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Über den Autor

Patrick Bahners, geb. 1967, ist seit 2001 Feuilletonchef der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Zuletzt hat er bei C.H.Beck veröffentlicht (zus. mit Alexander Cammann): «Bundesrepublik und DDR. Die Debatte um Hans-Ulrich Wehlers ‹Deutsche Gesellschaftsgeschichte›» (2009).

KAPITEL 1

Eine Staatsaffäre.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Man wende nicht ein, dass von Priestern einer falschen Religion die Rede sei. So falsch war noch keine in der Welt, dass ihre Lehrer notwendig Unmenschen sein müssen.

Hamburgische Dramaturgie, Zweites Stück

Was ist eigentlich los in Deutschland? Noch nie hat wohl ein Bundespräsident mit einer öffentlichen Äußerung so viel Kritik auf sich gezogen wie Christian Wulff mit der Rede, die er am 3. Oktober 2010, dem zwanzigsten Jahrestag der Wiedervereinigung, in Bremen gehalten hat. Richard von Weizsäcker hatte fünfundzwanzig Jahre zuvor, an einem anderen Gedenktag, die Macht des deutlichen Präsidentenwortes demonstriert. Er stiftete einen neuen Konsens, indem er aussprach, was ein erheblicher Teil des Publikums nicht hören wollte: dass der Tag der deutschen Niederlage 1945 auch ein Tag der Befreiung gewesen sei. Aber in den Tagen nach dem 8. Mai 1985 dominierte Weizsäckers Rede nicht die Schlagzeilen. Die Spitzenpolitiker der Koalition aus Union und FDP nutzten nicht jedes Mikrophon, um an der Wortwahl des Staatsoberhaupts Anstoß zu nehmen, das sie erst vor kurzem ins Amt gebracht hatten. Die Zeiten haben sich geändert. Wer damals Weizsäcker als Präsidenten der Alliierten beschimpfen wollte, fand Gleichgestrickte noch nicht im Internet, sondern musste seine Rundbriefe hektographieren. Der Comment, dass jedenfalls die Inhaber hoher Regierungs- und Parteiämter Äußerungen des Bundespräsidenten nicht kommentieren, wird nicht mehr beachtet, seit Wulffs Vorgänger Horst Köhler darauf verfallen war, die Regierungsarbeit in regelmäßigen Abständen zu benoten. So sagte zur Wulff-Rede jeder Politiker etwas, der den Eindruck fürchten musste, dass Schweigen Zustimmung bedeute. Wenn derzeit die Rede auf den Islam in Deutschland kommt, bricht der diskursive Notstand aus. Wulffs Kritiker hielten es für zu gefährlich, im Zeichen dieses Themas zur Übung der Jahrzehnte vor Köhler zurückzukehren, dass man Präsidentensätze, die man für unklug hält, ohne Echo verklingen lässt. 1985 traf der Respekt vor dem Amt des Bundespräsidenten zusammen mit speziellen Schicklichkeitsregeln, die sich an das Thema des Nationalsozialismus knüpften. Wer Weizsäckers Formulierungen selbst nicht verwendet hätte, sah doch in der Regel von einer ausdrücklichen Missbilligung ab. Das Wort «Befreiung» zu vermeiden war das eine. Etwas ganz anderes wäre es gewesen, zu Protokoll zu geben, man sei aber nicht befreit worden. So konnte der Präsident sprachliche Tatsachen schaffen. In der Diskussion über den Islam vertreten dagegen heute diejenigen, die sie forcieren, entschieden die Meinung, es seien zu lange Rücksichten genommen worden.

Wulffs Aussagen über den Islam mussten auf Widerspruch stoßen, ganz unabhängig vom Inhalt. Dass er das Thema überhaupt an sich zog, wirkte schon provozierend. Denn alles, worüber der Präsident spricht, verwandelt sich in einen Gegenstand besinnlicher Betrachtungen, die mit Kopfnicken aufgenommen werden wollen, auch das Bundesverfassungsgericht oder das Werk von Günter Grass. Als Wulff für Köhler einsprang, wurde ihm bescheinigt, ihn empfehle die Fähigkeit, mit Unverbindlichkeiten lebhafte Zustimmung zu erzeugen. Was Wulff dann am 3. Oktober sagte, war von einer Harmlosigkeit, die das Nichtssagende streifte. «Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.» Man verkenne aber die technischen Fertigkeiten des Redners nicht, der alle Reibungsflächen zu entfernen versteht: Dieses genus humile kann ebenso effektvoll sein wie Weizsäckers Kunst, sich durch dialektische Rückversicherung unangreifbar zu machen. Als sokratische List darf man Wulffs Methode charakterisieren. Einer augenfälligen Selbstverständlichkeit sollen die Zuhörer beipflichten, aus der scheinbar noch überhaupt nichts folgt. Mit dem Verb «gehört zu» hat Wulff den Islam und Deutschland in ein Verhältnis gesetzt, ohne dieses Verhältnis irgendwie zu bestimmen. Er hat der Religion der Muslime keine zunehmende Bedeutung zugesprochen und sie keine Bereicherung genannt. Diese absolute, unqualifizierte Zugehörigkeit ist nicht die schicksalhafte Zusammengehörigkeit der Liebenden, Wulffs «gehört zu» ist nicht das «gehört zu» aus Marianne Rosenbergs Hit «Er gehört zu mir». Eher wird man an Familienverhältnisse denken: Der Schwiegersohn gehört zur Familie, obwohl die Schwiegereltern (jedenfalls in Deutschland) ihn sich nicht aussuchen konnten. Um Deutschland ging es, und im Zusammenhang mit Deutschland ist die Formulierung jedem Schulkind geläufig. Wulff hat sich ganz einfach der Sprache bedient, in der die politische Geographie offenkundige historische Tatsachen bezeichnet: Amrum, Sylt, Föhr und Helgoland gehören zu Deutschland. Gerade diese Selbstbeschränkung des Redners, das Absehen von allem Werben und Plädieren zugunsten der schlichten Feststellung eines Faktums, rief Ablehnung und Abwehr hervor. Auch so hatte das sokratische Vorgehen eine aufklärerische Wirkung: Wulffs Kritiker offenbarten, dass für sie das Vorhandensein deutscher Muslime nicht selbstverständlich ist, keine von der deutschen Politik vorgefundene Gegebenheit wie der deutsche Papst. Zu ihrem Deutschland gehört der Islam nicht. Ihr Deutschland ist ein Deutschland ohne Islam.

