Bernhard Aichner
Nur Blau
Roman
„Komm mit mir in die Leere“
Yves Klein, 1957
Zuerst Jo.
Wie der schmächtige Pole schaute und zusammensank.
Wie Jo ihn getreten hat, seinen Schuh tief in das polnische Fleisch schlug, wie die Waffe aus der polnischen Hand fiel, wie Jo das Bild nahm und rannte.
Gehen Sie, hat der Pole gesagt. Das Bild bleibt hier und das Geld auch. Gehen Sie.
Er hat Jo mit der Waffe bedroht, sie ihm unsicher entgegengestreckt, sie ihm an die Brust gedrückt. Seine Hand hat gezittert, sein Gesicht war gierig.
Ein kleiner schmächtiger Mann. Und wie seine Hand zitterte.
Gehen Sie, hat er immer wieder gesagt.
Jo hat überlegt. Er hat die Waffe gespürt an seiner Brust, er hat auf die Tasche gestarrt, auf das Geld, sein Geld, und auf das Bild. Wie es blau dalag. Er würde es mitnehmen. Er hatte es gekauft, bezahlt mit seinem Geld, es dem Polen auf seinen Schreibtisch gelegt, er hat ihm so oft geschrieben, mit ihm telefoniert. Er war nach Warschau gekommen und er würde mit diesem Bild von hier weggehen. Einen anderen Weg zurück gab es nicht.
Kommen Sie am Dienstag, hatte der Pole gesagt, dann habe ich das Bild hier, es ist aus der Mailänder Ausstellung, achthunderttausend, seien Sie pünktlich.
Bin ich, hat Jo gesagt.
Er packte das Geld in eine Tasche und fuhr nach Warschau, hinauf in den zweiten Stock, wo das Bild war. Er würde nicht ohne dieses Bild gehen. Er würde dem Polen zwischen die Beine treten und rennen, das Geld würde er liegen lassen.
Jo rannte. Der Pole stöhnte und schrie. Er wollte Jo festhalten, ihm das Bild aus den Händen reißen. Er brüllte vor Schmerz, er wollte sich auf ihn stürzen, doch Jo war schneller. Er rannte einfach los. Durch die Tür hinaus, die Stiegen hinunter, hinaus auf eine dunkle Warschauer Straße. Er rannte immer weiter, er hörte, wie der Pole hinter ihm war, wie er sich am Geländer festhielt und nach unten stolperte. Er hörte, wie er keuchte. Jo drehte sich nicht um. Das Bild war unter seinem Arm. Nicht umdrehen, dachte er. Weiterlaufen, schnell.
Er wollte dieses Bild. Unbedingt. Lange schon.
Wie er es auspackte. Wie es oben auf dem Schreibtisch lag, wie der Pole ungeduldig mit den Fingerkuppen auf die Tischplatte trommelte und wie Jo die Pigmente unter dem Vergrößerungsglas betrachtete. Wie er die Leinenfasern bis 1957 zurückverfolgte. Es war echt, und es würde ihm gehören. Er würde mit diesem Bild über die Grenze fahren, es würde in seiner Stadt hängen, an seiner Wand. Alles war perfekt, sein Traum schien wahr zu werden, er hatte alles getan, was der Pole von ihm verlangt hatte, alles. Und trotzdem war da plötzlich diese Waffe, die ihn bedrohte. Ihn und alles, was ihm wichtig war.
Das Bild. Das Geld, die Pistole.
Mit großen Augen starrte er das Bild an. Mit aller Kraft trat er zu.
Sein Fuß zwischen polnischen Beinen. Wie der kleine Mann in die Knie ging und wie Jo das Bild nahm. Wie er es fest an sich drückte. Ein blaues Bild über die Stiegen nach unten.
Jo rannte. Der Pole bekam kaum noch Luft, er stolperte, der Abstand zwischen ihnen wurde größer. Niemand konnte mehr verhindern, dass Jo in den Wagen stieg. Niemand würde ihm sein Bild nehmen. Niemand.
Mosca hatte ihn sofort gesehen, er hat gestartet und die Türe geöffnet.
Schnell, schrie er. Fahr los. Jetzt. Bitte, Mosca, schnell.
Der Pole blieb stehen. Die Arme auf den Knien abgestützt, wild schnaufend. Er hustete und spuckte. Im Rückspiegel kotzte er sich seine Seele aus dem Leib.
Scheiß Pole, sagte Jo.
Mosca lachte.
Das war vor zwei Jahren.
Mosca und Jo fuhren mit dem Bild über die Grenze. Es lag im Kofferraum, in eine Decke eingewickelt. Der Beamte winkte sie durch. Wie auf dem Hinweg. Sie schauten sich an und grinsten. Jo schrie vor Glück. Er hüpfte auf dem Sitz auf und nieder, bis Mosca stehenblieb, das Auto am Straßenrand anhielt und Jo umarmte.
Jetzt hast du dein Bild, sagte er.
