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Andreas Kappeler

DIE KOSAKEN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag C.H.Beck

 


 

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Zum Buch

Im 15. bis 17. Jahrhundert formierten sich an den Flüssen der Steppengrenze die egalitären Kriegergemeinschaften der Dnjepr-, Don- und Terek-Kosaken. Sie spielten in Polen-Litauen und im Moskauer Staat als Krieger und als Rebellen eine hervorragende Rolle. Die Anführer aller frühneuzeitlichen Volksaufstände in Osteuropa waren Kosaken. Im 18. und 19. Jahrhundert «zähmte» das Russländische Imperium die Kosaken, die als privilegierter Militärstand treue Diener der Zaren wurden. Im russischen Bürgerkrieg kämpften sie mehrheitlich gegen die Bolschewiki, und in der Sowjetunion wurde das Kosakentum zerstört. Als Hilfstruppen der deutschen Wehrmacht traten Kosaken ein letztes (unrühmliches) Mal ins Rampenlicht der Geschichte. Aktuelle Versuche, das Kosakentum in der Ukraine und in Russland wiederzubeleben, erschöpfen sich weitgehend in Folklore.

Das Buch behandelt einen vernachlässigten Aspekt der Geschichte Osteuropas und erinnert an archaische Lebensformen und proto-demokratische Herrschaftsweisen, die im modernen Europa keinen Platz mehr hatten.

Über den Autor

Andreas Kappeler ist Prof. em. für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen und der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften.

Inhalt

1. Wilde Räuber – Freiheitskämpfer? Klischees und Geschichtsbilder

2. Die Entstehung des Kosakentums

Der Lebensraum: Die Flüsse an der Steppengrenze

Die ersten Gemeinschaften freier Kosaken

Auseinandersetzungen mit Tataren und Osmanen

Dienst- und Registerkosaken

Ermak und die Eroberung Sibiriens

3. Das Goldene Zeitalter der Dnjeprkosaken

Der Volksaufstand unter Führung von Bohdan Chmel’nyc’kyj

Das Hetmanat der Dnjeprkosaken

Hetman Mazepa und Zar Peter

Eingliederung des Hetmanats in das Russländische Imperium

4. Die Donkosaken und die Volksaufstände im 17. und 18. Jahrhundert

Freiräume der Donkosaken im 17. Jahrhundert

Der «edle Räuber» Stenka Razin

Der Bulavin-Aufstand und die Integration der Donkosaken

Die Terek- und Jaikkosaken

Die letzte Rebellion: Der Volksaufstand unter Führung von Emeljan Pugačev

Das Ende der freien Kosaken

5. Loyale Diener der Zaren: Die Kosakenheere des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Elf Kosakenheere vom Don bis an den Ussuri

Eingliederung in das imperiale Russland

Wirtschaftliche Probleme

In den Kriegen Russlands

Schergen der Autokratie: Die Kosaken als Polizeitruppe

In der Revolution von 1917

6. Akteure und Opfer: Die Kosaken in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts

Wiederbelebung kosakischer Symbole in der Ukraine in den Jahren 1917–1920

Die Kosaken im russischen Bürgerkrieg

«Entkosakisierung»: Der sowjetische Massenterror

Kosaken in der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg

7. Renaissance des Kosakentums nach dem Ende der Sowjetunion?

8. Übergreifende Fragen

Kosakenfrauen

Eine kosakische Nation?

Fakten und Mythen

Grenzergemeinschaften im Vergleich

Nachwort

Zeittafel

Literaturhinweise

Karten und Abbildungen

Register

1. Wilde Räuber – Freiheitskämpfer? Klischees und Geschichtsbilder

Kosaken – der Begriff weckt Vorstellungen von wilden asiatischen Reiterhorden, von verwegenen, grausamen, die Peitsche, Lanze oder den Säbel schwingenden Kavalleristen im Dienste Russlands, von schnurrbärtigen Reitern in farbenprächtigen Uniformen, mit fremdartigen pelzbesetzten Kopfbedeckungen oder mit bis auf einen Haarschopf abrasierten Köpfen. Vielleicht erscheinen vor dem inneren Auge und Ohr die Chöre der Donkosaken mit ihren schwermütigen russischen Liedern oder Tänzer, die im Kazačok zu rhythmischer Musik in der Hocke auf den Boden stampfen und abwechselnd ein Bein ausstrecken.