Schäubles Satz

Mit großem Beifall auf allen Seiten war vier Jahre vorher, am 28. September 2006, im Bundestag die Regierungserklärung aufgenommen worden, in der Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Ziele der von ihm einberufenen Deutschen Islamkonferenz erläuterte. Schäuble hatte fast dasselbe gesagt wie später Wulff, ja, sogar noch mehr: «Der Islam ist Teil Deutschlands und Teil Europas, er ist Teil unserer Gegenwart und er ist Teil unserer Zukunft.» Teil Deutschlands, nicht Annex: Demnach gehört der Islam nicht wie Helgoland zu Deutschland, sondern wie Hessen. Schäuble hatte sich seinen Satz genau überlegt. In verschiedenen Varianten hatte er ihn schon in mehreren Interviews lanciert, die in den Wochen vor dem ersten Plenum der Islamkonferenz in der Presse erschienen. Das Unverfängliche sollte verfangen. Schäuble tat so, als beschreibe er lediglich die tatsächliche Voraussetzung der von ihm angesetzten Veranstaltung. Die Mengenlehre war bei ihm eine Teildisziplin der Arithmetik: «Wir haben in unserem Land mehr als drei Millionen Muslime, und damit ist der Islam ein Teil Deutschlands.» Der Satz hatte für das Unternehmen der Konferenz programmatischen Charakter, gerade weil er der sprachlichen Form nach kein normativer Satz war. Als Jurist weiß Schäuble, dass sich eine Tatsachenfeststellung besonders gut eignet, um Verhaltenserwartungen festzuschreiben. Das Normative wird dann als Faktisches behandelt und steht von vornherein jenseits der Diskussion.

Im diplomatischen Setting der Islamkonferenz bezeichnete die Teil-Ganzes-Formel Erwartungen an beide Seiten. Die Muslime sollten nicht als Fremde oder Gäste behandelt werden, sondern alle Rechte von Bürgern genießen und das Vertrauen, das für die Gesellschaft der Grundrechtsbesitzer so etwas wie die Atmosphäre der Freiheit ist. Umgekehrt sollten die Muslime das Grundgesetz nicht als fremde Ordnung ansehen, sondern als ihr eigenes Recht. Mit der Auszeichnung des Islam als Teil des Landeskörpers war gleichzeitig so vornehm wie eindeutig gesagt, dass die Muslime sich einzuordnen hatten. Das war älteste konservative Staatsklugheit nach dem Vorbild des Menenius Agrippa, des römischen Konsuls, der die Plebejer zur Rückkehr in die Stadt überredete, indem er ihnen das Gleichnis vom Magen und den Gliedern erzählte. Wenn man Schäuble über seine Islamkonferenz sprechen hörte, ahnte man hinter der pragmatischen Nüchternheit des gewieften Unterhändlers eine geradezu mystische Hoffnung auf ein Gemeinsames, das sich im Gang der Verhandlungen herstellen sollte, indem beide Seiten ihr Interesse verfolgten. Wie eine hegelianische Zauberformel wiederholte er den bei näherem Hinsehen ja gar nicht evident wahren Satz, nach dem eine Weltreligion Teil eines Nationalstaats sein soll. Bei der Einweihung der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität am 11. Mai 2007 gab Schäuble seinem Ceterum Censeo eine Wendung ins Appellative: Der Islam müsse zeigen, dass er zu einem Teil Deutschlands werden wolle. Ungeduld und Geduld sind dasselbe, wenn man weiß, was man will. Schäuble wollte vorankommen, indem er immer wieder dasselbe sagte, etwa im Südwestrundfunk am 6. März 2009 und am 19. September 2009 als Gast beim Berliner Fastenbrechen der Ditib. Dieser muslimische Dachverband ist der deutsche Arm der türkischen Religionsbehörde. Vor Ditib-Funktionären beschrieb der Satz vom Teil Deutschlands eine künftige, erwünschte Tatsächlichkeit, die Schäuble durch den Verlauf der Konferenz nähergerückt sah, wie er in der «taz» vor der letzten von ihm geleiteten Sitzung der Konferenz am 25. Juni 2009 berichtet hatte: «Ditib-Vertreter lösen sich ein Stück weit, sie werden selbstständiger. Das geht voran.» Zufrieden verbuchte er den Zinsertrag seines goldenen Wortes: «Meine Äußerung, dass der Islam Teil Deutschlands ist, die ist angekommen. Das merke ich an den Reaktionen der Menschen. Die haben mitgekriegt, dass wir uns bemühen.» In der Regierungserklärung von 2006 hatte Schäuble die islamische Teilgeschichte Deutschlands erst in der Gegenwart beginnen lassen. Nach drei Jahren Islamkonferenz war die Zeit reif für die Ergänzung seiner damaligen Aussage, der Islam sei ein Teil der deutschen Gegenwart und der deutschen Zukunft. Der Islam gehöre zur deutschen Geschichte, erklärte Schäuble auf dem Symposion zur Vorbereitung des Abschlussplenums vor historischer Kulisse: im Reichssaal des Alten Rathauses von Regensburg. Hier hatten Philipp Melanchthon und Johannes Eck disputiert, hier hatte der Immerwährende Reichstag beraten, dessen Spielregeln der Grundtatsache der neueren deutschen Verfassungsgeschichte Rechnung trugen: der beim besten Willen und mit größtem Scharfsinn nicht wegzudisputierenden konfessionellen Pluralität.

Schäuble hat unbeirrt an der Überzeugung festgehalten, dass das deutsche Staatskirchenrecht den Rahmen bildet, in dem sich auch ein deutscher Islam organisieren kann. Ein Argument für diesen Optimismus ist die Vergesslichkeit, die um sich greift, wenn etwas funktioniert. Man unterschätzt die Leistungen, die das Staatskirchenrecht vollbracht hat, und unterschätzt daher auch, was man ihm noch zutrauen kann. Das Verfassungsrecht des Alten Reiches und das liberale Staatsrecht mit dem Palladium der Bekenntnisfreiheit stifteten politischen Frieden unter Religionsparteien, die keinen Bürgerkrieg mehr gegeneinander führten, aber nicht davon absahen, die eigene Lehre als ewig wahr und die Doktrin der Gegenseite als heillos falsch zu betrachten. Die wechselseitige Verwerfung der christlichen Konfessionen führte zur Ausbildung unterschiedlicher Weltbilder und Lebensformen. Im neunzehnten Jahrhundert, dem Zeitalter der Massenbildung und der Verwissenschaftlichung aller Verhältnisse, wurden diese Unterschiede systematisiert und zugespitzt – auf beiden Seiten. Und tatsächlich lebten Protestanten und Katholiken in getrennten Welten mit eigenen Schulen, Parteipräferenzen und Lieblingsdichtern. Wie tief dieser Riss einmal ging, ist dem allgemeinen Bewusstsein – halb ökumenisch, halb indifferent – weithin entschwunden. Aber dieses Verblassen des Konfessionsgegensatzes ist erst ein Phänomen der Nachkriegsgeschichte, in der es zunächst noch einmal heftige Konfessionskämpfe gab, vor allem in der Schulpolitik. Schäuble hat in der Welt seiner badischen Kindheit und Jugend die Schroffheit des konfessionellen Antagonismus noch erlebt. Sein katholischer Vater wurde von den Sakramenten ausgeschlossen, weil er zugelassen hatte, dass die Kinder evangelisch getauft wurden. Als die CDU ihn Ende der vierziger Jahre als Bürgermeisterkandidaten in einer Kleinstadt aufstellte, intervenierte das Erzbischöfliche Ordinariat. Der evangelische Minister aus konfessionsverschiedener Ehe hat es gelegentlich als Vorteil Deutschlands gegenüber konfessionell einfarbigen Nationen beschrieben, dass hier religionspolitische Lösungen unter Bedingungen der Parität gefunden werden mussten.

