Vernunft schafft Wissenschaft.

Gefühle bestimmen die Geschichte.

La raison crée la science.

Les sentiments mènent l´histoire.

Gustave Le Bon

Politische Psychologie und
Verteidigung der
Gesellschaftsordnung

Psychologie politique et Défense sociale

Inhaltsverzeichnis

BUCH I

Ziel und Methode

KAPITEL I

Die politische Psychologie

KAPITEL II

Wirtschaftliche Notwendigkeiten und politische Theorien

KAPITEL III

Studienmethoden der politischen Psychologie

BUCH II

Psychologische Faktoren des politischen Lebens

KAPITEL I

Der Ursprung der Gesetze und die Illusionen der Gesetzgebung

KAPITEL II

Die Schädlichkeit von Gesetzen

KAPITEL III

Die politische Rolle der Angst

KAPITEL IV

Moderne Transformation des göttlichen Rechts. Der Etatismus

KAPITEL V

Psychologische Faktoren kriegerischer Auseinandersetzungen

KAPITEL VI

Psychologische Faktoren wirtschaftlicher Kämpfe

KAPITEL VII

Psychologische Einflüsse der universitären Bildung

Buch III

Die Volksherrschaft

KAPITEL I

Die Elite und die Masse

KAPITEL II

Die Entstehung der Überzeugungskraft

KAPITEL III

Die Mentalität der Arbeiterklasse

KAPITEL IV

Die neuen Formen der Erwartungen des Volkes

KAPITEL V

Parlamentarische Unbeliebtheit und das Überbieten

KAPITEL VI

Die Fortschritte des Despotismus

BUCH IV

Sozialistische und syndikalistische Illusionen 198

KAPITEL I

Die sozialistischen Illusionen

KAPITEL II

Die Illusionen der Syndikalisten

KAPITEL III

Die anarchische Entwicklung des Syndikalismus

BUCH V

Politische und psychologische Fehler bei der Kolonialisierung

KAPITEL I

Unsere Grundsätze bei der Kolonisierung

KAPITEL II

Psychologische Ergebnisse der europäischen Erziehung bei einfachen Völkern

KAPITEL III

Psychologische Einflüsse der europäischen Institutionen und Religionen auf die einfachen Völker

KAPITEL IV

Psychologische Gründe für die Unfähigkeit der europäischen Zivilisation, einfache Völker umzuformen

KAPITEL V

Neue Formen der Kolonisierung

BUCH VI

Anarchische Entwicklungen und der Kampf gegen soziale Zerrüttung

KAPITEL I

Die soziale Anarchie

KAPITEL II

Die Zunahme der Kriminalität

KAPITEL III

Der politische Mord

KAPITEL IV

Die religiösen Verfolgungen

KAPITEL V

Die sozialen Kämpfe

KAPITEL VI

Der moderne Fatalismus und die Abkehr von seiner Unabwendbarkeit

KAPITEL VII

Die Verteidigung der Gesellschaftsordnung

Gustave Le Bon (1841 - 1931)

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Vorwort des Übersetzers

Gustave Le Bon (1841 - 1931) hat dieses Buch über die Politische Psychologie im Mai 1910 veröffentlicht, also vor mehr als 110 Jahren, vier Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Das Buch ist in einer aus unserer heutigen Sicht weit entfernten Zeit entstanden, in der „Welt von Gestern“ (Stefan Zweig). Le Bon hat nach jahrzehntelanger Arbeit seine noch älteren Überlegungen während des letzten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts zum Beispiel über die „Psychologie der Massen“ (1895) oder „Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung“ (1894) in diesem Buch unter politischen Aspekten ergänzt und modifiziert.

Le Bon könnte aus heutiger Sicht als Autor von gestern angesehen werden.

Bei der Lektüre des vorliegenden Buches zeigt sich jedoch, dass wir seine Analysen auch für unsere gegenwärtige Zeit nutzen können, denn er beruft sich stets auf psychologische Grundsätze, die über die Tagesaktualität hinaus bedeutsam sind. Die Zeitlosigkeit seiner Beispiele und Argumentationen zeigt sich unter anderem daran, dass Le Bon häufig auf Entwicklungen in der römischen Geschichte oder der französischen Revolution von 1789 verweist, um die Folgen politischer Entscheidungen und Entwicklungen um 1910 zu verdeutlichen. Auch die heutigen Leser werden immer wieder feststellen, dass sich Le Bons Sichtweise auf unsere aktuelle gesellschaftliche Situation treffsicher anwenden und unsere zukünftige Entwicklung ahnen lässt.

Allerdings werden die Leser manchen Aufschluss Le Bons bedrückt zur Kenntnis nehmen.