Er strich mit der Hand über Jos Haare und küsste ihn. Jo wurde ruhig, er blieb in Moscas Armen liegen und spürte die vertraute Zunge in seinem Mund. Das Bild lag im Kofferraum. Ungeduldig berührten sich ihre Zungen. Jo wollte es ansehen, es in seinen Händen spüren, es halten, mit den Fingern über die Farbe streichen, es anschauen, die ganze Nacht lang. Er konnte es kaum noch erwarten, trotzdem blieb er sitzen.
Ich warte, bis wir da sind. Auf das richtige Licht, und du machst den Wein auf. Fahr schnell, sagte er. Jetzt.
Mosca brauchte zehn Stunden von Warschau nach Frankfurt.
Sie fuhren zurück in ihr Hochhaus, in den zweiunddreißigsten Stock, in ihre sichere Welt, eng aneinander ihre Körper im Lift nach oben, das Bild in der Decke eingewickelt unter Jos Arm.
Er hielt es fest. Seine Finger waren wie Schnüre, fest gebunden.
Dann ging die Tür auf. Das Licht ging an. Und da war es dann.
Wie es dastand, wie es an der weißen Wand lehnte, in dem weißen Zimmer.
Ein blaues Bild von Yves Klein.
Olivier roch nach Müll.
Deshalb hat ihn seine Frau verlassen. Weil er keinen normalen Beruf haben konnte. Weil er Müllfahrer war. Weil er täglich den Müll anderer Leute spazieren fuhr, weil er danach roch, wenn er nach Hause kam, weil sie sagte, dass es widerwärtig ist, Würmer und volle Windeln und Dreck herumzufahren. Sie ist einfach gegangen, hat ihre Sachen gepackt und ist weg. Sie kam nicht wieder.
Du stinkst, hat sie noch einmal gesagt.
Dann war sie weg.
Das ist mein Beruf, hat er geantwortet, es ist ein guter Beruf.
Das ist doch kein Beruf, hat sie gesagt.
Er war wütend. Sie soll nicht undankbar sein, sagte er, was sie denn sonst essen sollten, fragte er, wo sie denn wohnen sollten, wenn er nicht die Scheiße der anderen Leute auf den Müll fahren würde. Sie würde ihren Arsch sowieso nicht in die Gänge bekommen, um Geld zu verdienen. Sie wäre wahrscheinlich ohnehin zu blöd dafür.
Er war außer sich. Genauso wie sie. Sie sagte, dass er stinkt, dass sie ihn nicht mehr ertragen kann, dass er eine stinkende alte Drecksau ist.
Dann ist er ins Wirtshaus. In einen Münchner Biergarten, ohne sich zu duschen.
Dann stinke ich eben, hat er gedacht, aber ich weiß wenigstens, warum.
Und während er Bier trank, hat sie ihn verlassen, sie ist einfach weggegangen, hat ihm die Schlüssel dagelassen und die Schulden für die neue Eigentumswohnung. Sie ist einfach auf und davon.
Das war vor einem halben Jahr.
Danach trank er mehr als früher und las auch nicht mehr.
Er hatte immer gerne gelesen, nach der Arbeit geduscht und in seinem Plüschsessel gelesen. Alles hat er gelesen, alles, was er in die Hände bekam, er stopfte es hinein in sich, egal, ob es wichtig war oder nicht. Er hat gelesen, obwohl sie ihn ausgelacht hat.
Was willst du mit Kunstgeschichte, du bist Müllfahrer, Olli.
Ich heiße Olivier, hat er gesagt und weitergelesen.
Was weißt du schon, hat er gedacht und von der Antike bis zur Gegenwart durchgelesen. Er hat sich in seinem Plüschsessel zurückgelehnt und die Welt um sich vergessen.
Den Sessel hatte er aus dem Müll. Die guten Stücke hat er immer mitgebracht.
Wir sparen viel Geld, hat er gesagt, und sie hat den Kopf geschüttelt.
Jetzt bringt er schon wieder den Müll mit nach Hause, das ertrage ich nicht, hat sie gesagt.
Sie hat lange den Kopf geschüttelt, hat ihn verachtend angeschaut, sich hübsch gemacht und ist ausgegangen.
Fast jeden Abend, sie hat sich aushalten lassen von irgendwelchen Arschlöchern.
Ich brauche dein Geld nicht, hat sie gesagt.
Du hast ja diese Arschlöcher, hat er gesagt.
Olivier war nicht eifersüchtig. Sie ist gegangen und er hat gelesen. Bücher, Zeitschriften, Stadtpläne, er hat sich keine Gedanken gemacht, was sie wohl tut, ob sie ihm treu ist. Sie kam immer wieder zurück und das beruhigte ihn. Er saß in seinem Plüschsessel und sie stolperte in Stöckelschuhen zur Tür herein. Halbnackt.
Du schaust aus wie eine Nutte, hat er einmal gesagt.
Er las gerade einen Artikel über Harninkontinenz, darüber, dass man sie jetzt heilen kann, dass sie eine Methode gefunden haben. Eine medizinische Sensation. Und sie stand da und war wütend. Mehr als das. Sie ging zu ihm hin, steckte sich ihren Zeigefinger in den Hals und übergab sich über ihn. Es rann aus ihr heraus in sein Hemd und tief in den Plüschsessel hinein.
Und du stinkst, sagte sie.
