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Katharina Kakar

Frauen in Indien

Leben zwischen
Unterdrückung und
Widerstand

 

 

 

 

 

C.H.Beck

 


 

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Zum Buch

Im Dezember 2012 wird eine 23-jährige Studentin in einem Bus in Delhi zum Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Ihr Tod kurz darauf löst wochenlange Proteste in Indien aus. Katharina Kakars bewegendes Buch erschließt uns die Lebensrealität der Frauen auf dem Subkontinent, die millionenfaches Unrecht erleiden, aber häufig auch unvorstellbaren Mut aufbringen, um sich zu wehren.

Dabei kennt die Gewalt viele Gestalten: Ehrenmorde und häusliche Gewalt, Mitgiftmorde und Vergewaltigungen, die Abtreibung weiblicher Föten und die Tötung kleiner Mädchen sind in Indien an der Tagesordnung. Sucht man nach den Gründen, begegnet man zwei gleichermaßen erdrückenden Realitäten: den kulturell tief verwurzelten patriarchalen Strukturen und dem ökonomischen Überlebenskampf der unteren Schichten. Katharina Kakar zeichnet ein vielfältiges Bild der Welt indischer Frauen, die Lichtseiten eingeschlossen: So ist der berufliche Weg von gut ausgebildeten Frauen in Indien oft leichter als vielerorts im Westen. Die Heldinnen dieses Buches aber sind die Frauen, die sich findig und furchtlos gegen das Unrecht stellen.

Über die Autorin

Katharina Kakar ist promovierte Religionswissenschaftlerin und Anthropologin. Nach Lehraufträgen an der FU Berlin lebt sie heute in Goa (Indien), wo sie als Autorin und bildende Künstlerin tätig ist. Sie ist Gründerin und Vorsitzende des Tara Trust für Kinder und Frauen. Zusammen mit Sudhir Kakar hat sie bei C.H.Beck veröffentlicht: Die Inder. Porträt einer Gesellschaft (2006).

Für meinen Mann, Sudhir Kakar, der die Gleichstellung von Frauen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten im privaten und öffentlichen Leben stets unterstützt

Inhalt

Einleitung

 

1.   Sexualität: Der Aufbruch der urbanen Mittelschicht

2.   Lust: Zwischen Kamasutra und Bollywood

3.   Ehe: Arrangement, Liebe, Scheidung

4.   Status: Alte Rollen, neue Rollen und die Frage der Ehrbarkeit

5.   Macht: Die vergöttlichte Mutter und die Muttergöttin

6.   Gewalt: Mitgift und häusliche Brutalität

7.   Entwertung: Die «fehlenden Frauen»

8.   Vergewaltigung: Dominanz und Unterwerfung

9.   Armut: Arbeit, Kasten und Chancen des Aufstiegs

10. Widerstand: Feminismus, Auflehnung, Gegenwehr

11. Nation: Der Körper der Frauen

 

Anmerkungen

Glossar

Quellen und Literatur

Dank

Einleitung

When men are oppressed, it’s a tragedy.
When women are oppressed, it’s tradition.

Letty Cottin Pogrebin

Eine 23-jährige Physiotherapie-Studentin stirbt, zwei Wochen nachdem sie einer brutalen Gruppenvergewaltigung zum Opfer fiel. Dieses Ereignis, das sich im Dezember 2012 in einem fahrenden Bus in Indiens Hauptstadt Delhi abspielte, löste auf dem indischen Subkontinent über Wochen anhaltende Proteste aus und schlug auch in den internationalen Medien beachtliche Wellen. Nie zuvor scheint sich Europa so sehr für das Schicksal und den Status indischer Frauen interessiert zu haben. Eine Flut von Berichten folgte, in denen Frauen meistens in die Opferrolle gedrängt wurden, ohne kulturelle Zusammenhänge und die Vielfalt indischer Lebenswelten einzubeziehen. Das vorliegende Buch möchte dieser Tendenz entgegenwirken, indem es die heterogene Welt indischer Frauen von innen und aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchtet. Die Gewalt und das Unrecht, das Millionen Frauen täglich erdulden, werden ebenso dargestellt wie die sogenannte «sexuelle Revolution» und der soziale Wandel, die in den urbanen Zentren Indiens zu massiven Veränderungen und Verunsicherungen führen.

Es geht nicht darum, ein lückenloses Bild weiblicher Lebenswelten in Indien zu zeichnen – das ist in einer so komplexen Gesellschaft auch gar nicht möglich –, sondern es soll mithilfe exemplarischer Ereignisse, Menschen und Themen ein differenzierterer Blick entwickelt werden, der die Vielfältigkeit im Denken und Leben indischer Frauen ebenso beleuchtet wie die Herausforderungen der heutigen Zeit. Widersprüchlichkeiten werden dabei nicht aufgehoben, sondern stehengelassen: So ist der niedrige Status von Frauen genauso eine soziale Realität wie die ideologische Überhöhung der Mutter(göttin). Mädchen und Frauen müssen größere Hürden nehmen, um sich auf dem Arbeitsmarkt zu etablieren; haben sie aber einen gewissen Bildungsstand erreicht, werden sie in der Berufswelt sehr viel gleichwertiger behandelt als Frauen in Europa und Amerika. Sie mögen klassische, weibliche Rollenvorstellungen weniger infrage stellen, als dies in westlichen Gesellschaften erwartet wird, aber sie müssen ihr Wissen und Können nicht doppelt beweisen, bekommen häufiger gleiche Gehälter wie Männer und steigen selbstverständlicher in Führungspositionen auf.

Betrachtet man Indien nicht als ein Land, sondern als 32 unterschiedliche Nationen mit einer sprachlichen und kulturellen Vielfalt, die vergleichbar ist mit der Vielfalt Europas, so wird verständlicher, dass das im Westen gezeichnete Bild der «geknechteten Frau» der sozialen Realität Indiens mit seiner Vielfalt an Lebenswelten und Lebensmöglichkeiten so nicht standhalten kann. Es kommt erschwerend hinzu, dass immer auch die sozialen, ökonomischen, politischen und technologischen Gegebenheiten der verschiedenen Regionen des Landes berücksichtigt werden müssen, denn in Indien existieren mindestens fünf «weltgeschichtliche Zeitzonen» gleichzeitig, ohne sich unbedingt zu berühren. Zeitzone 1: isoliert-abgelegene Landstriche indischer Ureinwohner in den Wäldern Zentralindiens, deren Lebensumstände sich in den letzten 500 Jahren nur wenig verändert haben; Zeitzone 2: das ländliche, überwiegend agrarwirtschaftliche Indien des nordischen Flachlands mit seinen technischen Neuerungen, wo sich das Leben ungefähr so abspielt wie im frühen 20. Jahrhundert; Zeitzone 3: die Kleinstund Kleinstädte Indiens mit ihren lokalen Eliten, die sich in vielerlei Hinsicht mit dem europäischen Stadtleben des 19. Jahrhunderts vergleichen lassen; Zeitzone 4: die Metropolen Indiens mit ihrer Rast- und Wurzellosigkeit der aufsteigenden Mittelschicht und den möglichen Freiheiten des 21. Jahrhunderts; schließlich Zeitzone 5: die globalisierte, privilegierte Schicht, die sich die Welt in ihre Häuser holt, frei im In- und Ausland reist und sich somit physisch wie virtuell in einem globalen 21. Jahrhundert bewegt.[1]

