Der Tod macht Urlaub in Schweden

Anders de la Motte / Måns Nilsson

Der Tod macht
Urlaub in Schweden

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen
von Marie-Sophie Kasten

Knaur eBooks

Inhaltsübersicht

Über Anders de la Motte / Måns Nilsson

Anders de la Motte, geboren 1971, arbeitete mehrere Jahre als Polizist in Stockholm und in der Security-Branche, bevor er Schriftsteller wurde. 2010 erhielt er für sein Debüt Game den Preis der Schwedischen Akademie der Krimiautoren. Sein Roman UltiMatum wurde 2015 als bester schwedischer Kriminalroman ausgezeichnet. In Schweden sind seine Romane Nummer-1-Bestseller. Mit Sommernachtstod gelang ihm auch in Deutschland der Sprung auf die Bestsellerliste. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Malmö.

 

Måns Nilsson, geboren 1977, ist Komiker, Fernsehmoderator und Autor mehrerer Bücher, Theaterstücke und Drehbücher. Er hat in vielen Radio- und TV-Produktionen mitgewirkt und moderiert einen in Schweden äußerst beliebten Podcast. Måns Nilsson lebt in Malmö.

Wir lieben Österlen und haben uns bemüht, die Geografie und die Geschichte der Region so korrekt wie möglich zu beschreiben. In manchen Fällen haben wir uns allerdings zugunsten der Handlung gewisse Freiheiten erlaubt.

 

Die Zitate aus William Shakespeares Stück King Lear sind in der Übersetzung von W. Schlegel, Dorothea Tieck, Wolf Graf Baudissin und Nicolaus Delius, Artemis & Winkler Verlag, wiedergegeben.

Personengalerie

Peter Vinston, 49: Kriminalkommissar bei der Mordkommission Stockholm

Tove Esping, 28: Kriminalassistentin bei der Polizei Simrishamn

Jessie Anderson, 42: Promimaklerin und TV-Star

Elin Sidenvall, 25: Jessies Assistentin

Christina Löwenhjelm, 49: Psychologin und Peter Vinstons Ex-Frau

Poppe Löwenhjelm, 54: Herr auf Schloss Gärnäs und Christinas neuer Ehemann

Amanda Vinston, 16: Peters und Christinas Tochter

Lars-Göran Olofsson, 60: Bienenzüchter und Polizeichef von Simrishamn

Thyra Borén, 52: Chefkriminaltechnikerin

Joanna Osterman, 44: Reporterin und Chefredakteurin beim Cimbrishamner Tagblatt

Felicia Oduya, 33: Betreiberin von Felicias Kaffeehaus in Komstad

Sofie Wram, 63: Pferdezüchterin und Reitlehrerin

Jan-Eric Sjöholm, 72: pensionierter Schauspieler und Künstler

Alfredo Sjöholm, 61: Kostümassistent und Designer

Niklas Modigh, 33: Hockeyprofi in Los Angeles

Daniella Modigh, 31: Influencerin und Springreiterin

Margit Dybbling, 75: Vorsitzende des Ortsvereins Gislövshammar

Svensk und Öhlander: Polizisten bei der Polizei Simrishamn

Fredrik Urdal, 36: Elektriker aus Tomelilla

Hasse Palm, 57: Elektriker aus Sjöbo

Hund Bob: Felicias Collie, der im Kaffeehaus herumhängt

Katze Pluto: langhaarige Hofkatze, die bei der Bäckastuga herumschleicht

Prolog

So lange wie möglich hatte sich die Sonne am Frühlingshimmel gehalten, aber jetzt versank sie allmählich im Bornholmer Seegatt. Möwen segelten über den Dünen im Wind, während das tief stehende Abendlicht das Meer in Quecksilber verwandelte. Das Wasser war noch kalt, es war erst Mitte Mai, und der Strand lag verwaist da. Einen halben Kilometer entfernt gingen in dem pittoresken Fischerdorf Gislövshammar die Lichter an, und am Horizont sah man die graue Silhouette eines Frachtschiffes, das langsam westwärts steuerte.

Früher einmal hatten Seeräuber die Gegend unsicher gemacht, indem sie falsche Leuchtfeuer an den Stränden entzündeten, um Schiffe in seichte Gewässer zu locken und die Besatzung zu töten. Heute ruhten immer noch Wracks und Knochenreste dort draußen, tief unter den verräterischen Sandbänken. Vielleicht hatte der schöne Platz daher auch etwas Unheilvolles an sich. Ein letzter Hauch der bösen Taten hing noch in der Luft.

 

Der Umzugswagen, der sich näherte, hatte gerade die Hauptstraße verlassen und war in einen namenlosen Schotterweg eingebogen, der sich zwischen gelben Rapsfeldern und dunklen Waldabschnitten hindurchschlängelte. Das Sträßchen endete an einer Wendeplatte direkt oberhalb der Dünen, so nah am Meer, dass die beiden Männer im Führerhaus Tang und Salzwasser riechen konnten.

Neben dem Lastwagen erhob sich ein hoher, neu errichteter Stahlzaun mit einem massiven motorbetriebenen Tor und der Aufschrift Gislövsstrand. Nicht nur ein Wohnort, sondern ein Lebensgefühl. Darunter hing in grellen Farben ein wesentlich unfreundlicherer Hinweis: Zutritt für Unbefugte verboten!

Der Fahrer, ein vierschrötiger Kerl mit Nackenwulst, fuhr bis zur Gegensprechanlage vor. Dort ließ er das Seitenfenster herunter, beugte sich hinaus und erreichte mit Mühe die Ruftaste. Bei der Bewegung quoll sein Bauch zwischen Hosenbund und Pullover hervor.

Ein Kreis aus LED-Lampen leuchtete auf, und der Mann geriet ins Visier eines Kameraauges.

»Jessie Anderson«, ertönte eine schneidende Stimme mit amerikanischem Akzent aus dem Lautsprecher.

