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Michael Stausberg

 

 

 

ZARATHUSTRA

UND SEINE RELIGION

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag C.H.Beck

 


 

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Zum Buch

Der Name Zarathustra ist nicht zuletzt durch Nietzsches Werk vielen ein Begriff, aber über den historischen Zarathustra, der vor über 2500 Jahren lebte, und seine bis heute verbreitete Religion, den Zoroastrismus, ist nur wenig bekannt. Michael Stausberg bietet einen kompakten und allgemeinverständlichen Überblick über die Geschichte sowie die zentralen Themen, Organisationsformen, Rituale und Feiern dieser kleinen, aber alten Religionsgemeinschaft.

Über den Autor

Michael Stausberg ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen (Norwegen). Zuseinen wichtigsten Veröffentlichungen gehören «Faszination Zarathushtra» (2 Bände, 1998), «Die Religion Zarathushtras» (3 Bände, 2002–2004) sowie «Religion im modernen Tourismus» (2010).

Inhalt

Erste Annäherungen

Verbreitung in der Gegenwart

Transkontinentale Netzwerke und globale Bewegungen

«Anonyme Zarathustrier»?

Was sollen die Zarathustrier glauben?

Aller Anfang ist Zarathustra

Griechische und iranische Angaben zu Zarathustras Lebenszeit

Die ältesten Texte

Kurzdurchgang durch die erste Gatha

Zarathustras Heimat

Zarathustra-Biographien

Alte Mazdaverehrer oder prä-zarathustrisches Heidentum?

Religion und Krieg

Religiöse Konzepte

Asha

Die Wohltätigen Unsterblichen und die Verehrungswürdigen

Daena (und Yima)

Frawashi

Xvarenah (und noch einmal Yima)

Am Ende der Zeiten: Helden und Ereignisse

Das anti-dämonische Gesetz

Menog und getig

Moral, Reinheit und Geschlecht

Zu Besuch in Himmel und Hölle

Reinheit und Reinigung

Moderne Gesinnungsethik

Reue und Bekenntnispraktiken

Die moralisch-eschatologische Solidargemeinschaft

Männer und Frauen

Frauen-Rituale

Priester und rituelle Einrichtungen

Religiöse Stiftungen

Priester in vorislamischer Zeit

Ausbildung, Priesterweihe, Ämter und Titel

Priester und Laien: Autorität und Markt

Tempel

Feuerkammern und Sakralfeuer

Zeremonienräume und Liturgien

Brunnen und Schreine

Übergänge und Feste

Die Einkleidung mit den religiösen Kleidungsstücken

Hochzeiten

«Türme des Schweigens»

Todeszeremonien

Totenfest

Neujahr

Feste im Jahreskreis

Weitere Feste und Aufbau des Kalenders

 

Literaturhinweise

Abkürzungen

Register

Erste Annäherungen

Einer breiteren Öffentlichkeit ist der Name Zarathustra vor allem dank Friedrich Nietzsches Also sprach Zarathustra bekannt, dessen erster Teil im Jahre 1883 erschienen ist. In diesem Buch für Alle und Keinen lässt Nietzsche seinen Zarathustra, dessen Name ihm «zugleich lieb und schwer ist», den Tod Gottes und die (oft missverstandenen) Lehren vom Übermenschen und vom «großen Mittag» verkünden. An einer Stelle liest man:

Viele Länder sah Zarathustra und viele Völker; so entdeckte er vieler Völker Gutes und Böses. Keine grössere Macht fand Zarathustra auf Erden, als gut und böse.

Es lässt sich zwar immer noch nicht genau rekonstruieren, wie Nietzsche (1844–1900) auf die Idee verfiel, seinen einsamen Wahrheitsverkünder ausgerechnet «Zarathustra» zu nennen. In einem späteren Werk, dem Ecce homo (1889), legt er allerdings eine Fährte: Zarathustra habe als erster in der Geschichte «im Kampf des Guten und Bösen das eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehen». Nietzsche bekämpfte diese Überhöhung der Moral. Da der Perser Zarathustra wahrhafter und tapferer gewesen sei als sonst ein Denker, sei gerade er wie kein anderer dazu in der Lage gewesen, diesen «verhängnisvollen Irrthum» einzusehen.

