Michael North
Zwischen Hafen
und Horizont
Weltgeschichte der Meere
C.H.Beck
Dieses Buch bietet einen eindrucksvollen Überblick über mehr als 3000 Jahre Weltgeschichte der Meere. Michael North schildert darin die Auseinandersetzung des Menschen mit den Herausforderungen und Gefahren der Ozeane und erhellt die Möglichkeiten, die sie uns eröffnen. Güter zu transportieren und damit reich zu werden oder existenzielle Nöte zu erfahren und alles zu verlieren, neue militärische Optionen zu nutzen und seine Macht über Kontinente auszudehnen – das alles war und ist bis heute mit der Beherrschung der Seefahrt, der Kunst des Schiffsbaus, der Nautik und der Herrschaft über die Seewege verbunden. Nicht zuletzt aber bildet das Meer gleichsam den Naturraum der Globalisierung, wie uns tagtäglich angesichts der Flüchtlingsströme ebenso bewusst wird wie angesichts der skrupellosen Zerstörung dieses einzigartigen Lebensraums – Prozesse, vor denen niemand die Augen verschließen kann! Über diese und viele weitere Themen informiert die neue Weltgeschichte der Meere.
Michael North ist Professor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Greifswald. Im Verlag C.H.Beck sind von ihm lieferbar: Geschichte der Niederlande (42013); Geschichte der Ostsee. Handel und Kulturen (2011); Kleine Geschichte des Geldes. Vom Mittelalter bis heute (2009); Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick (Hg., 22005).
Einleitung
I.: Entdeckung des Meeres
1. Die Anfänge: Phönizier und Griechen
2. Thalassokratien: Athen, Alexandria, Karthago und Rom
3. Weizen, Wein und Edelsteine
4. Handbücher und Reiseberichte
5. Desintegration oder Reintegration?
II.: Nordsee – Ostsee – Schwarzes Meer
1. Die Wikinger
2. Handelsrouten
3. Schwerter, Schmuck und Runensteine
III.: Rotes Meer – Arabische See – Südchinesisches Meer
1. Die Voraussetzungen: Winde, Schiffe und Navigation
2. Von Ibn Battuta zu Marco Polo: Kaufleute und Häfen
3. Maritime Seidenstraße
IV.: Mittelmeer
1. Der Aufstieg der Seerepubliken
2. Die neue Handelsmacht in der Levante
3. Ein sicheres, aber teures Transportmittel: Die Galeeren
4. Handelsplätze und Netzwerke
5. Die Piraten: Raub und Lösegeldgeschäfte
V.: Nord- und Ostsee
1. Ein mächtiges Städtebündnis: Die Hanse
2. Metropolen an der Nordsee: Brügge, Antwerpen und Amsterdam
3. «Die Niederländer sind die Fuhrleute der Welt»
4. Bauern, Tuchmacher, Unternehmer und Künstler:Die Niederlandisierung des Ostseeraums
VI.: Indischer Ozean
1. Ein harter Konkurrenzkampf:Portugiesen, Niederländer und Engländer
2. Silber gegen Baumwollstoffe
3. Kaufmannsdynastien und das Leben auf See
4. Europa trifft Asien
VII.: Atlantik
1. Auf dem Weg in die Neue Welt
2. Die Rivalität zwischen Spaniern und Portugiesen
3. Zucker, Sklaven und Pelze:Niederländer, Engländer und Franzosen
4. Afrikaner und indigene Amerikaner
5. Matrosen, Bukaniere und Pastoren
6. Die Wahrnehmung des Atlantiks
VIII.: Pazifik
1. Entdeckung und Begegnung
2. Sandelholz, Seegurken und Seeotter
3. Zwischen Kanton und Kalifornien
4. Missionare und Forscher
IX.: Globalisierung der Meere
1. Vom Segel- zum Dampfschiff
2. Die Kommunikationsrevolution
3. Auswanderung und Ausbeutung
4. Schoner und Schleppnetz
5. Der Kampf um die Seeherrschaft
6. Die Neuentdeckung des Meeres
X.: Gefahren und Gefährdung
1. Pearl Harbor und Bikini
2. Flucht und Migration
3. Tanker und Tonnage
4. Kreuzfahrten und Bettenburgen
5. Ausbeutung und Zerstörung
6. Eutrophierung und Verschmutzung
7. Überfischung
Fazit
Nachwort
Anmerkungen
Einleitung
1. Entdeckung des Meeres
II. Nordsee – Ostsee – Schwarzes Meer
III. Rotes Meer – Arabische See – Südchinesisches Meer
IV. Mittelmeer
V. Nord- und Ostsee
VI. Indischer Ozean
VII. Atlantik
VIII. Pazifik
IX. Globalisierung der Meere
X. Gefahren und Gefährdung
Auswahlbibliographie
Bildnachweis
Register
Für Christopher
«Where are your monuments, your battles, martyrs?
