Cover

Ilse Sand

Die innere Mauer

Beziehungsangst
überwinden,
Nähe zulassen

Aus dem Dänischen
von Anja Lerz

C.H.Beck


Zum Buch

Wenn das Kind in mir die Liebe zerstört: Auswege aus der Beziehungsangst

Die meisten Selbstschutzstrategien entstehen bereits in der frühen Kindheit. Seinerzeit waren sie die beste Lösung für ein kleines Kind in einer schwierigen Lage. Später werden sie dann jedes Mal ausgelöst, wenn wir uns in einer Situation befinden, die an eine der ungelösten Krisen unserer Kindheit erinnert. Menschen etwa, die sich gefühlsmäßig nicht von den in ihrer Kindheit empfundenen Defiziten gelöst haben, werden gewöhnlich darauf bestehen, dass sie das Vermisste von ihrem Partner bekommen. Wahrscheinlich werden sie selbst diesen Mechanismus nicht erkennen, sondern stattdessen tiefe Frustration über ihren Partner empfinden und sich von ihm abwenden. In klarer Sprache und mit vielen anschaulichen Beispielen schreibt Ilse Sand über die Probleme und Konflikte, die Beziehungsangst verursachen und sich aus ihr ergeben. Für ihre Überwindung gibt es kein Patentrezept. Aber viele Wege, deren Gemeinsamkeit darin besteht, sich selbst und die eigenen Gefühle besser kennenzulernen.

«Einfühlsam, präzise und engagiert.»

Gabriele Michel, Psychologie heute über «Die Kraft des Fühlens» von Ilse Sand.

Über die Autorin

Ilse Sand hat Theologie studiert, über C. G. Jung und Søren Kierkegaard geforscht und eine Ausbildung als Psychotherapeutin absolviert. Sie arbeitet in Dänemark als Supervisor, Coach und Therapeutin. Ihre Bücher erscheinen in vielen Sprachen. Bei C.H.Beck ist von ihr lieferbar: «Die Kraft des Fühlens. Hochsensibilität erkennen und positiv gestalten» (22018).

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Kapitel 1: Selbstschutzstrategien

Ein Notfallprogramm

Selbstschutz als vorläufige Lösung

Selbstschutz nach innen wie nach außen

Selbstschutzstrategien, die Distanz zu unserem eigenen Inneren schaffen

Das Gleichgewicht zwischen intrapsychischem und interpersonellem Selbstschutz

Kapitel 2: Wenn sich Selbstschutzstrategien verselbständigen

Kapitel 3: Angst vor Nähe, Trauer und Kontrollverlust

Kapitel 4: Muster, die ein gelingendes Liebesleben verhindern können

Die Taube auf dem Dach fangen wollen

Wenn man den Frosch küsst, wird er zum Prinzen

Auf die einzig richtige Person warten

Vom Bemühen, «gut genug» zu werden

Kapitel 5: Die Idealisierung der Eltern

Interesse am anderen haben oder sich für ihn interessieren

Die Idealisierung der Eltern und die Selbstidealisierung

Die Idealisierung der Eltern und die Selbstabwertung

Wenn wir die Wirklichkeit verändern

Vergessene Entscheidungen

Wenn wir uns gegen uns selbst wenden

Unbewusste Erwartungen an den Partner

Die Eltern in einem realistischeren Licht sehen

Wenn die unverarbeitete Idealisierung der Eltern zu Beziehungsproblemen führt

Kapitel 6: Gefühle bewusst wahrnehmen

Gefühle können einander schichtweise überlagern

Regression

Kapitel 7: Unangemessene Selbstschutzstrategien aufgeben

Irritation und Wut als Selbstschutz

Trauer und Schmerz

Die Sehnsucht nach Bindung und Liebe

Das veränderte Verhältnis zu den Eltern

Kapitel 8: Der Weg nach Hause

Hinter der sozialen Maske

Sich dafür entscheiden, man selbst zu sein, um sich für Begegnungen mit anderen entscheiden zu können