»Hallo, hier ist Ronny von Österlen Umzüge«, sagte der Fahrer im breiten schonischen Dialekt. »Wir kommen mit …« Ronny brach kurz ab und suchte nach dem richtigen Wort. »Mit dem Haken.«

Langsam glitt das Metalltor auf.

»Come on in!«

 

Das Grundstück hinter dem Zaun war zum größten Teil ein Bauplatz, samt Aufenthaltsbaracke, Abfallcontainer und einigen Maschinen. Geradeaus sah man eine Reihe identischer, neu gegossener Fundamente, aus denen Plastikrohre in den Abendhimmel ragten. Links, Richtung Meer, lag das bisher einzige fertiggestellte Haus. Ronny pfiff durch die Zähne.

»Was für ein Hammergrundstück!«

Das Haus bestand aus Beton, Stahl und Glas. Gerade Linien, scharfe Ecken, kein Dachvorsprung oder anderes, was die quadratische Form durchbrach.

»Sieht aus wie ein Riesenbunker. Muss mindestens fünfhundert Quadratmeter haben, oder was denkst du?«

Sein Kollege Stibbe nickte stumm.

In der Einfahrt standen zwei Autos, eines davon ein weißes Porsche-Cabrio. Ronny stellte den Motor ab, und die beiden Männer schlugen gleichzeitig die Lastwagentüren hinter sich zu.

Eine Frau kam ihnen mit hohen, klappernden Absätzen entgegen. Sie musste knapp über vierzig sein, hatte langes blondes Haar, trug eine großzügig aufgeknöpfte Bluse und einen engen Rock.

Bevor Ronny etwas sagen konnte, hielt sie verärgert einen Finger in die Luft und sprach weiter in ihr Handy.

»Can I put you on hold for just a minute, James?«

Ronny und Stubbe tauschten einen vielsagenden Blick, wie immer, wenn sie eine attraktive Kundin vor sich hatten.

»Sind Sie Jessie Anderson?«, fragte Ronny, obwohl er das Gesicht der Frau schon aus Zeitschriften und dem Fernsehen kannte.

»Sie kommen zwei Stunden zu spät«, erwiderte Jessie streng.

Ronny zuckte mit den Achseln.

»Der Künstler, Olesen, hatte das Teil nicht richtig verpackt. Stibbe und ich mussten ihm dabei helfen. Das hat länger gedauert als …«

»Das ist nicht mein Problem«, unterbrach ihn Jessie. »Zeiten sind dafür da, dass man sie einhält. Ich werde Ihren Chef morgen früh anrufen und verlangen, dass er das von der Rechnung abzieht. Laden Sie jetzt ab, wir haben es eilig. Elin wird Ihnen zeigen, wo die Skulptur stehen soll.«

Sie winkte eine jüngere dunkelhaarige Frau mit Brille heran, machte dann auf ihren schwindelerregend hohen Absätzen kehrt und trippelte ins Haus zurück, während sie ihr Telefonat wieder aufnahm.

»Sorry for that, James. As I was saying, don’t pay any attention to the rumors. The market in Skåne is booming and Gislövsstrand is an excellent investment opportunity …«

»Ich bin Elin Sidenvall, Jessie Andersons Assistentin«, stellte sich die junge Frau vor. Sie war etwa fünfundzwanzig Jahre alt und sprach Stockholmerisch. Ihr Hemd war bis zum Hals zugeknöpft, und ihre Absätze waren deutlich praktischer als die ihrer Chefin. In der einen Hand hielt sie ein Klemmbrett.

»Die Skulptur kommt nach unten ins Wohnzimmer.«

»Runter?«, fragte Ronny. »In der Arbeitsbeschreibung steht nichts von irgendwelchen Treppen.«

Elin sah in ihren Unterlagen nach.

»Wird im Wohnzimmer im Erdgeschoss platziert«, las sie vor.

»Genau. Keine Treppe«, konstatierte Ronny.

»Das Haus befindet sich in Hanglage«, korrigierte Elin trocken. »Eingangshalle, Küche, Gästezimmer, Ankleidezimmer und einige andere Räume sind hier im oberen Stockwerk. Die Gesellschaftsräume, das Spa und das Schlafzimmer liegen unten, mit Zugang zum Garten und zum Meer. Die Skulptur soll im Wohnzimmer stehen, genau unter der Küche. Hier steht es, sehen Sie!«

Sie hielt den Männern das Klemmbrett hin und klopfte mit dem Finger darauf.

Normalerweise hätte Ronny protestiert, aber ihr Chef hatte ihnen ausdrücklich die Order gegeben, diese Kundin mit Samthandschuhen zu behandeln.

Elin Sidenvall hob fragend eine Augenbraue.

»Also, wie machen wir es?«

Ronny seufzte resigniert und schlurfte zur hinteren Wagentür.

»Das sind ja ganz schöne Drachen, oder was denkst du, Stibbe?«, brummte er, als Elin außer Hörweite war.

 

Nach einer knappen Stunde hatten es die beiden Umzugsleute geschafft, die Skulptur die Treppe hinunterzutragen und sie an der vorgesehenen Stelle im Wohnzimmer zu platzieren. Elin überwachte sie dabei streng und unterbrach die Arbeit, sobald auch nur das kleinste Risiko bestand, gegen eine Wand oder das Treppengeländer zu stoßen. Dann holte sie ein Metermaß, um zu kontrollieren, dass die Skulptur an exakt der richtigen Stelle stand. Und trotzdem war Jessie Anderson nicht zufrieden. Ronny und Stibbe mussten die Skulptur noch dreimal hin und her schieben, bevor Jessie sie endlich gehen ließ.

Elin begleitete sie nach draußen. Vielleicht lag es an seinem niedrigen Blutzuckerspiegel oder an der unerwarteten Schlepperei, jedenfalls missachtete Ronny die Anweisungen seines Chefs.

»Heute stand was in der Zeitung über Sie«, sagte er. »Dieser Nicolovius hat Sie in seinem neuesten Leserbrief ziemlich übel beschimpft.« Ronny merkte zu seiner Zufriedenheit, dass das Thema der Assistentin peinlich war.

