass das Gemisch auf dem Spiegel sich zu drehen begann und in seiner Mitte erneut ein leuchtend rotes Paar Lippen erschien von einer Frau, die nicht in der Lage war, um Hilfe zu schreien.
Pünktlich auf die Minute parkte Noah seinen Pickup vor Susis Haus. Er sah keine anderen Leute, die mit anpacken würden, aber das machte ihm nichts aus. So gab es weniger Smalltalk, dem er aus dem Weg gehen musste. Er verschloss den Wagen und lief zum überdachten Eingangsbereich, wo ihm Joachim sogleich die Tür öffnete.
»Noah, schön, dass du da bist.«
Hinter ihm stürmten die Zwillinge durch das Haus, dicht gefolgt von der Oma, die die Rasselbande schon mal zum neuen Heim bringen und mit ihnen vor Ort die Kartons auspacken wollte. Noah grüßte die alte Frau, als auch schon Susi hinter den Unmengen gepackter Kisten im Flur auftauchte. Sie kämpfte noch immer mit den Pfunden der Schwangerschaft, wie sie immer wieder betonte, dabei stand es ihr sehr gut, wie Noah fand. Sie sah aus wie das blühende Leben. Aber wer war er, ihr zu sagen, wie sie auszusehen hatte?
Als sie ihn entdeckte, strahlte sie bis über beide Ohren. »Noah, wie geht’s dir? Muss ich immer erst umziehen, damit ich dich zu Gesicht bekomme?« Stürmisch drückte sie ihn an sich. Sie war die einzige, mit der er solche Vertraulichkeiten pflegte.
»Mir geht’s gut. Wieso zieht ihr schon wieder um?«
Susi verdrehte die Augen. »Der Vermieter hat die Miete erhöht, zum dritten Mal in diesem Jahr.«
»Das ist doch gesetzlich gar nicht zulässig.«
»Sag ihm das mal!«
Joachim legte seiner Frau besänftigend eine Hand auf den Oberarm. »Wir wollen uns wegen dem doch nicht mehr aufregen, Schatz.« Tief atmete sie daraufhin durch und lächelte ihren Mann an.
Noah konnte sehen, wie glücklich die beiden miteinander waren. Seine Freundin hatte das Glück mehr als verdient. Wie oft hatte sie in der Schule Pech mit den Typen gehabt und sich dennoch immer wieder mit ausgebreiteten Armen in das nächste Abenteuer der Liebe gestürzt.
»Warte erst mal ab«, hatte Noah ihr jedes Mal geraten, doch Susi hatte inbrünstig erwidert: »Wer Liebe haben will, der muss auch nach ihr suchen.«
Mit Joachim hatte sie während des Studiums endlich einen Mann gefunden, der zu ihr passte und der ihre stürmische Art durch seine Ruhe und Gelassenheit ausbalancierte.
»Und jetzt habt ihr euch ein Haus gekauft?«, erkundigte sich Noah.
Susi strahlte. »Ja, es wurde allerhöchste Zeit. Es ist doch ein Unterschied, ob man in den eigenen vier Wänden wohnt oder in denen eines anderen. Gerade mit Kindern – du hast keine Ahnung, wie viel die zerdeppern.«
Noah nickte, obwohl er wirklich keine Ahnung hatte. Woher auch? Er war seit Jahren Single und gedachte nicht, diesen Zustand zu verändern. Sogleich half er Joachim, die gepackten Kartons in den Transporter zu laden, den die beiden gebucht hatten, bevor irgendjemand auf die Idee kam, nach seinem Privatleben zu fragen.
»Wir wollten uns ja ein Umzugsunternehmen gönnen«, schnaufte Susi nach zwei Stunden, als sie ihn zu einer Kaffeepause und Zimtschnecken in der ausgeräumten Küche nötigte, »aber unser Budget hat es leider nicht zugelassen. Ich hoffe, du bist nicht böse, dass ich dich um Hilfe gebeten habe.«
Noah senkte die Kaffeetasse. »Ich bitte dich – wie lange kennen wir uns? Natürlich helfe ich dir beim Umzug.«
Susi nahm seine Hand und drückte sie dankbar. »Und was machst du so? Wir haben uns seit Monaten nicht gesehen.«
Sogleich verkrampfte er und betont ruhig stellte er die Tasse ab. »Ich restauriere viel.«
»Immer noch? Und wann hast du mal wieder vor eine …«
»Erst einmal gar nicht mehr.«
»Wieso nicht?«
Seine Miene verfinsterte sich und sie hob beschwichtigend die Hände.
