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wbg Paperback ist ein Imprint der wbg.

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Lektorat: Sophie Dahmen, Karlsruhe

Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick, Leipzig

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ISBN 978-3-534-27418-5

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): ISBN 978-3-534-27436-9

eBook (epub): ISBN 978-3-534-27437-6

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INHALT

Einleitung – »Wähle das Leben!«

1»Das wird man ja wohl sagen dürfen.«

»Ich kenne niemanden, der ein Problem mit Juden hat.«

Wo fängt denn Antisemitismus eigentlich an?

Nur geduldet. Bevorzugt in schwacher Position

2»Mal muss Schluss sein mit der Vergangenheit.«

Wenig Erinnerung und wenig Empathie

Judenhass ohne Auschwitz bleibt doch Judenhass

»Die sinnen nur auf Rache.« Stereotype? Zeitlos

3»Gerade die Juden sollten es doch besser wissen.«

Der Jude unter den Nationen – Warum gerade Israel?

»Was wollt ihr im Nahen Osten?« Delegitimierung von Beginn an

Wider besseres Wissen. Warum BDS antisemitisch ist

4»Beschneidung ist echt barbarisch.«

Das auserwählte Volk – und was das eigentlich heißt

Uraltes Klischee: Der Rachegott des Alten Testaments

Die Sorge um die jüdische Vorhaut

Ein Plädoyer fürs Tierwohl? Oder doch nur Judenbashing?

5»Den Davidstern versteck’ ich unterm Pulli.«

»Ist das nicht übertrieben?« Geteilte Wahrnehmungen

Einig gegen Juden. Die Bedrohung kommt von allen Seiten

Der Wunsch: Ein offenes jüdisches Leben führen zu können

Anmerkungen

Einleitung – »Wähle das Leben!«1

Noch ein Buch zum Antisemitismus? Ja. Und nein. Dies ist nicht nur ein Buch über Judenfeindlichkeit. Vor allem ist es eine Streitschrift zur Anerkennung der Realität. Wenn Sie so wollen, ist es ein Handbuch zum Kampf gegen den jahrtausendealten Hass. Eine Gebrauchsanweisung gegen den Antisemitismus. Also geht es natürlich auch um ihn. Doch geht es weniger darum, um wie viel Prozent er zunimmt und aus welchen Ecken er kommt. Natürlich werden wir das thematisieren, doch uns interessiert vor allem das »Warum«. Denn nur dann können wir das »Wie« und »Aus welchen Ecken« verstehen. Dabei wollen wir nicht nur die Stereotype offenlegen, die sich hinter antisemitischen Haltungen verbergen. Wir stellen diesen Stereotypen Fakten gegenüber. Wir gehen davon aus, dass Sie sich des Problems bewusst sind und vielleicht das Gefühl haben, dass man etwas tun sollte. Sonst würden Sie diese Zeilen wahrscheinlich nicht lesen. Sie investieren Zeit, um sich diesem komplexen Thema zu nähern. Und Sie möchten wissen, was Sie persönlich tun können. Trotzdem fehlt Ihnen bei der Fülle der Ereignisse manchmal die Übersicht, und Sie bekommen das Gefühl, das Thema genauer durchdringen zu wollen. Dieses Buch soll Ihnen diese Übersicht geben – so anschaulich wie möglich und mit Hinweisen auf weitere Informationsquellen. So erhalten Sie einen Ausgangspunkt, von dem aus Sie sich weiter orientieren können.

Der Umgang mit jüdischen Männern, Frauen und Kindern hat sich zunehmend enthemmt. Im Internet ohnehin, wo sich der Hass in einem erschreckenden Ausmaß ungefiltert entlädt. Doch sobald sich Juden als Juden outen, können Nichtjuden ihre gute Kinderstube auch im realen Leben schon mal vergessen. Ohne Sinn für Distanz oder Respekt stecken sie alle Juden in eine Schublade und fordern auch noch deren Unterstützung dafür ein. Wenn sie zum Beispiel jüdische Bürger als Nahostexperten befragen, die Antwort aber eigentlich nicht hören wollen, oder wenn sie ungefragt und ohne Interesse jüdische Bräuche beurteilen. Kaum etwas bleibt unkommentiert, wenn man als Jüdin oder Jude agiert.

Kein Wunder, dass nicht wenige Gesprächspartner in Studien angeben, ihre jüdische Identität zu verbergen. Es ist eine Selbstverständlichkeit für die meisten Juden, das zumindest an bestimmten Orten zu tun.

Was aber macht es mit Menschen, wenn sie einen Teil ihres Selbst verleugnen, um unbehelligt durchs Leben zu gehen? Und, weitaus besorgniserregender für die jüdische Gemeinschaft, was macht es mit ihren Kindern, wenn die sich nicht trauen, in ihrer Schule als Juden aufzutreten? Das ist eine Entwicklung, um die sich auch die Mehrheitsgesellschaft kümmern sollte.

Jüdische Bürger würden sich gerne mit anderen Dingen beschäftigen als vorwiegend mit Fragen, die um ihre Sicherheit kreisen. Und sich das klarzumachen, ist wichtig: Juden in Europa fühlen sich nicht mehr sicher. Wie hört sich ein solcher Satz an? Zwei Generationen nach der Schoah? In einer Zeit also, in der es immer noch Überlebende des Vernichtungsfeldzugs gegen die europäischen Juden gibt?

In Frankreich und Belgien sind Bürger in den letzten Jahren bereits ermordet worden, weil sie Juden waren, darunter auch Überlebende. Und nur weil die Tür einer Synagoge stabil genug oder der Täter »zum Glück zu dämlich« war, wie es in einem Post hieß, müssen wir nach dem Anschlag in Halle im Herbst 2019 nicht auch Deutschland auf diese Liste setzen. Das sind unhaltbare Zustände, auch für Nichtjuden! Denn lässt eine Gesellschaft es zu, dass der Anspruch an ein menschliches und respektvolles Miteinander kontinuierlich sinkt und verloren zu gehen droht, wird die zunehmende Verrohung irgendwann jeden betreffen. Für das Überleben einer funktionierenden Zivilgesellschaft muss sich jeder Bürger und jede Bürgerin dem Hass gegen eine einzelne Gruppe entgegenstellen.

Der erste Schritt dazu ist, das Problem zu akzeptieren. Es verschwindet nicht, indem man es kleinredet oder relativiert. Dazu gehört vor allem, dass man die Bedenken der Betroffenen ernstnimmt. Und dazu gehört, dass man antisemitische Beleidigungen und Angriffe auch so benennt. Sie kommen aus rechten, linken und muslimischen Kreisen. Und sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft. Es hilft keinem, eine Variante je nach Interessenlage oder eigener politischer Haltung herunterzuspielen. Dieser Band möchte den Lesern helfen, ein Gespür dafür zu bekommen, wann Menschen in ihrer Gegenwart Dinge sagen, die untragbar sind. Und es soll Ihnen helfen, eigene Verhaltensweisen oder Klischees zu hinterfragen. Manche Stereotype haben sich so in der bürgerlichen DNA festgesetzt, dass sie als gegeben und normal angesehen werden. Auch in Akademikerkreisen habe ich Aussagen gehört, die mich zusammenzucken ließen.

