Günther Anders
DIE ANTIQUIERTHEIT
DES MENSCHEN
Band I
Über die Seele im Zeitalter
der zweiten industriellen Revolution
C.H.Beck
«Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen: diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals.»
Günther Anders
Günther Anders (1902–1992), promovierte 1923 bei Husserl, emigrierte 1933 nach Paris und 1936 nach Amerika. Er lebte von 1950 bis zu seinem Tod in Wien. Günther Anders war «der wahrscheinlich schärfste und luzideste Kritiker der technischen Welt» (Jean Améry), sein Hauptwerk ist «Die Antiquiertheit des Menschen».
Widmung
Vorwort zur 5. Auflage
Einleitung
ÜBER PROMETHEISCHE SCHAM
§1Erste Begegnung mit der prometheischen Scham –
Der heutige Prometheus fragt: Wer bin ich schon?
§2
Drei Bedenken werden diskutiert:
Die prometheische Scham ist absurd. Sie ist unsichtbar. Sie ist trivial
§3
Beispiel für Selbst-Verdinglichung:
Das make-up
§4
Beispiele für die «Desertion» des Menschen ins Lager der Geräte – Erste Kalamität des Menschen: Sein Leib ist «stur» – Die «Sturheit» seines Leibes macht den Menschen zum Saboteur seiner eigenen Leistungen
§5
Der Zeitgenosse versucht,
dieser Kalamität durch physische Gleichschaltung mit den Geräten, durch «Human Engineering», zu entgehen – Extreme Perversion von Angebot und Nachfrage
§6
Human Engineering: Der Initiations-Ritus des Roboter-Zeitalters –
«Dehumanisierung» erschreckt nicht den Dehumanisierten, denn sie gehört nicht in sein Ressort
§7
Die Attitüde des verwandelten Prometheus: «Hybride Demut»
§8
Die zweite Inferiorität des Menschen:
Er ist leicht verderblich und von der «industriellen Re-inkarnation» ausgeschlossen – Seine «Malaise der Einzigkeit»
§9
Der Mensch versucht, der zweiten Kalamität zu entgehen, und zwar durch «Ikonomanie»
§10
Geschichtliche Illustration für Beschämung:
McArthur als Präzedenzfall
§11
Die Scham als Identitätsstörung – Der Begriff der «ontischen Mitgift» –
Das Ich schämt sich, «Es» zu sein; das «Es» schämt sich, Ich zu sein
§12
Abweisung des Einwandes a) Kein Ausdruck ist «nur metaphorisch»
§13
Abweisung des Einwandes b) Die Welt ist nicht augenlos
§14
Die Identifizierungs-Orgie als Folie der Identifizierungs-Störung –
Der Jazz als industrieller Dionysos-Kult
§15
Der Rückfall – Das Ich begegnet sich als versagendes Ich – Die Situation der scheiternden Arbeit ist die Probe aufs Exempel der «prometheischen Scham»
DIE WELT ALS PHANTOM UND MATRIZE
I: Die ins Haus gelieferte Welt
§1Kein Mittel ist nur Mittel
§2
Massenkonsum findet heute solistisch statt –
Jeder Konsument ist ein unbezahlter Heimarbeiter für die Herstellung des Massenmenschen
§3
Radio und Bildschirm werden zum negativen Familientisch;
die Familie wird zum Publikum en miniature
§4
Da die Geräte uns das Sprechen abnehmen, verwandeln sie uns in Unmündige und Hörige
§5Die Ereignisse kommen zu uns, nicht wir zu ihnen
§6
Da wir beliefert werden, gehen wir nicht auf Fahrt;
bleiben wir unerfahren
§7
Die ins Haus gelieferte Welt wird «verbiedert»
§8
Die Quellen der Verbiederung:
Das demokratisierte Universum. Verbiederung und Warencharakter.
Verbiederung und Wissenschaft
§9
Die Verbiederung ist eine raffinierte Tarnform
der Verfremdung selbst
§10
Ob die Verfremdung noch ein Vorgang ist
II: Das Phantom
§11
Die Beziehung Mensch-Welt wird unilateral,
die Welt, weder gegenwärtig noch abwesend, zum Phantom
§12
Bild und Abgebildetes im T. V. sind synchron.
Synchronie ist die Verkümmerungsform der Gegenwart
§13
Exkurs: Rückblendung auf eine ausgebrannte Leidenschaft
Der Zerstreute wohnt nur im Jetzt
Die Geräte erzeugen künstliche Schizophrenie – Das Individuum wird zum «Divisum»
§14
Alles Wirkliche wird phantomhaft, alles Fiktive wirklich
Die betrogenen Großmütter häkeln für Phantome und werden zur Idolatrie erzogen
§15
Die Gespenstergeschichten von heute:
Phantomwelt und Welt kollidieren – Ein Phantom wird erpreßt
§16
Durch sein Kleinformat verwandelt TV jedes Ereignis in eine synchrone Nippesszene
III: Die Nachricht
§17
Pragmatistische Urteilstheorie:
Der Benachrichtigte ist frei, da er über Abwesendes verfügt; unfrei, da er statt der Sache selbst nur deren Prädikat erhält
§18
Sendungen löschen den Unterschied zwischen Sache und Nachricht aus. Sie sind verbrämte Urteile
§19
Waren sind getarnte Urteile. Phantome sind Waren.
Phantome sind getarnte Urteile
IV: Die Matrize
§20
Das Ganze ist weniger wahr als die Summe der Wahrheiten seiner Teile – Realistische Tarnung der Schablonen bezweckt Schablonisierung der Erfahrung
§21
Die Prägung der Bedürfnisse.
Angebote – die Gebote von heute. – Die Waren dürsten, und wir mit ihnen
§22
Das erste Axiom der Wirtschafts-Ontologie:
Das nur Einmalige ist nicht. – Exkurs über das Photographieren
§23
Das zweite Axiom der Wirtschafts-Ontologie:
«Unverwertbares ist nicht»
§24
Die Phantome sind nicht nur Matrizen der Welterfahrung, sondern der Welt selbst.