Das deutsche Modell lädt die Religionsgemeinschaften ein, ihre Überzeugungen in der Öffentlichkeit sichtbar und hörbar zu machen, auch im Innenraum der staatlichen Institutionen wie Schule und Militär. Die Erwartung, dass sich im Gegenzug diese Überzeugungen unter dem Einfluss der Verkündigung in einem säkularen Kontext zwar nicht im dogmatischen Kern verändern, aber doch in Aspekten anpassen und wandeln, die für das alltägliche Zusammenleben mit Andersgläubigen entscheidend sind, wird von klugen Politikern nur andeutungsweise angesprochen. Ein staatliches Programm religiöser Aufklärung müsste die Glaubensfreiheit tangieren. Die Erziehung des Menschengeschlechts bleibt angewiesen auf die Eigendynamik von Verhältnissen der freimütigen Diskussion und des zivilen Umgangs. Das liberale Kalkül, dass die Gewöhnung an Pluralität in der Kooperation mit dem Staat auf das Innenleben der Religionsgemeinschaften zurückwirkt, wird von Erfahrungswerten gestützt. Die Aufhebung der theologischen Fakultäten an den staatlichen Universitäten wird nicht nur von Laizisten gefordert. Von Zeit zu Zeit lassen sich einzelne katholische Bischöfe zum Spiel mit diesem Gedanken hinreißen, aus Sorge um die Reinheit der Lehre. Aber würde sich eine kirchliche Theologie, die in der Abgrenzung von einer korrupten Außenwelt ihre Identität sähe, nicht erst recht in die intellektuelle Abhängigkeit vom Gegner begeben? Vor entsprechenden Fragen werden auch die Muslime stehen, an die der Staat die Einladung richtet, sich so weit zu organisieren, dass sie an der Auswahl von Professoren der islamischen Theologie beteiligt werden können.

Der Satz vom Islam als Teil Deutschlands sagt nicht, was aus dem neuen konfessionellen Mischungsverhältnis folgt. Er setzt lediglich voraus, dass es nicht folgenlos bleiben wird. Gegenüber den dogmatischen Hygienikern aller Bekenntnisse ist der Satz in robuster Weise neutral. Den Christen, die damit zurechtkommen müssen, dass sie sich den öffentlichen Raum mit Muslimen teilen, kann der Staat nicht helfen. Wenn die Islamisierung Deutschlands unterbleibt oder die Eindeutschung des Islam gelingt, dann wird das ein Ergebnis gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sein, zu dem Warnungen und Wünsche des Bundesinnenministers kaum etwas beigetragen haben werden. So stieß Schäubles bei jeder Gelegenheit bekräftigter Satz in der Öffentlichkeit nur auf vereinzelten Widerspruch. Um ihn zu bestreiten, hätte man Deutschland zum christlichen Staat erklären müssen. Doch diese Position des romantischen Konservatismus ist seit der Emanzipation der Juden obsolet. Warum rief Bundespräsident Wulff dann mit dem Satz, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, einen Sturm der Entrüstung hervor? An den Bundespräsidenten richten sich andere Erwartungen als an den Bundesinnenminister. Die Islamkonferenz wurde mit einem sicherheitspolitischen Zweck gerechtfertigt. Schäuble wollte den Muslimen Gründe nehmen, dem Staat nicht zu vertrauen, um Extremisten das Geschäft zu erschweren. Rhetorische Gesten des guten Willens mochten auch nach Meinung von Leuten, die den Islam für undeutsch hielten, in diesem Kontext ihren begrenzten Sinn haben. Während Innenminister die Lage so schildern, wie sie ist, bisweilen vielleicht notgedrungen etwas schönfärberisch, soll der Bundespräsident die öffentlichen Dinge so beschreiben, wie sie sein sollen. Der Satz «Auch der Islam gehört zu Deutschland» wurde als normativer Satz verstanden, als Aufforderung an die Bürger, Muslimen in jeder erdenklichen Weise entgegenzukommen, weil es die Pflicht des Präsidenten ist, Worte für die Ideale der Bürgerschaft zu finden. Die «Bild»-Zeitung gab dem Artikel, in dem sie Protestbriefe an Wulff dokumentierte, die Überschrift: «Warum hofieren Sie den Islam so, Herr Präsident?»

Die Schlagzeile war ein Geniestreich der professionellen Tücke. Sie gab dem Zorn, dessen Zeugnisse die Redaktion auf den Internetseiten des Präsidialamts gesammelt hatte, eine politische Richtung, indem sie nahelegte, der Präsident sei aus der Rolle gefallen. Das Staatsoberhaupt unserer Republik ist aufs Repräsentative beschränkt. Der eigentliche Sinn seiner Äußerungen liegt im Symbolischen. Insofern gelten für den Bundespräsidenten noch die Verhaltensregeln der höfischen Gesellschaft. Wenn Wulff den Islam hofiert hatte, dann hatte er seine um der Würde der Republik willen herausgehobene Stellung freiwillig eingetauscht gegen die Position des Höflings, eines unterwürfigen, jämmerlichen Bittstellers – gegenüber einer illegitimen, fremden und abergläubischen Macht. Mit einer Ergebenheitsadresse an die Muslime hatte er die Souveränität Deutschlands weggeschenkt. Die Politiker haben es heute mit einer neuen Öffentlichkeit zu tun. In Internetforen ballt sich der Unmut von Zeitgenossen, die sich als Betrogene und Ausgeschlossene definieren, weil ihnen der Gang der Dinge nicht passt. Sie sind jederzeit bereit, die politische Ordnung für illegitim zu erklären, und beziehen in ihr Verdikt, der Mehrheitswille werde von korrupten Eliten sabotiert, den professionellen Journalismus ein, im Jargon: die Mainstream-Medien, kurz MSM. Ein Lieblingsbild für die Verkehrtheit der Verhältnisse ist der Kotau der Mächtigen vor den Gewalten einer sinistren Hinterwelt. Indem Deutschlands meistgelesene Zeitung Wulff mit der Anklage konfrontierte, er habe den Islam hofiert, machte sie sich den Verdacht zu eigen, das Gemeinwohl sei bei seinen gesetzlichen Sachwaltern in den falschen Händen. Durch sein unkluges Agieren bei der arbeitsrechtlichen Behandlung des Falls Sarrazin hatte Wulff tatsächlich Zweifel an der Objektivität seiner Amtsführung geweckt. Von Anfang an spielte die «Bild»-Zeitung in dieser Affäre, deren Dynamik die Aufnahme von Wulffs Bremer Rede bestimmte, eine maßgebliche Rolle.