Nietzsches Zarathustra ist als ein epochaler literarisch-philosophischer Gegenentwurf zu verstehen, als eine morgenländische Alternative zum abendländischen Denken. Er wird gegen die europäischen Geistesgrößen Sokrates, Platon, Jesus, Paulus, Descartes und Kant ins Feld geführt. Mit Also sprach Zarathustra hat Nietzsche nicht nur einen neuen Lehrer erfunden, sondern auch eine neue Art des philosophischen Schreibens, die viele Nachahmer gefunden hat.

Einige der von Nietzsche angeschnittenen Fragen werden uns im Verlauf dieses Buches wieder begegnen: das Verhältnis von Gut und Böse, Moral und Metaphysik, Wahrheit und Tapferkeit. Im Folgenden aber geht es uns nicht um den Zarathustra Nietzsches, sondern um die östliche (und immer noch lebendige) Religion, die Zarathustra als ihren «Stifter», «Propheten» oder «Reformator» für sich in Anspruch nimmt. Wir werden uns dabei auch der heftig umstrittenen Frage nach dem «historischen» Zarathustra zuwenden müssen.

In quantitativer Hinsicht ist die hier vorgestellte Religion mit ihren weltweit vielleicht 130.000 Anhängern nicht weiter beachtenswert. Zugleich gilt sie jedoch als eine der ältesten Religionen der Welt, und dementsprechend wird sie in fast allen religionsgeschichtlichen Handbüchern behandelt. Die Beschäftigung mit der Religion Zarathustras ist seit dem 18. Jahrhundert eines der klassischen Arbeitsfelder der religionsgeschichtlichen Forschung. Professor Nietzsche konnte bereits auf diese Arbeiten zurückgreifen. Dabei steht er zugleich in einer langen Tradition der europäischen Religionsgeschichte, in der Zarathustra (die längste Zeit über in der griechisch/lateinischen Namensform Zoroaster) in der kulturellen Imagination mit Träumen und Alpträumen besetzt gewesen war, hatte Zoroaster doch (u.a.) als Erfinder der Magie und der artes liberales gegolten, als ein uralter König und Feldherr, als Astrologe und Alchemist, als ein Doppelgänger von Moses oder Abraham, oder auch als ein alter Weisheitslehrer, Philosoph und Theologe …

Oft wird die hier behandelte Religion als die erste der «prophetischen Religionen» bezeichnet. Ob das zutreffend ist, sei dahingestellt. Der (wichtigste) Gott, den Zarathustra den schriftlichen Zeugnissen zufolge um Hilfe anrief und befragte, heißt Ahura Mazda («der Weise Meister» oder «Meister Weisheit»). Ahura Mazda ist der Gott, der alles Gute in Ordnung gebracht bzw. geschaffen hat und beschützt. Deshalb wird diese Religion in älteren Dokumenten als «Religion der Mazdaverehrer» oder auch als «mazdaverehrende» und «gute» Religion bezeichnet, und berühmte Könige des alten Persien berufen sich in Inschriften auf das Wirken des Gottes Ahuramazda.

In jüngeren Bezeichnungen der Religion aber überwiegt der Rückgriff auf Zarathustra: Die Religion der Mazdaverehrer ist die Religion Zarathustras, der Zarathustrismus oder Zoroastrismus (englisch: Zoroastrianism); die Mazdaverehrer sind dementsprechend die Zarathustraanhänger bzw. Zarathustrier (oder auch: Zoroastrier, englisch: Zoroastrians/Zarathushti).

