Wolodymyr Selenskyj
Mit einem Vorwort von Bettina Sengling
Aus dem Ukrainischen und Russischen von Claudia Dathe,
Olga Radetzkaja und Volker Weichsel
Knaur eBooks
Wolodymyr Oleksandrowytsch Selenskyj, geboren 1978 in Krywyj Rih, Ukrainische SSR, Sowjetunion, ist seit dem 20. Mai 2019 Präsident der Ukraine. Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine am 24. Februar 2022 wendet er sich aus Kiew regelmäßig an sein Volk und an die ganze Welt. Während Wladimir Putin seine Getreuen auf Abstand hält und mit blanken Lügen auf die »militärische Spezialoperation« in der Ukraine einschwört, sind Selenskyjs Reden voller Mut, Entschlossenheit und Widerstandskraft – und dabei zutiefst menschliche Appelle für den Frieden. Die in diesem Buch versammelten zehn bedeutendsten Ansprachen seit Beginn des russischen Überfalls sind wichtige Zeitdokumente und zeugen vom unerschütterlichen Streben nach Freiheit und Demokratie im Angesicht des Kriegs.
Der Verlag Droemer Knaur unterstützt mit dem Verkauf
dieses Buches Geflüchtete aus der Ukraine.
Ein besonderer Dank gilt der Druckerei CPI books GmbH, Leck,
für die große Unterstützung dieses Buches.
Droemer eBook
© 2022 Droemer eBook
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit
Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: Verlagsgruppe Droemer Knaur
Foto: picture alliance / Ukrainian Presidential Press Service / REUTERS
ISBN 978-3-426-46651-3
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Wolodymyr Selenskyj bezieht sich auf eine Wendung, die auf einen Zeitungsartikel des französischen Politikers Marcel Déat mit dem Titel »Mourir pour Dantzig?« (»Sterben für Danzig?«) vom Mai 1939 zurückgeht. In dem in der Zeitung L’Œuvre erschienenen Text argumentierte Déat, ein einstiger Sozialist, der später mit der nationalsozialistischen Besatzung kollaborierte, Frankreich solle wegen des fernen Polen keine Konfrontation mit dem Deutschen Reich riskieren.
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Die Krim-Plattform ist ein von der Ukraine initiierter internationaler Koordinationsmechanismus. Das Auftakttreffen, an dem Vertreter aus 67 Staaten und internationalen Organisationen teilnahmen, fand im August 2021 in Kiew statt.
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Angela Merkel beendete ihre Rede auf der 55. Sicherheitskonferenz in München mit den Worten: »Ich finde, genau das ist die Antwort auf das Motto dieser Tagung ›The Great Puzzle: Who Will Pick Up the Pieces?‹: Nur wir alle zusammen.«
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Die deutsche Bundes-Verteidigungsministerin Christine Lambrecht hatte am 26. Januar 2022 die Lieferung von 5000 militärischen Schutzhelmen an die Ukraine angekündigt.
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Als »Himmlische Hundertschaft« werden in der Ukraine jene Menschen bezeichnet, die am 20. Februar 2014 im Zuge der Proteste gegen Präsident Wiktor Janukowytsch bei dem Versuch, von dem Protestlager auf dem Platz der Unabhängigkeit in Richtung Parlamentsgebäude zu gelangen, von Scharfschützen erschossen wurden. Am Abend dieses Tages verabschiedete das Parlament ein Gesetz, in dem es die Gewalt verurteilte. Dies war der Wendepunkt, der zum Erfolg der Majdan-Revolution führte. Gelegentlich werden auch alle Toten der Revolution der »Himmlischen Hundertschaft« zugerechnet. Der Feiertag wird seit 2015 begangen.
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Die Ukraine kann sich seit Juni 2020 im Rahmen eines sogenannten »Enhanced Opportunities Program« in größerem Umfang als zuvor an Manövern und anderen Aktivitäten der NATO beteiligen.
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Das »Normandie-Format« ist ein Treffen zwischen Vertretern der Regierungen Russlands, der Ukraine, Deutschlands und Frankreichs, bei dem seit einer ersten Zusammenkunft der Präsidenten der vier Staaten im Juni 2014 in der Normandie über eine Regulierung des Konflikts im Südosten der Ukraine diskutiert wurde. Der Konflikt in der Region Donbass entzündete sich im Frühjahr 2014 nach dem Machtwechsel in Kiew durch die Euromajdan-Revolution, als Separatisten mit Unterstützung aus Russland Verwaltungsgebäude besetzten und zwei »Volksrepubliken« ausriefen. Er eskalierte zum Krieg, als ukrainische Sicherheitskräfte die zentralstaatliche Hoheit wiederherstellen wollten und die Separatisten mit Unterstützung russischer Truppen die ukrainischen Einheiten zurückschlugen.
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Das Minsker Abkommen wurde im Februar 2015 von Russland, der Ukraine und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (Trilaterale Kontaktgruppe) in Minsk unterzeichnet. Es enthält »Maßnahmen zur Umsetzung der Minsker Vereinbarungen«, also des Waffenstillstandsabkommens, das im September 2014 die monatelangen Kämpfe im Südosten der Ukraine hatte beenden sollen. Die Vereinbarungen hatten jedoch nicht verhindern können, dass die Gefechte zwischen der ukrainischen Armee und Truppen der russischen Armee sowie den Einheiten der ebenfalls von Russland mit militärischer, finanzieller und logistischer Hilfe ausgestatteten örtlichen Separatisten im Donbass im Winter 2014/2015 erneut aufflammten.