»Wer auch immer dieser Kerl ist, hasst er Ihre Chefin auf jeden Fall ordentlich. Aber da ist er nicht der Einzige, oder?«

Elin reagierte nicht.

Ronny zwinkerte ihr zu, bevor er seinen Lastwagen bestieg.

»Machen Sie das Tor auf?«, fragte er durch das geöffnete Seitenfenster.

»Fahren Sie einfach vor, es öffnet sich automatisch«, erwiderte die Assistentin kurz angebunden.

 

Elin Sidenvall blieb stehen und sah zu, wie sich das Tor wieder schloss, während die Rücklichter des Lasters vom Wald verschluckt wurden. Eine einsame Lampe bildete einen Lichtkreis auf dem asphaltierten Vorplatz, aber drum herum wurde die Dunkelheit immer dichter. Die Möwen waren verstummt, irgendwo in der Ferne rief ein Käuzchen.

Der schaurige Laut ließ Elin frösteln und erweckte das ungute Gefühl wieder zum Leben, das sie verfolgte, seit sie heute Morgen den unangenehmen Leserbrief gesehen hatte.

Österlen wird diese Freveltat niemals vergessen, hatte dieser Nicolovius geschrieben.

Der Tag der Abrechnung naht, an dem die Schuldigen teuer für ihre Gier bezahlen werden.

Die Worte ließen sie nicht los. War sie eine der Schuldigen, und was meinte der anonyme Schreiber damit, dass sie teuer bezahlen müssten?

Plötzlich, ohne genau zu wissen, warum, fühlte sich Elin beobachtet. Als gäbe es da draußen in der kompakten Finsternis außer dem Käuzchen noch jemanden.

Jemanden, der ihr und Jessie Böses wollte.

Wieder rief das Käuzchen.

»Blödsinn«, murmelte Elin vor sich hin. Sie durfte sich das nicht zu Herzen nehmen, genau wie Jessie gesagt hatte, und sich nicht von irgendeinem rückwärtsgewandten Feigling Angst machen lassen, der sich auch noch hinter einem Pseudonym versteckte.

Sie holte ein paarmal tief Luft, dann ging sie ins Haus zurück und schloss die Tür hinter sich.

Hinter dem geräumigen Eingangsbereich breitete sich die riesige Küche aus rostfreiem Edelstahl und glatten Steinarbeitsflächen aus. Aus den versteckten Lautsprechern hörte man leise Musik.

Elin betrat den Treppenabsatz, der über dem Wohnzimmer schwebte. Dort unten stand Jessie und bewunderte die soeben gelieferte Metallskulptur – sie war rund zwei Meter hoch, dick wie ein Oberarm und stellte einen Angelhaken dar. Das Fundament hielt den Haken in aufrechter Position, wobei der Griff Richtung Meer zeigte und die Spitze zum Treppenabsatz, auf dem Elin stand, ungefähr wie ein großes zurückgelehntes J.

»Magnificent, nicht wahr?« Jessie ließ ihre Hand über das Metall gleiten: von der Öse, an der man die Angelschnur befestigte, schräg hinunter in die Beuge und wieder hinauf zur Spitze mit den kräftigen Widerhaken.

»The Hook! Bereit, unsere Kunden zu ködern und das Interesse der Medien zu fangen.«

Trotz Jessies spaßhaftem Ton musste Elin ein Schaudern unterdrücken. Sie fand, dass die Skulptur unheimlich aussah, aber behielt es lieber für sich.

»Bist du dir wirklich sicher, dass es funktionieren wird?«, fragte sie stattdessen.

»Wie oft soll ich dir das noch erklären?«, schnaubte Jessie. »Das gehört zu den Basics der Maklerstrategie. Der Haken ist eine Ablenkung, damit verändern wir den Fokus.«

Sie ließ die Hand mit den langen, blutroten Nägeln auf dem Widerhaken liegen.

»Statt Die Lokalbevölkerung protestiert weiterhin gegen das Millionenprojekt werden die Zeitungen schreiben: Star-Maklerin schenkt Skulptur eines lokalen Künstlers

Sie ließ die Hand sinken.

»Sind wir all set for tomorrow?«

Elin nickte.

»Der Vorsitzende des Kulturausschusses kommt um zehn.«

»Und die Zeitungen?«

»Cimbrishamner Tagblatt, Ystads Allehanda, Skånska Dagbladet und Sydsvenskan sind dabei. Di Weekend will auch etwas bringen, aber sie können erst nächste Woche jemanden schicken.«

»Okay. Nicht gerade Vanity Fair …« Jessie grinste schief. »Aber gut gemacht. Du siehst, die Skulptur zahlt sich schon aus. Dieser scheußliche Haken wird den Einheimischen ihren lang ersehnten Stopp auf der regionalen Kunstroute verschaffen. Simsalabim, kein Gemecker mehr! Und auch keine anonymen Leserbriefe oder Petitionen. Die Kunden werden zurückkommen, das Geld wird fließen.«

Jessie strich noch einmal mit der Hand über das glatte Metall.

»Wir haben sie am Haken«, murmelte sie. »Alle.«

Von draußen war ein plötzlicher Knall zu hören.

»Was war das?«, fragte Elin.

»Sicher die Umzugstypen, die zusammenpacken«, meinte Jessie.

»Nein, die habe ich schon vor einigen Minuten wegfahren sehen!«

»Dann sollten wir wohl rausgehen und nachschauen?«

Jessie stieg die Treppe hinauf, ging mit Elin im Schlepptau durch die Küche und die Eingangshalle und riss die Haustür auf.

»Was zum Teufel!«

Ein gespenstisch flackerndes Licht bei den Baucontainern warf lange Schatten über den Platz.

»Es brennt!«, schrie Elin.

Ungleichmäßige Flammen schlugen aus dem Müllcontainer, als wäre das Feuer gerade erwacht und suchte nach einer Angriffsfläche.

»Sieh mal!« Elin zeigte auf Jessies Porsche.

