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Über den Autor

Hans-Joachim Maaz, seit 40 Jahren praktizierender Psychiater und Psychoanalytiker, war lange Zeit Chefarzt der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik des Diakoniekrankenhauses Halle. Bei C.H.Beck erschienen von ihm Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit (5. Auflage 2004), Die Liebesfalle. Spielregeln für eine neue Beziehungskultur (4. Auflage 2009) sowie Der Gefühlsstau. Psychogramm einer Gesellschaft (2010).

Zusammenfassung

Abschließend will ich die wichtigsten Aussagen in einigen Punkten zusammenfassen. Dabei werden Aspekte der «Lustschule» genannt, die man beachten und üben kann, es wird aber auch die ganzheitliche Perspektive eines erfüllenden Sexuallebens gewürdigt, in dem Sex und Beziehung – Lust und Liebe – zusammengeführt sind.

 

1. Sexualität ist eine der wichtigsten, natürlichsten und angenehmsten Möglichkeiten zur energetischen Regulation und zur ganzheitlichen Entspannung

Wir sind mit einer Lebensenergie ausgestattet, deren freier «Fluss» uns gesund erhält. Energetische Regulationsstörungen (Über- oder Unterladungen, Blockaden) bilden eine wesentliche Ursache von Beschwerden und Erkrankungen. Die Beachtung energetischer Lebensprozesse ist die Basis für eine «energetische Medizin», auf deren Grundlage bereits verschiedene Spezialgebiete der Medizin arbeiten (z.B. Homöopathie, Akupunktur, Neuraltherapie, Osteopathie, Orgontherapie, Psychotherapie, insbesondere Körperpsychotherapie). Die Medizin der Zukunft wird das Energiekonzept noch wesentlich mehr beachten und erforschen müssen.

Wir reichern unsere Lebensenergie durch Atmung, Nahrung und Sonnenlicht an und verbrauchen Energie durch Bewegung, Arbeit, Gefühlsausdruck, Stoffwechselprozesse, Sexualität und durch Erkrankungen und ihre Bekämpfung.

Der Energiefluss kann körperlich (z.B. durch Muskelverspannungen), psychisch (z.B. durch Angst), sozial (z.B. durch Kränkungen) und spirituell (z.B. durch Schuldgefühle im Rahmen eines strengen Welt- oder Gottesbildes) behindert werden. Sexualität ist eine hervorragende Möglichkeit, den Energiefluss zu regulieren.

 

2. Sexualität ist ein ganzheitliches Geschehen, das körperliche, psychische, soziale und spirituelle Aspekte integriert

Das stimmige Zusammenspiel der verschiedenen Ebenen des ganzheitlichen Vorgangs ermöglicht die beste Energieentladung, von der die Qualität der Lust bestimmt wird. Auf jeder Ebene kann es zu Störungen des lustvollen Entladungsvorgangs kommen.

Körperlich ist ein Zustand optimal, der keine organischen (vor allem muskulären, aber auch durch Narben und Erkrankungsherde verursachten) Blockaden des Energieflusses bedingt. Vor allem durch Sexualität kann Energie körperlich voll aufgeladen, gehalten und frei strömend entladen werden.

Seelisch ist ein Zustand optimal, der frei von psychischen Konflikten ist, wie sie sich etwa in Ängsten, depressiven Verstimmungen, Zwängen u.a. ausdrücken können.

Sozial ist ein Beziehungsgeschehen optimal, das frei von Kränkungen, Misstrauen, Rache oder Machtgelüsten, frei von übertriebenen Erwartungen und Enttäuschungen ist. Kurz und positiv ausgedrückt: Die Beziehung sollte von liebevoller Zuneigung getragen sein.

Spirituell ist ein Weltbild optimal, das Sexualität bejaht, gegenüber natürlichen Empfindungen weder Schuld noch Scham kennt und das eigene Handeln in einer höheren, rational nicht mehr erfassbaren Ordnung eingebettet erlebt.

 

3. Sexualität ist ein lebendiger Prozess, der vor allem Lust ermöglicht

Lust ist die beste Grundlage, um die Last der Fortpflanzung und Kinderbetreuung annehmen und über viele Jahre aushalten zu können.

Lust ist die angenehmste Verführung, sich für die eigene Gesunderhaltung zu engagieren. Die energetische Regulation durch lustvolle Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil der Salutogenese.

 

4. Sexualität ist Arbeit

Wir sind mit sexuellen triebhaften Bedürfnissen und Instinkten ausgestattet, die allein aber noch keine gute Sexualität gewährleisten. Erziehung, kulturelle Normen und soziale Verhältnisse nehmen auf die Entfaltung der Sexualität erheblichen Einfluss. Deshalb müssen die Voraussetzungen für Körperlust und Beziehungslust gelehrt und geübt werden. Wer darin keine hilfreiche Lehre als Kind erfährt, muss sie sich als Erwachsener in eigener Verantwortung organisieren. Dabei müssen wir zwischen Kenntnissen hinsichtlich Sexualpraktiken und -techniken und den Voraussetzungen zur Lustentfaltung unterscheiden. Geschlechtsverkehr an sich garantiert noch kein Lusterleben. Körperlust und Beziehungslust sind dynamische Prozesse, an denen lebenslang gearbeitet werden muss. Unerlässliche Voraussetzungen dafür sind Selbstwahrnehmung, Experimentieren, Reflektieren, Kommunizieren und die emotionale Verarbeitung von Erlebtem.

