Trajanssäule: Danubius (Donau) und die Schiffsbrücke; s. S. 118 und S. 159

Kai Brodersen

DACIA FELIX

Das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen

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Für Edna

Inhalt

1. Einführung

1.1 Ein europäisches Land

1.2 Raum und Zeit

2. Quellen

2.1 Archäologie

2.2 Epigraphik

2.3 Numismatik

2.4 Literarische Zeugnisse

2.5 Traditionen

3. Modelle

3.1 Römische Geschichte

3.2 Rumänische Geschichte

4. Im Brennpunkt der Kulturen

4.1 Daker?

4.2 Griechen

4.3 Perser

4.4 Philipp II.

4.5 Alexander der Große

4.6 Lysimachos

5. Der Karpatenbogen vor den Römern

5.1 Jordanes’ fiktive Königsliste

5.2 Könige im Karpatenbogen

5.3 Byrebistas

5.4 Caesars letzte Pläne

5.5 Augustus und »Könige gewisser Geten«

5.6 »Verdrängt und vertagt«

5.7 »Das Reich in den Grenzen halten«

5.8 Domitian

5.9 »Für Reich und Macht oder für Freiheit und Vaterland«

6. Decebal und Trajan

6.1 Expeditio Dacica

6.2 Bellum Dacicum

6.3 Dacia Capta

6.4 Die Trajanssäule

7. Provincia Dacia

7.1 Die Einrichtung der Provinz unter Trajan

7.2 Die Reorganisation Dakiens unter Hadrian

7.3 Gold, Salz – und Liebe

8. Dacia Felix

8.1 Die Drei Dakien

8.2 »Seid einig, bereichert die Soldaten und verachtet den Rest«

8.3 Restitutor Daciarum

8.4 Dacia Felix

9. Ausblick

10. Anhang

Zehn wichtige antike Stätten in Rumänien

Quellen

Weiterführende Literatur

Dank

Abbildungsnachweise

Register

1. Einführung

1.1 Ein europäisches Land

Das antike Dakien war im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. ein Teil des römischen Reiches. Sein Gebiet entspricht heute großen Teilen Rumäniens. Der antiken Geschichte dieser Region widmet sich der vorliegende Band.

Das Römische Reich endete um die Zeitenwende unter Kaiser Augustus im Norden an Rhein und Donau. Von 101 n. Chr. an wurde dann das nördlich der Donau gelegene Dakien innerhalb kurzer Zeit für das Imperium Romanum erobert und rasch mit Straßenbau und Städtegründungen zu einer Provinz ausgebaut. Mit seinen Bodenschätzen – allen voran Gold und Salz – und mit seinen für die antike Landwirtschaft günstigen Boden- und Klimaverhältnissen war Dakien von beachtlicher Bedeutung für das Römische Reich. Im späteren 3. Jahrhundert sah sich das Imperium Romanum zunehmend Angriffen von Stämmen ausgesetzt, die in jenseits von Dakien gelegenen Gebieten aufbrachen. Schließlich wurde die Provinz nach nicht einmal zwei Jahrhunderten römischer Verwaltung aufgegeben.

Heute zeugen bauliche Reste und archäologische Fundstücke, Inschriften, Münzen und literarische Zeugnisse von der römischen Vergangenheit der Region. Auch blieben die Kultur und die Sprache der Römer, das Lateinische, lange in Gebrauch, ja, das Rumänische ist in Wortschatz und Grammatik eine romanische Sprache mit einem besonders hohen lateinischen Anteil. Nicht zuletzt ist Rumänien, Romȃnia, der einzige moderne Staat, der in seinem Namen einen direkten Bezug zu den Römern der Antike herstellt.

Rumänien ist ein europäisches Land mit knapp 20 Millionen Einwohnern. 18 Minderheiten – darunter eine deutschsprachige – werden im Land anerkannt und gefördert (zum Vergleich: in Deutschland sind es vier). Rumänien ist Mitglied von EU und NATO und ein immer beliebter werdendes Reiseland. Fast eine Dreiviertelmillion Menschen aus Rumänien lebt in Deutschland: Rumänien und seine Menschen sind uns also in vielerlei Hinsicht nahe. Dieser Band möchte alle, die sich für die Antike, und auch alle, die sich für die Vergangenheit Rumäniens interessieren, in die antike Geschichte Dakiens einführen. Die historischen Quellen sollen dabei ausführlich zu Wort kommen und Grundlage der Darstellung sein, denn unser ganzes Wissen über diese Vergangenheit beruht auf historischen Zeugnissen und deren Interpretation – kurz (wie wir unten in → Kap. 2 und 3 ausführlich sehen werden) auf Quellen und Modellen.

In demselben Verlag wie der vorliegende Band sind drei Bücher zum antiken Dakien lieferbar, die hier nicht verdoppelt werden sollen: 2006 kam das reich bebilderte, die Romanisierung Dakiens veranschaulichende Buch Dacia von Nicolae Gudea und Thomas Lobüscher heraus, 2007 der Parallelband über Thraker, Griechen und Römer an der Westküste des Schwarzen Meeres von Manfred Oppermann, und gleichzeitig mit diesem Band erscheint 2020 die monumentale Publikation Die Trajanssäule von Alexandre Simon Stefan. Auf diese Bücher (s. → Anhang) sei nachdrücklich verwiesen.

DACIA FELIX – das antike Rumänien im Brennpunkt der Kulturen: Der Titel dieses Bandes könnte so missverstanden werden, als habe es ein »antikes Rumänien« gegeben, das mit »Dacia Felix« gleichzusetzen sei, und als habe dieses keine eigene »Kultur« gehabt, sondern sei nur von »Kulturen« umgeben gewesen, die es zu ihrem »Brennpunkt« gemacht hätten. Tatsächlich ist der heutige Staat Rumänien erst vor gut einem Jahrhundert entstanden; ein »antikes Rumänien« gibt es also nicht. Tatsächlich ist es nicht angemessen, die Sichtweise der griechisch-römischen Quellen zu übernehmen und die antiken Bewohner Dakiens als durchweg kulturlos zu beschreiben; vielmehr ist gerade aus der Mischung innerer und äußerer kultureller Einflüsse etwas Eigenes entstanden. Und tatsächlich bezog sich »Dacia Felix« in der Antike auf ein Gebiet, das … nein, mehr wird jetzt noch nicht verraten: Lesen Sie selbst!

