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Über die Autoren

Franco Volpi (1952–2009) war Professor für Philosophie an der Universität Padua. Er betreute für den Mailänder Verlag Adelphi die italienische Ausgabe des Nachlasses Schopenhauers und der Werke Heideggers. Bei C.H.Beck hat er die folgenden Bände mit Werken Schopenhauers herausgegeben: Die Kunst, glücklich zu sein (42009); Die Kunst, sich selbst zu erkennen (2006); Die Kunst zu beleidigen (32008); Die Kunst, mit Frauen umzugehen (32010); Die Kunst, alt zu werden (2009); Senilia, Gedanken im Alter (2010, zusammen mit Ernst Ziegler).

Ernst Ziegler (geb. 1938) war bis 2003 Stadtarchivar in St. Gallen. Er ist Privatdozent an der Universität St. Gallen, Historiker und Paläograph. Bei C.H.Beck hat er die folgenden Bände mit Werken Schopenhauers herausgegeben: Über den Tod (2010); Senilia, Gedanken im Alter (2010, zusammen mit Franco Volpi).

Anhang

 

Anmerkungen

Einleitung

1 Die italienische Ausgabe dieses Textes wurde 1991 in Mailand bei Adelphi publiziert, die deutsche Ausgabe im Insel Verlag, Frankfurt am Main 1995.

2 München: C.H.Beck, 1998.

3 Vgl. Arthur Schopenhauer, Von ihm, Über ihn, Ein Wort der Vertheidigung von Ernst Otto Lindner und Memorabilien, Briefe und Nachlassstücke von Julius Frauenstädt, Berlin: A. W. Hayn, 1863, S. 412.

4 Vgl. Parerga und Paralipomena, Bd. 1, Berlin: Hayn, 1851, S. 377.

 

Skizze einer Abhandlung über die Ehre

1 Balthazar Gracian’s Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, in HN IV (2), S. 177: Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut; und selbst das Schlimme, wenn wenig, ist nicht so schlimm. Quintessenzen sind wirksamer als ein ganzer Wust.

2 Das «Vorwort zu vorstehender Abhandlung» findet sich in HN III, S. 495–496; die Abhandlung selber in HN III, S. 472–495.

Zum Titel des Vorworts merkt Schopenhauer an: «Vergl. p. 345» – was auf die folgende Stelle in den «Adversaria» hinweist:

Das mindeste Nachsinnen lehrt, daß die Meinung Andrer (Ehre), so gut wie das Geld, nur mittelbaren Werth haben kann. Aber wie dieses beim Gelde, über das Streben danach, bisweilen vergessen wird, woraus der wahre Geiz entsteht, ebenso bei der Ehre, und noch häufiger. Daraus kommt, daß man nur noch in der Meinung Andrer sein Leben führt, ja ihr dieses zum Opfer bringt. Theoretisch wagt man zu sagen «über das Leben geht die Ehre»: was nur insofern wahr seyn kann, wie wenn Shylock von seinem Gelde sagt: «was hilft es daß du mir das Leben schenkst, wenn du mir das nimmst, womit ich es erhalte»! –

Die Fratze der ritterlichen Ehre unterscheidet sich dadurch, daß sie, im Grunde, nicht wie alle übrige Ehre, in der Meinung Andrer von unserm Werthe besteht, sondern in der daß wir zu fürchten sind.

Wie die bürgerliche Ehre, d.h. die Meinung, daß wir Zutrauen verdienen, das Palladium [schützende Heiligtum] Derer ist, die auf dem Wege des redlichen Erwerbs durch die Welt zu kommen beabsichtigen, so die ritterliche Ehre, d.h. die Meinung, daß wir zu fürchten sind, das Palladium Derer, die auf dem Wege der Gewalt durchs Leben zu gehn beabsichtigen: daher ist sie unter den Raub- und andern Rittern des Mittelalters entstanden.

