THOMAS WOLFE

Von Zeit und Fluss

Legende vom Hunger des Menschen
in seiner Jugend

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt

und umfassend kommentiert

von Irma Wehrli

Nachwort von Michael Köhlmeier

MANESSE VERLAG

ZÜRICH

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Titel der amerikanischen Ausgabe:
«Of Time and the River.
A Legend of Man’s Hunger in His Youth» (1935)
Für die großzügige Förderung ihrer Übersetzung dieses Romans
dankt die Übersetzerin sehr herzlich der Jury
sowie den öffentlichen und privaten Trägern
des Vereins Dialog-Werkstatt Zug.
Copyright © 2014 by Manesse Verlag, Zürich
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München.
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln,
ISBN 978-3-641-14335-0
V003
www.manesse.ch

Für Maxwell Evarts Perkins

Einem großen Verleger und tapferen und ehrlichen Mann,
der in Zeiten bitterer Hoffnungslosigkeit und
Bedenken zum Verfasser dieses Buches hielt und ihn nicht
seiner Verzweiflung überantwortete, ist dieses unter dem Titel «Von Zeit und Fluss» erscheinende Werk in der Hoffnung
gewidmet, dass es sich als Ganzes, wenn auch unzulänglich,
der unverbrüchlichen Treue und geduldigen Aufmerksamkeit
würdig erweisen möge, die ein unerschrockener und
unerschütterlicher Freund ihm in allen Teilen entgegengebracht hat und ohne die nichts davon hätte entstehen können.

«Kriton, mein lieber Freund Kriton, dies ist es, glaube mir,
was ich zu hören meine, wie die Korybanten Flötenspiel hören im Wind, und der Klang dieser Worte dröhnt und hallt mir in den Ohren nach,
und ich kann nichts anderem lauschen.»
1

Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,

Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Möcht’ ich mit dir, O mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,

Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Kennst du es wohl?

Dahin! Dahin

Möcht’ ich mit dir, O mein Beschützer, ziehn!

Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,

In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,

Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:

Kennst du ihn wohl?

Dahin! Dahin

Geht unser Weg; O Vater, lass uns ziehn!2

… vom Wandern auf ewig und von der Erde wieder … von Aussaat, Blüte und der fallreifen Frucht. Und von den großen Blumen, den herrlichen Blumen, den seltsam unbekannten Blumen.

Wo werden die Müden ruhen? Wann werden die Einsamen heimkehren? Welche Türen stehen dem Wanderer offen? Und wer von uns wird seinen Vater finden, sein Antlitz erkennen und an welchem Ort und zu welcher Zeit und in welchem Land? Wo? Dort, wo die Herzensmüden für immer bleiben können, wo die Wandermüden Frieden finden, wo der Aufruhr, das Fieber und der Tumult sich für immer legen.

Wer besitzt die Erde? Wollten wir denn die Erde und irrten doch auf ihr herum? Brauchten wir denn die Erde, wenn wir nie still sein konnten auf ihr? Wer die Erde braucht, soll die Erde haben: Er wird still sein darauf, er wird in einem kleinen Gelass ruhen, er wird für immer in einer einzigen Kammer wohnen.

Hatte er denn tausend Zungen nötig, dass er im Durcheinander und Grauen tausend tobender Straßen nach ihnen suchte? Er wird keine Zunge mehr brauchen, er wird keine Zunge brauchen für das Schweigen und die Erde: Er wird kein Wort sagen können mit den durchwurzelten Lippen, ein kaltes Schlangenauge wird an seiner Statt durch die Stirnhöhlen spähen, es wird kein Schrei aus dem Herzen fahren dort, wo die Rebe schwillt.

Die Tarantel kriecht durch die morsche Eiche, die Viper lispelt wider die Brust, Kelche stürzen: Aber die Erde wird ewig währen. Die Blume der Liebe lebt in der Wildnis, und Ulmenwurzeln fädeln die Knochen begrabener Liebender auf.

Die tote Zunge verdorrt und das tote Herz modert, blinde Mäuler bohren Gänge durch das begrabene Fleisch, aber die Erde wird ewig währen; Haar sprießt aprilgleich auf der begrabenen Brust, und aus den Stirnhöhlen sprießen die Totenblumen und werden nicht vergehen.

O Blume der Liebe, deren kräftige Lippen uns in den Tod hinabsaugen, in alles Ferne und Flüchtige, Fee unserer zwanzigtausend Tage, der Verstand wird rasen und das Herz aussetzen, gebrochen von ihrem Kuss, aber Gloria, Gloria, Gloria, sie bleibt: Unsterbliche Liebe, allein und sehnsüchtig riefen wir in der Wildnis zu dir: Du warst nicht fern von unserer Einsamkeit.

ERSTES BUCH

OREST:
F
LUCHT VOR DER FURIE