Das Wirkliche als Reproduktion seiner Reproduktionen
V: Sprung ins Allgemeinere
§25
Fünf Konsequenzen:
Die Welt ist «passend» – Die Welt verschwindet – Die Welt ist post-ideologisch – Geprägt werden immer nur Geprägte –
Das Dasein in dieser Welt ist unfrei
§26
Die tragikomische Abwehr:
Der Zeitgenosse stellt Widerstände als Genußgegenstände her
§27
Noch einmal: Das Wirkliche als Abbildung seiner Abbildungen –
Die Metamorphose der Schauspielerin V. in eine Reproduktion ihrer Reproduktion
§28
Nicht der Betrachter, der Betrachtete ist beträchtlich
SEIN OHNE ZEIT
§1
Das Stück ist eine negative Parabel
§2
Die Losung: ich bleibe, also erwarte ich etwas
§3
Beckett zeigt nicht nihilistische Menschen, sondern die Unfähigkeit der Menschen, Nihilisten zu sein
§4
Die Gottesbeweise «ex absentia»
§5
Das Leben wird zur Zeitvertreibung
§6
Die Antipoden treten auf
ÜBER DIE BOMBE UND DIE WURZELN UNSERER APOKALYPSE-BLINDHEIT
§1
Bagatellisierte Gegenstände erfordern übertreibende Formulierungen
I: Erste Schreck-Feststellungen
§2
Das heutige Unendliche sind wir – Faust ist tot
§3
An die Stelle des Satzes «Alle Menschen sind sterblich» ist heute der
Satz getreten: «Die Menschheit als Ganze ist tötbar»
§4
An Stelle des Salomonischen Satzes: «Alles wird gewesen sein» wird
der Satz treten: «Nichts ist gewesen»
§5
Was die Verhinderung verhindert
II: Was die Bombe nicht ist
§6
Die Bombe ist kein Mittel – Das Absolute ist erreicht,
der Komparativ müßig
§7
Fortsetzung – Die Mittel heiligen die Zwecke
§8
Nicht nur der Mörder, auch der moriturus ist schuldig
§9
Die Versuche gelingen, das Versuchen mißlingt
§10
Erläuterung des Ausdrucks «geschichtlich überschwellig»
III: Der Mensch ist kleiner als er selbst
§11
Wir leben im Zeitalter der Unfähigkeit zur Angst
§12
Die Hauptwurzel unserer Apokalypse-Blindheit: Das «prometheische Gefälle» – Der Mensch ist größer und kleiner als er selbst
IV: Die Ausbildung der moralischen Phantasie und die Plastizität des Gefühls
§13Über das heute notwendige Exerzitium
V: Geschichtliche Wurzeln der Apokalypse-Blindheit
§14
Man glaubt kein Ende, man sieht kein Ende –
Der Fortschrittsbegriff hat uns apokalypse-blind gemacht
§15
Selbst das eigene Ende wurde unterschlagen
§16
Weitere Aufgabe:
Die willentliche Erweiterung unseres Gegenwarts-Horizontes
§17
Was ich nicht kann, geht mich nichts an
§18
Die «Medialität»: Wir sind nicht mehr «Handelnde», sondern nur Mit-Tuende – Das Telos unseres Tuns ist abmontiert; daher leben wir ohne Zukunft; daher ohne Verständnis von ZukunftsEnde; daher «apokalypse-blind»
VI: Annihilation und Nihilismus
§19
Nicht die Tat ist wie der Täter, sondern der Täter wie die Tat – Der heutige Imperativ: «Habe nur solche Dinge, deren Handlungsmaximen auch Maximen deines eigenen Handelns werden könnten.»
§20
Die Janus-Formel des Nihilismus
§21
Die Bombe und der Nihilismus bilden ein Syndrom
VII: Schlußworte
VIII: Anhang
I (zu Seite 305): Über die Plastizität der Gefühle
II (zu S. 334): Portrait des Nihilisten
Anmerkungen
Vor genau einem halben Jahrhundert, im Jahre Neunzehnhundertsechs, veröffentlichte mein Vater William Stern, damals um zwanzig Jahre jünger und um Generationen zuversichtlicher als heute sein Sohn, den ersten Band seines Werkes «Person und Sache». Seine Hoffnung, durch den Kampf gegen eine impersonalistische Psychologie die «Person» rehabilitieren zu können, hat er sich nur schwer rauben lassen. Seine persönliche Güte und der Optimismus der Zeit, der er angehörte, verhinderten ihn lange Jahre, einzusehen, daß, was die «Person» zur «Sache» mache, nicht deren wissenschaftliche Behandlung ist; sondern die faktische Behandlung des Menschen durch den Menschen. Als er von den Verächtern der Humanität über Nacht entehrt und verjagt worden war, ist ihm der Gram der besseren Einsicht in die schlechtere Welt nicht erspart geblieben.
*
In Erinnerung an ihn, der den Begriff der Menschenwürde dem Sohne unausrottbar eingepflanzt hat, sind diese traurigen Seiten über die Verwüstung des Menschen geschrieben worden.
Dieser Band, den ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert abgeschlossen habe, scheint mir nicht nur noch nicht antiquiert, sondern heute aktueller als damals. Das beweist aber nichts zugunsten der Qualität meiner damaligen Analysen, alles dagegen zu Ungunsten der Qualität der analysierten Welt- und Menschsituation, da diese sich seit dem Jahre 1956 im Grundsätzlichen nicht verändert hat, sich nicht hatte verändern können. Meine damaligen Schilderungen waren keine Prognosen, sondern Diagnosen. Die drei Hauptthesen: daß wir der Perfektion unserer Produkte nicht gewachsen sind; daß wir mehr herstellen als vorstellen und verantworten können; und daß wir glauben, das, was wir können, auch zu dürfen, nein: zu sollen, nein: zu müssen – diese drei Grundthesen sind angesichts der im letzten Vierteljahrhundert offenbar gewordenen Umweltgefahren leider aktueller und brisanter als damals. Ich betone also, daß ich vor 25 Jahren über keinerlei «seherische» Kräfte verfügt hatte, daß vielmehr damals 99 % der Weltbevölkerung sehunfähig waren, nein: methodisch seh-unfähig gemacht worden waren – was ich ja damals schon durch die Einführung des Ausdrucks «Apokalypseblindheit» angezeigt habe.