Dann kotzte sie noch einmal. Dann schlug er sie. Ein paar Tage später hat sie ihn verlassen.
Olivier war nicht traurig, als sie ging. Das glaubte er jedenfalls.
Er hat begonnen, viel Alkohol zu trinken und Karten zu spielen.
Im Biergarten gab es eine dunkle Ecke, in die er sich verlief. Dort verlor er sein Geld und trank Bier. Es rann in ihm hinunter und blieb liegen auf dem Eichentisch im Biergarten. Er fühlte sich allein, wenn er zu Hause war. Da war niemand mehr. Sie war nicht da, saß nicht mehr vor dem Fernseher, lackierte ihre Nägel nicht mehr. Auch wenn sie nie viel geredet hatten, vermisste er sie. Er konnte es nicht ertragen, in seiner Wohnung, die Nächte allein, unter der Decke. Er verbrachte seine freie Zeit im Biergarten.
Vergiss die Schlampe, hat Atze gesagt, sein Kollege. Die fängt sich was ein und kommt auf den Müll. Das hat sie dann davon.
Er hat Olivier das Bier in die Hand gedrückt und auf ihn getrunken.
Die verdient uns nicht, hat er noch gesagt, die undankbare kleine Fotze.
Ihre kleine Fotze, hat sich Olivier gedacht, die habe ich immer gemocht.
Dann hat er getrunken mit Atze und nicht mehr gedacht an sie bis zum nächsten Abend.
Das ging so bis vor vier Monaten.
Olivier und Atze waren schon früh in Schwabing.
An einem Dienstag. Es war eine dieser traurigen Straßen, die Häuser waren alle grau, da war nichts außer Fenster und Türen.
Ein Ghetto, sagte Olivier, hier würde ich sterben.
Er dachte an seine reizende Wohnung, dann dachte er an die Raten, dann tat er seine Arbeit. Atze saß am Steuer, Olivier rollte die Tonnen auf den Heber. Er hob den Deckel jeder Tonne kurz an und warf einen kleinen Blick in die fremden Welten der anderen. Schon oft hatte er Glück, als er den Deckel hob. Etwas lag obenauf, unversehrt, nicht wirklich in Berührung gekommen mit dem wertlosen Abfall darunter. Jemand hatte etwas Brauchbares in die Tonne geworfen, wollte es loswerden, aber Olivier konnte es brauchen. Er hat seiner Frau einen funktionierenden Entsafter mitgebracht, und einmal ein Set versilberter Boccia-Kugeln. Auch der Plüschsessel war einsam und sauber in einer leeren Tonne gelegen. Nur der Sessel, sonst nichts.
Tausende Tonnen jeden Monat. Einmal kurz den Deckel heben, ein schneller Blick.
Lass das doch, hatte Atze früher immer gesagt. Das ist doch sinnlos.
Doch Olivier hat es trotzdem immer wieder getan. Irgendwann hat er eine offene Holzkiste mit sieben Flaschen dreiundzwanzig Jahre altem Whiskey gefunden. Seitdem hat Atze nichts mehr gesagt, ihn jeden Deckel heben lassen. Olivier hat Buch geführt über die Treffer, alle tausendsiebenhundert Mal war etwas dabei, das war der Schnitt.
Vor Haus dreiundzwanzig hob er den Deckel einer Tonne, er schaute kurz hinein, sah aber nur vergammeltes Essen. Während er schaute, was da noch war, rollte er die Tonne Richtung Müllwagen. Er war dabei, den Deckel zu schließen, als die Tonne über den abschüssigen Gehsteig beschleunigte und über den Gehsteigrand holperte. Sie kippte. Olivier riss den Kopf herum. Er war zu langsam. Er wollte die Tonne festhalten und stolperte. Er stürzte seitlich weg, drehte sich, prallte mit dem Rücken gegen den Müllwagen und verriss sich den Nacken. Die Tonne rollte und blieb kurz vor der Seitenwand des Wagens stehen. Olivier schrie. Er stand mit dem Rücken zum Wagen und schrie. Er konnte sich nicht mehr bewegen. Sein Kopf war zur Seite gedreht, er konnte ihn nicht mehr zurückdrehen, ihn nicht mehr geradestellen, ihn nicht bewegen, alles tat weh. Jeder Versuch schmerzte bis tief unter die Haut hinein.
Atze hörte ihn, er hatte die Szene im Rückspiegel beobachtet, sich aber nichts gedacht. Als die Tonne aber stehen blieb und auch Olivier sich nicht mehr bewegte, stieg er aus und begann, sich um ihn zu kümmern. Er hob ihn auf den Beifahrersitz. Vorsichtig waren seine Bewegungen, nachdem er kurz zu fest zugepackt und Olivier ihn angeschrien hatte. Laut und lange. Er beeilte sich, Olivier von der Straße zu holen. Fenster waren aufgegangen. Gesichter schauten teilnahmslos nach unten.
Atze brachte ihn ins Krankenhaus. Der Müllwagen stand vor der Notaufnahme. Er holte einen Rollstuhl, hob Olivier heraus und rollte ihn an der Anmeldung vorbei direkt in ein Untersuchungszimmer. Die Mülltonnen mussten warten.
