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Johanna Pink

Geschichte Ägyptens

Von der Spätantike
bis zur Gegenwart

 

 

 

 

 

 

 

C.H.Beck

 


 

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Zum Buch

Ägypten ist seit dem Mittelalter ein kulturelles Zentrum des islamischen Orients. Johanna Pink erzählt anschaulich die Geschichte des Landes von der Spätantike und der islamischen Eroberung über die glanzvolle Zeit der Fatimiden sowie die osmanische und britische Herrschaft bis zur Selbstständigkeit unter Nasser im 20. Jahrhundert und zum Arabischen Frühling. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der Arabisierung und Islamisierung, der Macht des Militärs und der hart umkämpften gesellschaftlichen Modernisierung.

Über die Autorin

Johanna Pink ist Professorin für Islamwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Inhalt

Vorwort

Einleitung: Das Land am Nil

Erster Teil: Von der Kornkammer Roms zum Kalifat

1. Ägypten als Provinz des Römischen Reiches (30 v. Chr.–639 n. Chr.)

2. Die muslimisch-arabischen Eroberer

3. Von der Provinz zum Emirat (640–969)

4. Arabisierung und Islamisierung

5. Das Kalifat der Fatimiden (969–1171)

6. Landwirtschaft

Zweiter Teil: Die Sultane Ägyptens

1. Die Ayyubiden (1171–1250)

2. Stiftungen, Madrasen und Sufi-Orden

3. Das Sultanat der Mamluken (1250–1517)

4. Sklaverei

Dritter Teil: Osmanische Eroberung und ägyptische Autonomie

1. Ägypten als osmanische Provinz (1517–1798)

2. Juden und Christen

3. Napoleon und das Reich der Khediven (1798–1882)

4. Schnittstellen des Handels: Qūs und Alexandria

Vierter Teil: Im Zeichen britischer Hegemonie

1. Die Briten und ihre zivilisierende Mission (1882–1918)

2. Frauen und Männer

3. Der Weg in die Unabhängigkeit (1919–1952)

4. Die Muslimbruderschaft

Fünfter Teil: Autoritäre Herrschaft und Opposition

1. Die Ära Nasser (1952–1970)

2. Ägypten, Israel und Palästina

3. Sadat, Mubarak und die Wurzeln des Zorns

4. Kairo

5. Arabischer Frühling, ägyptischer Herbst

6. Das Militär

Epilog: Die Idee der ägyptischen Nation

 

Zur Aussprache arabischer Namen und Begriffe

Glossar

Zeittafel

Literatur

Nachweis der Abbildungen und Karten

Personenregister

Ortsregister

Sachregister

Verzeichnis der Karten

Ägypten in der Spätantike

Die Ausdehnung des Ayyubidenreiches unter Saladin

Ägypten zur Zeit der Mamluken

Kairo – Topographie

Kairo – Wachstum und heutige Ausdehnung

Ägypten im 21. Jahrhundert

Vorwort

Im Januar und Februar 2011 gingen Millionen Ägypterinnen und Ägypter auf die Straßen, um einen Diktator zum Rücktritt zu zwingen, der in der westlichen Welt bis dahin vor allem als Stabilitätsgarant wahrgenommen worden war. Der Erfolg dieser Aufstände und die ersten, kurzlebigen Schritte Ägyptens in Richtung Demokratie weckten in Europa ein vorher nicht gekanntes Interesse an Gesellschaft, Religion und Kultur des Landes am Nil. Während jedoch das Ägypten der Pharaonen und Pyramiden einer breiteren Öffentlichkeit hinlänglich präsent ist, sind die mehr als zwei Jahrtausende antiker, spätantiker, christlicher und islamischer ägyptischer Geschichte kaum bekannt.

Zwar wurde bald nach Ausbruch des «Arabischen Frühlings» eine Reihe von Büchern vorgelegt, die sich mit der unmittelbaren Vorgeschichte, den Ursachen und Folgen des Umsturzes befassten, aber es fehlt an einer zugänglichen Geschichte Ägyptens in deutscher Sprache, die erklärt, wie das Land zu einem Teil der arabischen und islamischen Welt geworden ist, welche Rolle es in ihr über Jahrhunderte gespielt hat, wie es sich zu einem modernen Nationalstaat entwickelte und welche politischen, gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Spuren diese Geschichte mit ihren zahlreichen Umbrüchen bis heute hinterlassen hat. Diese Lücke möchte das vorliegende Buch schließen. Es will dabei nicht nur den großen Ereignissen und Personen der ägyptischen Geschichte nachgehen, sondern auch soziale und politische Zusammenhänge nachvollziehen, etwa die Situation nichtmuslimischer Religionsgemeinschaften, die Geschlechterverhältnisse oder die Rolle des mächtigen ägyptischen Militärs. Meine Hoffnung ist, dass dadurch ein informatives, facettenreiches Porträt eines in Geschichte wie Gegenwart faszinierenden Landes entstanden ist.

Mehr als zweitausend Jahre Geschichte auf engem Raum darzustellen ist kein leichtes Unterfangen. Es erfordert die Konzentration auf das Wesentliche, manchmal auch eine bewusste Einengung des Fokus. So ist die Beschränkung auf das Territorium des heutigen Ägypten aus historischer Sicht problematisch, wenn auch leichter zu rechtfertigen als bei vielen anderen heute bestehenden Nationalstaaten. Die geographischen Gegebenheiten hatten zur Folge, dass Ägypten in ungefähr den heutigen Grenzen über weite Strecken seiner Geschichte – nicht bruchlos, aber häufig – eine eigenständige politische oder administrative Einheit gebildet hat. Über lange Zeiträume war es jedoch auch Teil von Staatsgebilden, die das heutige Palästina und Syrien, den Osten des heutigen Libyen oder auch den Sudan mit umfassten. Diese Regionen werden in diesem Buch allerdings nur so weit behandelt, wie es unabdingbar ist, um die Ereignisse in Ägypten zu verstehen.

Der Kürze der Darstellung geschuldet ist auch der weitgehende Verzicht auf die Erörterung von Forschungs- und Quellenfragen. Wenn sich auf der Basis des derzeitigen Forschungsstandes und der bislang ausgewerteten Quellen keine sicheren Aussagen treffen lassen, sieht das Buch von Hypothesen oder Spekulationen ab. Das betrifft insbesondere das schwierige Gebiet der Demographie, zu dem sich für die Zeit bis zum 19. Jahrhundert keine verlässlichen Angaben machen lassen.

Ohne die Anregungen und Hinweise zahlreicher Personen wäre dieses Buch nicht in dieser Form zustande gekommen. Zu besonderem Dank bin ich den Kollegen und Studenten der Abteilung für Islamische Studien in deutscher Sprache der Kairoer Azhar-Universität verpflichtet. Mein Besuch an ihrer Abteilung im Frühjahr 2013 hat mir wertvolle Einblicke in die aktuellen politischen Debatten ermöglicht und mich darin bestärkt, dieses Buch zu schreiben. Ich danke außerdem den Kairoer Studentinnen und Studenten, die im Wintersemester 2013/14 an der Universität Freiburg zu Gast waren und mit denen ich in einem intensiven Seminar spannende Diskussionen über Religion und Politik im heutigen Ägypten führen durfte. Zu danken habe ich auch dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), der diese Besuche und Gegenbesuche großzügig finanziert hat.