Der Grundsatz, daß es wesentlicher ist gefürchtet als hochgeschätzt zu seyn, ist vielleicht so gar falsch nicht: und es möchte damit gehn, wenn es dabei bliebe, daß wir nichts fürchten und eo ipso [eben dadurch] zu fürchten sind, sobald wir in wesentlichen und wichtigen Dingen angegriffen werden: allein die ritterliche Ehre dehnt es auf die geringste Kleinigkeit aus: dabei geht sie von dem Grundsatz aus, daß von 2 unerschrockenen Leuten keiner je nachgiebt, daher es vom leisesten Anstoß zu Schimpfworten, dann zu Schlägen und endlich zu tödlichen Waffen kommen würde, daher es besser ist, Anstands halber, die Mittelstufen zu überspringen und vom geringsten Anstoß gleich an die Waffen zu gehn. Das hat sie in ein steifes System mit Gesetz und Regel gebracht: die ernsteste Posse von der Welt. Allein der Grundsatz ist falsch: den Beweis hievon liefert das Volk, oder vielmehr alle die Stände, welche dem ritterlichen Ehrenprincip nicht folgen und also Streitigkeiten ihren natürlichen Verlauf haben: unter diesen ist Todschlag höchst selten, 100 Mal seltener, als bei dem 1/1000 der Gesellschaft das jenem Princip huldigt. Bei Sachen von geringer Wichtigkeit giebt von 2 unerschrockenen Leuten allerdings einer nach, nämlich der Klügste: denn nur Narren werden wegen Kleinigkeiten ihr Leben aufs Spiel setzen. Wer es, aus übergroßer Furcht sonst nicht gefürchtet zu seyn, thut, sollte wissen, daß wer sich fürchtet eo ipso nicht zu fürchten ist. Den Alten war die Posse fremd, weil sie in allen Stücken der wahren natürlichen Ansicht der Dinge getreu blieben und sich zu keinen Fratzen verstanden. Da nun aber im Staat und gesetzlichen Zustand, in wichtigen Dingen die Selbsthülfe völlig aufgehoben ist und hier nur der zu fürchten ist der sich mit dem Gesetze zu waffnen weiß; so bleibt die Maxime sich persönlich furchtbar zu erhalten eben nur auf Kleinigkeiten beschränkt, wo sie, wie gesagt, Narrheit ist.

HN III, S. 649–650.

William Shakespeare: The merchant of Venice, Act IV, Scene 1:

Nay, take my life and all; pardon not that:

You take my house when you do take the prop

That doth sustain my house; you take my life

When you do take the means whereby I live.

Am Anfang dieses Eintrags steht der Hinweis: «Vergl. Pandectae 183»; dort heißt es:

Vergl. Adversaria 345.

Die Grundlage zur Abhandlung über die Ehre stände besser so: [aber von No. 2 an ist es als Uebergang zur Afterehre zu gebrauchen]

Die Ehre ist die Meinung Andrer von uns. An sich gleichgültig, wird sie wichtig durch ihre Reaktion, indem sie die Handlungsweise Andrer gegen uns bestimmt.

1) Einerseits bedürfen wir des Beistands Andrer und des friedlichen Verkehrs mit ihnen: dazu ist die Bedingung, daß sie uns trauen. Dies werden sie dann, wann sie von uns die Meinung hegen, daß wir die Rechte eines Jeden unbedingt respektieren. Diese Meinung von uns ist die bürgerliche Ehre.

Obgleich nun die Rechte eines Jeden unter dem Schutze des Staates stehn; so können sie doch durch List vielfach beeinträchtigt werden, zumal bei Fällen des Verkehrs, in welchen es zu weitläufig wäre jeden Schutz unmittelbar unter die Obhut des Staats und Gesetzes zu stellen. Daher bedarf es des Zutrauens, und daher der Ehre.

2) Andrerseits sind wir den Angriffen Andrer vielfach ausgesetzt: gegen dieselben ist der beste Schutz, daß sie uns fürchten. Dies werden sie dann, wann sie die Meinung hegen, daß wir unsre eignen Rechte unbedingt zu vertheidigen entschloßen sind. Diese Meinung von uns, sofern sie nicht unser Eigenthum, sondern unsre Person betrifft, ist die ritterliche Ehre. […]

Staatsbibliothek zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Nachlass Schopenhauer, Abt. II: Notizbücher, Bd. 9, S. 183.

Vgl. dazu Schopenhauer, Arthur: Parerga und Paralipomena: kleine philosophische Schriften, Erster Band, Berlin 1851: Aphorismen zur Lebensweisheit, Kapitel IV: Von Dem, was Einer vorstellt, in: D, 4, S. 390–446; LL, IV, S. 350–401:

Viel schwerer und weitläufiger, als die des Ranges, ist die Erörterung der EHRE. Zuvörderst hätten wir sie zu definiren. Wenn ich nun in dieser Absicht etwan sagte: die Ehre ist das äußere Gewissen, und das Gewissen die innere Ehre; – so könnte Dies vielleicht Manchem gefallen; würde jedoch mehr eine glänzende, als eine deutliche und gründliche Erklärung seyn. Daher sage ich: die Ehre ist, objektiv, die Meinung Anderer von unserm Werth, und subjektiv, unsere Furcht vor dieser Meinung. In letzterer Eigenschaft hat sie oft eine sehr heilsame, wenn auch keineswegs rein moralische Wirkung, – im Mann von Ehre.