Daß ich in meiner Einstellung zur atomaren Rüstung (Essay 4) nichts zurücknehme, im Gegenteil meine Aktivitäten in dieser Richtung seit damals potenziert habe, das beweisen meine Aufsätze über die atomare Lage («Endzeit und Zeitenende»), mein Hiroshima-Tagebuch («Der Mann auf der Brücke») und mein Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly («Off Limits für das Gewissen»). In der Tat ist das sehr verspätete Erscheinen des 2. Bandes mit dadurch verursacht, daß ich es für ungehörig hielt, über die apokalyptische Bedrohung nur akademisch zu theoretisieren. Die Bombe hängt nicht nur über den Dächern der Universitäten. Das Zeitintervall zwischen Band I und Band II war daher zum großen Teil mit Aktivitäten ausgefüllt, die sich auf die Atomrüstung und den Vietnamkrieg bezogen. Gleichviel, zu meinem damaligen Essay über die Bombe stehe ich auch heute noch reservelos, ich halte ihn sogar für wichtiger als vor 25 Jahren, weil heute die Kernkraftwerke den Blick auf den atomaren Krieg verstellen und weil sie uns «Apokalypseblinde» noch apokalypseblinder gemacht haben.
Auch der Essay über Becketts «Godot», «Sein ohne Zeit», hat seit dessen Abfassung vor 28 Jahren an Aktualität gewonnen, da ich in ihm die Welt, oder richtiger: die Weltlosigkeit, des Arbeitslosen dargestellt hatte, eine Misere, die heute, nach einem halben Jahrhundert, von neuem global zu werden beginnt.
Nicht mehr restlos einverstanden bin ich dagegen mit der total pessimistischen Beurteilung der Massenmedien in dem Aufsatz «Die Welt als Phantom und Matrize». Obwohl meine damaligen Thesen – der Mensch werde durch TV «passivisiert» und zur systematischen Verwechslung von Sein und Schein «erzogen»; und die geschichtlichen Ereignisse richteten sich bereits weitgehend nach den Erfordernissen des Fernsehens, die Welt werde also zum Abbild der Bilder – mehr zutreffen als damals; und obwohl gewisse Kanzler heute, 25 Jahre nach der Niederschrift meiner Reflexionen, meine Warnungen übernehmen, trotzdem erfordern meine damaligen Thesen eine Ergänzung, und zwar eine ermutigende: Unterdessen hat es sich nämlich herausgestellt, daß Fernsehbilder doch in gewissen Situationen die Wirklichkeit, deren wir sonst überhaupt nicht teilhaftig würden, ins Haus liefern und uns erschüttern und zu geschichtlich wichtigen Schritten motivieren können. Wahrgenommene Bilder sind zwar schlechter als wahrgenommene Realität, aber sie sind doch besser als nichts. Die täglich in die amerikanischen Heime kanalisierten Bilder vom vietnamesischen Kriegsschauplatz haben Millionen von Bürgern die auf die Mattscheibe starrenden Augen erst wirklich «geöffnet» und einen Protest ausgelöst, der sehr erheblich beigetragen hat zum Abbruch des damaligen Genozids.
Dieses Plädoyer für den Weiterbestand einer menschlicheren Welt, nein: leider bescheidener: für den Weiterbestand der Welt, habe ich geschrieben, als manche meiner eventuellen Leser noch nicht das gleißende Licht unserer düsteren Welt erblickt hatten. Sie werden erkennen, daß die revolutionäre, oder richtiger: katastrophale Situation, in die sie hineingeboren wurden und in der zu leben sie leider allzusehr gewohnt sind, nämlich die Situation, in der die Menschheit sich selbst auszulöschen imstande ist – daß dieses wahrhaftig nicht ehrenvolle Imstandesein schon vor ihrer Geburt eingesetzt hat, und daß die Pflichten, die sie haben, schon die ihrer Väter und Großväter gewesen sind.
Ich schließe mit dem leidenschaftlichen Wunsche für sie und ihre Nachkommen, daß keine meiner Prognosen recht behalten werde.
Wien, Oktober 1979 |
Günther Anders |
Aus einem Zeitungsbericht:
«Die zum Tode Verurteilten können frei darüber entscheiden, ob sie sich zu ihrer letzten
Mahlzeit die Bohnen süß oder sauer servieren lassen.»
Weil über sie verfügt ist.
Auch wir können frei darüber entscheiden, ob wir uns unser Heute als Bombenexplosion oder als Bobsleighrennen servieren lassen. Weil über uns, die wir diese freie Wahl treffen, weil über unsere freie Wahl, bereits verfügt ist. Denn daß wir als Rundfunk-, bzw. Fernsehkonsumenten die Wahl zu treffen haben: als Wesen also, die dazu verurteilt sind, statt Welt zu erfahren, sich mit Weltphantomen abspeisen lassen; und die Anderes, selbst andere Arten von Wahlfreiheit, schon kaum mehr wünschen, andere sich vielleicht schon nicht einmal mehr vorstellen können – darüber ist bereits entschieden.