In Indien sind die Mazdaanhänger bzw. Zarathustrier als «Parsi» (oder «Parsis») bekannt. Diese Bezeichnung bezieht sich auf die Herkunft dieser ethnischen Gemeinschaft: Die Parsi waren in mehreren Schüben aus Iran (Persien) an die indische Westküste gekommen, viele von ihnen offenbar aus Frustration über die Lage in ihrer alten Heimat, die im 6. Jahrhundert von arabischen Truppen überrollt worden war. Das Ende der vorislamischen Königsherrschaft der Iraner war der Ausgangspunkt der im Laufe der Jahrhunderte zunehmend unumkehrbar erscheinenden und spätestens im 11. Jahrhundert abgeschlossenen Islamisierung des Landes. Durch diese Entwicklung wurden die ehedem dominanten iranischen Mazdaverehrer/Zarathustrier in die Rolle einer religiösen Minderheit gedrängt, die phasenweise extremen Diskriminierungen ausgesetzt war. Die Erinnerung an die Demütigungen, welche viele Zarathustrier zu erdulden hatten, ist auch heute noch Teil der identitätsbegründenden kollektiven Selbstwahrnehmung der iranischen Zarathustrier. In Indien konnten sich die Parsi demgegenüber langfristig weitgehend unbehelligt und ziemlich erfolgreich in gesellschaftlichen Nischen etablieren – sogar unter islamischer Herrschaft, und erst recht in der britischen Kolonialzeit, die in der kulturellen Erinnerung gleichsam als das goldene Zeitalter des Aufstiegs der Parsi gilt.

Verbreitung in der Gegenwart

Im späten 19. Jahrhundert lebten in Iran nur noch knapp 10.000 Zarathustrier. In Indien waren es demgegenüber an die 100.000. Diese Zahl ist allerdings seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auf unter 70.000 zurückgegangen. Die meisten leben in der Riesenstadt Bombay (Mumbai), wo sie über eigene Wohnkolonien verfügen. (In seinem Buch Das Kaleidoskop des Lebens gibt der Schriftsteller Rohinton Mistry einen lebendigen Einblick in das Leben einer Parsi-Wohnkolonie.)

Die Hauptgründe für den dramatischen (und gerade in Indien auffälligen) Rückgang der Zahl der Zarathustrier sind Emigration in den Westen und Geburtenrückgang durch wenige und überdies späte Heiraten und Ehen mit wenigen Kindern – allesamt Folgen gravierender Änderungen in Mentalität und Lebensentwürfen im Zuge sozialer Modernisierung. Diese Entwicklung ist zugleich ein Beispiel für den Kontrast von anerkannten religiösen Vorschriften und sozialer Praxis, denn alle religiösen Texte schreiben ausnahmslos vor, dass man viele Kinder erzeugen soll – eine Vorschrift, die heutzutage aber auch von «frommen» Zarathustriern offenbar nicht als entscheidungsleitend für ihre Lebensplanung empfunden wird.

Ein weiterer Grund für die demographische Misere in Indien besteht besonders in jüngster Zeit in der zunehmenden Zahl von Heiraten mit Andersgläubigen («Mischehen»). Das hat deshalb demographische Konsequenzen, weil die Kinder von Frauen, die Andersgläubige heiraten, prinzipiell nicht in die Religionsgemeinschaft aufgenommen werden. Aus der konservativen Sicht des Klerus ist diese Ausgrenzung ein Gebot der Religion, das man nicht ändern darf, und diese Sichtweise wird auch von den maßgeblichen sozialen Institutionen vertreten; eine Änderung wird zwar verschiedentlich gefordert, ist aber nicht in Sicht. Man scheint sich dabei in einem Teufelskreis zu bewegen, denn je kleiner die Gemeinden werden, desto unwahrscheinlicher ist es wohl, dass religionsinterne Ehen zustande kommen.

