Titel

Rose Tremain

Lily

Eine Rachegeschichte

Aus dem Englischen von Christel Dormagen

Insel Verlag

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Die Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel Lily. A Tale of Revenge bei Chatto & Windus, einem Imprint von Vintage, Penguin Random House, London.

eBook Insel Verlag Berlin 2022

Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2022.

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Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

Umschlagabbildung: Nicole Matthews/Arcangel Images, Málaga

eISBN 978-3-458-77336-8

www.suhrkamp.de

Widmung

Für Caroline Michel,
mit Liebe und Lachen

Lily

Wölfin

Sie träumt von ihrem Tod.

Er kommt, als ein kalter Oktobertag am Londoner Himmel dämmert.

Ihr wird ein Sack über den Kopf gezogen. Durch das Jutegewebe kann sie einen letzten Blick auf die Welt werfen, die nur mehr ein Haufen winziger Rechtecke aus grauem Licht ist, und sie denkt: Warum habe ich so lange und so hart dafür gekämpft, mich an einem Ort zu behaupten, der es, seit ich ihn betrat, auf meine Vernichtung abgesehen hat? Warum habe ich mich nicht schon als Kind dem Tod ergeben, denn sind Kinderbilder vom Tod nicht fantasiereich und voller fremdartiger Schönheit?

Sie spürt, wie sich die Schlinge, die aus einem dicken Hanfseil gefertigt ist, um ihren Hals legt, und weiß, dass die Schlinge in ihrer Arglist einen ewigen Koitus mit einem riesigen, knolligen Knoten an ihrem Hinterkopf eingehen wird. Der Knoten berührt ihren Schädel im Nacken. Gleich wird sich unter ihren Füßen eine Falltür öffnen, und sie wird ins Leere stürzen, ihre Beine werden wie die Beine einer Stoffpuppe baumeln. Ihr Genick wird brechen und ihr Herz aufhören zu schlagen.

Niemand außer ihr weiß, dass ihr Traum vom Tod eine vorweggenommene Probe für das ist, was ihr mit Sicherheit eines Tages widerfahren wird. Noch weiß niemand, dass sie eine Mörderin ist. Man sieht in ihr ein unschuldiges Mädchen. In einem Monat wird sie siebzehn sein. Ihre Wangen haben Grübchen, und ihr Haar ist braun und weich. Ihre Stimme ist leise. Ihre Hände sind geschickt. Sie arbeitet in Belle Prettywoods Perücken-Emporium, das in ganz London berühmt ist. Sie geht sonntags in die Kirche, in einem Kleid aus blauem Serge. Und sie wurde nach einer Blume benannt: Lily.

In der Kirche gibt es einen Mann, der sie beobachtet. Er ist älter als sie. Sie schätzt, er könnte schon vierzig sein. Aber ihr gefällt das Verlangen, das sie in seinen Augen sieht. Vielleicht ist das der Grund, warum sie, als sie sie wahrnimmt – diese kleine Flamme der Sehnsucht, die so beharrlich ist wie das vielfarbige Licht, das durch ein Buntglasfenster strömt –, ein paar Sekunden lang vergisst, was sie getan hat und dass sie am Ende für ihre böse Tat bestraft werden wird. Wovon sie stattdessen zu träumen beginnt, ist eine irgendwie unschuldige Fortsetzung ihres Lebens.

Sie erschafft einen imaginären Augenblick, eine Art Theaterszene. Sie ist mit diesem unbekannten Mann auf dem Kirchhof. Es ist Frühling, aber die Luft ist kühl. Sie und der Mann sitzen Seite an Seite auf einer steinernen Bank, und sie kann fühlen, wie die Kälte des Steins durch ihr Kleid dringt. Sie beginnt leicht zu zittern, worauf der Mann nach ihrer Hand greift, und seine Hand ist warm und stark. Er hält sie sanft – nicht gewaltsam oder endlos, so wie der Knoten, der die Schlinge fest im Griff hat, sondern mit sanfter, menschlicher Zärtlichkeit. Und das weckt in ihr das entsetzliche Bedürfnis, ihr Verbrechen zu beichten, dessen Ungeheuerlichkeit von Zeit zu Zeit ihr Herz so sehr bedrängt, als hätte sie einen Stein verschluckt. Sie wendet ihr Gesicht dem des Fremden zu, das ernst und freundlich wirkt, und sagt: »Wissen Sie, dass ich eine Mörderin bin?« Und er erwidert: »Ja, das weiß ich, aber ich glaube, ich werde mich dafür entscheiden, dieses Wissen beiseitezuschieben, denn Sie hatten einen guten Grund.«

Einen guten Grund.