Dieses Buch rückt Annahmen zurecht und ermöglicht es, angesprochene Probleme zu verstehen und zu erfassen. Es ist aus der Erkenntnis entstanden, dass Antisemitismus sich nicht allein verhindern lässt, indem man gutwilligen Menschen hilft, ihn zu erkennen und sie darüber informiert, wo und wie sie Rat und Hilfe finden können. Das ist wichtig, aber alleine reicht es nicht aus. Was also muss geschehen, damit der Judenhass nicht in jeder Generation weitergegeben wird? Wie erzieht man eine Generation von Anti-Antisemiten? Mir ist während des Schreibens noch klarer geworden: Deutschland braucht eine systematische Erziehung gegen Antisemitismus. Wir werden das Problem ohne die Einbeziehung der Lehrer und Lehrbeauftragten nicht lösen. Es ist kaum zu verstehen, dass das Land, auf dem der Schatten der Schoah liegt, seine zukünftigen Lehrer nicht per Curriculum verpflichtet, Grundzüge des Judentums und jüdischer Ethik und die Entstehung des Staates Israel zu studieren. Wie wir sehen werden, stehen Lehrer antisemitischen Äußerungen und Taten ihrer Schüler oft hilflos gegenüber, weil sie es selbst nicht besser wissen. Es wird Zeit, dass besonders Schulen und Universitäten an die Wurzeln des Problems gehen. Deutschland sollte das Land der Anti-Antisemiten werden. Das wäre die Lehre aus der Schoah. Ohne Bildung gibt es dafür keine Chance.

Warum habe ausgerechnet ich dieses Buch geschrieben? Als »Jew by choice« – jemand, die das Judentum für sich gewählt hat?

Weil es in ihm in weiten Teilen um jüdisches Leben gehen soll – um jüdische Identität und das Judentum, das seit Jahrtausenden mit Hass konfrontiert ist – und weil mir dieses jüdische Leben wichtig geworden ist. Als junge Frau habe ich angefangen, mich mit dem Judentum zu beschäftigen, mit seiner spirituellen Schönheit und Klarheit des Denkens, seinen Diskursen, der tiefen Ethik, mit dem Gedanken der Gerechtigkeit und Akzeptanz aller Menschen als von Gott geschaffen. Werte, die mich zu einem sozial denkenden Menschen gemacht hatten, bekamen hier eine tiefere Bedeutung, weil sie gegründet waren auf einer wechselseitigen Beziehung zwischen Gott und Mensch, in der beide Seiten Erwartungen aneinander haben. Kurz, ich habe mich verliebt – in die Tora, in das Denken von Talmudisten und Philosophen, in die Gemeinschaft und das Miteinander und Füreinander. Trotzdem blieb Auschwitz. Ich hätte mich nicht für den Übertritt entschieden, wenn ich nicht meinen zweiten Mann, einen Rabbiner und Überlebenden, getroffen hätte, der mich dazu ermutigt hat. Es wäre mir übergriffig vorgekommen, anmaßend. Ich bin Jahrgang 1958, und da kann man nicht mal einfach von der Täterauf die Opferseite wechseln. Und, ohne es an dieser Stelle vertiefen zu wollen, dies ist nun mal das Bild, das viele jüdische wie auch nichtjüdische Deutsche hatten und oftmals haben.

Doch erst auf der anderen Seite habe ich wirklich erfasst, wie akut der Judenhass immer noch ist. Und damit meine ich: Nicht nur theoretisch zu wissen, dass es Antisemitismus auch ohne die Schoah gegeben und er sie maßgeblich ermöglicht hat, und dass es ihn nach der Schoah immer noch gibt. Sondern es zu fühlen. Auf der deutschen, nichtjüdischen Seite habe ich feindliche Haltungen gegenüber Juden unmittelbar beobachtet. Doch ich war nicht persönlich betroffen. Ich musste nicht sehen, dass der geliebte Mensch sich veränderte, dass seine Augen ins Nichts versanken, wenn Bürger seiner grenzenlosen Menschenliebe mit Zynismus begegneten. Mir zog sich nicht der Magen zusammen, wenn ich ahnte, was kommt. Zum Beispiel, dass Menschen über ihre bemitleidenswerten Eltern in den Bombennächten klagen und damit die Erfahrungen eines Überlebenden wegwischen würden, die mein Mann gerade mit ihnen geteilt hatte. Oder dass sie beiläufig seufzen würden »Wenn man sieht, was die Israelis jetzt mit den Palästinensern machen«, und den Nahostkonflikt damit in den Zusammenhang mit der Schoah brachten. Kurz – ich war dem Antisemitismus nicht direkt ausgesetzt. Ihn zu erfahren, ist etwas sehr anderes als ihn zu betrachten oder über ihn zu theoretisieren. Das ist eine Binsenweisheit, doch wie wichtig es ist, dass Menschen sie verstehen, zeigen tägliche Beispiele von Missinterpretation, Lächerlichmachen, Ignorieren und Nichtverstehen jüdischer Erfahrungen.

Geleitet haben mich beim Schreiben meine Begegnungen und Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre mit Menschen, die ihre Animosität Juden gegenüber unverblümt zeigten und solchen, denen nicht einmal bewusst war, dass ihre Bemerkungen oder Handlungen antisemitisch waren. Daneben die Ergebnisse der neueren Antisemitismusforschung und die Haltung meines verstorbenen Mannes, Rabbiner Leo Trepp, der jahrzehntelang in Deutschland über die jüdische Religion, Kultur und Ethik schrieb, lehrte und sprach, auch, weil er der festen Überzeugung war, dass nur dieses Wissen helfen würde, Menschen gegen den Antisemitismus zu immunisieren. Tatsächlich zeigen zahlreiche Beispiele, dass man dem Antisemitismus nicht wirksam entgegentreten kann, ohne dabei auch das in den Blick zu nehmen, was die Juden aus der Sicht vieler Menschen fremd und anders erscheinen lässt – ihr Judentum.