In meinem Umfeld an der Universität Freiburg habe ich viel Ermutigung und Unterstützung erfahren. Besonders danken möchte ich Mohamed Megahed für seine engagierte Mitarbeit bei der Übersetzung des Gedichts von Hesham al-Gakh, das Teil des Epilogs ist, sowie Eva Pereira Borgmeyer für die kritische Durchsicht großer Teile des Manuskripts und die mühsame Erstellung des Index; ebenso Ulrich Nolte vom Verlag C.H.Beck für die sorgfältige, entgegenkommende und konstruktive Betreuung.

Die neueren und neuesten Ereignisse in Ägypten sind innerhalb und außerhalb des Landes Gegenstand heftiger politischer und ideologischer Auseinandersetzungen. Ich habe mich um Distanz bemüht – ein Bestreben, das nie ganz erfolgreich sein kann. So sind an einigen Punkten persönliche Deutungen und Bewertungen unvermeidlich. Es sind meine eigenen Deutungen, die allein in meiner Verantwortung liegen.

Johanna Pink

Einleitung

Das Land am Nil

Vor mindestens achttausend Jahren entstanden auf dem Gebiet des heutigen Ägypten sesshafte Kulturen. Sie profitierten davon, dass der Nil das regenarme Gebiet bewässerte und dass er in jährlichen Fluten fruchtbaren Schlamm über das Land verteilte, der Landwirtschaft möglich machte. Der tonhaltige Schlamm konnte auch zur Herstellung von Lehmziegeln für den Häuserbau verwendet werden. Der Fluss ermöglichte zudem Handel zwischen den Städten, die an seinem Lauf entstanden.

Doch nicht nur der Nil begünstigte Handel und Austausch. Ägypten liegt an der Schnittstelle zwischen Afrika und Asien und ist über das Mittelmeer und die Levante mit Europa verbunden. Es hat mittelbaren Zugang zum Atlantik und zum Indischen Ozean. So war es ein Zentrum für wirtschaftlichen und kulturellen Austausch; es war aber auch immer wieder ein Ziel von Eroberern. Assyrer, Perser, Griechen, Römer, Araber, Berber, Türken, Franzosen und britische Kolonialherren – sie alle haben sich für kürzere oder längere Zeit die Herrschaft über das Land am Nil verschafft.

Schon vor Jahrtausenden machte der Flusslauf als Bindeglied es Herrschern möglich, die Gebiete vom Nildelta bis zu den ersten Katarakten auf Höhe des heutigen Assuan-Staudamms – und bisweilen darüber hinaus – zu vereinen. Somit ist Ägypten eines der wenigen Länder der heutigen arabischen Welt, die eine lange Tradition von Staatlichkeit in ungefähr den heutigen Grenzen aufweisen.

Nicht immer jedoch war Ägypten eine Einheit. Historisch besonders bedeutsam ist der Unterschied zwischen Ober- und Unterägypten, der sich bis heute zum Beispiel in unterschiedlichen Varianten des gesprochenen Arabisch ausdrückt. Unterägypten umfasst dabei das Nildelta, also das Gebiet vom heutigen Großraum Kairo bis zum Mittelmeer; Oberägypten, der Saʿīd, liegt flussaufwärts davon und grenzt im Süden, in Assuan, an Nubien. Die nubische Minderheit im äußersten Süden des Landes stellt, ebenso wie die Bewohner der Oasen in der Libyschen Wüste und die Beduinen auf dem Sinai, eine Bevölkerungsgruppe mit eigenen Traditionen und Besonderheiten dar. Doch durch jahrhunderte- oder gar jahrtausendelange Interaktion gab es gleichzeitig so viel Vermischung, dass es kaum möglich ist, klare Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen von Ägyptern und zwischen den Gebieten, in denen sie leben, zu ziehen. Das gilt umso mehr für die großen Städte, die zu allen Zeiten Menschen aus dem ganzen Land, aus weiten Teilen des Mittelmeerraums und daran angrenzender Gebiete anzogen. Ägypten war in seiner Geschichte nicht nur ein Objekt der Eroberung, sondern immer auch ein Ziel von Einwanderung.

Seit um die Wende zum 20. Jahrhundert eine erste Staumauer in Assuan gebaut wurde, gibt es in Ägypten keine Nilfluten mehr; doch ein Blick auf Satellitenbilder genügt, um zu sehen, dass der Fluss nach wie vor das Zentrum und die Lebensader des Landes darstellt. Die Bevölkerung konzentriert sich in einem wenige Kilometer breiten Streifen entlang des Flusses, im Delta und im Fayyūmbecken, das mit dem Niltal verbunden ist. Westlich des Nils erstreckt sich die Libysche Wüste, die nur wenige kleine Oasen aufweist; sie geht ohne geographische Grenzen in die Cyrenaika über, den Osten des heutigen Libyen. Östlich des Nils liegt die Arabische Wüste, die bis an die Küste des Roten Meers reicht. Auch der Sinai, der seit der Pharaonenzeit meist zum Einflussbereich Ägyptens gehörte, ist überwiegend von Wüste und kargen Gebirgslandschaften geprägt. Jenseits der Nilregion sind allenfalls einzelne Gebiete an den Küsten und heutzutage auch die Sueskanalregion besiedelt. Somit ist das Land in seinen heutigen Grenzen zwar dreimal so groß wie Deutschland, doch höchstens vier Prozent der Fläche sind bewohnt. Das bedeutet eine sehr hohe Bevölkerungsdichte auf sehr engem Raum – eine Situation, die sich im Zuge des enormen Bevölkerungswachstums seit der Mitte des 20. Jahrhunderts dramatisch verschärft hat. Hatte das Land damals noch ungefähr zwanzig Millionen Einwohner, so sind es heute mehr als achtzig Millionen. Jedes Jahr werden es einige Millionen mehr, und dies trotz eines deutlichen Rückgangs der Geburtenrate um fast die Hälfte seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Ägypten ist also ein sehr junges Land – ein junges Land mit einer vieltausendjährigen Geschichte.

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Ägypten aus der Luft betrachtet

Erster Teil

Von der Kornkammer Roms zum Kalifat

1. Ägypten als Provinz des Römischen Reiches (30 v. Chr. – 639 n. Chr.)

Als Ägypten um das Jahr 640 von arabisch-muslimischen Truppen erobert wurde, war das Zeitalter der Pyramiden und der pharaonischen Dynastien schon lange vergangen. Das Land war Bestandteil des Oströmischen Reiches und wurde von einer hellenistisch geprägten, christlichen Kultur dominiert.

