Claudia Banck
20 populäre Irrtümer über
die Wikinger
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ISBN 978-3-8062-2819-9
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-8062-2992-9
eBook (epub): 978-3-8062-2993-6
Einleitung
IRRTUM 1: Die Wikinger hatten eine schlechte Presse
IRRTUM 2: Die Wikinger waren ein Volk ohne König
IRRTUM 3: Wirtschaftliche Not und Überbevölkerung trieben die Wikinger außer Landes
IRRTUM 4: Die Wikinger taten sich nur durch Kämpfen und Beutemachen hervor
IRRTUM 5: Die Wikinger waren Europas grausamste Kämpfer – aber immer tapfer, aufrichtig und loyal
IRRTUM 6: Die Frauen der Wikinger blieben zu Hause und hatten nichts zu sagen
IRRTUM 7: Die Wikinger waren schmutzig und ungepflegt – für Mode interessierten sie sich nicht
IRRTUM 8: Die Wikinger trugen Helme mit Hörnern
IRRTUM 9: In der Wikingerzeit war die Blutrache das einzig geltende Recht
IRRTUM 10: Alle Wikinger waren gleich
IRRTUM 11: Die Wikinger kamen mit dem Klima und den Naturbedingungen in den neu besiedelten Ländern gut zurecht
IRRTUM 12: Kolumbus entdeckte Amerika
IRRTUM 13: Die Wikinger überquerten den Atlantik in schlanken Drachenschiffen
IRRTUM 14: Die Wikinger waren nur mit Schiffen unterwegs
IRRTUM 15: Alle Wikinger waren groß und blond, sie blieben unter sich – keiner wollte etwas mit ihnen zu tun haben
IRRTUM 16: Met war das Lebenselixier der Wikinger
IRRTUM 17: Die Götter der Wikinger waren stark und allmächtig
IRRTUM 18: Die Wikinger waren fanatische Heiden, ihre Kriegszüge richteten sie gegen das Christentum
IRRTUM 19: Die Wikinger strebten den Heldentod an
IRRTUM 20: Die Wikinger konnten nicht lesen und schreiben
Literatur
Ortsregister
Personenregister
Unbesiegbar, bärenstark, todesmutig und tapfer – so stellt man sich die Wikinger vor, die gegen Ende des 8. Jahrhunderts aus dem Norden Europas aufbrachen, um wie „wilde Hornissen“ über die Britischen Inseln und das Frankenreich herzufallen. „A furore Normannorum libera nos, domine!“, beteten die Menschen an den Küsten, „Befreie uns, Herr, von der Raserei der Nordmänner!“ Die kümmerte ihr schlechter Ruf herzlich wenig, sie wollten Beute, egal in welcher Form – Geld, Gold, Vieh oder Menschen, und dafür gingen sie im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Auch ihre christlichen Zeitgenossen handelten nicht besonders gottgefällig – die mitteleuropäischen Fürsten und Könige plünderten und brandschatzten Städte und ganze Landstriche, sie überfielen das eine oder andere Kloster, das am Weg lag – doch insgesamt agierten sie dezenter und versteckten ihre Absichten hinter einem Konstrukt von Gründen wie Religionseifer (Missionierung der Ungläubigen), Thronansprüche, Machtkämpfe. Die Wikinger hingegen verfolgten ihre Ziele ohne Verklausulierungen und Umschweife. Sie wollten ein besseres Leben als das, was ihnen die heimische Scholle bot.
Dafür reisten sie mutig bis an die Grenzen der bekannten Welt. Fast drei Jahrhunderte lang beherrschten sie die nördlichen Meere. Sie waren die besten Bootsbauer und kühnsten Seefahrer ihrer Zeit. Als Piraten, Eroberer, Händler und Entdecker steuerten sie ihre Schiffe durch die Nord- und Ostsee und über den nördlichen Atlantik. Sie plünderten die Küsten Westeuropas bis hinunter nach Gibraltar, griffen Nordafrika an und drangen ins Mittelmeer vor. Als Siedler ließen sie sich in England, in der Normandie, auf den Färöern, den Orkney- und Shetlandinseln, auf Island und Grönland nieder und erreichten fast fünfhundert Jahre vor Columbus die nordamerikanische Küste. Als Händler waren sie auf Handelsrouten zwischen Grönland und dem Schwarzen Meer unterwegs. Sie gründeten Städte in Irland und Staaten in Süditalien und Kiew. In Konstantinopel dienten sie als Söldner in der berühmten Warägergarde des byzantinischen Kaisers. Kurz: Sie waren in der ganzen damals bekannten Welt zu Hause.