Die Lebensräume dieser fünf Zeitzonen mögen stark voneinander abgegrenzt sein, aber in den Metropolen «interagieren» sie beständig miteinander: Frauen aus den urbanen Slums helfen im Haushalt der aufsteigenden Mittelschicht, Frauen in Führungspositionen sind im täglichen Kontakt mit Mitarbeiterinnen der Mittelschicht usw. Sie können mit ihren partiellen Schnittmengen im Vergleich zu einem sehr viel homogeneren Europa als ein Baustein verstanden werden, die Vielzahl weiblicher Realitäten in Indien einzuordnen. Und sie machen die kaum zu überbrückende Kluft zwischen Indern verschiedenster Kasten und Herkunft im Umgang mit Frauen und mit (weiblicher) Sexualität verständlich. Es liegen mitunter Welten dazwischen, wie Frauen im öffentlichen Raum von anderen wahrgenommen werden und wie sie sich selbst wahrnehmen. Es stellt sich also die Frage, wie sie mit familiären Erwartungen und beruflichen Vorstellungen umgehen, wie sich ihre Sehnsüchte und Ambitionen gestalten.

Befasst man sich mit diesen und anderen Geschlechterfragen in Indien, darf man zwei Achsen nicht aus dem Blick verlieren: Kaste und Klasse. Patriarchale Strukturen der höheren Kasten einerseits und der wirtschaftliche Überlebenskampf der unteren Schichten andererseits sind untrennbar mit der Gewalt gegen Frauen verbunden. Einer Gewalt, die mit der selektiven Abtreibung weiblicher Föten im Mutterbauch beginnt. Oft sind es gar nicht unbedingt die Männer, sondern ältere Frauen einer Familie, die als Komplizinnen tief verinnerlichter patriarchaler Strukturen das Rad der Gewalt immer weiter drehen. Der Abtreibung weiblicher Föten kann nicht entgegengewirkt werden, indem die Geschlechtsbestimmung im Mutterbauch per Ultraschall unter Strafe gestellt wird; die schlechtere Versorgung kleiner Mädchen kann nicht verhindert werden, solange die Geburt von Mädchen Familien der Unterschicht und unteren Mittelschicht ökonomische Nachteile bringt; die Forderung nach einer offenen und gleichberechtigten Sexualität kann nicht erfüllt werden, solange hochkastige Reinheitsvorstellungen über den Körper von Frauen verhandelt werden. Mit anderen Worten: Wer Frauenpolitik betreiben will, muss Kastenpolitik betreiben; wer der Tötung von Mädchen durch Abtreibung, Unterernährung und zweitklassige medizinische Versorgung entgegenwirken will, muss politische Maßnahmen durchsetzen, die ökonomisch schlecht gestellte Familien ohne Söhne nicht in den finanziellen Ruin treiben; wer eine tatsächliche sexuelle Gleichstellung von Frauen und Männern einfordert, sollte nicht nur das Verhalten der Männer, sondern auch die Wertevermittlung ihrer Mütter (und Schwestern) kritisch infrage stellen.

Die in diesem Buch angesprochenen kulturellen Kontexte, die zu einem vertiefenden Verständnis indischer Vorstellungen beitragen sollen, beschränken sich auf die dominante soziale und religiöse Gruppe Indiens: die Hindus. Obgleich es sich bei «den» Hindus um zutiefst heterogene Gruppen und Gemeinschaften handelt, wird der Diskurs der Gewalt gegen Frauen von der urbanen Mittelschicht und den Wertvorstellungen der oberen Kasten dominiert. Diese «hörbaren» Stimmen grenzen die Lebenskontexte, Erfahrungen und Bedürfnisse der Mehrheit indischer Frauen aus, entmündigen sie, machen sie zu Opfern – Vorstellungen, die in der westlichen Medienwelt zu selten hinterfragt werden.

Im vorliegenden Buch berufe ich mich auf Erfahrungen, die ich als Anthropologin und Mitglied einer indischen Familie, als Ansässige in einem südindischen Dorf und aus meiner Arbeit mit Kindern benachteiligter Familien in den letzten 27 Jahren gesammelt habe. Neben der reichhaltigen Literatur, neben Statistiken und Zeitungsberichten zu diesem Thema bilden meine vielfältigen Reisen in Indien und meine Arbeit als bildende Künstlerin eine Grundlage meiner Darstellung, ebenso wie Feldforschungen und Interviews, die eigens für dieses Buch unternommen wurden. Auch wenn mein Blick stets auf der Gewalt liegt, der Millionen Frauen ausgesetzt sind, soll hier nicht der Opferstatus von Frauen im Vordergrund stehen, sondern vielmehr ihre Findigkeit und ihr Einfallsreichtum, ihre Unabhängigkeit und ihr Mut in für uns oft unvorstellbaren Lebenssituationen.

1. Sexualität:

Der Aufbruch der urbanen Mittelschicht

«Meine Eltern und mein Bruder denken, dass ich noch Jungfrau bin», sagt Shivani und lacht leise. «Es wäre die Hölle los, wenn sie wüssten, dass ich einen Freund habe.» Wir sitzen auf Klappstühlen in einem Raum ihrer Universität und trinken überzuckerten Tee aus Plastikbechern. Shivani ist ungewöhnlich offen. Ihre schönen Augen mustern mich aufmerksam. Wie auch bei ihren Kommilitoninnen und einer Reihe anderer junger Frauen, mit denen ich über mehrere Monate hinweg immer wieder Gespräche führte, überrascht mich Shivanis Selbstbewusstsein, ihre Körpersprache, ihr unbedingter Wille, etwas aus ihrem Leben und ihren Talenten machen zu wollen. Sie ist einundzwanzig und lebt mit ihrer Familie in einer Drei-Zimmer-Wohnung im Norden Delhis. Wer nicht aus anderen Orten zum Studium hierher gezogen ist und in einem Hostel wohnt, lebt mit den Eltern und nimmt zum Teil lange Wegstrecken zur Uni in Kauf. «Ich möchte einen guten Job und ich bin bereit, alles dafür zu geben.» Sie hat klare Ziele, nimmt ihr Studium nicht auf die leichte Schulter und wird auch nach der Verheiratung, wie sie sagt, arbeiten. Und wenn ihre Schwiegereltern dagegen etwas einzuwenden hätten? «Das werden sie nicht. In so eine Familie würde ich nicht heiraten», sagt Shivani selbstbewusst. «Warum sollten sie sich beschweren, wenn ich zum Einkommen beitrage? Ich werde meine Pflichten nicht vernachlässigen.» Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: «Ich gehe sogar regelmäßig in den Tempel.»