Das Wort SAU prangte in roten Buchstaben auf dem weißen Lack. In der Luft hing noch der Gestank der Sprayfarbe und vermischte sich mit dem Brandgeruch.

Jessie stand einen Moment stumm da, die Kiefer angespannt, während sie den Blick über den Platz schweifen ließ.

»Fucking cowards!«, rief sie. »Zeigt euch!«

Der Ruf hallte laut zwischen den Baucontainern, dann war alles wieder still. Das Einzige, was man hörte, war das Prasseln des Feuers, das langsam zunahm. Dann war plötzlich eine Bewegung neben dem brennenden Container zu sehen. Elin schnappte nach Luft.

Eine dunkle Gestalt trat halb aus den Schatten. Sie trug schwarze Kleidung, der Kopf war von einer Sturmhaube bedeckt. Die Person zeigte auf die beiden Frauen und strich sich in einer Drohgebärde mit der anderen Hand über den Hals.

Vom Feuer ertönte ein Knall, ein Funkenregen stieg in den Himmel auf. Die Flammen flackerten auf, wodurch die Schatten dichter wurden. Als das Feuer wieder Fahrt aufnahm, war die schwarz gekleidete Figur verschwunden.

»Der Tag des Jüngsten Gerichts«, flüsterte Elin. »Genau wie Nicolovius geschrieben hat.«

Jessie drehte sich zu ihr um. Ihre Stimme war ruhig und eiskalt.

»In der Waschküche steht ein Feuerlöscher«, sagte sie. »Beeil dich, bevor sich das Feuer ausbreitet! Sobald es gelöscht ist, suchst du einen Autolackierer, der gleich morgen früh diesen Scheiß da übermalen kann.«

»A-aber«, protestierte Elin. »Wir müssen die Feuerwehr rufen. Und die Polizei! Er kann noch da draußen sein.«

»Wir rufen niemanden«, unterbrach Jessie sie. »Sonst landen wir morgen im Cimbrishamner Tagblatt, was genau das ist, was diese feigen Mistkerle erreichen wollen!« Sie wies auf den brennenden Container. »Wer auch immer dieser Saboteur war, er ist längst weg. Jetzt hol schon den Feuerlöscher, mach den Brand aus und kümmere dich um meinen Wagen! Und kein Wort zu irgendjemandem. Das hier ist nie passiert, verstanden, Elin!«

1

Sechs Wochen später

Es war Ende Juni, und der schwedische Hochsommer lugte vorsichtig um die Ecke.

Kriminalkommissar Peter Vinston saß seit fast drei Stunden am Steuer, eigentlich sogar sieben, wenn man die gesamte Reise von Stockholm mitzählte.

Er war ein groß gewachsener Mann, knapp über eins neunzig, hatte aber nichts von jener gebeugten Haltung, wie man sie oft bei großen Menschen sah. Das rotblonde Haar war kurz geschnitten, die Wangen glatt rasiert, und obwohl er noch keine fünfzig war, waren seine Koteletten schon lange ergraut. Einige seiner Kolleginnen behaupteten, dass ihn das, in Kombination mit den dreiteiligen Anzügen, die er immer trug, distinguiert aussehen ließ – eine Aussage, die in ihm gemischte Gefühle hervorrief.

Vinston fuhr einen schwarzen Saab, einen der allerletzten, die in Trollhättan vor Stilllegung der Fabrik vom Band gekommen waren. Er hatte nie etwas anderes als einen Saab besessen, und dieser hier würde aller Wahrscheinlichkeit nach sein letzter sein, was ihn mit Wehmut erfüllte. Deshalb pflegte er sein Auto pedantisch. Er ließ es regelmäßig warten und jeden kleinsten Fehler sofort beheben, wusch und polierte es, bis er sich im Lack spiegeln konnte.

Vinston rutschte auf dem Fahrersitz herum. Sein letzter Halt war bei Gränna gewesen, und sein langer Körper brauchte langsam ein bisschen Bewegung und einen anständigen Kaffee. Aber jetzt war er fast da. Oder, besser gesagt, müsste er fast da sein.

Das Handy, dessen GPS ihm 600 Kilometer lang den Weg gewiesen hatte, von der schnurgeraden Autobahn zu immer kurvigeren Landstraßen, schien plötzlich unsicher zu sein.

»Bitte wenden«, teilte es ihm mit, änderte dann aber seine Anweisung zu »weiter geradeaus«, nur um kurz darauf wieder zu verkünden: »Bitte wenden«.

Vinston war so auf die widersprüchlichen Instruktionen konzentriert, dass er die gitterartige Viehsperre am Boden nicht sah und von der Erschütterung überrascht wurde, als die Reifen gegen den Weiderost stießen.

Leise fluchte er vor sich hin und suchte nach Hinweisen darauf, dass die Federung beschädigt worden war, bemerkte allerdings nichts. Durch den Weiderost schien dafür das GPS endgültig die Orientierung verloren zu haben. »Straße nicht bekannt«, meldete es aufgeregt. »Straße nicht bekannt, Straße nicht bekannt!«

»Ich hab’s ja gehört«, brummte Vinston verärgert und stellte den Ton ab.

Er ließ den Wagen einige Hundert Meter weiterrollen, aber da sich sein digitaler Wegweiser nicht erholte, blieb er am Straßenrand stehen. In allen Richtungen waren grüne Felder zu sehen, hier und dort von Weidenalleen oder kleinen Waldungen unterbrochen. Vinston kramte im Handschuhfach und holte seine treue Straßenkarte hervor, aber nicht einmal der Kartenzeichner des Königlichen Automobilklubs schien zu wissen, dass dieser Schotterweg existierte.

Da blieb ihm nur eine Möglichkeit.

Obwohl sie seit fast sieben Jahren geschieden waren, stand Christinas Nummer immer noch als erste Kurzwahl in seiner Kontaktliste. Eigentlich hätte er sie schon längst durch eine andere ersetzen müssen, das Problem war nur: Es gab keine andere.