Als ich diesen Gedanken auf einer Kulturtagung ausgesprochen hatte, kam der Zwischenruf, schließlich habe man doch die Freiheit, seinen Apparat abzustellen, ja sogar die, keinen zu kaufen; und sich der «wirklichen Welt» und nur dieser zuzuwenden. Was ich bestritt. Und zwar deshalb, weil über den Streikenden nicht weniger verfügt ist als über den Konsumierenden: ob wir nämlich mitspielen oder nicht – wir spielen mit, weil uns mitgespielt wird. Was immer wir tun oder unterlassen – daß wir nunmehr in einer Menschheit leben, für die nicht mehr «Welt» gilt und Welterfahrung, sondern Weltphantom und Phantomkonsum, daran ist ja durch unseren Privatstreik nichts geändert: diese Menschheit ist nun die faktische Mitwelt, mit der wir zu rechnen haben; und dagegen zu streiken, ist nicht möglich. – Aber auch die sogenannte wirkliche Welt, die der Geschehnisse, ist durch die Tatsache ihrer Phantomisierung bereits mitverändert: denn diese wird ja bereits weitgehend so arrangiert, daß sie optimal sende-geeignet ablaufe, also in ihrer Phantom-Version gut ankomme. – Vom Wirtschaftlichen ganz zu schweigen. Denn die Behauptung, «man» habe die Freiheit, derartige Apparate zu besitzen oder nicht, zu verwenden oder nicht, ist natürlich reine Illusion. Durch freundliche Erwähnung der «menschlichen Freiheit» läßt sich das Faktum des Konsumzwanges nicht aus der Welt schaffen; und daß gerade in demjenigen Lande, in dem die Freiheit des Individuums großgeschrieben wird, gewisse Waren «musts», also «Muß-Waren» genannt werden, verweist ja nicht gerade auf Freiheit. Diese Rede von «musts» ist aber vollkommen berechtigt: denn das Fehlen eines einzigen solchen «must»-Geräts bringt die gesamte Lebensapparatur, die durch die anderen Geräte und Produkte festgelegt und gesichert wird, ins Wanken; wer sich die «Freiheit» herausnimmt, auf eines zu verzichten, der verzichtet damit auf alle und damit auf sein Leben. «Man» könnte das? Wer ist dieses «man»?
Was von diesen Geräten gilt, gilt mutatis mutandis von allen. Daß sie noch «Mittel» darstellen, davon kann keine Rede sein. Denn zum «Mittel» gehört wesensmäßig, etwas Sekundäres zu sein; das heißt: der freien Zielsetzung nachzufolgen; ex post, zum Zwecke der «Vermittlung» dieses Ziels, eingesetzt zu werden.
Nicht «Mittel» sind sie, sondern «Vorentscheidungen»: Diejenigen Entscheidungen, die über uns getroffen sind, bevor wir zum Zug kommen. Und, genau genommen, sind sie nicht «Vorentscheidungen»; sondern die Vorentscheidung.
Jawohl, die. Im Singular. Denn einzelne Geräte gibt es nicht. Das Ganze ist das Wahre. Jedes einzelne Gerät ist seinerseits nur ein GeräteTeil, nur eine Schraube, nur ein Stück im System der Geräte; ein Stück, das teils die Bedürfnisse anderer Geräte befriedigt, teils durch sein eigenes Dasein anderen Geräten wiederum Bedürfnisse nach neuen Geräten aufzwingt. Von diesem System der Geräte, diesem Makrogerät, zu behaupten, es sei ein «Mittel», es stehe uns also für freie Zwecksetzung zur Verfügung, wäre vollends sinnlos. Das Gerätesystem ist unsere «Welt». Und «Welt» ist etwas anderes als «Mittel». Etwas kategorial anderes. –
Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts, was einen Mann so prompt unmöglich machte, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker. Und es gibt keinen Platz auf unserem Globus, auf dem die Gefahr, in diesen Verdacht zu geraten, geringer wäre als auf einem anderen. In dieser Hinsicht sind sich Detroit und Peking, Wuppertal und Stalingrad heute einfach gleich. Und gleich sind in dieser Hinsicht auch alle Gruppen: Denn in welcher Klasse, in welchem Interessenverband, in welchem sozialen System, im Umkreis welcher politischen Philosophie auch immer man sich die Freiheit herausnimmt, ein Argument über «entwürdigende Effekte» dieses oder jenes Gerätes vorzubringen, automatisch zieht man sich mit ihm den Ruf eines lächerlichen Maschinenstürmers zu, und automatisch verurteilt man sich damit zum intellektuellen, gesellschaftlichen oder publizistischen Tode. Daß die Angst vor dieser automatischen Blamage den meisten Kritikern die Zunge lähmt, und daß eine Kritik der Technik heute bereits eine Frage von Zivilcourage geworden ist, ist also nicht erstaunlich. Schließlich (denkt der Kritiker) kann ich es mir nicht leisten, mir von jedermann (von Lieschen Müller bis hinauf zur computing machine) sagen zu lassen, ich sei der einzige, der der Weltgeschichte in die Speichen falle, der einzige Obsolete und weit und breit der einzige Reaktionär. Und so hält er seinen Mund.
Jawohl, um nicht als Reaktionär zu gelten. – Auf der soeben schon erwähnten Tagung ist dem Schreiber das Folgende passiert:
Er schilderte, im Zusammenhang mit dem, was er «post-literarisches Analphabetentum» nennt, die globale Bilderflut von heute: die Tatsache, daß man den heutigen Menschen, und zwar überall, mit allen Mitteln der Reproduktionstechnik: mit illustrierten Blättern, Filmen, Fernsehsendungen, zum Angaffen von Weltbildern, also zur scheinbaren Teilnahme an der ganzen Welt (bzw. an dem, was ihm als «Ganze» gelten soll) einlade; und zwar um so generöser einlade, je weniger man ihm Einblick in die Zusammenhänge der Welt gewähre, je weniger man ihn zu den Hauptentscheidungen über die Welt zulasse; daß man ihm, wie es in einem molussischen Märchen heißt, «die Augen stopfe»: ihm nämlich um so mehr zu sehen gebe, je weniger er zu sagen habe; daß die «Ikonomanie», zu der man ihn durch diese systematische Überflutung mit Bildern erzogen habe, schon heute alle diejenigen unerfreulichen Züge des Voyeurtums aufweise, die wir mit diesem Begriff, im engeren Sinne, zu verbinden gewohnt seien; daß Bilder, namentlich dann, wenn sie die Welt überwucherten, stets die Gefahr in sich trügen, zu Verdummungsgeräten zu werden, weil sie, qua Bilder, im Unterschied zu Texten, grundsätzlich keine Zusammenhänge sichtbar machten, sondern immer nur herausgerissene Weltfetzen: also, die Welt zeigend, die Welt verhüllten. – Nachdem der Verfasser diesen Gedankengang ausgeführt hatte – in reiner Darstellung wohlgemerkt, ohne alle therapeutischen Vorschläge – geschah es also, daß er, und zwar von einem Vertreter des juste milieu, ein «romantischer Reaktionär» genannt wurde. Diese Apostrophierung machte ihn einen Augenblick lang stutzig, denn als Reaktionär verdächtigt zu werden, ist ihm keine gerade vertraute Situation. Aber doch nur einen Augenblick lang, denn der Zwischenrufer verriet in der nun einsetzenden Diskussion sofort, was er mit seiner Apostrophierung gemeint hatte. «Wer derartige Phänomene und Effekte ausdrücklich ins Licht rückt», erläuterte er nämlich, «der kritisiert. Wer kritisiert, der stört sowohl den Entwicklungsgang der Industrie wie den Absatz des Produktes; mindestens hat er die naive Absicht, solche Störung zu versuchen. Da aber der Gang der Industrie und der Absatz auf jeden Fall vorwärtsgehen soll (oder etwa nicht?), ist Kritik eo ipso Sabotage des Fortschritts; und damit eben reaktionär.»
