Cover

Helen Pluckrose James Lindsay

ZYNISCHE THEORIEN

Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt

Aus dem Englischen
übersetzt von Sabine Reinhardus und
Helmut Dierlamm

C.H.Beck


Zum Buch

Postmoderne Denker wie Michel Foucault oder Jacques Derrida haben die Strukturen westlicher Gesellschaften so tiefgreifend dekonstruiert wie niemand vor ihnen. Ihr radikaler Skeptizismus hatte jedoch einen Preis. Helen Pluckrose und James Lindsay zeichnen in ihrem kontroversen Buch nach, wie die Grundannahmen der postmodernen Theorie seit den 1980er Jahren im Postkolonialismus, in der Critical-Race-Theorie, im intersektionalen Feminismus, in den Gender Studies und in der Queer-Theorie für den politischen Aktivismus scharfgemacht wurden. Ihr zentraler Befund lautet, dass ein freier Austausch wissenschaftlicher Argumente durch den aus diesen Reihen immer aggressiver vorgetragenen Anspruch auf Deutungshoheit zunehmend unmöglich wird. Damit erweisen der neue wissenschaftliche Aktivismus und seine Wächter den Minderheiten, für die sie sich angeblich einsetzen, jedoch einen Bärendienst: Drängende soziale Probleme werden von einer völlig überzogenen Sprachkritik und Cancel Culture überlagert – und potenziell wohlmeinende Unterstützer ziehen sich entnervt zurück, weil sie im erhitzten Diskursklima vorschnell dem reaktionären Lager zugeschlagen werden.

Über die Autoren

Helen Pluckrose ist liberale Publizistin, Gründerin der Plattform «Counterweight» und ehemalige Chefredakteurin des «Areo Magazine». Sie hat zahlreiche Essays über die Postmoderne, den Liberalismus, Säkularismus und den Feminismus verfasst. Pluckrose lebt in London, England.

James Lindsay ist Mathematiker und Buchautor. Seine Essays sind in zahlreichen Zeitungen und Magazinen erschienen, darunter das Wall Street Journal, die Los Angeles Times und Time. Lindsay lebt in Tennessee, USA.

Inhalt

Einführung

1 Postmodernismus

Eine Revolution des Wissens und der Macht

Wurzeln, Prinzipien und Themen des Postmodernismus

Zwei Prinzipien und vier Themen

Das postmoderne Wissensprinzip

Das politische Prinzip der Postmoderne

1. Das Verwischen von Grenzen

2. Die Macht der Sprache

3. Kultureller Relativismus

4. Die Verabschiedung von Begriffen des Individuellen und des Universellen zugunsten von Gruppenidentitäten

Ist der Postmodernismus denn nicht tot?

2 Die Wende zum angewandten Postmodernismus

Repression sichtbar machen

Die Mutation der Theorie

Der neue Standard

Das Nichtanwendbare anwenden

Postmoderne Prinzipien und Themen in der Anwendung

Das Aufkommen der Social-Justice-Wissenschaft

3 Postkoloniale Theorie

Den Westen dekonstruieren, um das Andere zu retten

Der Postkolonialismus als Projekt des angewandten Postmodernismus

Ein Vergleich der Geisteshaltungen

Alles dekolonisieren

Wie man Forschungsgerechtigkeit erreicht

Die Aufrechterhaltung des Problems in reaktionärem Gewand

Eine gefährliche, bevormundende Theorie

4 Queer-Theorie

Die Freiheit vom Normalen

Eine kurze Geschichte der Queer-Theorie

Queer als Verb und als Substantiv

Das queere Erbe von Sexualität und Wahrheit

Die drei Patinnen der Queer-Theorie

Die postmodernen Prinzipien und Themen der Queer-Theorie

5 Critical-Race-Theorie und Intersektionalität

Den Rassismus beenden, indem man ihn überall sieht

Ein kritischer Ansatz

Die Ausbreitung der Critical-Race-Theorie

Die Critical-Race-Theorie als angewandter Postmodernismus

Intersektionalität

Die Intersektionalität und die Wende zum angewandten Postmodernismus

Komplex, aber auch schrecklich einfach

Das Kastensystem der Social-Justice-Bewegung

Das Meme der Social Justice

Edle Ziele, schreckliche Mittel

6 Feminismen und Gender Studies

Vereinfachung als Raffinement

Feminismus, damals und heute

Eine «immer raffiniertere» Theorie

Doing Gender Studies

Der Tod des liberalen Feminismus

Irrungen und Wirrungen der Diversitäts-Theorie

Eine klassenblinde Theorie

Von Maskulinitäten und Männern

Zusammenfassung der Verschiebungen

7 Disability Studies und Fat Studies

Identitätstheorie für Selbsthilfegruppen

Disability Studies

Ableismus

Die wohlmeinende Fürsprache führt auf Abwege

Fat Studies

Theorie – Eine paranoide Fantasy-Fabel

Die Selbsthilfegruppe als Forschungsgemeinschaft

8 Social Justice und das Denken

Die Wahrheit der Social Justice

Der Postmodernismus entfaltet sich

Eine Menagerie neuer Begriffe

Du bist, was du weißt

Eine andere Art von Farbenblindheit

Du sollst der Theorie nicht widersprechen

Zusammenfassung – Wie postmoderne Prinzipien und Themen zur Realität werden

9 Social Justice in Aktion

Theorien sehen auf dem Papier immer gut aus

Was geschieht an unseren Universitäten, und warum ist es wichtig?