Sloterdijks Manifest

Thilo Sarrazin, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, hatte schon im Herbst 2009 für einen Skandal gesorgt, als er in einem Interview die große Mehrheit der türkischen Einwanderer in Deutschland als wirtschaftlich nutzlosen moralischen Fremdkörper beschrieb und eine Umstellung der Sozialpolitik nach Erkenntnissen der Vererbungslehre forderte. Einige Formulierungen, über Gemüsehändler und Kopftuchmädchen, wurden schnell zu geflügelten Worten. Das Interview erschien in einem Berlin-Heft von «Lettre International». Diese Kulturzeitschrift bringt auf sehr großen Seiten sehr viel Text in sehr kleinen Buchstaben unter. Scheinbar ist sie in allem das Gegenteil der «Bild»-Zeitung. In einer anderen Kulturzeitschrift, die nicht ganz so lange Texte auf teurerem Papier druckt, dem «Cicero», veröffentlichte Peter Sloterdijk im November 2009 ein «bürgerliches Manifest». Aus philosophischer Einsicht in den Stand des historischen Prozesses leitete Sloterdijk die «objektive Aufgabe» der aus den Bundestagswahlen hervorgegangenen Regierung von Union und FDP ab. Der Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe verlangte einen Neuanfang der Gefühlshaushaltspolitik: Die «Balance zwischen den Primäraffekten der menschlichen Seele, den gierartigen Regungen auf der einen Seite, den stolzartigen Regungen auf der anderen, griechisch gesprochen: das Wechselspiel von Eros und Thymos», sei in Deutschland «völlig verloren gegangen». Die Koalition habe daher die Pflicht, «dafür zu sorgen, dass der Leistungsträgerkern der deutschen Population sich in Zukunft nicht nur fiskalisch mitgenommen, sondern endlich auch politisch, sozial und kulturell gewürdigt weiß». Sloterdijk kümmerte sich auch um die Bedingungen der Möglichkeit der Aufgabenerledigung. Seinen Meinungen etwa über die Wünschbarkeit einer Umstellung der Gemeinwohlfinanzierung von erzwungenen Abgaben auf freiwillige Gaben stellte er eine Skizze der Landschaft voran, in die er diese Meinungen pflanzte. Und mitten in dieser Landschaft lag ein erschlagener Riese, von Zwergen zur Strecke gebracht, Thilo Sarrazin.

Die oberste Priorität von Sloterdijks philosophischer Politik war der Meinungsklimawandel. Leistungsträgerkerngeschäft: das Agenda-Setting. Sloterdijk begrüßte sein Publikum mit einem Grundkurs in Objektivität. Geschmeichelt erfuhr der «Cicero»-Leser, dass es sich dabei um eine kulturelle Errungenschaft der europäischen Nationen handele. Die Probephase habe im frühen achtzehnten Jahrhundert begonnen. Das Experiment des objektiven Blicks ist der spielerische Rollentausch. Was sieht man, wenn man sich versuchsweise im Geiste mit den Augen der anderen betrachtet? Der Baron de Montesquieu erfand zwei persische Edelleute, die er in Briefen über ihre Bildungsreise durch das Abendland berichten ließ. Der aufklärerische Witz der «Persischen Briefe»: Den Besuchern aus dem Orient ist die christliche Leitkultur, das in diesen Breiten mehr oder weniger fraglos Gültige, gerade nicht selbstverständlich. Sloterdijk wünschte sich eine Aktualisierung des Klassikers. «Es ist höchste Zeit, scheint mir, wieder einmal die Perser einzuladen, damit sie einen verfremdenden Blick auf die Zustände in unserem Land werfen.»

Montesquieus muslimische Kulturtouristen, daheim im rationalen Gebäude ihres strengen Eingottglaubens, erzählen beispielsweise amüsiert von den intellektuellen Umgangsformen der christlichen Derwische, der Mönche. Lässt man sich mit ihnen auf einen theologischen Disput ein, erreicht man irgendwann immer den Punkt, an dem sie kein Argument mehr vorbringen, sondern auf die unfehlbare Auskunft ihres obersten Priesters verweisen. Welche kuriosen Gebräuche müssten den Grübelpersern befremdlich erscheinen, die Sloterdijk gerne einladen würde? «Was den von außen kommenden Beobachtern unserer Verhältnisse sicher am stärksten ins Auge springen würde, obschon es für uns durch seine Alltäglichkeit fast unsichtbar geworden ist: Wir haben uns – unter dem Deckmantel der Redefreiheit und der unbehinderten Meinungsäußerung – in einem System der Unterwürfigkeit, besser gesagt: der organisierten sprachlichen und gedanklichen Feigheit eingerichtet, das praktisch das ganze soziale Feld von oben bis unten paralysiert.»

Der klassische Topos für die im Alltag evident werdende Kontingenz der Sitten sind die Reinheitsvorschriften. Diskret auf das Leitmotiv der ethnologischen Komparatistik anspielend, wählte Sloterdijk für die Tyrannei der herrschenden Meinung das Bild eines Hygieneregimes, in dem sich die praktischen Verheißungen der aufgeklärten Wissenschaft vom Menschen als Fluch totaler Kontrolle erfüllt haben. «Unsere sogenannte ‹Öffentlichkeit›, der politisch-publizistische Raum, die Sphäre der vorgesagten und nachgesagten Meinungen ist auf eine Weise durchsterilisiert und homogenisiert, dass man meinen möchte, fast alle, die bei uns öffentlich das Wort nehmen, kämen geradewegs aus dem Desinfektionsbad.» Montesquieu legte seine Kritik des geistlich-politischen Komplexes, der die Zivilisation Europas geprägt hatte, Ungläubigen aus dem Morgenland in den Mund, weil im konfessionellen Staat der französischen Monarchie, der nach einhelliger Auffassung der Zeitgenossen den Gipfelpunkt der Kulturentwicklung bildete, die Zensur herrschte. Die Überwachung aller Lebensäußerungen ist sozusagen das unsichtbare Hauptthema der fiktiven Reisebeschreibung, die politische Bedingung, die das Unnatürliche der französischen und katholischen Einrichtungen erklärt. Was die literarische Form betrifft, ging Sloterdijks Nachahmung Rousseaus also perfekt auf. Das aufgeklärte politische Denken hat den orientalischen Despotismus als Gegenbild zur westlichen Freiheit erfunden. Montesquieu analysiert ihn in seinem anderen Klassiker, dem «Geist der Gesetze». Als eine solche Despotie, geistig schlaff und eben deshalb grausam, malte sich Sloterdijk nun jene verborgene Tyrannis aus, die liberale Selbstkritik seit John Stuart Mill immer wieder hinter der scheinbar herrschaftsfreien Kommunikation im Reich der öffentlichen Meinung vermutet hat.

