Eine Philosophie des Einzelnen in der Gruppe
Aus dem Französischen von Christoph Sanders
Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel »La société du peloton. Philosophie de l’individu dans le groupe« bei Bernard Grasset, Paris.
© 2021 Éditions Grasset & Fasquelle
Guillaume Martin: Die Gesellschaft des Pelotons – Eine Philosophie des Einzelnen in der Gruppe.
Aus dem Französischen von Christoph Sanders.
© der deutschsprachigen Übersetzung: Covadonga Verlag, 2022
Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, D-33604 Bielefeld
ISBN (Print): 978-3-95726-066-6
eISBN: 978-3-95726-069-7
Coverfoto: © Olaf Unverzart – »Fedaia« aus der Serie »Spectres«, 2008
Foto Backcover: © Roth & Roth; Porträtfoto: © JF PAGA
1. Auflage, 2022
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
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Vor dem Rennen
Warmfahren
Der Start: In die Ausreißergruppe gehen
Mitte der Etappe: Das Peloton kontrolliert
Finale: Mit sich spielen, mit den anderen spielen
Nachbesprechung
Zusammenfassung des Rennens
Das Peloton besteht aus Einzelgängern, die nicht anders können, als zusammenzuleben. Dieser Satz bringt recht gut die These meines Buchs auf den Punkt. Ich habe ihn mir beim Radfahren in der Sierra Nevada in ungefähr zweitausend Meter Höhe ausgedacht. Da saß ich schon seit sechseinviertel Stunden allein auf dem Rad. Mir blieben noch ungefähr dreißig Minuten bis zu meiner Unterkunft. Es war Februar. Der Himmel war vollkommen blau. Selbst in dieser Höhe betrug die Temperatur immer noch um die zehn Grad, was sehr angenehm war. Während meiner Trainingsausfahrt hatte ich viertausendfünfhundert Höhenmeter überwunden und ungefähr ebenso viele Kalorien verbrannt. Nebenher hörte ich einen Podcast über die Sängerin Barbara, während ich auf der einen Seite den Pico Veleta und auf der anderen das Tal von Granada bewundern konnte. Ich fühlte mich unglaublich gut. Die von der Anstrengung ausgeschütteten Endorphine hatten mich in einen Zustand seliger Kontemplation versetzt, der in mir Gedanken weckte, die mir nie gekommen wären, hätte ich die Zeit am Schreibtisch oder in Begleitung verbracht. Ich kostete den Moment aus und sagte mir, dass dieser Tag athletischer Einsamkeit es mir ermöglicht hatte, so etwas wie die Gnade der Glückseligkeit zu erfahren.
Und das warf eine Frage auf. Statt den Radsport als Beruf auszuüben, mit allen Einschränkungen, die das impliziert, vom millimetergenau abgezirkelten Trainingsprogramm bis hin zur Erfordernis, Gegner im Wettkampf zu besiegen, warum nicht eher eine Lebensweise wählen, die es mir fast täglich ermöglichen würde, zu dieser egoistischen Ekstase zu gelangen, die niemand trüben konnte? Warum nicht eine Weltumrundung auf dem Fahrrad beginnen, bei der es nichts außer mir und dem Rad gäbe?
Bei diesem Stand der Überlegungen kam mir der Gedanke, dass sich dies gut als Einleitung für das Buch über »die Gesellschaft des Pelotons« eignen würde, das ich gerade fertigstellte. Und mir wurde in gewisser Weise bewusst, dass ich Lust, ja, vielleicht sogar ein Bedürfnis hatte, diese ganz persönlichen Empfindungen zu teilen. Egal, wie beglückend die Erfahrung war, die ich gerade machte: Mir wurde klar, dass sie hohl blieb, wenn sie allein auf mich begrenzt bliebe.