Indiens junge, gebildete Frauen von heute erwarten von sich selbst, dass sie sich mit der Heirat ganz klassisch um Familie, Haushalt und Götter kümmern, die alten Rollenvorstellungen also nicht verletzen, gleichzeitig aber attraktiv, karriereorientiert und beruflich erfolgreich sind. Sie sind entschlossen, diese Kraft aufzubringen, und haben das Ideal «weiblicher Stärke» zutiefst verinnerlicht. Die meisten Studentinnen der Mittelschicht wollen arbeiten (auch wenn nicht alle es später dürfen), sie möchten heiraten, Familien gründen und ihren beruflichen Ambitionen folgen. Während es noch vor zwei Jahrzehnten die Regel war, dass junge Frauen ihr Studium nach der Heirat nicht weiterführten, gehört es heute zum guten Ton der aufstrebenden Schichten, höhere Bildung und Berufstätigkeit von jungen Frauen zu befürworten. Dies ist ein Grund dafür, dass das Alter heiratswilliger Frauen sich um zehn Jahre nach hinten verschoben hat, nämlich auf Mitte bis Ende zwanzig. Dennoch ist es kein Einzelfall, wenn jungen Frauen der Mittelschicht von der Schwiegerfamilie vor der (arrangierten) Ehe das Versprechen gegeben wird, dass sie auch als verheiratete Frau weiterarbeiten dürfen, dass nach der Heirat hingegen Druck ausgeübt wird, die Berufstätigkeit oder das Studium zugunsten familiärer Pflichten aufzugeben.

Das ist zum Beispiel Vidya, eine frischverheiratete End-Zwanzigerin aus Bhopal in Mittelindien, die einen lukrativen Job in einer Bank hat. Sie hatte es zur Bedingung ihrer arrangierten Heirat gemacht, weiter voll berufstätig zu sein. Im Verlauf unseres Gesprächs wurde jedoch deutlich, dass sie ihren Job höchstwahrscheinlich aufgeben muss, falls ein Kind kommt oder die Schwiegereltern kränkeln. «Der Wunsch der Älteren hat Vorrang. Was soll ich da machen? Ich werde mich nicht gegen sie stellen», sagte sie leise und presste ihre Lippen aufeinander. In den meisten Fällen werden Frauen wie Vidya ihren Wunsch, außer Haus zu arbeiten, nur dann durchsetzen können, wenn ihre Partner sie vor der Familie offen unterstützen, sie also die Kooperation der neuen Familie erwarten können oder das Paar allein in einer eigenen Wohnung lebt.

Junge Frauen wie Shivani erwarten dementsprechend, dass ihre zukünftigen Ehepartner ihre Werte teilen. Der Partner soll nicht nur an seinen eigenen Bedürfnissen interessiert sein, sondern ihre ebenso berücksichtigen. An dieser Stelle lacht Shivani wieder leise und fingert an dem farbenfrohen Schal ihres trendigen Salvar Kameez[*]: Sie meint ihre sexuellen Bedürfnisse, die Sehnsucht, nicht nur im alltäglichen Zusammenleben, sondern auch im Ehebett Intimität und Zuwendung erleben zu dürfen. Die heranwachsende Generation in den Großstädten spielt die Bedeutung einer befriedigenden Sexualität in der Paarbeziehung nicht länger herunter. Der Ehepartner als Begleiter und bester Freund, wie in der Generation ihrer Eltern hochgehalten, hat nicht an Wichtigkeit verloren – aber auch der Sex muss stimmen. Wann hat sie begonnen, sich für ihren Körper zu interessieren? Wer hat sie aufgeklärt? Spricht sie mit ihren Freundinnen über Sex?

Als Shivani ihre erste Menstruation bekam, hatte ihre Mutter ihr mit großer Anstrengung zu erklären versucht, was es bedeutete, dass nun einmal monatlich aus ihrem pee-pee Blut floss. Es war ihr peinlich, sie wusste längst über ihre zwei Jahre ältere Cousine Bescheid. Shivani sagt wie ihre Mutter pee-pee oder spricht von «da unten», wenn es um ihre Vagina geht. Den meisten Frauen und Männern in Indien ist es unangenehm, Worte wie «Vagina», «Sex», «Menstruation» oder «Masturbation» auszusprechen. Als Eve Enslers Welterfolg, das Theaterstück The Vagina Monologues, im Jahr 2003 erstmals nach Indien kam, weigerten sich viele Schauspielerinnen, die Rolle zu übernehmen, mit der Begründung, sie könnten es nicht über sich bringen, das V-Wort auszusprechen.[1] Die aus Tamil Nadu stammende Psychologin Amrita Narayanan, die sich umfassend mit der Sexualität indischer Frauen der Gegenwart befasst, kommentiert: «Die meisten Frauen erzählten Geschichten von mütterlicher Zurückweisung während oder vor der Pubertät, als ich sie zu ihren frühesten sexuellen Erfahrungen befragt habe.» Narayanan verweist auf die tiefe Scham, die diese mütterliche Zurückweisung auslöst, wenn auf die sexuelle Neugierde des Kindes mit Ekel oder Negativität reagiert wird.[2] Die Weichen der Selbst-Unterdrückung weiblicher Sexualität werden also früh gestellt. Bereits dem kleinen Mädchen, das das angenehme Gefühl sexueller Erregtheit an sich entdeckt, wird vermittelt, dass ihr Körper ihr nicht für das eigene, subjektive Vergnügen zur Verfügung stehe. Mit den Einschränkungen ihrer Freiheit ab der Pubertät setzt eine Selbstzensur ein, indem es die Einsicht aus dem alten Gesetzestext, dem Manu Smriti*, vollends verinnerlicht, «dass kein Mann in der Lage ist, eine Frau zu bewachen – der beste Wächter einer Frau ist sie selbst».[3] Die Hemmung, Worte wie Vagina oder Masturbation schamfrei aussprechen zu können, ist ein Hinweis auf diese tief verankerte sexuelle Selbstunterdrückung. Die überwältigende Mehrheit indischer Frauen – sieht man von Teilen der Oberschicht und oberen Mittelschicht einmal ab – ist mit diesem «Gepäck» unterwegs, nämlich dass eine respektable Frau ihre sexuellen Wünsche unsichtbar zu machen hat und sich dementsprechend verhält, auch körperlich: keine provokante Kleidung, nicht zu laut sprechen, keine zu großen Schritte, Zurückhaltung, Häuslichkeit, Gehorsam, nicht in männlicher Begleitung ausgehen.