Auswirkungen auf den Rest der Welt

Verhätschelung und Opferkultur

Die Institutionalisierung von Social Justice: Eine Fallstudie

Auf dem Papier sieht Theorie immer gut aus

10 Eine Alternative zur Social-Justice-Ideologie

Liberalismus ohne Identitätspolitik

Warum freie Debatten so wichtig sind

Die Theorie versteht den Liberalismus nicht

Liberale Wissenschaft

Die Prinzipien und Themen der Social-Justice-Bewegung aus der Sicht des Liberalismus

Das postmoderne Wissensprinzip

Das politische Prinzip des Postmodernismus

Das Verwischen von Grenzen

Der Fokus auf die Macht der Sprache

Kulturrelativismus

Die Verabschiedung des Individuellen und des Universellen

Munition für die Identitätspolitik der extremen Rechten

Eine kurze Diskussion von Lösungen

Ein Fazit und ein Statement

Prinzipieller Widerspruch: Beispiel 1

Prinzipieller Widerspruch: Beispiel 2

Prinzipieller Widerspruch: Beispiel 3

Prinzipieller Widerspruch: Beispiel 4

Danksagung

Ausgewählte Bibliografie

Anmerkungen

Einführung

1 Postmodernismus

2 Die Wende zum angewandten Postmodernismus

3 Postkoloniale Theorie

4 Queer-Theorie

5 Critical-Race-Theorie und Intersektionalität

6 Feminismen und Gender Studies

7 Disability Studies und Fat Studies

8 Social Justice und das Denken

9 Social Justice in Aktion

10 Eine Alternative zur Social-Justice-Ideologie

Einführung

In der Moderne und insbesondere in den vergangenen beiden Jahrhunderten hat sich in den meisten westlichen Ländern ein breiter Konsens zugunsten einer politischen Philosophie, dem sogenannten Liberalismus, entwickelt. Dessen wichtigste Grundsätze bestehen in politischer Demokratie, in der Einhegung und Begrenzung der Regierungsmacht, der Entwicklung universeller Menschenrechte, rechtlicher Gleichheit erwachsener Bürger, Meinungsfreiheit, dem Respekt für die gesellschaftliche Bedeutung von Meinungsvielfalt, offenen Debatten, Evidenz und Vernunft, der Trennung von Kirche und Staat und der Religionsfreiheit. Diese liberalen Werte wurden zu Idealen, und es bedurfte jahrhundertelanger Kämpfe gegen Theokratie, Sklaverei, Patriarchat, Kolonialismus, Faschismus und viele andere Formen der Diskriminierung, um sie in dem Maß wertzuschätzen, wie das heute, wenn auch mit Einschränkungen, der Fall ist. Doch der Kampf um soziale Gerechtigkeit wurde immer dann am wirkungsvollsten geführt, wenn er die universelle Geltung liberaler Werte einklagte; sie sollten auf alle Menschen gleichermaßen angewandt werden, nicht nur auf reiche weiße Männer. Halten wir hier fest, dass philosophische Positionen, die wir als «Liberalismus» bezeichnen, mit einer breit gefächerten Reihe von Positionen in Bezug auf politische, ökonomische und soziale Fragen einhergehen, darunter auch solche, die in Amerika als «liberal» (und in Europa als «sozial-demokratisch») gelten, sowie gemäßigte Formen dessen, was Menschen auf der ganzen Welt unter «konservativ» verstehen. Dieser philosophische Liberalismus ist ein Gegenpol zu autoritären Bewegungen jeglicher Couleur, mögen diese nun links- oder eher rechtsgerichtet sein, eher säkular oder theokratisch. Den Liberalismus stellt man sich daher am besten als gemeinsamen Nenner vor, der uns einen Rahmen für Konfliktlösungen vorgibt und es Menschen mit den unterschiedlichsten Ansichten im Hinblick auf politische, ökonomische und soziale Fragen erlaubt, rationale Debatten über die öffentliche Ordnung zu führen.

Allerdings haben wir mittlerweile einen Punkt in der Geschichte erreicht, an dem Liberalismus und Moderne, als Herzstück der westlichen Zivilisation, in ihren fundamentalen Ideen ernsthaft bedroht sind. Die genaue Natur dieser Bedrohung ist nicht einfach zu durchschauen. Sie entsteht aus mindestens zwei mächtigen Richtungen: einer revolutionären und einer reaktionären, deren Verfechter[1] miteinander ringen, um ihr jeweiliges illiberales Gesellschaftsbild durchzusetzen. Rechtsextreme populistische Bewegungen nehmen für sich in Anspruch, eine letzte Lanze für Liberalismus und Demokratie zu brechen und sich gegen die nahende Flut des Fortschritts und Globalismus zu stemmen, die überall auf der Welt auf dem Vormarsch sei. Zunehmend setzt dieser Abwehrkampf auch auf die Führung von Diktatoren und starken Männern, um «westliche» Souveränität und Werte zu schützen und zu sichern. Unterdessen stellen sich die Kreuzritter aus dem linksgerichteten progressiven Lager als die einzig aufrechten Verfechter des sozialen und moralischen Fortschritts dar, ohne dessen Errungenschaften die Demokratie bedeutungslos bleibe und ausgehöhlt werde. Sie treiben ihre Sache nicht nur durch revolutionäre Zielsetzungen voran, die im offenen Widerspruch zum Liberalismus stehen und diesen als Instrument der Unterdrückung brandmarken, sondern bedienen sich in ihrem Kampf auch zunehmend autoritärer Mittel, indem sie versuchen, eine durch und durch dogmatische, fundamentalistische Ideologie im Hinblick auf die Ordnungsprinzipien unserer Gesellschaft durchzusetzen. In dieser Schlacht sehen sich beide Lager jeweils als den Feind schlechthin und stacheln sich zu immer größeren Exzessen an. Der Kulturkrieg, der hier tobt, bestimmt mehr und mehr die Politik und zunehmend auch die Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts.