Immer wenn ich eine Zeit lang mit anderen Menschen zusammen bin – sogar solchen, denen ich mich sehr verbunden fühle –, kommt der Moment, an dem ich mich von ihrer Anwesenheit lösen muss. Ich ertrage sie nicht länger. Dann gehe ich einige Minuten oder einige Stunden in einen anderen Raum oder ich begebe mich für Wochen in ein Einzeltrainingslager. Erstaunlicherweise wächst dann recht schnell das Bedürfnis, mich über Erlebnisse und Alltäglichkeiten auszutauschen. Filme, die mich in Gegenwart anderer gelangweilt hätten, begeistern mich, und ich verspüre einen fast zwanghaften Wunsch, meinen Enthusiasmus weiterzugeben. Dann nehme ich wieder Kontakt zu den anderen auf, denselben Menschen, die mich noch vor einigen Momenten anwiderten und die mir jetzt doch so fehlen. Oder ich setze mich hin und fange an zu schreiben, was ja in gewisser Weise aufs Gleiche hinausläuft, denn auch dabei geht es darum, das Empfundene mit anderen zu teilen.
Was ich hier beschreibe, hat der deutsche Philosoph Immanuel Kant im 18. Jahrhundert theoretisch in seinem Aufsatz zur »ungeselligen Geselligkeit« formuliert.1 Der Hauptgedanke kann recht leicht zusammengefasst werden: Wir können nicht mit den anderen leben, aber auch nicht ohne sie. Ich denke, wir alle haben auf unterschiedliche Weise die gleiche Erfahrung gemacht. Wir sind Einzelwesen, die gemeinsam leben müssen.
Radrennfahrer kultivieren diesen Widerspruch vielleicht etwas mehr als der Durchschnittsbürger. Sie sind von einem starken Willen zur Selbstbehauptung getrieben. Sie wollen sich durchsetzen. Und dennoch leben sie in Gemeinschaft, verbringen zwei Drittel des Jahres mit Kollegen in gemeinsamen Hotelzimmern, müssen Anweisungen eines Betreuerstabs folgen und haben keine andere Wahl, als in Mannschaften zu kooperieren, um Rennen gegen Konkurrenten zu gewinnen. Als Sportler mit besonders ausgeprägter Individualität müssen wir ständig mit von außen auferlegten Zwängen zurechtkommen. Die aber sind nichts im Vergleich mit unserem inneren Bedürfnis, trotz unserer natürlichen Ungeselligkeit mit anderen zusammen zu sein.
In Wahrheit, dessen bin ich mir durchaus bewusst, würde mir auf einer Weltumrundung mit dem Fahrrad sehr schnell langweilig. Ich würde den Kitzel des Wettkampfs, die medialen Schmeicheleinheiten oder die gemeinsame Arbeit an der Leistungssteigerung bald vermissen, ganz zu schweigen von dem Genuss, den mir ein Sieg dank der Hilfe meiner Mannschaftskameraden verschafft.
Wenn ich nach einer langen Ausfahrt mit dem Rad diesen Augenblick der Schwerelosigkeit und Freiheit auskosten kann, den Moment absoluter Selbstfokussierung oben auf den steilen Straßen der Sierra Nevada, in einem Ohr einen kleinen Kopfhörer, der Geist wach und die Augen offen, dann deshalb, weil ich im Grunde schon weiß, dass ich in ein paar Tagen meine Mannschaft wiedersehen werde, meine Betreuer und Teamkollegen, und dass der kleine Hörer im Ohr durch einen anderen kleinen Hörer im Ohr ersetzt wird, über den jemand mit mir sprechen wird, dem ich antworten kann. Mitunter rege ich mich darüber auf, derart ferngesteuert und in meinem Wunsch nach Unabhängigkeit eingeschränkt zu werden. Aber wenigstens habe ich bei Bedarf immer jemanden, über den ich mich ärgern kann. Selbst im Konflikt habe ich einen Austausch. Eine Existenz ohne Koexistenz wäre das Schlimmste. Denn dann wäre es nicht möglich, vom Genuss zu träumen, den man daran findet, endlich wieder allein zu sein.
Dieser Spagat zwischen der Notwendigkeit zur Kooperation und der Utopie eines Eremitendaseins ist mein Alltag als Radsportler. Aber mir scheint, diese Erfahrung gleicht recht genau der, die jeder in diesem großen Peloton macht, das wir Gesellschaft nennen.
1.Immanuel Kant: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784.