Dennoch kann und soll der Wandel, der in den Metropolen stattfindet und der in konservative, kleinere Städte überzuschwappen beginnt, nicht geleugnet werden. Jeans und enge Tops an den Colleges und Universitäten werden inzwischen mit dem gleichen Selbstverständnis getragen wie der traditionelle dreiteilige Salvar Kameez. Die gebildete Generation junger Frauen kann sich artikulieren, ist selbständig und körperbewusst. Die Shivanis der Gegenwart wagen den Spagat zwischen elterlichen Vorgaben und der Bewusstwerdung ihrer eigenen Subjektivität. Sie fordern ihre Rechte lauter ein, als ihre Mütter es jemals wagten. Die sogenannte «sexuelle Revolution»[4] in den Metropolen wird interessanterweise vornehmlich von dieser Generation selbstbewusster, gebildeter Mittelschicht-Frauen angetrieben. Sie wollen ihren Platz im öffentlichen Raum, im Berufsleben, in der Sexualität. Zugpferd ist also nicht (nur) die dünne Schicht der indischen Elite – die hat sich, wie Eliten überall auf der Welt, schon immer anderer Freiheiten bedient –, sondern es sind junge Frauen wie Shivani, die in konservativen Familien groß werden, aber genauso wie ihre Brüder geliebt und gefördert werden; die heimlich einen Freund haben, aber eine (semi-)arrangierte Heirat nicht grundsätzlich ablehnen (vgl. Kapitel 3). Frauen, die aus Familien stammen, in denen nicht nur vorehelicher Sex oder Masturbation, sondern bereits das Interesse an sexuellen Fragen mit einem Stigma behaftet ist. Frauen aus Familien, in denen mit großem Stolz auf die klugen, selbstbewussten Töchter geblickt wird, aber auch mit Strenge darauf geachtet wird, dass sie ihre Grenzen nicht überschreiten und damit die Familienehre und ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt beschädigen. Es gehört zum Selbstverständnis dieser aufstrebenden Mittelschicht, dass die Töchter studieren und ihre Eltern ähnliche Erwartungen an sie stellen wie an die Söhne. Ein Studium erweitert nicht nur die Chancen auf dem Heiratsmarkt, es ermöglicht den jungen Frauen auch, notfalls ökonomisch auf eigenen Beinen zu stehen, falls die Ehe scheitern sollte.

Wie schaffen junge Frauen wie Shivani diesen Spagat?

Die Familie in Indien hat, und das zieht sich durch alle Kasten und Klassen, ein hohes Mitspracherecht bei den Entscheidungen ihrer Mitglieder. Die Bedeutung (und Autorität) der Familienälteren hat sich in Indien auch im 21. Jahrhundert mit seinen rasanten Entwicklungen keinesfalls zersetzt, d.h. die Familie ist nach wie vor der Lebensmittelpunkt für die meisten Inder aller Altersklassen. Familiäre Akzeptanz und Liebe, Rückhalt, Loyalität und Zugehörigkeit sind dominante Werte, und es wird erwartet, dass individuelle Bedürfnisse diesen Werten untergeordnet werden. Das bedeutet, dass Veränderungen und Wünsche von den Jüngeren stets mit Vorsicht «verhandelt» werden, was impliziert, dass die heranwachsende Generation den Familienälteren vieles vorenthält. Teile ihrer «inneren Landschaft», was sie denken oder tun, werden unter Verschluss gehalten, und junge Frauen lernen früh zu manipulieren, um ihre Interessen auf indirektem Weg dort durchzusetzen, wo offene Konfrontation nicht erlaubt ist.

So hält auch Shivani es für klüger, ihre Liebschaft (vorerst weiter) zu verheimlichen, hofft aber, dass ihre Eltern und die ihres Freundes einer Heirat zustimmen, sollte sich die Beziehung als stabil herausstellen. Es ist vorstellbar, dass Shivani mit allen Mitteln für ihren Freund kämpft, falls ihre Eltern sich gegen die Verbindung stellen sollten; es ist allerdings unwahrscheinlich, dass sie ihren Freund ohne das Einverständnis der Eltern tatsächlich heiraten würde. So ist es beispielsweise Vidya ergangen. Als sie von Bhopal (Mittelindien) zum Studieren nach Pune (Poona) kam, war sie zunächst schockiert über den offenen Umgang der Geschlechter miteinander. Irgendwann hatte sie selbst einen Freund, den sie gerne geheiratet hätte. Ihre Familie hatte keine Einwände, wohl aber die ihres Freundes, so dass mit dem Ende des Studiums beide eine arrangierte Ehe mit anderen Partnern eingingen. Ihr Ehemann weiß nichts von dieser Verbindung. Sie erzählt, dass ihr Ex-Freund sie noch immer anrufe, aber nun, da sie frisch verheiratet sei, könne sie seine Anrufe nicht mehr entgegennehmen.

Wenn die jungen Frauen sich dem Ende des Studiums nähern, wächst der familiäre Druck zu heiraten. Während Frauen noch vor zwei bis drei Generationen mit dem Eintreten der Pubertät verheiratet wurden (auf dem Land ist das zum Teil noch heute so), ist das Heiratsalter in den Städten in den letzten vier Jahrzehnten stetig gestiegen. Ist eine Frau allerdings mit Ende zwanzig oder Anfang dreißig noch immer unverheiratet, beginnt die Familie zu intervenieren. Selbst in liberalen Kreisen kommt es vor, dass Frauen ihr Liebesleben im Mitwissen der Familie leben, parallel dazu aber auf von der Familie arrangierte Dates mit potenziellen Heiratspartnern gehen. Auf solchen Dates, die die Eltern über Webportale wie shaadi.com oder über das Netzwerk der Verwandtschaft «arrangieren», trifft man sich für eine Stunde (meistens in Gegenwart eines Familienmitglieds) in einem Cafe oder der Lobby eines Hotels, um sich kennenzulernen. Sind die jungen Leute einander nicht abgeneigt und die Familienälteren ebenfalls «einverstanden», kommt es zu weiteren Treffen (dann häufig ohne Familienanhang) und schließlich möglicherweise zu einer Eheschließung.