Obwohl die politische Rechte durchaus ein ernstes Problem ist und gewiss einer sorgfältigen Analyse bedarf, haben wir uns eine gewisse Expertise angeeignet, was das Problem der politischen Linken betrifft. Während sich beide Seiten immer stärker radikalisieren, liegt das spezifische Problem der politischen Linken aus unserer Sicht darin, dass diese sich von ihrem historischen Ursprung, dem Liberalismus, abwendet, der einst ihre Vernunft und Stärke begründete. Genau dieser Liberalismus ist jedoch entscheidend, um den Fortbestand unserer säkularen und liberalen Demokratie künftig zu gewährleisten. Wie wir bereits an anderer Stelle beschrieben haben, liegt die Ursache des Problems darin, dass

die progressive Linke sich nicht der Moderne, sondern der Postmoderne zurechnet, welche die objektive Wahrheit als einen fantastischen Traum der naiven und/oder arroganten, bigotten Denker der Aufklärung verwirft, die wiederum die unheilvollen Folgen des Fortschritts innerhalb der Moderne unterschätzten.[2]

Genau damit möchten wir uns in diesem Buch eingehend auseinandersetzen und hoffentlich zu einer Klärung des Problems des Postmodernismus beitragen. Wir wollen das postmoderne Denken nicht nur im Hinblick auf seine in den Sechzigerjahren aufkommende Ursprungsvariante ins Visier nehmen, sondern auch seine Weiterentwicklung in den vergangenen fünfzig Jahren kritisch betrachten. Je nach Blickwinkel hat sich der Postmodernismus entweder zu einer der intolerantesten und autoritärsten Ideologien seit dem großflächigen Niedergang des Kommunismus und dem Zusammenbruch der weißen Vorherrschaft und des Kolonialismus entwickelt oder sie hat einer solchen Ideologie Vorschub geleistet. Der Postmodernismus, ursprünglich eine intellektuelle und kulturelle Reaktion auf diese gesellschaftlichen Veränderungen, entwickelte sich zunächst in den eher abgelegenen Winkeln des akademischen Betriebs. Seit den Sechzigerjahren hat sich diese Denkströmung jedoch auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen ausgebreitet, im politischen Aktivismus, in der Bürokratie, und ist mittlerweile im Schulsystem und allen daran anschließenden Bildungseinrichtungen angekommen. Von dort aus ist sie in breite Gesellschaftsschichten eingesickert, bis zu einem Punkt, an dem der Postmodernismus und ebenso vernünftige wie reaktionäre Gegenpositionen die gesamte soziale und politische Landschaft dominieren, während wir uns mühsam ins dritte Jahrzehnt des neuen Jahrtausends vorarbeiten.

Die sogenannte Social-Justice-Bewegung (in Deutschland eher bekannt unter dem Stichwort der identitätspolitischen Linken; Anm. der Übersetzer) verfolgt nominell ein weit gefasstes Ziel namens «soziale Gerechtigkeit», von dem sich auch ihr Name ableitet. Der Begriff ist beinahe zweihundert Jahre alt. Verschiedene Denker haben ihm zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Bedeutungen verliehen, die jedoch alle in der einen oder anderen Hinsicht über die Gewährleistung rechtlicher Gleichheit hinausreichende Fragen sozialer Ungleichheit aufwerfen und zu lösen versuchen, insbesondere was Klasse, Race[3], Gender, Geschlecht und Sexualität betrifft. Als einer der berühmtesten Vertreter wäre hier vielleicht John Rawls zu nennen, ein liberaler, progressiver Philosoph, der sich hauptsächlich mit den Bedingungen beschäftigt, unter denen eine sozial gerechte Gesellschaft organisiert werden könnte. Dabei spielte er ein universalistisches Gedankenexperiment durch, in dem eine sozial gerechte Gesellschaft eine Gesellschaft wäre, der jedes Individuum, unter Absehung von seiner sozialen Herkunft vor die Wahl gestellt, zustimmen könnte.[4] Ein anderer, explizit anti-liberaler und anti-universalistischer Ansatz, der ebenfalls das Ziel verfolgt, soziale Gerechtigkeit zu erreichen, wurde insbesondere seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts gleichermaßen populär. Dieser Ansatz geht auf die kritische Theorie[5] zurück. Kritische Theorie bzw. Ideologiekritik setzt sich hauptsächlich damit auseinander, versteckte Vorurteile und nicht überprüfte Annahmen im herrschenden Denken offenzulegen, meist, indem sie auf das sogenannte «Problematische», ja das Falsche hinweist, das mit einer Gesellschaft und dem System, nach dem sie organisiert ist, einhergeht.

In gewisser Hinsicht ist der Postmodernismus ein Ableger der kritischen Theorie und ging zunächst eigene Wege, bis er in den Achtziger- und Neunzigerjahren von Aktivisten für soziale Gerechtigkeit (die sich übrigens kaum je auf John Rawls beziehen) aufgegriffen wurde. Die so entstandene Bewegung bezeichnet ihre Ideologie dreist als «Social Justice», als ob sie allein nach einer gerechteren Gesellschaft strebe, während alle anderen für gänzlich andere Ziele einträten. Die Bewegung ist in den Vereinigten Staaten daher unter dem Begriff «Social Justice Movement» bekannt geworden, firmiert im Netz gelegentlich der Kürze halber unter SocJus oder auch, immer häufiger, als «wokeism» (was die Überzeugung zum Ausdruck bringen soll, dass ausschließlich diese Bewegung uns für soziale Ungerechtigkeit sensibilisiert, dass sie uns «erweckt» habe). Social Justice mit Großbuchstaben bezieht sich daher auf eine hinreichend spezifische und doktrinäre Interpretation des Begriffes «soziale Gerechtigkeit» sowie auf die Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, wobei eine dogmatische und geradezu orthodoxe Terminologie zum Pflichtprogramm gehört. Obwohl wir dieser illiberalen und ideologischen Bewegung nur widerstrebend die im Kern liberale Zielbestimmung der sozialen Gerechtigkeit überlassen möchten, ist sie unter diesem Namen bekannt und wird aus Gründen der Klarheit in diesem Buch auch als Social Justice benannt. Dagegen verweist der Ausdruck soziale Gerechtigkeit auf die breitere, allgemeine Bedeutung des Begriffs. Und um unsere sozialen und politischen Prioritäten unmissverständlich deutlich zu machen: Wir sind grundsätzlich für soziale Gerechtigkeit, aber gegen Social Justice.