Schlechte Investitionen einstellen

Die Krise als Schritt auf dem Weg

Der lebensverändernde Schmerz

Aufmerksamkeit weist uns den Weg

Literaturhinweise

Deutschsprachige Literatur

Englischsprachige Literatur

Dänischsprachige Literatur

Fußnoten

Vorwort

Als Pfarrerin und später als Psychotherapeutin habe ich mit vielen Menschen geredet, die in Liebesbeziehungen Verletzungen erlitten hatten oder es nicht einmal schafften, eine solche Beziehung einzugehen. In Verbindung mit meinen Vorträgen über Liebe und Selbstschutz habe ich bei meinen Zuhörerinnen und Zuhörern ein großes Interesse wahrgenommen, mehr über die psychologischen Dynamiken zu erfahren, die zum Tragen kommen, wenn wir Beziehungen eingehen oder in unseren bereits bestehenden Beziehungen leben.

In diesem Buch beschreibe ich, wie sich Selbstschutzstrategien entwickeln, warum sie guten, engen Beziehungen im Weg stehen und wie man sich von unzweckmäßigen Strategien befreit. Mit Begeisterung habe ich festgestellt, wie Beziehungen tiefer und bedeutungsvoller werden können, wenn wir es wagen, uns mit unserer Verletzlichkeit ohne unnötige Schutzmauern ganz auf den Moment einzulassen.

Die Literatur, die ich selbst zu dem Thema gelesen habe, stammt von Experten. Dieses Buch hier ist dagegen bewusst in einer leicht zugänglichen, hoffentlich allgemein verständlichen Sprache geschrieben. Gleichzeitig sind die unternommenen Analysen samt den sich daraus ergebenden Ratschlägen fest in anerkannten psychologischen Theorien und meiner jahrelangen Erfahrung als Therapeutin verankert.

Die vielen konkreten Beispiele im Buch dienen der Veranschaulichung. Sie sind größtenteils erfunden, beruhen aber auf Situationen und Gesprächen, wie sie mir in meiner therapeutischen Praxis häufig begegnen. Einzelne Fälle haben sich wirklich so ereignet; diese habe ich mit dem Einverständnis meiner Klienten in anonymisierter Form wiedergegeben.

Mein Wunsch ist, dass das hier mitgeteilte Wissen, das im Leben meiner Klienten und auch in meinem eigenen so viel verändert hat, auf diesem Weg auch viele Menschen erreicht und ihnen zugutekommt, die keine Fachbücher lesen und nicht in psychotherapeutischer Behandlung sind.

Einleitung

Warum leben wir nicht alle in lebendigen, liebevollen Beziehungen mit anderen Menschen? Wie kann es sein, dass viele stattdessen als Single leben oder aber in Paarbeziehungen, in denen es an Nähe und echter Fürsorge fehlt?

Eine von vielen möglichen Antworten ist, dass wir Selbstschutzstrategien anwenden, die uns etwas vortäuschen, mit dem Ergebnis, dass wir uns selbst in Sachen Liebe ein Bein stellen. Solche Selbstschutzstrategien kann jeder beobachten, der in der Psychotherapie tätig ist. Klienten wenden verschiedene Strategien an, um andere Menschen auf Abstand zu halten, damit sie sich ihrer aktuellen Lebenssituation nicht zu stellen oder ihr Innerstes (Gefühle, Gedanken, Erkenntnisse, Wünsche) nicht zu spüren brauchen.

Diese Strategien wurden im Lauf der Zeit unterschiedlich bezeichnet. Freud nannte sie «Abwehrmechanismen». In den englischsprachigen Ländern wurde das zu «defence» und im Dänischen zu «forsvarsmekanismer», Verteidigungsmechanismen. In der kognitiven Therapie wird mit dem Begriff «Bewältigungsstrategie» gearbeitet, der zuweilen die gleiche Beobachtung umschreibt.

Bereits Søren Kierkegaard, der seine Gedanken über ein halbes Jahrhundert vor Freud formulierte, wurde auf das Phänomen aufmerksam. Er stellte fest, dass Menschen dazu neigen, ihre Erkenntnisse über sich selbst zu verschleiern. Wie das tatsächlich geht, führte er allerdings nicht weiter aus. Darüber wissen wir heute mehr.