»Ich weiß, was damals passiert ist, Noah, ich habe es nicht vergessen. Aber du kannst davon nicht dein restliches Leben bestimmen lassen. Du hast deinen Beruf geliebt und viele deiner Kunden haben geweint, als du aufgehört hast.«
»Na, jetzt übertreib mal nicht.«
»Was war mit Katie?«
»Sie war damals neun Jahre alt.«
»Aber sie hat gesagt, niemand hätte ihr eine so tolle Geige gebaut wie du.«
»Die Zeit ist vorbei und ich will nicht mehr darüber reden!«, entgegnete er heftiger, als beabsichtigt. Susi senkte sofort den Blick. Er hatte sie nicht anfahren wollen, aber bei dem Thema verlor er immer noch die Nerven. »Danke für den Kaffee, ich mach dann mal weiter.« Fluchtartig verließ er die Küche und stürzte sich auf die letzten Behältnisse, die wenig später im Laderaum des Transportwagens verstaut waren. Es hatte alles hineingepasst, weshalb Noahs Pickup gar nicht gebraucht wurde.
»Sobald wir uns eingerichtet haben, laden wir dich zum Essen ein«, versprach Susi, ohne erneut auf die abgebrochene Unterhaltung einzugehen.
»Soll ich wirklich nicht mitfahren und euch beim Auspacken helfen?«
»Danke«, entgegnete Joachim und schüttelte ihm zum Abschied die Hand, »aber das ist nicht nötig. Meine Brüder helfen uns und du hast dir einen erholsamen Sonntag verdient. Hast du heute noch etwas vor?«
»Ach«, Noah winkte ab, »ich werde ein bisschen trainieren und vielleicht noch etwas arbeiten.«
Susi drückte ihn zum Abschied. »Arbeite nicht zu viel. Und wenn wir dich einladen, dann kommst du auch und erfindest keine Ausrede, versprochen?«
Noah nickte und verzog sich schnell in sein Auto, damit die beiden nicht noch mehr Fragen stellten. Zielstrebig fuhr er zum Studio. Das war jetzt genau das richtige, um seine aufwühlenden Gedanken zurückzudrängen. Er war zwar schon k.o. vom Umzug, aber gezieltes Training für Brust und Rücken war mehr als überfällig und er würde sich dabei vergessen können.
Normalerweise trainierte er dreimal die Woche. Es gab ihm ein gutes Gefühl und er lotete jedes Mal seine Grenzen aus, als hätte er ein Turnier vor sich. Das Training war ein Ventil, das ihm seit Jahren half, seine Gedanken und Emotionen im Griff zu behalten.
Als er auf den Parkplatz des Fitnesscenters fuhr, stöhnte er innerlich auf. Kaum eine freie Parklücke war in Sicht. Normalerweise ging er niemals am Sonntag. Das Studio erschien ihm am Wochenende und abends zu eng, und er mochte es nicht, ewig darauf zu warten, die Geräte benutzen zu können. Deshalb trainierte er in der Regel unter der Woche vormittags. Er begann jeden Morgen gegen sechs Uhr mit der Arbeit und um elf ging er zum Training. Da war das Studio meist leer. Aber er wollte nicht bis morgen warten. Er würde sich unwohl fühlen und noch schlechtere Laune bekommen. Er musste seinen angestauten Frust herausschwitzen. Kurzerhand parkte er auf einem der letzten freien Plätze, stieg aus und betrat das Fitnessstudio.
Als er zwei Stunden später ausgepowert und frisch geduscht in seine Werkstatt zurückkehrte, lag erneut der graublaue Farbton auf dem Spiegel. Er schenkte ihm keinerlei Beachtung, öffnete die beiden hinteren Fenster, damit frische Luft in die Werkstatt kam, und schnappte sich das Schleifpapier. Zuerst wollte er die Überreste des weißen Lacks von den Oberflächen entfernen. Anschließend griff er nach dem Hobel, um nachzuarbeiten. Als die ersten Späne zu Boden rieselten und der Duft nach frisch angeschnittenem Holz den Raum durchdrang, erfüllte das sein Herz mit Freude, auch wenn es nicht die Arbeit war, die er am meisten liebte. Wenigstens konnte er weiterhin Feinarbeiten mit Holz verrichten.