 

5. «Orgastische Potenz» ist das Maß für Lust und Entspannung

Orgastische Potenz ist durch das ganzheitlich-integrierte Geschehen von körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Vorgängen determiniert und bedarf ständiger «Arbeit» im oben beschriebenen Sinn. Orgastische Potenz ist das Maß für die erlebbare Lust und damit auch für die erreichbare Entspannung. Lust ist nicht selbstverständlich; sie geschieht nicht automatisch bei sexuellen Aktivitäten. Die orgastische Potenz ist sehr störanfällig und von Mal zu Mal verschieden, mit anderen Worten ein dynamischer Prozess, der von vielen Einflüssen abhängig ist. Orgastische Potenz ist ein komplexer Vorgang, der auf den verschiedenen Ebenen – körperlich, psychisch, sozial und spirituell – entwickelt und geübt werden muss. Auch für die Lust gibt es kein erreichbares Ziel, sondern nur Wege, die sich durch den Grad der Beschwerlichkeit und des genussvollen Erlebens voneinander unterscheiden.

Orgastische Potenz ist an die Fähigkeit zur «Ladung» und zur «Entladung» gebunden. Bei der Ladung kann ein Partner sehr behilflich sein, bei der Entladung höchstens indirekt durch Bejahung, Zustimmung, Ermutigung. Insgesamt ist aber die Aussage zutreffend, dass man keinem den Orgasmus machen kann – er kann nur zugelassen werden. Die Möglichkeiten, einen Orgasmus zuzulassen, sind individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt und von vielen Faktoren abhängig: wie die innere Verfassung ist, welche Voraussetzungen und wie viel Zeit man braucht, was bei den sexuellen Aktivitäten und in der Beziehung als hilfreich oder störend empfunden wird und welche äußeren Bedingungen förderlich oder hinderlich sind – das alles ist ständig im Fluss und muss reflektiert und kommuniziert werden. Nicht selten gelingt ein gutes sexuelles Zusammenspiel erst nach ein bis zwei Jahren einer Partnerschaft, möglicherweise aber auch gar nicht, nämlich dann, wenn Ängste, Schwierigkeiten, Wünsche und Besonderheiten nicht mitgeteilt, berücksichtigt oder – so notwendig – durch Therapie aufgelöst werden.

Die Arbeit an der «orgastischen Potenz» ist eine lebenslange Herausforderung und für den Lebensgenuss und die Gesunderhaltung von höchstem Wert.

 

6. Hinweise zur Verbesserung des Lusterlebens

Es gibt eine Unmenge an Informationen über sexuelle Techniken und Stellungen sowie ein riesiges Angebot an allerlei mehr oder weniger hilfreichen Sexspielzeugen. Dabei werden die Wege zur Lust regelmäßig vernachlässigt oder vergessen.

Im Hinblick auf das ganzheitliche, dynamische Geschehen der Lust gibt es keine einfachen Ratschläge, deren Befolgung eine Lustverbesserung garantieren könnte. Ich gebe jetzt dennoch Hinweise, auf die man in seiner Arbeit an der Lust achten kann, nicht mit der Erwartung unmittelbarer Erfolge, aber im Sinne von Wegweisern bzw. auch mit dem Ziel, Störungen und Behinderungen zu erkennen, an denen sich dann gezielt arbeiten lässt.

 

Was kann das Lusterleben verbessern?

 

Körperlich:

• tiefe ruhige Atmung;

• freie Beckenbewegung;

• Ton geben;

• den Körper an Händen und Füßen «einspannen» oder abstützen;

• Klitoris- und G-Punkt-Stimulation;

• Entladung aufgestauter Gefühle aus muskulären Verspannungen vor dem Sex.

 

Psychisch:

• Konzentration der Wahrnehmung auf die Genitalien und die sexuelle Aktivität;

• Wahrnehmung und Klärung vorhandener Ängste, Kränkungen, Sorgen, von Schuld- und Schamkonflikten (unmittelbar vor dem Sex oder allgemein bei lange bestehenden innerseelischen Konflikten);

• Erfassung der psychischen Bedeutung von «Aufladen» – «Halten» – «Loslassen».

 

Sozial:

• Kommunikation und Klärung entstehender Partnerkonflikte;

• Kommunikation und Verhandeln von Wünschen, Bedürfnissen, Ängsten und Schwierigkeiten, um die Empfindung von Zuneigung und Vertrauen zu ermöglichen («strömende Herzen»).

 

Spirituell:

• Bewältigung von Schuld- und Schamkonflikten;

• Annahme und Bewahrung einer natürlichen Lebensform und der Demut vor einer höheren Macht, in die man eingebunden und von der man gehalten und auch geführt wird.