Immer wieder, in Lesungen, nach Vorträgen, auf Podien zum Thema Antisemitismus und in anderen Diskussionen, bin ich Nichtjuden begegnet, die, zum Teil unbewusst, jüdische Menschen und deren Verhalten genauso wie politische Ereignisse aus einer Haltung heraus bewerteten, die von Unwissen über die jüdische Religion und Ethik geprägt war. Die meisten Schüler, denen ich begegne, haben keine Ahnung vom Judentum und der jüdischen Kultur, wohl aber meinen viele von ihnen, den Nahostkonflikt beurteilen zu können. Ihre Einschätzungen dazu aber sind beeinflusst von all den überlieferten Stereotypen über Juden, die sie im Laufe der Zeit ohne Korrektur gesammelt haben. Diese Haltungen sind Jahrtausende alt und lassen sich nicht konterkarieren, ohne dass man sich ihrer bewusst wird.

Dieses Buch ist keine Anklageschrift, auch wenn es gern verdrängte Wahrheiten anspricht. Es ist eine Aufforderung. Wir wollen gemeinsam nachdenken, wie man Antisemitismus bekämpfen kann. Das können wir nicht, wenn wir allein Auschwitz vor Augen haben. Die Schoah war die Kulmination. Angefangen aber hat der gesellschaftliche Ausschluss der Juden, der zu ihrer Ermordung führte, mit dem kleinen Alltagshass und zunehmenden Akten der Entrechtung. Man muss keine alarmistischen Vergleiche bemühen, um den Experten zuzustimmen: Die Bausteine des Antisemitismus’ sind über Jahrhunderte dieselben geblieben. Und Mitglieder aller, wirklich aller gesellschaftlichen Seiten spielen gerade mit ihnen. Mittendrin: 200 000 Juden und Jüdinnen, die beliebig eingesetzt werden, oft ohne ihre Zustimmung.

Das Buch zeigt die Struktur und Dynamik auf, die den Antisemitismus von der Antike bis in die moderne Zeit angetrieben haben. Denn er unterscheidet sich von anderen Formen der Ablehnung oder des Hasses gegen bestimmte Menschengruppen: Wie eine rote Linie zieht er sich durch die Zivilisation und ändert allenfalls seine Erscheinungsform, nicht aber seinen Charakter. Wir werden sehen, warum es für die Auseinandersetzung mit ihm wichtig ist, immer auch die jüdische Perspektive zu berücksichtigen. Und warum man eine unreflektierte Animosität gegen Juden nicht bekämpfen kann, ohne zumindest ein wenig über das jüdische Leben und Denken, die Ethik und Kultur zu wissen. Genauso wichtig ist es, zu verstehen, wie sich Judenfeindlichkeit nach der Schoah nicht nur halten, sondern neu entwickeln konnte. Und natürlich ist dem jüdischen Staat ein Kapitel gewidmet, äußert sich doch heute antisemitisches Denken häufig in sogenannter Israelkritik. Wann kippt die um? Und wie erkennen wir die Grenze?

Wir werden Verbindungen herstellen und Stereotypen sowie Projektionen mit Fakten und Wissen kontern. Es ist also auch ein wenig Geschichtsunterricht und Ethiklehre. Sie erhalten eine Art Crashkurs: Zum einen versuche ich, komplexe Zusammenhänge so einfach wie möglich zu erklären, zum anderen erhalten Sie zahlreiche Verweise, wo und wie Sie sich weiter informieren können. Nicht, dass ich davon ausgehe, überzeugte Antisemiten bekehren zu können. Doch Wissen hilft auch, erst gar keine Vorurteile zu entwickeln. Besonders wünsche ich mir das für junge Menschen, die Deutschlands Zukunft sind, und die einmal alle miteinander für eine gerechtere und menschenfreundliche Gesellschaft arbeiten sollen.

Wir werden auch aktuelle Diskussionen, Geschichtswissen und Befunde wissenschaftlicher Studien in die Darstellung einbeziehen. Zum Abschluss jedes Kapitels bringen wir eine kurze Übersicht und Literaturempfehlungen zum Weiterlesen. Ich strebe damit nicht an, Komplexität und Vielfalt eines Problems, das die Menschheit seit 2000 Jahren beschäftigt, vollständig darzustellen. Doch ich will eine fundierte Basis bieten, auf der Leserinnen und Leser aufbauen können.

Die Nachweise und Literaturangaben werden für manche eine Ergänzung ihres bisherigen Wissens sein, für andere ein Korrektiv zu dem, was sie bisher angenommen haben. Über die Bewertung von Fakten lässt sich streiten. Denn jeder Mensch bringt bei der Einordnung von Sachverhalten eigene Erfahrungen und seine Biographie mit. Auch die Autorin. Dennoch bleiben in seriösen Quellen dokumentierte Geschehnisse Fakten. Manche kommen vielleicht nach dem Lesen einiger Quellen zu anderen Schlüssen als ich. Das sehe ich als gute Grundlage, in ein konstruktives Gespräch einzusteigen.

Ich gehe davon aus, dass die Realität und das Wissen immer noch die belastbarsten Fundamente darstellen, mit denen sich etwas anfangen und auf denen sich etwas aufbauen lässt. Ich hoffe, dass der Leser und die Leserin dieses Fundament nutzen können, um in der Zukunft sicherer aufzutreten, wenn sie gegen antisemitische Behauptungen und Aussagen argumentieren. Und es würde mich freuen, wenn jüngere Leser, die sich mit dem angebotenen Wissen vertraut machen, klischeehafte Bilder von Juden und Judentum entweder erst gar nicht entwickeln oder sie zu hinterfragen beginnen. Am schönsten aber wäre, wenn dieses Buch darüber hinaus der Beginn eines lebendigen Austauschs werden würde.

1»Das wird man ja wohl sagen dürfen.«

Wo der Hass beginnt.

Über Jahrtausende haben Menschen die Juden als »die Anderen« angesehen. Warum? Und hat das schon mit Antisemitismus zu tun? Im ersten Kapitel beschäftigen wir uns damit, in wie vielen und unterschiedlichen Formen sich dieser ausdrückt. Wir werden sehen, dass es mittlerweile eine feste Definition für den Begriff gibt, warum das so ist, und was das für Ihren Umgang mit dem Phänomen bedeutet. Wir werden uns die Dynamik ansehen, mit der sich Judenfeindlichkeit entwickelt hat. Außerdem fragen wir, wer die Juden eigentlich sind. Ein Volk? Eine Religion? Und warum es wichtig ist, auch diese Fragen einzubeziehen, wenn es um Antisemitismus geht.