Sie hatten sich vor bald achtzehn Jahren kennengelernt, kurz nachdem er bei der Kriminalpolizei in Stockholm angefangen hatte. Sie waren sich ausgerechnet im Waschkeller begegnet.

»Ich hätte nicht gedacht, dass jemand unter siebzig Laken mangelt«, hatte eine spöttische Stimme hinter ihm bemerkt, und als er sich umdrehte, stand sie da. Groß, dunkel und mit einem geflochtenen Zopf. Eine Brille, von der sie später erklären würde, dass sie sie eigentlich nicht brauchte und nur benutzte, damit ihre Patienten sie ernster nahmen, saß auf ihrer Nasenspitze.

»Ich heiße Christina und werde weder Tina noch Chrissie genannt, okay?«

Es zeigte sich, dass sie in der Wohnung über ihm wohnte, und noch in derselben Woche führte er sie aus.

»Eigentlich sollte ich Nein sagen«, hatte sie erklärt. »Du bist es etwas zu gewohnt, dass Frauen Ja sagen, stimmt’s?«

Dann hatte sie kurz geschwiegen, wie um zu sehen, ob er widerspräche, was er nicht tat. Ihre Analyse war vollkommen richtig. Irgendwas an seinem Aussehen reizte die Frauen.

»Aber …«, hatte sie weitergeredet, während sie den Kopf schief legte, »dieses eine Mal werde ich eine Ausnahme machen. Kino und Abendessen, aber nichts Teures.«

Sie hatten sich einen französischen Film angesehen, und kurz vor dem Abspann hatte sie seine Hand genommen. Ein halbes Jahr später waren sie zusammengezogen, nach einem weiteren halben Jahr war sie schwanger, und einen Monat vor Amandas Geburt heirateten sie im Stockholmer Rathaus.

Christina war Psychologin, aber als Amanda klein war, begnügte sie sich damit, halbtags in einer Praxis am Mariatorget zu arbeiten und nebenher an einem Buch und einer Abhandlung zu schreiben. Vinston hingegen machte Karriere bei der Polizei. Er wurde vom Dezernat für Gewaltverbrechen zur Mordkommission befördert, reiste quer durchs Land, war an der Lösung einiger viel beachteter Fälle beteiligt und erwarb sich einen bemerkenswerten Ruf. Irgendwo auf halber Strecke, unklar wo, wann oder warum, verlief ihre Ehe im Sand. »Manche Dinge hören einfach auf, ohne dass jemand Schuld daran hat«, fasste Christina die Lage zusammen.

Als ihr eine Forschungsstelle in Lund angeboten wurde, widersprach Vinston nicht, zumindest nicht sehr heftig. Er fragte Amanda auch nicht, ob sie bei ihm in Stockholm bleiben wolle, denn obwohl er seine Tochter sehr liebte, war Christina ein besserer Elternteil, als er es jemals sein könnte. Das Beste für Amanda war, bei ihrer Mutter zu wohnen.

Also half er ihnen beim Umzug, schraubte mit gewissen Schwierigkeiten ihre neu gekauften Möbel zusammen und besuchte sie dann, so oft er konnte, in Lund.

Als Amanda alt genug war, selbst mit dem Zug zu fahren, war es meist sie, die zu ihm nach Stockholm kam. In den letzten Jahren waren die Reisen aber immer seltener geworden, und der Kontakt zwischen Vater und Tochter bestand hauptsächlich aus Textnachrichten und Videogesprächen, was Vinston in der Seele wehtat. Aber, redete er sich ein, jetzt tat er ja etwas dagegen.

Christina antwortete wie immer beim ersten Klingeln.

»Bist du angekommen?«

»Hallo, ich bin’s, Peter«, sagte Vinston völlig unnötigerweise, weil er fand, das gehöre sich so bei einem Telefonat.

»Bist du da?«, wiederholte Christina, ohne auf seine Begrüßung einzugehen.

»Nicht ganz. Das Navi hat irgendwo hinter Sankt Olof angefangen zu spinnen. Ich stehe mitten zwischen Feldern.«

»Siehst du den Milchtisch?«

»Was?«

»Den Milchtisch. Ein Holzgestell mit ein paar alten rostfreien Milchkannen drauf.«

»Ich weiß, was eine Milchrampe ist«, erwiderte Vinston gereizt. »Ich bin in der letzten Viertelstunde bestimmt an zehn solchen Dingern vorbeigefahren. Werden die immer noch genutzt?«

»Nein, natürlich nicht. Aber die Touristen lieben sie. In Schonen sagt man übrigens Milchtisch. Lustig, oder?«

Wie gewöhnlich fiel es Vinston schwer, auszumachen, ob Christina ihn auf den Arm nahm.

»Ich bin gerade über so ein Viehgitter gefahren«, sagte er.

»Ah, dann bist du auf dem richtigen Weg. Und im Übrigen bin ich ziemlich sauer auf dich.« Der blitzschnelle Themenwechsel war auch eine von Christinas Spezialitäten. »Ich habe heute Vormittag mit Bergkvist gesprochen.«

»Wirklich? Warum denn?«, fragte Vinston beunruhigt. Bergkvist war sein Chef bei der Kripo. Ein cholerischer Typ mit rotem Gesicht, Unterbiss und schweren Tränensäcken unter den Augen, wodurch er an eine Bulldogge erinnerte.

»Weil du erst gesagt hast, du würdest nicht zu Amandas Geburtstagsparty kommen, wie schon in den letzten drei Jahren«, erwiderte Christina. »Und dann meldest du dich vor ein paar Tagen plötzlich und willst spontan herkommen und hast sogar mehrere Wochen frei. Du weißt sonst noch nicht einmal, wie man Spontanität buchstabiert, Peter. Also habe ich Bergkvist angerufen, um herauszufinden, ob du krank bist. Und das bist du offenbar?«

Vinston seufzte.

»Wann gedachtest du, mir von deinen Ohnmachtsanfällen zu erzählen?«, wollte Christina wissen.