Ich habe mich entschieden, diese Manöver, durch die wir manchmal unsere klügsten Selbsterkenntnisse verschleiern oder Abstand zu anderen Menschen oder unserem eigenen Inneren schaffen, «Selbstschutzstrategien» zu nennen. Damit meine ich alle (bewussten oder zumeist unbewussten) Verhaltensweisen, die wir an den Tag legen, um Nähe zu anderen oder zu unserer eigenen inneren oder äußeren Wirklichkeit zu vermeiden.

Selbstschutz kann natürlich auch bedeuten, mit dem Rauchen aufzuhören oder vor einer Seefahrt eine Schwimmweste anzulegen. In diesem Buch interessiere ich mich jedoch ausschließlich für jene Selbstschutzstrategien, die wir einsetzen, um Abstand zu unserer Lebenswirklichkeit zu schaffen. Manchmal sind sie angebracht und hilfreich. Und manchmal werden sie zum Problem.

Guter Selbstschutz besteht darin, Abstand zu den eigenen Gefühlen zu gewinnen, wenn sie uns zu überwältigen drohen. Aber die gleiche Selbstschutzstrategie kann zum Problem werden, wenn sie erstarrt und (völlig oder teilweise) unbewusst ein Eigenleben entwickelt.

Es mindert unsere Lebensqualität und Lebensfreude, wenn wir uns mehr als nötig von unserem Innenleben distanzieren. In dem Maße, wie wir uns den Realitäten unserer aktuellen Lebenssituation nicht stellen, fehlt uns der klare Blick auf die eigene Situation, und wir empfinden es als anstrengend, uns im Leben zurechtzufinden.

Eine Selbstschutzstrategie besteht beispielsweise darin, mit Hilfe der Fantasie die äußere Wirklichkeit so umzuformen, dass man sich selbst, andere Menschen oder seine Möglichkeiten im Leben für besser oder schlechter hält, als sie realistisch betrachtet sind. Oder, sehr konkret, dass man nicht tief genug durchatmet, um zu vermeiden, sich selbst zu spüren.

Eine Selbstschutzstrategie ist eine Verhaltensweise, die sich in einer schwierigen Situation einmal als kluge Lösung erwiesen hat. Wer als Kind häufig auf Selbstschutzstrategien zurückgreifen musste, kann als Erwachsener so sehr in seinen Selbstschutzmechanismen gefangen sein, dass er den guten emotionalen Kontakt zu sich selbst und anderen verliert. Und so kann es passieren, dass uns die innere Entwicklung und die Zufriedenheit fehlen, wie sie eine liebevolle Beziehung wecken kann.

Ich hoffe, dieses Buch macht Ihnen Lust darauf, Ihre persönlichen Selbstschutzstrategien unter die Lupe zu nehmen. Zu überlegen, ob Ihr Leben reicher werden kann, wenn Sie eine oder mehrere davon ablegen. Damit Sie sich selbst, Ihrem Leben und anderen Menschen näherkommen – und Ihr Dasein so intensiver spüren und genießen.

Kapitel 1

Selbstschutzstrategien

Beginnen wir mit einem Beispiel: Hannah hat sich um eine Stelle beworben und eine Absage erhalten. Sie ist zwar traurig deswegen, hat aber gerade nicht die Kraft, ihrer Trauer nachzuspüren. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, sich mit einem Fernsehkrimi abzulenken und ihre Situation ein wenig zu vergessen. Auf diese Weise gönnt sie sich eine Auszeit von der Wirklichkeit, in der sie sich nach der Absage befindet.