Aber das ist nur ein Traum, eine Fantasie, eine Geschichte …

Es war im Jahr 1850, sie war erst wenige Stunden alt, da wurde sie von ihrer Mutter im Stich gelassen und vor dem Tor eines Parks in der Nähe von Bethnal Green im Londoner East End ausgesetzt. Das Tor war aus Eisen. Lily war in Sackleinen eingewickelt. Bevor sie gefunden wurde, waren Wölfe, die im Sumpfland von Essex lebten, vom vielschichtigen Gestank der Stadt angelockt, durch die Novembernacht gestreift; sie drangen in den Park ein und hörten das Wimmern eines Babys, das sie für das Jaulen eines Wolfsjungen hielten; sie schoben ihre Schnauzen durch die Lücken im eisernen Tor, und eine Wölfin packte das Sackleinenpäckchen mit den Zähnen und wollte es zu sich heranziehen. Vielleicht versuchte sie, sanft mit dem Baby umzugehen, doch ihre scharfen Zähne gruben sich in einen Fuß des kleinen Kinds, Blut floss in den Stoff, und als das Rudel Blut witterte, brach es in einen sehnsüchtigen Schrei aus.

Das Geheul der Wölfe brachte einen Wachtmeister der Nachtschicht ans Tor. Er hielt seine Laterne hoch und sah das in Sackleinen gewickelte Kind, dessen Fuß blutete und das in die Nacht hinausschrie. Er nahm es hoch. Er war noch sehr jung und hatte keine eigenen Kinder, und doch barg er das Baby, um es zu wärmen, an seiner Brust, wie Eltern es mit ihrem Kind tun würden, und seine Uniform wurde fleckig vom Blut des Babys. Er war voller Staunen und gleichzeitig voller Angst.

Er lief durch die Nacht nach Coram's Fields. Ein heftiges Unwetter zog auf, und als der Wachtmeister endlich das Findelhaus erreichte, fieberte er von der Kälte und dem Regen. Die Aufseher ließen ihn eintreten und nahmen ihm das Kind von der zitternden Brust, an die es sich geklammert hatte. Sie fragten, ob es sein Baby sei, das verneinte er und sagte, er habe es am Tor des Victoriaparks gefunden und vor den Wölfen gerettet. Man wies ihn darauf hin, dass es solche Geschöpfe in London nicht mehr gebe, sie seien eine Fieberfantasie. Doch er erklärte, er habe sie ganz gewiss im Licht seiner Polizeilaterne gesehen, ihre Augen hätten im Dämmerlicht wie Silber geglänzt, und er zeigte ihnen das Blut am Sackleinen, wo der Fuß gebissen worden war.

Der Tag brach an, im Findelhaus wurden die Feuerstellen entzündet, und der Polizist setzte sich, fest in eine Decke gepackt, in seinem Unterzeug ans Feuer und trank heißen Tee; das Baby wurde auf einen Tisch gelegt, aus seinem Sack gewickelt und in Leinenlumpen gehüllt. Eine Schwester wurde gerufen, sie wusch und verband die Wunde am Fuß des kleinen Mädchens und wickelte es in eine Decke aus Kaninchenfell, damit es wieder warm wurde. Das Baby war halb tot von all dem, was ihm in seiner ersten Nacht auf der Erde widerfahren war. Es nuckelte am Finger der Schwester, den diese vorher in einen Brei aus Mehl und Wasser getaucht hatte.