«Warum machst du das mit?», frage ich Madhu, eine attraktive Frau Ende zwanzig, die seit zwei Jahren einen festen Freund hat, von dem auch ihre Eltern wissen. «Ich muss auf ihre Wünsche eingehen, vielleicht hören sie irgendwann auf, mir shaadi.com-Männer vorzustellen, und akzeptieren Sanjay.» Der weiß nichts von diesen arrangierten Dates, die Madhu widerwillig wie eine Pflichtübung absolviert. «Es würde ihn nur wütend machen», sagt sie und schaut zu Boden. Sechs solcher Treffen hat sie hinter sich, viermal hatte sich die andere Partie bei ihren Eltern nicht wieder zurückgemeldet, zweimal musste sie ihren Eltern erklären, dass sie zu einem zweiten Treffen nicht bereit sei. Nach wie vor gilt, was schon eine breite Studie von 1981 herausstellte: Das persönliche Wohlbefinden von Frauen ist zutiefst an das Wohlbefinden der anderen (engeren) Familienmitglieder gebunden.[5] Für Madhu ist es einfacher, den Wünschen ihrer Eltern nachzugeben, die arrangierten Dates ihrer Eltern also «auszusitzen» und in passiver Rebellion zu hoffen, dass die Eltern irgendwann in eine Heirat mit ihrem Freund einwilligen, als in die offene Konfrontation zu gehen.

Die Vermittlung von Neuem wird in den konservativen, familiären Strukturen möglich, indem bekannte Werte nach neuen Bedürfnissen ausgerichtet werden, ohne sich zu weit von Vertrautem zu entfernen.[6] Mit anderen Worten, die freie Partnerwahl Shivanis oder Madhus mutiert zu einer semi-arrangierten Heirat, indem der familiäre Konsens eingeholt wird. Nicht der Bruch mit traditionellen Werten, sondern ihre «Dehnung» wird verhandelt. Und falls Shivani oder Madhu nicht ihren derzeitigen Freund heiraten, werden sie – so wie Vidya – mit hoher Wahrscheinlichkeit aus pragmatischen Gründen leugnen, Sex mit einem anderen Mann gehabt zu haben.

Untersuchungen im städtischen Milieu zeigen, dass über drei Viertel der befragten jungen Männer, die häufig selbst vorehelichen Sex hatten, nicht bereit sind, eine Frau zu heiraten, die mit einem anderen Mann geschlafen hat.[7] Hat eine Frau sexuelle Erfahrung, wird sie als «eine von der Sorte» abgestempelt – eine randi* oder chinaar*, also ein «leichtes Mädchen», eine Schlampe, Prostituierte.[8] Man(n) schläft zwar auch (und gerne) mit solchen Frauen, weil sie «hot» sind, oder man mit ihnen Dinge machen kann, für die die «gute» Frau zu prüde ist, sie ist aber kein «Heiratsmaterial». Der Ausdruck marriage material wird tatsächlich in der Mittelschicht wie selbstverständlich benutzt (für Frauen und Männer), er sagt eine Menge darüber aus, wo für Familien die Prioritäten in der Wahl ehelicher Verbindungen liegen. Die Erwartung weiblicher Jungfräulichkeit mag regional stark variieren – in Goa oder Bangalore wird Sexualität liberaler verhandelt als in Tamil Nadu, wo angeblich 99 % der jungen Männer erwarten, dass ihre Braut Jungfrau ist.[9] Aber selbst wenn man großzügig annimmt, dass im gesamtindischen Durchschnitt inzwischen ein Drittel junger Männer liberalere Einstellungen vertritt, so ist doch in der Psyche von mindestens zwei Dritteln aller Männer (viele sagen: 95 %) die Trennung von Frauen in zwei «Sorten» zutiefst verankert: einerseits die «gute» (enthaltsame) Frau, die den Schutz der Männer verdient und die man heiratet, und andererseits die «schlechte» (sexuell aktive) Frau, die im öffentlichen Raum Freiwild ist und nach diesem männlichen Selbstverständnis selbst verantwortet, wie mit ihr umgegangen wird. «Unsere Gesellschaft strukturiert sich aus zutiefst verinnerlichten Haltungen und Werten, die für Frauen unterdrückend sind», schreibt Fareed Kazmi. «Statt für ihre Erfahrung in sexuellen Angelegenheiten geschätzt zu werden, werden Frauen für ihre ‹Unschuld› geschätzt.»[10] Dieser Misogynismus reduziert Frauen zu Objekten und vermittelt ihnen, dass ihr Körper letztendlich nicht ihnen selbst, sondern dem Vergnügen des Mannes zur Verfügung zu stehen hat, falls sie nicht den hohen Preis zahlen wollen, gesellschaftlichen Respekt einzubüßen und auf dem Heiratsmarkt schwer vermittelbar zu sein.

Die jungen Frauen wissen das. Auch wenn Liebschaften, vorehelicher Sex und ein weit offenerer Umgang mit der Sexualität inzwischen verbreiteter sind als oft angenommen und die junge Generation weniger schamvoll auf ihre Körper und ihre Bedürfnisse reagiert als noch vor einem Jahrzehnt, lassen sich junge Frauen nicht leichtfertig auf ihren ersten Sex ein.[11] Mit Ausnahme einer dünnen Kruste urbaner Eliten, die sehr viel liberalere Werte als ihre konservativen Mitbürger vertreten, wird es bei den meisten jungen Frauen Monate dauern, bis der Freund «darf», und die Beziehung muss – zumindest in ihrer Vorstellung – ernst sein. Wie weit sich die Einstellung gegenüber vorehelichem Sex in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat, zeigt sich in Umfragen: In einer 1997 durchgeführten Studie mit über 2000 Studentinnen und Studenten der urbanen Mittelschicht waren 72 % der Meinung, dass Jungfräulichkeit vor der Ehe auf jeden Fall eingehalten werden sollte, während heute über 60 % junger Menschen vorehelichen Sex befürworten. Dennoch ist das Tabu des außerehelichen Sex tief verinnerlicht. Das zeigt sich beispielsweise daran, dass 77 % befragter Männer und Frauen Schuldgefühle haben, wenn vorehelicher Sex mit einem Partner nicht zu einer Ehe führt.[12]

Eine Studie von Durex Condoms kam zu dem Ergebnis, dass Inder und Inderinnen (in Indien) ihre Jungfräulichkeit später verlieren als die meisten Menschen in fast allen Ländern weltweit, nämlich mit ca. 22 Jahren. Nur Indonesien und Malaysia haben ein noch höheres Durchschnittsalter für den ersten Sex, nämlich über 23 Jahre.[13] Junge Männer wie Frauen, die ihr Herz verschenken, haben hohe Erwartungen an ihren ersten Partner und gehen mehrheitlich davon aus, diesen zu heiraten. Wie eine Untersuchung des indischen Ministeriums für Gesundheit und Familie aus dem Jahr 2007 belegt, wollen 61 % der Männer und 78 % der Frauen mit ihren ersten (sexuellen) Partnern eine Ehe eingehen. Dass schließlich nur 42 % der Männer, aber angeblich 86 % der Frauen dies tun, verweist auf die gesellschaftlichen Zwänge, denen sexuell aktive Frauen ausgesetzt sind.[14]