Die Wurzel und der Ursprung des jedem, nicht ganz verdorbenen Menschen einwohnenden Gefühls für Ehre und Schande, wie auch des hohen Werthes, welcher ersterer zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der Mensch für sich allein vermag gar wenig und ist ein verlassener Robinson: nur in der Gemeinschaft mit den andern ist und vermag er viel. Dieses Verhältnisses wird er inne, sobald sein Bewußtseyn sich irgend zu entwickeln anfängt, und alsbald entsteht in ihm das Bestreben, für ein taugliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu gelten, also für eines, das fähig ist, pro parte virili [nach Kräften] mitzuwirken, und dadurch berechtigt, der Vortheile der menschlichen Gemeinschaft theilhaft zu werden. Ein solches nun ist er dadurch, daß er, erstlich, Das leistet, was man von Jedem überall, und sodann Das, was man von ihm in der besondern Stelle, die er eingenommen hat, fordert und erwartet. Eben so bald aber erkennt er, daß es hiebei nicht darauf ankommt, daß er es in seiner eigenen, sondern daß er es in der Meinung der Anderen sei. Hieraus entspringt demnach sein eifriges Streben nach der günstigen MEINUNG Anderer und der hohe Werth, den er auf diese legt: Beides zeigt sich mit der Ursprünglichkeit eines angeborenen Gefühls, welches man Ehrgefühl und, nach Umständen, Gefühl der Schaam (verecundia) nennt. Dieses ist es, was seine Wangen röthet, sobald er glaubt, plötzlich in der Meinung Anderer verlieren zu müssen, selbst wo er sich unschuldig weiß; sogar da, wo der sich aufdeckende Mangel eine nur relative, nämlich willkürlich übernommene Verpflichtung betrifft: und andrerseits stärkt nichts seinen Lebensmuth mehr, als die erlangte, oder erneuerte Gewißheit von der günstigen Meinung Anderer; weil sie ihm den Schutz und die Hülfe der vereinten Kräfte Aller verspricht, welche eine unendlich größere Wehrmauer gegen die Uebel des Lebens sind, als seine eigenen.

D, 4, S. 400–401; LL, IV, S. 359–360.

Vgl. dazu Lütkehaus, Ludger: «Ehrensachen meiden», Schopenhauers Auseinandersetzung mit dem «Princip Ehre», in: Schopenhauer-Jahrbuch, Würzburg 2006, 87. Band, S. 91–100.

3 Nach beruht gestrichen: (Einen solchen Versuch wollen wir jetzt an dem Gefühl der Ehre machen, dem Keiner ganz entfremdet seyn kann.)

4 (Alle Schriften über die Ehre sind juristisch, oder Deklamationen an Studenten.)

5 Freher, Marquard: Tractatus de existimatione adquirenda, conservanda et omittenda, sub quo et de gloria et de infamia, Basel 1591.

6 Es mag Ungeübten schwer werden das Vorhandenseyn fremder Gedanken von der Möglichkeit ihres Wirkens auf uns zu sondern: solche glauben daher, die fremde Meinung an sich wäre es, die uns stets so sehr am Herzen liegt, wie es wirklich den Schein hat. Dennoch beruht dies letztere ganz allein darauf daß die Meinung Andrer ihr Handeln und Benehmen gegen uns lenkt.

7 Ein guter Ruf ist mehr wert als ein goldener Gürtel.

Vgl. dazu D, 4, S. 403.

8 Joseph bei Portiphar, 1. Mose, 39.

Hippolytos, Sohn des Theseus und der Antiope, den seine Stiefmutter Phaidra zu verführen suchte; als ihr das nicht gelang, verleumdete sie ihn bei seinem Vater.

«Hippolytos», Tragödie von Euripides (um 480 – um 406 v. Chr.).

9 Die Dinge gelten nicht für das, was sie sind; sondern für das, was sie scheinen. Gracian: Handorakel, HN IV (2), S. 174.

10 Quadrant p. 161.

Zwei Wege giebt es zum Ruhm und zur Unsterblichkeit, den der Thaten, und den der Werke. – Von ersteren ist jedoch nur das Andenken unsterblich, und es wird immer schwächer und entstellter, verlischt vielleicht zuletzt ganz: denn ihre Spuren vergehen. – Dagegen sind die Werke selbst unsterblich und können alle Zeiten durchleben. Die Vedas haben wir: aber von den Thaten, die zu ihrer Zeit geschehn, ist kein Andenken und keine Spur.

Ganz verschieden sind die Anlagen die den Menschen zu unsterblichen Thaten und zu unsterblichen Werken befähigen: höchst selten und vielleicht nie sind sie in einem Menschen beisammen. (Julius Caesar.)

HN III, S. 258–259.

11 Hierüber hat Seneka sich so unvergleichlich schön ausgesprochen, daß ich mich nicht enthalten kann die Stelle herzusetzen:

Der Ruhm ist der Schatten der sittlichen Vollkommenheit: auch gegen ihren Willen wird er sie begleiten. Doch wie einmal der Schatten voraufgeht, ein andermal im Rücken folgt, so befindet sich der Ruhm einmal vor uns und bietet sich den Blicken dar, ein andermal ist er hinter uns und desto größer, je später, sobald die Mißgunst sich entfernt hat. Wie lange schien geisteskrank zu sein Demokrit!