 

Die Realität der Sexualität erfährt man nicht aus Büchern, nicht aus den Erzählungen anderer und schon gar nicht aus medialen Darstellungen. Pornographie ist von der sexuellen Realität sehr weit entfernt, was vor allem für junge Menschen – Sexualanfänger – ein belastendes Problem sein kann, weil sie ein völlig falsches Bild vermittelt bekommen. Sexualität und Beziehung lernt man vor allem durch Erfahrung. Reife erlangt man in der Sexualität jedoch nicht nur durch Erfahrung, sondern vor allem auch durch den vertraulichen Austausch über das sexuelle und emotionale Geschehen mit dem Sexualpartner.

Mit einer «Lustschule» lassen sich wesentliche Grundlagen für ein gesundes Leben, für befriedigende Beziehungen und soziale Gerechtigkeit legen. Gegenstand und Inhalt einer «Lustschule» müssen sein:

• die Qualität der Kinderbetreuung;

• der natürliche Umgang mit Gefühlen;

• Sexualkunde;

• eine Beziehungskultur, in der Übertragungen aus früher psychosozialer Not erkannt und zurückgenommen werden können;

• schließlich die gesellschaftliche (politische, religiöse, kulturelle) Förderung eines reflektierten und aktiven Sexuallebens.

I. DER WILLE ZUR LUST

Für die Fortpflanzung ist Sexualität ein Muss. Die Lust aber braucht vor allem den Willen. Lust ist nicht selbstverständlich, Lust geschieht nicht einfach, Lust muss gewollt und erarbeitet werden. Wenn die Faszination des Anfangs abklingt, wenn die Lust abflacht, die mit dem Erregungszustand des intimen Kennenlernens und des Ausprobierens verbunden ist, und die lusttragenden Phantasien sich an der Realität abkühlen – wenn also Gewohnheit und Langeweile drohen, wenn der Gedanke kommt: «Das kann es noch nicht gewesen sein!», dann brauchen wir den Willen, an der eigenen Lustfähigkeit in dieser Beziehung zu arbeiten und Gleiches dem Partner zuzumuten.

Der Schlüssel gegen die erotische Abkühlung ist die Lust. Die Lustfähigkeit sichert das sexuelle Interesse und die dankbare Zuneigung zum Partner. Luststörungen dagegen sind das Grab der Sexualität und häufig auch der Beziehung. Die innerseelischen und beziehungsdynamischen Gründe der Lustbehinderung zu verstehen ist ein Hauptanliegen dieses Buches. In diesem Kapitel geht es mir darum, verständlich zu machen, dass die Lustfähigkeit sowohl körperlich als auch psychisch und beziehungsdynamisch erarbeitet werden muss. Dazu gehören Wissen, die Befreiung von falschen Vorstellungen, Einschüchterungen und Verboten, es sind Übungen und Erfahrungen nötig und darüber hinaus der ehrliche Austausch mit dem Partner über das, was man möchte, was hilfreich ist und was man gar nicht will, was einen ängstigt, bedroht oder verletzt.

In Bezug auf Sexualmoral und sexuelle Praxis haben wir gesellschaftlich ein hohes Maß an Liberalisierung erreicht. In der öffentlichen Meinung herrscht die Einstellung vor: Es ist alles erlaubt, was gefällt – vorausgesetzt, es besteht partnerschaftliche Zustimmung, ohne Gewalt und Erpressung. Auch die Grenzen des Zulässigen sind allgemein anerkannt: Inzest, Pädophilie und Vergewaltigung sind mit vollem Recht strafbare Handlungen.

Es ist von hohem Wert, dass die sexuelle Praxis in ihrer großen Variabilität weitgehend toleriert wird und die spießigen Vorurteile und Abwertungen nur noch am «Stammtisch» und in der «Gerüchteküche» Bedeutung haben, aber einem nicht mehr wirklich die sexuelle Freiheit nehmen. Wer es mit wem und wie und wie oft treibt, sind zwar immer noch beliebte Themen, die aber oft nur noch als Transportmittel versteckter Wünsche und Phantasien dienen.

Wir haben uns nahezu darauf geeinigt, die erheblichen Unterschiede möglicher sexueller Orientierung für «normal» zu halten, und vermeiden alle Arten diesbezüglicher Diskriminierung. Diese Toleranz ist ein großer gesellschaftlicher Fortschritt. Sie schließt aber nicht aus, dass über entwicklungspsychologische Hintergründe und Motive für sexuelle Orientierung, für Vorlieben, Abneigungen und individuelle Praktiken durchaus reflektiert werden darf. Nachzufragen ist erlaubt, vor allem dann, wenn Leidensdruck bei einem der Sexualpartner entsteht, der die Lust behindert und die Zuneigung zerstört.