Mein Kollege hat furchtbare Schmerzen, helfen Sie ihm.
Er stand neben dem Rollstuhl, schnaufte laut, bekam fast keine Luft mehr. Atze war fett. Früher hatte er das mit den Tonnen gemacht, aber irgendwann wurde ihm alles zu schwer, er klagte über Kurzatmigkeit, ließ sich untersuchen und wurde Fahrer. Er stand neben Olivier und legte ihm die Hand auf die Schulter.
Das wird schon wieder, sagte er und klopfte ihm auf den Rücken.
Olivier wimmerte. Auch der Arzt brachte ihn noch einige Male zum Schreien, er bog ihn nach links und rechts, zerrte an ihm und sagte, dass er nichts tun könne. Hexenschuss. Ruhestellung und Physiotherapie.
Und das nächste Mal gehen Sie zuerst zur Anmeldung, sagte er noch.
Der Geruch von Alkohol aus den Mündern der Müllfahrer am frühen Morgen war ihm widerwärtig. Atze rollte Olivier nach Hause.
Er brachte ihn in sein Bett, zog ihn aus, deckte ihn zu, brachte ihm Bier und stellte ihm den Fernseher zum Bett, den Olivier vier Monate vorher vom Sperrmüll nach Hause gebracht hatte. Nur ein paar Kratzer waren am Bildschirm, aber man sah sie nicht, wenn er an war. Atze stellte ihn ganz nah zum Bett, weil er die Fernbedienung nicht gefunden hatte zwischen all dem anderen Müll. Olivier lächelte dankbar und gequält.
Du bist ein guter Mensch, Atze.
Der sagte nichts darauf, nur, dass seine ältere Schwester Therapeutin ist und dass er sie gleich anrufen wird, er wollte sie bitten zu kommen.
Sie ist zwar alt und fett, aber sie weiß, was sie tut, sagte er.
Atze wollte wiederkommen, er nahm den Schlüssel von der kleinen Fotze und ging.
Olivier bewegte sich nicht.
Er lag steif im Bett und suchte im Fernseher nach etwas, das ihn tröstete, aber er fand nichts. Später hörte man ihn schreien im Gang, als er versuchte, auf die Toilette zu kommen. Zwei Stunden später schlief er ein.
Dann, am Nachmittag, hörte er die Haustür.
Es war Herta, die Schwester von Atze. Sie hatte jetzt den Schlüssel. Und sie war wirklich fett. Als Olivier ihre Hände sah, bekam er Angst. Sie würde ihm weh tun, sie würde ihm ganz bestimmt weh tun.
Du musst Olli sein, sagte sie.
Ich heiße Olivier, sagte er.
Was ist denn das für ein Name, sagte sie. Wir sind hier in Deutschland. Sie grinste.
Trotzdem Olivier, sagte er.
Sie kam an sein Bett und fragte, wie es passiert ist, wo genau der Schmerz sitzt und bei welchen Bewegungen es weh tut. Dann begann sie ihn zu quälen. Sie rieb an seiner Haut herum, drehte und zerrte an ihm. Im Treppenhaus blieben die Nachbarn stehen und überlegten, ob sie die Polizei rufen sollten, aber schon früher war gebrüllt worden in dieser Wohnung, gleichgültig verschwanden sie hinter ihren Türen. Olivier schrie.
Herta behandelte ihn. Herta war Witwe. Sie hatte nicht wieder geheiratet, sie lebte allein. Sie ist total verfressen, hatte Atze gesagt. Ich bringe dir ein Vorhängeschloss für den Kühlschrank mit. Vor Herta ist nichts sicher. Ihre schweren, großen Hände lagen auf Olivier, sie legte sie nur hin und ließ sie liegen auf der Haut.
Craniosacrale Therapie, sagte sie, kommt aus Amerika. Aber es hilft. Es beginnt sich von innen zu lösen, aber du musst Ruhe geben.
Olivier rührte sich nicht. Als sie fertig war, ging sie in die Küche. Sie kam mit einem belegten Brot zurück und setzte sich neben den Fernseher.
Hast du das alles gelesen, fragte sie.
Die Regale an der Wand waren voll mit Büchern und Zeitschriften.
Das ist wie in einer Buchhandlung hier, du bist doch Müllfahrer, oder. Hat deine Ex-Frau das alles gelesen, fragte sie.
Herta schmatzte. Olivier stöhnte leise. Der Schmerz hatte nachgelassen, sein Nacken war angenehm warm. Er schaute Herta an, wie sie sich das Brot in den Mund schob.
Ich habe das alles gelesen, sagte er. Nicht sie.
Aber wie kommt es, dass du liest, fragte sie. Du bist doch ein Freund von Atze. Der hat in seinem ganzen Leben noch kein Buch gelesen.
Herta grinste. Dann stand sie auf und ging dem Regal entlang. Sie las, was auf den Rücken der Bücher stand, nahm immer wieder eines heraus und schüttelte heftig den Kopf.
Wieso besäufst du dich jeden Abend mit meinem Bruder, das hast du doch nicht notwendig. Warum tust du das, sagte sie. Du umgibst dich mit so schönen Dingen, und dann sitzt du mit diesem Holzkopf zusammen und säufst dir den Verstand weg. Es wird schon einen Grund haben, wieso ich hier bin. Die Sauferei hört sich jetzt auf.