An einem Ende der Skala sind Frauen wie Shivani also damit konfrontiert, mit zutiefst verinnerlichten, konservativen Werten zu Reinheitsvorstellungen umzugehen, die über den Körper der Frau verhandelt werden (vgl. Kapitel 11); am anderen Ende der Skala bewegen sie sich in einem sich rasant wandelnden Umfeld – zunehmende Bildung, wachsende ökonomische Unabhängigkeit und globalisierte Metropolen –, das ihnen erlaubt, ihre Sexualität freier auszuleben. Dieses explosive Spannungsfeld führt nicht selten zu einem «Yo-Yo-Effekt» der Gefühle, dem nicht alle standzuhalten vermögen: Suizid ist zur zweithäufigsten Todesursache gut gebildeter junger Menschen (15–29 Jahre) in Indien geworden.[15] Gerade junge Frauen, die in einem konservativ-traditionellen Mittelschichtumfeld aufwuchsen und nun – unter hohem Erfolgsdruck – in den Metropolen studieren oder ihre ersten Arbeitserfahrungen machen, leben häufig eine Art Doppelleben. Entfernt von der Kontrolle der Familie, verlieben sie sich, haben erste «Dates» bei McDonald und Pizza-Hut, feiern in Nachtclubs, trinken Alkohol, rauchen und tragen Kleidung, die ihre Eltern nicht dulden würden, während sie sich bei Besuchen zu Hause oder in Gegenwart von Mitgliedern der erweiterten Großfamilie den Werten des Elternhauses unterordnen. Was sich an Colleges, Universitäten und am Arbeitsplatz im heutigen Indien tatsächlich abspielt, hat sich in der Generation ihrer Eltern oft noch nicht herumgesprochen. So hört man beispielsweise, dass in Firmen der IT-Branche in Bangalore, in denen Tag und Nacht in Schichten gearbeitet wird, regelmäßig das Toilettensystem zusammenbricht, weil zu viele Kondome hinuntergespült werden.[16]

Auch der Konsum von online-Pornographie soll dort, wo überwiegend junge Menschen der gebildeten Mittelschicht arbeiten, überproportional hoch sein.[17] Das hat möglicherweise auch damit zu tun, dass die indische Printpornographie eingeschränkt und stark zensiert ist. Neben einer Vielzahl lokaler Porno-Heftchen gibt es in Indien nur zwei Sexmagazine, die weite Verbreitung haben: Chastity, das viele Bilder nackter Frauen bringt und sich mit sexuellen Fragen befasst, und Debonair, das auch die Künste, insbesondere Poesie, miteinbezieht.[18] Mit dem Internet hat sich der Zugang zu pornographischem Material allerdings unkontrolliert ausweiten können. Auch Shivani hat schon einmal, noch nicht sehr lange her, auf einer Party einen Ausschnitt eines Internet-Porno gesehen, ein Kommilitone hatte ihn auf seinem Smartphone hochgeladen. Während sich die Mädchen verächtlich abwandten, hingen die Jungen um den kleinen Bildschirm herum und machten sich lustig. Über 50 % der männlichen Jugend in Indien soll, nach diversen Berichten, regelmäßig Pornos im Internet konsumieren, und laut einem Sex Survey von 2011 (India Today) haben 34 % indischer Frauen in Indiens Metropolen schon mal einen Porno gesehen.[19] In anderen Studien wird angenommen, dass weit mehr (unaufgeklärte) junge Frauen, nämlich 49 %, sich mittels Pornographie sexuell informieren.[20] Laut einer Berichterstattung von Google steht Indien weltweit auf Platz sechs im Konsum von Online-Porno, in anderen Statistiken nimmt Indien Platz drei ein. Sieben indische Städte tauchen unter den weltweit zehn Städten auf, in denen am häufigsten online-Porno aufgerufen wird.[21] Es ist wenig überraschend, dass online-Suchbegriffe wie Sex, Sex mit Tieren und Ähnliches nicht in sexuell liberalen Ländern, sondern in patriarchalen Gesellschaften (in der Mehrheit muslimische Kulturen) mit starken sexuellen Repressionen statistisch am häufigsten zu finden sind.

Man muss sich die Frage stellen, welches Bild von Sexualität und Erotik einer Generation urbaner junger Menschen vermittelt wird, deren Informationsquelle Pornos sind und die nur in Ausnahmefällen die Möglichkeit haben, offen mit Menschen ihres Vertrauens über sexuelle Fragen zu sprechen.[22] Wie viel bleibt von der möglicherweise bedeutendsten Einsicht des Kamasutra* – des wohl bekanntesten Lehrbuchs zur Sexualität, das im 4. Jahrhundert nach Christus in Indien verfasst wurde –, dass «Vergnügen kultiviert werden muss; dass im Bereich der Sexualität die Natur der Kultur bedarf»?[23] Kann Erotik und kann die Subjektivität der Frau im Zeitalter des Internets, wo Pornographie zur Norm im sexuellen Umgang der Geschlechter wird, noch gerettet werden? Trotz dieser Gefahren trägt aber das Internet mit seinen Informationsmöglichkeiten sehr wahrscheinlich auch dazu bei, dass die sexuellen Bedürfnisse von Frauen, klitorale Stimulation, ihr Orgasmus, aber auch die Vielfalt sexueller Praktiken im Sexualverhalten der indischen Jugend in Zukunft stärker einbezogen werden.[24] Dazu gehört auch das steigende Interesse an erotischem Spielzeug wie beispielsweise Vibratoren. Diese sind in Indien verboten (Sektion 292 des indischen Strafgesetzbuches), können aber über Internetanbieter und in gewissen Läden in den Metropolen bezogen werden. Ca. 9 % indischer Frauen befriedigen sich selbst mithilfe eines Vibrators (im weltweiten Vergleich tut dies jede 5. Frau) – aber in der kulturellen Geschichte Indiens gab es schon einmal offenere Zeiten: Vatsyayana, der Autor des legendären Kamasutra, riet seinen Leserinnen schon vor knapp 2000 Jahren, sich (auch) mit hölzernen Penissen zu befriedigen. Zu Zeiten des Kamasutra war weibliche Masturbation keine Leerstelle.