Seine Gedanken schweiften zu Katie, der damals, vor über zehn Jahren, wirklich Tränen in die Augen gestiegen waren, als er seinen Beruf an den Nagel gehängt hatte. Wie oft war die Kleine mit ihrer Mutter zu ihm in die Werkstatt gefahren mit ihrer Geige im Schlepptau … Aber er war hart geblieben. Er konnte nicht mehr mit diesem Instrument arbeiten, würde es nie wieder tun und wollte es auch nicht.
Er erinnerte sich, wie Katie plötzlich zu spielen begonnen hatte und die geliebten Melodien in ihn eingedrungen waren wie Magie. Doch sogleich hatte alles in ihm geschrien und er hatte so erbost reagiert, dass Katie noch mehr geweint hatte. Daraufhin hatten sie und ihre Mutter seine Werkstatt verlassen und waren nie wieder gekommen. Natürlich tat es ihm leid, was damals geschehen war, aber er hatte seine Gründe und das mussten die Leute verstehen – auch dieses kleine Mädchen.
Nie wieder würde er ein Instrument schnitzen oder seinen Tönen lauschen, nicht einmal eines anfassen wollte er. Diese Zeiten waren vorbei und so würde es für immer bleiben.
Er verdrängte die Gedanken und Erinnerungen, die seinen Puls wie damals zum Rasen brachten, und widmete sich dem Schminktisch. Er hatte einige Kundinnen, die begeistert sein würden von dem, was er hieraus zu fertigen gedachte. Mal sehen, wer ihn zuerst entdeckte. Hoffentlich gab es keinen Streit.
Auch diese negativen Gedanken verdrängte er und konzentrierte sich auf die Arbeit am Holz. Das stete Geräusch des Hobels machte ihn ebenso glücklich wie das Gefühl, mit diesem besonderen Material zu arbeiten. Nichts war so wunderbar wie Holz. Sein Gehör war derart fein ausgebildet, dass er die Baumarten, die er bearbeitete, vom Klang her unterscheiden konnte, während er mit dem Hobel darüberfuhr. Das hier war eindeutig Kiefer. Selbst ohne das Holz anzusehen, hätte er das erkannt. Er schloss die Lider und lauschte dem vertrauten Geräusch.
Als er die Augen wieder öffnete, durchfuhr ihn ein Schlag und er ließ den Hobel fallen. Mit einem Donnern prallte das Werkzeug auf die Holzdielen, während Noah zwei Schritte zurücktrat und fassungslos in den Spiegel blickte.
Das graublaue Farbgemisch war verschwunden, nein, nicht verschwunden, es hatte sich geklärt. Im Spiegel war jemand zu sehen und obwohl es nicht sein konnte, drehte sich Noah um. Hinter ihm stand niemand. Als er wieder in den Spiegel sah, blinzelte er ungläubig und betrachtete das Bild. Er sah eine schlafende Frau, die Lippen leuchtend rot, das blonde Haar wie einen Schleier um sich gebettet und die Hände umklammerten ein vergoldetes Schwert, dessen Griff mit Rubinen besetzt war.
Bei ihrem Anblick schossen ihm Erinnerungen an ein Märchen, das ihm seine Mutter erzählt hatte, in den Sinn, die er sogleich beiseiteschob.
Wie konnte das sein? Wie war das möglich? War das ein Trick?
Er umkreiste den Spiegel und befühlte die Rückseite. Vielleicht verbarg sich dort etwas wie bei den Werbeanzeigen in der Innenstadt, die ihre Bilder wechselten. Bestimmt war es ein integrierter Bildschirm oder etwas dergleichen. Doch er konnte nichts erkennen.
Kopfschüttelnd lief er zurück vor den Schminktisch und betrachtete die schlafende Frau. Sie sah ausgesprochen hübsch aus, auch wenn das egal war. Und obgleich sie schlief, waren ihre Gesichtszüge nicht entspannt. Irgendetwas an ihr beunruhigte ihn und unvermittelt schoss ihm ein Gedanke in den Kopf: Ihr Schlaf wirkte erzwungen, wie mit Gewalt herbeigeführt.