1.2 Raum und Zeit

Worum also geht es in diesem Band? Es geht um die antike Geschichte einer europäischen Region nördlich des Unterlaufs der Donau, deren – wie man sagen könnte – Rückgrat der Karpatenbogen ist (→ Karte S. 129). Das fruchtbare Becken westlich und nördlich dieser Hochgebirgskette liegt mitten im heutigen Rumänien. Es hat im Lauf der späteren Geschichte immer wieder unter verschiedenen Herrschaften gestanden und ist heute als Teil des Staats Rumänien auch unter Namen wie Siebenbürgen, Transsilvanien, Ardeal oder Erdély bekannt; in der Geographie spricht man daher vom »Siebenbürgischen Becken« (Podișul Transilvaniei). Umgeben ist dieses Becken im Norden und Osten von den Ostkarpaten, jenseits derer im Nordosten die Bucovina und im Südosten Moldova (Moldau) liegen (noch weiter im Osten, jenseits des Flusses Pruth, folgt dann die heutige Republik Moldavien). Im Süden liegt jenseits der Südkarpaten die Walachei; als Große Walachei oder Muntenien bezeichnet man dabei das Gebiet östlich des Flusses Olt (Alt) – an diese Region schließt sich bis zum Schwarzen Meer die Region Dobrudscha an –, als Kleine Walachei oder Oltenien das westlich davon gelegene Gebiet südlich des Karpatenbogens. Im Süden grenzt die Walachei an die Donau; an deren anderem (südlichen) Ufer liegen heute Serbien und Bulgarien, zu dessen Gebiet die römische Provinz Moesien gehörte.

Über die Ost- und Südkarpaten waren in der Antike Übergänge schwierig. Einzig der Fluss Olt bricht sich aus dem Gebiet innerhalb des Karpatenbogens in spektakulären Schluchten einen Lauf durch das Gebirge und mündet schließlich in die Donau. Die so geschaffene natürliche Verbindung heißt nach einem frühneuzeitlichen Bauwerk auch »Roter-Turm-Pass« (→ Bild S. 130). Heute führen die Europastraße 81 als rumänische Nationalstraße DN7 (Drum naţional 7) und die Bahnstrecke 201 durch die Schluchten. Ein spätantiker Autor, Jordanes, den wir unten (s. → Kap. 5.1) kennenlernen werden, blickt vom Gebiet südlich der Donau aus nach Norden und bezeichnet diesen Pass wahrscheinlich als »Boutae«:

Ich spreche vom alten Dakien. … Dieses Land, das von Moesien aus gesehen jenseits der Donau liegt, wird von einem Kranz von Bergen (corona montium) eingeschlossen und hat nur zwei Zugänge, einen durch Boutae, den anderen durch Tapae.

(Jordanes, Getica 74)

Den »Kranz von Bergen« bilden nach Norden, Osten und Süden also die Karpaten; nach Westen ergänzen ihn an Bodenschätzen reiche Gebirge (heute Munții Apuseni). Jenseits von diesen liegt südwestlich – im Anschluss an die Kleine Walachei – das Banat, nördlich davon das Kreisch-Gebiet und ganz im Norden Maramureș. Einen Zugang zum Siebenbürgischen Becken aus Südwesten bot und bietet vor allem das Bistra-Tal zwischen Caransebeș (Kreis Caraș-Severin, Rumänien) und Haţeg (Hatzeg, Kreis Hunedoara, Rumänien); heute verläuft hier die rumänische Nationalstraße DN68 (die Bahnstrecke 911 wurde 1995 stillgelegt). Diesen Durchgang bezeichnet der eben genannte Autor als »Tapae«.

Bereits in vorgeschichtlicher Zeit war das in diesem »Kranz von Bergen« gelegene Siebenbürgische Becken als günstiges Siedlungsland gegenüber weiter vom Karpatenbogen entfernten Regionen ausgezeichnet, aber auch in mancher Hinsicht etwas isoliert. Die Donau war vor allem an ihrem Durchbruch am sogenannten Eisernen Tor zwischen den Serbischen Karpaten und dem Banater Gebirge für die durchgehende Schifffahrt ungeeignet. Die im Westen des Kreisch-Gebiets vom Fluss Theiß durchflossene ungarische Tiefebene blieb bis ins 19. Jahrhundert, in dem sie durch Flussregulierung und Trockenlegungen erschlossen wurde, so sumpfig, dass sie landwirtschaftlich kaum nutzbar und durch von Mücken übertragene Krankheiten auch kaum bewohnbar war. Nicht zuletzt galten die Wälder in den Gebirgen, die östlich dieser Tiefebene und nördlich der Donau liegen, als fast undurchdringbar. Dies erlebte schon im 1. Jahrhundert v. Chr. ein römischer Befehlshaber (mehr zu ihm erfahren wir unten in → Kap. 5.2), der von Moesien, also vom Gebiet südlich der Donau aus aufbrach:

Curio kam bis nach Dakien, schreckte aber vor der Dunkelheit der Wälder zurück.

(Florus, Epitome 1,39)

Im späteren westeuropäischen Begriff »Transsilvanien« (Land jenseits der Wälder) schlägt sich diese Schwierigkeit des Zugangs nieder.

Die guten Böden mit ebenso guter natürlicher Bewässerung, ein mildes Klima, für Holzernte und Jagd nutzbare Wälder in den Mittel- und Hochgebirgen und reiche Bodenschätze machen das Gebiet innerhalb des Karpatenbogens und seine Nachbarregionen gleichsam vom Glück begünstigt, eben »glücklich«, lateinisch FELIX.