Sogar einen leibhaftigen Despoten wie aus dem Bilderbuch des Orientalismus holte er ins Bild, den Sultan Helmut Kohl. Nun hat Kohl ja, wenn die Erinnerung nicht trügt, wenigstens bis 1990 gegen die öffentliche Meinung oder jedenfalls deren Wortführer regiert, deren Tyrannis somit vielleicht doch zu virtuell blieb. Aber die Indolenz, die Sloterdijk wie weiland Karl Heinz Bohrer der Gestalt Kohls ablas, wurde bei diesem virtuosen Arrangeur von Reizvokabelpanoramen zur Metapher für die Feigheit der politischen Debatte. Schon «durch seine markant formlose Physis» habe Kohl den «Zeitgeist des finalen Konsumismus prophetisch» verkörpert. Der Konsumterror hatte laut Sloterdijk inzwischen auch das öffentliche Reden lahmgelegt: Originelle Gedanken wurden nicht mehr produziert oder fanden jedenfalls keine Abnehmer, Meinungsbesitzer genossen das, was sie schon x-mal zu sich genommen und von sich gegeben hatten. Die ironische Pointe des Prospekts, mit dem Sloterdijk für seine Neupersischen Briefe warb, hatte die Bündigkeit aller aufklärerischen Wahrheiten. «Die Perser würden glauben, sie entdeckten auf fremdem Boden orientalische Verhältnisse wieder.»

Aber würden sie das wirklich glauben? Hätten sie wirklich im Hotelzimmer vor «Anne Will» und «Beckmann», bei der Frühstückslektüre von Tageszeitungen, «Spiegel» und vielleicht sogar «Cicero» dieses Déjà-vu? Man nehme Peter Sloterdijks Herausforderung unserer Phantasie an und stelle sich zwei junge Herren vor, die der antiwestlichen Propaganda nicht trauen und mit eigenen Augen sehen wollen, wie wir hier leben. Mit Sicherheit benutzen sie das Internet, wenn der Zugang nicht blockiert ist. Aber auch wenn sie über die technische und geistige Ausrüstung für Weltbürger verfügen, sind sie, wenn wir von ihrem Besuch etwas haben sollen, nicht restlos verwestlicht. In ihrer Seele sind die gierartigen und die stolzartigen Affekte noch im Gleichgewicht. Wenn sie den Mund aufmachen, dann flattern nicht nur die Figuren der von Sloterdijk verabscheuten Mangelrhetorik heraus. Sie reden nicht nur wie die Deutschen «vom Fehlen, vom Brauchen, vom Nicht-Haben und vom Beantragen», auch wenn sie vielleicht mit einem Stipendium in Deutschland sind und für ihre Forschungen über das deutsche Selbstwertgefühl noch eine Anschlussfinanzierung suchen. Sie haben noch ein Empfinden für den Stolz, die Ehre, die Großzügigkeit, das Haben und Schenken, und so wissen sie auch, was sie an ihrem Heimatland haben. Aber wenn sie, wie ihre Vorfahren bei Montesquieu, keine Fanatiker sind, dann wissen sie auch, was ihre Heimat für ein Land ist.

Auf dem Boden des klassischen Persien liegt heute die Islamische Republik Iran. Monat für Monat gibt es Meldungen von dort, dass Journalisten und Blogger verhaftet worden sind. Manche können froh sein, wenn sie vor Gericht gestellt werden. Dann wissen ihre Angehörigen und Freunde wenigstens, wo sie sind. Wer sich als Intellektueller kritisch über das klerikal-militärische Regime äußert, der muss nicht nur mit Repressalien der Behörden rechnen. Es kann auch sein, dass ein Prediger einen Mob vorbeischickt, der ihm die Scheiben einwirft. Junge Iraner aus guter Familie, die unter diesen finsteren Verhältnissen an der Möglichkeit der Aufklärung noch nicht verzweifelt sind: Wird ihnen auf deutschem Boden als erstes in den Sinn kommen, dass man hier seine Meinung nicht frei sagen darf? Setzt denn, wer sich dem System der Unterwürfigkeit nicht fügen will und den Mut zum offenen Wort hat, auch in Deutschland seine Existenz aufs Spiel?

So sagte es Sloterdijk in seinen Anmerkungen zum «entlarvenden Vorgang» um das «Lettre»-Interview mit Thilo Sarrazin. Entlarvt hatte sich in den Augen des Philosophen natürlich die Gesellschaft der Feiglinge, nicht der frühere Berliner Finanzsenator, der endlich einmal ausgesprochen hatte, dass türkische Wärmestuben die Berliner Wirtschaft nicht voranbrächten. Die philosophische Quintessenz der Causa Sarrazin: «Auf Wahrheit soll künftig die Höchststrafe stehen: Existenzvernichtung.» Selbst wenn man zugesteht, dass hier nicht von der physischen, sondern von der sozialen Existenz die Rede ist, sprengt die Figur des Märtyrers der Wahrheit jede Diskussion, in der man mit dem Autor über seine Einschätzung und deren Gründe streiten könnte. Wir haben es hier gar nicht mit einem Argument zu tun, sondern mit einem rhetorischen Mittel, vergleichbar jenem allerdings dogmatisch begründeten und kirchenrechtlich beschränkten Rekurs auf die päpstliche Unfehlbarkeit, der Montesquieus Perser beim Religionsgespräch im Kloster verblüffte. Nach erschöpfender Erörterung rationaler Rekonstruktionen des Dogmas scheiden sich an der Autorität der Kirche Katholiken und Nichtkatholiken. So wurde die von Thilo Sarrazin angeblich ausgesprochene Wahrheit beglaubigt durch die Legende, er sei dadurch in seiner Existenz bedroht gewesen, dass er öffentliche Kritik aus vielen Richtungen ertragen musste sowie eine Rüge seines Vorgesetzten und Anträge auf Ausschluss aus seiner Partei. Auch andere Verteidiger Sarrazins haben behauptet, in Sarrazins Passion kulminiere eine Tendenz der Öffentlichkeit, die Zustellung unerwünschter Botschaften mit dem sozialen Tod zu bestrafen. Doch wer sind die Opfer dieses Tugendterrorismus, welche Namen müssten in ein Mahnmal gemeißelt werden?