Nachdem es zwischen dem 6. und dem 4. Jahrhundert v. Chr. zweimal unter persischer Kontrolle gewesen war, marschierte 332 v. Chr. Alexander der Große ein und ersetzte die persische durch eine griechische Herrschaft. In Alexanders Nachfolge etablierte sich in Ägypten die griechisch-stämmige Dynastie der Ptolemäer, die Alexandria zu einem Zentrum hellenistischer Kultur machte. Die Philosophenschule mitsamt ihrer Bibliothek und der Leuchtturm von Alexandria, der zu den sieben Weltwundern gezählt wurde, sicherten der Stadt nachhaltigen Ruhm. Innere Unruhen und dynastische Streitigkeiten schwächten das Ptolemäerreich jedoch im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. zunehmend. Gleichzeitig stieg Rom zur führenden Macht im Mittelmeerraum auf. 30 v. Chr. eroberten römische Truppen schließlich Alexandria; mit Kleopatra starb die letzte Ptolemäerin. Dies war für Ägypten in jeder Hinsicht ein Einschnitt. Die Ptolemäer waren zwar Griechen gewesen, hatten Ägypten aber als autonomen Staat regiert und sich dabei stark an ägyptische Herrschaftstraditionen angepasst; dies hatte in ähnlicher Weise auch für frühere Eroberer, sofern sie längere Zeit im Land präsent waren, gegolten. Mit der römischen Eroberung wurde Ägypten nun zu einer Provinz an der Peripherie eines Weltreiches und damit für ungefähr ein Jahrtausend an den Rand des politischen Geschehens verbannt.

Ägypten sollte vor allem als Kornkammer Roms dienen und erhielt einen Sonderstatus, der das Land von anderen eroberten Gebieten unterschied. Die Provinz unterstand nicht dem Senat, sondern dem Kaiser persönlich, der sie über einen Präfekten regierte. Augustus führte eine strenge Unterscheidung zwischen Römern, urbanen Griechen und Ägyptern ein. Während die Römer die Herrschaftsschicht bildeten und die Griechen einen vergleichsweise privilegierten Status hatten, lag die Hauptlast der Steuerzahlungen und Agrarabgaben auf den Ägyptern. Das führte zu gravierenden Umbrüchen in der Gesellschaft des Landes. Unter den Ptolemäern hatte es eine ägyptische Elite gegeben, die vor allem mit der Priesterschicht verknüpft war, aber auch großen wirtschaftlichen Einfluss hatte. Diese Elite sprach oft sowohl Demotisch – die damals vorherrschende Form der ägyptischen Sprache – als auch Griechisch und vermischte sich zunehmend mit der städtischen griechischen Bevölkerung. Die Römer ordneten nun alle Ägypter einschließlich der bisherigen ägyptischen Eliten und der griechisch-ägyptischen Familien der ägyptischen Unterschicht zu und erließen eine Reihe von Gesetzen, die einen Statuswechsel durch Heirat, Umzug oder Militärdienst unmöglich machen sollten. Lediglich die griechischen und römischen Bürger der drei Provinzhauptstädte – Alexandria an der Mittelmeerküste, Naukratis im Nildelta und Ptolemais in Oberägypten – durften den privilegierten Schichten angehören. Die neue soziale Rangordnung spiegelte sich auch in der Verwaltung wider: Deren Spitze war römisch; die mittleren Segmente der Regionalverwaltung waren von Griechen besetzt; nur niedere lokale Verwaltungsbeamte waren Ägypter. Für die Bauern, die den größten Teil der Bevölkerung stellten, änderte sich durch die römische Herrschaft zunächst recht wenig. Sie litten allerdings in weit stärkerem Maße als die Stadtbewohner unter der Abgabenlast und der Verpflichtung zu Zwangsarbeit oder Sonderabgaben.

Die ägyptische Priesterschaft wurde von den Römern unter staatliche Kontrolle gestellt. Zwar alimentierte der Staat die Priester, beschränkte aber gleichzeitig ihre Zahl und ihre finanziellen Aktivitäten. Damit schuf er eine Priesterschicht, die durch soziale Isolation und Askese gekennzeichnet war.

Die Religion des Alten Ägypten wurde jedoch keineswegs an den Rand gedrängt; die Römer reglementierten sie zwar, förderten sie aber auch. Sie war mit den römischen Kulten ebenso kompatibel, wie sie sich mit der hellenistischen Religion, Kultur und Philosophie hatte vereinbaren lassen. Es gab zahlreiche wechselseitige Einflüsse zwischen ägyptischen und römisch-griechischen Formen der Anbetung und des religiösen Handelns. Besonders deutlich wurde das am Totenkult: Die Praxis der Mumifizierung blieb bestehen, doch die Mumien wurden mit Totenportraits im römischen Stil versehen. Die Götter des Alten Ägypten waren schon in ptolemäischer Zeit zum Teil mit griechischen Gottheiten verschmolzen, neue Götter waren auf diese Weise entstanden. So breitete sich etwa der im Ptolemäerreich begründete Serapiskult in viele Provinzen des Römischen Reiches aus. Römische Kaiser opferten ägyptischen Göttern und ließen sich zu Pharaonen krönen, um die mit dem Herrscheramt – wenn auch nicht mit der Person des Herrschers selbst – verbundene Göttlichkeit zu erwerben.

Das 2. Jahrhundert brachte erste Unruhen mit sich. Eine messianistische jüdische Revolte von 114 bis 117 hatte die fast vollständige Auslöschung der jüdischen Gemeinde Ägyptens für mindestens ein Jahrhundert zur Folge. Noch investierte Rom jedoch in die Provinz. Ein langer Besuch des Kaisers Hadrian in den Jahren 130 und 131 führte zur Gründung der Stadt Antinoupolis im mittleren Oberägypten, die zur vierten griechischen Polis mit privilegiertem Status für die nichtägyptische Bevölkerung wurde. Wenige Jahre später ordnete Hadrian den Bau einer Straße von Antinoupolis zu den Häfen von Myos Hormos und Berenike am Roten Meer an, die vor allem dem Gewürzhandel mit Indien dienen sollte. Hadrian investierte auch in ägyptische Tempelanlagen an verschiedenen Kultorten, eine Tätigkeit, die sein Nachfolger Antoninus Pius (138–161) fortsetzte. Er förderte nicht nur den Tempelbau, sondern ließ in Alexandria auch ein neues Hippodrom und neue Stadttore bauen. Es war die letzte Phase umfangreicher römischer Investitionen in Ägypten und auch der letzte Aufschwung ägyptischer Kultorte.

Zu diesem Zeitpunkt, um die Mitte des 2. Jahrhunderts, war die römische Herrschaft über Ägypten stabil, und die Grenzen waren sicher. Römische Legionäre überwachten die Handelswege und die Steuereintreibung. Ägypten war eine wohlhabende Provinz, die eine bedeutende Rolle in der Agrarproduktion und im Überseehandel bis nach Indien spielte; sie wies ein reges kulturelles und wissenschaftliches Leben auf, und ihre religiösen Institutionen florierten. Die Städte, vor allem Alexandria mit seiner Gelehrtenschule und Bibliothek, erlebten in den ersten zwei Jahrhunderten römischer Herrschaft eine Blüte. Das Land hatte um diese Zeit wahrscheinlich etwa fünf Millionen Einwohner; mehr als ein Zehntel von ihnen dürften Sklaven gewesen sein.