An einem eher banalen, aber sehr verbreiteten Konflikt sei dies näher erläutert. Man kann zum Beispiel die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr statistisch erfragen. In aller Regel liegt das Ergebnis bei durchschnittlich zwei- bis dreimal pro Woche, aber es ist ebenso völlig normal, wenn jemand jeden Tag Sex hat oder ein anderer nur einmal im Monat oder noch seltener. Der nächste Erkenntnisschritt aber läge im Verstehen, warum das jeweils so ist. «Ich möchte täglich Sex, weil …» «Ich brauche höchstens einmal im Monat Sex, weil …» Mit der Beantwortung solcher Fragen wird die jeweilige konkrete Situation auf mögliche Hintergründe und Zusammenhänge fokussiert, die helfen können, an möglichen Lustbehinderungen zu arbeiten oder auch besser zu verstehen, worin die individuelle Frequenz begründet sein könnte und ob damit irgendwelche Probleme signalisiert werden. Sowohl die Übernahme von Verantwortung für die eigene Lustfähigkeit als auch die Erkenntnis individueller Begrenzungen können hilfreich sein und zur Lösung von Konflikten beitragen. Konkret heißt das zum Beispiel, nicht den Partner zu beschuldigen und von ihm Reaktionen und Veränderungen zu erwarten, im Vertrauen darauf, auf diese Weise die eigenen Probleme lösen zu können. Leider sieht die Realität anders aus: Nur zu oft wird die Erkenntnis der eigenen Schwierigkeiten dadurch abgewehrt, dass man den Partner Vorwürfen aussetzt oder an seine Person allzu große Erwartungen knüpft und auf diese Weise zusätzliche Beziehungsprobleme schafft.

Wie wir noch sehen werden, kann das Leiden an einer Beziehung aber auch den Charakter einer Halt gebenden Notwendigkeit annehmen, wenn ständiger Streit und Ärger dazu dienen, sich gegen die Wahrnehmung einer frühen Bedrohung und Verletzung zu immunisieren. Deshalb kann es keine «Norm» dafür geben, was ein Mensch in seiner Beziehung und seiner Lusterfahrung erreichen sollte, sondern lediglich Hilfestellungen, mit dem Ziel zu verbessern, was verbesserungsfähig ist, unter der Voraussetzung, dass der Wille dazu vorhanden ist. Angesichts der Tatsache, dass die Qualität der frühen Beziehungen über die Entwicklung der Persönlichkeit und infolgedessen über Vertrauen, Selbstwert und Beziehungsfähigkeit für das gesamte weitere Leben bestimmt – über Eigenschaften also, die auch für das sexuelle Lusterleben unabdingbar sind –, ist und bleibt die wichtigste Herausforderung gesellschaftlicher Entwicklung die Prävention, und das heißt in diesem Zusammenhang die optimale Betreuung und Versorgung aller Kinder. Die Zukunft einer Gesellschaft hängt vom Verständnis und der Lösung dieser Aufgabe ab.

So sind alle Hinweise in diesem Buch – etwa einander mitzuteilen, was man sich sexuell wünscht, oder darauf hinzuwirken, den Anteil von Projektion und Übertragung in unseren Beziehungen zu verringern – auch mit Risiken verbunden; denn mitunter braucht man die Distanz, die Spannung, den Ärger und die Enttäuschung, um sich gegen das Aufflackern der frühen Not zu schützen. Der Konflikt mit dem Partner kann in hohem Maße stabilisierend wirken. Deshalb ist das individuelle Maß aller Dinge eine notwendige Toleranz.

Andererseits darf aber auch nicht die Not übersehen werden, die in vielen Spielarten des sexuellen Lebens verborgen ist. Dem Satz: «Es ist alles erlaubt, was gefällt!» ist so der andere hinzuzufügen: «Und was gefällt, darf und muss auch manchmal hinterfragt werden!» Das gilt auf jeden Fall für das eigene Selbstverständnis, insbesondere aber dann, wenn eine Spielart sexuellen Verhaltens zur Mode wird und damit eine gewisse Nötigung verbunden ist. Ein noch harmloses Beispiel dafür ist die gegenwärtige Mode der Intimrasur. Rein äußerlich handelt es sich um eine Infantilisierung der Genitalregion. Ist sie ein Ausdruck des sexuellen Entwicklungsstandes? Oder soll das Urwüchsige nun auch in einem der wenigen noch verbliebenen Bereiche natürlicher Vorgänge kontrolliert bzw. retuschiert werden? Oder bedarf man nach außen hin einer Mode, weil das Erleben nach innen behindert ist? Zu oft ist es schon vorgekommen, dass ein hochpathologisches Verhalten zur Norm stilisiert wurde. Der «Markt» reguliert nicht, sondern folgt den massenpsychologisch wirksamen Suggestionen. Ein tiefenpsychologisches Verständnis von Motiven des Verhaltens bleibt deshalb unerlässlich. Noch mehr: Die Fähigkeit zur psycho-sozialen Analyse menschlichen Verhaltens sollte zur Allgemeinbildung zählen.

Der Wille zur Lust kann also durch die unterschiedlichsten Einflüsse und belastenden Erfahrungen eingeschränkt sein. In aller Regel werden dann das eigene Verhalten und die eigene Norm mit intellektuellen, rationalen und ideologischen Argumenten begründet, um die tiefere Problematik zu verschleiern. Geht dieses Schutzverhalten nur auf Kosten der eigenen Lustfähigkeit, kann man es dabei belassen, dies zu bedauern. Wenn Aufklärung und Hilfsangebote nichts fruchten, bleibt letztlich nichts anderes übrig, als die freie Entscheidung des Einzelnen einfach zu akzeptieren. Doch diese Toleranz wird dann problematisch, wenn ein Partner mit den Schwierigkeiten des anderen projektiv belastet und entsprechend beschuldigt und gequält wird. Sie wird erst recht problematisch, wenn über Machtfunktionen ein bestimmtes Verhalten zur Norm erklärt wird – ein Verfahren, das in der Sexualerziehung schon immer eine große Rolle gespielt hat. (Ich erinnere nur an die Verurteilung von Masturbation als krankhaftes und krank machendes Verhalten, an das gesetzliche Verbot der Homosexualität, die Vorstellung von Sexualität als Sünde etc.)