Olivier starrte sie verständnislos an. Sie hatte die schweren Hände in die ausladenden Hüften gestützt, sie meinte es ernst.
Ich komme morgen wieder. Inzwischen bleibst du liegen und stehst nur auf, wenn du auf die Toilette musst. Essen stelle ich auf den Fernseher. Den Alkohol nehme ich mit.
Kurz lächelte sie ihm zu, dann ging sie mit einer Kiste Bier durch die Tür.
Olivier wusste nicht, ob er sie beschimpfen sollte oder nicht. Ob es ihm gefiel, wie sie war, oder ob er sie schrecklich fand, anmaßend, herrisch. Er entschied sich, nichts zu sagen. Sie saß jetzt am Steuer, nicht mehr Atze. Und es gefiel ihm.
Sein Hexenschuss wurde besser, und er hörte mit dem Saufen auf. Herta kam täglich, manchmal zweimal am Tag. Sie massierte ihn, legte ihm die Hände auf und lieh sich Bücher aus. Olivier erzählte ihr über die Bücher, gab ihr Empfehlungen, er freute sich über ihr Interesse, über die Wucht, mit der sie sich in seine Regale stürzte, er freute sich, dass sein eigenes Interesse wieder zurück war, dass er wieder begonnen hatte zu lesen. Das war vor vier Monaten.
Atze kam an den ersten drei Tagen am Nachmittag nach der Arbeit, am vierten Tag ging er wieder in den Biergarten. Auch als Olivier wieder gesund war, tranken sie nicht mehr zusammen. Olivier ging nach der Arbeit heim zu seinen Büchern, zu Herta, die regelmäßig zu ihm kam. Sie aßen gemeinsam und diskutierten über Artikel und Bücher, sie lernten sich kennen. Sie machten Spaziergänge und telefonierten. Oft die halbe Nacht lang.
Olivier rief sie auch an, als er in Schwabing seinen Fund machte.
Das war gestern.
Yves Klein starb mit vierunddreißig Jahren an drei Herzinfarkten.
Ein Franzose. Und er hatte blaue Bilder gemalt. Monochrom. Nur blau.
Du musst es sehen, hat Jo immer gesagt. Keine Abbildung ist gut genug, um zu zeigen, wie es wirklich ist, diese Kraft, diese Farbe. Seine Farbe.
Jo konnte stundenlang reden über Yves Klein, er hatte alles gelesen. Er verbrauchte Tage dafür, Wochen, Monate. Er war in Ausstellungen und Museen, er reiste durch ganz Europa, um sie zu sehen, diese blauen Bilder.
Und Mosca mit ihm.
Ich liebe ihn, hat Jo gesagt, ich liebe diesen Mann, schau ihn dir an, Mosca.
Sie standen vor einer Fotografie in Madrid. Klein sprang aus dem ersten Stock eines kleinen französischen Häuschens, in einen schwarzen Anzug gehüllt schwebte er in der Luft. Unten die Straße und ein Radfahrer, wie er am Ende der Straße dahinfährt, ohne zu sehen, was hinter ihm ist. Yves Klein in der Luft, wie er aufsteigt, statt zu fallen, elegant, voller Lebensfreude.
Sie standen vor der Fotografie und umarmten sich.
Schau ihn dir an, sagte Jo. Er ist frei. Da ist nichts, was ihn hält. Er springt in die Leere, in den leeren Raum, in die Unendlichkeit. Dort ist die Freiheit, sagte Jo.
Dort ist das Blau.
Mosca mochte diese Fotografie. Er verstand sie.
Mit Malerei hatte er nie etwas zu tun gehabt. Es hatte ihn nie berührt, Bilder anzuschauen, sich in ihnen zu verlieren. Doch Jo öffnete ihm die Augen. Er riss sie auf, jeden Tag ein Stück mehr. Er begann hineinzuschauen, sich die Zeit zu nehmen einzutauchen. Jo erklärte ihm alles. Die Kunstgeschichte der letzten fünfzig Jahre, die Amerikaner, die Europäer nach dem Krieg, Yves Klein.
Ich liebe diesen Mann, sagte er wieder. Schau ihn dir an, wie er da in der Luft liegt. Levitation nannte er das, das freie Schweben im Raum, ohne Grenzen, frei von allen psychischen und physischen Beschränkungen. Wie er seine Arme zum Himmel streckt, wie er nach oben springt, wie er eintaucht. Er hat die Kunst neu erfunden, sagte Jo. Er hat alles neu erzählt. In Blau. In seinem Blau. Das Internationale Klein-Blau.
Mosca hat Jo von der Seite angesehen und zärtlich seine Hand genommen.
Ich liebe dich, hat er gesagt.
Das war vor fünf Jahren.
In der Galerie in Madrid, kurz nachdem sie sich kennen gelernt hatten. Jo wollte sie sehen, die Originale.