Dennoch zeichneten sich gegen Ende des 2. Jahrhunderts immer mehr Schwierigkeiten für die römische Herrschaft ab. Einer der Bereiche, die davon betroffen waren, war die Landwirtschaft – für die ägyptische Wirtschaft der wichtigste Sektor, weit wichtiger als der Handel oder die Steinbrüche und Mineralminen. Aufgrund der hohen Abgaben und Zwangsleistungen, die der ägyptischen Landbevölkerung auferlegt worden waren, war Landflucht ein anhaltendes Problem, das die Verwaltung vergeblich zu unterbinden versuchte. Da trotz der Abwanderung von Bauern die Höhe der pro Dorf festgesetzten Getreideabgaben nicht reduziert wurde, erhöhte sich die Last für die Verbleibenden oft so sehr, dass auch diese in die Landflucht getrieben wurden. So entwickelte sich eine Abwärtsspirale, die zur Verödung ganzer Dörfer führte. Die Vernachlässigung der Flutrückhaltesysteme tat ein Übriges, um zum Niedergang der Landwirtschaft beizutragen. Die Ernteerträge sanken, und die ägyptischen Kornlieferungen reichten zur Versorgung Roms nicht mehr aus.

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Das römische Amphitheater in Alexandria stammt aus dem 4. Jahrhundert und ist nach derzeitigem Kenntnisstand das einzige derartige Gebäude in Ägypten. Die Ruine wurde erst 1960 wiederentdeckt.

In der zweiten Jahrhunderthälfte verschlechterten eine Pestepidemie, sinkendes Exportvolumen und fortschreitende Geldentwertung die Lebensumstände der Ägypter derart, dass es 171 zu einer Bauern- und Priesterrevolte kam, die die Römer erst vier Jahre später niederschlagen konnten.

Dies war ein Vorbote dramatischerer Veränderungen, die Ägypten im 3. Jahrhundert erlebte: Das spätestens seit dem 2. Jahrhundert im Land präsente Christentum gewann immer mehr an Einfluss, die römische Kontrolle über die Provinz geriet ins Wanken, und die Römer investierten immer weniger in das Land. Kleinere Reformen – so im Jahr 212 die Verleihung des römischen Bürgerrechts an fast alle freien Reichsbewohner mitsamt der Etablierung lokaler Stadträte – brachten zu wenig greifbare Änderungen und konnten die zunehmenden wirtschaftlichen Probleme nicht beheben; sie erlegten der ägyptischen Bevölkerung eher noch zusätzliche finanzielle Lasten für die Finanzierung der neuen Institutionen auf.

Die Schwäche der römischen Herrschaft zeigte sich unter anderem darin, dass von Süden her der nubische Stamm der Blemmyer begann, Überfälle auf Oberägypten durchzuführen, die zu einem über Jahrhunderte anhaltenden Problem werden sollten. Die römischen Truppen konnten das Eindringen der Blemmyer nicht effektiv unterbinden; gegen Ende des Jahrhunderts sahen die Römer keine andere Lösung mehr, als die Grenze nordwärts nach Assuan zu verlegen.

Wie das Römische Reich insgesamt war auch die Provinz Ägypten zunehmend von internen politischen Rivalitäten geprägt. Im Jahr 262 verwüsteten die Truppen des Kaisers Gallienus Alexandria, um die Ansprüche von Aemilianus, dem früheren Präfekten der Stadt, abzuwehren. Dabei sollen bis zu zwei Drittel der Bevölkerung umgekommen sein. 270 besetzte dann auch noch Zenobia, die Königin des syrischen Palmyra, Unterägypten; die Römer konnten sie zwar zurückschlagen, doch der Vorfall zeigte, wie verwundbar die Provinz mittlerweile war. Hinzu kamen der weitere Rückgang wirtschaftlicher Erträge und die anhaltende Landflucht. Immer wieder erschütterten Aufstände und Unruhen das Land und führten zu neuen Zerstörungen.

Die schwindenden Staatsfinanzen führten dazu, dass die Gelehrtenschule von Alexandria, das Museion, ihre Finanzierung verlor. Gleichzeitig erlebte der Tempelkult, in den der Staat ebenfalls immer weniger investierte, einen Niedergang. Der altägyptische Einfluss auf das religiöse und geistige Leben nahm, zunächst noch kaum merklich, unaufhaltsam ab. Hieroglyphentexte starben aus. Das Demotische, eine neuere Form des Ägyptischen, das von den Römern weder als Amts- noch als Hilfssprache anerkannt wurde, verschwand zugunsten des Griechischen aus dem gesamten Bereich des Rechts und der Verwaltung. Im religiösen, literarischen und wissenschaftlichen Bereich überlebte es allerdings länger, und genau in diesem Umfeld experimentierten Priester damit, das griechische mit dem demotischen Alphabet zu kombinieren, um das gesamte Lautinventar der ägyptischen Sprache abbilden zu können. Auf diese Weise entstand das koptische Alphabet, das im 3. und 4. Jahrhundert von christlichen Schreibern aufgegriffen wurde, um ihre neue Religion in der Sprache der Einheimischen verbreiten zu können. Das Wort «koptisch» war eine in den ägyptischen Dialekten dieser Zeit verwendete Ableitung aus dem griechischen Wort aigyptios als Begriff für «einheimische» im Gegensatz zu griechischen, römischen oder jüdischen Ägyptern.

Die ägyptische Religion, die stark mit der Legitimierung der römischen Kaiser verknüpft war, verlor allmählich an Anziehungskraft. Die Kaiser schienen der ägyptischen Bevölkerung immer weiter entfernt und immer weniger gewillt oder in der Lage, den Wohlstand des Landes zu sichern. Das Bekenntnis zum Christentum entwickelte sich unter diesen Umständen auch zu einer Form sozialen und politischen Protests. Sowohl Griechen als auch Ägypter scheinen den neuen Glauben in immer größerer Zahl angenommen zu haben. Schon zu Beginn des 3. Jahrhunderts sind erste Christenverfolgungen überliefert, die Märtyrer hervorbrachten; deren Verehrung trieb dem neuen Glauben weitere Anhänger zu, gerade auf dem Land. Spätestens ab der Mitte des 3. Jahrhunderts fand ganz gezielt unter der einheimischen – «koptischen» – Landbevölkerung christliche Mission statt. Die Römer versuchten zeitweise, mit der Einführung von Pflichtopfern das Bekenntnis zur paganen Religion zu erzwingen; die Weigerung vieler Christen produzierte neue Märtyrer.