Der Vergleich gesellschaftlicher Zustände zwischen Frankreich und Deutschland fällt bei Le Bon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig zu Ungunsten Frankreichs aus, denn beispielsweise in wirtschaftlicher Hinsicht, der militärischen Stärke, des Bildungssystems, der technischen Innovation, der inneren Stabilität oder der internationalen Bedeutung beurteilt Le Bon das Deutsche Reich als nahezu musterhaft.

Frankreich hingegen sieht Le Bon auf dem Weg in den Sozialismus, dessen Segen von „Schwätzern“ unermüdlich verkündet wird. Diejenigen jedoch, die sich ihre intellektuelle Unabhängigkeit bewahrt haben, Le Bon gehört zu ihnen, nehmen unheilvolle Vorboten wahr. Der Sozialismus wird den Niedergang Frankreichs beschleunigen. Eine kraftvolle Gegenwehr der gesellschaftlichen Elite ist nicht auszumachen; Politiker, Unternehmer, Juristen, Geistliche knicken vor den Drohungen der Sozialisten ein, die verkünden, das ganze Land zu kujonieren, wenn ihren immer drastischeren Forderungen nach Einkommens- und Vermögensumverteilungen nicht unverzüglich entsprochen werde.

Das französische Bildungssystem sieht Le Bon als marode an, weil das selbstständige Denken der Schüler und Studenten nicht mehr gefragt ist, sondern statt dessen stupides Auswendiglernen staatlich vorgegebener Lektüre die Ausbildung und Bildung dominiert. Mit Vorliebe suchen und finden die Absolventen der Bildungseinrichtungen einen dauerhaften gut auskömmlichen Platz in der Staatswirtschaft.

Von militärischer Stärke ist Frankreich weit entfernt. Zwar fließen beachtliche Mittel in die Rüstung, auch, um gegenüber Deutschland Stärke zu zeigen, jedoch versickern immer wieder beachtliche Gelder durch Inkompetenz, ohne dass die militärische Leistungsfähigkeit ertüchtigt würde.

In Deutschland zeigen sich heute, wie damals in Frankreich, ähnliche Entwicklungen. Hier seien nur wenige Beispiele genannt:

Einflussreiche Gesellschaftsgruppierungen schaffen es, dass das Leistungsprinzip deutlich nachrangig gegenüber „berechtigten Ansprüchen nach Teilhabe“ zurücksteht. Ein durchschlagendes Umverteilungssystem bewirkt, dass mehr als die Hälfte der Ausgaben öffentlicher Haushalte der Bundesrepublik Sozialausgaben sind.

Die militärische Verteidigungsfähigkeit Deutschlands ist in jahrelanger systematischer Sparpolitik und durch den Verzicht auf die Einforderung der Wehrpflicht immer weiter eingeschränkt worden, so dass die Bundeswehr heute technisch und moralisch am Ende ist. Eine wirksame Landesverteidigung im Fall eines Angriffs wäre nicht leistbar.

Die jahrzehntelange zuverlässige Energieversorgung wird hierzulande zugunsten einer Rettung des Weltklimas aufgegeben, denn es gilt, wie der Weltklimarat im Februar 2022 es apodiktisch ankündigt, die Unbewohnbarkeit der Erde zu verhindern. Die deutsche Politik macht sich die jahrelangen Kassandrarufe einflussreicher Institutionen und Lobbyisten zu eigen und geht Risiken aus einer ungesicherten Energieversorgung ein; andere Länder, fast alle, verhalten sich rationaler.

Die Lektüre des vorliegenden Buches wird bei den Lesern manche Assoziationen hervorrufen, die Le Bons Überlegungen auf die heutige Zeit transformieren. Die Gedanken der Leser werden sicherlich von Zeit zu Zeit abschweifen und vielleicht in die Frage münden, ob die „Torheit der Regierenden“ (Barbara Tuchman) jemals eingehegt werden kann. Meine Antwort ist: Nein! Und wir, das Publikum, lassen die Regierenden immer wieder gewähren. Und sie machen weiter, befördern das Land in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Orkus.

Le Bons Buch kann dazu beitragen, den kritischen Blick der Leser zu schärfen.

In Frankreich ist dieses Buch Le Bons, wie auch die anderen Bücher des Autors, in den vielen Jahrzehnten seit der Erstveröffentlichung immer wieder, bis heute, in Neuauflagen gedruckt worden. Ob jemals eine Veröffentlichung in deutscher Sprache erschien, ist mir nicht bekannt. Trotz intensiver Suche habe ich keinen Hinweis auf eine Übersetzung ins Deutsche gefunden. Das vorliegende Buch wäre demnach die erste deutsche Fassung des fast einhundertundzehn Jahre alten Textes, der, ich wiederhole mich, auf der Höhe auch unserer Zeit ist.