Sie reisten herum, von Bild zu Bild. Sogar private Sammler suchten sie auf, nur um dieses Blau zu erleben. Mosca ließ sich führen von Jo, er ließ sich verzaubern von ihm, von dieser Begeisterung, mit der er von allem sprach, das mit Klein zu tun hatte. Jo war wie ein Geschenk.
Chemielaborant hätte er werden sollen. Jo hatte in einer Fabrik gearbeitet, die Lösungsmittel herstellte. Nach zwei Jahren hat er seine Ausbildung abgebrochen. Er würde hier nicht überleben, das wusste er. Jeden Morgen hinein in die Dämpfe und bis zum Abend tief in dumpfer Arbeit. In einer Firmenbroschüre las er den Namen Klein zum ersten Mal. Klein hatte Rhodopas verwendet, um seine Farben anzumischen, eines der Produkte, durch die die Firma groß geworden war.
Jo nahm Moscas Hand in Madrid. Er berührte sie sanft, die Finger waren ineinander. Sie standen vor den Bildern, Jo hatte ein Buch in der anderen Hand. Mosca hörte zu. Immer hörte er ihm zu. Jo las.
Zur Herstellung des 1960 patentierten Internationalen Klein-Blaus verwendete Klein M/M60A. Da alle bekannten Bindemittel den Pigmenten ihre Leuchtkraft nahmen, war Klein auf der Suche nach einer neuen Möglichkeit, die reinen Pigmente auf dem Untergrund haften zu machen. Über ein Jahr lang experimentierte Klein mit einem befreundeten Chemiker und fand schließlich die optimale Rezeptur.
Jo schaute Mosca an.
Das habe ich auch gemacht, mein Lieber.
Lies weiter, sagte Mosca und starrte die Bilder an.
Jo las ihm vor. Absatz für Absatz. Er versuchte ihm zu erklären, was diese Farbe war. Irgendwann später hat Jo lose Pigmente in Moscas Hand gestreut. Er mischte die Pigmente in seiner Hand mit Leinöl. Das Blau ermattete. Mosca konnte es sehen, wie das Leuchten erlosch.
Ich habe lange danach gesucht, bis ich es gefunden habe. Wie ich sie mischen muss. Wie er es gemacht hat.
Mosca bewunderte ihn, wie er ihm vorlas, wie er vor diesen Bildern stand und fähig war, sich von ihnen aufsaugen zu lassen, in sie hineinzusteigen. Mehr noch. Er mochte diese zarte Besessenheit, die in Jo war, diese Wut, mit der er suchte und fand. Er mochte diese Zufriedenheit, die von ihm ausging, nachdem er vor einem Bild angekommen war. Er war mit ihm in Madrid, in Köln, in zwanzig anderen Städten, er begleitete ihn und begann zu verstehen.
Jo war neunzehn Jahre alt, als er das erste Mal ein Monochrom sah. Seine Arbeit war traurig, sein Leben war langweilig, seine Zukunft farblos. Dann sah er das Bild in der Kantine, eine Wurst in seiner Hand, der Prospekt vor ihm auf dem Tisch. Es war anders als alles, was er vorher gesehen hatte. Es war ein bunter Fleck, der in seine Welt kam, plötzlich hineingetropft in sein Leben. Es war da und ging nicht weg. Es ging nie mehr weg. Das Blau. Seine Augen blieben hängen auf dem Papier vor ihm, auf dem Bild in der Broschüre, auf dem Neuen unter sich.
Dann begann er zu lesen über Klein.
Zuerst die wenigen Zeilen in dem Prospekt, dann in Büchern, alles, was in Deutsch erschienen war über den französischen Maler Yves Klein. So fremd, so neu, so voller Lust war dieses fremde Leben, dieser Mensch so selbstbewusst, so durchdrungen von seiner Idee, von seinem Blau, von dem Wunsch, frei zu sein, monochrome Bilder zu malen, ohne jede Linie, die alles stören würde, nur das Blau, nur die Farbe, die in sich ein Kunstwerk ist, die lebt, die etwas Vollständiges, Ganzes ist, diese nach außen gelebte Verrücktheit.
All das hat Jo festgehalten. Vom ersten Augenblick an. Es hat ihn in ein neues Leben gerissen, aus dem alten heraus, in ein neues hinein, tief in eine fremde, blaue Welt.
Zwei Monate, nachdem er die erste Abbildung gesehen hatte, sah er das erste Original. Eine Ausstellung in Bonn. Er fuhr hin. Er war neugierig, aufgeregt, eine große Klein-Retrospektive, er würde alles sehen können, zum ersten Mal. Er saß in dem Zug nach Bonn und ahnte nicht, wie tief dieses Blau in Wirklichkeit war, wie sehr es ihn durchdringen würde.
Als er im Museum stand, spürte er es. Er stand vor einem blauen Monochrom. Er bewegte sich nicht mehr, stand einfach nur da, das Bild hatte ihn umfangen, er spürte es rund um sich herum, es war überall, es leuchtete vor ihm und hörte nicht auf. Es hing da und strahlte, in ihn hinein. Da war eine große Kraft, die von dem Bild ausging, es war magisch irgendwie, es riss ein Loch in die weiße Wand vor ihm und griff nach ihm, zerrte an ihm, riss ihn mit, mitten ins Blau hinein, gab ihm die Hand, führte ihn langsam in die tiefste aller Farben, tief hinein in einen Raum, den er vorher noch nie betreten hatte. Da war es um Jo geschehen.