Was lässt sich anhand der historischen Quellen, wie sie uns für die Zeit ab dem 6. Jahrhundert v. Chr. erhalten sind, über jene Welt aussagen? Welche »Kulturen« gab es, die auf die Menschen in jenem Gebiet Einfluss nahmen? Wie machten Griechen, Perser und Makedonen es zu einen »Brennpunkt«? Und was können wir über seine Struktur und Kultur vor der römischen Eroberung aussagen? Wann und warum geriet die Region des Karpatenbogens dann in den Fokus der Römer? Wie wurde es zur römischen Provinz? Und wann und warum wurde diese Provinz wieder aufgegeben? Der vorliegende Band nimmt vor allem die zwei Jahrhunderte vor der römischen Eroberung Dakiens und dann die römische Beherrschung des Gebiets in den Blick.

Nicht nur die in der populären rumänischen Geschichtsauffassung gefeierten dakischen Könige Burebista im 1. Jahrhundert v. Chr. und Decebal im 1. und frühen 2. Jahrhundert n. Chr. wollen wir kennenlernen, sondern anhand der Quellen Fragen wie die eben genannten zu beantworten versuchen. Dakien war vom frühen 2. bis ins späte 3. Jahrhundert n. Chr., von Trajan (53–117 n. Chr., Kaiser seit 98) bis Aurelian (214–275 n. Chr., Kaiser seit 271), Teil des Römischen Reichs und bereicherte dessen kulturelle Vielfalt. Die antike Geschichte der Welt innerhalb und außerhalb des Karpatenbogens wollen wir nun anhand der antiken Quellen behandeln.

2. Quellen

2.1 Archäologie

Wenn man versucht, eine fast zwei Jahrtausende zurückliegende Vergangenheit zu rekonstruieren, ist man auf historische Quellen und auf Modelle für ihre Deutung angewiesen. Im Spannungsfeld von Evidenz und deren Interpretation arbeiten Historikerinnen und Historiker, wenn sie sich mit antiker Geschichte befassen. In diesem Kapitel sollen zunächst archäologische Zeugnisse, Inschriften und Münzen behandelt werden, da uns diese Quellen – wenn auch oft nur in Fragmenten – unmittelbar so erhalten sind, wie sie in der Antike angefertigt wurden. Danach widmen wir uns den literarischen Quellen.

In der Wissenschaftssystematik unterscheidet man traditionell zwischen der »Vorgeschichte« (Prähistorie, Ur- und Frühgeschichte) und der »Geschichte« anhand der von den Disziplinen behandelten Quellen und der zu ihrer Deutung eingesetzten Methoden. Die »Vorgeschichte« befasst sich mit materiellen Zeugnissen aus der Vergangenheit, die mit den Methoden der Archäologie erschlossen und anhand ihrer Erscheinung und ihres Fundkontextes gedeutet werden. Beim Fach »Geschichte« hingegen stehen die überlieferten schriftlichen Zeugnisse und ihre methodisch fundierte Deutung im Mittelpunkt, auch wenn die nichtschriftliche (und im Vergleich zu den Texten oft als »stumm« charakterisierte) Evidenz ihre Bedeutung nicht verliert.

Wie dieser Band zeigt, stellen bei einer Darstellung der Geschichte der Antike die überlieferten Texte die am klarsten »sprechende« Quellengattung dar. Doch kann auch in der Zeit, für die uns schriftliche Zeugnisse vorliegen, die archäologische Evidenz – also die durch Fernerkundung (etwa Luftbilder oder Radaraufnahmen), Ausgrabungen vor Ort oder Erfassung von Streufunden erschließbare materielle Kultur – mit Recht den Anspruch erheben, einen besonders unmittelbaren Bezug zur Antike zu vermitteln: So, wie ein Fundstück – vom Ziegelstein bis zur Mauer, vom Alltagsgegenstand bis zum Schmuckstück – in der Antike vorhanden war, so ist es nach seiner Auffindung auch uns heute zugänglich. Zudem erlaubt oft der ebenso »stumme« Fundkontext eine weitergehende Deutung, etwa wenn andere Funde oder Befunde eine zeitliche Einordnung des Fundstücks ermöglichen.

Man darf freilich nicht übersehen, dass die archäologische Erkundung einer Region (wie auch die historische Deutung) keine »ewigen Wahrheiten« festlegen kann, da ihre Erforschung verständlicherweise stets durch zeitgenössische Interessen und Fragestellungen geleitet ist. Schon die Auswahl der für Fernerkundung, Ausgrabung oder Erfassung von Streufunden vorgesehenen Gegenden ist oft durch aktuelle politische Vorgaben oder aber »Sachzwänge« bedingt: Die bereits im 18. Jahrhundert begonnenen Ausgrabungen der als Sarmizegetusa Regia bekannten Anlage in den Bergen bei Grădiștea de Munte (Gemeinde Orăștioara de Sus, Kreis Hunedoara, Rumänien; s.u. → Anhang) deuten die Stätte mit phantasievollen, aber nicht immer ausreichend gesicherten »Rekonstruktionen«, die von der Annahme einer kultischen und politischen Funktion der einzelnen Befunde ausgehen (→ Bild S. 131). Luftbilder oder moderne Formen der Fernerkundung waren in der Region im Karpatenbogen in der Zeit des Kalten Kriegs bis 1989 kaum zugänglich, da ihre Publikation, wie man meinte, den »Feinden« militärisch von Nutzen sein könnte; so blieben Teile der antiken Gegebenheiten in jener Region lange unentdeckt. Großflächige Notgrabungen im Vorfeld des seither laufenden Ausbaus der modernen Infrastruktur des Landes durch Autobahnen und verbesserte Bahntrassen kennzeichnen nun manche neuere archäologische Maßnahme und erschließen so – anders als punktuelle Grabungen an bereits bekannten Orten – bisher unentdeckte Zeugnisse für die Nutzung und Besiedlung des Landes.