Währenddessen erwirtschafteten die Daheimgebliebenen in Skandinavien als Bauern, Fischer, Jäger und Fallensteller die ökonomischen Grundlagen, die diese Seefahrten ermöglichten. Ihr Leben spielte sich im Umfeld der Siedlung und des Hofes ab, das viele ein ganzes Leben lang nicht verließen. Über sie ist nicht viel geschrieben worden. Doch in den vergangenen Jahrzehnten konnten viele archäologische Funde durch moderne Untersuchungsmethoden neu oder überhaupt ausgewertet werden. So legten norwegische Archäologen von 1980 bis 1983 in Flakstad auf den Lofoten einen rätselhaften Friedhof frei. Von den zehn Toten, die dort zwischen 550 und 1030 in drei Einzel-, zwei Doppel- und einem Dreier-Grab abgelegt worden waren, war jeweils nur eine Person pro Grab mit Kopf bestattet worden. Bei den restlichen Toten fehlte der Schädel. Mithilfe von DNA- und Isotopenanalysen fanden die Wissenschaftler (dreißig Jahre später) heraus, dass die sieben ohne Kopf Bestatteten zu Lebzeiten überwiegend Fisch gegessen hatten. Die, die ihren Kopf behalten hatten, waren offensichtlich höher gestellt, denn die Untersuchung ergab, dass sie in ihrem Leben viel Fleisch konsumiert hatten – ein Zeichen für Wohlstand. Man kann daraus schließen, dass die Bewohner eines Hofes oder einer kleineren Siedlung nicht alle aus einem Topf aßen, ihrem gesellschaftlichen Rang entsprechend lebten und auch so starben. So ergänzen ständig neue Erkenntnisse das bisherige Wissen über die Wikinger.
Der Begriff „Wikinger“, mit dem man heute großzügig die gesamte Bevölkerung Skandinaviens und ihre vielseitigen Aktivitäten vom Ende des 8. bis Mitte des 11. Jahrhunderts bezeichnet, ist älter als die Wikingerzeit selbst. Der früheste Beleg stammt aus einem altenglischen Text aus dem 7. Jahrhundert. Er bezieht sich auf Seeräuberei im Mittelmeer und hat mit den Skandinaviern nichts zu tun. Erst im Verlauf des 10. Jahrhunderts wurde der Begriff zunehmend mit den Piraten aus dem Norden in Verbindung gebracht. Im Altnordischen steht víkingr für Seeräuber, seine ursprüngliche Bedeutung ist trotz vieler Deutungsversuche nicht geklärt. Abgeleitet sein könnte es von vik (Bucht), in der die Wikinger auf der Lauer lagen. Oder von dem lateinischen vicus für Lager oder Handelsplatz. Der Name könnte aber auch mit einem konkreten Landschaftsnamen zusammenhängen und Männer aus der südnorwegischen Landschaft Vik, der Region um den Oslofjord, bezeichnen.
Es gibt nur wenige zeitgenössische Belege dafür, dass sich die Skandinavier selbst als Wikinger bezeichneten. In mehreren Runeninschriften werden Männer genannt, die auf Wikingfahrt (í víkingu) fuhren. Welchen Charakter eine solche Fahrt hatte – ob Raub oder Handel –, lässt sich nicht sagen, das altnordische Wort víking steht lediglich für eine „weite Schiffsreise“.
Vikingr bezeichnete denjenigen, der auf Wikingfahrt fuhr. Der Begriff „Wikinger“ erhielt im Laufe der Jahrhunderte einen zunehmend negativen Beigeschmack, wenn er im Sinne von „Pirat“ verwendet wurde, der auch in heimatlichen Gefilden eine Plage war. Auf der anderen Seite galt es auch für Könige noch lange als ehrenwert und das Ansehen fördernd, auf Viking zu fahren. Häufig dienten die Fahrten der Geldbeschaffung, um die eigene (Königs-) Macht zu Hause durchsetzen zu können.
Im Verlauf der Wikingerzeit entwickelten sich die drei Königreiche Norwegen, Schweden und Dänemark; die Skandinavier wurden zu Christen. Die privat geführten Raubzüge lohnten am Ende nicht mehr, die Gegenwehr war zu stark geworden. Ab Ende des 11. Jahrhunderts boten Kreuzzüge und Pilgerfahrten eine gute Gelegenheit, dem Alltag zu Hause den Rücken zu kehren. Nach der Christianisierung gehörten die großen Heiligtümer der Christenheit in Rom und dem Heiligen Land zu den begehrten Reisezielen. Viele bezahlten die Fahrten in die Ferne nicht anders als während der klassischen Wikingerzeit mit dem Leben. Snorri Sturluson erzählt in der „Heimskringla“ von einem Norweger namens Skopti, der im Jahre 1102 mit seinen Söhnen Ogmund, Finn und Thord in insgesamt fünf Langschiffen nach Rom aufbrach, wo sie im Herbst des folgendes Jahres ankamen: „Da starb Skopti. Alle, Vater wie Söhne, starben auf dieser Fahrt. Thord lebte am längsten von ihnen. Er starb auf Sizilien.“ Was sie in Rom wollten, ist nicht sicher – man kann aber davon ausgehen, dass die Reise nicht zu ihrem Nachteil ausfallen sollte.
Die Wikinger, so wie sie in den „Isländersagas“ des 13. Jahrhunderts geschildert werden, waren Realisten, die den Tod nicht selten mit einem recht trockenen Humor kommentierten. In der „Brennu-Njáls saga“ wird ein Kampf mit tödlichem Ausgang beschrieben:
„Kolskegg reagiert schnell, macht einen Schritt auf ihn zu, schlägt ihm den Sax in den Schenkel und trennt das ganze Bein ab.
‚Hab ich dich jetzt getroffen oder nicht?‘, sagt Kolskegg.