Der zunehmende Einfluss der Social-Justice-Bewegung auf die Gesellschaft ist mittlerweile unübersehbar, besonders hervorzuheben sind hierbei «Identitätspolitik» und «politische Korrektheit». Beinahe jeden Tag lesen wir von jemandem, der entlassen, «gecancelt» oder in den sozialen Medien gemobbt wurde, weil er oder sie etwas gesagt oder getan hat, das als sexistisch, rassistisch oder homophob interpretiert werden könnte. Manchmal sind die Anschuldigungen begründet und wir können uns mit dem Gedanken beruhigen, dass ein Fanatiker zu Recht für seine oder ihre hasserfüllten Äußerungen «zensiert» wurde. Andererseits lässt sich mit zunehmender Häufigkeit feststellen, dass die Vorwürfe auf sehr freien Auslegungen und fragwürdigen Begründungen beruhen. Mitunter hat man den Eindruck, sogar Menschen mit den besten Absichten und auch jene, die Freiheit und Gleichheit wertschätzen, könnten versehentlich etwas äußern, das dem neuen Sprach-Code zuwiderläuft und verheerende Folgen für Karriere und Ruf nach sich zieht. Das ist verwirrend und widerspricht einer Kultur, die doch die Würde des Menschen an erste Stelle setzt und Meinungsvielfalt toleriert. Wenn verdiente Leute sich selbst zensieren, um nichts «Falsches» zu sagen, hat das, im besten Fall, einen Abschreckungseffekt auf die Kultur der freien Meinungsäußerung, von der liberale Demokratien in den vergangenen zweihundert Jahren in hohem Maße profitiert haben. Schlimmstenfalls ist es ein Fall von bösartigem Mobbing und kommt – institutionalisiert – einer Art Autoritarismus in der Mitte unserer Gesellschaft gleich.

Diese Tendenz verdient eine Erklärung oder verlangt genauer gesagt danach, denn derartige gesellschaftliche Veränderungen, die sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit vollziehen, sind schwer zu begreifen. Das liegt daran, dass sie auf eine sehr spezifische Sicht der Welt zurückgehen, die sich obendrein sogar einer eigenen Sprache bedient. Innerhalb der angelsächsischen Welt ist das zwar das Englische, doch die Wörter des täglichen Gebrauchs erfahren dabei eine Umdeutung. Wenn beispielsweise von «Rassismus» gesprochen wird, bezieht sich das Wort nicht auf rassistische Vorurteile, sondern vielmehr, nach Definition der Social-Justice-Bewegung, auf ein grundlegend rassistisches System, das die gesamte Gesellschaft durchzieht und weitgehend unsichtbar und unbemerkt bleibt; es kann nur von denjenigen erkannt werden, die Rassismus selbst erfahren oder die richtigen «kritischen» Methoden erlernt haben, mit deren Hilfe sich dieser allgegenwärtige, versteckte Rassismus aufspüren lässt. (Dabei handelt es sich um Menschen, die in dieser Hinsicht als «woke» bezeichnet werden.) Dieser sehr präzise, technische Gebrauch des Wortes «Rassismus» führt viele Menschen in die Irre.

Diese akademischen Aktivisten bedienen sich nicht nur einer spezifischen Sprache – umgedeutete Wörter des alltäglichen Gebrauchs, von denen Menschen fälschlicherweise annehmen, sie verstünden sie –, sondern repräsentieren auch eine Kultur, die sich von unserer vollständig unterscheidet und zugleich in sie eingebettet ist. Menschen, die aktivistische Ansichten vertreten, mögen uns physisch nahe sein, sind aber, in intellektueller Hinsicht, Welten von uns entfernt; sie zu verstehen und mit ihnen zu kommunizieren, ist unglaublich schwierig. Sie sind besessen von einem Geflecht aus Macht, Sprache und Wissen. Sie nehmen die Welt durch eine Brille wahr, die jede Interaktion, jede Äußerung, jedes kulturelle Artefakt nur als Ausdruck einer Machtdynamik erkennen lässt, selbst wenn diese nicht offensichtlich oder nicht einmal real ist. Diese Weltanschauung ist auf soziale und kulturelle Missstände fixiert und zielt darauf ab, alles auf ein Nullsummenspiel des politischen Kampfes zu reduzieren, der sich ausschließlich um Identitätsmarker wie Race, Geschlecht, Gender, sexuelle Orientierung und viele andere dreht. Ein Außenstehender hat schnell den Eindruck, er habe es mit einer Kultur von einem anderen Planeten zu tun, dessen Bewohner keinerlei Kenntnisse über sich sexuell reproduzierende Spezies besitzen und infolgedessen alle menschlichen und sozialen Interaktionen auf die denkbar zynischste Art auslegen. Tatsächlich sind derart absurd erscheinende Verhaltensweisen jedoch nur allzu menschlich. Sie bezeugen unsere wieder und wieder unter Beweis gestellte Fähigkeit, uns komplexe spirituelle Weltanschauungen anzueignen, deren Bandbreite von animistischen Stammesreligionen und dem Spiritualismus der Hippie-Bewegung bis hin zu ausdifferenzierten Weltreligionen reicht. Jede einzelne nimmt die Welt durch einen eigenen Bezugsrahmen wahr und legt sie entsprechend aus. Bei der Weltanschauung, die uns hier beschäftigt, handelt es sich eben nur um eine sehr spezifische Sicht auf bestimmte Machtformen und deren Vermögen, Ungleichheit und Unterdrückung hervorzubringen.

Wer den Austausch mit Anhängern dieser Sichtweise sucht, muss dafür im Werkzeugkasten nicht nur deren Sprachgebrauch parat haben – und allein das stellt schon eine ziemliche Herausforderung dar –, sondern sollte auch über ihre Sitten und ihre Mythologie Bescheid wissen, wenn sie gegen die «systemischen» und «strukturellen» Probleme kämpfen, die unserer Gesellschaft, unseren Gesellschaftssystemen und Institutionen innewohnen. Wie jeder erfahrene Reisende weiß, reichen Sprachkenntnisse allein für die Kommunikation mit einer vollkommen andersartigen Kultur nicht aus. Man sollte außerdem typische Redewendungen, unterschwellige Bedeutungen, kulturelle Referenzen und Umgangsformen kennen. Nicht selten benötigen wir dabei die Hilfe einer Person, die nicht nur als Übersetzer fungiert, sondern als Dolmetscher im weitesten Sinn: als Bote zwischen den Welten, der sich mit den Sitten hüben wie drüben gleichermaßen gut auskennt – und genau diese Absicht verfolgen wir mit diesem Buch. Es soll als Führer dienen und uns mit Sprache und Gebräuchen eines derzeit unter dem freundlichen Begriff «Social Justice» subsumierten Phänomens bekannt machen. Wir sehen uns hier als die Vermittler zwischen den Welten, die in Sprache und Kultur der Social-Justice-Forschung und des dazugehörigen Aktivismus bewandert sind. Wir möchten unsere Leser auf eine Reise in diese außerirdische Welt mitnehmen. Und wir möchten die Entwicklung der Ideen, die sie geprägt hat, von ihren Ursprüngen vor rund fünfzig Jahren bis in die heutige Zeit hinein verfolgen.