Ihren Höhepunkt – nach zwischenzeitlicher Einstellung – erreichte die Christenverfolgung unter Diokletian (284–305), der gleichzeitig versuchte, das Reich neu zu organisieren. Für Ägypten führte das unter anderem zur Fragmentierung der Verwaltungseinheiten und damit zum Bedeutungsverlust der großen Provinzhauptstädte, mit Ausnahme Alexandrias. Diokletian integrierte Ägypten erstmals monetär ins Römische Reich und modernisierte das Steuer- und Finanzwesen. Er war vermutlich der letzte römische Kaiser, der das Land besuchte; bei diesem Besuch im Jahr 302 verteilte er Brot und wetterte gegen den Manichäismus, den er damals offenbar als ebenso virulente Bedrohung empfand wie das Christentum. Dessen Verfolgung wiederum wurde ab 303 so blutig betrieben, dass die koptische Kirche später ihre Zeitrechnung mit der «Ära der Märtyrer», gleichgesetzt mit Diokletians Amtsantritt im Jahr 284, beginnen ließ. Langfristig war diese Politik ebenso wenig erfolgreich wie die Versuche der Stärkung des paganen Kultes, die zuletzt Maximinus Daia (310–313) unternahm – der letzte Kaiser, der in Hieroglyphen erwähnt wird. Es kam zu einer immer stärkeren Polarisierung zwischen Christentum und «Heidentum», das sowohl die griechische philosophische Tradition als auch den ägyptisch-hellenistisch-römischen Kult umfasste. Gleichzeitig fand aber unter den ägyptischen Christen auch eine starke Auseinandersetzung mit der griechischen Philosophie statt.

Die Machtverhältnisse begannen sich zu ändern, als Konstantin 313 die Tolerierung des Christentums zur offiziellen Politik machte und begann, die Kirche zu fördern. In der Folge etablierten sich in Ägypten Gemeinschaften von Einsiedlern, die sich Regularien gaben und damit das Mönchstum begründeten. Der 356 verstorbene Heilige Antonius lebte in Ägypten als Eremit, und das Antoniuskloster, das nach seinem Tod am Golf von Sues erbaut wurde, ist eines der ältesten Klöster der Welt – vielleicht das älteste überhaupt. Ungefähr gleichzeitig bildeten sich die Einsiedlergemeinschaften von Sketis (heute Wādī n-Natrūn), Nitria und Kellia in der Wüste am westlichen Rand des Nildeltas. Aus losen Zusammenschlüssen von Eremiten und Asketen wurde eine Agglomeration von Klöstern, die in den folgenden Jahrhunderten hohe Anziehungskraft entwickelte. Wādī n-Natrūn ist bis heute die bedeutendste Stätte koptischen Mönchstums.

Die Regierungszeit Konstantins wird oft als Ausgangspunkt der Umwandlung des Römischen in das Byzantinische Reich genannt. Dies spiegelt die Wahrnehmung der damaligen Zeit, in der der Begriff des «Byzantinischen Reiches» noch nicht existierte, allerdings nicht wider. Das Reich verstand sich nach wie vor als ein Römisches und wurde auch von außen so wahrgenommen; wenn im Folgenden gelegentlich von «Byzantinern» die Rede ist, dann vor allem, weil dies dem besseren Verständnis heutiger Leser dient. Konstantin zuzuschreiben ist jedenfalls die Verlagerung der Hauptstadt in den Osten des Reiches, nach Konstantinopel. Mit dieser Verlagerung nahm die Bedeutung des Griechischen als Amts- und Umgangssprache immer mehr zu. Spätestens im frühen 7. Jahrhundert hatte es das Lateinische völlig verdrängt.

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Das Sankt-Antonius-Kloster hat seinen Ursprung im 4. Jahrhundert, ist seitdem allerdings vielfach renoviert und restauriert worden.

Die dogmatischen Streitigkeiten um die Natur Christi, die im 4. und 5. Jahrhundert die Kirche erfassten, beschäftigten auch Ägypten stark. Alexandria, schon seit Jahrhunderten ein bedeutendes Zentrum griechischer Philosophie, war einer der wichtigsten Schauplätze theologischer Auseinandersetzungen. Diese hatten zum großen Teil mit der wechselnden theologischen Orientierung der Reichsführung im trinitarischen Streit zu tun, in dem es um die Frage ging, ob Jesus als Teil einer göttlichen Trinität zu begreifen sei oder ob er ein erschaffenes, menschliches, lediglich gottähnliches Wesen sei. Die erste Position vertrat unter anderem Patriarch Athanasios von Alexandria (ca. 298–373), der herausragende Vertreter des ägyptischen Christentums im 4. Jahrhundert; die zweite Position repräsentierte ein prominenter Alexandriner Priester namens Arius, nach dem sie als Arianismus bezeichnet wurde. Die Auffassung von Athanasios setzte sich letztlich als offizielle Glaubensdoktrin durch; doch zwischen dem Konzil von Nicäa im Jahr 325, auf dem sie zum ersten Mal beschlossen wurde, und dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 381, auf dem sie abschließend bekräftigt und durchgesetzt wurde, lagen Jahrzehnte der Auseinandersetzungen, in denen sich auch das Kaiserhaus wechselhaft positionierte. Athanasios’ demgegenüber unveränderte Haltung führte dazu, dass er im Laufe seiner Amtszeit mindestens fünf-, vielleicht siebenmal verbannt und in der Zwischenzeit jeweils wieder in sein Amt zurückberufen wurde. Die angespannten Beziehungen zwischen dem Patriarchat von Alexandria und dem Kaiser hatten allerdings auch machtpolitische Gründe; sie betrafen zum Beispiel die Frage, ob die Kirche in Ägypten eigenständig Steuern eintreiben dürfe.

In jedem Fall wurde das Christentum in Ägypten im Verlauf des 4. Jahrhunderts zur Mehrheitsreligion, auch wenn das Tempo der Konversion umstritten ist. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass spätestens im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts die Zahl der Christen größer war als die der Nichtchristen. Der hellenistisch-ägyptische Kult bestand aber ebenso weiter wie die philosophische Schule von Alexandria. Zudem war die Idee, dass religiöse Identität eindeutig abgrenzbar und ausschließlich sein musste, für den größten Teil des Mittelmeerraums recht neu. Es dürfte in der Praxis lange gedauert haben, bis sie breite Akzeptanz gewann, so dass wohl das Bekenntnis zum Christentum ältere Formen der Anbetung nicht unbedingt ausschloss – selbst wenn sie vielleicht in christliches Gewand, wie etwa das Motiv der Marienverehrung, gekleidet wurden.