Seit dem späten 18. Jahrhundert waren viele iranische Zarathustrier nach Indien gezogen, wo sich im Orbit der bestehenden Parsi-Gemeinden Sub-Milieus iranischer Zarathustrier konstituierten. Diese sogenannten «Iranis» pflegten eigene soziale Netzwerke (z.B. durch Heiraten), kulturelle Traditionen (z.B. Speisekultur, Dialekte, Poesie) und teilweise auch rituelle Praktiken, die dann mitunter von den Parsi aufgegriffen wurden.

In Iran war im Laufe des 20. Jahrhunderts ein zahlenmäßiger Aufschwung zu verzeichnen. In den 1970er Jahren werden Zahlen von 25–30.000 genannt. Inzwischen leb(t)en die meisten Zarathustrier in der modernen Hauptstadt Teheran. Durch die sogenannte Islamische Revolution aber kam es zu einer dramatischen Abwanderung nach Nordamerika, Europa und Australien.

Auch nach über 30-jährigem Bestehen der Islamischen Republik Iran hält die Tendenz zur Abwanderung weiter an, vor allem seitens jüngerer Männer. Ausschlaggebend sind dabei neben politischen Motiven vor allem Frustration über das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Gesamtklima. Während die Emigrationswellen in Iran durch Bevölkerungswachstum anscheinend zumindest teilweise kompensiert werden konnten, ist in Pakistan (1947 von Indien abgespalten) und Sri Lanka (ehemals Ceylon), wo sich seit dem 19. Jahrhundert Parsis niedergelassen hatten, seit mehreren Jahrzehnten ein derart dramatischer demographischer Rückgang zu verzeichnen, dass der Fortbestand der Gemeinden gefährdet erscheint. Neben (religions-)politischen und ökonomischen Motiven sind dafür die Parsi-typischen, oben genannten sozialen Faktoren (wenige und späte Heiraten usw.) ausschlaggebend.

Die ebenfalls im 19. Jahrhundert von Indien aus besiedelten kleinen Gemeinden in Arabien (Aden) sowie Süd- und Ostafrika (Tansania, Sansibar, Kenia, Uganda) existieren inzwischen bestenfalls noch partiell. Auch die meisten südchinesischen Gemeinden (Canton, Macao, Shanghai) gehören der Vergangenheit an, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: Die kleine Gemeinde von Hongkong scheint einigermaßen stabil und ökonomisch prosperierend zu sein. In Singapur gibt es noch eine weitere kleine Gruppe.

Im 19. Jahrhundert zogen Parsi nach England, und in London konstituierte sich in der Folge eine religiöse Gemeinschaft. London ist heutzutage einer der Siedlungsschwerpunkte von Zarathustriern weltweit (mindestens 5000 Personen, vermutlich aber deutlich mehr, auch in anderen Teilen des Vereinigten Königreichs). Auch im restlichen Europa haben sich kleinere Vereinigungen gebildet, wobei hier allerdings in der Mehrheit Personen mit iranischem Hintergrund aktiv sind, so etwa in Göteborg, Hamburg und Paris.

London ist auch der Sitz der 1980 gegründeten World Zoroastrian Organization (WZO), die allerdings nicht von allen lokalen Vereinigungen als repräsentatives Organ anerkannt wird. Eine unbezweifelte Stärke der World Zoroastrian Organization sind ihre karitativen Hilfsprogramme. Im Jahre 2005 wurde von konservativen Kreisen in Mumbai die World Alliance of Parsi and Irani Zartoshtis (WAPIZ) gegründet. Bei dieser alternativen Weltorganisation handelt es sich in erster Linie um eine Interessensorganisation zur Mobilisierung der ethnischen Identität der Parsi in Indien

Die genannten modernen Siedlungsschwerpunkte auf dem indischen Subkontinent sowie in Asien, Afrika und Europa folgen weitgehend der Ausbreitung des britischen Kolonialimperiums, und einige sind im Zuge der Entkolonialisierung auch wieder verschwunden. Eine neue Entwicklung begann, als seit den 1960er Jahren mehr und mehr Zarathustrier nach Nordamerika zogen. Sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten haben sich im Laufe der Zeit größere Gemeinden etabliert. Mit weit über 10.000 Zarathustriern sind diese Länder heute ein demographischer Schwerpunkt der Religion Zarathustras. Nordamerika zieht weiterhin Immigranten aus Indien, Iran und Pakistan an. Viele amerikanische Gemeinden bzw. Organisationen wirken dynamisch und innovativ.