Im heutigen Indien (wie auch in Europa) beziehen sich die Masturbations-Phantasien und -Ängste nur auf das männliche Geschlecht; die Vorstellung, dass Mädchen oder Frauen sich selbst berühren, um sich ein Ventil für sexuelle Lustgefühle zu schaffen, ist für konservativ eingestellte Inder auch heute noch undenkbar. Insofern findet sich auf Internetseiten sogenannter «Sex-Kliniken» in Indien zwar allerhand Rat, wie mit Masturbation umzugehen sei, allerdings nur auf den Mann bezogen und so haarsträubend, dass es nicht erstaunt, wenn Dr. Mahinder Watsa, der die «Ask the Sexexpert»-Rubrik einer Zeitung in Mumbai betreut, sagt, 50 % der Männer, die ihm schreiben, hätten diffuse Ängste zu masturbieren und seien von klassischen Vorstellungen gepeinigt, etwa dass Masturbieren Haarausfall und Akne verursache, außerdem zu Schwäche und Gewichtsverlust führe. Die besorgten, oft absurden Fragen bezeugen, was in Indien mehrheitlich geglaubt wird und was selbst über sogenannte «Sex-Kliniken» vermittelt wird.[25] So heißt es unter anderem in der Rubrik einer solchen Klinik in Lucknow (Nordindien), dass Masturbation den Penis schwäche und zu frühzeitiger Ejakulation und Erektionsstörungen führe. Es werden Kräuterkuren für den durch zu extensive Masturbation beschädigten Penis angeboten, es gibt Penis-Vergrößerungskurse und es wird beschworen, dass die Klinik weder magische Elixiers mixt noch falsche Behauptungen aufstellt. Solche «wissenschaftlichen» Meinungen tragen, zusammen mit den unzähligen Mythen in der reichhaltigen Kulturgeschichte Indiens, zu tief internalisierten Vorstellungen bei, dass körperliche Schwäche oder der Verlust spiritueller Macht bei einem Mann auf den Verlust seines Samens zurückzuführen ist.

Keine der «Sex-Kliniken», die ich über das Internet recherchiert habe, äußerte sich zu weiblicher Masturbation. Das entsprechende Bedürfnis von Frauen existiert offiziell gar nicht und wird auch von sehr vielen Frauen so stark unterdrückt, dass ein Großteil in sexuellen Studien angibt, sich nie selbst zu stimulieren. Mit der Experimentierfreudigkeit der jungen Generation und dem Zugang zu Informationen über das Internet, aber auch mit Hilfsmitteln wie Vibratoren, ist anzunehmen, dass hier in den nächsten Jahrzehnten Ängste und Schuldgefühle bei Männern und Frauen durch Wissen abgebaut werden. Bei aller Freiheit, die der Zugang zu sexuellem Know-how mit sich bringt, muss offenbleiben, inwiefern junge Männer und Frauen, die sich für Pornographie interessieren, ihre individuelle Sexualität mit Intimität, Vorspiel und Erotik davon abkoppeln. Wird die neue Generation lediglich männliche Phantasien und Wünsche reproduzieren, wie es ihnen durch einschlägige Internetseiten, indische Kinofilme und übermittelte patriarchale Vorstellungen vorgelebt wird? Oder schafft sie es, eine Renaissance der liberalen, altindischen Vorstellungen von Erotik und Sinnlichkeit zu etablieren, in der Sexualität nicht nur schamfrei genossen werden kann, sondern auch die Lust der Frau und ihre Freiheit, sich sexuell zu zeigen, kultiviert wird? Werden Paare in der jungen Generation mit Erotik und Sexualität auf Augenhöhe umgehen? Wird über Sinnlichkeit, weibliche Bedürfnisse und Zärtlichkeit reflektiert?

Und gibt es bei den Shivanis der Mittelschicht zu Hause oder an der Schule Aufklärung?[26] «Nie passiert», sagt Shivani. Ihre Generation informiert sich über Freunde und Googleseiten, wie die Geschlechtsorgane aussehen, was da mit dem Körper passiert, wie man küsst und Sex hat. Google Trends verweist darauf, dass die in Indien am häufigsten eingegebenen Suchworte im Internet die Stichworte «Sex» und «Wie man küsst» sind.[27] Teenager der Mittelschicht tauschen sich untereinander aus und haben manchen romantischen Kinofilm fünfmal gesehen. Wo keine schulische Aufklärung stattfindet, nicht offen über Sexualität gesprochen werden darf und es Eltern peinlich ist, ihre Kinder an sexuelle Fragen heranzuführen, ist der Rückgriff auf Google und Pornographie-Seiten prädestiniert. Warum also reagiert eine moderne Gesellschaft wie Indien nicht mit modernen Programmen schulischer Aufklärung, wenn bekannt ist, dass von 1000 Kindern bester Schulen in Delhi 47 % der Jungen und 29 % der Mädchen schon mal Porno-Seiten auf ihren PCs aufgerufen haben und in der Schule miteinander darüber sprechen?[28] Der Zugang zum Internet wird immer breiter, schon heute steht Indien mit über 200 Millionen Internetnutzern weltweit an dritter Stelle, und es wird erwartet, dass die Zahl der Nutzer 2015 auf über 330 Millionen ansteigen wird.[29] Wird schulische Aufklärung ganz untersagt wie in einigen Bundesländern Indiens (u.a. in Goa) oder ist sie unzureichend wie in vielen anderen, führt dies nicht zu weniger oder späterem Interesse an sexuellen Fragen, sondern zu Ängsten, Schuld, ungeschütztem Sex und ungewollten Schwangerschaften. Die Vertrauenslehrerin eines christlichen Colleges in Süd-Goa, das von 17- bis 19-Jährigen besucht wird, erzählte mir vor vielen Jahren einmal, dass Abtreibungen (wie auch die Pille danach) keine Ausnahme sind und von vielen jungen Frauen verantwortungslos als «Verhütungsform» eingesetzt werden. Auch wenn statistisch betrachtet die Mehrzahl der Frauen, die Abtreibungen vornehmen lassen, verheiratet ist, mit Partnern zusammenlebt und bereits zwei oder mehr Kinder hat,[30] so bestätigen Gynäkologen in Indiens Metropolen, dass die Anzahl junger Frauen, die ungewollt schwanger werden und eine Abtreibung möchten, rasant steigt – ein Indikator dafür, dass vorehelicher Sex sehr viel verbreiteter ist als noch vor einem Jahrzehnt.