Daß diese Erklärung etwas an Deutlichkeit übriggelassen habe, darüber konnte ich nicht klagen. Besonders instruktiv an ihr schien mir, daß sie die robuste Wiederauferstehung des Fortschrittsbegriffes bewies, von dem man unmittelbar nach der Katastrophe 45 den Eindruck gehabt hatte, daß er im Eingehen begriffen war; und daß sie zeigte, daß dieser Begriff, der früheren Restaurationsepochen ein Dorn im Auge gewesen war, nun zum Argument der prosperierenden Restauration selbst geworden war. – Was aber das Epitheton «romantisch» betrifft, so bequemte sich der Zwischenrufer, da ich nicht lockerließ, schließlich zu der Antwort, meine «Romantik» bestünde darin, daß ich «offensichtlich stur auf einem humanen Begriffe des Menschen insistierte». Die arglos vorgebrachte Verbindung von «stur» und «human», die stillschweigend gemachte Unterstellung, daß der Mensch auch anders als eben «human» bestimmt werden könnte, und schließlich die Tatsache, daß diese Antwort nicht einen Teilnehmer im Diskussionskreise verblüffte, gab dem Zwischenfall für mein Gefühl eine ziemlich schauerliche Pointe.
Gewiß, anderswo ist mir ähnliches auch schon passiert. Aber mir scheint doch, daß sich die Gleichung von «kritisch» und «reaktionär» in Deutschland größerer Beliebtheit erfreut, als in anderen Ländern; und zwar deshalb, weil dort die Prinzipien jenes Regimes, das Kritik durch Liquidierung der Kritiker überhaupt abgeschafft hatte, teils rudimentär noch, teils keimhaft schon wieder existieren; jedenfalls nicht tot sind. Es ist ja bekannt, daß die Identifizierung von «Kritik» und «Reaktion», die Anprangerung des Kritikers als reaktionären Saboteurs, zur ideologischen Taktik des Nationalsozialismus gehört hatte; der beliebte Ausdruck «Nörgler» schillerte ja in der Tat nach beiden Seiten. Durch die Identifizierung ehrte die «Bewegung» sich selbst, nämlich als Fortschrittsbewegung: denn wenn sie Kritik als eo ipso reaktionär hinstellte, ergab sich ja notwendigerweise, daß deren Gegenstand, also das Regime selbst, fortschrittlich sein mußte.[1] Und sehr viel anders hatte es der Zwischenrufer auch nicht gemeint. –
Aber übertreiben wir nicht die heute für eine Kritik der Technik erforderliche Zivilcourage. Daß wir es sind, die das Problem der Maschinenstürmerei wieder aufnähmen, davon kann keine Rede sein. Die Debatte ist längst schon wieder in Gang. Denn was wäre denn z.B. die nun schon seit einem Jahrzehnt laufende Diskussion für oder gegen die Abschaffung der Atombombe anderes als eine Debatte über die eventuelle Zerstörung eines Gerätes? Nur umgeht man eben die direkten Assoziationen und diejenigen Vokabeln, die zu deutlich machen könnten, wovon man spricht. Denn jeder schämt sich ja vor jedem, sich dem Verdacht der Maschinenstürmerei auszusetzen: der Wissenschaftler vor dem Laien, der Laie vor dem Wissenschaftler, der Ingenieur vor dem Politiker, der Politiker vor dem Ingenieur, der Linke vor dem Rechten, der Rechte vor dem Linken, der Westen vor dem Osten, der Osten vor dem Westen – wahrhaftig, es gibt kein Tabu, das in so globaler Übereinstimmung anerkannt wäre wie das des «Maschinensturms»: eine Übereinstimmung, die einer besseren Sache würdig wäre.
Wenn ich aber sage: «Die Debatte ist längst schon wieder in Gang», so meine ich nicht etwa, daß sie sich heimlich an die Argumente des klassischen Kampfes, etwa aus der «Weber»-Zeit, anschließen könnte. Denn dieses Mal – und darin besteht der fundamentale Unterschied zwischen dem Maschinensturmproblem unserer heutigen industriellen Revolution und dem der vorigen – dieses Mal handelt es sich keineswegs um eine Debatte zwischen Vertretern zweier verschiedener Produktionsstufen. Wer heute durch die Maschinen gefährdet ist, ist ja nicht der Handwerker (den gibt es ja im klassischen Sinne kaum mehr; und die Idee eines Heimarbeiters, der revoltierte, weil er seine Fernseh-Geräte oder seine Wasserstoffbombe weiter zuhause herstellen möchte, ist eine Abstrusität); auch nicht nur der Fabrikarbeiter, dessen «Entfremdung» ja seit einem Jahrhundert gesehen wird; sondern jedermann; und zwar jedermann deshalb, weil jedermann effektiv Konsument, Verwender und virtuelles Opfer der Maschinen und Maschinenprodukte ist. Ich sage: der Produkte: denn nicht wer herstellt, ist heute der springende Punkt; auch nicht, wie die Herstellung vor sich gehe; noch nicht einmal, wieviel hergestellt wird; sondern – und damit sind wir bei dem zweiten fundamentalen Unterschied zwischen der damaligen Gefahr und der heutigen: was hergestellt wird. Während es damals nicht die Erzeugnisse qua Erzeugnisse waren, die kritisiert wurden; jedenfalls bestimmt nicht in erster Linie; und der Kampf fast ausschließlich der, den Klein- oder gar Heimbetrieb ruinierenden, Konkurrenzlosigkeit der maschinellen Herstellung galt, ist es diesmal das hergestellte Produkt selbst, das zur Debatte steht: z.B. die Bombe; oder auch der heutige Mensch, der ja (da er seine Erzeugung, mindestens seine, ihn total alterierende, Prägung als Konsument industriell hergestellter Welt- und Meinungsbilder erfährt) gleichfalls Produkt ist.