Theodosius I. (379–394) – der letzte Kaiser, der, wenn auch nur für sehr kurze Zeit, über ein einheitliches Römisches Reich herrschte, bevor die Teilung in West- und Ostrom endgültig wurde – machte das Christentum zur Staatsreligion; es waren nun die paganen Kulte, die verfolgt wurden. Der ägyptische Patriarch Theophilos von Alexandria (385–412) unterstützte diese Politik nachdrücklich, was die Plünderung von Tempeln und ihre Umwandlung in Kirchen zur Folge hatte. Das Serapis-Heiligtum von Alexandria mitsamt seiner Bibliothek wurde 391 zerstört mit der Begründung, Heiden hätten dort Christen drangsaliert und sogar gekreuzigt. In der Folge flohen viele von Alexandrias Dichtern und Philosophen aus der Stadt. Einen weiteren Rückschlag erlitt die zunehmend als ketzerisch betrachtete «heidnische» Philosophie, als 415 die bekannte Philosophin Hypatia nackt durch die Straßen geschleift und von einem Mob aus Mönchen in der Sankt-Michaels-Kirche, dem Sitz des Patriarchen, ermordet wurde. In der Folge setzten sich gemäßigte neuplatonische Gelehrte durch, die auf Zurückhaltung im Verhältnis zum Christentum und auf die Vermeidung der Verbreitung heidnischer religiöser Lehren drangen. Dadurch gelang es ihnen, den Verbleib der griechischen philosophischen Tradition in Alexandria zu sichern, von der in zunehmendem Maße christliche Hörer profitierten.

Allein das große Isis-Heiligtum auf der Nilinsel Philae oberhalb von Assuan blieb vorerst vor Zerstörung bewahrt, denn Kaiser Markian schloss im Jahr 451 einen Friedensvertrag mit den Blemmyern, der Ägypten vor weiteren Überfällen schützen sollte und den Blemmyern im Gegenzug Zugang zum Heiligtum von Philae zusicherte. Kurze Zeit später wurden die letzten demotischen Inschriften in diesem Heiligtum angefertigt; die aktive Benutzung des Demotischen starb danach aus.

Noch schicksalsträchtiger für das mittlerweile eindeutig christlich dominierte Ägypten war die Abspaltung der koptischen Kirche Ägyptens von Rom und Byzanz. Die Ursachen dafür lagen in den anhaltenden Streitigkeiten über die Natur Christi. Zwar war 381 die Lehre von der Menschlichkeit Christi endgültig verworfen worden, doch gab es weiterhin heftige Auseinandersetzungen um die Frage, ob Jesu Natur eine rein göttliche sei oder ob sich göttliche und menschliche Natur in ihm vereinten, und wenn dies der Fall sei, in welchem Verhältnis die beiden zueinander stünden. In dieser Frage wurden unterschiedlichste Auffassungen vertreten. Die damals verbreitete Position des Nestorius (gest. um 451) etwa lautete, dass Jesus zwei voneinander getrennte Naturen, eine göttliche und eine menschliche, in sich vereine, während Eutyches (gest. nach 454) der Ansicht war, dass die göttliche Natur Jesu seine Menschlichkeit in sich aufgenommen habe. Letztere Position wurde von ihren Gegnern oft auch als Monophysitismus – der Glaube, Christus habe nur eine einzige Natur – bezeichnet, ein Begriff, der von den Anhängern dieser Lehrmeinung allerdings abgelehnt wird mit der Begründung, dass sie keine vollständige Reduktion Jesu auf seine göttliche Natur vornähmen, sondern lediglich glaubten, dass die göttliche Natur die menschliche dominiere.

Der Patriarch von Alexandria, Dioskoros (gest. 454), war vehementer Verfechter der Position des Eutyches und setzte diese zunächst auf dem – später nicht anerkannten – Konzil von Ephesos, das 449 durch Kaiser Theodosius II. einberufen wurde, gegen den Widerstand des Papstes durch. Sowohl der Papst als auch die starken Kräfte in der Reichskirche, die das Vorgehen des Dioskoros ebenso ablehnten wie seine theologische Position, betrieben jedoch mit Nachdruck die Abänderung der Beschlüsse dieses Konzils. Theodosius’ Nachfolger Markian ließ im Einklang mit Papst Leo I. 451 in Chalcedon bei Konstantinopel ein weiteres Konzil einberufen. Dieses Konzil verkündete die Lehre, dass in Jesus die göttliche und die menschliche Natur gleichwertig und untrennbar miteinander verbunden seien, als Dogma und setzte Dioskoros ab. Große Teile der ägyptischen Kirche – wie auch andere orientalische Kirchen – lehnten diese Entscheidung, die in den orthodoxen und katholischen Kirchen bis heute anerkannt wird, jedoch ab. Die Mehrheit der ägyptischen Christen stellte sich vielmehr hinter Dioskoros, dessen Standhaftigkeit großen Eindruck hinterließ. Sein Nachfolger Proterius, der vom Kaiser zum Patriarchen von Alexandria eingesetzt wurde, musste sich heftiger Anfeindungen erwehren und wurde 457 von einem Mob ermordet. Die ägyptische Kirche wählte einen neuen Patriarchen aus den Reihen der Mönche, der aber weder vom Papst noch vom Kaiser anerkannt wurde. Trotz verschiedener Versöhnungsversuche kam es schließlich zur Kirchenspaltung. In Alexandria wirkte nun zumeist ein koptischer Patriarch – bisweilen im Untergrund – neben einem «chalcedonischen» Patriarchen, der die Reichskirche vertrat. Das Wort «koptisch» bezeichnete zunehmend die ägyptische Kirche in Abgrenzung zur Reichskirche.

Im 6. Jahrhundert gewann das Christentum endgültig die Hoheit über ganz Ägypten. Die Führung der Gelehrtenschule von Alexandria ging an christliche Philosophen. Die Blemmyer hatten unterdessen zu Beginn des Jahrhunderts ihre Raubzüge wieder aufgenommen. 540 gelang es, den rivalisierenden Stamm der Nuba zur Konversion zum Christentum zu bewegen und mit seiner Unterstützung die Blemmyer endgültig niederzuwerfen. Mit dem Ende des Waffenstillstands mit den Blemmyern hatte auch das letzte geduldete pagane Heiligtum, der Isistempel von Philae, seine Funktion verloren. Er wurde um 540 in eine Kirche umgewandelt. Allerdings blieben in der koptischen Kunst, Eschatologie, Folklore und Sprache noch viele Spuren des altägyptischen Erbes erhalten. Die griechische philosophische Tradition, insbesondere in Form des Neuplatonismus, wurde in Alexandria weiterhin gelehrt, und auch andere Bestandteile des griechischen kulturellen Erbes wie das Theater wurden zumindest von der Bildungs- und Verwaltungselite von Alexandria weiterhin gepflegt. Gleichzeitig gewann das Koptische immer mehr Bedeutung als Schriftsprache.