Langsam streckte er die Hand aus und ohne zu wissen, was er damit bezweckte, strich er ihr über das Gesicht. Sie regte sich nicht, wieso sollte sie auch? Es war irgendein Scherz. Vielleicht hatte ihm deshalb die alte Frau den Schminktisch zunächst nicht verkaufen wollen. Das war ein Scherzartikel für kleine Mädchen.
Dennoch konnte Noah den Blick nicht abwenden. Diese Frau – wer war sie? Wirklich nur irgendein Model?
Als er registrierte, dass er ihr noch immer über die Wange strich, zog er die Hand rasch zurück und räusperte sich. Beinahe mit Gewalt musste er den Blick von ihr reißen und er bückte sich nach dem Hobel. Es war egal, wer sie war. Es war egal, wie sie auf die Oberfläche dieses Spiegels kam, der offensichtlich gar keiner war. Es war völlig egal. Und als hätten seine Gedanken irgendetwas ausgelöst, verschwammen die Konturen, und das Abbild der Frau verschwand.
Noah blinzelte mehrmals, dann schüttelte er entschieden den Kopf. Er hockte sich vor die plumpen Beine und begann sie abzuhobeln, um sie filigraner zu gestalten. Mit aller Gewalt versuchte er nicht mehr an die Schlafende zu denken, doch er ertappte sich immer wieder dabei, wie sein Blick hochwanderte. Aber die Frau war nicht mehr zu sehen, weder ihr Haar noch ihre Lippen. Egal wie oft er in den Spiegel sah, für den restlichen Tag entdeckte er darin nichts als Grau und Blau.
Sind Sie fertig geworden, Herr Schulte?«
Punkt siebzehn Uhr war Frau Meier in seine Werkstatt gestürmt, um einen Blick auf ihr geliebtes Schuhschränkchen zu werfen. Als er ihr das Stück zeigte und sie die Einlegearbeiten und die geschnitzten Füße entdeckte, klatschte sie begeistert in die Hände.
»Sie sind ein Meister ihres Fachs!«
Noah legte das kleine Schnitzeisen, mit dem er gerade an dem Schminktisch gearbeitet hatte, zur Seite. »Freut mich, dass es Ihnen gefällt, Frau Meier. Ich kann Ihnen das gute Stück am Mittwochnachmittag liefern.«
»Das klingt wunderbar, Herr Schulte.« Aus dem Augenwinkel entdeckte sie den Schminktisch, an dem er gerade arbeitete und der deshalb in der Mitte seiner Werkstatt stand. Ihre Augen wurden groß. »Herr Schulte, was haben Sie denn hier Feines?«
»Den habe ich gestern auf dem Antikmarkt entdeckt.«
»Auf dem Antikmarkt?« Ihre Augen strahlten. »Also keine Auftragsarbeit?«
»Nein, das –«
»Kann ich es haben?«, unterbrach sie ihn und stürmte zu dem Tisch. Mit den Fingern strich sie über die Ablage, die Noah bereits geglättet hatte, über die Schubfächer und ihre Knaufe, die noch unbearbeitet waren, und bestaunte die Beine, die bereits der Form ähnelten, die Noah vor seinem inneren Auge sah. »Was für ein Meisterstück!«
»Danke, aber es ist noch nicht fertig.«
»Reservieren Sie es mir!«
»Lassen Sie mich die Arbeit zunächst abschließen. Wenn es Ihnen dann gefällt, haben Sie das Erstkaufrecht.«
Frau Meier klatschte erneut in die Hände. »Fantastisch. Wann werden Sie damit fertig sein?«
Noah sah sich in der Werkstatt um, beäugte die Stühle und das Büffet, die ebenfalls Auftragsarbeiten waren, und überschlug in Gedanken seinen Zeitplan. »Voraussichtlich Ende kommender Woche. Wenn Sie Montag in zwei Wochen vorbeischauen, müsste er fertig sein.«
»Hach, zum Glück habe ich Sie entdeckt. Wissen Sie, ich bekomme jedes Mal Komplimente, wenn ich Gäste in meinem Haus habe und Ihr besonderes Mobiliar zeige. Und jeder will wissen, wer es erschaffen hat. Obwohl ich Sie am liebsten für mich behalten würde, mache ich immer eifrig für Sie Werbung, das können Sie mir glauben.«
Noah setzte zu einer dezenten Verbeugung an. »Das ist sehr nett von Ihnen.«
Sie stellte sich vor den Spiegel und als sie nicht sich, sondern nur das Gemisch aus Grau und Hellblau bewundern konnte, sackten ihre Mundwinkel nach unten. »Oh, der Spiegel ist kaputt. Wo kommt nur dieses seltsame hässliche Grau her?« Mit fragendem Blick drehte sie sich um die eigene Achse und als sie nichts Graues entdeckte, sah sie Noah eindringlich an. »Den werden Sie austauschen, richtig?«
Ein Stich durchfuhr ihn bei ihren Worten. Wenn er das tat, was würde mit der Fremden geschehen, die er darin liegen gesehen hatte? Energisch schüttelte er den Gedanken beiseite. Es gab keine Frau, das war nur ein Trick, ein Spiel, ein Scherzartikel.