, Ich bin selbst schuld, weil ich ohne Schild angegriffen habe‘, antwortet Kol und steht eine ganze Weile auf einem Bein da und betrachtet den Stumpf.
‚Du brauchst gar nicht so zu gucken‘, sagt Kolskegg, ‚es ist genau das, was du siehst: Das Bein ist ab.‘
Da fällt Kol tot zu Boden.“
Um den Tod wurde kein Gewese gemacht. Man nahm hin, was nicht zu ändern war – so war die Zeit, so waren die Wikinger. Sie liebten Ruhm und Reichtum. Reisen in ferne Länder und stolzen Schiffen gehörte ihre Leidenschaft. Ihre Lebensbasis aber war die Familie. Sie waren aufmerksame Gastgeber und legten großen Wert auf zwischenmenschliche Kontakte.
„Jung war ich einst,
ging allein meines Weges,
ging in die Irre –
glücklich schätzt’ ich mich,
als ich den andern fand:
Der Mensch ist die Freude des Menschen“,
heißt es in der „Lieder-Edda“. Dort findet man auch viele praktische Ratschläge für das tägliche Leben: Wer etwas zu erledigen habe, solle zeitig aufstehen. Es sei keine Schande, sich früh schlafen zu legen. Man solle seine Freundschaften pflegen, Reisende willkommen heißen, ihnen ein wärmendes Feuer, Nahrung und trockene Kleider ebenso wie Wasser zum Waschen und ein Handtuch bieten. Man solle das Leben anpacken und auf keinen Fall zu viel grübeln.
Die Wikinger trugen keine Helme mit Hörnern, und ihre Waffen waren nicht gewaltiger als die ihrer europäischen Zeitgenossen. Doch bemerkenswert unberührt vom steten Strom neuer, wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse bleibt der Mythos Wikinger bestehen. Das Faszinierende an der Welt der Wikinger ist aber beides: die reale, nachgewiesene Welt ebenso wie der Mythos.
Am 8. Juni 793 tauchten norwegische Wikinger mit mehreren Schiffen vor der Klosterinsel Lindisfarne an der Küste Northumbriens im Nordosten Englands auf, sie zogen ihre Schiffe auf den Strand und stürmten mit gezogenen Schwertern an Land. Kurz darauf stand die Abtei in Flammen, massakrierte Mönche lagen am Boden, Altäre und Kanzeln waren zerschlagen, Truhen geplündert. Die Piraten flohen mit goldenen Kruzifixen und edelsteinbesetzten Evangelienbüchern im Gepäck. „Rohe, vollkommen gottlose, verwegene Gestalten“, wie ein irischer Kleriker klagte, hätten den heiligen Ort zerstört. „Nie zuvor hat Britannien solchen Horror gesehen …“, schreibt Alkuin, der berühmte aus Northumbrien stammende Gelehrte am Hofe Karls des Großen. Es folgen weitere Überfälle in England und im Frankenreich. Angelsächsische und fränkische Chronisten beschreiben den nicht enden wollenden Alptraum. Die Schreiber sind Geistliche oder Mönche, deren (reiche und ungeschützte) Kirchen und Klöster bevorzugte Angriffsziele sind. Als Augenzeugen und Opfer beschönigen sie nichts, im Gegenteil, sie schildern die Plünderungen und Zerstörungen durch die Wikinger als Orgie der Gewalt, der Blut- und Beutegier, und interpretieren sie als Erfüllung alttestamentarischer Prophetien, nach denen von Norden das Unheil über alle Bewohner des Landes kommen sollte – als Strafe Gottes für die Sünden der Menschen. Das kam ihnen gelegen, konnten Männer der Kirche doch auf diese Weise ihre Schäflein enger an sich binden und zu einem frommen, gottgefälligeren Leben motivieren.