»Ich kenne niemanden, der ein Problem mit Juden hat.«

Politiker betonen bei vielen Gelegenheiten, wie froh und stolz die Bundesrepublik sei, dass »jüdisches Leben wieder blüht«. Ist das wirklich so? Kann es gedeihen und wachsen? Können Juden ihr Judentum offen und selbstbewusst leben? Nicht wirklich. Seit dem Ende der Schoah waren jüdische Bürger nie sicher in dem Land, das in verbrecherischer Weise alles für ihre Auslöschung getan hatte. Als der deutsche Bundespräsident anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz eine Rede in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hielt, sprach er auch an, was Juden beinahe täglich spüren. »Antisemitismus ist kein Randphänomen«, sagte Frank-Walter Steinmeier, und: »Die bösen Geister zeigen sich in neuem Gewand.« Es war richtig, dass der höchste Repräsentant der Bundesrepublik diese Wahrheit so offen aussprach. An einem Ort, der durch Erinnerungen an die Ermordeten, durch Haare, die man ihnen abschnitt, Nummern, die man ihnen einbrannte, und Koffer, die sie an einen Ort mitnahmen, von dem sie nie zurückkommen sollten, geprägt ist – an einem Ort also, der anhand unzähliger Gesichter, Orte und Dokumente erzählt, wie es enden kann, wenn ein Staat seine Aufgabe, alle Bürger zu schützen, nicht mehr wahrnimmt, und wenn Menschen ihre Mitmenschen nicht mehr zu schützen bereit sind. Und es wird Zeit, dass Bürger der Zusage Form und Inhalt geben, die der Präsident ebenfalls in Yad Vashem gab, nämlich jüdisches Leben zu schützen und Antisemitismus zu bekämpfen.1 Sie muss von den Bürgern getragen werden, denn der Staat, das sind die Menschen. Sie müssen die Versprechen, die Staatsvertreter in ihrem Namen geben, einlösen. Und damit sich jüdische Bürger in diesem Land sicher fühlen, müssen sie viel verändern. Die erste Voraussetzung ist: Die nichtjüdischen Bürger müssen bereit sein, das Problem zu erkennen und klar zu benennen.

Fakten anerkennen

Die Anzahl antisemitischer Straftaten in Deutschland ist in den letzten Jahren gestiegen. Über die letzten zehn Jahre hinweg haben Studien, die von verschiedenen Organisationen oder Regierungsstellen in Auftrag gegeben oder als Forschungsprojekte an Universitäten durchgeführt worden sind, immer wieder bestätigt, dass zahlreiche Bürger Juden gegenüber Animositäten haben. Die neueste von ihnen, vom World Jewish Congress (WJC – der Jüdische Weltkongress) im Sommer 2019 in Auftrag gegeben, legt folgende Zahlen vor: Insgesamt stimmten 27 Prozent der Befragten judenfeindlichen Äußerungen zu. So meint mehr als ein Fünftel, dass Juden wegen ihres Verhaltens gehasst würden. Und 41 Prozent denken, dass die Juden zu viel über den Holocaust sprechen; dieselbe Anzahl geht davon aus, dass sie dem Land Israel gegenüber loyaler sind als Deutschland.2 Und mehr als 20 Prozent der 1000 Interviewten stimmten jeweils den Aussagen zu, dass die Juden zu viel Macht in Wirtschaft, Medien sowie auf den internationalen Finanzmärkten hätten.3 Studien wie die Leipziger Autoritarismusstudien, die auch das stillschweigende Einverständnis der Befragten zu bestimmten Vorfällen oder Aussagen miteinbeziehen, kommen zu teils wesentlich höheren Werten.4 Diese eher unauffällige Judenfeindlichkeit könne zwar durch fehlende eindeutige Festlegung an soziale Normen angepasst, aber jederzeit aktiviert werden, schreiben die Forscher.5

Die Reaktionen auf Studien wie diese könnten unterschiedlicher nicht sein. Nirgends klaffen Lebenswelten von Juden und Nichtjuden deutlicher auseinander als in der Wahrnehmung des Antisemitismus. Unterhält man sich mit Nichtjuden in Deutschland oder liest Kommentare zu Berichten, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, bekommt man immer wieder den Eindruck, wir beschäftigten uns mit einem Phantom-Problem.

Kaum waren die vorläufigen Ergebnisse der WJC-Studie veröffentlicht, fanden sich in Leserkommentaren aller seriösen Zeitungen Proteste. In zahlreichen Schreiben bezweifelten Leser die Zahlen oder nahmen an, dass sie nur so hoch sein könnten, weil man Vorgänge fälschlich als antisemitisch betrachtet und somit in eine Kategorie eingeordnet habe, in die sie nicht gehörten. Unter Kommentaren zu Berichten, in denen es um eine steigende Anzahl von antisemitischen Vorfällen oder die zunehmende Brutalität des Judenhasses geht, fanden sich im Laufe der Jahre immer wieder Aussagen mit folgendem Tenor: »Ich weiß nicht, wie Sie auf diese Zahlen kommen. In meinem privaten Leben bin ich noch keinem einzigen Antisemiten begegnet.« Glück gehabt, möchte man antworten. Nachdem diese Einschätzung allerdings relativ häufig vorzukommen scheint, fragt man sich irgendwann: Wo stecken sie dann – die Antisemiten? Vielen Bundesbürgern fällt es schwer, Antisemitismus überhaupt zu erkennen. Und selbst, wenn Menschen bereit sind zu akzeptieren, dass es Judenfeindlichkeit in der Gesellschaft gibt, und selbst wenn sie deren Ausmaß sehen – wahrgenommen wird sie meist bei anderen. Das mag verständlich sein: Naturgemäß behauptet kaum jemand von sich selbst, antisemitisch zu denken. Doch wenn auch Freunde, Bekannte, Mitglieder der eigenen Partei oder derselben ideologischen Ausrichtung grundsätzlich nicht in diese Kategorie fallen, man also den Antisemitismus sieht, aber keine Antisemiten, klingt es entweder nach Verdrängung oder nach einer mangelnden Beschäftigung mit dem Phänomen. Natürlicherweise erkennen Angehörige einer Minderheit das feindselige Verhalten von Teilen der Mehrheit im Umgang mit ihnen schneller und leichter, ganz einfach, weil sie unmittelbar betroffen sind. Doch sollte dann die Mehrheit die Erfahrungen dieser Gruppe nicht anerkennen und sich mit ihnen auseinandersetzen?

Wie will eine Demokratie einen Angriff abwehren, wenn sich die Demokraten nicht einmal einig darin sind, was sie bekämpfen? Denn nichts anderes als eine Bedrohung der Demokratie stellt der Antisemitismus dar. Zum einen war er über die Jahrhunderte stets ein Indikator dafür, dass etwas aus den Fugen gerät und gesellschaftliche Standards zu erodieren beginnen. Oder wie Deborah Lipstadt es ausdrückt: »Antisemitismus fängt mit den Juden an, doch er endet nie mit ihnen.« Genauso schwer aber wiegt, dass eine Demokratie, die keine Diversität mehr verträgt, eine Gesellschaft, in der Bürger nicht mehr anders als die Mehrheit sein können – mit anderem Glauben und anderen Gebräuchen –, dass eine solche Demokratie einen Teil der Bürger von der praktischen Ausübung der Volksherrschaft ausschließt. Diese Minderheit darf sich zwar noch in Wahlen äußern, wird aber oftmals konkret daran gehindert, ihre Rechte in der Gesellschaft wahrzunehmen. Das trifft für Juden in vielen Bereichen zu. Wenn sie keine Kippa mehr tragen, um sich zu schützen. Wenn sie ihre Gemeindezeitungen in Umschlägen geschickt bekommen. Wenn sie an der Universität verschweigen, dass sie Zionisten sind. Wenn sie lieber nicht in die Synagoge gehen, weil es an dem Tag keinen Polizeischutz gibt.