»Natürlich werde ich den Spiegel austauschen. Nachher fahre ich zum Händler und erfrage, ob sie einen passenden vorrätig haben. Falls er nicht lieferbar ist, wird sich die Fertigstellung verzögern. Aber meist finde ich dort, was ich brauche.«
Bedeutungsschwer legte sich Frau Meier die Hand an die Brust und seufzte tief, mit den Gedanken längst woanders. »Ich denke, ich werde ihn in die Eingangsdiele stellen. Zwar werde ich mich dort niemals zurechtmachen, aber ein jeder wird ihn bewundern und seine Frisur und sein Makeup überprüfen können.«
Noah nickte lediglich und verabschiedete sich von ihr. Er unterhielt sich nicht gern, und das war schon mehr als genug der Worte gewesen. »Ich bringe Ihnen den Schuhschrank am Mittwoch gegen siebzehn Uhr. Auf Wiedersehen.«
Irritiert von seiner brüsken Art blinzelte Frau Meier mehrmals, bevor sie sich hinauskomplimentieren ließ und Noah wieder an seine Arbeit ging. Als die Tür hinter ihr ins Schloss fiel, atmete er auf. Endlich wieder Ruhe. Er trat an eines der offenen Fenster, die in den Garten hinauszeigten, und verschränkte die Arme vor der Brust. Er beobachtete das Stillleben. Kein Tier war zu sehen, kein Vogel sang sein Lied. Es war einfach nur ruhig.
Wenn alles still war, wurde auch sein Kopf ruhig, ebenso wie seine Gedanken und sein Herzschlag. Sobald Kunden seine Arbeit bewunderten, hörte er jedes Mal die Stimmen von früher, die Loblieder, die Begeisterung, und es schien ihn zu erdrücken. Aber er musste mit Holz arbeiten, konnte nicht anders, und irgendwie musste er sich seinen Lebensunterhalt verdienen. Er hatte keine Wahl und seine kleine Werkstatt war trotz allem sein Refugium. Die Menge der Kundschaft hielt sich in Grenzen, kaum einer kam zum Stöbern, sondern die meisten wegen Auftragsarbeiten. Deshalb hatte er auch niemanden eingestellt, der ihn beim Verkauf unterstützte und ihm den ganzen Tag mit seiner Anwesenheit die Nerven raubte.
Sein Innerstes entspannte sich und er wandte sich vom Fenster ab. Da er den Schuhschrank bereits fertiggestellt hatte, konnte er sich den restlichen Tag dem Schminktisch widmen. Er griff nach dem Schnitzeisen und setzte sich an die Füße. Das Geräusch des Messers, das an dem Holz arbeitete, klang beinahe wie Musik, und er versank völlig in seiner Arbeit.