 

Der Wille zur Lust lässt sich am besten anhand folgender Einstellungen und Aufgaben realisieren:

• Ich habe ein Recht auf Sex.

• Ich will Sex, weil ich damit Lust entfalten, Entspannung erreichen und die partnerschaftliche Beziehung pflegen kann.

• Für die Art und Weise meiner Sexualität bin ich selbst verantwortlich.

• Ich muss herausfinden, was mir gefällt und was nicht.

• In der partnerschaftlichen Beziehung ist es hilfreich, die eigenen Möglichkeiten, Wünsche und Schwierigkeiten mitzuteilen und Gleiches vom Partner zu erfahren.

• Bei sich wiederholenden Schwierigkeiten sollte ein tiefenpsychologisches Verständnis (am besten mit einem Therapeuten) gesucht werden.

• Die Lustfähigkeit unterliegt vielen inneren, situativ-äußeren und beziehungsdynamischen Einflüssen.

• Das Erreichen der Lusterfahrung bleibt deshalb eine lebenslange Aufgabe, an der zu arbeiten Sinn macht, weil sie Gesundheit, Friedfertigkeit und mitmenschliche Zuneigung fördern kann.

Die Lust entdecken

Wir sind alle von Natur aus mit einem gesunden Maß an Selbstliebe, Neugier und Experimentierfreude ausgestattet. Einem Kind muss man in dieser Hinsicht lediglich seine Freiheit lassen, es muss bestenfalls ermutigt, unterstützt und natürlich auch beschützt werden. Das Kind entdeckt sich selbst, indem es seinen Körper wahrnimmt, untersucht und mit ihm experimentiert. «Ich bin mein Körper» – sagen die Körperpsychotherapeuten. Im Körper nehme ich mich wahr, der Körper transportiert das Befinden und drückt die Gefühle aus, der Körper bildet die Stimmung ab. Im Laufe der Jahre werden Körperform, typische Körperhaltungen und Bewegungsformen zum Abbild der Individualität. «Zeig mir deinen Körper, und ich sage dir, wer du bist!» – «Körperlesen» ist eine sehr ergiebige und differenzierte Möglichkeit, den Menschen zu erfahren.

Das Kind, das sich geborgen im Wohlwollen seiner Eltern entwickelt, findet schnell heraus, wie es körperlich Wohlbefinden ausdrücken, sich liebevolle Zuwendung sichern und sich selbst durch Berührungen und bestimmte Körperhaltungen und -lagerungen angenehme Empfindungen verschaffen kann. Wenn die guten Eltern durch Berühren, Streicheln, Massieren und Kuscheln auch den Körperkontakt pflegen, drücken sie ganz unmittelbar liebevolle Zuneigung aus. Entscheidend dabei ist die Intention der Berührung, ob sie gibt oder nimmt, ob sie in liebevoller Zuwendung oder aus genervter, mit Schuldgefühlen behafteter Verpflichtung geschieht. Das Kind spürt schon, ob es auch gemeint ist oder lediglich «abgepfuschert» wird.

Der Körperkontakt vermittelt ein Selbstgefühl. Das Kind spürt dabei die eigenen Grenzen, und in der wahrgenommenen Körperlichkeit erfährt es seine Individualität. Über Berührung wird ihm die Qualität der Beziehung auf direktem Wege vermittelt. Die Anregung durch Berührungen und die Ermutigung zur Selbstberührung sind sehr wertvolle Entwicklungs- und Beziehungshilfen. Eine solche positive Einstellung vorausgesetzt, wird das Kind sich ausgiebig selbst berühren und untersuchen und dabei ganz selbstverständlich herausfinden, was ihm besonders angenehm ist und was nicht. Die Berührung der Genitalien und das lustvolle Spielen an ihnen sind ganz natürliche Verhaltensweisen, denen man in keiner Weise mit Einschüchterung begegnen sollte. Der lustvolle Umgang mit sich selbst sichert am besten eine positive, liebevolle und friedfertige Einstellung zu sich und der Welt. Das historisch tief verwurzelte Berührungstabu der Genitalien gehört zu den verhängnisvollen Ursachen menschlicher Fehlentwicklungen mit oftmals destruktiven Folgen.

Wem eigene Lusterkundung versagt wird, dem fehlen angenehme, entspannende und befriedigende Selbsterfahrungen, mit der Folge, dass die Welt unter den Vorzeichen von Belastung, Repression und Ablehnung erlebt wird, wogegen dann verständlicherweise rebelliert wird. Ein «exzessives Masturbieren» gibt in aller Regel einen Hinweis auf den Liebes- und Zuwendungsmangel, an dem das betreffende Kind leidet. Es will sich dann wenigstens über die Selbstbefriedigung etwas Abhilfe verschaffen. Nicht das Kind ist dann der zu behandelnde «Patient», sondern die Eltern als die Verursacher der kindlichen Not. Sie bedürfen der Aufklärung, Beratung, Hilfe, Therapie oder Strafe. Auf keinen Fall aber sollte das genitale Luststreben des Kindes, sofern es der Kompensation von Beziehungs- und Befriedigungsdefiziten dient, geahndet werden, denn schließlich nutzt das Kind lediglich das natürliche Mittel der Selbstfürsorge. Sobald auf seine Bedürfnisse mit angemessener Zuwendung und Bestätigung reagiert wird, braucht das Kind auch keine einseitige und übermäßige sexuelle Selbstbefriedigung mehr.