Diese Tendenz zeigt sich in Abtreibungskliniken im urbanen und im ländlichen Raum. Viele der jungen Frauen gehen jedoch sehr spät zum Arzt, nicht selten erst nach dem vierten Monat,[31] obwohl Abtreibungen in Indien seit 1971 legal sind und genügend Kliniken zur Verfügung stehen. Dies hängt auch mit dem gesellschaftlichen Stigma zusammen, das unverheiratete sexuell aktive Frauen erdulden müssen. Es hat zur Folge, dass viele Frauen entweder selbst oder über «Quacksalber» im Untergrund abtreiben lassen. Insofern sind Statistiken glaubhaft, die davon sprechen, dass in Indien alle zwei Stunden eine Frau an den Folgen einer Abtreibung stirbt.[32]

Aber allein der demographische Wandel der kommenden zwei Jahrzehnte lässt hoffen, dass schon die schiere Zahl junger Frauen, die vom Land und aus Kleinstädten in die Metropolen drängt und ihren Erfahrungshorizont erweitert, einen anderen Umgang mit weiblicher Sexualität und mit ihrem Stand in der Gesellschaft forcieren wird. Schon heute überschreitet bei einer indischen Gesamtbevölkerung von 1,2 Milliarden Menschen die Mittelschicht die 400-Millionen-Grenze. Wenn die Statistiken auch nur annähernd zutreffen, wird Indien bereits 2027 die weltweit größte Mittelschicht aufweisen.[33] Gleichzeitig – so die Vermutung führender Demographen – steht dem Land die größte Migrationswelle der Geschichte bevor: In den nächsten 20 Jahren werden insgesamt bis zu 700 Millionen Menschen in Metropolen leben. Bangalore mit seiner boomenden IT-Branche ist bereits ein Indikator für die Entwicklung der modernen unabhängigen Mittelschichtfrauen in den Großstädten.

Für sie und ihre Partner und Ehemänner bedeutet die «sexuelle Revolution» das Bestimmen neuer Werte und Maßstäbe, die Frauen mehr Autonomie und Mitspracherecht über ihre Körper und Bedürfnisse bieten. Sex bedeutet nicht länger, «wann er es will und wie er es will», sondern Sex heißt auch zu wissen, was ihr gut tut, was sie will und wann sie will. Mit der Etablierung solch neuer Werte werden allerdings auch die Spannungen und Konflikte zwischen divergierenden Weltvorstellungen verstärkt aufbrechen. Die brutale Gruppenvergewaltigung der jungen Physiologie-Studentin Nirbhaya in Delhi im Dezember 2012 (siehe Kapitel 8) ist ein Beispiel dieses Zusammenpralls von Welten, die keine Schnittmenge mehr haben: Eine Frau vom Land mit ähnlichem Hintergrund wie ihre Vergewaltiger geht ambitioniert ihren Weg, ist «westlich» gekleidet, hat es aus eigener Kraft und Anstrengung «geschafft», in der glitzernden Welt der Metropole aufzusteigen und geht abends mit einem Mann ins Kino. Das Paar will mit öffentlichen Verkehrsmitteln heimfahren. Für die jungen Männer, die sie unter einem Vorwand in den Bus locken, ist diese Frau eine von «der Sorte», eine chinaar, ein leichtes Mädchen – Freiwild also. Sie weckt ihre Aggressionen, weil ihr Aufstieg ihnen ihre eigenen Frustrationen als Männer vor Augen führt. Einer der Vergewaltiger, Mukesh Singh, vertrat in einem im März 2015 erschienenen Interview die Haltung, dass Frauen, die abends ausgehen, selbst schuld seien, wenn sie die Aufmerksamkeit von Männern auf sich ziehen, die sie dann belästigen.[34] Es folgte ein Sturm der Empörung auf Facebook und in der indischen Presse – dabei wird diese Haltung des Vergewaltigers von sehr vielen Indern geteilt.

Wie also mit diesen Herausforderungen und Frustrationen, mit Chancen und Gewalt in den Metropolen umgegangen wird, wird entscheiden, ob Frauen der indischen Mittelschicht in die Privatsphäre zurückgedrängt werden oder sich im öffentlichen Raum behaupten können. Doch selbst wenn die patriarchalen Strukturen sich unter solch spannungsvollen Voraussetzungen schwerer auflösen lassen, als die jungen Frauen erhoffen – ihre neu-entdeckte Sexualität wird sich nicht so leicht bremsen lassen, denn Sex war und ist eine existenzielle treibende Kraft. Oder, wie Henry Miller einst sagte: «Sex ist einer der neun Gründe für die Wiedergeburt. Die anderen acht sind unwichtig.»

 

 

 

  * Mit einem *Asterisk gekennzeichnete Begriffe und Namen werden im Glossar näher erläutert.

2. Lust:

Zwischen Kamasutra und Bollywood

Es ist kein Geheimnis, dass in Indien Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik in der Mythologie und in volkstümlichen Geschichten, in der Kunst und im Tempelbau über Jahrhunderte ihren festen Platz hatten. So gehörten erotische Darstellungen in gewissen Epochen bei vielen Tempeln zum Standard der Komposition, waren überaus beliebt und weit verbreitet. Oralsex, Sex zwischen Menschen und Tieren, Gruppensex, gleichgeschlechtlicher Sex – die Tempelfriese zeigen alles, wobei einige dieser Liebesstellungen eine körperliche Flexibilität erforderten, die wohl selbst bei einem Yogameister zum Bandscheibenvorfall geführt hätte. Fast immer wird allerdings übersehen, dass die erotischen Darstellungen Teil einer Gesamtkomposition sind – kein Tempel in Indien trägt ausschließlich erotische Motive. Ähnlich verhält es sich mit der Vielzahl erotischer Episoden, die in Mythen, Volksgeschichten und Epen mit großer Selbstverständlichkeit und oft humorvoll eingeflochten sind. In der kulturellen Geschichte Indiens wurden Sinnlichkeit und Sexualität als ein Aspekt eines erfüllten Lebens betrachtet, und anders als in der christlichen Kulturgeschichte, wurde er nicht tabuisiert, mitunter sogar religiös untermauert. Der Humor und die Phantasie in den vielen Geschichten, die sich sexuellen Themen und Bedürfnissen widmen, zeigen nicht nur, wie offen die Sexualität ihren Platz im Alltag der Menschen und im Kosmos der Götter fand, sondern verweisen auch auf das wiederkehrende Thema männlicher Angst vor der allesverschluckenden Mutter. Dieses wird im Folgenden wiederholt aufgegriffen, da es sich um ein kulturelles Leitthema handelt, das eng an die männliche Ambivalenz und Aggression gegenüber Frauen gekoppelt ist (vgl. Kapitel 5).

Weitet man den Blick, wie mit Erotik und Sexualität umgegangen wurde, auf die letzten 2000 Jahre, so findet man in der westlichen Welt zutiefst verankerte Repressionen, während in Indien – insbesondere in den ersten elf nachchristlichen Jahrhunderten – Erotik und Sinnlichkeit Blütezeiten erlebten. Dies sollte nicht vergessen werden, wenn man über Erotik und Sexualität im gegenwärtigen Indien spricht.

Das Kamasutra,[1] ein Textbuch der erotischen Liebe aus dem 4. Jahrhundert n. Chr., kann als eine Art «psychologischer Unabhängigkeitskrieg» gelesen werden, der vor rund zweitausend Jahren in Indien stattfand. Eines der Ziele war es, die erotische Lust vor einer rohen Instrumentalisierung des sexuellen Begehrens zu bewahren. Die ersten europäischen Übersetzer des KamasutraKamasutra«théologie hindoue»,