Ebenfalls stark wachsende und junge Gruppen von insgesamt etwa 2000 Zarathustriern haben sich in Australien und in letzter Zeit auch in Neuseeland gebildet.

Transkontinentale Netzwerke und globale Bewegungen

Die Skizze der globalen Ausbreitung der kleinen Religion darf nicht den Eindruck erwecken, dass es sich bei den genannten Ansiedlungen um in sich selbst ruhende isolierte Gruppen handelt. Nicht nur, dass viele Zarathustrier in den großen Umschlagplätzen der globalisierten Moderne leben (z.B. in Bombay, London, Los Angeles, Chicago, Hongkong, Sydney), sondern fast alle Familien haben Mitglieder, die in anderen Teilen der Welt wohnen, sei es auf Dauer oder vorübergehend in der «Arbeitsdiaspora», wie in Dubai, wo etwa 1000 Zarathustrier leben.

Diese Mitglieder sind nicht außer Reichweite. Moderne Verkehrsmittel und Kommunikationsmedien haben vielmehr das Entstehen interkontinentaler Netzwerke in Verwandtschaft und Freundeskreis gefördert. Es gibt Mailinglisten und regelmäßig stattfindende zarathustrische Weltkongresse. Die lokale Geschichte einzelner Gemeinden ist vielfach mit globalen Konstellationen verknüpft – und sei es nur dadurch, dass Gönner vom Ausland aus soziale Einrichtungen vor Ort etablieren oder unterstützen.

Neben der lokalen religiösen Praxis gibt es globale religiöse Bewegungen. So ist in Amerika, Australien und teilweise auch in den älteren Gemeinden in Europa, Iran und partiell in Indien eine Bewegung aktiv, die ich als «neo-zarathustrisch» bezeichne, weil sie unter Berufung auf die «ursprüngliche» Botschaft Zarathustras neue religiöse Ideologien und Infrastrukturen schafft und einige Elemente der traditionellen religiösen Praxis auszumerzen versucht. Dieser Bewegung haben sich viele Konvertiten angeschlossen, vor allem iranische bzw. iranischstämmige Muslime. Derartige Konversionen sind in Iran juristisch ausgeschlossen, und auch das religiöse Establishment in Indien und anderen Ländern lehnt sie vehement ab. Die «neo-zarathustrische» Bewegung führt nicht zuletzt deshalb ein Eigenleben neben den zarathustrischen Institutionen. In jüngster Zeit scheint die Bewegung sogar in Südamerika Fuß zu fassen.

Im Gegenzug zu den «neo-zarathustrischen» Gruppen ist seit den 1980er Jahren eine «neo-traditionalistische» Bewegung gleichermaßen global aktiv. «Neo-traditionalistisch» nenne ich diese Bewegung, weil sie viele der von ihr als «traditionell» betrachteten religiösen Praktiken propagiert, bei der Begründung aber zum Teil doch markant andere Wege geht, als dies in der «traditionellen» Religion der Fall war. Die in älteren Quellen omnipräsente Furcht vor dem Wirken irgendwelcher Dämonen spielt hier beispielsweise kaum eine Rolle.

«Anonyme Zarathustrier»?

Die iranische Welt, in der die Religion Zarathustras beheimatet ist, lässt sich nicht auf die modernen politischen Landesgrenzen Irans reduzieren. Über weitere Strecken der Geschichte gehörte beispielsweise das Zweistromland, also der heutige Irak, zum Iran. Auch die Kurden im Nordwesten sprechen iranische Sprachen, und die kurdischen Kulturen sind in mehrerer Hinsicht als «iranisch» zu beschreiben.