Denunziationen eines Redemachtmonopols, hinter dem sich die Feigheit von Volksfeinden verschanze, liefen früher nur in rechtsradikalen Kreisen um. Sloterdijk verlieh ihnen starphilosophische Weihen. Dass jedes Wort im Zusammenhang der Erinnerung an den Holocaust mit besonderem Bedacht gewählt sein will, gilt den Feinden der Bundesrepublik auf der Rechten seit jeher als verräterisches Signum ihrer Unfreiheit. Aber dass man im bürgerlichen Leben auf den Ton der eigenen Äußerungen achtet, zumal dann, wenn man nicht alle Adressaten persönlich kennt, bezeichnet das Zivile an der zivilisierten Kommunikation. Man muss bei jedem Thema darauf gefasst sein, dass die Schicklichkeit einem nahelegt, nicht von jeder rechtlich gegebenen Möglichkeit der Meinungsäußerung, das heißt der Adressierung, Akzentuierung und vor allem der Lautstärke, tatsächlich auch Gebrauch zu machen. Die Gegenstände der NS-Vergangenheit und des Verhältnisses von Deutschen und Juden bezeichnen insoweit gar keine Ausnahme.

Die Sarrazin-Legende

Das gehört jetzt aber nicht hierher: ein alltäglicher Einwurf in einer beliebigen Diskussion. Das gehört sich nicht: ein weniger alltäglicher, aber immer noch normaler Anwurf. Stillschweigend ist immer zu ergänzen: Das gehört sich jetzt und hier nicht, zu dieser Zeit, vor diesem Publikum, in diesem Forum, im Nachmittagsprogramm, in einem Saal voller Krebskranker, im Bundestag. Gewöhnlich braucht man nur zu sagen: Das gehört sich nicht; in welchem Forum die Diskussion stattfindet, ist allen Beteiligten bekannt. Der Gebrauch dieses Arguments setzt selbst wiederum moralische Klugheit voraus: Es zielt auf die Person des Angesprochenen und exponiert daher auch die Person des Sprechers. Wer bestimmte Argumente, Tonfälle, Zungenschläge als unpassend qualifiziert, setzt sich immer dem Risiko aus, als Spießer, Spielverderber und Sprachpolizist dazustehen. Er kann sich die Antwort einfangen: Gerade dieses drastische Wort oder Bild ist erst recht am Platz.

Die gesetzlichen Monarchien des Abendlands unterscheiden sich vom orientalischen Despotismus dadurch, dass der Untertan sich vom schlecht informierten König an den besser zu informierenden König wenden kann. Man unterstellt, der König habe gar nicht gewusst, welchen Willkürakt er da anordnete, sei schlecht beraten gewesen und könne sich ohne Gesichtsverlust korrigieren. Nach diesem Modell wird noch heute in jedem demokratischen Streit der kränkende Effekt moralischer Urteile neutralisiert. Man appelliert, wenn man zu verstehen geben will, etwas wäre besser ungesagt geblieben, vom unvorsichtigen an den einsichtsfähigen Mitbürger und Mitherrscher. Solche Rügen geben zu verstehen: Das haben Sie doch nicht so gemeint! Das können Sie doch nicht ernsthaft gesagt haben wollen! Die Person, die sich den Fehltritt vorhalten lassen muss, bekommt die Gelegenheit, sich mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Im Englischen drückt den Umstand, dass es kein ziviles Zusammenleben ohne Sprachregelungen gibt, das klare Wort von der «polite society» aus. Es gibt Wörter, die man «in polite society» nicht in den Mund nimmt. Die friedliche Gesellschaft ist eben die höfliche. Den Achtundsechzigern wird gerne vorgeworfen, sie hätten der Höflichkeit den Garaus gemacht und die Entzivilisierung, deren Fanale sie im Hörsaal setzten, in den Alltag hinübergetragen. Wie viel Zuspruch Sarrazin in den Kreisen gefunden hat, in denen der Vorwurf zirkuliert, das ist eine Ironie der Geschichte, die wenig froh stimmen kann.

Bedenklich nannte es Alan Posener im Dezember 2009 in der «Welt», dass ein bürgerliches Publikum auf einmal Geschmack an der Regelverletzung fand. Es applaudierte dem Bundesbankvorstand, der auf Zuwanderer schimpfte, und dem Hochschulrektor, der gegen die Kleptokratie des Fiskus wetterte. Posener sah sich zu einer Apologie der politischen Korrektheit veranlasst. Was unter diesem Namen attackiert werde, seien die Anstandsregeln des zivilisierten Umgangs. Sarrazin und Sloterdijk hätten überhaupt nichts Neues, aus der politischen Debatte Ausgeschlossenes zur Sprache gebracht. «Dass die Steuer- und Abgabenlast für die Mittelschicht zu groß, die Integration von Einwanderern nicht leicht und das Entstehen eines von Sozialhilfe abhängigen Subproletariats für das Gemeinwesen fatal ist, wird ja von niemandem bestritten. Der Beifall gilt gerade der Emphase; dem Gestus des Aufstands; den Übertreibungen und Geschmacklosigkeiten – eben dem Angriff auf den Anstand.»

Der erzaufklärerische Historiker Edward Gibbon wollte das Christentum diskreditieren, indem er aus den Quellen nachwies, dass viel weniger Christen auf Befehl der Kaiser umgebracht worden seien als in der hagiographischen Überlieferung behauptet. Doch durch Quellenkritik war nicht zu revidieren, dass der Glaube die Märtyrer gemacht hatte, was immer auch in der Arena geschehen sein mochte. Auch um Sarrazin bildete sich schon nach dem «Lettre»-Interview in erstaunlicher Schnelligkeit eine Gemeinde. Seine frühere, eigentlich rein lokale Beliebtheit hatte damit fast nichts zu tun: der berlintypische bunte Vogel, hier die Krähe, die allen anderen Krähen die Augen aushackt. Auf einem Altarbild müsste man den heiligen Thilo mit der Zunge in der Hand darstellen, die die Folterer ihm abgeschnitten haben. Nicht dass er wirklich verstummt wäre!

Peter Sloterdijk musste sich dumm stellen, um die Behauptung in die Welt zu setzen, Sarrazin habe wegen freimütigen Gebrauchs der Redefreiheit die Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz fürchten müssen. Als Mitglied des Bundesbankvorstands war Sarrazin nun einmal mehr als ein Meinungsbesitzer, wurde nicht wie ein Philosophieprofessor nur fürs Meinen bezahlt. Mit einem Jahr Verzögerung trat, von Sarrazin selbst provoziert, der schlimmste Fall ein: Der ohnehin bevorstehende Ruhestand ereilte ihn ein klein wenig früher. Aber wenn es darum ging, die Wahrheit in Umlauf zu bringen: Musste das nach den Maßstäben Sloterdijks, des Philosophen der verschwenderischen Gabe, nicht einen Abstrich an der Pension wert sein? Und wie sollte der Bund der Feiglinge die Markteinführung dieser Wahrheit mit Existenzvernichtung bestrafen können, wenn auf dieselbe Wahrheit schon Existenzen gegründet worden sind? Necla Kelek ist das sogar ohne ein Existenzgründerdarlehen gelungen, wie es der Gemüsehändler bekommt. Sarrazins Kritiker haben ihm nicht die Meinungsfreiheit abgesprochen, die nach Artikel 5 des Grundgesetzes jedermann zusteht. Es liegt bloß in der Natur dieses Grundrechts, dass sein Gebrauch sehr häufig in der impliziten und expliziten Kritik des Gebrauchs besteht, den ein anderer von ihm macht. Inwieweit aus Sarrazins Amtspflichten in der Bundesbank folgte, dass er sich Zurückhaltung im Gebrauch seiner staatsbürgerlichen Rechte aus Artikel 5 aufzuerlegen hatte, war eine dienstrechtliche Frage, die bei einem Staatsunternehmen dieser symbolischen Bedeutung allerdings die Öffentlichkeit anging.