Le Bon erwähnt in diesem Buch Niccolo Machiavelli mit dem Hinweis, man müsse dessen Genie in bestimmter Weise verstehen, aus seiner Zeit heraus und nicht aus einer anderen. Es wäre unlogisch, die Politik in seinem Zeitalter mit den Vorstellungen „unserer Zeit“, also der Zeit Le Bons, zu beurteilen.

Eine vergleichbare Abgeklärtheit der Beurteilung Machiavellis wird Le Bon dagegen heute oft nicht zuteil, da er immer wieder, in verhaltenem Ton, als „umstritten“ oder, weniger zurückhaltend, als „rassistisch“ bezeichnet wird (Beispiele in der frz. Wikipedia) und, horribile dictu, von Diktatoren übelster Art gelesen wurde.

Im Laufe seines Lebens, Le Bon wird zum Zeitpunkt der erstmaligen Veröffentlichung dieses Buches bald das siebte Lebensjahrzehnt vollenden, ist der Autor nunmehr im Vergleich mit seinen früheren Veröffentlichungen deutlich abgeklärter und milder geworden. Zwar zeigt er immer noch uneingeschränkt kämpferischen Geist, aber er seine Formulierungen erfreuen die Leser jetzt mit häufigeren sarkastischen oder ironischen Bemerkungen. Als Beispiele seien hier Kennzeichnungen des Sozialismus als „sozialistische Theologie“ genannt, deren Verkünder „Apostel des neuen Glaubens“ sind. Le Bon könne ihren Heilsversprechungen nicht folgen, da er „zugegebenermaßen unzureichende Kenntnisse im Bereich des Okkultismus“ habe und ihm leider das Verständnis dafür fehle, dass „der allmächtige Staat durch seine Gesetze Glück verordnen“ könne.

Ich empfehle den heutigen Lesern, gelassen, manchmal auch langmütig, den Gedanken, Ansichten und - häufig überraschenden - Assoziationen Le Bons zu folgen. Die Lektüre dieses Buches wird uns Heutigen durchaus Gewinn bringen.

Hamburg, im April 2022

Holger Schulz (Übersetzer und Herausgeber)

BUCH I

Ziel und Methode

KAPITEL I

Die politische Psychologie

Das erste Zeichen des Fortschritts einer Wissenschaft ist die Abkehr von den einfachen Erklärungen, mit denen sich ihre Anfänge begnügten. Was zunächst leicht zu verstehen schien, ist später sehr schwer zu erklären.

Die Studien über die Entwicklung des Lebens der Nationen unterliegen demselben Gesetz. Nachdem die Historiker versucht hatten, alles zu interpretieren, sehen sie nun, dass sie oft über Illusionen diskutierten, die in ihrem Geist entstanden waren.

Soziale Phänomene erscheinen heute als äußerst komplizierte, hierarchisch gegliederte Mechanismen, in denen es kaum noch Einfachheit gibt. Die Entwicklung von Völkern ist so komplex wie die von Lebewesen.

Die Wissenschaft sucht noch immer nach den Gesetzen, die die Veränderungen der Arten und ihre aufeinanderfolgenden Formen bestimmen. Die Gesetze der sozialen Evolution sind ebenso wenig bekannt. Nur einige wenige werden angedeutet.

Da die Analyse der verschiedenen Elemente, aus denen sich eine Gesellschaft zusammensetzt, noch nicht über die Phase der vagen Verallgemeinerungen und Vermutungen hinausgekommen ist, bleibt die Sicht der Dinge, mit der sich die Theoretiker des Unbekannten zufrieden geben, noch sehr bruchstückhaft. Aus dem Gewirr der Notwendigkeiten, die den Lebensweg eines Volkes bestimmen, wählen sie diejenigen aus, die ihnen ins Auge stechen, und vernachlässigen die anderen. Aus diesem Grund schien es, dass die Erzählung von den Taten der Herrscher und vor allem von ihren Schlachten das einzige Interesse der Geschichte sein sollte. Alles, was die Existenz von Völkern betraf, wurde bis vor kurzem noch verschmäht oder ignoriert.