Unsere Schilderung setzt in den Sechzigerjahren ein, als eine Reihe theoretischer Konzepte sich mit Themen wie Wissen, Macht und Sprache zu beschäftigen begann. Diese Konzepte tauchten in unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen auf und wurden später unter dem Begriff Postmodernismus bekannt. Im Kern verwarf der Postmodernismus alles, was er als Metanarrative bezeichnete – also breite, zusammenhängende Erklärungen von Welt und Gesellschaft. Der Postmodernismus verwarf das Christentum und den Marxismus. Und er verwarf die Wissenschaft, die Vernunft und das Erbe der Aufklärung, die Säulen der westlichen Demokratie. Postmoderne Ideen mündeten in das, was seither meist als Theorie[6] («Theory») bezeichnet wird – und das ist gewissermaßen der Hauptgegenstand dieses Buches. Unserer Ansicht nach ist es entscheidend, die Entwicklung der Theorie von den Sechzigerjahren bis in die Gegenwart zu verstehen, wenn wir die raschen Veränderungen, die sich seit der Einführung des Begriffs und insbesondere seit 2010 vollzogen haben, verstehen und mit ihnen zurechtkommen wollen. Angemerkt sei hier noch, dass sich in diesem Buch der kursiv geschriebene Begriff Theorie (und verwandte, kursiv geschriebene Wörter wie etwa Theoretiker und theoretisch) durchgängig auf jenen Ansatz der Sozialphilosophie bezieht, der auf den Postmodernismus zurückgeht.

Zynische Theorien erklärt, wie die Theorie zur treibenden Kraft im kulturellen Krieg der späten Zehnerjahre unseres Jahrtausends avancierte – und schlägt zugleich eine liberale philosophische Alternative vor, um dieser Denkströmung in Wissenschaft, Aktivismus und Alltag zu begegnen. Das Buch zeichnet nach, wie sich die einzelnen Zweige einer zynischen postmodernen Theorie in den letzten fünfzig Jahren herausbildeten, und zeigt dabei auf eine für den Leser nachvollziehbare Weise den Einfluss der Theorie auf unsere heutige Gesellschaft auf. In Kapitel 1 führen wir durch die Schlüsselideen der Postmoderne in den Sechziger- und Siebzigerjahren; unser Hauptaugenmerk gilt dabei zwei Prinzipien und vier Themenkomplexen, die auch für die gesamte spätere Theorie von zentraler Bedeutung geblieben sind. Kapitel 2 erklärt, wie diese Ideen sich wandelten, festigten und schließlich in eine Reihe neuer Theorien mündeten, die in den späten Achtziger- und den Neunzigerjahren zur Grundlage politischen Handelns heranreiften – ein Prozess, den wir mit dem Begriff des angewandten Postmodernismus umreißen. In den Kapiteln 3 bis 6 widmen wir uns detailliert folgenden Theorien: dem Postkolonialismus, der Queer-Theorie, der Critical-Race-Theorie und dem intersektionalen Feminismus. In Kapitel 7 werfen wir einen Blick auf die Neuzugänge Disability Studies (Studien zu oder über Behinderung) und Fat Studies.

In Kapitel 8 untersuchen wir die zweite Evolutionsstufe dieser postmodernen Ideen. Sie setzt in den Zehnerjahren ein und postuliert die absolute Wahrheit postmoderner Prinzipien und Themen. Diesen Ansatz bezeichnen wir als verdinglichten Postmodernismus, da mit einem Mal behauptet wird, der Postmodernismus gäbe reale und objektive Wahrheiten wieder – nämlich die Wahrheit nach Lesart der Social Justice. Dieser Paradigmenwechsel fand statt, als Wissenschaftler und Aktivisten die bestehenden Theorien und Studien zu einer einfachen, dogmatischen Methodologie zusammenführten, die unter dem Begriff «Social-Justice-Forschung» am geläufigsten ist.

Ziel dieses Buches ist es, zu erzählen, wie der Postmodernismus seine zynischen Theorien anwandte, um das zu dekonstruieren, was wir als «die alten Religionen» des menschlichen Geistes bezeichnen könnten – ein Begriff, der konventionelle Glaubensrichtungen wie das Christentum und säkulare Ideologien wie den Marxismus und darüber hinaus auch kohäsive moderne Systeme wie die Wissenschaft, den philosophischen Liberalismus und den «Fortschritt» umfasst –, und sie durch eine neue Religion eigener Machart namens «Social Justice» ersetzte. Dieses Buch erzählt davon, wie sich die ursprüngliche Verzweiflung eines Denkens wandelte, das zu neuem Selbstvertrauen fand und schließlich in eine unverrückbare Überzeugung übergegangen ist, der man mit nahezu religiöser Inbrunst anhängt. Dieser Glaube ist absolut postmodern: Statt die Welt mit subtilen geistigen Kräften wie Sünde oder Magie zu erklären, konzentriert er sich auf subtile materielle Kräfte wie etwa schwer auszumachende, aber gleichwohl allgegenwärtige Systeme der Macht und der Privilegien.