Drei Ausreißer kämpfen im Finale eines Radrennens dagegen an, vom Peloton wieder eingefangen zu werden. Die große Meute kommt der kleinen Fluchtgruppe, die seit dem Beginn der Etappe vor hundertachtzig Kilometern in Führung ist, gefährlich näher. Einige Kilometer vor dem Ziel bleibt ihnen nur noch ein Vorsprung von dreißig Sekunden. Es könnte hinhauen! Natürlich nur unter der Bedingung, dass sie sich verständigen.
Die drei Rennfahrer wissen, dass sie ihre Kräfte koppeln müssen, um eine Siegchance zu haben. Ihr Heil liegt in der perfekten Zusammenarbeit bis auf die letzten paar hundert Meter. Dann ist die Zeit gekommen, an den Etappensieg zu denken, »die Schenkel sprechen zu lassen«, um den Gewinner zu ermitteln. Die notwendige Voraussetzung aber ist, dass sie erst mal in die richtige Ausgangslage für den Sieg kommen.
Und dennoch hebt sich jeder der drei gegen alle Logik ein wenig Kraft auf, trickst in der Hoffnung, von der Arbeit der anderen zu profitieren, um am Ende den Lorbeer zu ernten. Zwietracht hält Einzug, die Spitzengruppe zeigt Auflösungserscheinungen, verliert an Effizienz. Zwangsläufig wird sie drei Kilometer vor dem Ziel gestellt. Alle haben verloren.
Sind wir als Mitglieder einer Gesellschaft, die sich der größten Herausforderung ihrer Geschichte stellt – dem Klimawandel –, nicht auch diesen Radrennfahrern ähnlich, die wissen, wie sie sich verhalten müssten, aber dennoch anders handeln? »Ich erkenne das Gute und billige es, tue aber dennoch das Schlechte«, schrieb Ovid vor zweitausend Jahren. Man muss annehmen, dass dieser Widerspruch zwischen unserem Handeln und dem, was uns die Vernunft gebietet, weiterhin besteht. Ganz gleich, wie groß und überzeugend der Stand des Wissens ist, angesichts unseres schwachen Willens, angesichts all der täglichen Verführungen und des Hungers nach sofortiger, individueller Befriedigung fällt es in sich zusammen.
Mich fasziniert dieses Mysterium: Warum schlagen menschliche Verhaltensweisen manchmal eine völlig entgegengesetzte Richtung ein, statt dem Weg zu folgen, den die Gesetze der Logik vorgeben? Mehrfach wurde ich im Laufe meiner Karriere als Radsportler mit dieser Tatsache konfrontiert, was zu einigen herben Enttäuschungen geführt hat. Ich antizipierte bestimmte strategische Entscheidungen meiner Gegner, sagte mir, dass das Peloton sich angesichts der aktuellen Rennsituation gar nicht anders verhalten könne, als ich es mir in meiner Vorstellung ausmalte, und richtete meine Taktik entsprechend dieser Erwartung aus. Häufig haben mich dann die realen Rennverläufe auf dem völlig falschen Fuß erwischt und desillusioniert, sie waren willkürlich und verdammt inkonsequent.
Als ich mich bei einem Rennen in der Bretagne vor einigen Jahren mit sieben oder acht Fahrern in der Ausreißergruppe befand, kamen zwei davon aus derselben Mannschaft. Ich schlussfolgerte logischerweise, dass einer der beiden sich für den Erfolg seines Teamkollegen opfern würde. Als dann ein anderer Fahrer aus der Gruppe attackierte, beobachte ich die beiden Fahrer des besagten Teams in der Erwartung, dass einer von ihnen die Verfolgung aufnehmen würde. Doch keiner rührte sich. Wahrscheinlich eine Folge interner Rivalität, oder aber der sportliche Leiter machte seine Arbeit nicht. Wie dem auch sei, letztlich war ich geschlagen und konnte nur mit Wut den zukünftigen Sieger davonziehen sehen, während wir uns dämlich zu Grabe tragen ließen.