Über Jahrhunderte prägten ihre Augenzeugenberichte das Negativbild der Wikinger, das von späteren Geschichtsschreibern übernommen wurde und im Verlauf der Jahrhunderte nichts von seinem Schrecken einbüßte. Im irischen Epos „Cogad Gaedel re Gallaib“ (Der Krieg der Iren mit den Fremden) aus dem 12. Jahrhundert heißt es: „… obwohl auf jedem Hals einhundert stahlharte Eisenschädel saßen und in jedem Kopf einhundert scharfe, jederzeit besonnene, niemals einrostende, unverschämte Zungen und einhundert geschwätzige, laute, unaufhörliche Stimmen von jeder Zunge kamen, konnten sie nicht wiedergeben, schildern, aufzählen oder erzählen, was all die Ghaedhil, Männer wie Frauen, Laien wie Geistliche, alte wie junge, edle wie unwürdige, in jedem Haus an Unbill, Unrecht und Bedrängnis gemeinsam von diesen kühnen, wutentbrannten, fremden, vollkommen heidnischen Menschen erlitten.“
Eine nordische Gegendarstellung zu diesen Vorfällen gibt es nicht. Einen der wenigen direkten Zugänge zu Sprache und Denkweise der Wikingerzeit bieten die (häufig) wortkargen Runeninschriften. Über 5.000 Runendenkmäler und Runentexte sind bewahrt, die meisten stammen aus der Wikingerzeit. Ihr Verbreitungsgebiet reichte von Skandinavien, Grönland, England, Irland bis nach Russland, Byzanz und Griechenland. Sie enthalten knappe Informationen über Einzelpersonen und gewähren einen zeitgenössischen Einblick in eine Gesellschaft, die Tapferkeit und Mut als herausragende Tugend schätzte. „Thorulv, der Gefolgsmann Svens, errichtete diesen Stein nach Erik, seinem fila (Kameraden, Genossen), der den Tod fand, als die Krieger um Haithabu saßen, und er war Schiffsführer, ein sehr tüchtiger Krieger“, lautet die Inschrift eines Gedenksteines für Erik, der vermutlich in den Kämpfen um Haithabu gegen Ende des 10. Jahrhunderts getötet wurde. Andere Inschriften erwähnen Kriegszüge nach England und Süditalien, Handelsreisen ins Baltikum und in den Vorderen Orient, sie nennen Brücken- und Wegebau, bitten um das heidnische Wohlwollen Thors oder um das christliche Seelenheil. In der Mehrzahl sind es wohlwollende Inschriften, die ruhmreiche Taten, großartige Eigenschaften oder auch einfach nur einen Krieger, eine Frau, eine Tochter verewigen sollen. Tadelnde Nachrufe gibt es auch: So hat etwa ein Krieger seine Mannschaft im Stich gelassen. Aber solche Meldungen sind selten und lassen positive Rückschlüsse zu auf das Weltbild der Wikinger. Insgesamt sind die Runeninschriften zeitgenössische und damit authentische Dokumente, die zwar erst viele Jahrhunderte später erforscht wurden, dann aber nachhaltig zum Ruhm und Heldentum der Wikinger beigetragen haben.
Erst nach der Christianisierung und der damit verbundenen Schriftkultur begannen die Skandinavier, sich ab dem 12. Jahrhundert um die eigene Geschichtsschreibung zu kümmern und machten sich daran, die mündlichen Überlieferungen niederzuschreiben. Sie erinnerten an die Heldentaten ihrer wikingischen Vorfahren und malten ein sehr viel schmeichelhafteres Bild von dem, was letztere als Krieger, Seefahrer, Siedler und Entdecker in fernen Ländern geleistet hatten.
Am Anfang der isländischen Geschichtsschreibung steht Ari þorgilsson, der im „Isländerbuch“ (Íslendingabók) die frühe Geschichte Islands erzählt. Für sein um 1125 in isländischer Sprache verfasstes Werk zu Ereignissen, die 250 Jahre vor seiner Zeit stattgefunden hatten, standen ihm kaum schriftliche Aufzeichnungen zur Verfügung. Er musste sich auf die mündliche Überlieferung verlassen, die von Generation zu Generation weitergegeben und dabei im Verlauf der Zeit vermutlich das eine oder andere Mal dem sich verändernden Zeitgeist angepasst worden war. Das gilt auch für das „Landnahmebuch“, das Buch der Besiedlung Islands, (Landnámabók, die erste nicht erhaltene Fassung stammt aus der Zeit um 1100) und die „Isländersagas“ (Íslendinga sögur), von denen die meisten im 13. Jahrhundert aufgeschrieben wurden – bevor oder auch nachdem die Isländer im Jahre 1262 dem norwegischen König Hákon die Treue geschworen und damit ihre Unabhängigkeit verloren hatten. Der Name der einzelnen Autoren wird nirgends genannt, Isländer waren sie, und die bedrohte oder bereits verlorene Freiheit Islands beeinflusste sie alle. In den „Isländersagas“ werden historische Überlieferungen mit fiktiven, literarischen Elementen verknüpft, sie handeln von isländischen (und grönländischen) Familien oder Einzelpersonen. Der Zeitraum, den viele dieser Prosawerke behandeln, liegt etwa zwischen 930 und 1030, die in der isländischen Geschichte die „Sagazeit“ genannt wird.
In den „Königsagas“ (Konunga sögur) wird die Geschichte der norwegischen – und in ein paar Fällen auch der dänischen – Könige erzählt. Die berühmteste Sammlung von Königsgeschichten ist die dreibändige „Heimskringla“ (altnordisch für Weltkreis), die der bedeutende Gelehrte Snorri Sturluson um 1230 in Island aufzeichnete und in Form brachte. Die in den Sagas erzählten Geschehnisse waren von Generation zu Generation mündlich weitergegeben worden, bevor sie – dichterisch gestaltet – aufgeschrieben wurden.
Tapferkeit und Treue sind die wesentlichen Werte, mit denen man einen Sagahelden gern schmückte. Ein Beispiel aus der „Saga von Gísli Súrsson“: Der auf dem Thing verurteilte, geächtete und damit für vogelfrei erklärte Gísli befindet sich auf der Flucht vor seinem Rächer Bork, dessen Bruder er getötet hat. Eine Zeit versteckt er sich auf der kleinen Insel Hergilsøy bei seinem Verwandten Ingjald, der ein Pächter Borks ist. Als Bork davon erfährt, kommt er mit seinen Männern, um sich Gísli zu holen. Herrisch tritt er vor Ingjald, droht damit, ihn zu töten und verlangt die Auslieferung von Gísli, die Ingjald ihm aber verweigert: „Ich trage schlechte Kleider, und es würde mir nichts ausmachen, sie nicht bis zum Letzten aufzutragen. Aber eher will ich mein Leben lassen, als dass ich Gísli nicht so sehr Gutes erweise, wie ich nur kann, und ihn in seinen Schwierigkeiten unterstütze.“ Niemals, für kein Geld der Welt, würde Ingjald nachgeben und Gísli verraten. Die Sagaautoren romantisieren die isländische Vergangenheit als eine heroische Zeit, in der sich ein freier Mann, egal ob arm oder reich, nichts und niemandem unterwarf.