Die Wissenschaft gibt sich nicht mehr mit den summarischen Antworten zufrieden, die früher auf die Fragen des „Warum“ gegeben wurden, die sich von allen Seiten auftürmen und mit denen das politische Leben der Nationen vollgestopft ist. Warum so viele Völker, die plötzlich aus dem Nichts auftauchten und die Welt mit dem Lärm ihrer Größe erfüllten? Warum sind sie danach in so tiefe Vergessenheit geraten, dass jahrhundertelang alles über sie unbekannt war? Wie werden Götter, Institutionen, Sprachen und Künste geboren, wie entwickeln sie sich und wie sterben sie? Bestimmen sie die menschlichen Gesellschaften oder werden sie im Gegenteil von ihnen geprägt? Warum konnten bestimmte Glaubensrichtungen wie der Islamismus fast augenblicklich entstehen, während andere Jahrhunderte brauchten, um sich zu etablieren? Warum überlebte derselbe Islamismus die politische Macht, die ihn stützte, und breitete sich immer weiter aus, während andere Religionen wie das Christentum und der Buddhismus zu schwinden scheinen und ihrem Ende nahe sind?

Auf all diese und viele andere „Warum"-Fragen gab es immer wieder Antworten. Wir ähneln dem Kind, das immer welche braucht. Aber die Erklärungen, mit denen sich eine sehr junge Wissenschaft begnügen konnte, werden mit zunehmendem Fortschritt nicht mehr akzeptiert.

Das Zeitalter, in dem die Götter die Geschichte lenkten, ist vorbei. Die wohlwollende Vorsehung, die unsere unsicheren Schritte lenkte und unsere Fehler ausbügelte, ist endgültig verschwunden. Auf sich selbst gestellt, muss sich der Mensch allein in dem furchterregenden Chaos der unbekannten Kräfte, die ihn umarmen, zurechtfinden. Noch beherrschen sie ihn, aber er lernt jeden Tag, sie auf seine Weise zu beherrschen. Es ist diese immer stärkere Beherrschung der Natur, die mit dem Wort Fortschritt bezeichnet wird.

Die Natur zu beherrschen ist nicht genug. Da er in einer Gesellschaft lebt, muss der Mensch lernen, sich selbst zu beherrschen und sich gemeinsamen Gesetzen zu unterwerfen. Die Aufgabe, diese Gesetze zu erlassen und für ihre Einhaltung zu sorgen, obliegt den Führern an der Spitze der Nationen.

Die Kenntnis über die Mittel, mit denen Völker sinnvoll regiert werden können, d. h. die politische Psychologie, war schon immer ein schwieriges Problem. Heute ist es noch schwieriger, da neue wirtschaftliche Notwendigkeiten, die sich aus dem wissenschaftlichen und industriellen Fortschritt ergeben, schwer auf den Völkern lasten und sich der Kontrolle ihrer Regierungen entziehen.

Die politische Psychologie ist Teil der oben beschriebenen Unsicherheit der Sozialwissenschaften. Man muss sie jedoch so nutzen, wie sie ist, denn die Ereignisse drängen uns. Die Entscheidungen, die sie treffen, sind oft von großer Bedeutung, da die Folgen eines Fehlers über mehrere Generationen hinweg spürbar sein können. Das Jahrhundert vor unserem Jahrhundert liefert zahlreiche Beispiele dafür.

Die wichtigsten Regeln für die Regierung der Menschen sind diejenigen, die sich auf das Handeln beziehen. Wann soll man handeln, wie soll man handeln und innerhalb welcher Grenzen soll man handeln? Die Antwort auf diese Fragen ist die Kunst der Politik.

Eine sorgfältige Analyse der politischen Fehler, die sich durch die Geschichte ziehen, zeigt, dass sie in der Regel auf psychologische Fehler zurückzuführen sind. Die Künste und Wissenschaften unterliegen bestimmten Regeln, die nicht ungestraft verletzt werden dürfen. Es gibt ebenso genaue Regeln, um die Menschen zu regieren. Ihre Anwendung ist aber zweifellos sehr schwierig, da bislang nur sehr wenige klar formuliert wurden.

Die einzige wirklich bekannte Abhandlung über politische Psychologie wurde vor mehr als vier Jahrhunderten von einem berühmten Florentiner veröffentlicht, der durch sein Werk unsterblich wurde.

Der luxuriöse Marmor, der seinen ewigen Schlaf schützt, wurde unter den Gewölben der berühmten Kirche Santa Croce in Florenz errichtet. In diesem Pantheon des Ruhms Italiens befinden sich wunderschöne Denkmäler, die zum Gedenken an die Männer errichtet wurden, die seine Größe begründeten: Michelangelo, Galileo, Dante und andere. Die Verdienste dieser Halbgötter des Denkens sind dort in goldenen Lettern eingraviert.

In dieser Galerie der berühmten Schatten gibt es ein Grab, auf dem lange Inschriften für überflüssig erachtet wurden. Eine einzige Angabe findet sich dort:

NICCOLO MACHIAVELLI, 1527

Tanto nomini nullum par elogium

(Kein Lob kommt einem solchen Namen gleich).