Where is your tribal memory? Sirs,
in that grey vault. The sea. The sea
has locked them up. The sea is History.»[1]
Derek Walcott
In seinem Gedicht The Sea is History stellt der karibische Poet Derek Walcott das Meer in den Mittelpunkt der Geschichte. Das Meer birgt und verwahrt Erinnerungen, die wie die Seeleute, Sklaven, Fischer und Reichtümer auf seinem Grund liegen, bis die Menschen sie wieder ans Licht holen. Es ist das Anliegen des Historikers, diese Erinnerungen wiederzubeleben. Das Meer stellt also gleichermaßen Aufgabe und Herausforderung für den Historiker dar.[2]
Drei Viertel der Erdoberfläche sind von Wasser oder Meeren bedeckt. Daher liegt die Bezeichnung Wasser- oder Meerkugel näher als Erdkugel.[3] Viele Disziplinen – gerade historische – haben das Meer neu entdeckt: Die Wissenschaftshistoriker beschäftigen sich beispielsweise mit der Wissenschaft der Navigation, das heißt dem langen Weg zur Bestimmung der Längen- und Breitengrade.[4] Literaturwissenschaftler erörtern die Konzeption und Repräsentation des Meeres.[5] Sozialhistoriker nehmen die Hafenarbeiter, die Seeleute und die Piraten in den Blick,[6] während sich Wirtschaftshistoriker dem globalen Handel und der Schifffahrt zuwenden. Schließlich befasst sich die Umweltgeschichte mit den Meeren, den Tsunamis, den ökologischen Veränderungen wie Verschmutzung und Erwärmung. Angesichts des vermehrten Interesses an der Globalgeschichte sind die Meere und Ozeane ein Thema und es entsteht eine neue historische Meereswissenschaft (new thalassology).[7]
Damit erscheinen die von Kunst, Literatur und Philosophie vermittelten Vorstellungen vom Meer in einem anderen Licht. Hier dominiert in der westlich-europäischen Perspektive noch immer das Bild unwillkommener Wildheit, des Schreckens und des Irrationalen,[8] während das Meer in anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in den insularen Gesellschaften des Pazifiks oder Südostasiens, als vertrautes Element wahrgenommen wird.[9]
Das Meer fordert den Menschen in vielfältiger Weise heraus. Die Gewalt des Wassers verlangt Anpassung und Reflexion derjenigen, die vom Meer leben, und von denen, die von seiner Natur betroffen sind. Leben am Meer, Leben vom Meer und Leben mit dem Meer generiert eine Fülle von Vorstellungen und Praktiken, deren Untersuchung zu einer veränderten Sichtweise auf die Beziehung zwischen Meer und Land führen könnte.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das vorliegende Buch mit den verschiedenen Rollen des Meeres in der Geschichte.[10] Wir denken dabei in erster Linie an den Austausch von materiellen und immateriellen Gütern über das Meer sowie an die Migration von Personengruppen. Hier verbanden die Meere zur selben Zeit wie sie trennten; und die Menschen, die nicht die Meere überquerten, waren von den Folgen des Kontaktes betroffen. Ebenso prägte die Auseinandersetzung mit dem Meer die menschlichen Gesellschaften. Von alters her bot es dem Menschen Ressourcen für den Lebensunterhalt, unabhängig davon, ob diese auf dem Meeresgrund lagen, im Wasser schwammen oder sich in Gestalt von Schiffen auf dem Meer bewegten. Daher versuchten Staaten, sich die Meere anzueignen, indem sie die Reichtümer und Passagen für sich beanspruchten, aber gleichzeitig für deren Sicherheit sorgten.
Entsprechend schreiben Menschen und Gesellschaften dem Meer unterschiedliche Rollen zu: als Lebensgrundlage, als Transportmedium, als Kriegsschauplatz, als Sehnsuchts- und Erinnerungsort.[11] Wie die Meere in Gesellschaft und Kunst wahrgenommen, imaginiert und konstruiert werden, ist ebenfalls Thema dieses Buches.
Bei der Erforschung der Meere wirkt noch immer die Vision Fernand Braudels, der in seinem Werk La Méditerranée et le monde méditerranéen à l’époque de Philippe II[12] erstmals eine Meeresregion in ihren naturräumlichen Bedingungen über die Jahrhunderte als Einheit darstellte, in der der Mensch dem Schicksal der Natur ausgeliefert war. Inspiriert durch Braudel haben verschiedene Historiker andere Meere nach dem Modell des Mittelmeeres konstruiert,[13] aber allmählich festgestellt, dass es nicht möglich und nicht sinnvoll ist, entsprechende Paradigmen auf den Atlantik[14] oder den Pazifik anzuwenden.[15] Darüber hinaus lässt eine Sichtweise, die ein Meer als geschlossenes System versteht, die Verbindungen auf globaler wie auf regionaler Ebene außer Acht. Die Netzwerke, die sich auf einem der Meere ausbilden, haben immer auch zur Anbindung an andere Meere geführt. Damit ergeben sich neue Perspektiven der globalen Geschichte.
Ich folge hier John Parry, der in seinem Buch The Discovery of the Sea bereits 1974 bemerkte: «Alle Meere der Welt sind ein Einziges. Denn sie sind alle miteinander verbunden. Alle Meere, abgesehen von den Eismeeren, sind schiffbar.»[16] Auch das hat sich inzwischen durch die Erwärmung der Erde geändert, die es ermöglicht, die Eismeere in Richtung Osten oder Westen zu durchfahren.
Wenn man eine Geschichte der Weltmeere schreibt, geht es wie bei der Globalgeschichte um Verbindungen und Vergleiche.[17] Dabei stehen die Menschen, die diese Verbindungen herstellten, im Mittelpunkt ebenso wie die Güter und Ideen, die von einer Welt in die andere Welt verschifft wurden. Der Vorteil einer solchen anderen Perspektive liegt darin, dass wir das Meer nicht länger aus dem nationalen Blickwinkel seiner Anrainer betrachten, sondern die Konnektivität der Meere in den Blick nehmen.