Er wusste nicht, wie spät es war, als er aufblickte. Zwei der Füße drehten sich bereits schneckenförmig zu den Seiten. Bevor er sich um die anderen beiden kümmerte, brauchte er eine kurze Pause. Während er sich aufrichtete, fiel sein Blick auf den Spiegel. Was musste man tun, um … die Frau noch einmal zu sehen? Er strich an den Oberflächen des Tisches entlang und über die Knaufe, doch das Bild blieb verschwommen. Er öffnete die kleinen Schubfächer – womöglich befand sich der Mechanismus darin. Nichts war zu finden. Schließlich öffnete er das letzte und zog überrascht die dunklen Brauen nach oben. In dem winzig kleinen Schubfach befand sich ein zusammengefalteter Zettel. Hatte den die alte Dame vom Antikmarkt vergessen? Zögerlich holte er ihn hervor und faltete ihn auf. Als er die geschwungene Handschrift erkannte, durchfuhr ihn ein Schlag und er ließ sich auf einen Stuhl gleiten.
Mein geliebter Noah
Es war die Handschrift seiner Mutter. Unter tausenden würde er sie erkennen. Der Kringel unter dem g und der hohe Schwung über dem N – so hatte sie geschrieben. Aber wie kam ein Brief von ihr an ihn in diese Schublade?
Er blinzelte mehrmals, zwinkerte Tränen weg, bevor sie sich bildeten, und spannte das Papier zwischen seinen Händen beinahe zum Zerreißen, bevor er begann zu lesen.
Mein geliebter Noah,
ich weiß nicht, wie alt du bist, wenn du diese Zeilen liest. Leider bin ich nicht bei dir, sonst wäre dieser Brief unnötig. Ich hoffe, es geht dir gut und du hast ein wunderschönes Leben – auch wenn ich wohl nicht so lange an deiner Seite sein konnte, wie eine Mutter das sollte.
Erinnere dich an die Geschichten, die ich dir als Kind erzählt habe, an das Märchen von Goldröschen. Es steckt so viel mehr Wahrheit in dieser Erzählung, als du es dir vorstellen kannst. Bitte, du musst Rosalind helfen. Geh in die Amadeusstraße 18. Dort erwarten sie dich. Bitte, Noah, es hängt so viel von dir ab!
Ich liebe dich, mein Schatz, auf ewig,
Deine Mama
Wann hatte sie diesen Brief geschrieben? Sie war vor über fünfundzwanzig Jahren gestorben. Woher hatte sie damals gewusst, dass es heute, so viele Jahre später, ein Problem geben würde, bei dem jemand seine Hilfe brauchte? Und wie war der Brief in ein Möbelstück gekommen, das er erst gestern erworben hatte? Woher hätte sie wissen sollen, dass es je in seinen Besitz gelangte?
Stirnrunzelnd betrachtete er den Schminktisch. War der früher in ihrer Wohnung gewesen? Nein, daran würde er sich erinnern. Seine Mutter hatte keinen besessen und sich stets im Bad zurechtgemacht.
Ungläubig überflog er erneut die Zeilen. Amadeusstraße 18? Er runzelte die Stirn. Ein paar Ecken weiter gab es eine Amadeusstraße. Wieso sollte er dort hingehen? Wohnte da die alte Dame, der er den Schminktisch abgekauft hatte? Und was hatte sie mit all dem zu tun? Hatte sie den Brief in das Schubfach gesteckt? Oder war jemand in seine Werkstatt gekommen, während er unterwegs gewesen war? Aber die Tür hatte er abgeschlossen – das tat er immer. Und Frau Meier hatte kein Schubfach geöffnet, das hätte er mitbekommen. War jemand durchs Fenster hereingeklettert? Oder eingebrochen?
In dem Moment wackelte das Farbengemisch auf dem Spiegel hin und her, Konturen wurden sichtbar, die schlafende Frau erschien, doch nur nebulös. Alles blieb unscharf. Leuchtend rot jedoch prangten ihre Lippen, ebenso wie die Nägel ihrer Finger, die den Griff des Schwertes umklammerten. Noah konnte den Blick nicht von ihr abwenden, sein Puls beschleunigte sich und erneut streckte er den Finger aus und fuhr über die glatte Oberfläche, hinter der sich ihr Gesicht verbarg. Wer war diese Frau? Weshalb sah sie derart verkrampft aus, obwohl sie schlief? Und wieso erschien sie nur dann, wenn er allein war?