In sprachlich-kulturgeschichtlicher Hinsicht sind auch viele der im Nordosten an den heutigen Iran angrenzenden und entlang der Seidenstraße weit bis nach Zentralasien reichenden Landschaften der iranischen Welt zuzurechnen – angefangen mit Afghanistan bis hin nach Usbekistan und Tadschikistan. Die kulturelle Achse von Kleinasien bis nach Westchina markiert denn auch den geographischen Horizont, innerhalb dessen sich die Religion Zarathustras vor der Dominanz des Islam bewegte.

Heutzutage sind fast alle Bewohner dieser weiten Landstriche Muslime. Nichtsdestoweniger fielen Reisenden und Forschern aber schon seit längerer Zeit in den Mythen, Legenden und rituellen Praktiken mehrerer zentralasiatischer Völker Elemente auf, die einen mehr oder weniger ausgeprägten «zarathustrischen» Beigeschmack haben. Abgesehen von dem religionswissenschaftlich-ethnologischen Interesse an diesen religiösen Formen sind diese Beobachtungen inzwischen auch auf andere Weise relevant geworden. Denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das zoroastrische Erbe für bestimmte Kreise eine interessante Option als einheimische, friedliche und unverbindliche ideologisch-religiöse Alternative. In einigen mittelasiatischen Republiken entstanden zoroastrische Kulturorganisationen, die altiranische Sprachen unterrichten und zum Teil auch zoroastrische Rituale durchführen. Dabei kam es auch zu Initiationen in die Religion Zarathustras. Diese Bestrebungen werden von einigen zoroastrischen Individuen und Organisationen unterstützt, von anderen aber auch zurückhaltend beurteilt oder gar abgelehnt. Gerade in Indien ist man sehr vorsichtig bei der Anerkennung zoroastrischer Identitäten.

Was sollen die Zarathustrier glauben?

Wer erstmals etwas über fremde Religionen hört, möchte in der Regel gerne wissen, was deren Anhänger «eigentlich glauben». Diese Frage ist völlig legitim. Aber sie ist nicht ganz so unschuldig, wie sie zunächst klingt. Sie setzt nämlich ein «protestantisches» Verständnis von Religion als einer Sache des Glaubens voraus – eine für die meisten Religionen irreführende Herangehensweise. Das vorliegende Buch versucht daher, ein vielschichtigeres Bild zu skizzieren.

Wer etwas über den tatsächlichen «Glauben» der Zarathustrier erfahren möchte, kann die «Gläubigen» befragen. Man kann, wie dies Philip Kreyenbroek in einer richtungweisenden Studie getan hat, individuelle Profile, z.B. in Form von Lebensgeschichten, nachzeichnen, oder (wie John Hinnells) statistische Erhebungen durchführen («54 Prozent der Zarathustrier in Houston glauben an die Unsterblichkeit der Seele. 48 Prozent glauben an Reinkarnation»; in Sydney sind es 69 bzw. 52 Prozent, usw.).

Am «rechten Glauben» war natürlich auch zarathustrischen Theologen gelegen, die sich bemüht haben, hier definitorische Klarheit durchzusetzen, z.B. in der Form von didaktischen Texten oder Katechismen. Ein älterer Katechismus ist ein mittelpersischer Text, der als Ratschläge der alten Weisen bekannt ist. (Die nicht namentlich genannten «alten Weisen» gelten als normativ-rhetorische Autoritätsfiguren.) Entsprechend einer in der Spätantike gängigen rhetorischen Form wirft der Text eine Reihe von Fragen auf, die jede(r) Gläubige beim Erreichen des Alters von 15 Jahren zu beantworten im Stande sein sollte (und zwar nach den Maßgaben des Textes!). Schauen wir uns einige dieser 22 Fragen etwas näher an.