Die meisten derer, die für Sarrazin zur Feder griffen, würden sich wahrscheinlich als bürgerlich beschreiben, viele wohl auch als konservativ. Es war frappierend, dass diese Verteidiger Sarrazins für ein Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft überhaupt keinen Sinn aufbringen wollten: den Gedanken der Rolle und der aus ihr fließenden formellen und informellen Pflichten. Sarrazin war Mitglied einer Institution und wurde bei allen seinen öffentlichen Einlassungen als Mitglied dieser Institution wahrgenommen. Das konnte eigentlich keinen Politiker, keinen Pfarrer und keinen Zeitungsredakteur überraschen. Ein Recht zur Selbstverwirklichung durch geschäftsschädigende Aussagen wurde dem Bundesbank-Vorständler von Kommentatoren zugesprochen, die in anderem Kontext die Auffassung vertraten, dass die Zurückhaltungspflicht der beamteten Lehrerin bei der Kleidung beginne. Bundesbankpräsident Weber begründete seinen Tadel Sarrazins damit, dass Mitglieder des Vorstands Stellungnahmen zu allgemeinpolitischen Fragen zu unterlassen hätten. Diese Regel setzt die Gewaltenteilung in die Praxis wechselseitiger Rücksichtnahme um: Umgekehrt erwartet die Bundesbank auch, dass die Politik ihr nicht in die Angelegenheiten der Zentralbankgeschäfte hineinredet. Als ungehörig erschienen Sarrazins Vorträge über die Einwanderungspolitik im Lichte der Gesetze der Vererbung also schon aus einem rein formalen Grund, vor jedem Disput über den guten Geschmack.

Weber wurde nun nicht entgegengehalten, er habe sich die Regel ad hoc ausgedacht oder aber es habe über die Jahre immer wieder Ausnahmen gegeben. Stattdessen wurde die Regel der politischen Zurückhaltung der Zentralbankvorstände als willkürliche Beschränkung des demokratischen Schlagabtauschs angegriffen. Dass Anstoß genommen wurde am Stil, in dem sich Sarrazin über die Türken und Araber der Stadt vernehmen ließ, in deren Regierung er gesessen hatte, galt als Eingeständnis der Kritiker, dass sie ihm in der Sache nichts erwidern könnten. Dieses Durchstoßen der Sphäre von Takt und Ton, das höhnische Hinausposaunen des Verdachts, die Mäkelei in Formfragen sei ein Zeichen der Schwäche, ist etwas Neues in der Geschichte der Bundesrepublik. Auf ungute Weise antwortet der Überdruss, mit dem Sarrazins Publikum Kompetenz- und Commentgesichtspunkte quittiert, dem Hochmut, mit dem Sarrazin sich über die Konventionen der öffentlichen Rede hinwegsetzt. Das Kalkül der Grenzüberschreitung trifft zusammen mit dem Rausch der Entgrenzung, dem Erlebnis, endlich einmal ausgesprochen zu hören, was angeblich sonst niemand zu sagen wagt. Als hätte man es nicht schon oft gehört. Als läge der Kick nicht gerade darin, dass man es nicht oft genug hören kann.

Die im «Lettre»-Interview inkriminierten Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissen worden – das war die erwartbare erste Verteidigungslinie der Anwälte Sarrazins. Nicht nur muss aber ein Politiker und Spitzenmanager damit rechnen, dass Sätze aus dem Zusammenhang gelöst und für sich zitiert werden. Sarrazin hatte es offenbar auf eine solche Rezeption angelegt. Er hatte Sätze formuliert, die dazu gemacht waren, losgelöst von ihrem Zusammenhang die Runde zu machen. So hatte er als Berliner Finanzsenator durch provokative Sprüche Freiräume für eine Politik herbeigesprengt, die der Wählerschaft seiner Partei suspekt war. Der Interviewte hat das rhetorische Verfahren, nach dem er die Antworten gestrickt hat, im Interview selbst beschrieben. Diese Äußerung fand kaum Beachtung, weil sie im wenig prickelnden Zusammenhang des Berlin-Marketings fiel. «Die Medien lieben es, wenn Krach ist. Das finden sie toll, und wenn es unterhaltsam ist, auch. Wenn man beides bietet und den Eindruck erweckt, dass man seine Sache versteht, bekommt man mit der Zeit auch für kontroverse Stellungnahmen eine relativ hohe mediale Zustimmung.» Zweifellos hat Sarrazin zum Thema Integration beides geboten, Lärm und Unterhaltung.

Tatsächlich war die mediale Zustimmung zur «Lettre»-Suada, Sloterdijk zum Trotz, als relativ hoch einzustufen. So fand etwa in der beliebten Fernsehsendung «Hart aber fair» von Frank Plasberg die Sarrazin-Debatte am 7. Oktober 2009 unter der Prämisse statt, in der Sache könne man Sarrazin offenkundig nicht ans Zeug flicken, man müsse nun darüber streiten, ob er der Integration durch seine verletzende Wortwahl geschadet habe. Diese Sendung wirbt mit einem «Fakten-Check», dem Tatsachenbehauptungen unterzogen werden, die im Meinungskampf als Waffen dienen. Es war aber schon kein Faktum, dass den Sachaussagen unter den Aussagen Sarrazins vor der Sendung nicht widersprochen worden wäre. Dabei machte er es keineswegs leicht, ihm zu widersprechen. So behauptete er, dass siebzig Prozent der Türken und neunzig Prozent der Araber in Berlin vom Staat lebten und den Staat ablehnten. Die Zahl der Transferempfänger lässt sich errechnen. Aber woraus hatte Sarrazin auf die hunderttausendfache innere Tatsache der Ablehnung des Staates durch sieben von zehn Berliner Türken geschlossen? Des Rätsels Lösung stand im März 2010 in der «Süddeutschen Zeitung». Freimütig erläuterte Sarrazin, damals in der Bundesbank noch für die Geschäftsbereiche Risiko-Controlling und Informationstechnologie zuständig, seine Methode der Produktion statistischer Evidenz: Wenn man keine Zahl hat, muss «man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch».