Auch aus dem Werk des dänischen Geschichtsschreibers und Geistlichen Saxo Grammaticus spricht der Stolz auf die eigene Geschichte. Im Vorwort seiner ab 1185 in Latein verfassten „Gesta Danorum“ (Taten der Dänen) heißt es: „Da alle anderen Völker sich einer Darstellung ihrer Thaten rühmen und aus der Erinnerung an ihre Vorfahren Genuss schöpfen können, so wünschte der oberste Bischof der Dänen, Absalon, dass auch unserem Vaterlande, für dessen Verherrlichung er stets begeistert war, diese Art von Ruhm und Gedächtnis nicht vorenthalten bliebe …“ Das Werk greift auf mündlich tradierte Mythen, Sagen und Lieder zurück, die zur gleichen Zeit auch auf Island niedergeschrieben wurden und die Wikingerzeit in einem neuen Licht erscheinen lassen. Saxo beschreibt die Erfolgsgeschichte ruhmreicher Herrscher, die brutalen Beutezüge spielen kaum eine Rolle. Seine Sicht der Dinge fand allerdings erst ein größeres Publikum, nachdem die „Gesta Danorum“ zu Beginn des 16. Jahrhunderts ins Dänische übersetzt worden waren. Das Buch erlangte große Popularität und weckte das Interesse an der eigenen glorreichen Vergangenheit.
In der Wissenschaft beginnt man, die Runeninschriften zu entschlüsseln und die überlieferten Mythen zu studieren. Die wichtigsten Quellen sind die beiden Eddas: die „Lieder-Edda“ (häufig auch ältere oder poetische Edda genannt) ist eine Sammlung alter Götter- und Heldenlieder, die um 1270 niedergeschrieben wurde, und die „Snorra-Edda“, ein von Snorri Sturluson um 1220 verfasstes Lehrbuch für Skalden (Dichter), in dem er die alten Göttermythen und Heldensagen zitiert und zum Teil nacherzählt, um eine beispielhafte Anleitung für poetische Umschreibungen zu geben.
Die Idealisierung der heidnischen Helden bleibt nicht auf den Norden beschränkt. Der einflussreiche französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) sieht in den beutegierigen, ungehobelten Barbaren „edle Wilde“. In seinen Essays verklärt er alles Ursprüngliche, noch nicht von der Zivilisation Korrumpierte zum Ideal. „Freie, gesunde, glückliche Menschen“ seien sie ihm zufolge. Der schwedische Universalgelehrte Olof Rudbeck behauptet in seinem um das Jahr 1700 erschienenen Werk „Atland eller Manhem“ (Atlantis oder Menschenheim), seine Heimat sei das sagenumwobene Atlantis, Mittelpunkt der Welt und Wiege aller Kulturen. Die Normannen beschreibt er als Entdecker und Pioniere. 1825 veröffentlicht der schwedische Lyriker und Bischof Esaias Tegnér die „Frithiofs Saga“. Das nordische Heldenepos wird zum Bestseller. Nicht nur Johann Wolfgang von Goethe findet Gefallen an dem tapferen und treuen Recken Frithiof, den es in die Ferne treibt: Dieser beweist ritterliche Tapferkeit und bleibt seiner Liebe zu Ingibjorg, der schönen Tochter eines Königs vom Sognefjord, treu. Das „Prachtwerk der schwedischen Nationalromantik“ wird in zahlreiche Sprachen übersetzt. Eine Welle der Begeisterung für alles Nordische erfasst Deutschland, Eltern geben ihren Kindern nordische Namen wie Frithiof oder Ingeborg. Der Brandenburger Dichter Friedrich de la Motte Fouqué mischt in der um 1810 aufgeführten Dramentrilogie „Der Held des Nordens“ wikingerzeitliche Elemente mit hochmittelalterlichen Rittermotiven. Mit den kühnen Seefahrern befasst sich Friedrich Schlegel in seinen Wiener Vorlesungen (1810). Mit Hang zur Poesie und Drang zu Abenteuern, so Schlegel, hätten die Nordmänner den „Rittergeist“ nach Europa gebracht. Die Götter- und Heldenlieder der „Edda“ faszinieren auch Richard Wagner (1813–1883), vor allem der Nibelungenzyklus hat es ihm angetan. Aufwendig inszeniert er die nordische Heldengeschichte, auf der opulent ausgestatteten Opernbühne tragen die Helden erstmals Helme mit Hörnern. Der enorme Erfolg des Werkes befeuert das positive Heldenbild und die Verbreitung vieler (fantasievoller) Vorstellungen und Klischees.