Zu den von der Archäologie erschlossenen Zeugnissen gehören aber auch antike Kunstwerke, die auch aus anderen Teilen der antiken Welt stammen, vor allem bewusste Schöpfungen von flächigen Bildwerken. Allerdings waren Zeichnungen und Gemälde in der Antike ebenso wie in späteren Epochen meist auf organischem Material wie Holz oder Leinwand geschaffen und sind so im Lauf der Zeit untergegangen. Reliefs und Plastiken aus Bronze und insbesondere aus Stein hingegen hatten bessere Chancen, erhalten zu bleiben. Das wohl wichtigste erhaltene bildliche Zeugnis für die im vorliegenden Band erzählte Geschichte ist das Marmor-Reliefband auf der Trajanssäule, die noch heute auf dem Forum des Kaisers Trajan in der Hauptstadt des Imperium Romanum steht: in Rom. In einer langen, im Original erhaltenen Reihe von Szenen stellt es die Siege der Römer und des Kaisers Trajan im Krieg gegen die Daker zur Schau (s.u. → Kap. 6.4). Die Reliefbilder sollten dabei ohne jeden Text verständlich sein (und sind insofern ebenfalls »stumm«), erklärten sich vielfach gleichsam von selbst und blieben auch für die spätere Wahrnehmung der römischen Eroberung prägend.

2.2 Epigraphik

Neben »stummen« sind auch »sprechende«, weil schriftliche Zeugnisse erhalten, die unmittelbar aus ihrer Entstehungszeit stammen. Dies gilt insbesondere für Inschriften, wie sie die Wissenschaftsdisziplin der Epigraphik (Inschriftenkunde) erschließt. Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. hatte sich in der Mittelmeerwelt und den an sie angrenzenden Regionen für die griechische Sprache eine Alphabetschrift durchgesetzt, die aus der Welt am Ostrand des Mittelmeeres übernommen worden war. Sie ermöglichte nun allen, die schreiben und lesen konnten, die Aufzeichnung und Aufbewahrung von Listen und Texten. Auch das lateinische Alphabet, das wir noch heute verwenden, geht auf diese griechische Alphabetschrift zurück. Vor allem für das Römische Reich hat man geradezu von einer »epigraphischen Kultur« gesprochen, da eine Vielzahl von Inschriften angefertigt und öffentlich zur Schau gestellt wurde. Auch aus der Region innerhalb und außerhalb des Karpatenbogens sind mehrere Tausend antiker griechischer und vor allem lateinischer Inschriften erhalten und ermöglichen so einen direkten Einblick in die antike Welt.

Beschreibstoffe waren dabei oft organischen Ursprungs, so wurden etwa Papyrus (eine aus den Stängeln der vor allem in Ägypten beheimateten Papyrusstaude hergestellte Vorform des erst später in Europa eingeführten Papiers), aber auch Holz- und Rindenstücke sowie Tierhaut (Pergament) beschriftet. Geschrieben wurde darauf mit aus Rohrstängeln oder Federkielen fließender Tinte. Ebenfalls einen organischen und daher vergänglichen Beschreibstoff nutzen zwei am Rand miteinander verbundene und auf der Innenfläche mit Wachs überzogene, jeweils etwa handtellergroße Holztäfelchen; die Wachsschicht konnte man mit einem harten Griffel einritzen und den so geschriebenen Text durch Zusammenklappen und ggf. Verschnüren oder gar Versiegeln der beiden nun aufeinanderliegenden Täfelchen sichern.

Aus der Antike erhalten geblieben sind solche beschrifteten Papyri, Holz- und Rindenstücke und Pergament sowie Holz-Wachs-Täfelchen allerdings nur unter sehr speziellen Bedingungen: Die meisten der antiken Papyri stammen aus dem heißen und trockenen und damit der Verwesung des organischen Stoffes widerstrebenden Wüstensand Ägyptens und sind daher für die Geschichte Dakiens nur selten von Bedeutung; immerhin zwei werden wir unten (in → Kap. 6.2 und 8.1) als historische Quellen kennenlernen. Beschriftete Holz- und Rindenstücke sind in Mooren und Morasten bewahrt geblieben, die ebenfalls eine Verwesung verhinderten; auch diese Erhaltungsbedingungen sind in Dakien rar. Holz-Wachs-Täfelchen schließlich sind sonst fast nur in Pompeji erhalten geblieben, wo der Vesuvausbruch 79 n. Chr. an manchen Stellen eine luftdichte Schicht bildete und so eine Verrottung des Holzes verhinderte. Es gibt aber auch Zeugnisse solcher Täfelchen aus einem römischen Goldbergwerk in Alburnus Maior (Roșia Montană/Goldbach, Kreis Alba, Rumänien), die damit zu einer in der Antike weit verbreiteten, sonst aber fast vollständig verlorenen Quellengruppe von Inschriften auf organischem Material gehören (→ Bild S. 132 oben). Wir werden diese Täfelchen und ihren Wert als historische Quelle unten (in → Kap. 7.3) kennenlernen.

Ähnlich wie die Klapptafeln aus Holz ist eine besondere Gruppe von Texten auf Metalltafeln gestaltet, die man als »Militärdiplom« bezeichnet (→ Bild S. 132 unten). Das römische Heer war in Legionen gegliedert; jede Legion bestand aus zehn Kohorten (cohors) von Fußsoldaten und vier Reiterabteilungen (ala) sowie einigen weiteren Soldaten mit besonderen Aufgaben und hatte insgesamt eine Sollstärke von 5500 Soldaten. Die Legionssoldaten waren römische Bürger, auf Feldzügen kam oft etwa die gleiche Anzahl an sogenannten Hilfstruppen (auxilia) hinzu, deren Mitglieder aus verbündeten oder als Provinz beherrschten Gebieten kamen, aber nicht römische Bürger waren. Der Oberbefehl über eine Legion lag bei einem Mann aus dem Senatorenstand, der als Legat (legatus) bezeichnet wurde. Er war entweder Statthalter der Provinz mit dem Titel propraetorischer Legat des Augustus (also des jeweiligen Kaisers, auf Latein legatus Augusti pro praetore) oder – so in Provinzen mit mehreren Legionen – Legat einer Legion (legatus legionis). Sein Stellvertreter war der Praefekt (praefectus castrorum), dem fünf Tribune (tribuni) unterstanden. Wir werden diese Ämter im Folgenden in den durch Inschriften belegten Lebensläufen antiker Militärs immer wieder genannt finden.