Obwohl diese neue Überzeugung signifikante Probleme hervorgebracht hat, ist es andererseits hilfreich, dass die Theorie ihre Ideen und Ziele zunehmend selbstbewusster und klarer vertritt. Das macht es Liberalen – ob liberalkonservativ oder linksliberal – einfacher, sie zu adressieren und ihnen entgegenzutreten. Andererseits ist die Entwicklung auch besorgniserregend, denn die für breitere Kreise verständlicher gewordene Theorie eröffnet jenen Anhängern, die gesellschaftliche Veränderungen anstreben, deutlich mehr Handlungsmöglichkeiten. Das zeigt sich in ihren gegen Wissenschaft und Vernunft gerichteten Angriffen, die nicht ohne Wirkung bleiben. Und es wird ebenso offensichtlich in Behauptungen, die von der simplifizierenden Annahme ausgehen, die Gesellschaft sei in dominante und marginalisierte Identitäten aufgeteilt und ihr lägen unsichtbare Systeme zugrunde, wie etwa die weiße Vorherrschaft, das Patriarchat, heteronormative Geschlechtsmodelle, Cis-Geschlechtlichkeit, Behindertenfeindlichkeit und Fett-Phobie. Wir sehen uns mit einer zunehmenden Demontage von basalen Unterscheidungen wie Wissen und Überzeugung, Vernunft und Gefühl, Mann und Frau konfrontiert und dem steigenden Druck ausgesetzt, unsere Sprache zu zensieren und in Übereinstimmung mit der Wahrheit der Social Justice zu formulieren. Wir werden mit radikalem Relativismus in Form von Doppelmoral konfrontiert, etwa der Überzeugung, dass sich ausschließlich Männer sexistisch verhalten und nur Weiße rassistisch sind, oder der pauschalen Ablehnung einheitlicher Nichtdiskriminierungsprinzipien. Es wird daher immer schwieriger oder sogar gefährlich, zu argumentieren, jeder Mensch solle als Individuum behandelt werden, oder angesichts einer spaltenden und verengten Identitätspolitik auf die Anerkennung unseres gemeinsamen Menschseins zu drängen.

Obwohl viele von uns diese Probleme erkennen und intuitiv spüren, wie unvernünftig und intolerant solche Ideen sind, kann es dennoch schwierig sein, angemessen darauf zu reagieren. Denn alle Einwände werden häufig und fälschlicherweise als Widerstand gegen echte soziale Gerechtigkeit – ein legitimes Anliegen, das eine gerechte Gesellschaft anstrebt – dargestellt. Verständlicherweise schreckt das viele Menschen mit guten Absichten davon ab, sich überhaupt zu äußern. Und wer die Methoden der Social-Justice-Bewegung kritisiert, muss nicht nur fürchten, als Feind sozialer Gerechtigkeit gebrandmarkt zu werden. Eine echte Auseinandersetzung wird noch von zwei weiteren Stolpersteinen erschwert. Zum einen ist der Wertekanon der Social-Justice-Bewegung kontraintuitiv und nur schwer zu verstehen. Zum anderen ist es ein Novum, wenn wir liberale Ethik, Vernunft und evidenzbasierte Erkenntnisse plötzlich denen gegenüber verteidigen müssen, die doch für sich in Anspruch nehmen, für soziale Gerechtigkeit einzutreten. Bis vor kurzem galt es schließlich als ausgemacht, dass ebendiese liberalen Werte in hohem Maße zu sozialer Gerechtigkeit beitragen können. Nachdem wir die Prinzipien, die der Social-Justice-Theorie zugrunde liegen, verdeutlicht haben, diskutieren wir, wie man sie erkennt und welche Argumente man gegen sie vorbringen kann. In Kapitel 9 untersuchen wir, auf welche Weise die Ideen den Weg aus den Universitäten herausgefunden haben und in der Lebenswelt wirksam geworden sind. In Kapitel 10 werden wir dafür plädieren, diesen Ideen durch ein entschlossenes und breites Bekenntnis zu universalen, liberalen Prinzipien und strenger, wissenschaftlicher Forschung entgegenzutreten. Und mit ein bisschen Glück werden wir in den letzten beiden Kapiteln aufzeigen, wie der Schlussakt in der Geschichte der Theorie geschrieben werden kann – der zu ihrem hoffentlich stillen und unrühmlichen Ende führen wird.

Das Buch richtet sich in erster Linie an den Laien ohne wissenschaftlichen Hintergrund und an alle, die den Einfluss der Social-Justice-Bewegung auf die Gesellschaft wahrnehmen und verstehen möchten, was dahintersteckt und wie er funktioniert. Es ist für Liberale gedacht, die eine gerechte Gesellschaft wichtig finden, die unweigerlich erkannt haben, dass die Social-Justice-Bewegung nicht zu diesem Ziel beiträgt, und die mit einer liberalen, schlüssigen und integren Antwort gegensteuern wollen. Zynische Theorien wendet sich an die Anhänger der Meinungsfreiheit, die es uns erlaubt, Ideen zu überprüfen, sie zu diskutieren und die Gesellschaft dadurch voranzubringen, und an all jene, die in der Lage sein möchten, sich mit tieferliegenden Vorstellungen der Social-Justice-Bewegung auseinanderzusetzen.

Das Buch zielt nicht darauf ab, den liberalen Feminismus, den liberalen Aktivismus gegen Rassismus oder liberale Kampagnen für die Gleichberechtigung von LGBT zu untergraben. Ganz im Gegenteil: Zynische Theorien ist entstanden, weil wir uns zu Gender-, Race- und LGBT-Gleichberechtigung bekennen und beunruhigt sind, deren Wert und Wichtigkeit könnten durch den Ansatz der Social-Justice-Bewegung ausgehöhlt werden. Das Buch ist auch kein Angriff auf Forschung oder Universität im Allgemeinen. Wir verteidigen hier die strenge, evidenzbasierte wissenschaftliche Lehre und die Universität als ein Wissenszentrum, das sich gegen anti-empirische, anti-rationale und anti-liberale Strömungen der Linken zur Wehr setzt, die ihrerseits wiederum anti-intellektuelle, gegen Gleichheit gerichtete anti-liberale Strömungen der Rechten anzutreiben drohen.