Zu meiner eigenen Überraschung habe ich mich auch selbst oft gegen alle radsportliche Weisheit agieren sehen, wenn ich zum Beispiel voll attackierte, als Ruhe geboten war, oder nonchalant abwartete, als ich in Aktion hätte treten müssen. So, als brächte mich das Feuer des Rennens aus der Fassung und würde dabei einen unkontrollierbaren Doppelgänger erzeugen. In Wahrheit blieb ich auch in solchen Situationen ein und derselbe Rennfahrer; ich wurde vielmehr von zwei dissonanten Stimmen durchdrungen, die ich nicht zur Deckung bringen konnte. Die Widersprüchlichkeit hatte von mir Besitz ergriffen. Manches Rennen habe ich so verloren.
Im französischen Radsportjargon ist oft die Rede von Fahrern, die mit »la science de la course« gesegnet seien, mit der »Wissenschaft des Rennens«. Der Ausdruck ist schlecht gewählt. Man sollte es passender wie Louis Nucéra in Mes Rayons de Soleil ausdrücken, der sagt, gewisse Fahrer besäßen einen »Sinn fürs Rad, so, wie man auch über ein musikalisches Gehör verfügen kann«.1 Ein sportlicher Wettbewerb gehorcht nicht den Naturgesetzen – darin liegt sein ganzer Charme. Er ist nicht nur das Ergebnis von Formeln, Daten und Messwerten.
Fraglos hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten im Sport einen bedeutenden Platz erobert. Radsportteams umgeben sich mit Universitätswissenschaftlern, die sie in allen theoretischen Aspekten der Leistungsfähigkeit beraten. Wir arbeiten mit Powermetern, deren Messwerte es oft erlauben, grob das Klassement einer Bergankunft vorherzusagen, indem man Wattzahlen durch das Gewicht der Fahrer teilt. Auf gleiche Weise wurden die Position auf dem Rad, die Wahl der Textilien oder das Material untersucht und optimiert. Rennstrategien (kollektive Leistungseinteilung, Ernährungsstrategien) werden genauso modelliert.
Doch inmitten dieses Ozeans von Tests und Messungen weigert sich ein Tröpfchen Wahnsinn, in der Masse aufgelöst zu werden. Man nennt es den Instinkt, die praktische Intelligenz – eine Eigenschaft, die wir gern französischen Athleten zuschreiben (der berühmte »French Flair«), die aber doch bei allen großen Sportlern vorhanden ist und sie befähigt, in wenigen Sekunden eine monatelange, minutiöse Vorbereitung aufs Spiel zu setzen. Im Radsport warf man oft den Fahrern des britischen Team Sky vor, das Ereignis Tour de France durch eine allzu analytische Herangehensweise zu ersticken. Doch 2016 waren es zwei aberwitzige Aktionen des Sky-Kapitäns Christopher Froome – zunächst eine Attacke in der Abfahrt vom Col de Peyresourde und dann ein Angriff in der windgebeutelten Ebene –, die ihm den dritten seiner vier Tour-de-France-Siege sicherten. Die Risikofreude hatte über den Kontrollwillen gewonnen: Der Körper hatte den Kopf überlistet. Es war von Erfolg gekrönt.
Eine mathematische Analyse reicht nicht aus, wenn man vom Sport redet. Es braucht mehr. Dieses Mehr ist das Menschliche. Dieses Element ist es, das völlig unvorhergesehen und gegen alle Wahrscheinlichkeit die Verhältnisse auf begeisternde Art und Weise auf den Kopf stellt. Der menschliche Faktor entscheidet über das Schicksal eines Rennens, jenseits von Anweisungen, Zahlen und Studien. Und auf erheblich dramatischere Weise erklärt sich aus ihm auch unsere Unfähigkeit, kollektiv gegen die wachsende ökologische Bedrohung anzugehen, obwohl wir uns alle – fast alle – der dunklen Wolke, die zusehends näherrückt, furchtbar deutlich bewusst sind.
Ich erkenne die Welt, die sich in Zukunft abzeichnet, ich lehne sie ab und doch nehme ich an ihrer Erschaffung teil – das ist das Drama des modernen Menschen, der verloren ist zwischen seiner Jagd nach dem unmittelbaren persönlichen Vorteil und dem Wissen um die Folgen, die dies verursachen wird, der hin- und hergerissen ist zwischen der Verantwortung für die Zukunft seiner Kinder, ja, seiner Spezies und den Zwängen des einzelnen Lebens. Wie kann man Monatsende und Weltenende auf einen Nenner bringen, individuelles und kollektives Denken?