Die Soldaten in den Hilfstruppen erhielten am Ende der 25-jährigen Dienstzeit bei ehrenhafter Entlassung das römische Bürgerrecht für sich und ihre Angehörigen. Dies wurde in einer Urkunde dokumentiert, deren Original in Rom hinterlegt wurde. Der Soldat selbst erhielt eine Abschrift, eben ein Diplom, das aus zwei Metalltäfelchen bestand; der Text der Urkunde ist darauf doppelt niedergelegt, einmal auf der Innenseite der beiden zusammengeklappten Tafeln, die verschnürt und versiegelt wurden, und ein zweites Mal auf der Außenseite. Solange das Siegel nicht erbrochen war, konnte man im Zweifelsfall durch Öffnen der Tafeln beweisen, dass der frei lesbare Außen- dem durch Versiegeln gesicherten Innentext entsprach.

Der Nachweis über die Verleihung des Bürgerrechts war wegen des sicheren Rechtsstatus, den es mit sich brachte, für den Empfänger und seine Familie von hohem Wert. Das dem Soldaten übergebene Militärdiplom auf haltbarem Metall wurde deshalb sicher in den Familien als Erbstück weitergereicht und in Notsituationen wie ein Schatzhort (s.u. → Kap. 2.3) vergraben. Insbesondere durch Zufallsfunde von Metallsondengängern kommen immer wieder Militärdiplome ans Licht – allerdings oft ohne Dokumentation des Fundkontextes und damit unter Verlust wichtiger Informationen zu ihrer Deutung (s.o. → Kap. 2.1). Ein Beispiel für den Text auf einem Militärdiplom soll dessen Aussage veranschaulichen; da sein Fundkontext unbekannt ist, können wir ihm allerdings nicht mehr entnehmen als eben diese Aussage:

Imperator Cae[sar, Sohn des vergöttlichten] Traianus Parthicus, [Enkel] des vergöttlichten Nerva, Traianus Hadrianus Augustus, Oberpriester, zum 3. Mal Inhaber der Tribunicia Potestas, dreimal Kon[sul], hat den Reitern und Fußsoldaten, die Dienst getan haben in ein[er] Ala (Reitereinheit) [und sechs Kohorten (von Fußsoldaten), die da heißen] Hispanorum, [?] Alpinorum, I. Br[itannica milliaria römischer Bürger und II. Brittonum römischer Bürger] Pia Fidelis und V. Gall[orum und VIII. Raetorum, die in] Dacia su[perior unter Marcius Tur[bo sind und die nach] 25 [oder mehr Dienstjahren außer Dienst treten, wenn sie] ehren[voll entlassen sind, und deren Namen] unten aufgeschrieb[en si]nd, ihnen selbst, ihren Kindern und ihren N[ach]kommen das Bürgerrecht gegeben und das Recht zur (rechtsgültigen römischen) Ehe mit den Gattinnen, [die sie zu dem Zeitpunk]t schon hatten, als ihnen das B[ürgerrech]t verliehen wurde, oder, wenn sie unverheiratet sind, mit denen, die sie später noch ehelichen, und zwar jeweils nur ein Mann eine Frau, am Vortag der Iden des November, als Gaius Herennius Capella und Lucius Coelius Rufus Konsuln waren, von der VIII. Kohorte Raetorum, denen Lucius Avianius […]ratus vorsteht, von den Fußsoldaten dem Demuncius, Sohn des Avesso, Eraviscus und seinem Sohn Primus und seinem Sohn Saturninus und seinem Sohn Potens und seiner Tochter Vibia und seiner Tochter Comatumra; abgeschrieben und geprüft anhand der Bronzetafel, die angebracht ist in Rom hinter dem Tempel des vergöttlichten [Augustus] bei der Minerva.

(Lateinische Inschrift auf einem Militärdiplom unbekannter Herkunft, EDCS-69000074)

Die in der Kaisertitulatur genannte Tribunicia Potestas, die auf ein altes republikanisches Jahresamt zurückgeht, wurde den römischen Kaisern in der Regel alljährlich neu verliehen und eignet sich deshalb zur Umrechnung der in einer Inschrift genannten Datierung. Der in dem Militärdiplom genannte Kaiser Trajan hatte die Tribunicia Potestas zum dritten Mal vom 10.12.98 bis zum 9.12.99 n. Chr. inne; die im Militärdiplom dokumentierte Bürgerrechtsverleihung fällt also in das Jahr 98/99 n. Chr.

Die Soldaten hatten in aus Nichtbürgern zusammengesetzten Einheiten des römischen Heeres gedient, in einer Ala als Reiter oder in einer Kohorte als Fußsoldaten. Nun erhielten sie das römische Bürgerrecht für sich, für (jeweils nur) eine bereits vorhandene bzw. künftige Ehefrau und für die Nachkommen aus dieser Ehe. Viele Soldaten waren also längst verheiratet, aber noch nicht in einer nach dem römischen Recht gültigen (und somit u.a. die Erbfolge sichernden) Ehe.

Auf haltbarem Material bewahrt sind sonst vor allem Inschriften auf Stein. Sie widmen sich oft Göttern und Menschen: So gibt es Texte, die in Tempeln und Heiligtümern aufgestellt wurden, aber auch Inschriften, die an große Ereignisse erinnern, wie zum Beispiel an die Gründung einer Stadt oder an wichtige Bauvorhaben wie die Errichtung eines Forumsgebäudes, oder aber an zu Ehrende, denen die Stadt ein Denkmal geweiht hat, und nicht zuletzt an Verstorbene, denen Angehörige einen Grabstein setzen.