Das Werk, das seinem Verfasser eine so ruhmreiche und kurze Grabinschrift einbrachte, ist das kleine Bändchen mit dem Titel „Der Fürst“, auf das ich mich oben bereits bezog. Der berühmte Schriftsteller formulierte darin präzise Regeln für die Art und Weise, wie man die Menschen seiner Zeit regieren sollte.

In seiner Zeit und nicht in einer anderen. Weil diese Grundvoraussetzung in Vergessenheit geriet, wurde das zuerst bewunderte Buch später verpönt, als die Ideen und Sitten sich weiterentwickelten und es nicht mehr die Bedürfnisse der neuen Zeiten widerspiegelte.

Erst dann wurde Machiavelli zum Machiavellisten.

Mit seinem Realitätssinn suchte der bedeutende Psychologe nicht das Beste, sondern nur das Mögliche. Um sein Genie zu verstehen, muss man in diese brillante und perverse Zeit zurückblicken, in der das Leben anderer kaum etwas zählte und in der es als selbstverständlich galt, seinen Wein mitzunehmen, um nicht vergiftet zu werden, wenn man bei einem Kardinal oder einem Freund zum Essen ging. Die Politik dieses Zeitalters mit den Vorstellungen unseres Zeitalters zu beurteilen, wäre genauso unlogisch, wie die Kreuzzüge, die Religionskriege, die Bartholomäusnacht im Licht der heutigen Auffassungen interpretieren zu wollen.

Machiavelli war kein bloßer Theoretiker. Untrennbar mit seinem Amt in die aktive Politik seines Landes eingebunden, hatte er unter den Auseinandersetzungen gelitten, die die italienischen Republiken damals in Machtkämpfen in blutigen Kämpfen immer wieder erschütterten. Er hatte 1502 miterlebt, wie der Gonfaloniere, das höchste Mitglied der Signoria, in Florenz auf Lebenszeit berufen wurde, was nichts anderes bedeutete als eine echte ewige Diktatur, also reiner Cäsarismus. Diese letzte Regierungsform schien ihm eine verhängnisvolle Phase der Anarchie zu sein, die Volksregierungen immer hervorgebracht haben. Er irrte sich kaum, denn alle italienischen Republiken endeten - wie übrigens auch die athenische und die römische Republik - auf die gleiche Weise.

Die meisten der Regeln, die sich auf die Kunst beziehen, Menschen zu führen und die von Machiavelli gelehrt wurden, sind seit langem unbrauchbar, und doch sind vier Jahrhunderte auf dem Staub dieses großen Toten hinweggegangen, ohne dass jemand versucht hätte, sein Werk zu wiederholen.

Die politische Psychologie oder die Wissenschaft des Regierens ist jedoch so notwendig, dass Staatsmänner nicht ohne sie auskommen können. Sie kommen also nicht ohne sie aus, aber da es keine formulierten Gesetze gibt, sind die Impulse des Augenblicks und einige sehr grobe traditionelle Regeln ihre einzigen Leitfäden.

Solche Leitlinien führen häufig zu kostspieligen Fehlern. Napoleon, der sich der Psychologie der Franzosen so bewusst war, ignorierte die der Russen und Spanier grundlegend. Diese Ignoranz führte zu Kriegen, in denen sein ganzes Eroberergenie an einem ungeahnten Patriotismus scheiterte, den keine Macht der Welt hätte besiegen können. Sehr schlecht beraten, häuften sich bei den Erben seines Namens auf der Krim, in Mexiko, in Italien und anderswo schwerwiegende psychologische Fehler, die uns schließlich eine neue Invasion bescherten.

Große Menschenführer sind notwendigerweise auch große Psychologen. Ohne die intime Kenntnis der Mentalität von Individuen und Völkern, die Bismarck so gut besaß, hätte die Überlegenheit der deutschen Armeen sicherlich nicht ausgereicht, um die Einheit Deutschlands zu begründen.

Die politische Psychologie baut sich aus verschiedenen Quellen auf, von denen die wichtigsten die Individualpsychologie, die Massenpsychologie und schließlich die Rassenpsychologie sind. Die Lehrer unseres Unterrichts halten diese Kenntnisse offensichtlich für sehr nutzlos, da sie in keinem ihrer Lehrpläne erwähnt werden. An der Hochschule für Politikwissenschaft scheint man sogar von ihrer Existenz nichts zu wissen. Ist es nicht seltsam, dass man als „Doktor der Politikwissenschaften“ ausgezeichnet wird, ohne jemals von Kenntnissen gehört zu haben, die doch die wahren Grundlagen der Politik sind?