Dem Leser russischer Literatur begegnen Kosaken in Werken wie Aleksandr Puškins Hauptmannstochter, Michail Lermontovs Kosaken-Schlaflied (bajuški-baju), Nikolaj Gogol’s Taras Bul’ba, Lev Tolstojs Die Kosaken, Isaak Babels Reiterarmee und Michail Šolochovs Der stille Don. Sie sind gegenwärtig in der polnischen Literatur der Romantik (in der Schule der Kosakophilen und bei Juliusz Słowacki) und im Roman Mit Feuer und Schwert von Henryk Sienkiewicz. Der Kosakenmythos nimmt im Werk des ukrainischen Nationaldichters Taras Ševčenko einen zentralen Platz ein. Besonders viel Aufmerksamkeit fand der ukrainische Kosaken-Hetman Ivan Mazepa, der zum Gegenstand von Poemen Lord Byrons, Alexander Puškins und Victor Hugos, einer Symphonischen Dichtung Franz Liszts, einer Oper Petr Čajkovskijs und eines Gedichts von Bertolt Brecht wurde. Auch in der bildenden Kunst tauchen Kosaken immer wieder auf: Die Zaporožer Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief – so heißt eines der berühmtesten Bilder der russischen Malerei von Ilja Repin.

Historikerinnen und Historiker in Russland, der Ukraine und Polen, also in den Ländern, in denen Kosaken lebten und und deren Nachkommen zum Teil heute noch leben, haben sich immer wieder mit der Geschichte der Kosaken beschäftigt. Allein in der russischen Geschichtsschreibung lassen sich fünf Hauptgruppen unterscheiden:

1. Die offiziellen zarentreuen Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts stellten die russischen Kosaken als Stützen des Imperiums dar, als militärische Truppe, die die Grenzen sicherte und die Expansion Russlands nach Sibirien und in den Kaukasus vorantrieb, an allen großen Kriegen teilnahm und dem Zarenregime zur Bekämpfung innerer Gegner diente.

2. Die schmale Gruppe der Historiker aus der kritischen Intelligencija stellte im Gegensatz dazu die freien Kosaken mit ihren egalitären demokratischen Traditionen als Anführer von Volksaufständen und regionalistischen Bewegungen in den Vordergrund.

3. Die sowjetische Historiographie verteufelte die «bösen» zarentreuen Kosaken, von denen sich viele im Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki gestellt hatten, während sie die «guten» Kosaken, die sich gegen die alte Ordnung gewandt hatten, mit Kategorien des Klassenkampfs interpretierte.

4. Die Historiker aus den Reihen kosakischer Emigranten suchten nach 1917 an die vorrevolutionären Traditionen anzuknüpfen und träumten von einem Kosakenstaat.

5. Die postsowjetische Geschichtsschreibung knüpft hauptsächlich an die zarentreue Richtung an und betont die militärischen Verdienste der russischen Kosaken für das Imperium, arbeitet aber auch die Rolle der Kosaken als gegenrevolutionäre Kraft im russischen Bürgerkrieg auf.

In der ukrainischen Historiographie spielten und spielen die Kosaken eine erheblich größere Rolle als in der russischen. Dies begann mit den ersten bedeutenden Historikern Nikolaj (Mykola) Kostomarov und Mychajlo Hruševs’kyj, die sich eingehend mit den ukrainischen Kosaken auseinandersetzten. Die ukrainische Historiographie ist einheitlicher als die russische: Sie konzentriert sich auf die ukrainischen Kosaken als wichtigste Träger einer frühneuzeitlichen ukrainischen Nation. Allerdings setzte man unterschiedliche Akzente. Die eine Richtung hob die sozialrevolutionären und demokratischen Traditionen der Kosaken und ihren Kampf gegen Polen und Russland hervor, die andere legte den Schwerpunkt auf ihre staatsbildende Kraft, die Formierung des proto-nationalen Hetmanats. Die sowjetukrainischen Historiker waren seit den 1930er Jahren gezwungen, das Hetmanat als Etappe der «Wiedervereinigung» der Ukraine mit Russland zu interpretieren. In der unabhängigen Ukraine wurden die Dnjeprkosaken erneut zum bevorzugten Thema der Historiker und übernahmen eine zentrale Rolle in der wiederbelebten nationalen Meistererzählung.