Ein kurioses Bild ergab die Zusammenschau der bildungspolitischen Ausführungen des Interviews. Zunächst entfaltete Sarrazin eine Stufentheorie der Integration. «Die erste Vorstufe ist, dass man Deutsch lernt, die zweite, dass man vernünftig durch die Grundschule kommt, die dritte, dass man aufs Gymnasium geht, dort Examen macht und studiert.» Das war sozialdemokratische Bildungspolitik in Reinkultur, der bürgerliche Neuhumanismus als demokratische Utopie. Vollständig integriert ist der Akademiker, der ganze Mensch hat Abitur. Als integrationspolitisches Programm verlangt diese Vision, dass Abiturientenzahlen und Studierquote auf dem gegenwärtigen Niveau bleiben oder sogar weiter in die Höhe getrieben werden. Überrascht stieß man zwei Seiten später auf die Forderung Sarrazins, «unsere Massenuniversitäten» sollten «nicht weiter massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben». Man müsse die Studentenzahlen senken und «die Universitäten von Massenbewältigung auf Qualität umtrimmen». Der Widerspruch löste sich auf, wenn man bemerkte, dass Sarrazin hier von den Berliner Universitäten sprach. Doch wenn man diese eine Äußerung ihrem Zusammenhang wieder einfügte, wurde das Gesamtbild erst recht bizarr. Sarrazin stellte sich also vor, dass überall im Land die Massenuniversitäten massenweise integrierte Ingenieure produzieren sollten und vielleicht auch ein paar Volkswirte und Soziologen, dass aber die drei Berliner Universitäten in hochselektive Eliteschulen umzuwandeln seien.

Der Schattenriss eines Traumbildes zeichnete sich hier ab: das Phantasma einer durch administrative Maßnahmen herbeigeführten ethnischen Sauberkeit. Der Bevölkerungspolitiker, der uns im «Lettre»-Interview unter Verweis auf das angeblich unbestrittene Wissen der Wissenschaft über die Vererbung der Intelligenz und die Verdummung der Großstädte belehrte, ist besessen von der Idee, dass unproduktive Menschen das Bild stören. Berlin soll sich, wie Sarrazin seinem Interviewer Frank Berberich allen Ernstes erklärte, durch Abdrängung der Nichtintegrierten sanieren. «Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. Ich würde einen völlig anderen Ton anschlagen und sagen: Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest sollte woanders hingehen.»

Sarrazin beschwört eine tragisch-heroische Politik, die der Naturgewalt der demographischen Entwicklung schmalste Spielräume abringt. Wie der auf Weltuntergangspanoramabilder spezialisierte romantische Maler John Martin findet er seine Motive in der gesamten Menschheitsüberlieferung. Das Grundmodell des Menschenmaterialverfalls vor erhaben gleichgültiger Naturkulisse skizzierte er im Gespräch mit Henryk M. Broder am Beispiel der Gegend, in der ihm als Wehrdienstleistendem 1965 aufgefallen war, dass die Mädchen dort anders als im Ruhrgebiet fast alle blond waren. «Die Natur kennt kein Vakuum. Menschen werden in der norddeutschen Tiefebene immer leben. Die Infrastruktur ist gut, das Klima ist angenehm. Fragt sich nur: Wer. Und das ist wie bei Wasser, es fließt immer bergab. Außer man baut Staudämme.» Zu dem von Alexander Demandt und Niall Ferguson wiederbelebten Genre der kontrafaktischen Historie steuerte Sarrazin im gleichen Interview die kürzeste alternative Geschichte Amerikas bei: «Hätten die Indianer eine strikte Einwanderungspolitik betrieben und jeden Weißen unverzüglich wieder ins Meer geworfen, dann stünde es heute anders um die indianischen Nationen.»

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Prämissen kann man die Ordnungsidee einer durch Umsiedlungsmaßnahmen verbesserten Bildungsstatistik nur wahnhaft nennen. Sarrazin, der Fachmann der Zahlen und Veteran sozialdemokratischer Globalsteuerungsdebatten, hat sich einem eugenischen Pessimismus ergeben, der schon vor hundert Jahren große Teile gerade des aufgeklärten, wissenschaftsgläubigen Bürgertums im Griff hatte. Mit dem Wandel der moralischen Mode sind die Rollen neu verteilt worden, das Textbuch ist das gleiche. Damals hatte man in den gutbürgerlichen Kreisen Angst vor den Geburtenraten der Proletarier und der Ostjuden, heute wird die Araberin als Muttertier karikiert, das in einem fort Mädchen wirft, während es Sarrazin «gefallen» würde, wenn statt der Türken «osteuropäische Juden» kämen «mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung». Frank Schirrmacher hat Sarrazin den «Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft» genannt. In «Deutschland schafft sich ab» kündigt sich die moralische Wende an, vor der Schirrmacher in seinem Buch «Das Methusalem-Komplott» gewarnt hatte. «Sarrazin argumentiert aus einer Position der Verzweiflung heraus. Die demographischen Prozesse sind so träge, dass die Transformation unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten ist.» Das pessimistische Weltbild dieser Biopolitik erklärt das Aggressive von Sarrazins Rhetorik. Die Wenigen, die überhaupt zu erreichen sind, müssen unbedingt mobilisiert werden – und sei es nur, damit sie im Untergang Haltung zeigen.

Einer von Sarrazins Gewährsleuten, der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky, gibt bereitwillig Auskunft darüber, dass er in seinen öffentlichen Interventionen eine Strategie des «shock and awe» verfolgt. Auch er öffnete für einen Reporter der «Süddeutschen Zeitung» den rhetorischen Werkzeugkasten: «Nehmen wir den letzten Aufreger, Versaufen: Ich wusste genau, dass da die Selter hochgeht. Aber das wollte ich. Ich wollte eine Debatte über Kinder in der Unterschicht und den Unsinn des Betreuungsgeldes.» Zufrieden stellte Buschkowsky fest: «Ich habe auf den Pawlowschen Reflex der Öffentlichkeit gesetzt, und es hat funktioniert.» Ausdrücklich also bezeichnete der SPD-Politiker das Einwirken auf die Öffentlichkeit als Konditionierung. Den habermasianischen Idealismus des besseren Arguments, soll das heißen, können wir uns in Neukölln nicht leisten. Buschkowsky, Sarrazin und Sloterdijk beschwören zur Legitimierung ihrer Rhetorik der Zuspitzung eine Situation der präventiven Notwehr. Das Kartell der Meinungsbesitzer rechtfertigt jedes Gegenmittel der Gegenmeinungsbesitzer. Sarrazin kannte, als er sein Interview gab und sein Buch schrieb, seinen Einsatz, sein Risiko und den Gewinn, den er sich versprach: «Man stößt gegen viele Mauern der politischen Korrektheit, aber man merkt, dass der Ton an Deutlichkeit zunimmt.» Wenn Mauern dem Ansturm standhalten, muss man stärkere Geschütze verwenden. Auf jeden Aufreger muss man einen größeren setzen.