Eine besondere Inschriftengattung sind die Angaben auf den Meilensteinen, die bei römischen Straßen in regelmäßigen Abständen aufgestellt waren und nicht nur die für den Straßenbau Verantwortlichen – allen voran den jeweiligen Kaiser – verzeichnen, sondern auch die Entfernung zur nächsten größeren Station. Ebenfalls auf haltbarem Material finden sich aber auch alltäglichere Inschriften, etwa Abdrücke von Stempeln, die auf Ziegel oder Keramikgefäße vor dem Brennen aufgebracht wurden und so ihren Hersteller und/oder den Besteller und damit künftigen Besitzer verzeichnen. Ferner gibt es nach dem Brennen eingetragene Ritzungen auf Ton und auch in Putz, die als Graffiti angebracht wurden und so erhalten blieben. Meilensteine und Inschriften auf Keramikgefäßen werden wir in diesem Band (in → Kap. 7.1 und 8.4 bzw. → Kap. 5.3 und 5.5) als Quellen kennenlernen.

Voraussetzung dafür, dass es überhaupt epigraphische Zeugnisse gibt, ist natürlich, dass in der jeweiligen Kultur die Kenntnis und der Einsatz von Schrift hinreichend weit verbreitet sind. Für die antike Geschichte der Region des Karpatenbogens ergibt sich hieraus eine besondere Problematik: Während eine Vielzahl von Inschriften in der griechischen und vor allem in der von den Römern gesprochenen lateinischen Sprache erhalten sind, kennen wir kein einziges Schriftzeugnis in der Sprache der dort bereits vor den Römern ansässigen Menschen – wahrscheinlich, weil es keine solchen Inschriften gab. Nach einem römischen Bericht nutzten die Daker einmal für einen lateinischen Text, den sie dem römischen Kaiser als Aufschrift auf einem großen Pilz (wohl einen Baumschwamm) überreichten, lateinische Buchstaben (man hat übrigens überlegt, ob genau diese Szene auch auf der Trajanssäule – s.o. → Kap. 2.1 – dargestellt ist):

Als Trajan in seinem Feldzug gegen die Daker sich Tapae annäherte, wo das Lager der Barbaren war, wurde ihm ein großer Pilz gebracht, auf dem in lateinischen Buchstaben eine Botschaft geschrieben war, dass die Burer und andere Verbündete Trajan rieten, umzukehren und den Frieden zu wahren.

(Cassius Dio, Historien 68,8,1)

Ganz offenbar verstanden sich also nach Auffassung des römischen Historikers Cassius Dio – wir werden die Szene unten (in → Kap. 6.1) in ihren historischen Kontext einordnen – bereits vor der römischen Eroberung manche Daker darauf, lateinische Buchstaben zu schreiben und lateinische Texte zu formulieren (oder durch Dolmetscher formulieren zu lassen), um dem römischen Kaiser eine Botschaft zu übermitteln. Ein Beleg für eine »dakische Schriftkultur« ist diese Nachricht freilich nicht.

Eine Zeitlang hielt man es übrigens für möglich, dass im Karpatenbogen sogar eine uralte Schrift genutzt wurde: 1961 waren in der Ortschaft Tărtăria (Gemeinde Săliștea, Kreis Alba, Rumänien) ungebrannte Tontäfelchen ans Licht gekommen, die man rasch in das 6. Jahrtausend v. Chr. datierte und damit zum ältesten Schriftsystem der Welt erklärte, freilich nicht entziffern konnte. Allerdings wurde seinerzeit der Fundkontext nicht dokumentiert, außerdem wurden die Täfelchen selbst zur Haltbarmachung gebrannt, womit der Einsatz von naturwissenschaftlichen Methoden für eine Altersbestimmung unmöglich gemacht wurde. Freilich ist es mehr als wahrscheinlich, dass es sich um eine schlichte und nicht einmal besonders geschickte Fälschung aus der Zeit handelt, in der die Täfelchen angeblich gefunden worden waren. Dasselbe gilt für Bleitafeln, die 1875 dem Museum in Bukarest übergeben wurden. Sie stellten moderne Kopien angeblich original »dakischer«, in griechischen Buchstaben auf Goldplatten aufgeschriebener und ebenfalls nicht deutbarer Texte und Bilder dar. Als Fundort wurde seinerzeit Sinaia genannt, ein Ort nahe der Sommerresidenz des rumänischen Fürsten und späteren Königs Carol I. (s.u. → Kap. 3.2), ohne dass die Fundumstände dokumentiert worden wären; die Goldplatten selbst seien zudem – so hieß es – seit der Herstellung der Kopien verschollen. Es überrascht nicht, dass man auch diese Tafeln nicht als Belege für antike Originale ansehen kann; die angeblichen Kopien gelten heute vielmehr als durch den Wunsch beseelte Fälschung, der seinerzeit jungen rumänischen Nation (s.u. → Kap. 3.2) »dakische« Texte präsentieren zu können.

Es bleibt also bei der Asymmetrie unserer Quellenlage: Für die Geschichte des Karpatenbogens stehen griechisch-römische, nicht aber einheimische »dakische« Schriftzeugnisse zur Verfügung. Es sind folglich fast nur griechische und lateinische Texte, die in diesem Band zu Wort kommen. Bei der Präsentation von Inschriften ist es dabei üblich, dass verlorene, aber anhand von ähnlichen Texten rekonstruierbare Textteile in eckigen Klammern geboten und nicht mehr rekonstruierbare Teile durch drei Punkte markiert werden. Beides ahmen wir in diesem Band in den deutschen Übersetzungen nach (in denen außerdem ein paar Erläuterungen in nur dafür genutzten runden Klammen erscheinen), um so auch in der deutschen Version anzuzeigen, welche Textteile tatsächlich erhalten sind.