Eigentlich war es im Londoner Findelhaus Sitte, dass die Mutter, als Zeichen ihrer Reue, dem ausgesetzten Baby etwas mitgab, wenn sie es dort ablegte. Es konnte ein Knopf sein oder eine angestoßene Münze oder ein Stofffetzen – irgendein kleiner, nutzloser Gegenstand, der der Frau etwas bedeutete, die im Begriff war, sich von einem lebendigen Wesen zu trennen, das sie hätte nähren und lieben sollen. Manchmal lag auch ein Zettel bei, eine Nachricht, in der es hieß, die Mutter werde eines Tages wiederkommen, ihr Kind holen und versuchen, es gut zu behandeln. Und manchmal hatten die Frauen auch einen Namen für das Kind aufgeschrieben, sie wussten wohl nicht, dass Babys, denen ihre Mütter einen Namen mitgegeben hatten, dieser sofort wieder genommen und durch einen anderen ersetzt wurde. Denn der Vorstand des Findelhauses vertrat die Ansicht, Mütter, die nicht für ihre Neugeborenen sorgen konnten, seien schändliche Sünderinnen; sie gehörten der Kategorie menschlicher Seelen an, die die Gesellschaft als »Unwürdige« bezeichnete. Deshalb war verfügt worden, dass sie nicht das Recht hatten, ein Kind durch so etwas wie eine Taufe fälschlicherweise an sich zu binden. Die Verantwortlichen des Findelhauses zogen es vor, diese Kinder als deren Wohltäter selbst zu taufen.

Später erklärte man Lily, der Sack sei durchsucht worden, für den Fall, dass ein Andenken oder ein Schildchen zwischen Stoff und Körper versteckt worden war oder auch ein Zettel mit einem Namen darauf. Doch es habe kein Andenken, kein Schildchen und keinen Zettel gegeben. Was sich jedoch ganz unten in dem Säckchen befand, war eine befremdliche Menge weißer, mit dem Blut des Mädchens durchtränkter Haare, und keiner wusste, was die da verloren hatten. Die Aufseher versuchten, irgendeine verschlüsselte Botschaft aus den Haaren zu lesen, aber es gelang ihnen nicht. Doch sie bewahrten den Sack mit den Haaren auf; vielleicht würde er ihnen eines Tages ja etwas verraten.

Nachdem der Vorstand des Hauses das Kind Lily genannt hatte, wurde ihm auch ein Nachname zugewiesen, freundlicherweise gestiftet von einer der wohltätigen Damen, hochwohlgeborenen Personen mit einer mitleidigen Ader in ihren dürren Herzen, die sich gerne vorstellen wollten, ihr Geld helfe Kindern auf einen Weg, der sie nicht ins Verderben führte. Also wurde ihr der Name Mortimer verliehen, nach einer gewissen Lady Elizabeth Mortimer, Tochter eines Herzogs und Besitzerin eines Schlosses an einem schottischen See, die aber mit einem Buckel geboren worden war, weshalb niemand sie hatte heiraten wollen, so dass all ihre aufgestaute Leidenschaft in Wohltätigkeit floss. Lily erhielt ein Miniaturporträt von Lady Elizabeth, das allerdings nur ihr Gesicht zeigte, welches makellos und hübsch war, und nicht ihren armen Rücken, der ihr Leben und ihre Hoffnungen ruiniert hatte.

Am Finger der Schwester nuckelnd, in Kaninchenfell gewickelt und vom Feuer warmgehalten, überlebte Lily den ersten Tag. Später erzählte man ihr, der junge Polizeiwachtmeister sei damals an ihrer Seite in einen Fieberschlaf gefallen, worauf man ihn in ein Bett getragen habe, um zu verhindern, dass er im Coram-Findelhaus einen unvorhergesehenen Tod starb. Er starb nicht, und sie erfuhr, er sei zwei Wochen später noch einmal erschienen, um zu fragen, ob das Findelkind, das er gerettet hatte, überlebt habe. Er gab seinen Namen mit Konstabler Sam Trench an. Er erklärte den Aufsehern, auf seinem Weg von Bethnal Green durch Regen und Wind habe er zu dem Baby, das er an seine Brust gepresst hielt, eine große Zuneigung verspürt, und jetzt würde er Lily gern noch einmal in seinen Armen halten. Aber zu diesem Zeitpunkt war sie schon fortgebracht worden.

»Fortgebracht?«, wiederholte er. »Wegen der Wunde an ihrem Fuß?«

»Nein«, erwiderten die Aufseher, »fortgebracht in eine Pflegefamilie auf dem Land. So halten wir es hier. Wir schicken die Babys für ein paar Jahre fort, in eine ehrbare Familie, die sie aufzieht. Und dann holen wir sie wieder zurück.«