Das Thema hat also mit der Ablösung einer veralteten Produktionsart durch eine neue, mit Konkurrenz zwischen Arbeitstypen, primär nichts mehr zu tun; der Kreis derer, die von ihm betroffen sind, ist ungleich größer als damals; das Thema hat sich neutralisiert; es läuft quer durch alle Gesellschaftsgruppen: Den Unterschied zwischen einem großbourgeoisen Fernseh-Problem und einem middleclass-Fernseh-Problem müßte man an den Haaren herbeiziehen; ein middleclass-Atombomben-Problem von einem proletarischen zu unterscheiden, wäre vollkommen absurd. Und so quer wie es durch die Klassen läuft, läuft das Problem durch die Länder und die Erdteile. «Vorhänge» sind ihm unbekannt. Hüben wie drüben ist die Frage der Verwandlung oder Liquidierung des Menschen durch seine eigenen Produkte brennend, gleich ob man die Flammen sieht oder nicht; gleich ob man sie – vom Löschen zu schweigen – diskutiert oder nicht. Wie unglaubhaft oder, gemessen am gegenwärtigen politischen Kälteklima, wie veraltet es auch klingen mag: Im Vergleich mit diesen Problemen ist die Differenz zwischen den politischen «Philosophien» der beiden (sich zu Unrecht «frei», einander zu Recht «unfrei» nennenden) Welten bereits zu einer Differenz zweiten Ranges geworden. Um diese Unterschiede scheren sich die psychologischen Effekte der Technik genau so wenig, wie es die Technik selbst tut. Und glaubt man nicht an die vorgestern formulierte «One World»-These – durch die Tatsache der hier wie dort konditionierten Seelen wird sie nicht weniger, und nicht weniger makaber, bestätigt als durch die Tatsache der um Grenzen unbekümmerten radiumverseuchten Atmosphäre.
Was in den folgenden drei Aufsätzen diskutiert wird, ist also ein von allen Erdteilen, politischen Systemen oder Theorien, sozialen Programmen oder Planungen unabhängiges Phänomen; eines unserer Epoche, mithin ein epochales. Nicht was Washington oder Moskau aus der Technik macht, wird gefragt; sondern was die Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe wir irgendetwas aus ihr machen können. In keinem anderen Sinne, als Napoleon es vor 150 Jahren von der Politik, und Marx es vor 100 Jahren von der Wirtschaft behauptet hatte, ist die Technik nun unser Schicksal. Und ist es uns vielleicht auch nicht möglich, die Hand unseres Schicksals zu leiten, ihm auf die Finger zu sehen, darauf sollten wir nicht verzichten.
Damit könnte ich nun eigentlich medias in res springen. Aber ehe ich den Sprung mache, möchte ich doch ein paar methodische Bemerkungen vorausschicken, richtiger: zwei Warnungen, die mir deshalb geboten scheinen, weil die nachfolgenden Aufsätze weder einfach literarische Essays sind noch philosophische Analysen in üblicher akademischer Manier, sondern Beispiele dessen, was man mit einem alten Ausdruck «Okkasionalismus», also «Gelegenheitsphilosophie» nennen könnte. Darunter verstehe ich etwas, was auf den ersten Blick wie ein Unding aussehen muß, wie eine hybride Kreuzung von Metaphysik und Journalismus: ein Philosophieren nämlich, das die heutige Situation, bzw. charakteristische Stücke unserer heutigen Welt zum Gegenstande hat; aber nicht nur zum Gegenstande, da es der opake und beunruhigende Charakter dieser Stücke selbst ist, der dieses Philosophieren recht eigentlich erst in Gang bringt. Aus der Hybridität des Vorhabens ergibt sich ein ungewohnter Stil der Darstellung.
Was dem Leser vor allem, und vermutlich unangenehm, auffallen wird, ist der ständige Perspektive-Wechsel, der ihm zugemutet wird: der Wechsel zwischen, Leibnizisch gesprochen, «verités de fait» und «verités de raison»; die Tatsache also, daß er aus der Erörterung aktuellster Erscheinungen (also der «Gelegenheiten») immer wieder, und zwar aufs Unerwartetste, in die Diskussion von Problemen hineingeworfen wird, die, (da sie eben «philosophische» Grundprobleme sind) mit den Gelegenheitsthemen unmittelbar nichts zu tun zu haben scheinen. So wird er z.B. bei der Lektüre des ersten Aufsatzes, der eine neue Spielart von Scham (die Scham des Menschen vor seinen «beschämend perfekten» Geräten) behandelt, plötzlich in ausführliche metaphysische Erörterungen über die «Nicht-Identität des Menschen mit sich selbst» hineingezogen werden.
Wo es irgend möglich war, habe ich solche Erörterungen zwar in den Anmerkungsapparat verwiesen, der dadurch nicht nur ziemlich umfangreich geworden ist, sondern nun zum großen Teil statt aus Nebenbemerkungen aus Hintergrundsgedanken, statt aus Beilagen aus Unterlagen besteht. Aber das durchweg zu tun, wäre nicht erlaubt gewesen, da die Untersuchungen eben beanspruchen, philosophisch zu sein; und die Relegierung des Philosophischen «unter den Strich» eine Akzentverschiebung dargestellt hätte, die auf eine Entstellung der Wahrheit herausgelaufen wäre.
Wären die Aufsätze nur einzelwissenschaftliche Monographien, dann hätte der Leser natürlich recht, über unvermittelte Abschweifungen verstimmt zu sein. In der Philosophie aber bedeutet «Abschweifung» etwas anderes als in den Einzelwissenschaften oder gar als im Alltag; für den philosophischen Rigoristen sogar dessen Gegenteil.