Es ist illusorisch zu glauben, man könne diese Fragen nur theoretisch abhandeln. Individuen bewegen sich nicht in Blasen; sie sind durchdrungen von Gefühlen und Emotionen, reagieren auf Ereignisse und lassen sich von ihrer Intuition leiten. Das Leben und die Welt sind konkrete Angelegenheiten, und genauso müssen wir sie behandeln. Der Schriftsteller ist nie ein Halbgott, der über seiner Schöpfung steht, sondern immer ein Wesen aus Fleisch und Blut, in Bewegung, voller Gedanken, die von dem ausgehen, was er ist, kennt und ihn bewegt. Ich für meinen Teil kann behaupten, dass der Radsport mich in den letzten Jahren nicht nur sehr beschäftigt, sondern auch vieles gelehrt hat. Mögen meine Überlegungen manchmal abstrakt scheinen, so sind sie doch immer von dem inspiriert, was ich auf der Straße erlebt habe.
Platon hatte sich in den Anfängen der Philosophie zum Ziel gesetzt, das Gerechte zu definieren, eine Idee des Rechts an sich zu entwickeln. Es wurde ihm klar, dass eine rein spekulative Analyse angesichts eines so großen Vorhabens nicht ausreichen würde. Man musste von der Welt, wie sie war, ausgehen und sich dann die Frage nach dem gerechten Verhalten stellen, nach einem gerechten Menschen oder nach einer gerechten Stadt. Kurzum, man musste sich zunächst mit dem Greifbaren auseinandersetzen, um hoffen zu können, das zu erreichen, was der Philosoph letzten Endes ersehnt: Weisheit.
Indem ich die Gesellschaft des Radsports untersuche, versuche ich, zu Aussagen über die Gesellschaft im Allgemeinen zu kommen. Manchmal ist ein Mikrokosmos leichter aufzuschlüsseln als der Makrokosmos, dessen miniaturisiertes Abbild er ist. Dank seines extremen Charakters wirkt insbesondere der Sport wie eine Lupe. Er ist eine Metapher, in der die ausgeprägtesten Eigenschaften der menschlichen Natur besonders hervortreten. Kein falsches Spiel mehr: Mit der Anstrengung fällt die Maske, verzerrt sich das Gesicht zur Grimasse. Das im Rennen freigesetzte Adrenalin enthemmt; es bringt uns dazu, instinktiv zu handeln, ohne immer die Regeln des Anstands zu wahren. Mit einer Startnummer auf dem Rücken bin ich nicht mehr derselbe wie im bürgerlichen Leben. Wenn ich meine Radhose übergestreift habe und sich die Startflagge senkt, macht der ruhige, eher introvertierte Mensch, der ich normalerweise bin, Platz für seinen Doppelgänger, zwar nicht für einen Hulk oder Mr. Hyde, aber doch für jemanden, der verdammt bissig und hartnäckig ist, der voller Hinterlist und Angriffslust steckt. Körperliche Anstrengung entblößt die animalische und komplexe Seite der Persönlichkeit.
Eine besondere Eigenschaft des Radsports besteht darin, dass er seine Akteure unausweichlich mit einem offenbar unlösbaren Problem konfrontiert: der Versöhnung von Individuum und Kollektiv. Als »Individualsport, der von Mannschaften ausgeübt wird«, krönt er immer nur einen einzigen Sieger. Dieser aber käme niemals ohne die Hilfe seiner Mannschaftskameraden und die Unterstützung seines Teams zum Erfolg. Ein Radrennfahrer sieht sich ständig mit diesem Dilemma konfrontiert: Entweder schert er sich nicht um taktische Anweisungen und die Teamorder und setzt auf die persönliche Karte – dann aber verringern sich seine Erfolgsaussichten aufgrund seiner Isolation beträchtlich und er zieht sich darüber hinaus den Unmut der sportlichen Leitung und seiner Mannschaftskollegen zu. Oder aber er beugt sich dem Gruppenzwang und gibt jede Chance auf eine eigene gute Platzierung auf, wenn man ihn bittet, sich schon zu Rennbeginn für den Kapitän »lang zu machen« – und opfert damit seine eigenen Erfolgsaussichten, die eigenen Ambitionen, und unterdrückt sein legitimes Verlangen nach Bestätigung. Es gibt keine Wahl. Jeder Radrennfahrer ist zwischen mehreren Plänen hin- und hergerissen – genau wie der Bürger in unseren demokratischen Gesellschaften aufgerieben wird zwischen dem, wozu ihn seine Instinkte drängen, und dem, was ihm das Gesetz, die Moral oder die politische Korrektheit vorschreiben.