Antisemitismus ist ein Teil des jüdischen Alltags, wie alle wichtigen Studien der vergangenen Jahre zeigen. Sein Ausmaß lässt sich erahnen, wenn jüdische Bürger selbst in Bundesländern wie Baden-Württemberg, in denen sie sich nach eigenen Aussagen im Allgemeinen gut und sicher fühlen, den Hass gegen sie als Realität beschreiben, mit der sie eben leben.6

Anlässlich des jüdischen Gemeindetages in Berlin im Dezember 2019 sagte Bundespräsident Steinmeier: »Diese Republik ist nur vollkommen bei sich, wenn Juden hier vollkommen sicher sind.« Demnach kann man davon ausgehen, dass das Land nicht vollkommen bei sich ist. Denn Juden sind nicht sicher. Zumindest nicht so, wie es andere Bürger sind. In Deutschland müssen jüdische Einrichtungen geschützt werden. Ist das wirklich normal? Darf es normal sein? Soll es das sein? Diese Fragen muss sich die Mehrheitsgesellschaft stellen. Und sie muss ihren Blick schärfen, wenn es um Antisemitismus geht. Dringend!

Denn insgesamt bestätigen Antisemitismusforscher in verschiedenen Untersuchungen und Interviews bundesweit immer wieder ähnliche Zahlen wie die WJC-Studie.7 Antisemitismus ist in der Bundesrepublik ein gravierendes Problem. Und wir gehen in diesem Werk davon aus, dass man es nur wirksam bekämpfen kann, wenn man ihn als gesellschaftliches Phänomen ernst nimmt, auch wenn man meint, Feindseligkeit gegen Juden noch nie beobachtet zu haben. Hinter dieser Wahrnehmung steckt oft ohnehin lediglich eine frappierende Gleichgültigkeit.

Erschreckende Ignoranz

Oder wie sollen wir es nennen, wenn selbst Pädagogen offensichtlich judenfeindliche Darstellungen nicht erkennen? Jahrelang benutzten Oberstufen-Klassen das Schulbuch Anstöße 2 des Klett Verlages, das im Fach Gesellschaftskunde Diskussionen anregen sollte. Das Werk behandelte unter anderem die Finanzkrise der Europäischen Union. In diesem Kontext findet sich auch eine Grafik, die den Beitrag »Europas Zahltag« illustriert. Sie zeigt die EU-Staaten, die von einem gelben Kopf attackiert werden, der aussieht wie die Spiele-Figur Pac-Man, hier aber mit bedrohlich aufgerissenem Maul und scharfen Zähnen auf sie zurast. Offenbar will er sie verschlingen. Sein Schweif lässt erkennen, was ihn antreibt: »Rothschildbank« steht auf allen Strahlen. Diese jüdischen Banker also bedrohen das Überleben der europäischen Staaten. Es ist ein uraltes antisemitisches Stereotyp.

Ganze vier Jahre bemerkten das weder Lehrer noch Schüler, davon abgesehen, dass auch verantwortliche Mitarbeiter eines deutschen Schulbuchverlags keinen Anlass sahen, die Illustration zu beanstanden. Erst der damalige Sprecher für Innen- und Religionspolitik der Grünen, Volker Beck, machte auf sie aufmerksam.8 In dem Zusammenhang wies der Abgeordnete auf einen weiteren Fall hin, in dem an einer Hildesheimer Hochschule für eine Lehrveranstaltung jahrelang antisemitische Unterrichtsmaterialien verwendet wurden, ohne dass Lehrkräfte oder Studierende dies beanstandeten.

Im Fernsehsender ARD-alpha in der Mediathek und auf Netflix läuft die Trickfilmreihe Es war einmal … das Leben. Die Serie ist seit 1986 ein Klassiker, an den sich viele heute Erwachsene erinnern und den Kinder immer noch gern schauen. In einem Beitrag über das Immunsystem werden Bakterien mit Gas vernichtet und röcheln vor ihrem Ende »Oy vey Gevalt«. Niemandem fiel das auf, bis der Blog Übermedien diese Sendung thematisierte.9 Juden als Bakterien? Mittlerweile werden die Serien laut Übermedien von der NDR-Tochter Studio Hamburg Enterprises vertrieben. Die Programmverantwortlichen meinten wahrscheinlich, etwas Gutes zu tun mit dieser Hinzufügung in der deutschen Synchronisation, die es im französischen Original nicht gibt, denn auf ihrer Website erklärten sie zu dieser Folge über das Immunsystem, dass die Staphylokokken durch den »blauen Wüstrich« vergast würden. Weiter heißt es: »Kurz vor seinem Tod ruft in der deutschen Version ein Staphylokokkus den jiddischen Ausdruck ›Oy vey gevalt‹ – eine Anspielung an die Verbrechen im Dritten Reich. In der französischen Version war das nicht der Fall.« Wie sie darauf kamen, dass Kinder das alles auch nur annähernd einordnen können und wie man in dieser Szene irgendetwas anderes als Judenhass sehen kann, bleibt ihr Geheimnis.