 

Die frühe Entdeckung und Bejahung lustvoller Selbstberührungen bilden auch die besten Voraussetzungen für den Zugang zur Lust im Erwachsenenleben. Hingegen führt das frühe Berührungstabu bei sehr vielen Menschen zu einer erschreckenden Sprachlosigkeit gegenüber allem, was sich «untenrum» abspielt. Die Verbote der Eltern, deren einschüchternder und schamvoller Umgang mit der kindlichen Genitalität, schränken die Fähigkeit des Kindes zu differenzierter Wahrnehmung, zu verbalem Austausch und zu lustbetonten Selbstberührungen meist erheblich ein. Und so wird später auch der partnerschaftliche Austausch über das, was einem sexuell gefällt oder nicht, wesentlich erschwert sein oder gar nicht gelingen. Liebevolle Eltern berühren, streicheln, massieren ihre Kinder ganz selbstverständlich und gern. Dabei bleiben die Genitalien häufig betont ausgespart, aus Furcht davor, dass dies bereits Missbrauch sein könnte. Aber Missbrauch entsteht durch die Intention sowie die Art und Weise der Berührungen. Ob Vater oder Mutter selbst bedürftig oder einsam sind und sexuell orientierte Bedürfnisse an das Kind richten oder ob es um liebevolle Zuneigung zum Kind und zu seinen Bedürfnissen geht – das macht den entscheidenden Unterschied!

Das Kind braucht beständigen Körperkontakt, den die Eltern zur Verfügung stellen sollten, aber für ebensolche Berührungswünsche von Erwachsenen dürfen Kinder nicht ausgebeutet werden. Das müssen sich die Erwachsenen schon untereinander gewähren. Kinder sollten hingegen erfahren dürfen, dass die Eltern ihre erkundenden und lustorientierten Selbstberührungen gutheißen. Wenn Kinder liebevoll angefasst werden, erfahren sie Zuneigung unmittelbar körperlich. Sie werden dadurch auch angeregt, sich selbst zu berühren. Und wenn sie dabei ihre Genitalien streicheln oder reiben, dürfen Eltern getrost freundlich zustimmen: «Ja, das ist ein schönes Gefühl!» Und je nach Alter und interessierten Fragen können Hinweise gegeben werden, dass die Eltern, wenn sie Sex machen, sich auch zärtlich berühren. Solange es keine klaren Worte und keine selbstverständliche Sprache für körperliche und genitale Wahrnehmungen und Empfindungen gibt, ist eine lustorientierte Verständigung kaum möglich. Stellen Sie sich z.B. folgende Aussagen vor: «Mir gefällt es sehr, wenn du mit deinem Finger meinen Scheideneingang berührst und etwas nach unten drückst (auf die Damm-Muskulatur).» Oder «Ich möchte, dass du ganz leicht und zärtlich über die Innenseiten meiner Oberschenkel und Hoden streichst, das ist ein wunderbares Gefühl!» – und urteilen Sie selbst, wie selbstverständlich solche und ähnliche Mitteilungen für Sie sind.

Eine erotisch-sexuelle Sprache zu erlernen, die aus der Selbsterfahrung erwächst und eigene Wahrnehmungen, Wünsche, aber auch Unangenehmes kommuniziert, ist der erste Schritt auf dem Weg, die eigenen Lusterfahrungen in die Partnerschaft einzubringen und im gemeinsamen Interesse weiter auszubauen.

Eine zentrale Stellung kommt dabei der Auseinandersetzung mit der eigenen Scham zu, soweit sie das Ergebnis von Einschüchterung und Demütigung seitens der Eltern oder anderer Erziehungspersonen ist. Leider genügt es dafür meistens nicht, erwachsen geworden sowie eine liberalere Einstellung zu Selbstbefriedigung, Lust und Sexualität gewonnen zu haben. Die frühen Erfahrungen wirken leider in der seelischen Tiefe fort.

Ein Erwachsener, der als Kind nicht ausreichend geliebt worden ist, wird dazu neigen, sich selbst als nicht liebenswert einzuschätzen, und das heißt in der Regel auch, nicht «lustwert» zu sein. Eine entwickelte Lust würde das negative Selbstbild erschüttern; statt des Gefühls der Befreiung von einer Fehleinschätzung würde sie aber womöglich die erlittene Lieblosigkeit reaktivieren. Doch es kann sich auch das Gegenteil davon, Sexsucht und beziehungslose Promiskuität, entwickeln, um den seelischen Liebesmangel mit körperlicher Lust zu kompensieren. Dann wird die Körperlust von der Beziehungslust abgekoppelt, und es entsteht eine geile Lust, die sich an keine und sei es noch so herzliche Beziehung gebunden weiß. Der Sex kreist dann um sich selbst, ohne so etwas wie erlösende Entspannung zu kennen.