Da einige traditionelle Begriffe das einzige psychologische Gepäck mittelmäßiger Staatsmänner bilden, sind sie angesichts einiger neuer Probleme, für die die Routine keine Lösung bereithält, völlig desorientiert. Da sie der Richtungslosigkeit der Parteien folgen, werden unzählige Fehler begangen.

Diese Liste wäre sehr lang, selbst wenn sie sich auf die letzten Jahre beschränkte. Ein gefährlicher psychologischer Irrtum war die Trennung von Kirche und Staat, die dem Klerus eine Unabhängigkeit und Macht verlieh, die selbst die katholischsten unserer Könige niemals toleriert hätten. Grundlegende psychologische Irrtümer sind unsere Erziehungsprinzipien, die sich so sehr von denen unterscheiden, die Deutschland zu all seinen wissenschaftlichen, industriellen und wirtschaftlichen Fortschritten geführt haben. Psychologische Irrtümer sind die Ideen der Assimilation, denen unsere Kolonien ihre Dekadenz verdanken. Ein psychologischer Irrtum ist die Regelung, Indigene in die Armee einzugliedern, die früher in speziellen Bataillonen mit anderen Indigenen zusammen dienten, wo sie folglich niemanden beeinflussen konnten. Ein ebenso schwerer psychologischer Fehler war die Kapitulation der Regierung im ersten Streik der Postbeamten. Ein weiterer psychologischer Fehler ist eine Vielzahl unserer angeblich humanitären Gesetze. Ein weiterer psychologischer Irrtum ist die utopische Hoffnung, Gesellschaften durch Dekrete umgestalten zu können, und der Glaube, ein Volk könne sich dem Einfluss seiner Vergangenheit vollständig entziehen.

Die Kräfte, die die Handlungen eines Volkes bestimmen, sind zweifellos komplex: Naturkräfte, wirtschaftliche Kräfte, historische Kräfte, politische Kräfte etc. Sie bewirken letztlich eine bestimmte Ausrichtung unseres Denkens und damit unseres Verhaltens. Diese so unterschiedlichen Kräfte werden schließlich in psychologische Kräfte umgewandelt. Auf diese lassen sich dann alle anderen Kräfte zurückführen.

Die Schwierigkeiten zwischen den Völkern sind manchmal so schwerwiegend, dass sie nur mit Kanonenschüssen gelöst werden können. Das einzige Recht, auf das man sich dann berufen kann, ist das Recht des Stärkeren. So war es bei den Streitigkeiten zwischen Preußen und Österreich, zwischen Transvaal und England, zwischen Japan und Russland. Aber wenn es um zweitrangige Fragen geht, gelingt es manchmal, militärische Argumente durch geschickt gehandhabte psychologische Einflüsse zu ersetzen. Nur ein an Macht weit überlegener Gegner kann sie übergehen. Er wird mit seinem Schwert auf den Boden schlagen, wie es Napoleon und Bismarck taten, und der Gegner braucht nur zu schweigen und auf die Stunde der Rache zu warten, die immer schlagen wird.

Niemand scheint heute stark genug zu sein, um diese einfachen Methoden anzuwenden. Die Verflechtungen der Allianzen erlauben es keinem Herrscher mehr, so zu reden, als sei er der einzige Herrscher. Das Abenteuer Marokkos hat den Menschen gezeigt, welches Schicksal sie erwartet, wenn sie sich nicht solidarisieren, um sich zu verteidigen.

Es herrscht also eine Situation, in der die Kräfte ungefähr gleich verteilt sind, dass Auseinandersetzungen aus alltäglichen Vorfällen ausgelöst werden. Dann spielt die Psychologie wieder eine Rolle und die Diplomatie kann wichtig werden.

Es ist jedoch unzweifelhaft, dass dieses Handeln nicht mehr das ist, was es einmal war. Die Öffentlichkeit, die durch Telegraf, Telefon und Zeitungen informiert wird, diskutiert leidenschaftlich über die kleinsten politischen Ereignisse, während die Diplomaten geruhsam ihre geheimen Noten austauschen. Früher waren sie daran gewöhnt, im Verborgenen zu verhandeln, jetzt müssen sie im Licht der Öffentlichkeit diskutieren und der Meinung folgen, anstatt ihr vorauszugehen.

Und dennoch bleibt ihre Rolle, die zu Unrecht verachtet wird, wichtig. Die jüngsten Ereignisse haben dies deutlich gemacht.