Als erneut das Farbengemisch zu wackeln begann, presste Noah die Hände auf den Spiegel, als könnte er damit ihr Bild festhalten. Doch es nützte nichts. Das Antlitz der Fremden verschwand und zurück blieb ein Gefühl, das ihn zutiefst beunruhigte. Sie sah so traurig aus, so verzweifelt. Wer hatte ihr das angetan? Wieso lag sie in diesem Spiegel? War sie darin gefangen? Und was hatte der Brief seiner Mutter mit ihr zu tun? Und das Märchen von Goldröschen?
Moment. Was für einen Unfug dachte er überhaupt? Eine Frau, gefangen in einem Spiegel? Ein altes Märchen? Dieser Schminktisch brachte ihn völlig durcheinander. Er hätte ihn nicht kaufen sollen. Vermutlich war es das Beste, er brachte ihn zurück. Die Adresse in dem Brief – wohnte dort die Verkäuferin? Hatte sie den Zettel hineingelegt, weil sie den Tisch in ihrem tiefsten Inneren behalten wollte? Waren die Zeilen seiner Mutter eine Fälschung?
Nachdenklich senkte er den Blick, doch in seiner Hand war nichts. Wo war der Brief? Er hatte ihn doch eben noch in seiner Hand gehalten. Dann war die Frau in dem Spiegel erschienen und nun war er fort. Aber auf dem Schminktisch lag er auch nicht. Wenn er ihn irgendwo anders abgelegt hätte, könnte er sich doch daran erinnern!
Noah ging in die Hocke, suchte die Dielen ab und beugte sich sogar unter seinen Schreibtisch, der über zwei Meter entfernt stand, aber er konnte den Brief nirgends finden. Das gab es doch nicht. Wo war er hin? Halb unter dem Fuß des Schminktisches entdeckte er einen Zettel. Rasch bückte er sich, doch es war nur ein abgerissenes Stück Papier, auf dem mit krakeliger Schrift geschrieben stand: Amadeusstraße 18.
Verursachte der Spiegel irgendwelche Sinnestäuschungen? War Noah durcheinander und hatte sich den Brief nur ausgedacht? Wie sonst konnte er ihn erklären? Die Nachricht seiner Mutter musste ein Produkt seiner Fantasie gewesen sein. Vielleicht sollte er wirklich mal raus, etwas anderes tun, mal wieder angeln gehen. Susi hatte recht. Er schüttelte den Kopf und überflog erneut seine Werkstatt mit den Augen, doch der Brief tauchte nirgends auf. Bis auf diese Adresse war nichts von den Zeilen zu finden, die er eben zu lesen geglaubt hatte.
Seltsam. Sehr, sehr seltsam.
Heute noch würde er die Füße und die Oberflächen des Möbelstückes fertigstellen und morgen, sobald die Uhr acht geschlagen hatte, es in diese Amadeusstraße bringen. Der Zettel war ein Hinweis. Die alte Frau wollte den Schminktisch nicht hergeben, hatte ihn nur schweren Herzens verkauft und für den Fall, dass er Noah doch nicht gefiel, hatte sie die Notiz hinterlegt, damit der Tisch zu ihr zurückgebracht wurde. Wieso auch immer Noahs Einbildungskraft daraus einen Brief seiner verstorbenen Mutter projiziert hatte, war der Adresshinweis eindeutig. Und was auch immer das Erscheinen der fremden Frau in dem Spiegel zu bedeuten hatte, die alte Frau würde schon wissen, wie sie damit umzugehen hatte.
Seine Pause völlig vergessend machte sich Noah wieder an die Arbeit und noch bis spät in die Nacht konnte man das leise, aber unermüdliche Geschleife und Gehobele aus seiner Werkstatt vernehmen, die Geräusche, die ihn seit Jahren beruhigten.
Mama, wo bleibst du denn?«
Lachend kam seine Mutter ins Kinderzimmer. »Seit wann gehst du denn so früh ins Bett? Du kannst gerne noch ein paar Minuten spielen, Noah.«
»Aber ich will doch das Märchen von Goldröschen hören. Hast du es etwa vergessen?«
»Nein, mein Schatz. Also schön. Wo haben wir aufgehört?«
»Goldröschen hat eine eigene Geigenspielerin bekommen und eines Morgens war der Himmel grau und nichts war mehr wie zuvor.«
»Das hast du dir gut gemerkt. Also …« Gemeinsam setzten sie sich auf Noahs Bett, und umringt von seinen Kuscheltieren fuhr seine Mutter in der Erzählung fort.