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Abb. 1 Historienbild des russischen Malers Ilja Repin: Die Zaporožer Kosaken schreiben einen Brief an den Sultan (1880–91)

Auch die polnische Geschichtsschreibung, die sich ebenfalls intensiv mit den ukrainischen Kosaken auseinandersetzte, legte den Schwerpunkt auf die Epoche der frühen Neuzeit. Sie bewertete die Kosaken im Gegensatz zu den ukrainischen Historikern als räuberische destruktive Kraft, die für den Niedergang des polnisch-litauischen Königreichs verantwortlich war.

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Abb. 2 Kosaken beim russischen Einmarsch in Paris 1814 (Lithographie aus der englischen Schule, 19. Jahrhundert)

Die widersprüchlichen, zum Teil inkompatiblen Kosakenbilder in der Historiographie spiegeln die Widersprüchlichkeit der kosakischen Geschichte wider. Die Tatsache, dass Kosaken sowohl in der russischen, ukrainischen und polnischen Geschichtsschreibung eine wichtige Rolle spielten, macht sie zu einem dankbaren Objekt transnationaler Ansätze.

Dieses kleine Buch beschäftigt sich mit der Geschichte der Kosaken von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Das könnte dazu verleiten, die Kosaken als feste unveränderbare Größe anzusehen. Tatsächlich veränderte sich das mit dem Begriff «Kosaken» Bezeichnete in Zeit und Raum ständig, und die Zaporožer Kosaken des 16. und die Amurkosaken des frühen 20. Jahrhunderts haben wenig Gemeinsames. Dies muss bei der Lektüre im Auge behalten werden. Dennoch halte ich es für gerechtfertigt, die Geschichte der Kosaken zu erzählen und den Begriff durchgehend zu verwenden, da er kontinuierlich als Fremd- und Selbstbezeichnung auftaucht und da sich Kosaken immer wieder auf ihre Vorfahren beriefen.

2. Die Entstehung des Kosakentums

Die Kosakentum entstand im 15. und 16. Jahrhundert im Süden der heutigen Staaten Russland und Ukraine, in der Grenzzone zwischen den von Ostslawen besiedelten Ackerbaugebieten und der Grassteppe im Norden des Schwarzen und Kaspischen Meeres. Der sich von Innerasien bis zur Donaumündung erstreckende Steppengürtel war seit der Antike der Weg, auf dem innerasiatische Reiternomaden, von den Hunnen bis zu den Mongolen, nach Europa wanderten. Sie blieben bis zum 18. Jahrhundert die Herren der Steppe, denen die sesshaften Mächte militärisch nicht gewachsen waren.

Seit die Goldene Horde, ein Teilreich des mongolischen Imperiums, unter dessen Herrschaft das heutige europäische Russland seit dem Jahr 1237 stand, im 15. Jahrhundert zerfiel, kontrollierte eines ihrer Nachfolgereiche, das Chanat der Krimtataren, die nordpontische Steppe. An der unteren Wolga wurden die Nogai-Tataren zur bestimmenden Kraft. Die turksprachigen muslimischen Krimtataren wurden zu Vasallen des Osmanischen Reiches, das seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Küsten des Schwarzen Meers kontrollierte. Seit dem späten 15. Jahrhundert waren auch das Moskauer Reich und das Königreich Polen-Litauen regionale Großmächte. Die Steppengrenze wurde zum Raum, an dem sich Russland, Polen-Litauen und das Osmanische Reich begegneten.