Letztlich will das Buch eine liberale Kritik an der Social-Justice-Bewegung vorstellen und argumentiert, dass der ihr zugrunde liegende wissenschaftliche Aktivismus weder soziale Gerechtigkeit noch die Gleichheit innerhalb der Gesellschaft fördert. Gewiss werden sich einige Wissenschaftler in dem Feld, das wir kritisieren, abfällig über unsere Ziele äußern und behaupten, wir seien in Wahrheit Rechte, die wissenschaftliche Erkenntnisse über gesellschaftliche Ungleichheit in marginalisierten Gruppen torpedierten. Diese Sicht auf unsere Beweggründe lässt sich jedoch bei ehrlicher Lektüre unseres Buches nicht aufrechterhalten. Andere Wissenschaftler innerhalb der Bewegung werden unsere liberale, empirische und rationale Haltung zwar anerkennen, sie jedoch als eine modernistische Illusion verwerfen, die auf weiße, männliche, westliche und heterosexuelle Wissenskonstruktionen ausgerichtet ist und somit einen ungerechten Status quo aufrechterhält, indem sie die Gesellschaft auf naive Weise schrittweise zu verbessern versucht. «Du kannst das Haus des Herren nicht mit den Werkzeugen des Herren abreißen»,[7] werden sie sagen. Ihnen gegenüber sei hier eingeräumt, dass wir die liberale Gesellschaft und empirische rationale Wissenskonzepte tatsächlich nicht abzuschaffen gedenken, sondern vielmehr auf ihren bemerkenswerten Fortschritten in puncto soziale Gerechtigkeit aufbauen möchten. Das Haus ist solide gebaut, das Problem besteht eher im begrenzten Zugang zu diesem Haus. Und gerade der Liberalismus ist in der Lage, die Zugangsbarrieren zu diesem soliden Gebilde abzubauen, das jedem Schutz zu bieten und jede zu stärken vermag. Gleicher Zugang für alle zu einem Schutthaufen halten wir für kein erstrebenswertes Ziel. Zu guter Letzt werden noch einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus dem kritisierten Lager unserer Kritik an der Social-Justice-Forschung etwas abgewinnen können und in eine förderliche Diskussion mit uns eintreten. Auf diesen Austausch freuen wir uns schon jetzt, ebenso wie auf alle Auseinandersetzungen, die uns zu produktiven und vielseitigen Gesprächen über soziale Gerechtigkeit zurückführen.

1 Postmodernismus

Eine Revolution des Wissens und der Macht

In den Sechzigerjahren kam es zu einer umwälzenden Veränderung in der Geistesgeschichte. Diese Veränderung wird mit einer Reihe von französischen Theoretikern in Verbindung gebracht, deren Namen, selbst wenn sie vielleicht nicht allgemein bekannt sein mögen, durchaus einem breiteren Publikum etwas sagen, wie etwa Michel Foucault, Jacques Derrida und Jean-François Lyotard. Mit einer radikalen, neuen Konzeption der Welt und unserer Beziehung zu ihr revolutionierten sie die Sozialphilosophie und womöglich auch alles andere Soziale. Im Lauf der Jahrzehnte hat diese Denkrichtung nicht nur grundlegend verändert, was und wie wir denken, sondern auch wie wir über das Denken selbst denken. Esoterisch, akademisch und anscheinend völlig entrückt vom alltäglichen Leben hat diese Revolution dennoch tiefgreifenden Einfluss darauf ausgeübt, wie wir mit der Welt und miteinander interagieren. Der Kern der Denkrichtung ist eine radikale Weltsicht, die als Postmodernismus bekannt wurde.

Eine Definition des Postmodernismus ist ein schwieriges Unterfangen, vielleicht weil er bewusst so angelegt ist. Im Wesentlichen stellt er eine Sammlung von Ideen und Denkweisen dar, die als Reaktion auf einen spezifischen historischen Kontext zu sehen sind; dazu gehören die kulturellen Auswirkungen der beiden Weltkriege und deren Ausgang, die weitgehende Ernüchterung in Bezug auf den Marxismus, die schwindende Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft religiöser Glaubensrichtungen im postindustriellen Zeitalter sowie der rasante technologische Fortschritt. Wahrscheinlich ist es am sinnvollsten, die Postmoderne bzw. den Postmodernismus als Ablehnung von Modernismus und Moderne zu verstehen: Modernismus als jene intellektuelle Bewegung, die das ausgehende 19. und das 20. Jahrhundert bis in die Fünfzigerjahre prägte, und die Moderne als eine vom Ende des Mittelalters bis (wahrscheinlich) in unsere heutige Zeit hineinreichende Epoche. Der neue radikale Skeptizismus gegenüber der Möglichkeit, objektives Wissen zu erlangen, hat seit den Sechzigerjahren aus den Universitäten heraus an Einfluss gewonnen und fordert unser soziales, kulturelles und politisches Denken mit bewusst disruptiven Methoden heraus.

Postmoderne Denker reagierten auf den Modernismus, indem sie bestimmte Grundannahmen des modernen Denkens verwarfen und von anderen behaupteten, sie gingen nicht weit genug. Allen voran wiesen sie das modernistische Bedürfnis nach Authentizität, vereinheitlichenden Narrativen, Universalismus und Fortschrittsglauben zurück, das durch wissenschaftliche Erkenntnisse und Technologie befeuert wurde. Zugleich trieben sie die gemäßigte, aber gleichwohl pessimistisch getönte modernistische Skepsis gegenüber Tradition, Religion und aufklärerischer Selbstgewissheit – mitsamt deren Selbstbewusstsein, Nihilismus und ironischen Formen der Kritik – auf die Spitze.[1] Der Postmodernismus hat die Struktur unseres Denkens und der Gesellschaft so radikal angezweifelt, dass schließlich eine Art Zynismus daraus wurde.