Das ist kein Problem, solange sie sich zu einem späteren Zeitpunkt die Zeit nimmt, ihre Traurigkeit zu spüren und zu verarbeiten, und damit wieder ganz in ihre Gegenwart zurückfindet. Ist dies jedoch ihre einzige Strategie für den Umgang mit schwierigen Gefühlen und nimmt sie sich nie genug Zeit und Ruhe, um zu entspannen und sich selbst zu spüren, wird das schnell zum Problem. In diesem Fall wird sie mit einer dauerhaften Distanz zu sich selbst leben, was zu emotionalem Stress oder Mangel an echter Lebensfreude führen kann. Und wenn ihr gar nicht bewusst ist, dass sie sich von ihren Gefühlen distanziert, ist das noch problematischer, weil ihr damit auch jede Möglichkeit fehlt, dies zu ändern.

Die meisten Selbstschutzstrategien werden schon früh in der Kindheit entwickelt. Ursprünglich waren sie die beste Lösung, die ein kleines Kind in einer schwierigen Situation finden konnte. Später können Selbstschutzstrategien unbewusst verinnerlicht werden, sodass sie ganz automatisch jedes Mal in Gang kommen, wenn wir in eine Situation geraten, die einer der ungelösten Krisen unserer Kindheit ähnelt.

Auch dazu ein konkretes Beispiel: Als Iris aufwuchs, war ihre Mutter oft verzweifelt und redete über ihren Schmerz. Iris ertrug es nicht, sich das anzuhören. Ein Kind ist nicht in der Lage, die Verzweiflung eines Erwachsenen auszuhalten. Außerdem ist es beängstigend zu erleben, wenn eine Bezugsperson leidet. Deshalb erfand Iris schon als sehr kleines Kind die Strategie, in solchen Situationen von etwas ganz anderem zu sprechen, um die Mutter abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen.

Heute wundert sich Iris, dass ihre Kinder sich mit ihren Problemen nicht an sie wenden. Würde sie sie fragen, würden sie ihr sicher antworten, dass sie es ja versucht hätten, es aber immer darauf hinauslaufe, dass ihre Mutter anfange, von etwas anderem zu sprechen.

Hätte Iris eines dieser Gespräche aufgenommen, könnte sie im Nachhinein selbst hören, dass sie – ohne es zu wollen – jedes Mal das Thema wechselte, wenn sie von einer Krise oder dem Kummer einer nahestehenden Person erfuhr oder ihn spürte.

Selbstverständlich schadet es der Nähe in unseren Beziehungen, wenn wir eine solche Selbstschutzstrategie anwenden, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Wenn Iris dieses Verhaltensmuster entdecken und wiedererkennen kann, das vielleicht einmal ihre psychische Gesundheit gerettet hat, heute aber einer tiefen Beziehung zu ihren Kindern im Weg steht, ist sie schon weit gekommen und kann sich dafür entscheiden, ihre Strategie zu ändern.

Ein Notfallprogramm

Eine Selbstschutzstrategie ist oft ein Notfallprogramm.

Als Anna sehr klein war, reagierten ihre Eltern unfreundlich, wenn sie versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Sie vermittelten ihr vielleicht, dass sie sie als störend empfanden, oder schauten sie mit einem Blick an, in dem Anna Stress oder Unbehagen las. Das war ihr so unangenehm, dass sie aufgab und ihr Leben lebte, ohne das zu entwickeln und zu verinnerlichen, was wir die «gesunde Kompetenz, die Aufmerksamkeit anderer zu wecken» nennen können.

Stattdessen setzte Anna ihre ganze Kreativität dafür ein, eine andere Lösung zu finden. Kinder sind nämlich ausgesprochen abhängig davon, eine enge Bindung zu ihrer Bezugsperson, zumeist einem Elternteil, zu entwickeln. Sie fand heraus, dass sie mehr Erfolg hatte, wenn sie ihre Aufmerksamkeit anbot. Wenn sie also das Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit spürte, setzte sie sich neben ihren Zeitung lesenden Vater und signalisierte Interesse am Inhalt seiner Lektüre. Das wiederum fand ihr Vater meistens recht gemütlich, und so konnte sie sich dicht neben ihn setzen und seine Körperwärme spüren. Auf diese Weise erfuhr sie die Bindung, die für Kinder so lebenswichtig ist.