Mehrere wichtige Fragen wurden in der Tat mit diplomatischen Interventionen gelöst. Die Bombardierung englischer Fischerboote durch russische Schlachtschiffe zu Beginn des Krieges mit Japan, die Casablanca-Affäre, der österreichisch-russische Streit um Serbien etc. waren nur einige Beispiele. Hätten wir am Vorabend des Jahres 1870 Diplomaten besessen, die weniger unter dem Niveau der erbärmlichsten Mittelmäßigkeit lagen, wäre der Krieg auf einen Zeitpunkt verschoben worden, an dem wir Allianzen hätten vorbereiten können, und nicht auf den vom Feind gewählten.

Wieder ist es die politische Psychologie, die lehrt, wie man Probleme löst, die sich jeden Tag stellen. Zum Beispiel zu erkennen, wann man Forderungen des Volkes nachgeben oder sich ihnen widersetzen sollte. Je nach Temperament geben Staatsmänner auf unbestimmte Zeit nach oder widersetzen sich immer. Dieses Prinzip ist verwerflich. Je nach den Umständen muss man Widerstand leisten oder nachgeben. Kein Teil der politischen Psychologie ist schwieriger, und die Folgen von Fehlern sind schwerwiegender. Die Französische Revolution wäre vielleicht vermieden und sicherlich gemildert worden, wenn die aristokratische Klasse in der Zeit der Landwirtschafts- und Finanzkrise von 1788, die das Elend der Arbeiterklasse durch Hunger und Arbeitslosigkeit noch vergrößert hatte, nicht darauf bestanden hätte, die steuerliche Gleichheit abzulehnen.

Dies führte zu starkem Hass gegen die privilegierten Klassen und Unruhen, die den Zerfall einer langen Vergangenheit bewirkten.

Ich war einst über den Mangel an speziellen Werken zur psychologischen Psychologie verwundert und hoffte immer, dass diese Lücke geschlossen werden würde.

Nach zehn Jahren, die ich fast ausschließlich physikalischen Experimenten widmete, aus denen mein Buch über die „Évolution de la Matière“ hervorging, wurden diese Forschungen zu kostspielig, um fortgesetzt zu werden. Ich musste sie also aufgeben und fand mich damit ab, alte Studien wieder aufzunehmen. Ich wollte die Grundsätze, die ich in mehreren meiner früheren Werke dargelegt hatte, auf die Politik anwenden und bat meinen angesehenen Freund, Professor Ribot, mir die kürzlich veröffentlichten Abhandlungen über politische Psychologie zu nennen. Er antwortete mir, dass es keine gäbe. Ich war genauso erstaunt wie fünfzehn Jahre zuvor, als ich mich mit der Psychologie der Massen beschäftigen wollte und feststellte, dass keine einzige Schrift zu diesem Thema erschienen war.

Sicherlich ist es nicht so, dass es einen Mangel an politischen Abhandlungen gegeben hätte. Im Gegenteil, seit Aristoteles und Platon gibt es sie zuhauf, aber ihre Autoren waren meist Theoretiker, die mit den Realitäten ihrer Zeit nichts zu tun hatten und nur den aus Träumen geborenen Traummenschen kannten. Weder die Psychologie noch die Kunst des Regierens haben etwas von ihnen zu erwarten.

Das Fehlen klassischer Werke über ein solches Thema und das Nichtvorhandensein von Lehrstühlen, die sich mit dieser Lehre befassen, beweisen, dass ihr Nutzen nicht klar ersichtlich ist. Daher war es notwendig, ihn zu beweisen. Dies wird eines der Ziele dieses Buches sein.

Die politische Psychologie baut, wie ich bereits sagte, auf Materialien auf, die aus dem Studium der Individualpsychologie, der Massenpsychologie, der Völkerpsychologie und schließlich aus den Lehren der Geschichte gewonnen werden. Viele dieser Materialien werden allmählich bekannt, aber sie haben keine wesentliche Bedeutung.

Beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens kann Politik nur eine tägliche Anpassung des Verhaltens an die Gegebenheiten sein. Rational oder nicht, es spielt keine Rolle, ob es sich um dringende Erfordernisse handelt. Die erblichen Vorurteile eines Volkes und seine religiösen Überzeugungen können von der Vernunft für absurd erklärt werden, aber ein echter Staatsmann wird niemals versuchen, sie zu bekämpfen, weil er weiß, dass er das nicht sinnvoll tun kann. Nur Theoretiker, die die Realitäten nicht kennen, glauben, dass die reine Vernunft die Welt regieren und die Menschen verändern wird. In Wirklichkeit bereitet die Intelligenz langsam die Veränderungen vor, die mit der Zeit unsere Seelen umwandeln werden, aber ihre unmittelbare Wirkung ist sehr schwach. Nur sehr wenige Dinge können durch sie schlagartig verändert werden.