Mit der Entdeckung der beiden spektakulären Schiffsgräber am Oslofjord – Gokstad (1880) und Oseberg (1904) – gelangen erstmals konkrete Detailkenntnisse über den Schiffbau und das Kunsthandwerk der Wikinger ins nationale und internationale Bewusstsein. Die Skandinavier sind hingerissen von ihrer eigenen, glorreichen Vergangenheit. (Die Gegenwart hat indes wenig zu bieten: Norwegen und Island sind zu Beginn des 20. Jahrhunderts verarmt. Auch in Dänemark und Schweden sind die Großmachtzeiten vorbei.) Mit dem nordischen Drachenstil werden Tier- und Pflanzenornamente aus der Wikingerzeit ebenso wie Gestaltungselemente der mittelalterlichen Zimmermannskunst – der Schiffe und Stabkirchen – wieder aufgenommen, fortan prägen sie Architektur und Möbeldesign.
Ein großes Faible für alles Nordisch-Germanische hat auch Kaiser Wilhelm II. Zwischen 1889 und 1914 unternimmt er in Begleitung seines Hofstaates insgesamt 26 Nordlandfahrten auf seiner Yacht „Hohenzollern“ durch die norwegischen Fjorde. Er schwärmt von dem „kernigen Volk, welches in seinen Sagen und seiner Götterlehre stets die schönsten Tugenden, die Mannentreue und Königstreue, zum Ausdruck gebracht hat“. Dem Helden Frithiof setzt er in Vangsnes am Sognefjord ein kolossales Denkmal. Von einer der Reisen bringt er als Souvenir eine norwegische Stabkirche mit, die er 1893 in der Rominter Heide bei Rominten/Raduznoje (im ehemaligen Ostpreußen) neben seinem Jagdschloss von norwegischen Handwerkern wieder aufbauen lässt, Holzbalken für Holzbalken. Der Norden war für Wilhelm die „Wiege der Germanen“.
Die Verehrung der nordisch-germanischen Vergangenheit bildet den Nährboden für arisches und antisemitisches Gedankengut, das im Nationalsozialismus ideologisch überhöht wird. „Ehre und Freiheit trieben die einzelnen in die Ferne und Unabhängigkeit, Länder, wo Raum für Herren war …“, begründet Parteiideologe Alfred Rosenberg den Aufbruch der Nordmänner in seinem 1930 erschienen Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“. „Geniale Zwecklosigkeit, fern aller händlerischen Überlegung“ ist seiner Meinung nach der Grundzug des nordischen Menschen, der „mit … heldischer Unbekümmertheit … Staaten in Rußland, Sizilien, England und in Frankreich“ errichtet.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wird der Wikingerkult greifbar und gegenwärtig. Heinrich Himmler, Reichsführer der SS, nutzt die Runenzeichen der Nordmänner für seine Zwecke, aus den gezackten Sigrunen setzt die SS ihr Kürzel zusammen. Als die Wehrmacht 1940 Norwegen besetzt, erhalten die deutschen Soldaten die Anweisung, dort als Beitrag zur Vermehrung der „arischen“ Rasserettung möglichst viele (blonde und blauäugige) Kinder zu zeugen. Als direkte Nachfahren der Wikinger hätten sie nordische Kühnheit und Stärke in ihren Adern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Begeisterung für die Wikinger erst einmal gedämpft, zu eng sind die Wikinger als Verkörperung eines Herrenvolkes mit dem Rassenwahn der Nazis verwoben. Die mittelalterlichen Sagas und die Götter- und Heldenlieder der „Edda“ werden aber weiterhin gelesen. John R. R. Tolkien, Oxford-Professor für englische Sprache und Literatur, bedient sich für seine Fantasy-Trilogie „Der Herr der Ringe“ (erschienen 1954/55) aus den altnordischen Göttermythen der „Edda“.
Historiker und Archäologen stellen die Wikinger nicht mehr als großartige Nationalhelden dar, sie heben jetzt ihre Tüchtigkeit als Händler, Kolonisten, Schiffbauer und Entdecker Amerikas hervor, eine zunehmend sachliche Auseinandersetzung – nicht ohne schwärmerische Elemente: „Stolz, Freude an Taten, Wagemut, Verlangen nach Kampf und Ruhm, Freude am Wettbewerb, Raubgier, Todesverachtung“ werden (etwa von Johannes Brøndsted, 1960) als „Sinnesart der Wikinger“ genannt.
Die Popularität der nordischen Plünderer und Rowdies wächst. Aufwendig produzierte Hollywoodfilme erreichen ein Millionenpublikum. Der Zeichentrickfilm „Wickie und die Starken Männer“, Comics und Cartoons – allen voran Hägar der Schreckliche – erfreuen seit Jahrzehnten ihre großen und kleinen Fans. Die vom kanadischen Fernsehsender „History Television“ produzierte Serie „Vikings“ war (2013) so erfolgreich, dass sogleich die 2. Staffel folgte. Die actionreiche Handlung basiert lose auf der Geschichte des legendären Wikingers Ragnar Lodbrok, der 845 Paris eroberte. Die Wirtschaft nutzt die Wikinger und ihre stolzen Drachenschiffe als attraktive Werbeträger. Alles, wo Wikinger drauf stand und steht, verkauft(e) sich besser. Bis heute sind die Wikinger der Inbegriff für Abenteuerlust, Entdeckergeist, Erfolg, Mobilität und Stärke.