Um zu verdeutlichen, was wir damit meinen, erteilen wir einem solchen Rigoristen das Wort; einem Mann also, der den Typ der hier versuchten «Gelegenheitsphilosophie» radikal ablehnt. «Wenn du», argumentiert dieser, «den Anspruch erhebst, wirklich zu philosophieren, dann können Spezial- oder gar Tagesprobleme für dich nicht mehr in Betracht kommen; so wenig wie für den Gläubigen beliebige creata in Betracht kommen können, oder für den Ontologen dies oder jenes nur-Ontische. Philosophie kennt keine wechselnden Menu-Karten; Zeiten oder Zeitungen existieren für sie nicht; und philosophische Monographien sind contradictiones in adjecto. Jede Beschäftigung mit einem Einzel- oder Tagesthema ist bereits Abschweifung. Durch Beschränkung auf Singulares oder gar Okkasionelles verzichtest du auf ‹das Allgemeine›, verleugnest du ‹den Grund›, blendest du ‹das Ganze› ab – oder wie immer du den Gegenstand der Philosophie nennen willst; und deinen Anspruch, Philosophie zu treiben, hast du verspielt.»
«Du hast da», fährt er eilig fort (denn den heiklen Fragen, wo Philosophieren denn nun ansetzen dürfe, und worin dessen «Treiben» denn überhaupt bestehe, wenn jeder bestimmte Gegenstand seiner bereits unwürdig sei, versucht er zuvorzukommen) – «du hast da in deinem Versuche über ‹Rundfunk und Fernsehen› grundsätzliche Bemerkungen über das ‹Wesen des Bildes› eingeschaltet. Worin besteht deine Abschweifung? In dieser Einschaltung? Oder nicht vielmehr darin, daß du dich, statt ‹Kunstphilosophie überhaupt›, nein, statt Philosophie schlechthin zu treiben, auf etwas singular-Empirisches, eben auf das Fernsehen, eingelassen und dieses zum angeblichen Gegenstand deines Philosophierens gemacht hattest? – Und da du damit in ein Revier vorgedrungen bist, das (abgesehen von seiner Unwürdigkeit) für den philosophischen Begriff unzugänglich ist, ist deine Abschweifung sogar ‹überspannt›. Mißverstehe den Ausdruck nicht: ich meine ihn philosophisch. Was du ‹überspannt›, das heißt: zu scharf angespannt hast, ist nämlich das Band, das, verankert in der Allgemeinheit des Begriffes, zwar mehr oder minder elastisch sein mag, dessen Elastizität aber nicht unbegrenzt ist, und das man nicht so auseinanderzerren kann, daß ihr loses Ende schließlich mit jeder kontingentesten individuellen Erscheinung, also etwa mit dem Fernsehen, in Kontakt gebracht werden könnte. Deine Abschweifung hat also bereits in deiner Themenstellung bestanden. – Deine Bemerkungen über das Wesen des Bildes eine ‹Abschweifung› zu nennen, wäre dagegen verfehlt. Denn durch sie hast du ja versucht, dem Singularen ‹auf den Grund› zu gehen: und von einer ‹Abschweifung zum Grunde› zu reden, wäre ja widersinnig. Sie war also kein philosophisches Vergehen, sondern umgekehrt ein Akt der Reue: der Reue vor dem Tribunal der Idee; ein Wiedergutmachungsversuch». – So der Rigorist.
Und nicht nur er. Mit ihm Warner aus zweiundeinhalb Jahrtausenden. Denn worin hätte die Leidenschaft der Philosophie, und zwar die der disparatesten Philosophen, denn bestanden, wenn nicht in der großartigen Abwendung vom Kontingenten, vom «mundus sensibilis», und in der Hinwendung zu «Eigentlichem», zum «mundus intelligibilis»? In der Tat ist dieser Dualismus, das heißt: die stillschweigende Unterstellung der Rechtmäßigkeit dieser Zweiteilung, die Metaphysik des Abendlandes gewesen, die allen Philosophen gemeinsame Metaphysik; die metaphysische Voraussetzung selbst der Empiristen, da diese ja, wenn sie sie nicht geteilt hätten, den Empirismus niemals als Prinzip und Grundlage hätten etablieren wollen. Von diesen Stimmen fortzuhören, ist in der Tat nicht möglich. Und die Tatsache, daß der Verfasser von der Schilderung der kontingenten und konkreten Epoche-Erscheinungen immer wieder abspringt, daß er immer wieder zurückspringt in grundsätzlichste Erörterungen, beweist ja, daß auch er sich der Warnung nicht einfach entziehen kann. Aber diese einfach befolgen kann er auch nicht.
Und zwar deshalb nicht, weil niemand sie befolgen kann; und wie sie von niemandem jemals befolgt worden ist.
Denn das intransigente Ideal ist auf eigentümliche Weise unrealistisch; womit gemeint ist, daß die sklavische Befolgung der Warnung jede Aktion des Philosophierens einfach im Keime ersticken würde; daß, so wahr es sein mag, daß der Philosoph «im Allgemeinen lebt», Philosophieren, im Unterschied zur Mystik und zum bloßen Om-Sagen, sich ja niemals darin erschöpfen kann, die Idee des «Allgemeinen» oder «das Ganze» oder «den Grund» anzustarren; daß der Philosophierende vielmehr, und zwar immer, auf etwas losgehen muß, auf etwas Spezifisches, auf etwas vom Grund Verschiedenes, eben auf etwas, dem er auf den Grund geht – kurz: daß es zur Wirklichkeit des Philosophierens gehört, daß der Philosophierende das intransigent formulierte Wesen der Philosophie ignoriere; daß dieses Ignorieren die Bedingung seiner Existenz und Fortexistenz ist; und womit ferner gemeint ist, daß der Philosophierende sich nicht nur als Philosoph in der Welt aufhält, nicht nur umgeben vom Horizont der «Überhaupts», nicht nur fasziniert von der Schönheit des «Ganzen», nicht nur eingeschüchtert oder angezogen vom «Grunde»; sondern daß er außerdem, oder vielmehr zuerst, als normaler Nachbar seiner Nachbarn zur Rechten und zur Linken lebt, als geborener, bedürftiger und sterblicher Mensch, verfolgt, verlockt und umflattert von haecceitates; und daß es gerade diese haecceitates sind, die ihn in die Aktion des Philosophierens hineinzerren oder hineinjagen. Ja, gerade diese. Denn durch die Beliebigkeit ihrer Faktizität, durch die absolute Unvorhergesehenheit und Unableitbarkeit ihres Da- und Soseins geben sie nicht weniger dunkle Rätsel auf, beunruhigen sie um nichts weniger tief, als es die «Überhaupts», das «Ganze» oder der «Grund» tun; ja, vielleicht sogar tiefer, da das «Ganze» oder der «Grund» ja gerade als die Dimensionen der Antwort gelten, in denen alle Fragen stille werden. «Im Grunde», heißt es sogar im Dialog eines molussischen Sophisten, «im Grunde ist es müßig, den Dingen auf den Grund zu gehen. Denn wäre der Grund ihr Grund, dann wären sie eben nicht diese Dinge hier, diese vom Grunde abgerissenen einzelnen Dinge. Es muß einen Grund dafür geben, daß sie nicht im Grund sind, sondern sie selbst; oder, wer weiß, soviele Gründe, als es Dinge gibt.»