2.3 Numismatik

Wie Inschriften sind auch Münzen so erhalten, wie sie in der antiken Welt seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. im Umlauf waren. Sie ermöglichen uns gleichsam, »die antike Geschichte in die Hand zu nehmen«. Der Deutung von Münzen widmet sich die Wissenschaftsdisziplin der Numismatik. Da Münzen in recht hoher Stückzahl aus haltbarem Metall geprägt wurden und fast durchweg in mindestens einem Exemplar erhalten blieben, sind heute die allermeisten Münztypen aus der Antike bekannt und in der Regel auch in den großen Münzsammlungen belegt.

Während heutige Münzen in aller Regel ihren Nennwert durch die Prägung anführen (»1 Euro«), nennen antike Münzen keinen Wert. Vielmehr proklamiert eine von ihren Nutzergruppen als echt anerkannte Prägung, dass für eine Gold- oder Silbermünze der jeweils vorliegenden Gewichtsklasse sowohl das genaue Gewicht als auch der Feingehalt (also der Anteil an Edelmetall) dem entsprechen, was die Nutzergruppen jeweils erwarten. Dies war möglich, solange der Materialwert einer Münze weitgehend dem Nennwert entsprach und solange Vertrauen in die Institution bestand, die durch die Prägung der Münzen Gewicht und Feingehalt garantierte. Ein römischer Denar etwa (in den Bibelübersetzungen oft als »Silbergroschen« wiedergegeben) bestand aus knapp 4½ g Silber (später weniger) und hatte den Wert seiner Silbermenge; diesen Wert in heutige Kaufkraft zu übersetzen ist allerdings nicht sinnvoll möglich, da das Gefüge von Löhnen und Preisen im Altertum ganz verschieden von den heutigen Verhältnissen war. Sowohl als Tauschmittler als auch zur handlichen Anlage von Werten (wie etwa heute die faktisch nie als Zahlungsmittel eingesetzten »Maple Leaf«-Goldmünzen aus Kanada) wurden Münzen aus Edelmetall in der ganzen Antike genutzt.

Ebenso oft wie missverständlich hat man übrigens formuliert, in der römischen Kaiserzeit hätten »die Kaiser« selbst Münzen mit wechselnden Motiven als aktuelles »Propaganda-Mittel« geprägt. Dafür aber fehlen Belege, und zwar sowohl auf der Seite der Kaiser als auch auf der Seite derer, bei denen diese »Propaganda« wirken sollte. Tatsächlich lag die Auswahl der Motive für die Prägungen wohl bei nicht besonders hochrangigen Münzmeistern; eine Mitgliedschaft im zuständigen »Drei-Männer-Kollegium für das Gießen und Prägen von Kupfer, Silber und Gold« stand oft ganz am Anfang einer Karriere in der römischen Verwaltung (einen solchen Münzmeister werden wir in → Kap. 5.6 kennenlernen). Freilich werden diese aufstrebenden jungen Männer ein Gespür dafür gehabt haben, was die Obrigkeit jeweils gerade als Themen bevorzugte, also einen Reflex auf deren Prioritäten bieten. Die Nutzer von Münzen scheinen ihrerseits in der Tat nur sehr selten wahrgenommen zu haben, welche Motive eine Münze genau bot. Sogar einer der wenigen Belege für eine solche Wahrnehmung, die im Neuen Testament in den Evangelien überlieferte Geschichte vom sogenannten »Zinsgroschen« (Markus 12, Lukas 20 und Matthäus 22), zeigt nur, dass die von Jesus Befragten auf dem ihnen präsentierten römischen Denar irgendeinen Kaiser erkennen, nicht aber dessen Namen und schon gar nicht das Prägemotiv auf der anderen Seite der Münze, das aktuelle »Propaganda« vermitteln könnte.

Und sie kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig bist und fragst nach niemand; denn du siehst nicht auf das Ansehen der Menschen, sondern du lehrst den Weg Gottes recht. Ist’s recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? Er aber merkte ihre Heuchelei und sprach zu ihnen: Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Silbergroschen (Denar), dass ich ihn sehe! Und sie brachten einen. Da sprach er zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers. Da sprach Jesus zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

(Neues Testament, Markusevangelium 12,14–17)

Überdies waren Münzen aufgrund ihres hohen Materialwerts sehr lange im Umlauf, so dass sie als jeweils aktuelles »Propaganda-Mittel« nicht gut geeignet gewesen wären. Anschaulich machen dies die sogenannten Hortfunde: Wurden gleichzeitig im Umlauf befindliche Münzen miteinander versteckt, etwa weil man in unruhigen Zeiten seine Wertsachen in Sicherheit bringen wollte, und geriet das Versteck dann in Vergessenheit, stellt es bei einer heutigen Wiederentdeckung einen sogenannten Hortfund dar, dessen Vergrabung man anhand der jüngsten Münze auf die Zeit bald nach der Prägung dieser Münze datiert. Zugleich macht ein Hort anschaulich, wie lange die älteren im ihm erhaltenen Münzen im Umlauf gewesen waren, bevor sie als Wertsache vergraben wurden. So werden wir unten (in → Kap. 8.1) einen solchen Fund kennenlernen, der Münzen umfasste, deren älteste schon vor 30 v. Chr. und deren jüngste 167 n. Chr. geprägt worden waren. Betrachtet man dann gar mehrere Hortfunde im Zusammenhang, erlaubt ihre je einzelne Datierung insgesamt einen Einblick, welche Zeiten man im Fundgebiet offenbar als besonders unruhig wahrgenommen hat (s.u. → Kap. 8.1 und 8.3). Nicht nur das Einzelstück, sondern auch der Fundkontext ist deshalb von hoher historischer Bedeutung; ihn zu dokumentieren ist daher unbedingt erforderlich.