Die Krim- und Nogaitataren unternahmen regelmäßig Raubzüge in die steppennahen Gebiete des Moskauer Staates und der zu Polen-Litauen gehörenden Ukraine, raubten Vieh und Pferde, verwüsteten Siedlungen, trieben Teile der Bevölkerung weg und verkauften sie den Osmanen und Persern als Sklaven. Der Schutz der Südgrenzen, der Ukraïna, und der hinter ihnen siedelnden Ackerbauern und Viehzüchter war eine der Hauptaufgaben des Moskauer und des polnisch-litauischen Staates im 15. bis 18. Jahrhundert. Gleichzeitig war die Steppengrenze Schauplatz friedlicher kommerzieller und kultureller Interaktionen zwischen Sesshaften und Nomaden.

Der Lebensraum: Die Flüsse an der Steppengrenze

Die Kosaken waren von ihrem Lebensraum an der Steppengrenze geprägt. Die ersten Kosaken ließen sich in den Flusswäldern an den Unterläufen von Dnjepr (ukr. Dnipro), Don, Wolga und Jaik (heute Ural), die Schutz vor den tatarischen Reitern boten, nieder. Die Terekkosaken und die benachbarten Greben-Kosaken (die ich im Folgenden vereinfachend gemeinsam als Terekkosaken bezeichne), lebten dagegen auf dem der Steppe zugewandten Ufer des Flusses und standen den Tschetschenen jenseits des Flusses gegenüber.

Die frühen Kosaken betrieben Fisch- und Biberfang, Jagd und Bienenzucht, erst später auch Viehwirtschaft. Eine wichtige Einnahmequelle war die Beute aus Raub- und Kriegszügen. Ihr wichtigstes Fortbewegungsmittel war zunächst nicht das Pferd – zu Pferd waren die tatarischen Reiter weit überlegen –, sondern das Boot. Ihr primärer Lebensbereich war also nicht die Steppe, das unwegsame «wilde Feld», sondern der Fluss. Die Furten, an denen die Tataren mit ihren Pferden die Flüsse überqueren mussten, boten den Kosaken gute Gelegenheiten für räuberische Überfälle. Sie waren geschickte Bootsfahrer nicht nur auf den Flüssen, sondern bald auch auf dem Schwarzen und Kaspischen Meer. Nicht umsonst sind alle traditionellen Gruppen von Kosaken nach Flüssen benannt: Dnjepr-Kosaken (oder nach den Dnjepr-Stromschnellen: Zaporožer Kosaken), Don-Kosaken, Wolga-Kosaken, Jaik-Kosaken, Terek-Kosaken.

Der Begriff ‹Kosak› (qazaq) ist turksprachigen Ursprungs und bezeichnete ursprünglich einen freien Krieger, dann spezieller einen Abenteurer, Plünderer oder Wächter. Auf dieselbe Wurzel geht übrigens auch der Volksname der Kasachen zurück. Die ersten Kosaken, die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in genuesischen, russischen und polnischen Quellen erwähnt werden, waren denn auch Tataren, die uns als militärische Dienstleute und als Steppenfreibeuter entgegentreten. Kleinere Gruppen muslimischer Kosaken, die sich aus ihren tatarischen Stammesverbänden gelöst hatten, wurden im Moskauer Staat als Grenzwächter, Hilfstruppen und diplomatische Kuriere eingesetzt.

Die ersten ostslawischen Kosaken sind seit Ende des 15. Jahrhunderts in den Quellen bezeugt. Spekulative Theorien über ältere autochthone Wurzeln des Kosakentums lasse ich außer Acht. Schon bald überwogen unter den Kosaken orthodoxe Russen und Ukrainer. Dabei handelte es sich nur zu einem kleinen Teil um assimilierte Tataren, die Mehrzahl waren ehemalige Bauern, die sich dem zunehmenden Druck vonseiten des Adels und des Staates durch die Flucht an die Steppengrenze entzogen. Der Begriff Kosaken bezog sich in erster Linie auf eine Lebensweise und auf spezifische Funktionen und nicht auf eine sprachliche oder religiöse Gruppe. Er wurde zusammen mit äußeren Kennzeichen und Begriffen wie Ataman (für den Anführer), Jesaul (für einen Offzier), kuren’ (befestigtes Lager, später Hof), bulava (Amtsstab) und bunčuk (Banner) von den Tataren oder anderen orientalischen Völkern auf die Ostslawen übertragen.