Die politische Psychologie befindet sich, wie bereits erwähnt, noch im Zeitalter der Ungewissheit. Dennoch kristallisieren sich täglich (oft empirische, aber dennoch sehr sichere) Regeln heraus. Ihr Wert lässt sich nicht dadurch beweisen, dass man sie formuliert, sondern dadurch, dass man die Folgen ihrer Verleugnung aufzeigt. Auch dies wird eines der Ziele sein, die ich mir gesetzt habe.

Die Prinzipien, an denen ich mich orientiere, würden Kommentare erfordern, die der Umfang dieses Buches nicht zulässt. Sie sind in meinen früheren Werken ausführlich dargelegt.1

Ich habe mich in diesem Buch fast ausschließlich auf die Anwendung der bestimmbaren Regeln der politischen Psychologie auf zeitgenössische Ereignisse beschränkt. Selbst auf diesen sehr engen Zeitraum begrenzt, war das Thema noch so umfangreich, dass ich mich oft mit summarischen Hinweisen begnügen musste. Die Rolle der politischen Psychologie in der Geschichte der Völker, in der Entstehung ihrer Überzeugungen und in den kriegerischen Auseinandersetzungen, die den Rahmen ihrer Vergangenheit bilden, zu untersuchen, hätte mehrere Bände erfordert.

Da ich mich mit etwas trockenen Themen befassen musste, die den Leser leicht erschrecken und seine Aufmerksamkeit erschöpfen können, habe ich versucht, allzu didaktische Formen zu vermeiden. Die ernsthaftesten Vorschläge profitieren oft davon, wenn sie in einem weniger strengen Rahmen präsentiert werden.

Ein Kapitel dieses Buches, in dem die Faktoren der Überzeugungskraft beschrieben werden, zeigt die herausragende Rolle der Wiederholung. Die Überzeugung von ihrer Nützlichkeit hat mich dazu veranlasst, manchmal dieselben Dinge in veränderten Worten zu wiederholen. Ich bedauere, dass der Platzmangel mich daran gehindert hat, dies in größerem Umfang zu tun. Napoleon hat nicht übertrieben, als er sagte, dass die Wiederholung die wichtigste rhetorische Mittel ist. Man kann zumindest behaupten, dass sie einer der aktivsten Faktoren für Überzeugungen ist.

Alle großen Staatsmänner waren sich ihrer Macht bewusst. Durch unzählige Wiederholungen gelang es dem deutschen Kaiser, seine Untertanen von der Nützlichkeit der Opfer zu überzeugen. die für den Bau einer großen Kriegsflotte notwendig waren. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten, Theodore Roosevelt, schrieb daher treffend: „Alle grundlegenden Wahrheiten könnten sich wie abgedroschen anhören und doch, so abgedroschen sie auch sein mögen, sie müssen wiederholt werden müssen immer und immer wieder wiederholt werden.“

Wenn Wiederholungen notwendig sind, um bekannte Wahrheiten zu verbreiten, wie viel mehr braucht es, um neue Wahrheiten durchzusetzen. Ich habe das mehr als einmal erlebt. Die Apostel, die im Laufe der Zeitalter unsere Vorstellungen und Überzeugungen veränderten, erreichten dies nur durch ständige Wiederholungen.

Der wahre Mechanismus der Überzeugungen unterscheidet sich nämlich grundlegend von dem, der in den Büchern gelehrt wird. Während die Argumentation bei wissenschaftlichen Demonstrationen sehr nützlich ist, spielt sie bei der Entstehung unserer Überzeugungen nur eine sehr geringe Rolle. Ideen setzen sich nicht durch ihre Genauigkeit durch, sondern erst dann, wenn sie durch den doppelten Mechanismus von Wiederholung und Ansteckung in jene Bereiche des Unterbewusstseins vorgedrungen sind, in denen die Motive für unser Verhalten entstehen. Überzeugen bedeutet nicht nur, die Richtigkeit einer Begründung zu beweisen, sondern auch, die Menschen dazu zu bringen, nach dieser Begründung zu handeln.

1 Zu den allgemeinen Grundsätzen siehe

"Der Mensch und die Gesellschaften, ihre Ursprünge und ihre Geschichte“,

"Psychologische Gesetze der Völkerentwicklung“,

"Psychologie der Massen“,

"Psychologie des Sozialismus“,

"Psychologie der Erziehung".

Zu den Anwendungen der Psychologie auf die Geschichte siehe

"Die frühen Zivilisationen des Orients“,

"Die Zivilisation der Araber“,

"Die Zivilisationen Indiens“,

"Meinungen und Überzeugungen“,

"Die Französische Revolution und die Psychologie der Revolutionen“,

"Das Leben der Wahrheiten“.