Die ersten fünf Fragen lauten:

Wer bin ich? Wem bin ich eigen? Woher bin ich gekommen? Wohin werde ich zurückkehren? Von welcher Abstammung und Herkunft bin ich?

Die Antworten verweisen auf die religiös begründete Stellung des Menschen:

Ich bin aus dem Unsichtbar/Geistigen gekommen und nicht bin ich dem Sichtbar/Materiellen entsprungen. Ich bin geschaffen worden und nicht seiend. Ich bin Ohrmazd (= Ahura Mazda) eigen, nicht Ahreman. Den Göttern bin ich eigen, nicht Ahreman. Den Guten bin ich eigen, nicht den Bösen. Ein Mensch bin ich, kein Dämon.

In den weiteren Ausführungen wird Identität über Abstammung und Familienzugehörigkeit definiert, wobei diese Definition jedoch nicht auf die leibliche Abstammung und Familie verweist. Hier geht es vielmehr um die mythisch-göttliche Zugehörigkeit der Menschen überhaupt:

Meine Abstammung und Herkunft sind von Gayomard [dem Ur-Menschen der Schöpfung]. Meine Mutter ist Spandarmad [eine göttliche Akteurin/Göttin], mein Vater ist Ohrmazd (= Ahura Mazda). Mein Menschsein ist von Mahre und Mahriyane, den ersten Nachkommen von Gayomard.

Zwei Fragen betreffen die Aufgaben im Diesseits, der sichtbar/materiellen Sphäre, und die (aus der Erfüllung der Pflichten resultierende und zu erwartende) Belohnung im Jenseits, der unsichtbar/geistigen Sphäre. In der Antwort nennt der Autor (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Mann und Priester!) zunächst geistig-religiöse Akte als zentrale Aufgaben des Menschen:

An Ohrmazd (= Ahura Mazda) denken – daran, dass er ist, dass er immer war, dass er immer sein wird und dass er der unsterbliche Herr ist, unbegrenzt und rein; und an Ahreman denken – daran, dass er nicht ist, dass er zunichte werden wird.

Der Text nennt auch einige diesseitige Pflichten, wobei die Ausübung der Religion an erster Stelle steht. An zweiter Stelle werden die bereits erwähnten Pflichten der Ehe und Fortpflanzung genannt. Drittens soll das Land bestellt werden – die Landwirtschaft ist also die religiös sanktionierte Wirtschaftsform. An vierter Stelle folgt die Ermahnung, gut mit dem Vieh umzugehen. Zuletzt folgt die Anweisung, wie man sich den Tag einzuteilen habe: Ein Drittel des Tages ist für religiöse Unterweisung bereitzustellen (das ist wohl Wunschdenken eines Theologen geblieben), ein Drittel für die Landwirtschaft und das letzte Drittel für Essen, Spaß und Ruhe.

Ein weiteres Grundmotiv des Katechismus besteht darin, dass man keine Zweifel hegen solle – zum Beispiel nicht daran, dass tugendhaftes Handeln belohnt werde und dass es nur einen Weg der Religion gebe. Dieser Weg bestehe aus guten Gedanken, guten Worten und guten Handlungen, aus Licht, Unbeflecktheit und Ohrmazds Unendlichkeit.

Außerdem solle man nicht daran zweifeln, dass es zwei Prinzipien gebe. Das eine Prinzip ist Ohrmazd (= Ahura Mazda), der alles geschaffen habe, und der Ursprung alles Guten und Lichthaften sei. Das zweite Prinzip ist der Übelriechende Geist, der Zerstörer, der mit dem Bösen und dem Tod in Verbindung steht.

Der Text führt viele weitere praktische Vorschriften und Pflichten auf, die hier nicht wiedergegeben werden können. Gegen Ende wird noch einmal prononciert eine Überordnung (a) der Seele über den Körper und (b) der unsichtbar/geistigen über die sichtbar/materielle Seinssphäre zum Ausdruck gebracht.

Ratschlägen der alten Weisen