Das extrem schlechte Zeugnis, das zeitgenössische Chronisten den Piraten aus dem Norden ausgestellt hatten, diente Historikern in späteren Jahrhunderten immer wieder als Aufhänger, um zur „Ehrenrettung“ der Wikinger aufzurufen. Randaliert habe schließlich nur eine Minderheit von (geschätzten) fünf Prozent. Dies klarzustellen, rechtfertigt noch heute so manches Werk über die Wikinger und ihre Zeit. Leidenschaftliche Dichter, begnadete Kunsthandwerker, geschickte Händler, große Entdecker und Staatengründer seien sie gewesen. In ihrer Rede zum tausendjährigen Jubiläum der Entdeckung Vínlands durch die Wikinger brach auch die damalige Präsidentengattin Hilary Clinton eine Lanze für die blonden Recken: „Wie die USA“ hätten auch sie „neue Ideen“ in die Welt getragen; ihre Schiffe hätten „Menschen und Orte verbunden“. „Ein gewagter Vergleich“, kommentieren die „Spiegel“-Autoren in dem im Jubiläumsjahr erschienenen Sonderheft über die Wikinger, und zweifelsohne wieder einmal eine überaus wohlmeinende Interpretation ihrer Taten. Über schlechte Presse konnten die Nordmänner allenfalls zu ihren Lebzeiten klagen.
Wikingerzeit, Wikingerschiff, Wikingersiedlung – auch wenn der Sprachgebrauch darauf hinzudeuten scheint: Ein Volk waren die Wikinger nie. Sie kamen aus dem Norden Europas – von dort, wo heute die Königreiche Dänemark, Norwegen und Schweden liegen. Die Chronisten außerhalb Skandinaviens haben sich nicht die Mühe gemacht, einzelne Regionen und Bewohner auseinanderzuhalten. Adam von Bremen notiert in der um 1075 verfassten Geschichte des Erzbistums Hamburg: „Die Dänen und alle übrigen Völkerschaften hinter Dänemark heißen bei den fränkischen Geschichtsschreibern Normannen.“ Angelsächsische Quellen sprechen nur ganz allgemein von Dänen oder Barbaren. Thietmar von Merseburg nennt in seiner Chronik (1012–18) die Männer aus dem Norden einfach nur Piratenbande oder Piraten (piratarum turba; pirati).
Norwegen, Schweden und Dänemark im heutigen Sinne gab es zu Beginn der Wikingerzeit noch nicht. Die Sammlung vieler kleiner, weitverstreuter Herrschaftsbezirke zu einem großen stabilen Königreich mit festen Grenzen und einem einzigen Herrscher war ein langwieriger Prozess. In den einzelnen skandinavischen Ländern nahm er einen ganz unterschiedlichen Verlauf und war eng mit der Christianisierung des Nordens verbunden. Erst gegen Ende der Wikingerzeit war diese Phase einigermaßen abgeschlossen. Bis dahin prägten Machtkämpfe zwischen Kleinkönigen, Häuptlingsaufstände und Königskriege das Leben im Norden. Zeitweise wurden zuvor vereinte Reiche wieder aufgeteilt und fielen ganz oder teilweise unter die Herrschaft eines anderen skandinavischen (häufig des dänischen) Königs. Es gab eine Vielzahl von heidnischen Häuptlingen und Kleinkönigen. Teilweise waren sie nur Herr über ein einziges Tal, einen Fjord oder eine Gebirgsregion, deren Grenzen nur vage bestimmt werden konnten. Mehr als über ein Gebiet herrschte ein König über Menschen. Das galt umso mehr für die Seekönige, die Snorri Sturluson in der „Ynglinga saga“ (um 1230) charakterisiert: „Zu jener Zeit [als Eystein über das Schwedenreich herrschte] heerten Könige viel in Schweden, Dänen wie Norweger. Da gab es viele Seekönige, die über große Heere geboten, aber kein Land besaßen. Den allein erkannte man mit Fug als einen richtigen Seekönig an, der nie unter rußigem Hausdach schlief und nie im Herdwinkel beim Trunke saß.“ Über den zwölfjährigen Ólaf (den späteren Heiligen) schreibt Snorri: „Als er Heer und Schiffe bekam, gaben ihm seine Leute den Namen, König‘, wie dies damals Brauch war. Heerkönige nämlich, die Wikinger wurden, führten ohne weiteres den Königsnamen, wenn sie aus königlichem Blute waren, auch wenn sie noch kein Land zur Herrschaft besaßen.“
Der König – oder ein Jarl (Fürst) – stand an der Spitze der Gesellschaft. Als Grundvoraussetzung für seine Herrschaft galt die Abstammung von einem Geschlecht, das seinen Ursprung auf die Götter zurückführte. Harald Schönhaar (Hårfagre), der Norwegen – oder zumindest Teile des Landes – als erster einte, stammte von den Ynglingen ab, die sich auf den Gott Frey zurückführten. Ahnherr des mächtigen in Mittelnorwegen bei Trondheim ansässigen Geschlechts der Ladejarle war Odin.