2014 druckte die Süddeutsche Zeitung die Zeichnung eines Kraken, dessen Arme Laptops und Computer umfangen. Sie hat ein Gesicht, das von gekräuselten Haaren umgeben ist, mit riesiger Nase und wulstigen Lippen, und mit einem Facebook-F über der Stirn. Die Geschichte handelt von dem wachsenden Einfluss sozialer Medien, und offensichtlich soll die Zeichnung den Facebook-Gründer Mark Zuckerberg darstellen. Vor allem aber ähnelt sie den Karikaturen älterer Juden im nationalsozialistischen Der Stürmer aus den dreißiger Jahren. Facebook hatte zu dieser Zeit gerade die Kommunikationsplattform WhatsApp übernommen. Der Zeichner, Burkhard Mohr, sagt, ihm sei nicht aufgefallen, dass die Grafik »wie eine jüdische Hetz-Zeichnung« aussehe. Beschwerden über die Karikatur aus der jüdischen Gemeinschaft kommentieren Leser im Tagesspiegel mit Sätzen wie »Statt, dass deutsche Journalisten den Antisemitismusvorwurf gegenüber einem Kollegen als fernliegend bezeichnen, wird ellenlang zitiert, was paranoide Juden als antisemitisch definieren … Mein Vorschlag: Vor jeder Veröffentlichung alles an eine jüdische Zensurabteilung, um es dort freigeben zu lassen.« Ein anderer fragt: »Ist Kritik an Juden per se eigentlich schon antisemitisch?«10 Offensichtlich hat keiner von ihnen jemals in Abhandlungen geschaut, die sich mit antisemitischen Stereotypen auseinandersetzen, denn dann hätten sie erfahren, dass eine überbetonte Nase, krause Haare und wulstige Lippen zum Standardrepertoire der antijüdischen Karikatur gehören – also all das, was die Zeichnung beinhaltete.11 Zudem sind beide Bemerkungen selbst judenfeindlich. Doch wen kümmert das? Wo doch Antisemitismus mit der Realität ohnehin nichts zu tun hat und es die Norm zu sein scheint, dass Leser in Kommentaren zu antisemitischen Vorfällen die Annahme äußern, Juden seien übermächtig und hielten die Fäden in der Hand, vor allem, wenn es um die »Antisemitismuskeule« geht – ein in Foren immer noch gern benutzter Begriff.

Selbst und gerade in Akademikerkreisen ist dieser beiläufige Antisemitismus häufig anzutreffen. Das fängt mit studierten Professorengattinnen an, die beim Abendessen fragen, warum Juden eigentlich schon wieder alles kontrollieren, und hört mit Studierenden auf. Leo Trepp erzählte von einer Dissertation in den 1990er-Jahren, die sich mit »Woody Allen in der Jüdischen Tradition« befasste und die er als Mitglied des Prüfungsausschusses an der Universität Mainz begutachtete. Der Doktorand, immerhin ein Student, der auch Judaistik belegt hatte, charakterisierte in seiner Arbeit die Juden als heimatlose Wanderer, die sich mit der Sprache und der Identität ihrer »Gastländer« tarnten. Er behauptete, dass sie keine wahrhaften Werte hätten, da der Talmud alles relativiere. Ihre Waffe liege in einem zynischen Humor, der wiederum alle Werte ihrer Bedeutung beraube. Insgesamt durchzogen antisemitische Stereotype die Arbeit. Trepp sagte über den Vorfall: »Hier traten die Auswirkungen von jahrhundertelanger Indoktrinierung zutage, die auch durch die Lektionen des Holocaust nicht abgemildert worden waren.«12 Dass ein hoher Bildungsabschluss und Geld vor Vorurteilen und dem Verwenden von Stereotypen schützen, war immer schon eine von Wissenschaftlern längst widerlegte Mär.

Nicht sehen, was man nicht sehen will

Und die »vierte Gewalt«, die Medien, die allen auf die Finger schauen sollen? Wie wir gesehen haben, sind auch deutsche Zeitungen nicht vor Antisemitismus gefeit und viele Journalisten ignorieren die verschiedenen Formen des Antisemitismus‘ nicht nur, sondern ändern ihre Perspektive auch nur ungern. Zu Beginn der Regierungszeit von US-Präsident Donald Trump nahmen die antisemitischen Angriffe in den Vereinigten Staaten stark zu. Auch jüdische Journalisten wurden skrupellos belästigt, vor allem im Internet. Benutzer kopierten ihre Köpfe auf die Leichen von in Konzentrationslagern ermordeten Menschen, wünschten ihnen den Tod im Gas und beschimpften sie auf übelste Weise. Das traf insbesondere Redakteure, die den Republikanern nahestanden und sich aus einer fiskalisch konservativen, aber sozial liberalen Haltung gegen Trump stellten und auch seine laxe Reaktion auf Antisemitismus und Rassismus angriffen. Ich schrieb damals ab und an für deutsche Medien und unterhielt mich mit dem Ressortleiter eines Nachrichtenmagazins über dieses Phänomen, das ich in einem Essay reflektieren sollte. »Ich möchte ebenfalls erwähnen, wie sehr man es anerkennen muss, dass diese Kollegen für ihre Werte einstehen«, sagte ich, »auch einem Präsidenten gegenüber, der ihrer Partei angehört. Ich wünschte mir das so klar auch von linksliberalen Journalisten, die leider den Antisemitismus von links oft nicht wahrnehmen.« Wieso, fragte er, wo es denn Judenfeindlichkeit auf dieser Seite gebe. »Hallo? Noch nie von BDS gehört? Hier bei uns in Berkeley wird jeder Jude, sofern er aus Israel kommt, wie ein Aussätziger behandelt. Und selbst wenn amerikanische Juden eingeladen werden, die als Zionisten bekannt sind, werden sie niedergebrüllt.« Und nur in wenigen Fällen verurteilt ein Gericht die Störenfriede, wie es 2011 passierte, nachdem der Historiker und damalige israelische Botschafter Michael Oren auf einer Veranstaltung an der Universität Irvine wegen der Agitationen eine Stunde lang gar nicht und dann nur sehr verkürzt sprechen konnte.13 Und wenn jüdische Studenten an einer der Universitäten in Kalifornien und anderswo einigermaßen friedlich leben wollen, distanzieren sie sich besser von Israel.14 Ich nannte einige Beispiele. Doch er wollte sie partout nicht als Judenfeindlichkeit erkennen: »Aber das hat doch nichts mit Antisemitismus zu tun. Da geht es doch um Kritik an Israel.« Ich habe den Essay nicht geschrieben.

Die Haltung des Ressortleiters ist typisch. Je nachdem, welcher Gruppe Antisemitismus zugeschrieben wird, kann man davon ausgehen, dass Menschen, die ideologisch ähnlich denken, jede Anfälligkeit für Judenfeindlichkeit in dieser Ideologie völlig verneinen oder zumindest den antisemitischen Charakter eines konkreten Vorfalls anzweifeln, ihn herunterspielen oder rechtfertigen. So findet man in manchen Medien erst seit Halle zumindest ansatzweise den Versuch, Kritik an der israelischen Regierung von antisemitischen Tönen freizuhalten. Und immer noch ist es für einige Redaktionen schwierig, muslimischen Antisemitismus zu thematisieren, genauso wie den Judenhass, der aus der linken Ecke kommt. Und den Antijudaismus bemühen ohnehin selbst Bürger, die zu Atheisten geworden sind, wenn sie beiläufig erwähnen, man sehe doch, wohin das Prinzip ›Auge um Auge‹ führe, oder erklären, warum die Juden längst hätten aufhören sollen, ihre Söhne zu beschneiden. Doch wenn selbst Menschen der schreibenden Zunft die Augen verschließen, Redakteure, denen man nicht nur Bildung und selbstständiges Denken, sondern auch Professionalität im Umgang mit Fakten unterstellen kann – was soll man dann erst von der breiten Öffentlichkeit erwarten? Tatsächlich haben sich Journalisten in den vergangenen Jahren als besonders unbelehrbar erwiesen, wenn es um die Urteilskraft in Bezug auf judenfeindliche Stereotype ging.