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Artikel 5 des NATO-Vertrags sieht die kollektive Beistandspflicht im Falle eines Angriffs auf einen der Bündnispartner vor. Im Budapester Memorandum von 1994 haben Russland, die USA und Großbritannien der Ukraine als Gegenleistung für den Verzicht auf die Nuklearwaffen, die in der Ukraine aus sowjetischer Zeit lagerten, zugesichert, die Unabhängigkeit und die Souveränität und die bestehenden Grenzen der Ukraine zu achten.
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Selenskyj benutzt hier das Adjektiv »rossijskij« (russländisch), das sich auf alle Bürger des Vielvölkerstaates Russland bezieht, im Unterschied zu »russkij« (russisch), das die ethnische Zugehörigkeit bezeichnen würde.
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Hier spielt Wolodymyr Selenskyj an auf den Titel eines Gedichts des russischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko aus dem Jahr 1961, das in einer Vertonung von Eduard Kolmanowski zu einem bekannten Lied gegen den Krieg wurde.
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Die von Wolodymyr Selenskyj am Ende seiner Ansprachen verwendete Formel »Slava Ukrajini« bedeutet wörtlich »Ruhm der Ukraine« oder »Ehre der Ukraine«. Sie wird heute allerdings in sehr vielen Zusammenhängen verwendet und hat einen weitaus weniger heroischen Klang, als dies die buchstabengetreue Übersetzung suggeriert.
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S-300 ist ein Flugabwehrraketensystem sowjetischer Produktion zur Abwehr von Kampfflugzeugen und Marschflugkörpern.
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Die Staatsduma oder Duma ist das Unterhaus der Föderationsversammlung Russlands. Sie ist neben dem Föderationsrat das höchste gesetzgebende Organ Russlands.
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Die Rede wurde per Videoschalte auf den Berner Bundesplatz übertragen.
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Der »Gipfel der First Ladies and Gentlemen« ist ein humanitäres Forum, das auf Initiative der ukrainischen Präsidentengattin, Olena Selenska, erstmals am 23. August 2021 in Kiew stattfand.
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Golda Meir (1898–1978) wurde als Golda Mabowitsch in Kiew geboren, lebte ab 1906 in den USA und ab 1921 in Palästina. Von 1969–1974 war sie israelische Ministerpräsidentin. Den viel zitierten Satz sagte sie 1967 in Zusammenhang mit dem Sechstagekrieg.
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Putin sagte am 16.3.2022 in einer öffentlichen Videokonferenz: »Würden unsere Truppen nur auf dem Gebiet der Volksrepubliken agieren und diesen helfen, ihr Territorium zu befreien, dann brächte dies keine endgültige Lösung, es würde nicht zum Frieden führen und würde die Bedrohung nicht an der Wurzel beseitigen – die Bedrohung für unser Land, für Russland.« Die Wendung, die er benutzte – im Russischen »okontschatelnoe reschenie« –, wird sowohl als Übersetzung des deutschen »Endlösung« verwendet (»okontschatelnoe reschenie evrejskogo woprosa«, »Endlösung der Judenfrage«) als auch in einem gänzlich unbelasteten Sinn, etwa: »Die endgültige Entscheidung wird morgen getroffen.«
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In Babyn Jar, einer am Stadtrand von Kiew gelegenen Schlucht, ermordeten am 29. und 30. September 1941 Sondereinheiten der SS kurz nach der Einnahme Kiews 34000 jüdische Kinder, Frauen und Männer. Es war das größte Einzelmassaker des Holocaust. In den folgenden zwei Jahren wurden dort weitere Zehntausende Menschen umgebracht: Kranke, Behinderte, Roma, Russen, Juden, Ukrainer, Kriegsgefangene, Kommunisten.
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Scheherazade ist der Name einer 140 Meter langen Megajacht, die Mitte März 2022 im Zuge der personenbezogenen Sanktionen der EU gegen hochrangige Funktionäre aus Russland von den italienischen Behörden im Hafen von Marina di Carrara (Toskana) durchsucht wurde. Der Eigentümer ist unbekannt. Das Team des inhaftierten Oppositionspolitikers Alexei Nawalny hat Hinweise vorgelegt, wonach Russlands Föderaler Wachdienst das Personal stellt, und daraus geschlossen, dass der Eigentümer Russlands Präsident Putin sei.
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Mit dem am 2. März 2022 beschlossenen Sanktionspaket der EU wurde eine Reihe russischer Banken aus dem Finanznachrichtendienst SWIFT ausgeschlossen, der zentrale Bedeutung für internationale Geldströme hat. Neben zahlreichen kleineren Finanzinstituten wurden jedoch auch zwei sehr große Banken nicht ausgeschlossen, die Sberbank und die Gazprombank. Über diese wird der Rohstoffhandel abgewickelt.
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Gemeint ist der frühere belgische Premierminister Charles Michel, seit 1. Dezember 2019 Präsident des Europäischen Rates. Seine Wiederwahl erfolgte am 24. März 2022.
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Gemeint sind Kirchen der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (Moskauer Patriarchat), einer autonomen Teilkirche der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sie war bis zum Beginn des Kriegs, gemessen an der Anzahl der Gemeinden, der Priester und der Gläubigen, die mit Abstand größte Kirche in der Ukraine. Ihre Zukunft ist ungewiss, möglicherweise wird sie sich von der Moskauer Kirche trennen und der Orthodoxen Kirche der Ukraine anschließen, die seit 2018 eine anerkannte autokephale (eigenständige) Kirche ist.
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