Obwohl fortan die weit überwiegende Mehrheit der Kosaken orthodoxe Ostslawen waren, blieb die ethnische und soziale Zusammensetzung der Kosakenverbände heterogen und ihre Kultur hybrid: Neben Russen und Ukrainern gab es Tataren, Polen, Rumänen, Serben, Kaukasier und sogar einzelne Deutsche und Juden. Unter den Kosaken waren Kenntnisse des Tatarischen oder anderer Turksprachen verbreitet. Besonders bunt war die Zusammensetzung der Terekkosaken, unter denen Tschetschenen, Tscherkessen, Osseten und andere nordkaukasische Ethnien, dazu Georgier und Armenier vertreten waren. Neben entlaufenen Bauern stießen Stadtbewohner, Soldaten, Kriminelle und Abenteurer unterschiedlicher Herkunft zu den Kosaken, bei den Dnjeprkosaken auch Stadtbewohner und Adlige. Im Unterschied zu den Donkosaken blieben viele Dnjeprkosaken in ständiger Verbindung mit den Städten und Dörfern nördlich der Steppengrenze. Diese dienten manchen Kosaken, die sich nur im Sommer ihren Gewerben am Steppenrand widmeten, als Winterquartiere. Der Übergang von den südlichen Grenzregionen Polen-Litauens zu den von Kosaken kontrollierten Gebieten blieb auch später fließend.

Die ersten Gemeinschaften freier Kosaken

In den Uferwäldern oder auf Inseln der Flüsse Dnjepr, Don und Wolga, seit dem späten 16. Jahrhundert auch an Terek und Jaik, errichteten freie Kosaken befestigte Lager. Zunächst bildeten sie kleine Personenverbände, die Jagd, Fallenstellen, Fischfang, Grenzdienst und Raubzüge organisierten; man kann sie als Bruderschaften charakterisieren. Manche errichteten nur Sommerlager und zogen sich im Winter flussaufwärts zurück. Seit in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine Massenflucht an die Steppengrenze einsetzte, schlossen sich Kosaken zu größeren Verbänden, zu Kosakenheeren zusammen.

Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts gab der ostslawische Fürst Dmytro Vyšnevec’kyj, der abwechselnd in polnisch-litauischen und Moskauer Diensten stand, bevor er in osmanischer Gefangenschaft starb, den Dnjeprkosaken vorübergehend eine festere Organisation mit einem Zentrum auf der Dnjepr-Insel Chortycja. Dieser Stützpunkt (Sič), der bald von den Tataren zerstört und später auf unterschiedlichen Inseln neu errichtet wurde, lag unterhalb (hinter) der Dnjepr-Stromschnellen (ukr. porohy, russ. porogi, za bedeutet ‹hinter›). Davon kommt die Bezeichnung der ukrainischen Kosaken als Zaporožer Kosaken; ihr Zentrum hieß dementsprechend Zaporožer Sič. Gleichzeitig formierte sich am unteren Don, nahe seiner Mündung in das Azovsche Meer, das «All-Große Don-Heer» mit dem ebenfalls auf einer Insel gelegenen Čerkassk als Zentrum.