»Es geht mir gut, ich wollte euch nicht beunruhigen …«, wich Vinston aus, was zumindest teilweise der Wahrheit entsprach. Die Anfälle machten ihm in Wirklichkeit mehr Sorgen, als er zugeben wollte.

Eine Bewegung im Rückspiegel ließ ihn den Kopf heben. Ein Stück weit entfernt wiegte sich ein Busch im Wind.

»Das ist nur der Stress«, wiegelte er ab. »Ich habe zu viel gearbeitet, schlecht gegessen und zu wenig geschlafen, genau wie du immer sagst. Der Arzt hat behauptet, dass nach ein paar Wochen Urlaub alles wieder gut ist. Frische Luft und Ruhe sind die einzige Medizin, die ich brauche.« Er bemühte sich, die Worte glaubhaft klingen zu lassen, nicht nur Christinas, sondern auch seiner selbst wegen. In Wahrheit wusste er nicht genau, was ihm fehlte. Der Arzt hatte einen Haufen Proben genommen, aber die Ergebnisse ließen auf sich warten.

Wieder bemerkte er eine Bewegung, diesmal im Seitenspiegel. Vinston drehte den Kopf. War jemand am Auto?

Christina schimpfte noch ein bisschen weiter, erinnerte ihn daran, dass er bald fünfzig wurde und auf sich achten müsse. Dann, ohne Vorwarnung, war plötzlich Amanda am Telefon.

»Hej, Papa, hast du’s noch weit bis zum Ferienhaus?«

»Hallo, Schatz. Ich glaube nicht …«, antwortete er ausweichend. Er hoffte, dass Amanda das Gespräch über seine Gesundheit nicht mitbekommen hatte. Er wollte nicht, dass seine Tochter glaubte, er sei aus einem anderen Grund hier als wegen ihres Geburtstags, weshalb er schnell das Thema wechselte.

»Alles Gute zum Geburtstag! Bist du bereit für die große Party?«

»Ja, es wird total cool! Poppe und Mama haben ein riesiges Partyzelt organisiert, eine Band, Feuerwerk und lauter andere Sachen. Es kommen über hundert Gäste. Du wirst es lieben

Die letzte Bemerkung war ironisch gemeint, dessen war sich Vinston ziemlich sicher. Er hasste Small Talk, sah überhaupt keinen Sinn darin, Plattitüden mit Leuten auszutauschen, die er aller Wahrscheinlichkeit nach nie wiedersehen würde.

Poppe war Christinas neuer Mann und damit Amandas Stiefvater. In Wirklichkeit hieß er natürlich nicht Poppe, sondern hatte einen sehr viel adligeren Namen, den Vinston sich allerdings absichtlich nie gemerkt hatte. Poppe verdiente sein Geld mit verschiedenen Investitionen und besaß unter anderem das schonische Schloss, in dem Christina und Amanda jetzt wohnten. Ein Fasanenjagd-Golf-und-rote-Hosen-Typ, so beschrieb Vinston ihn die wenige Male, die er in die Verlegenheit kam, dies tun zu müssen. Aber da sowohl Christina als auch Amanda ihn mochten, musste er Qualitäten besitzen, die Vinston bisher entgangen waren.

»Ich höre gerade einen True-Crime-Pod über einen von deinen Fällen«, erzählte Amanda weiter. »Der Uppsala-Würger. Superspannend! Du hast ihn mit einem kaputten Schnürsenkel überführt, stimmt’s?«

In letzter Zeit hatte Amanda begonnen, sich für Vinstons Arbeit zu interessieren, was ihn sehr freute.

»Ja, das stimmt, wobei noch andere beteiligt waren außer mir, und es war nicht nur der Schnürsenkel …«

Irgendetwas brachte Vinstons Wagen zum Schaukeln, und durch das Seitenfenster glotzte ihn plötzlich ein Paar großer Augen an. Fast hätte er aufgeschrien.

Eine Kuh. Oder besser gesagt: viele Kühe.

Sein gesamter Wagen war von Kühen umringt.

»Entschuldige, Amanda, aber ich muss jetzt auflegen. Wir sehen uns heute Abend«, beendete er das Gespräch mit möglichst fester Stimme, während die Kuh am Seitenfester ihn weiter mit glasigem Blick und langsam mahlendem Unterkiefer beobachtete. Die Tiere waren braun und weiß, und nach einigen Sekunden erkannte Vinston, dass er sich geirrt hatte. Das hier waren überhaupt keine Kühe, das waren Stiere. Zehn Stück, vielleicht sogar fünfzehn, waren aus dem Nichts aufgetaucht und blockierten nun seinen Wagen in beide Fahrtrichtungen.

Er startete den Motor und drückte vorsichtig auf die Hupe. Die Tiere reagierten kaum. Vinston versuchte es noch einmal, diesmal sehr viel energischer, aber ohne Erfolg. Die Bullen blieben um den Saab herum stehen und glotzten.

Einen Augenblick lang überlegte Vinston, ob er aussteigen und versuchen sollte, sie wegzujagen. Aber zum einen bezweifelte er, dass er die Autotür überhaupt würde öffnen können, und zum anderen – was an seinem Selbstwertgefühl nagte – traute er sich nicht. Vinston hatte es generell nicht so mit Tieren, er fand sie unberechenbar und aufdringlich, und von einer ganzen Bullenherde umringt zu werden, änderte an seiner Überzeugung nicht gerade etwas.

Er konnte weder fahren noch aussteigen. Die einzige Alternative, die ihm blieb, war, im Wagen sitzen zu bleiben und darauf zu hoffen, dass die Tiere irgendwann die Lust am Glotzen verlieren würden.

Wieder schwankte der Saab. Einer der Bullen kratzte sich, indem er seinen Körper an der einen Hintertür des Wagens rieb. Vinston meinte dabei fast zu hören, wie die kleinen Dreckkörnchen im Fell gegen den Lack schabten. Er ließ das Fenster ein wenig herunter und versuchte, den Stier wegzuschieben, aber da schob ein anderer das Maul vor und versuchte, seine Zunge durch den Spalt zu stecken, was Vinston erschrocken veranlasste, das Fenster sofort wieder zu schließen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als den Tatsachen ins Auge zu sehen – er steckte hier fest, bis die Bullen es leid wurden oder jemand ihn rettete. Aber wer sollte das schon sein?