Das war vor sechs Jahren.
Drei Monate später lernte er Mosca kennen.
Jo hatte gekündigt, kurze Zeit nachdem er im Museum gewesen war. Er hatte begonnen, mit den Pigmenten zu experimentieren, er wollte dieses Blau. Er hatte das Geld nicht, um sich ein Monochrom von Klein zu kaufen, also versuchte er, sich sein eigenes zu malen, er wollte sein eigenes Blau herstellen. Er saß an der Quelle, er wollte die richtige Mischung finden, er bestellte Pigmente, Ultramarinblau in den unterschiedlichsten Tönungen, und er begann zu mischen. Er wollte dieses Blau für sich, er wollte es besitzen. Klein hatte es erfunden, das tiefste und reinste Blau, das es gab. Jo wollte es auch.
Nächtelang saß er im Labor und mischte Pigmente mit Äthylalkohol, Äthylacetat und Vinylchloridharz. Mit Rhodopas alleine war es nicht getan, die genaue Dosierung machte ihm Probleme, der Grad der Verdünnung und der Umstand, dass die Farbmischungen sehr schnell trockneten. Etwas fehlte. Wenn Jo die Farbe auf den Untergrund auftrug, kam zuerst Freude, dann Enttäuschung. Es war nicht dieses Blau, etwas fehlte. Insgesamt fertigte er zweihundertsiebenunddreißig Farbmuster an. Zweihundertsechsunddreißig Enttäuschungen, dann war es da.
Das Internationale Klein-Blau.
Dann kündigte er.
Er trug Pigmente auf Leinwände auf, wie besessen. Mit den gleichen Rollen wie Klein, siebzehn Zentimeter breiten Rollen aus Lammfell, und mit bloßen Händen.
Mosca sagte später, er solle die Rollen doch auswaschen, doch Jo warf sie weg, wie Klein. Es war keine Zeit da zum Waschen, es war nicht wichtig, er musste das Blau auftragen, bevor es eingetrocknet war. Mosca sammelte die Rollen in einem Kübel und wusch sie aus. Jo neben ihm.
Du musst das nicht tun, sagte er.
Mosca lächelte. Doch, ich muss, sagte er.
Die Formate der Bilder entsprachen denen Kleins. Er übernahm die Maße aus verschiedenen Katalogen, er kopierte Tag und Nacht. Bis das Geld ausging. Er wohnte noch bei seiner Mutter, er kannte Mosca noch nicht, am Anfang. Er zog durch Cafés und Bars mit Plastikschlüsselanhängern und Kärtchen, auf denen stand, er sei taubstumm und er bitte um den Kauf eines Anhängers, er appelliere an die guten Herzen.
Wenn Sie fünf Euro bezahlen, haben Sie ein gutes Herz, stand da.
Er wanderte von Café zu Café. Seine Hände waren voll Farbe, seine Finger waren blau. Er kam direkt von seinen Bildern, aus seiner blauen Welt heraus, riss sich los für wenige Stunden. Er musste sich zwingen aufzustehen, Geld zu verdienen, hinauszugehen, weg von dem Blau, zu den Tischen und die Karten hinlegen und die Anhänger. Er schaute traurig. Er war taubstumm. Sein Gesicht war ohne Ausdruck. Er konnte nichts hören, nichts reden. Er reagierte nicht auf Gepolter hinter ihm, auf das Fallen von Gläsern, auf gemeine Sprüche in seinen Rücken hinein. Er war taub und verkaufte Anhänger mit blauen Fingern.
Mosca trank Bier in einem braunen Ledersofa.
Es war eine angesagte Jazz-Bar. Mosca war Literaturkritiker, er ließ sich gerne gehen, bis zu einem gewissen Punkt. Er lebte alleine. Er war schön in seinem olivgrünen Anzug. Er schaute Jo an, er fixierte ihn, sein Gesicht, seine Augen.
Er saß nur da und schaute ihm zu, wie er von Tisch zu Tisch ging und die Anhänger hinlegte, und wie er auf ihn zukam. Er beugte sich nach vorn, nahm den Anhänger in die Hand und schaute Jo an.
Er sieht gut aus, dachte Jo, so elegant, wie er dasitzt, fast arrogant, wie er mich anstarrt. Er ist mindestens fünfzehn Jahre älter als ich. Und er ist schwul, das ist sicher. Er steht auf junge Männer, er will mich.
In diesem Moment spürte er Moscas Schuh in seinem Schienbein. Hart war der Tritt, alles brannte. Laut schrie er auf, holte aus und schlug seine Hand in Moscas Gesicht. Er schrie.
Bist du wahnsinnig, Spinner, was soll das, mein Fuß.
Die Menschen in der Bar starrten zu dem Sofa, zu Jo, zu Mosca.
Der Taubstumme hatte geredet, ein Wunder war geschehen. Mosca griff auf seine Wange. Er begann laut zu lachen.
Setz dich, sagte er, trink mit mir. Wir müssen deine Heilung feiern. Das ist ein guter Tag.