Das Rückgrat der Provinz war die Landwirtschaft. Die Landbevölkerung – die vermutlich achtzig Prozent der Bevölkerung umfasste – zu disziplinieren war somit ein zentrales Anliegen aller Herrscher. Im Verlauf der Spätantike hatte sich der rechtliche Status der Bauern dabei immer mehr verschlechtert. Von freien Pächtern, die allerdings zur Erfüllung ihres Pachtvertrags bis zu dessen Ablauf verpflichtet waren, wurden sie zu Leibeigenen, die zunächst an das Land, auf dem sie arbeiteten, und schließlich unmittelbar an dessen Eigentümer gebunden waren. In der byzantinischen Zeit waren das zunehmend private Großgrundbesitzer, die große Teile der kaiserlichen Ländereien übernommen hatten. Manche Grundbesitzerfamilien waren so mächtig, dass sie ein quasi-feudales Herrschaftssystem etablieren konnten. Sie achteten wie schon die Römer stark auf die Trennung zwischen sozialen Statusgruppen. Generell ist im byzantinischen Ägypten zu beobachten, dass die Städte schrumpften und die Dörfer an Zahl und Gewicht gewannen, was möglicherweise die wachsende Bedeutung der Landbesitzer sowie den enormen Einfluss der Klöster widerspiegelte.

Das Oströmische Reich geriet in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts zunehmend in die Defensive, und zu Beginn des 7. Jahrhunderts wirkte sich das auch auf Ägypten aus. Die Provinz war zu diesem Zeitpunkt in vieler Hinsicht geschwächt. 541 brach in Pelusium im Nildelta die Pest aus – wohl eingeschleppt durch Händler aus Indien oder Afrika – und führte zu einer Pandemie, die auch unter dem Namen «Justinianische Pest» bekannt wurde und in weiten Teilen Europas, des Mittelmeerraums und Asiens Millionen von Menschen dahinraffte. Zwischen 608 und 610 wurde Ägypten zum Schauplatz von Thronstreitigkeiten, die in der Provinz beträchtliche Schäden anrichteten.

Anders als bei römischen Kaisern früherer Jahrhunderte war es bei den Kaisern dieser Zeit nicht mehr üblich, Ägypten zu besuchen; ihre Kenntnis dieses Reichsteils war daher wohl begrenzt. Dennoch war Ägypten nach wie vor wirtschaftlich bedeutsam. Es war die Kornkammer Konstantinopels, wie es früher die Kornkammer Roms gewesen war, und die Steuereinnahmen aus Ägypten machten einen beträchtlichen Teil des Staatshaushaltes aus. Ägypten war vor allem über das Mittelmeer und Palästina in Handels- und Pilgernetzwerke eingebunden.

Daher war es ein schwerer Schlag für das Oströmische Reich, als um 617 eine Armee des persischen Sassanidenreichs, das bereits Nordmesopotamien, Syrien und Palästina erobert hatte, in die Provinz einfiel. 619 besetzten die Truppen unter ihrem General Schahrbarāz Alexandria; der byzantinische Gouverneur und der Patriarch der Reichskirche flohen. Bis 621 errangen die Perser die Kontrolle über das ganze Land. Die byzantinischen Truppen leisteten wenig Widerstand, und so richtete die Invasion vergleichsweise geringe Schäden an. Während der Jahre persischer Besatzung gab es keine dokumentierten Aufstände. Der Abzug der persischen Truppen im Jahr 629 war nicht das Resultat einer militärischen Vertreibung, sondern vor allem von Spannungen zwischen Schahrbarāz und dem persischen Kaiser Khosrau II. Zudem hatten sich nach mehreren Siegen Ostroms über die Sassaniden in Kleinasien und dem Kaukasus die Machtverhältnisse insgesamt verschoben, so dass die Perser in Ägypten befürchten mussten, von ihrem Kernland abgeschnitten zu sein – was für Schahrbarāz auch bedeutet hätte, dort nicht mehr ins politische Geschehen eingreifen zu können. Diese Situation machte sich der oströmische Kaiser Heraklios zunutze, indem er Schahrbarāz seine Unterstützung gegen Khosrau zusagte. Im Gegenzug zog dieser aus Ägypten ab und kehrte nach Persien zurück.

Die Tage der byzantinischen Herrschaft über das Land waren jedoch gezählt. Schon wenige Jahre später begannen muslimisch-arabische Truppen, Syrien und Palästina zu erobern, und wandten sich kurz darauf auch gegen Ägypten.

2. Die muslimisch-arabischen Eroberer

Während Ägypten von den Sassaniden besetzt und wieder verlassen wurde, trat, von den politisch und militärisch miteinander beschäftigten Großmächten noch unbemerkt, auf der Arabischen Halbinsel eine neue politische Macht hervor, verbunden mit einer neuen religiösen Lehre. Die Umstände, die dazu führten, dass ab den dreißiger Jahren des 7. Jahrhunderts arabisch-muslimische Truppen innerhalb kürzester Zeit das Sassanidenreich und weite Teile des Oströmischen Reiches unter ihre Kontrolle brachten, sind aufgrund der dürftigen und einseitigen Quellenlage ebenso umstritten wie die genauen Abläufe dieser Eroberungen; an dieser Stelle kann lediglich die mehrheitlich akzeptierte Version in Grundzügen umrissen werden.

Den muslimischen Quellen zufolge verkündete ab ungefähr dem Jahr 610 Muhammad aus dem Stamm der Quraisch in der Pilger- und Handelsstadt Mekka im Hedschas, einem Gebirgszug im Osten der Arabischen Halbinsel, eine religiöse Botschaft, die zum Glauben an den einen Gott, den Schöpfergott, aufrief, zu Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit mahnte und vor dem Jüngsten Gericht warnte. Gerade der Aspekt der Auferstehung nach dem Tod mitsamt der zu erwartenden göttlichen Belohnung oder Bestrafung scheint bei vielen Adressaten dieser Botschaft auf Unglauben gestoßen zu sein, ebenso wie die Idee, dass es verboten sei, neben dem Schöpfergott andere Gottheiten anzubeten oder zu Fürsprechern zu nehmen. Immer wieder berief sich Muhammad auf biblische Figuren wie Abraham, Mose und Jesus als Vorbilder, die ebenfalls einer ungläubigen Gemeinschaft gepredigt hatten und dafür Verachtung oder sogar Vertreibung auf sich nehmen mussten. Diese Idee der Kontinuität seiner Botschaft mit der des Juden- und Christentums wurde in den ersten Jahren seiner Verkündigung sehr deutlich.

Im Jahr 622 wanderte Muhammad mitsamt seinen Anhängern in die Oasenstadt Yathrib (später Medina) aus, wo es zur Bildung eines politischen Gemeinwesens unter seiner Führung kam. Die in Medina lebenden Juden lehnten mehrheitlich die Annahme seiner religiösen Botschaft ab und akzeptierten ihn nicht als Propheten. In den folgenden Jahren kam es zu einem langsamen Prozess der Ausdifferenzierung des Islams hin zu einem eigenständigen monotheistischen Glauben, der die göttliche Offenbarung der Thora und der Evangelien erneuern und von menschlichen Verfälschungen befreien sollte. Unter anderem auf der Ebene der religiösen Rituale fand eine deutliche Abgrenzung statt durch eigene Formen des Gebets, der Pilgerfahrt und des Fastens.