An jenem Morgen, als sich der Himmel verdunkelte, war Goldröschen nicht einmal neun Jahre alt. Der Morgen blieb düster und selbst zum Mittag drang kein einziger Sonnenstrahl durch die dicke Wolkenschicht. Ihre Eltern beruhigten sie, dies sei nichts Ungewöhnliches, ein starkes Gewitter, ein Unwetter – doch Goldröschen glaubte ihnen nicht.
»Seit ich auf der Welt bin, hat jeden Tag die Sonne geschienen. Selbst auf einen Regenschauer folgte sogleich das Licht und jeden Morgen wurde ich von den Strahlen der Sonne geweckt. Ich spüre es, Mama, irgendetwas stimmt nicht.«
Das Königspaar versuchte sie zu beruhigen – wer entdeckt schon gerne Sorgenfalten auf der Stirn seines Kindes? –, doch als der Tag vergangen war und selbst am nächsten Morgen kein Sonnenstrahl zu ihnen drang, wurden sie von Goldröschens Unruhe angesteckt. Sie versuchten es vor ihrer Tochter zu verbergen, doch König Leopold ließ die Soldaten aufmarschieren und Königin Eleonore veranlasste, dass ihre Tochter nicht nur von den Musikanten, sondern auch von zwei Rittern auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Niemand von ihnen durfte sie aus den Augen lassen, nichts durfte ihrem einzigen Schatz geschehen.
Barbara, die junge Geigenspielerin, tat ihr Bestes, Goldröschen von ihren Sorgen abzulenken. Wenn sie ihr geliebtes Instrument auspackte und an den Hals setzte, begannen Goldröschens Augen zu leuchten und sie ließ sich nieder und entspannte, während Barbara die Melodien durch den Hof auf die Reise schickte. Schon bald wurde sie die zauberhafte Barbara genannt, denn mit ihrer Musik vermochte sie jeden zu begeistern.
Die Wochen vergingen und noch immer verzogen sich die dichten Wolken nicht. Goldröschen wollte all dem auf den Grund gehen. »Ich bin die zukünftige Königin des Landes. Ich muss herausfinden, was uns bedroht!«
Doch ihre Eltern verboten ihr, das Schlossgelände zu verlassen. Eine starke Mauer wurde um das Schloss gebaut und die Tore nur noch auf Befehl des Königs geöffnet.
Viele Bauern und Handwerker drängten zu dem Schlosse, um innerhalb der Mauern Schutz zu suchen. Solange ausreichend Platz war, wurde ein jeder aufgenommen, doch schon bald wurde es so eng, dass den Menschen kein Einlass gewährt werden konnte. Sie kampierten vor der Schlossmauer, worauf der König einen zweiten Mauerring errichten ließ, der die Leute schützte. Großherzog Ferdinand, der Bruder des Königs, überwachte sämtliche Bauarbeiten, damit sich König Leopold um Rosalind kümmern konnte.
Die allgemeine Sorge wuchs, doch um Goldröschen nicht unnötig zu ängstigen, sollte das kommende Fest am Ersten des Monats trotzdem stattfinden. Die Musikanten stimmten ihre Instrumente, Köche und Bäcker bereiteten ein Festessen und Floristen arrangierten Blumenkörbe und -girlanden. Der Schlossplatz wurde geschmückt und pünktlich um zwölf Uhr sollte die zauberhafte Barbara, Goldröschens Geigenspielerin, mit einem Solo das Fest eröffnen.
Doch was dann geschah, ließ alle erschaudern.
»Nein, Mama, du darfst nicht stoppen. Wir haben noch genug Zeit.«
»Mein Schatz, schau doch auf die Uhr. Morgen erzählen wir weiter.«
Noah seufzte. »Ich wüsste wirklich gerne noch heute, was alle erschauern ließ. Kam ein Troll? Ein Riese? Ein Berglöwe?«
Mit einem traurigen Ausdruck auf dem Gesicht strich ihm seine Mutter über den Kopf. »Das wirst du morgen erfahren. Schließ deine Augen und schlaf schön, mein Engel.«
»Ich hoffe, für Goldröschen wird alles gut ausgehen.«
»Das wird sich zeigen, mein Schatz, das wird sich zeigen …«