Jo überlegte nicht und setzte sich.
Ein Wunder, sagte Mosca.
Ist schon gut, sagte Jo.
Das war vor fünf Jahren und neun Monaten.
Vor zwei Jahren holten sie das Bild aus Warschau.
Nach nur zehn Stunden waren sie in Frankfurt.
Mosca hatte französischen Rotwein in teure Gläser gegossen, im Hochhaus, im zweiunddreißigsten Stock, in ihrer Wohnung, in ihrer sicheren Welt. Sie standen umarmt da und schauten in das leuchtende Blau.
Sie standen und schauten. Jo war glücklich.
Es war wie in einer exklusiven Galerie. Nicht nur die Wände waren weiß, auch der Boden, weißer Marmor, eine weiße Couch, ein weißer Tisch. Und nur die blauen Bilder. Elf Bilder, wie in der Mailänder Ausstellung. Zum ersten Mal hatte Klein dort seine blauen Monochrome gezeigt. Es war sein erster Schritt, um die Welt blau zu tränken. Jo hielt das Glas und Moscas Hand. Elf Tafelbilder in der Größe von 78×56 Zentimeter. Und eines davon war ein Original, es hing neben Jos Kopien. Er hatte es auf die leere Vorrichtung gehängt. Alle Bilder standen von der Wand ab, circa fünfzehn Zentimeter, sie bekamen dadurch noch mehr Tiefe, sie schwebten im Raum. Die Hängung, die abgerundeten Kanten und Ecken der Bilder, alles war so, wie Klein es wollte. So, wie er die Bilder in Mailand ausgestellt hatte. Alle zehn Kopien glichen dem Original. Es waren perfekte Duplikate, es war ein perfektes Arrangement. Ein Laie wäre nicht imstande gewesen, das Original unter den Kopien zu finden. Auch ein Kenner nicht. Jos Arbeiten waren perfekt.
Der Augenblick war perfekt.
Jo tauchte in Blau.
Mosca schwamm neben ihm. Er ahnte, was Jo meinte, er spürte, was in dem Bild war, er kam dem nahe, aber er konnte diese Faszination, die Jo empfand, nicht mit ihm teilen. Nicht bis zum Ende. Er sah zwar das Leuchten, das Blau, das versuchte, ihn an sich zu ziehen, aber er blieb mit seinen Füßen am Boden. Er spürte den weißen Marmor unter sich. Er konnte die Welt nicht so vergessen, wie Jo es tat, sie hinter sich lassen, dorthin gehen, wo alles nur noch Blau war.
Er stand neben Jo, hielt seine Hand und versuchte, neben ihm zu sein, an seiner Seite zu schwimmen. Er genoss das Glück, das Jo neben ihm empfand. Es wärmte ihn, Jo so zu sehen, ihn so zu spüren, so unendlich zufrieden und frei von allem.
Jo hatte sich sein Glück gekauft in Polen, alles, was ihm wichtig war.
Das wusste Mosca. Er war nur der, der seine Hand hielt.
Die junge, verrückte Hand mit den blauen Flecken auf der Haut.
Mosca drückte sie fest. Wein in seinem Mund.
Vor ihnen das Bild an der Wand.
Mosca erinnerte sich.
Er hatte sich zuerst dafür gehasst.
Wie alles angefangen hatte.
Er suchte im Internet und las über Yves Klein.
Er war es gewohnt, im Netz zu recherchieren, viele Stunden verbrachte er vor dem Bildschirm, er las auf deutschen und französischen Seiten über Klein. Er wollte mehr wissen. Er tat es nicht mit derselben Besessenheit wie Jo, aber er machte sich sein eigenes Bild. Gepaart mit dem, was Jo ihm erzählte, wurde es immer konkreter, die Vorstellung, wer Yves Klein war und was er mit seinen Bildern wollte. Mehr noch aber war er von der Fotografie fasziniert. Klein hatte sie anfertigen lassen für eine Zeitung, die er selbst für einen einzigen Tag herausgab. Dimanche, die Zeitung für einen Tag.
Verrückt, dachte Mosca, aber großartig irgendwie.
Im November 1960 beauftragte er zwei Fotografen, die ihn beim Sprung aus dem ersten Stock eines Hauses in der Rue Gentil-Bernard fotografieren sollten. Harry Shunk, der im Laufe von Yves Kleins Leben mehrmals Porträts von ihm anfertigte, postierte sich am Gehsteig und löste genau im richtigen Moment aus. Mosca fand heraus, dass es sich bei der Fotografie um eine Montage handelte, er fand ein Bild im Internet, das den Sprung ohne den Radfahrer zeigte, der hinten aus dem Bild fuhr. Und eines mit ihm. Auf einem sah man einen vorbeifahrenden Zug, auf dem anderen war der Zug verschwunden.
Mosca saß gierig vor dem Bildschirm und freute sich über seine Entdeckungen. Der Fotograf hatte die Bilder nachträglich bearbeitet, es gab insgesamt drei Versionen, und alle drei waren genial. Das Bild hatte etwas, das Mosca nicht mehr losließ, es hielt ihn fest, es faszinierte ihn. Diese Idee vom Fliegen.