Aus derart widersprüchlichen Anforderungen, wie sie im Radsport lediglich beispielhaft besonders deutlich sichtbar werden, die in Wirklichkeit aber unser gesamtes Leben durchdringen, können nur Inkohärenzen erwachsen. Sie bilden den Nährboden für die Krisen, in denen sich unsere Welt befindet.
Ich hebe einmal die drei wichtigsten Krisen hervor. Die erste ist struktureller Natur. Es handelt sich um die Krise, die das demokratische Modell selbst durchläuft, und wird von den Wahlsiegen Trumps und Bolsonaros oder das Referendum zugunsten des Brexit versinnbildlicht. Anhand dieser Ereignisse haben wir entdeckt, oder besser gesagt wiederentdeckt, dass der Demos keine übergeordnete, vernunftbegabte Instanz ist, die die Verhältnisse mit Abstand und Urteilsvermögen analysiert. Im Gegenteil, »das Volk« – wenn dieser Begriff überhaupt noch einen Sinn ergibt angesichts der aktuellen Ereignisse, die uns immer deutlicher unsere Unfähigkeit vor Augen führen, einen »gemeinsamen Nenner« zu finden und die Idee eines »allgemeinen Willens« anzuerkennen – lässt sich von Emotionen, Schlagzeilen und Bildern leiten. Ganz gleich, ob etwas Fakt oder Fake News ist, es zählt nur, was Lärm macht und Wellen schlägt. Mir scheint, dass dem Prinzip Demokratie als solches von vornherein ein Fehler innewohnt, setzt es doch die Fähigkeit des Individuums voraus, von der eigenen Person abzusehen und eine neutrale, übergeordnete Position als Richter jenseits weltlicher Beschränkungen einzunehmen. Das ist selbstredend unmöglich: Wir sind keine Götter, sondern Menschen. Wir sind Einzelwesen, die immer von den Bedingungen der eigenen Existenz eingeschränkt werden, Opfer ihrer Illusionen sind und deren unterschiedliche Willensregungen sich oft als untereinander inkompatibel erweisen. Ein Radsportler kann mitten im Renngeschehen nicht die Organisation des gesamten Pelotons erfassen; er will sein Bestes erreichen und, wenn möglich, über die anderen triumphieren.
Die aktuelle, auf Covid-19 zurückgehende Krise mag zwar nicht struktureller, sondern konjunktureller Natur sein, sie ist aber sinnbildlich für unsere Irrtümer, unsere Inkonsequenz, unsere Unfähigkeit, einer kritischen Situation überlegt, angstfrei und leidenschaftslos entgegenzutreten. Viel ist schon über diese Monate des ersten und zweiten Lockdowns gesagt worden, welche im Namen der Sicherheit, unserem neuen höchsten Wert, akzeptiert wurden; wir alle sind in die Falle der großen Erwartungen getappt (wirksame Therapie, Entwicklung eines Impfstoffs etc.), Wahrheiten, die erwiesen schienen, wurden am nächsten Tag widerrufen, fallengelassen, ohne dass sich jemand an die geradezu mystische Gläubigkeit erinnerte, die er kurz zuvor noch den Wunderverkäufern entgegenbrachte. Wir haben uns allabendlich im Fernsehen kühl die morbiden Statistiken angehört, die aktuellen Zahlen der Infizierten, Hospitalisierten und Gestorbenen. Während sich unsere Gesellschaft damit brüstet, das »Leben« als unser wertvollstes Gut anzusehen, haben wir hingenommen, dass es zu einer mathematischen Größe wurde.