In jeder zwischenmenschlichen Beziehung werden Übertragungen «getriggert», was heißen soll, dass in gegenwärtigen Beziehungen abgelagerte Beziehungserfahrungen mit den prägenden Pflegepersonen der ersten Lebensjahre wiederbelebt werden. Die «Urbeziehungen» bilden sozusagen die Schablone, mit der spätere Beziehungen erlebt, bemessen, bewertet und notfalls auch entsprechend manipuliert werden. Deshalb sind gute frühe Beziehungserfahrungen ein Segen für das spätere Leben: Alle konfliktreichen Beziehungen werden dann als prinzipiell lösbar erlebt. Schlechte frühe Beziehungserfahrungen sind hingegen ein Fluch, weil alle Beziehungen, auch die besten und gerade diese, dann nur negativ erlebt werden können und mit Verdächtigungen belastet oder sogar durch Provokationen zerstört werden müssen.

Für den Umgang mit der Lust ist es von großer Wichtigkeit, die Übertragungstendenz, die das eigene Leben bestimmt, und die konkreten, von Übertragungen bestimmten Erwartungen und Reaktionen in Beziehungen zu kennen. Lust braucht einen möglichst unbeeinflussten, unverzerrten und ehrlichen Umgang mit sich selbst und gedeiht am besten unabhängig von Erwartungen, Forderungen, Einschüchterungen, Geboten und Verboten, in denen sich Übertragungen ausdrücken. Wie sehe ich den anderen? Was erwarte ich vom Beziehungspartner? Was muss ich für ihn tun, und was will ich wirklich? Wie fühle ich mich bewertet? Wie verändere ich mich in Gegenwart eines anderen? Wie möchte ich gesehen und eingeschätzt werden, und wie möchte ich, dass der Beziehungspartner reagiert? Und was meine ich, wie über mich gedacht wird? All diese Fragen legen Antworten nahe, die Übertragungen darstellen. Man selbst ist dann das Abbild der frühen Beeinflussungen. In den Beziehungspartnern hingegen entdeckt man spezifische Eigenschaften, wie man sie z.B. von den Eltern kennt, und erwartet deshalb auch entsprechende Reaktionen, die oft weit von der Realität der gegenwärtigen Beziehung entfernt sind. Und es kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Ohne dass es einem bewusst wird, gibt man nicht eher Ruhe, bis der andere die projizierten Erwartungen auch endlich erfüllt. Auf diese Weise reizt man einen an sich freundlichen Menschen so lange, bis er endlich so reagiert, wie man es ihm sowieso schon zugeschrieben hatte. Eine realitätsgerechte Wahrnehmung und die Freiheit der Beziehungsgestaltung werden dadurch beeinträchtigt. Vor allem aber wird die jeweilige Beziehung in dem, was an ihr einzigartig und unverwechselbar ist, durch die Übertragungsschablone auf die frühen Erfahrungen reduziert und damit so gut wie nivelliert. Vielen ist Lust nur noch eingeschränkt im Rahmen von Übertragungserfahrungen möglich, während jede Erweiterung als angstvoll und infolgedessen als lusttötend erlebt wird. Die Lust lebt dann eingesperrt im Käfig der frühen Erfahrungen, unterdrückt, eingeengt, verzerrt und mitunter auch pervertiert. So können Übertragungen einerseits Lust in begrenzter Form sichern und andererseits erheblich behindern. Die eigene Lust zu entdecken und zu entfalten setzt deshalb voraus, Übertragungsgeschehen zu identifizieren und daran zu arbeiten, immer mehr aus den durch die Eltern geprägten Beziehungen zu einem selbstbestimmten Leben zu finden.

Am Rande sei angemerkt, dass für die Heranwachsenden in aller Regel ein rechtzeitiges Verlassen des Elternhauses ein notwendiger Schutz der eigenen Lustfähigkeit darstellt. Schon die Atmosphäre, die Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten, die in der Primärfamilie Erfahrungen prägen und verfestigen, erschweren die Entwicklung eigener und unabhängiger Positionen. Das trifft auf das erotisch-sexuelle Leben in besonderem Maße zu. Selbst bei sehr offenem und wohlwollendem Umgang mit Sexualität innerhalb der Familie bleibt dieser Bereich durch eine ganz natürliche Intimität geschützt, die sich auch den Eltern und Geschwistern entziehen muss. Eltern sind nicht die Freunde ihrer Kinder, sondern ihre Begleiter, Förderer, Beschützer und «Begrenzer» – sie tragen erzieherische Verantwortung. So bleibt immer ein natürliches Beziehungsgefälle, das in Freundschaften dagegen aufgehoben sein sollte. Und die Sexualität ihrer Kinder geht die Eltern im Grunde nichts an. Sie können gut und gern Aufklärer, Informanten, Berater und Ermutiger sein, nicht aber intime Mitwisser. Zwischen einfühlsamer Beratung und bedrängender Neugier besteht ein erheblicher Unterschied. Lust ist so intim wie subjektiv und braucht Empathie, muss aber vor pädagogischem und bewertendem Einfluss geschützt werden. Allein die erotisch-sexuelle Partnerschaft ist der Ort, an dem höchstmögliche Offenheit wachsen sollte, um Geheimnisse und individuelle Eigenheiten austauschen zu können. Doch selbst hier kann «letzte» Offenheit kein unbedingtes Ziel sein. Immer sind die Grenzen dessen zu berücksichtigen, was der Intimpartner, angesichts seiner Möglichkeiten wie auch seiner Behinderungen, verstehen kann. Fast immer bleiben Wünsche, Phantasien und sexuelle Realitäten, die man besser für sich behält, um eine wertvolle Beziehung nicht übermäßig zu belasten. Die Partnerschaft wächst mit der Offenheit und kann auch daran scheitern. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben.