An Nachkommen herrschte kein Mangel, allerdings reichte es nicht aus, sich auf die göttliche Herkunft zu berufen. Ein König musste vom Landesthing akzeptiert werden, das ihm die Macht aber jederzeit auch wieder nehmen konnte, wenn ihm die Politik des Königs nicht gefiel oder das Wohlergehen des Volkes nicht gewährleistet war. Wohlstand in Friedenszeiten und Siege im Krieg waren ein Zeichen dafür, dass die Götter auf der Seite des Königs standen.
Der König war umgeben von seinen Gefolgsleuten, „hirð“ genannt. Zu Beginn der Wikingerzeit waren die meisten seiner Gefolgsleute noch Bauern, erst später bildeten sich Berufskrieger aus. Im mittelalterlichen Upplands-Gesetz heißt es: „Und nun bietet der König die Gefolgschaft und das Bauernheer auf, er verlangt die Ruder- und Kriegermannschaft und die Ausrüstung.“ Demnach gab es eine stehende Kriegertruppe, doch auch die Bauern mussten bereit sein, Kriegsdienste zu leisten. Auf einem Runenstein aus Uppland wird ein Mann des Königs gelobt: „Gunni und Kári setzten den Stein nach … Er war der beste Bauer im Aufgebot Hákons.“
Dass Kriegszüge nicht jedermanns Sache waren, geht indirekt aus den Bestimmungen des norwegischen Frostathing-Gesetzes hervor, das nicht unerhebliche Bußen für diejenigen festsetzte, die dem königlichen Aufgebot nicht Folge leisteten. Doch egal, ob Bauer oder Berufskrieger – ein König musste seine Leute motivieren und mitreißen können. War er dazu nicht in der Lage, fielen die Männer von ihm ab. In der „Heimskringla“ erzählt Snorri Sturluson, dass König Erik Norwegen verlassen musste, als sein Rivale Hákon (der Gute) ein mächtiges Heer gegen ihn aufstellte, während er selber nicht genügend Männer sammeln konnte, „… da manche der Vornehmen ihn verließen und sich zu Hákon begaben“. Auf Stärke, Glück und Tüchtigkeit kam es an. Doch nicht zuletzt brauchte ein König immer auch Geld und Landbesitz, um seine Gefolgschaft mit großzügigen Geschenken an sich zu binden. Die nötigen Mittel erlangte er durch Raubfahrten, Einzug von Steuern und Enteignungen.
In Dänemark, dem kleinsten, aber am dichtest besiedelten der nordischen Königreiche, gewannen schon früh einzelne Familien an Einfluss. Zugute kam ihnen dabei die geografische Lage an den Handelswegen gen Süden. Rolf Krake und weitere Könige aus dem völkerwanderungszeitlichen Königsgeschlecht der Skjöldungen sollen Überlieferungen zufolge in Lejre auf der dänischen Hauptinsel Seeland ihren Sitz gehabt haben. Der mächtige Grabhügel eines Häuptlings bestätigt, dass Lejre bereits im 6. und 7. Jahrhundert eine bedeutende Rolle gespielt hat. Imponierende wikingerzeitliche Langhäuser belegen die wirtschaftliche Bedeutung dieses Machtzentrums. Von hier aus wurden weite Teile des Landes kontrolliert und sogar eine überschaubare Infrastruktur aufgebaut, indem man Wege für Ochsenkarren zwischen den verstreut liegenden Gehöften und Siedlungen anlegte. Der im Jahr 726 gegrabene Kanhave-Kanal teilte Samsø, eine zwischen den wichtigsten dänischen Wasserwegen Storebelt und Lillebelt gelegene Insel, in zwei Teile. Er verband den geschützten Hafen im Osten der Insel mit der offenen Westküste und ermöglichte es, den Verkehr durch beide Wasserstraßen zu kontrollieren und abzukassieren. Eine solche Baumaßnahme erforderte Geld, Männer und die entsprechenden Machtstrukturen.
Auch Abschnitte der Befestigungsanlage Danewerk sind in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts entstanden. Das insgesamt etwa 30 Kilometer lange, in verschiedenen Phasen gebaute, Verteidigungssystem sollte die Landenge zwischen Schlei und Treene nach Süden hin absichern. Es war das größte Verteidigungswerk im Norden Europas und zeugt auch heute noch von einer ehemals starken dänischen Königsmacht. Allein für den ersten Bauabschnitt mussten 30.000 Eichen gefällt und bearbeitet werden. Um das zu bewerkstelligen, war eine gut geplante und organisierte Führung erforderlich. In dem kleinen Dorf Dannewerk östlich von Haithabu entdeckten Archäologen erst im Jahr 2010 das „einzige Tor“ im Verteidigungswall – das Wieglesdor – durch das der „Ochsenweg“ führte. Durch dieses Nadelöhr musste jeder hindurch, der gen Norden oder Süden unterwegs war. Hier wurde zur Kasse gebeten, die Zölle und Abgaben flossen dem jeweiligen Herrscher zu.
In vielen Quellen wird der dänische König Godfred (auch Götrik) genannt, der zu Beginn des 9. Jahrhunderts den slawischen Handelsplatz Reric zerstörte und die Kaufleute nach Haithabu umsiedelte. Mit einer 200 Schiffe starken Flotte rückte er gegen Friesland vor, forderte von den Bewohnern Steuern in Form von 100 Pfund Silber und nur seine Ermordung (810) verhinderte, dass er Karl dem Großen persönlich die Stirn bieten konnte.