Wenn der molussische Sophist mit seiner verzweifelten Überlegung recht hätte, dann wäre damit (was freilich gegen die Wahrheit seines Gedankens nichts besagte) der Konkurs der Philosophie besiegelt. Sein Argument weiterzuverfolgen, ist hier nicht der Ort. Wenn wir es zitierten, so nur zu dem Zwecke, um an einem äußersten Beispiel zu zeigen, daß es gerade das Spezifische, Singulare und Okkasionelle sein kann, was dem Philosophierenden am schärfsten zu schaffen macht.
Soviel aber ist gewiß: wer das Singulare als Gegenstand des Philosophierens einfach abweist, weil es nur kontingent und empirisch ist, der sabotiert sein eigenes Philosophieren; und gleicht jenem Schildbürger, der, ehe er sein Haus bezog, dessen Tür von außen zumauerte, weil diese, wie er sterbend an den Pfosten schrieb, «etwas Zweideutiges» sei, ein «Loch im Gehäuse, ein Ding, halb außen und halb innen»; und der vor der Schwelle erfroren aufgefunden wurde.
Aber lassen wir die Bilder. In der Tat ist kein Philosoph (es sei denn, er beschränke sich aufs Om-Sagen, ersetze Philosophie also durch Mystik), in der Lage, Auskunft darüber zu geben, was in sein Haus gehört und was nicht; das heißt: bei welchem Grad von empirischer Spezifizität er sich noch innerhalb der legitimen Befugnisgrenzen der Philosophie aufhält, und wann er diese Kompetenzgrenze zu überschreiten beginnt; glaubt er es aber angeben zu können, dann ist er doch außerstande, die Grenzziehung zu rechtfertigen. Daß die Philosophie sich diese Frage jemals ernsthaft vorgelegt hat, ist durchaus nicht so sicher. Jedenfalls entsinne ich mich nicht, jemals so etwas wie eine Geschichte dessen, was jemals als «philosophisch salonfähig», als gerade noch ertragbare Spezifizität, gegolten hat, vor Augen gehabt zu haben. Wenn es eine solche Untersuchung gäbe, ihre Ergebnisse wären für den Philosophen vermutlich aufs tiefste beschämend; denn sie würde wohl verraten, daß die Auswahlkriterien niemals andere als konventionelle, also stets un-, ja widerphilosophische gewesen sind. Es ist mir höchst zweifelhaft, ob Hegel auf die Frage, warum er in seiner Darstellung der Weltgeschichte dieses Geschehen als «philosophisch salonfähig» in seinem System empfing, jenem Ereignis, als einem Proleten der Empirie, den Zutritt verwehrte, eine Antwort hätte geben können. – Daß es heute besser damit stehe: daß die Grenze weniger verschwommen sei als früher, wird ja niemand mit gutem Gewissen behaupten können. Warum wir zum Beispiel in der offiziell anerkannten Philosophischen Anthropologie das Recht haben, über «den Menschen» (der ja schließlich auch nur ein empirisches Spezificum ist) zu philosophieren; während wir, schrieben wir eine «Philosophie der Mücke» oder eine «Philosophie des Kindes» sofort mangelnden Ernstes verdächtigt werden würden, ist philosophisch ja nicht zu beantworten. Daß Berufsphilosophen zumeist genau zu wissen glauben, was an Spezialität erlaubt ist, wie weit sie gehen dürfen, was sich philosophisch noch «schickt», will ich natürlich nicht leugnen. Aber ihre Selbstsicherheit ist doch zumeist nur die unphilosophische Selbstsicherheit derer, die einen Brauch mitmachen. Je selbstsicherer sie in dieser Hinsicht auftreten, um so berechtigter ist es, ihnen als Philosophen zu mißtrauen. Und oft haben sie für diese ihre Selbstsicherheit einen hohen Preis zahlen müssen. Das Schauspiel der nachhegelschen Epoche, in der die meisten von ihnen, aus Angst vor faux pas, die wirklich neuen Schritte ins Spezielle und ins Okkasionelle den Kierkegaards und Nietzsches, den Feuerbachs und Darwins, den Marxens und Freuds, oder den großen Einzelwissenschaftlern, ja sogar großen Romanciers überlassen haben, den großen Amateuren der Philosophie, die ihr Philosophieren oft noch nicht einmal «Philosophie» nannten, und die keine Hemmung verspürten, die Verbotstafeln zu verpflanzen und die Grenzen zu erweitern, dieses Schauspiel war nicht gerade ehrfurchtgebietend. Und wenn sie heute nun emsig damit beschäftigt sind, sich innerhalb der damals von den Nichtprofessionellen vorgeschobenen und nunmehr legal gewordenen Grenzen häuslich einzurichten, oder wenn sie heute offiziell «elastische Systeme» annoncieren oder systematische Grundlegungen der Systemlosigkeit vorlegen, so macht dieses Schauspiel des Nachholens das damalige des Versäumens auch nicht wett. –
abschweift