Die militärischen Grenzergemeinschaften der Kosaken, die zunächst nur aus Männern bestanden, gaben sich eine spezifische egalitäre Ordnung. Oberstes Entscheidungsgremium war die Versammlung aller Kosaken, der Ring (kolo, krug) oder Rat (rada), der die Offiziere und den obersten Anführer des Kosakenheeres, den Hetman oder Ataman, wählte, Gericht hielt und andere wichtige Entscheidungen traf. Der gewählte Führer erhielt weitgehende Kompetenzen, ihm schuldeten alle Kosaken Gehorsam, doch konnte er abgewählt werden. Für Feldzüge wurden eigene Atamane gewählt, die nach ihrer Rückkehr zurücktreten mussten. Die politische Organisation der Kosaken zeigt eine eigentümliche Mischung aus militärischer Disziplin, egalitärer Verfassung und anarchischen Elementen. Die frühen Kosaken nannten sich «freie Leute» (vol’nye ljudi), und die Freiheit blieb für das Selbstverständnis und die Fremdwahrnehmung der Kosaken zentral. Im russischen und ukrainischen Begriff volja ist die für die Kosaken kennzeichnende Ambivalenz von Freiheit und Ungebundenheit auf der einen und Zügellosigkeit und Anarchie auf der anderen Seite enthalten.

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Abb. 3 Ring der Kosaken in der Zaporožer Sic (nach einer Zeichnung des 18. Jahrhunderts)

Wir sind über die frühen Dnjeprkosaken besser informiert als über die Kosaken an Don, Jaik und Terek, die entsprechende Organisationsformen entwickelten. Nur den Wolgakosaken gelang es nicht, am Fluss, der von russischen Festungen gesäumt war, ein stabiles Heer zu errichten. Erst im 18. Jahrhundert wurde, jetzt aber auf Initiative der Regierung, kurzfristig ein Heer der Wolgakosaken geschaffen. Zur Verbreitung der spezifischen politischen Ordnung der Kosaken trug bei, dass die einzelnen Verbände in ständiger Verbindung zueinander standen. Gruppen von Kosaken wechselten von einem Fluss zum anderen und unternahmen gemeinsame Kriegs- und Raubzüge.

Der früheste Augenzeugenbericht über die Ordnung der Kosaken stammt vom österreichischen Gesandten Erich Lassota, der im Auftrag Kaiser Rudolfs II. im Jahr 1594 die «Nießer oder Zaporoser Kosaken, so in den Inseln des flusses Borysthonis, der auf Polnisch Nepr genennet wird, sich aufhalten», besuchte, um sie für ein Bündnis gegen die Tataren und Türken zu gewinnen. Er wurde im Ring (kolo) nicht nur vom Hetman und der «Ritterschaft» (den Offizieren), sondern dem ganzen «freien Zaporosischen Kriegsvolk» empfangen. Die Verhandlungen Lassotas mit den Dnjeprkosaken komplizierten sich dadurch, dass alle Beschlüsse vom Ring gebilligt werden mussten. Damit nicht genug: Der Ring spaltete sich auf in einen der Offiziere und einen der «gemeinen Leute». Die einfachen Kosaken übten Druck auf die vornehmen aus und setzten unter Drohungen ihre Meinung durch. Dann wurde im gemeinsamen großen Ring abgestimmt. Kurz darauf widerrief aber der Ring der einfachen Kosaken den Beschluss, und es bedurfte erneuter Verhandlungen und eines (vorübergehenden) Rücktritts des Hetmans, bis das Bündnis endlich abgeschlossen werden konnte.

Lassotas Augenzeugenbericht gibt uns einen Einblick in die frühe egalitäre und recht chaotische Ordnung der freien Zaporožer Kosaken. Ähnliche, etwas spätere und weniger ausführliche Zeugnisse gibt es für die Donkosaken. Auch hier waren alle Kosaken wahlberechtigt und fällten nach öffentlichen Debatten ihre Entscheidungen. Sie teilten auch die Beute aus Kriegs- und Raubzügen gleichmäßig unter sich auf. Neben dem zentralen Ring, der in Čerkassk den Ataman wählte und wichtige Entscheidungen über Kriegs- und Raubzüge fällte, gab es mehrere lokale Gemeinschaften, die sich selbst verwalteten. Als ein russischer Verwaltungsmann im Jahre 1638 von den Donkosaken verlangte, dass sie Vertreter ihrer Oberschicht nach Moskau schicken sollten, antwortete man ihm selbstbewusst: «Unsere Führer sind die vom Heer gewählten, und wir alle sind untereinander gleich.»