Indem die Corona-Pandemie uns mit solchen Widersprüchen konfrontierte, hat sie uns eine Lehre Sokrates’ in Erinnerung gebracht: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Die Besonderheit der Moderne jedoch ist, dass wir uns aufgrund dieser Erkenntnis des Nichtwissens, unter ihrem Deckmantel, autorisiert fühlen, alles und jedes sagen zu dürfen. Die Wissenschaft hat ihre Grenzen offenbart. Sogar auf dem Feld der Vernunft, des Überprüften, des Bewiesenen ist es unmöglich geworden, einer klaren und geraden Linie zu folgen. Studien diskreditieren einander, Experten schwanken zwischen völlig gegensätzlichen Positionen. Unsere leitenden Instanzen, Experten und Wissenschaftler, gestanden es schließlich ein: Sie waren unwissend und mussten aus einer Position des Nichtwissens heraus Entscheidungen fällen. So sind sie schon früher vorgegangen, auch wenn sie das Gegenteil behaupteten; sie demonstrierten Gewissheit – und wir haben geglaubt. Von jetzt an ist das nicht mehr möglich. Wir befinden uns in einer Welt, in der es keine festen Orientierungspunkte mehr gibt, keine Rettungsanker, und in der das Individuum mehr denn je untergeht. Anstatt sich aber, wie es der gesunde Menschenverstand gebieten würde, deshalb mit dem eigenen Urteil zurückzuhalten, bastelt sich nun jeder seine eigene kleine Theorie, sein »Ich bin zwar kein Arzt, aber…« – genauso wie er während einer Tour-de-France-Übertragung in der Kneipe seine Kommentare darüber abgibt, welche Strategie dieser oder jener Fahrer hätte wählen sollen: »Warum greift er denn nicht an, Herrgott! Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre und in seiner Position, ich kann Ihnen sagen…« Mangels Information werden wir von Meinungen erschlagen, die wir selbst im Ton vorgeblicher Kennerschaft und falscher Überzeugung in Umlauf bringen.
Die dritte Krise unserer Gesellschaft schließlich – neben der Krise der Demokratie und der Krise des Wissens infolge von Covid-19 – ist gleichzeitig die wichtigste, denn sie betrifft uns alle. Der Klimawandel, denn um ihn geht es, wird in wenigen Jahrzehnten dazu führen, dass sich unsere Lebensbedingungen auf diesem Planeten massiv verschlechtern (diese Entwicklung ist bereits fortgeschritten), was schließlich die Ausrottung menschlichen Lebens bedeuten kann. Diese Krise ist sowohl konjunktureller als auch struktureller Natur: konjunkturell aus dem Grund, als sie mit der Entwicklung des Kapitalismus einhergeht, der seit mindestens zwei Jahrhunderten der Erde mehr Ressourcen entnimmt als nachwachsen und dem ökonomischen Wachstum keinerlei Riegel vorschiebt; strukturell, weil die menschliche Dynamik keinen anderen Pfad einschlagen kann als diesen tödlichen Wettlauf nach vorn. Unsere Software hat keine Reset-Taste. Wie der Radsportler, der manchmal ohne nachzudenken bis zur völligen Erschöpfung in die Pedale tritt, weil er sich so sehr auf das Rennen konzentriert, dass er vergisst zu essen, oder zu unterkühlt ist, um noch eine Windjacke überzuziehen, jagen wir mit Scheuklappen der Befriedigung unserer unmittelbaren Bedürfnisse nach und tragen, ohne es zu merken, dazu bei, das zu erschaffen, was uns vernichten wird. Unser Unglück besteht darin, gar nicht anders handeln zu können: Ein Individuum kann naturgemäß nicht mit den Augen der Gruppe sehen, zwangsläufig wird es sich also selbst bevorzugen.
Und so entstehen Konflikte zwischen einem allgemein akzeptierten Wissen, das wir nicht mehr leugnen können (der Planet erwärmt sich und unsere Spezies ist gefährdet), und den singulären Handlungen der Einzelnen, die weiter ihren Lauf nehmen. Das Wissen – und daher rührt seine Krise – hat keine Wirkmacht mehr, es führt nicht zu einer tiefgreifenden Änderung unseres Verhaltens. Wir beobachten die nichtigen Sorgen des Alltags wie durch ein Brennglas, das sie riesenhaft erscheinen lässt und uns veranlasst, ihnen unsere gesamte Energie zu widmen. Demgegenüber scheint das nahende titanische Gewitter des Klimawandels für uns einfach nur eine ferne Wolke zu sein, die kaum unsere Beachtung verdient.