 

Tove Esping war auf dem Weg zurück zur Polizeistation in Simrishamn.

Das einzige Zivilfahrzeug der Wache war in der Werkstatt, daher fuhr sie ihren eigenen Volvo Kombi. Der war innen und außen verdreckt, und im Coupé hing ein interessantes Duftgemisch aus Pferd und Hund, das Esping schon lange nicht mehr wahrnahm.

Sie hatte den Vormittag und einen Teil des Nachmittags mit verschiedenen Verhören zugebracht. Zuerst mit einem Bauern, dem Diesel gestohlen worden war, dann mit einem Rentner, dessen Briefkasten zum dritten Mal von Jugendlichen mit selbst gebauten Traktoren umgefahren worden war, und zum Schluss hatte sie mit einem Sommergast gesprochen, der zwei kommunale Bäume umgesägt hatte, um eine bessere Aussicht zu erhalten. Das konnte man kaum als schwere Verbrechen bezeichnen und war nicht gerade das, wovon sie geträumt hatte, als sie auf die Polizeihochschule gegangen war. Aber nach fünf Jahren im Streifenwagen war sie zumindest endlich Ermittlerin. Kriminalassistentin stand auf ihrer noch sehr neuen Visitenkarte. Sie war erst seit einem halben Jahr in dieser Position und konnte das Gefühl noch nicht richtig abschütteln, dass ihre Beförderung vor allem dadurch zustande gekommen war, dass es keinen anderen Kandidaten gegeben hatte. Deshalb hatte sie beschlossen, schnell den Stapel unbearbeiteter Fälle abzuarbeiten, den ihr dienstmüder Vorgänger zurückgelassen hatte, als er in Rente ging. Sie wollte keine Polizistin werden, die in Birkenstock herumlief, in der einen Hand eine Zeitung, in der anderen eine Kaffeetasse, während sich die Ermittlungen erst mal »setzten«. Ihre Samstagsrunden hatten sich als gute Idee erwiesen, denn die Leute waren meistens zu Hause, und so konnte sie mehrere Befragungen in einem Aufwasch machen.

Heute würde sie drei weitere Akten schließen können, insgesamt acht diese Woche, was für die Polizei von Simrishamn sicherlich ein Rekord war.

Esping trommelte zufrieden auf dem Steuer herum und gab ein bisschen Gas, wodurch der Kies gegen die Kotflügel prasselte. Die Abkürzung, die sie benutzte, existierte auf keiner Karte, es war ein typisch schonischer Feldweg, den nur ein paar Einheimische kannten.

Ein Stück weiter vorn sah sie eine Gruppe Jungbullen mitten auf dem Weg stehen und fuhr langsamer. Als sie näher kam, sah sie, dass die Tiere einen Autofahrer umringten, der dumm genug gewesen war, auf der Weide anzuhalten. Der Fahrer saß noch am Steuer, und es war deutlich zu sehen, dass er sich nicht traute auszusteigen. Esping musste lachen. Offenbar ein verirrter Tourist mit Angst vor Kühen, der Hilfe brauchte. Was für ein Glück, dass der lange Arm des Gesetzes zu Hilfe geeilt kam.

 

Vinston bemerkte, dass ein anderer Wagen hinter ihm auf dem Weg auftauchte. Ein roter, klappriger alter Kombi mit schwarzer Tür. Der Fahrer blieb ein Stück entfernt stehen, stieg aus und ging, ohne zu zögern, auf die Stiere zu. Beim Näherkommen erkannte Vinston, dass es eine Frau war. Sie war mittelgroß und wahrscheinlich knapp dreißig Jahre alt, trug einen Regenmantel und Gummistiefel und hatte das blonde Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Als sie auf die Bullen zulief, breitete sie die Arme aus.

»Verzieht euch!«, sagte sie in bestimmtem Ton.

Die Tiere standen ganz still da. Das Einzige, was sich bewegte, waren die Schwänze, die gereizt hin und her schlugen. Vinston hielt die Luft an.

Die Frau ging einfach weiter und zeigte keinerlei Anzeichen von Angst. Als sie nur noch ein, zwei Meter vom nächsten Stier entfernt war, rückte dieser zur Seite, erst mit langsamen Schritten, dann mit ein paar Galoppsprüngen. Die Bewegung setzte eine Kettenreaktion in Gang, und innerhalb weniger Sekunden hatte sich die Herde zwanzig Meter wegbewegt.

Vinston ließ das Seitenfenster herunter. Die Frau hatte Sommersprossen auf ihrer spitzen Nase, und ihre blauen Augen schauten intelligent und wachsam.

»Danke für die Hilfe!«, sagte Vinston so unbeschwert wie möglich.

»Kein Problem. Das sind nur Jungtiere. Neugierig, aber ungefährlich, solange man streng mit ihnen ist.«

Sie sprach Schonisch mit einem rauen R-Laut, die Variante, die Vinston am schlechtesten verstand.

Esping betrachtete den Mann im Auto. Er war um die fünfzig und sah, abgesehen von seiner geplagten Miene, ziemlich nett aus.

Er war rotblond, groß und trug Hemd, Krawatte und Weste. Das Jackett hing auf einem speziellen Bügel an der Rückseite des Fahrersitzes, der Wagen war strahlend sauber. Tove Esping beugte sich vor und schaute neugierig durchs Wagenfenster. Helle Ledersitze ohne den kleinsten Schmutzfleck, nichts lag herum, nicht einmal ein alter Parkschein oder ein Pappbecher zwischen den Sitzen. Nichts, was darauf hindeutete, was der etwas zu gut gekleidete Mann beruflich machte. Oder was ihn hierher in die Pampa führte.