Auch ist der Postmodernismus eine Reaktion auf die beziehungsweise eine Ablehnung der Moderne, womit «jene tiefgreifende kulturelle Veränderung» gemeint ist, «in deren Folge die repräsentative Demokratie aufkam, das Zeitalter der Wissenschaft anbrach, die Vernunft an die Stelle des Aberglaubens trat und die individuellen Freiheiten verwirklicht wurden, damit jeder nach seinem eigenen Wertekanon leben konnte».[2] Obwohl der Postmodernismus ganz offen die Grundlagen der Moderne verwirft, hat er dennoch tiefgreifenden Einfluss auf das Denken, die Kultur und die Politik der Gesellschaften ausgeübt, die auf eben diesen Errungenschaften der Moderne beruhen. Wie der Literaturwissenschaftler Brian McHale unterstreicht, wurde die Postmoderne zu «der dominierenden kulturellen Strömung (oder vielleicht sollte man hier sicherheitshalber von einer dominierenden Strömung sprechen) in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in westlichen Industriegesellschaften und verbreitete sich von dort aus allmählich in andere Regionen der Welt».[3]

Seit seinen revolutionären Anfängen hat sich der Postmodernismus in viele verschiedene Formen verzweigt, die den ursprünglichen Prinzipien und Themen jedoch treu geblieben sind und zunehmend Einfluss im Bereich der Kultur, des Aktivismus und der Wissenschaft erlangten, namentlich in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Den Postmodernismus zu verstehen ist daher ein Unterfangen von einiger Dringlichkeit, gerade weil er die Grundlagen, auf denen die heutige hochentwickelte Gesellschaft entstanden ist, ablehnt und folglich potentiell unterhöhlt.

Der Postmodernismus lässt sich nur schwer definieren und bekanntlich noch viel schwieriger zusammenfassen. Er war und ist ein Phänomen mit vielen Facetten und bespielt ein breites intellektuelles, künstlerisches und kulturelles Feld. Damit nicht genug, ist die Abgrenzung der Inhalte, Formen, Zwecke, Werte und Anhänger des Postmodernismus seit jeher umstritten. Das passt im Grunde ganz gut zu einer Strömung, die sich einer pluralistischen, widersprüchlichen und mehrdeutigen Denkweise rühmt, ist andererseits aber wenig hilfreich, wenn man den Postmodernismus oder seine philosophischen und kulturellen Erben zu begreifen versucht.

Diese Definitionsschwierigkeiten beschränken sich nicht nur auf philosophische Fragen, sondern sind auch räumlicher und zeitlicher Natur, weil es sich nie um eine einheitliche Strömung handelte. Die Ursprünge des «Postmodernismus» um 1940 waren zunächst eher in der Kunst angesiedelt, doch in den ausgehenden Sechzigerjahren hatte die Denkströmung weitaus größeren Einfluss auf geistes- und sozialwissenschaftliche Disziplinen, eingeschlossen die Psychoanalyse, Linguistik, Philosophie, Geschichtswissenschaft und Soziologie. In jedem dieser Bereiche nahm der Postmodernismus zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Ausprägungen an. Das hat zur Folge, dass kein postmoderner Gedanke wirklich neu ist, zumal sich schon die ursprünglichen Denker bei ihren Vorläufern aus dem Surrealismus, der antirealistischen Philosophie und der revolutionären Politik bedienen. Zudem stellt sich der Postmodernismus von Nation zu Nation vollkommen anders dar und bezieht eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen zu gemeinsamen Themen. So rücken etwa die italienischen Postmodernisten ästhetische Elemente in den Vordergrund und sehen dies als eine Weiterführung der Moderne an, während die amerikanischen Postmodernisten zu schnörkellosen und pragmatischen Ansätzen neigen. Die französischen Postmodernisten konzentrierten sich stärker auf das Gesellschaftliche und brachten in ihrer Kritik der Moderne revolutionäre und dekonstruktive Ansätze ins Spiel.[4] Für uns ist der französische Ansatz von besonderem Interesse, denn es sind vor allen Dingen einige der französischen Ideen, insbesondere was Wissen und Macht betrifft, die sich, über verschiedene Spielarten hinweg, zum zentralen Thema der postmodernen Theorie entwickelt haben. In einfacheren und konkreteren Formen sind diese Ideen in den Social-Justice-Aktivismus eingeflossen, in die Wissenschaft und in das allgemeine soziale Bewusstsein – wobei dies interessanterweise im angelsächsischen Sprachraum erheblich ausgeprägter ist als in Frankreich selbst.

Da wir uns letztlich auf angewandte postmoderne Denkmodelle konzentrieren, die inzwischen sozial und kulturell einflussreich – ja, sogar mächtig – geworden sind, verfolgen wir in diesem Kapitel nicht das Anliegen, das weite Feld der Postmoderne umfassend darzustellen.[5] Wir werden auch nicht die aktuelle Debatte aufgreifen, welcher Denker denn nun zu Recht als «postmodern» gelten darf oder ob «Postmodernismus» überhaupt ein sinnvoller Begriff ist oder ob es nicht besser wäre, Kritiker der Postmoderne von den Poststrukturalisten und der Arbeit derjenigen, die sich vornehmlich mit Methoden der Dekonstruktion befassen, zu trennen. Natürlich müssen bestimmte Unterscheidungen getroffen werden, aber solche Klassifizierungen sind in erster Linie von akademischem Interesse. Stattdessen werden wir einige der Themen beleuchten, die dem Postmodernismus seit langem zugrunde liegen. Mittlerweile haben sie sich zu den Treibern des heutigen Aktivismus entwickelt, üben im Bildungsbereich beträchtlichen Einfluss auf Theorie und Praxis aus und prägen unsere öffentlichen Diskurse. Zu diesem Themenfeld gehören Skepsis in Bezug auf eine objektive Realität, die Wahrnehmung von Sprache als ein Instrument, das Wissen konstruiert, die Konstitutionsbedingungen des Individuums – und die Rolle der Macht bei all diesen Dingen. Genau diese Faktoren sind entscheidend für die «postmoderne Wende», die sich hauptsächlich in den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts vollzogen hat. Im Rahmen dieses umfassenden Wandels möchten wir insbesondere erklären, wie diese Ideen populär und durch die Universitäten legitimiert wurden und schließlich ein konzeptuelles Schisma herbeiführten, das vielen unserer zeitgenössischen sozialen, kulturellen und politischen Konfliktlinien zugrunde liegt.