Nach anhaltenden Konflikten mit seiner Heimatstadt Mekka konnte Muhammad schließlich die stärksten Unterstützer seiner Gegner entmachten oder auf seine Seite ziehen und 630 die Herrschaft über Mekka erringen. Ungefähr um dieselbe Zeit soll es auch zum ersten Versuch eines Vorstoßes gegen das Oströmische Reich gekommen sein. Wichtiger war jedoch zunächst, dass es Muhammad bis zu seinem Tod im Jahr 632 gelang, fast die gesamte Arabische Halbinsel zum Anschluss an das von ihm geleitete Stammesbündnis und zur zumindest formalen Annahme des von ihm verkündeten Glaubens zu bewegen. Letzteres betraf allerdings nicht die Juden und Christen und offenbar auch nicht die Zoroastrier; diese Gruppen von Nichtmuslimen konnten sich gegen Zahlung eines Tributs unterwerfen oder dem Bündnis anschließen.

Nach Muhammads Tod gab es keine klare Nachfolgeregelung, was zu langfristigen religiös-politischen Zerwürfnissen um die Frage der legitimen Leitung der Gemeinde führte, die auch für Ägypten zeitweise große Bedeutung haben sollten. Zunächst setzte sich einer der frühen Anhänger Muhammads, Abū Bakr, als sein Nachfolger oder «Kalif» durch. Er war vor allem damit beschäftigt, die arabischen Stämme, die das Bündnis mit dem Tod Muhammads als beendet ansahen, militärisch zur Rückkehr in die Gemeinschaft der Muslime zu zwingen. Ob hier die Frage der religiösen oder der politischen Loyalität stärker im Vordergrund stand, ist fraglich. Zum Zeitpunkt von Abū Bakrs Tod im Jahr 634 war die Arabische Halbinsel jedenfalls wieder weitgehend geeint, und unter seinem Nachfolger ʿUmar wandten sich arabisch-muslimische Kämpfer nun gegen das Oströmische und das Sassanidische Reich.

Sicherlich verstanden sich die frühen Eroberer noch nicht auf die gleiche Weise als Muslime, wie es in späteren Jahrhunderten der Fall war. Es gab noch überhaupt kein islamisches Recht, und die Vorstellung einer eigenständigen, exklusiven religiösen Identität war, wie bei anderen religiösen Gemeinschaften der Spätantike auch, erst im Entstehen begriffen. In der ersten Zeit schien unklar zu sein, ob der Islam nicht vorrangig oder ausschließlich eine Religion der Araber sei; um den Status der nichtarabischen Konvertiten gegenüber den muslimischen Arabern gab es bis ins 8. Jahrhundert hinein heftige Auseinandersetzungen.

Innerhalb weniger Jahre gelang arabisch-muslimischen Heeren die Eroberung von Syrien und Palästina. Der Truppenführer ʿAmr ibn al-ʿĀs besetzte bereits 637 Gaza und damit die Grenze zu Ägypten. Das Tempo und der Erfolg der arabisch-muslimischen Eroberungen werfen Fragen auf, die bis heute ungeklärt sind. Waren die Eroberer religiöse Eiferer, die sich im Kampf auf dem Weg Gottes wähnten? Oder waren es vielmehr arabische Stämme mit einem Drang nach stärkerer politischer Geltung, vielleicht auch getrieben von einem Bevölkerungsdruck? Leistete die christliche Bevölkerung der eroberten Gebiete Widerstand, oder war sie vielmehr froh, die Staatsmacht, die im Unterschied zum größeren Teil der örtlichen Gemeinschaften an den chalcedonischen Beschlüssen festhielt, loszuwerden? Oder war sie einfach indifferent? Wir wissen es nicht sicher. Die Quellen, die wir besitzen, sind zumeist Jahrhunderte nach den Ereignissen verfasst worden; ihre Interpretation der Eroberungen muss nicht der Wahrnehmung der damaligen Zeit entsprechen. Man kann in jedem Fall davon ausgehen, dass die Eroberer von den Folgen des byzantinisch-sassanidischen Krieges profitierten, der die Heere beider Mächte geschwächt und die umkämpften Provinzen kriegsmüde hinterlassen hatte. Das Gros des oströmischen Heeres war zur Verteidigung Kleinasiens zurückgezogen worden. Weder in Syrien noch in Ägypten waren Elitetruppen verblieben. Festzustehen scheint weiterhin, dass viele Städte und Territorien kampflos und auf der Grundlage von Verträgen übergeben wurden. Das führte dazu, dass es vergleichsweise wenig Zerstörungen gab und die Infrastruktur der eroberten Gebiete oft nahezu unverändert übernommen wurde.

Die Einordnung dieser Ereignisse ist in Ägypten bis heute umstritten. Vor allem koptische Christen, aber auch manche muslimische Nationalisten betrachten sie als Invasion von außen. Staatliche Geschichtsbücher tendieren hingegen dazu, die Geschichte Ägyptens im 7. Jahrhundert in Mekka beginnen zu lassen, während das Alte Ägypten nur gestreift wird und die römische und byzantinische Zeit nahezu überhaupt keine Rolle spielen. Das entspricht auch dem Selbstverständnis derjenigen, die Ägypten als Teil der arabischen und islamischen Welt betrachten. Vor dem Hintergrund dieser Debatten ist die arabisch-islamische Eroberung als historisches Schlüsselereignis in Ägypten bis heute höchst präsent.

3. Von der Provinz zum Emirat (640–969)

Die Invasion muslimisch-arabischer Truppen unter ihrem Feldherrn ʿAmr ibn al-ʿĀs kann für die byzantinischen Amtsträger in Ägypten und Konstantinopel nicht überraschend gekommen sein. Sie waren sich jedoch uneinig darüber, wie mit ihr umzugehen sei. Es gab Spannungen zwischen dem reichskirchlichen Patriarchen Kyros, der gleichzeitig wohl auch als Gouverneur fungierte, und der Reichsführung. Kyros soll bereits 637 mit den Muslimen eine Tributvereinbarung geschlossen haben, um einen Einmarsch abzuwehren, was in Konstantinopel nicht gut aufgenommen wurde, aber die Eroberung immerhin noch um drei Jahre aufhalten konnte. Um die Jahreswende 639/640 begann ʿAmr dann schließlich von Gaza aus mit der Einnahme Ägyptens, wobei die Byzantiner ihm wenig entgegenzusetzen hatten. Die im Land stationierten Truppen waren schwach und wenig motiviert. An manchen Orten – aber nicht überall – halfen die Kopten darüber hinaus ʿAmrs Truppen beim Sieg über die byzantinischen Regimenter. Im Juni 640 fügten die Araber der byzantinischen Armee bei Heliopolis eine entscheidende Niederlage zu. Angesichts dieser Lage versuchte Kyros zu verhandeln, mit dem Ergebnis, dass er nach Konstantinopel zitiert und für sein Entgegenkommen getadelt wurde. Wenige Monate später starb Kaiser Heraklios; die darauf folgenden Thronfolgestreitigkeiten trugen nicht zur Stärkung des byzantinischen Widerstandes bei. Im April 641 eroberten die Muslime Babylon, die Festung am südlichen Ende des Nildeltas, die den Zugang zu Oberägypten eröffnete.