Sofern Juden den Antisemitismus aus ihrer Warte beschreiben, müssen sie befürchten, als Spinner abgetan zu werden, wie in dem Fall des New Yorker Autors Tuvia Tenenbom, der für den Rowohlt Verlag durch Deutschland fuhr, um die Stimmung zu erkunden. Die daraus entstandene Publikation über latente Judenfeindlichkeit im Land passte dem Verlag nicht. Um seine ablehnende Haltung zu untermauern, gab er ein Gutachten in Auftrag. Dessen ungenannte Verfasserin äußerte unter anderem, Tenenbom sei »offensichtlich ein jüdischer Hysteriker, wie ihrer aller Schutzheiliger Woody Allen«. Das sei als Kompliment gemeint gewesen, hieß es später. Im Verlauf der Auseinandersetzung hatten weder Verlag noch die Redaktion der Süddeutschen Zeitung15 oder Durchschnittsdeutsche Probleme damit, den amerikanischen Autor auch mit antisemitischen Untertönen anzugreifen.

In einem Bericht über den Streit schrieb der Journalist Malte Herwig in der Süddeutschen, der »Jude Tenenbom« habe sich für sein Manuskript mit so ziemlich allem getroffen, »was Deutschland an schrägem Personal zu bieten hat«.16 Man muss den flapsigen Stil von Tenenbom nicht mögen, doch mit einer solchen Aussage diskreditiert der Redakteur ein Buch über den Antisemitismus in Deutschland von Anfang an als etwas, das man nicht ernst nehmen muss. Und weder ihm noch seinem Ressortleiter fällt auf, dass die Einführung einer jüdischen Person als »der Jude« extrem »beladen« ist, wie der ehemalige Priester und Autor James Carroll in seinem Werk Constantine’s Sword über die Entwicklung des Antisemitismus schon im Zusammenhang mit der Verwendung des Wortes im Johannesevangelium anmerkt.17 Nicht umsonst benutzten auch die Nazis oft ›Jude‹ anstatt ›Herr‹ in der Ansprache, um einen Juden herabzusetzen. Einem deutschen Journalisten stünde die Bereitschaft zum Lernen in dieser Hinsicht gut an. Davon weit entfernt, sagte Herwig in einem Gespräch mit dem Spiegel, er sehe absolut nichts Falsches darin, den Sohn eines Rabbiners als ›Juden‹ zu bezeichnen.

Diskussionen wie diese entspinnen sich immer wieder. Häufiger entwickelt sich eher eine Debatte darüber, ob ein konkreter Vorfall als antisemitisch anzusehen ist, als dass man mit dem Problem an sich ringen würde. Darin liegt eines der größten Probleme bei der Bekämpfung des Judenhasses. Wir werden dieses Phänomen in den nächsten Kapiteln an verschiedenen Beispielen wie antisemitischer Israelkritik oder christlichem Antijudaismus näher betrachten. Schon an dieser Stelle aber wollen wir vermerken, dass die Grenze zwischen denen, die einen antisemitischen Vorgang als solchen erkennen, und solchen, die das nicht tun, auffällig häufig zwischen Juden und Nichtjuden verläuft. Offensichtlich ist die Mehrheit nicht bereit, Antisemitismus klar zu benennen, egal, in welcher Form er sich zeigt. Warum?

Halbherzige Reaktionen

Manchmal hat man den Eindruck, dass, wenn es um Antisemitismus geht, sich die Juden am besten heraushalten sollten. Sie erfahren ihn zwar. Aber was besagt das schon? So schien 2015 selbst das deutsche Innenministerium noch zu denken, als es in die neue Expertenkommission zum Thema keinen einzigen Juden berief. Das ist so, als spräche man über den Missbrauch in der katholischen Kirche, ohne Missbrauchsopfer zu hören. Darüber hinaus, so kritisierte der damalige Antisemitismusbeauftrage des American Jewish Committee (AJC), seien viele der Handlungsanleitungen, die von der vorherigen Kommission 2011 erarbeitet worden waren, noch gar nicht umgesetzt. Warum man auf die jüdische Perspektive auf das Problem verzichtet habe, erklärte eine Sprecherin des Ministeriums so: Bei der Zusammensetzung des Expertenkreises habe man allein auf fachliche Erwägungen gesetzt, »die Frage der Religionszugehörigkeit einzelner Expertinnen und Experten war kein fachliches Kriterium.«

Nicht nur diskreditiert eine solche Aussage die Qualifikation jüdischer Antisemitismusexperten in Deutschland, sie trägt zudem das Bild nach außen, dass Juden nicht wirklich mit wissenschaftlichem Blick und fachbezogen über den Hass gegen sie nachdenken können. Mit dieser Haltung würde man auch denjenigen Afroamerikanern, die gerade die Rassismusdebatte in den Vereinigten Staaten dominieren, nicht zuhören müssen. Offensichtlich ist das absurd. Davon abgesehen, dass es in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland weltweit renommierte Forscher zur Judenfeindlichkeit gibt, sind auch andere Juden im Laufe der Jahre durch eigene Betroffenheit und die dadurch angeregte intensive Beschäftigung mit dem Thema zu Experten geworden. Als Reaktion auf die massive Kritik berief das Ministerium einige Monate später auch zwei Juden in das Gremium.

Wenn selbst staatliche Institutionen keinen sicheren Blick mehr zu haben scheinen, wird es schwierig. Das gilt nicht nur für die Exekutive, sondern auch für Gerichte, die mit Urteilen nicht nur strafen, sondern daneben Zeichen setzen, wie mit bestimmten Haltungen und Handlungen umzugehen und was im wahrsten Sinne des Wortes zu verurteilen ist. Eines der prominentesten und unter Juden berüchtigtsten Beispiele war der Brandanschlag auf das Wuppertaler Gotteshaus der jüdischen Gemeinde. Synagogen und andere Gebäude jüdischer Gemeinden sind nirgends in Deutschland vor Übergriffen sicher. Die meisten von ihnen werden von der Polizei bewacht. Manche rund um die Uhr, andere zumindest an bestimmten Tagen oder zu bestimmten Tageszeiten. Dennoch gelingt es Tätern immer wieder, Wände oder Außenanlagen zu beschmieren oder die Gebäude auf andere Art zu beschädigen. Die Aufklärungsrate ist gering. Von den 21 Attacken im Jahr 2018 konnte die Polizei in nur fünf Fällen die Täter fassen. Immerhin sollte sich hier aber der antisemitische Beweggrund leicht nachweisen lassen.