In der Tat gibt es aus dem Karpatenbogen eine beachtliche Anzahl sehr schön gestalteter großer Goldmünzen aus der Zeit vor der römischen Eroberung, dazu kommen einige neuerdings entdeckte Silbermünzen mit gleicher Gestalt. Die Goldmünzen wiegen im Durchschnitt knapp 8½ g, also etwa so viel wie eine griechische Doppeldrachme (2 Silberdrachmen, auch als »Statér« bezeichnet), nutzen aber Bilder, die sie in der römischen Welt geprägten Denaren entnehmen: Auf der Vorderseite zeigen sie einen römischen Amtsträger, der zwischen zwei Begleitern schreitet, welche als sogenannte Liktoren seine Amtsgewalt markieren; davor steht in griechischen Buchstaben die Aufschrift KOSON, die einen Eigennamen oder den Namen einer politischen Einheit im Genitiv Plural (etwa »von den Kosoi«) bezeichnen kann, außerdem ein unklares Monogramm, das man meist als BR oder BA liest und dessen Deutung (Brutus? Basileus, also König?) daher umstritten ist. Die Rückseite bietet einen Adler mit Kranz und Zepter (→ Bild S. 133 oben). Die Motive entsprechen auf der Vorderseite einem römischen Silberdenar, den der Gegner (und spätere Mörder) des Gaius Iulius Caesar, Marcus Iunius Brutus, 54 v. Chr. zur Erinnerung an die Vertreibung des letzten römischen Königs durch seinen Vorfahren Lucius Iunius Brutus prägen ließ, während die Rückseite einen älteren, nämlich schon 73 v. Chr. geprägten Silberdenar des Quintus Pomponius Rufus zum Vorbild hat. Offenkundig garantierte also die Person oder die politische Einheit KOSON, die in der griechischen Aufschrift genannt ist (s.u. → Kap. 5.6), für Gewicht und Feingehalt nach einem griechischen Standard, nutzte aber Motive von seit Jahren im Umlauf befindlichen römischen Münzen, um das vertraute Erscheinungsbild einer Münze zu erreichen. Die Fundverteilung der erhaltenen Stücke deutet auf einen Ursprung der Prägungen im Karpatenbogen hin – und macht anschaulich, ja greifbar, wie diese Region gleichsam im Brennpunkt sowohl der griechischen als auch der römischen Kultur stand und sich deren Traditionen kreativ aneignete.

Archäologische Evidenz, Inschriften und andere Aufschriften auf organischem und auf haltbarem Material sowie Münzen haben gemeinsam, dass sie – wenn auch oft nur in Fragmenten – so erhalten sind, wie sie in der Antike angefertigt wurden. Der besondere Wert dieser Quellengattungen liegt also darin, uns unmittelbar mit antiken Objekten zu konfrontieren.

2.4 Literarische Zeugnisse

Sowohl die »stummen« materiellen Zeugnisse als auch die – zwar Texte bewahrenden, aber ebenfalls selten ihren historischen Kontext direkt offenbarenden – epigraphischen und numismatischen Zeugnisse bedürfen einer Deutung, die erst dann möglich wird, wenn wir die erhaltenen literarischen Belege in die Rekonstruktion einbeziehen. Überliefert sind beachtlich viele antike Texte nicht unmittelbar, sondern durch Abschriften von Abschriften von Abschriften usw. Die uns so bewahrten Texte wurden also durch wiederholte Kopien in einer ununterbrochenen Kette so lange abgeschrieben, bis eine Textfassung erhalten geblieben ist. Die meisten Abschriften wurden auf Pergamentblättern – also auf einem aus Tierhaut hergestellten Beschreibstoff – angefertigt, die dann zu einem Codex (Plural Codices) genannten Buch zusammengebunden wurden. Die meisten uns erhaltenen Codices stammen aus dem Hochmittelalter und sind damit weit über ein Jahrtausend von der Entstehungszeit eines Textes entfernt! Es versteht sich, dass dieses Verfahren Folgen für die Qualität und für die Quantität erhaltener antiker literarischen Zeugnisse hat.

Was die Qualität der dank der mittelalterlichen Kopien überlieferten Texte betrifft, führt das Verfahren wiederholter Abschriften zu einer unvermeidlichen Verschlechterung, da in einer Abschrift eingeführte Fehler – einfache Schreibfehler, aber auch das Fehlen oder die Doppelschreibung von Buchstaben, Wörtern, Zeilen und ganzen Passagen – bei der nächsten Abschrift einfach übernommen wurden; man kann dies mit der Weitergabe von Fehlern beim Kinderspiel »Stille Post« vergleichen. Die Rekonstruktion des vom Autor gewollten Originaltextes aus späteren Abschriften ist das Ziel der Editionsphilologie, auf deren Ergebnissen jede historische Rekonstruktion notwendig beruht. Im vorliegenden Band sind für antike Texte die heute jeweils maßgeblichen Editionen verwendet und eigens ins Deutsche übersetzt worden.

Was die Quantität der Texte betrifft, sind die allermeisten Werke, die in der Antike umliefen, verloren; nur ein kleiner Bruchteil ist überhaupt erhalten. Man kann versuchen, den Umfang dieses Verlusts zu beziffern, indem man in erhaltenen Texten zitierte antike Buchtitel in ein Verhältnis zu den tatsächlich mit diesen Titeln erhaltenen Büchern setzt, und kommt damit bestenfalls auf eine sehr kleine einstellige Prozentzahl von uns aus der Antike durch Abschriften erhaltenen Werken.

Anschaulich macht dies die Tatsache, dass wir von fünf antiken Werken zu der in diesem Band behandelten Geschichte wissen, dass aber keines davon erhalten ist und allenfalls Fragmente bewahrt sind, die heute in den Sammlungen Die Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist) und The Fragments of the Roman Historians (FRH) zusammengestellt sind: Dion von Prusa (um 40–um 115 n. Chr.), der schon in der Antike angesichts seiner rhetorischen Kunst den Beinamen Chrysostomos (»Goldmund«) erhielt, schuf ein griechisches Werk mit dem Titel Getika (FGrHist 707), das völlig verloren ist (s.u. → Kap. 5.9). Kaiser Trajan schrieb ein mehr als ein Buch umfassendes lateinisches Werk DacicaGetikaIliasRömischen GeschichteDakike