Die sozialen Entwicklungen während der Covid-19-Krise haben unsere Unfähigkeit verdeutlicht, uns nicht von spontanen Emotionen lenken zu lassen. Wie schrecklich und tödlich dieses Virus auch sein mag, wir wissen, dass es am Ende nur ein vorübergehendes Ereignis ist. Dennoch hat es zu einem tiefgreifenden Wandel in unserer Lebensweise geführt, der im Gegensatz zu dem steht, was noch wenige Monate zuvor verkündet wurde. Eben noch war die Rede davon, künftig keine Kunststoffverpackungen mehr zu verwenden, doch deren Verbrauch stieg aus angeblich hygienischen Gründen in der Post-Covid-Gesellschaft stark an. Man hat uns empfohlen, »grüne« Verkehrsmittel zu nutzen, aber der private Pkw kam mit aller Macht zurück – und gleichzeitig wandten Regierungen Staatshilfen in Milliardenhöhe auf, um Industrien zu erhalten, die per se umweltschädlich sind.
Wir sind, kurz gesagt, unfähig, Probleme zu hierarchisieren. Dort, wo gemeinsames, rationales und langfristiges Denken erforderlich wäre, lassen wir uns von der Tyrannei des Unmittelbaren regieren, starren auf die Mücke, die vor unseren Augen tanzt, während dahinter ein Elefant droht, uns zu zertreten.
Sich über diesen Zustand der Dinge zu ärgern, die »menschliche Dummheit« nur aus dem heimischen Wohnzimmer zu kritisieren, aus einer Position blinder Heiligkeit heraus (wie viele von uns haben sich in der Covid-19-Krise über andere beschwert, die sich nicht an Hygienevorschriften hielten, ohne sich zu fragen, ob sie darin selbst immer unfehlbar waren), wird die Dinge um keinen Deut verbessern. Man erwirbt sein Palmarès als Radprofi nicht, indem man sich sagt: »Wenn das Rennen so und so gelaufen wäre, hätte ich gewonnen…«; nein, man muss die willkürlichen, inkohärenten Bewegungen des Pelotons so nehmen, wie sie kommen, und damit umgehen und sich anpassen.
Wenn das Beispiel des Sports hilfreich ist, dann genau deshalb, weil es nicht um moralische Kategorien geht, sondern um pragmatische. Es gibt keine »gute« Art zu gewinnen, nur die, die zum Sieg führt. »Das Wichtigste sind die drei Punkte«; »was zählt, ist, als Erster die Ziellinie zu überqueren«: Die abgedroschenen Sprüche haben ihren wahren Kern. Das Ergebnis wiederum darf nicht um jeden Preis erzielt werden, denn ginge der Widerspruch so weit, dass dabei die Idee des Sports selbst geopfert würde, wäre der Sieg definitiv seines Sinns beraubt. Solange man sich im Rahmen der Wettkampfregeln bewegt, d. h. genauer gesagt, solange die Möglichkeit des Betrugs ausgeschlossen bleibt, sind alle Schliche erlaubt. Der Zweck heiligt die Mittel. In diesem Sinne ist der Sport, eben dadurch, dass er seine Akteure zwingt, ihre Überzeugungen und Leitlinien jederzeit, wenn es die Situation erfordert, anpassen zu müssen, im Kern eine ethische Angelegenheit.
Wie kann ein Individuum sich angesichts dieser absurden Welt verhalten, angesichts einer inkonsequenten, sich in ständiger Neuordnung befindlichen Gesellschaft, die es zugleich herstellt und bekämpft? Das ist das Thema dieses Essays, der durch die Augen eines Radrennfahrers zu lesen ist, der unentwegt versucht, einem Peloton zu entkommen, an das er gekettet ist. Weil er selbst es bildet…
1.Louis Nucéra, Mes Rayons de Soleil, Grasset, 1987.
»Kollektive Intelligenz ist eine übermenschliche Anstrengung.«
Louis-Ferdinand CÉLINE1