»Sie sehen so aus, als hätten Sie sich verfahren«, sagte sie. »Aus Stockholm?«

Der Mann nickte.

Esping versuchte, ein Lächeln zu unterdrücken, und wollte noch eine Frage stellen, aber der Mann war schneller.

»Sie wissen nicht zufällig, wo das Ferienhaus Bäckastuga liegt?«

»Bäckastuga? Doch.« Sie zeigte den Weg entlang. »Fahren Sie einfach ein paar Hundert Meter weiter und dann links, direkt nach dem Milchtisch. Sie wissen, was ein Milchtisch ist?«

»Ja, das weiß ich«, brummte der Mann überraschend gereizt.

Er startete den Motor und nickte kurz zum Abschied, bevor er davonfuhr.

Esping bliebt stehen und sah dem Wagen nach.

Irgendetwas war an diesem mürrischen Kerl und seinem klinisch reinen Auto seltsam, weshalb sie beschloss, sich ihn und sein Nummernschild zu merken.

 

Das Ferienhäuschen lag genau da, wo die neugierige Frau mit dem schmutzigen Volvo gesagt hatte. Ein kleines weißes Fachwerkhaus mit Strohdach und Sprossenfenstern, von üppigem Grün und einer Steinmauer umgeben. In der Mauer befand sich ein Bogentor, um das sich Kletterpflanzen rankten und durch das man über einen Kiesweg, an hohen Stockrosen vorbei, zu der blauen Eingangstür gelangte. Das alles war so schön, dass man meinen konnte, es sei einem Urlaubsprospekt entsprungen.

Vinston zog sich sein Jackett an und holte seine Reisetasche aus dem Kofferraum. Wie gewöhnlich hatte er zu viel eingepackt, die Rollen seiner Tasche gruben sich tief in den Kies, und nach wenigen Metern sah er ein, dass es leichter wäre, sein Gepäck zu tragen. Die kleine Pforte quietschte leise, und um Vinston herum summten Bienen und Hummeln, ganz beschäftigt mit der Blumenpracht in den Rabatten und Töpfen. Die Junisonne schien warm, und als er die Haustür erreichte, klebte ihm schon das Hemd am Rücken.

Bäckastuga stand auf einem hübsch geschnitzten Holzschild.

»Was für eine Idylle«, brummte Vinston vor sich hin.

Er fand den ausgehöhlten Stein mit dem Schlüssel, von dem Christina gesprochen hatte, schloss auf und trat ein. Die Türöffnung war so niedrig, dass er sich bücken musste, um sich nicht den Kopf anzuschlagen.

Die Diele ging in eine Wohnküche mit weiß verputzten Wänden und sichtbaren Dachbalken über. Die Einrichtung war verhältnismäßig modern, und ein schwacher Farbgeruch deutete darauf hin, dass das Häuschen kürzlich renoviert worden war. Die Glastür auf der Rückseite führte auf eine Terrasse und eine Rasenfläche, an deren hinterem Ende ein Wäldchen und ein Bach zum Vorschein kamen. Es gab sogar eine gestreifte Hängematte, die zwischen zwei Apfelbäumen hing. Man konnte sich kaum einen schöneren Platz zum Wohnen vorstellen, das musste sogar ein Stadtmensch wie Vinston zugeben.

Er hängte sein Jackett in der Diele auf und zog seine Reisetasche hinter sich her zu der Tür, hinter der vermutlich das Schlafzimmer lag. Der Raum war hell, einzig möbliert mit einem kleinen Schreibtisch und einem Bett.

Am Fußende lag etwas.

Einen Augenblick lang dachte Vinston, es sei ein Schaffell, aber dann bewegte es sich, und er erkannte, dass es eine große, langhaarige Katze war. Vinston erstarrte. Die Katze schaute ihn verwundert und indigniert an, so als würde er in ihr Revier eindringen und nicht umgekehrt.

Der Gedanke an die vielen Katzenhaare ließ ihn schaudern. Er hatte nichts gegen Haare, solange sie fest an einem Tier oder einem Menschen hafteten, aber von ihrem Besitzer getrennt, bildeten sie seiner Meinung nach nur unangenehmen biologischen Abfall, mit dem man so wenig Kontakt wie möglich haben sollte.

»Schsch«, versuchte er die Katze zu verscheuchen, aber genau wie die Bullen war sie von seiner Autorität wenig beeindruckt. Sie starrte ihn nur weiter an.

Vinston ging zurück in die Küche, um nach etwas Brauchbarem zu suchen, womit er das Tier vertreiben konnte, und fand eine Zeitung, die auf dem Küchentisch lag. Cimbrishamner Tagblatt las er, während er sie zusammenrollte. Das musste eine altertümliche Schreibweise von Simrishamn sein.

Raschen Schrittes ging er ins Schlafzimmer zurück. Als er mit dem Kopf an den niedrigen Türrahmen stieß, war ein dumpfer Schlag zu hören.

»Verdammt!«, zischte er und ließ die Zeitung fallen. Entweder lag es am Knall oder am Schimpfwort, auf jeden Fall fuhr die Katze sofort vom Bett auf, schlich an ihm vorbei und stürzte durch eine Katzenklappe in der Haustür ins Freie.

Vinston rieb sich die Stirn, bis der Schmerz nachließ, öffnete dann die Reisetasche und kramte eine Fusselrolle hervor, die er mit Akribie über den Teil der Bettdecke rollte, wo die Katze gelegen hatte. Er hörte erst auf, als er sich ganz sicher war, dass sich kein einziges Haar mehr auf dem Überwurf befand. Anschließend nahm er auch noch seinen Anzug in Angriff, nur zur Sicherheit.

In der Abstellkammer fand er ein Fach mit Glühbirnen und ein wenig Werkzeug. Ganz hinten lag sogar eine Rolle Silbertape. Die nahm er mit in die Diele und klebte entschlossen die Katzenklappe zu. Zufrieden pfeifend packte er schließlich seine Tasche aus, und es schien, als ob diese kleine Auseinandersetzung seine gute Laune wiederhergestellt hätte.