Nicht so für das Amtsgericht Wuppertal. Nachdem drei junge Erwachsene palästinensischer Herkunft 2014 einen Brandsatz auf die Synagoge in Wuppertal geworfen hatten, verurteilten die Richter die Männer zwar wegen schwerer Brandstiftung zu Bewährungsstrafen. Sie erkannten aber kein antisemitisches Motiv. Dazu hieß es in der Urteilsbegründung:

»Das Gericht hat auch das Motiv der Angeklagten hinterfragt. Für die Angaben der Angeklagten F und B, dass sie durch ihre Tat die Aufmerksamkeit auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zur Tatzeit lenken wollten, spricht zunächst die Tatsache, dass alle drei Angeklagte aus Palästina stammen und nicht wiederlegbar [sic!] zum Zeitpunkt der Tat aufgrund des andauernden Konflikts keinen Kontakt mehr zu ihren Angehörigen in Palästina hatten. Zudem zeigen auch Aufnahmen aus dem Facebook-Profil des Angeklagten F, dass dieser für einen palästinensischen Staat eintritt. Als Motiv der Tat kam allerdings auch Antisemitismus in Betracht. Dafür sprach der Umstand, dass die Angeklagten als Palästinenser und Angehörige muslimischen Glaubens eine jüdische Synagoge mit Brandsätzen beworfen haben. Diese zugegebenermaßen schwerwiegenden Indizien ließen für das Gericht allein jedoch nicht den hinreichend sicheren Schluss zu, dass die Tat in jedem Falle antisemitisch motiviert war. Denn das Ergebnis der Ermittlungen ergab ansonsten keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass die Angeklagten antisemitisch eingestellt sind. Die Polizei hat die Wohnungen der Angeklagten durchsucht und Zeugen aus ihrem Umfeld befragt. Es ergaben sich daraus keine Umstände, die den Rückschluss zulassen könnten, dass die Angeklagten eine grundsätzlich judenfeindliche Einstellung haben.«

Soweit ein Teil des Urteils.

Dass die Täter in einer Wohnung »in arbeitsteiligem Zusammenwirken Brandsätze herstellten, sogenannte ›Molotowcocktails‹«, wie es in dem Urteil heißt, um sich dann »zu der in der Nähe fußläufig gelegenen Synagoge der jüdischen Gemeinde« zu begeben, mit der »Vorstellung, mit den Brandsätzen gegebenenfalls die Synagoge in Brand zu setzen«, wie es weiter heißt, all das reichte den Wuppertaler Amtsrichtern nicht, um eine antisemitische Einstellung festzustellen. Und was haben deutsche Juden überhaupt mit dem Nahostkonflikt zu tun? Liegt da nicht Judenfeindlichkeit näher? Nein, sagt das Gericht, immerhin haben die Angeklagten beteuert, nichts gegen Juden zu haben. Und schreibt weiter in dem Urteil: »Sicherlich ist dabei klarzustellen, dass die in Deutschland lebende jüdische Bevölkerung, insbesondere die jüdische Gemeinde in X [Was meinen die Richter? Die anderen vielleicht doch ein bisschen?], nichts mit der Politik der israelischen Regierung und ihrer Auseinandersetzung mit den im Gaza-Streifen lebenden Palästinensern zu tun hat. Andererseits ist aber bei Würdigung aller Umstände und der Persönlichkeit der Angeklagten auch zu berücksichtigen, dass es keineswegs fernliegend ist, dass sie gerade diesen Schluss nicht gezogen haben, sondern – auch mangels eines anderen dem Staat Israel in der Tatnacht eindeutig zuzuordnenden Tatobjekts – eine Synagoge als Zeichen jüdischen Lebens zum Tatobjekt gewählt haben, um daran ihr Anliegen, Aufmerksamkeit auf den zwischen Israel und den Palästinensern lodernden Konflikt zu lenken, deutlich zu machen.« Als Juristin kann ich mir nicht helfen zu denken: »Echt jetzt?«

Das Landgericht Wuppertal erhöhte die Bewährungsstrafen zwar von jeweils einem Jahr und drei Monaten auf Freiheitsstrafen von zwei Jahren beziehungsweise einem Jahr und elf Monaten. Bei der Einschätzung, ob man Antisemitismus als Motivation strafverschärfend werten könne, war die Kammer aber an die Einschätzungen der Vorinstanz gebunden. Hierzu hieß es im Urteil: »Demgegenüber war strafschärfend zu berücksichtigen, dass die Angeklagten durch die Tat eine Vielzahl von Personen, namentlich die Angehörigen der jüdischen Gemeinde, in Angst und Schrecken versetzt haben, wenn auch – an die insoweit von dem Amtsgericht getroffenen Feststellungen ist die Kammer gebunden – die Tat selbst nicht antisemitisch motiviert war. Zu ihren Lasten ging auch, dass sie bei der zwar dilettantisch ausgeführten Tat eine nicht unerhebliche kriminelle Energie (arbeitsteiliges Zusammenwirken, gemeinsames Vorbereiten und Herstellen verschiedener als Brandsatz dienender Molotowcocktails, Werfen von gleich fünf dieser Brandsätze) an den Tag legten.« Doch weil es auch strafmindernde Umstände gegeben habe, bleibe man bei der Aussetzung der Vollstreckung auf Bewährung, so das Gericht. Diese Entscheidung, gegen die einer der Angeklagten Revision einlegte, wurde abschließend vom Oberlandesgericht Düsseldorf bestätigt und damit rechtskräftig.18

Auch Anklagebehörden scheint Antisemitismus in seinen verschiedenen Ausprägungen nicht geläufig zu sein. So wies die Staatsanwaltschaft Braunschweig bereits mehrere Strafanzeigen ab, zum Beispiel eine gegen die Partei »Die Rechte«, die in der Zeit von 19.33 bis 19 . 45 Uhr mit einer Mahnwache unweit der Synagoge den »Zionismus stoppen« wollte.19 Einen Symbolismus und/oder Hinweis auf die Nazizeit wollten die Juristen darin partout nicht sehen.

Wenn fast nur Juden für die Juden eintreten

Die Unsicherheit, was als antisemitisch zu werten ist, scheint in allen Gesellschaftsschichten groß zu sein, aber die Mehrheit ist sich offensichtlich darüber im Klaren, dass es Antisemitismus gibt. Laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2018 halten zwei Drittel der Bundesbürger ihn für ein Problem. 61 Prozent glauben, dass Anfeindungen gegenüber Juden in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Damit liegen die Werte für Deutschland höher als in anderen Ländern Europas. Denn EU-weit bemerkt lediglich jeder Dritte einen Anstieg.20