Die Lust entsteht im Kopf

Die Überschrift dieses Kapitels lässt sich auf die neurophysiologischen Vorgänge im Gehirn beziehen, die hier allerdings nicht erörtert werden sollen. In einer Schule der Lust geht es vor allem um unsere Phantasien, Wünsche, Vorstellungen und Erfahrungen, um unser Selbstwertgefühl und die innerseelischen Konflikte. Alle diese seelischen Vorgänge haben natürlich ihre Abbildung in den neuronalen Funktionen; hier soll uns aber vorrangig die psychische und interaktionelle Bedeutung der Lust interessieren.

Für die gesunde Entwicklung des Menschen sind die Selbstliebe und der erlebte Selbstwert von entscheidender Bedeutung. Sich selbst ehrlich gern haben zu können und gut zu finden – ohne Aufgesetztheit – ist meiner Erfahrung nach das größte Kapital eines gesunden und zufriedenen Lebens.

In der Psychotherapie unterscheiden wir zwischen einem natürlichen und einem pathologischen Narzissmus. Im Fall des gesunden Narzissmus ist man stolz auf seine realen Fähigkeiten und hat die eigenen Begrenzungen akzeptiert, weil man grundsätzlich davon überzeugt ist, dass man so, wie man ist, schon in Ordnung und liebenswert ist. Da spielen Fehler und Schwächen keine besondere Rolle mehr, sie werden als normal akzeptiert. Das bedeutet keineswegs eine grundsätzliche Absage an Verbesserungen, wohl aber einen pragmatischen Umgang damit. Was sich hier machen lässt, wird ganz selbstverständlich getan. Eine solche elementare Selbstliebe ist das Resultat grundsätzlicher elterlicher (vor allem mütterlicher) Bestätigung. Der «Glanz in den Augen der Mutter», den bereits der Säugling als Liebe erfährt, trägt als Hoffnungsstrahl durch alle Beschwernisse des Lebens.

Fehlt diese frühe Liebe jedoch, was vom Kind nicht als Schwäche und Unfähigkeit der Mutter wahrgenommen, sondern als eigene Schuld verarbeitet wird, führt das zu nie endenden Bemühungen, doch noch die lebenserhaltende Bestätigung zu bekommen. So werden zwar übermäßige Leistungen möglich, aber es wird damit auch die Einbildung genährt, man sei der Größte, wenn man nur äußere Erfolge nachweisen kann. So entsteht der unangenehme Narzissmus eines Menschen, der sich ständig überschätzt, Aufmerksamkeit und Anerkennung in aufdringlicher Weise verlangt und zugleich ganz empfindlich und nachhaltig gekränkt reagiert, wenn er unbeachtet bleibt oder kritisiert wird. Die peinliche Selbstüberhöhung geht fast immer mit der unberechtigten Abwertung anderer einher.

 

Man ist nur dann ein wirklich guter (Sexual-)Partner, wenn man sich selbst mag und gut zu sich ist. Wer also seine partnerschaftliche Beziehung verbessern will, der sollte an seiner Selbstwertproblematik arbeiten und nicht den Partner verändern wollen oder immer wieder nach einem besseren Partner Ausschau halten. Nur durch Selbstliebe erwirbt man wachsende Unabhängigkeit. Dann ist man auch nicht mehr darauf angewiesen, vom Partner bestätigt zu werden. Vielmehr ist man dann selbst in der Lage, den anderen in das eigene Feld positiver Selbstbewertung mit einzubeziehen. Vor allem aber ist man wesentlich toleranter gegenüber den Mängeln eines Partners. Da man sich nicht narzisstische Bestätigung in der Makellosigkeit, Schönheit und in den Erfolgen des Gegenübers holen muss, sind alle zur Schau getragenen Äußerlichkeiten (von Schminke, Silikon und Mode bis hin zu Geld und öffentlichem Ansehen) eher lästig bis peinlich, zumal wenn sie tiefere Selbstunsicherheit verbergen sollen.

Gesunder Narzissmus ist auch eine gute Basis für lustvolle Masturbation. Es geht um die Einstellung: Ich tue mir etwas Gutes, weil es mir guttut! Schuld, Scham, Leistung spielen dabei keine Rolle. Masturbation ist vor allem die gesunde Sexualität des Jugendlichen. Wenn später eine partnerschaftliche Sexualität aus irgendeinem Grund gerade nicht möglich ist, kann man ohne Probleme auf die jederzeit zugängliche Form der Selbstbefriedigung zurückgreifen, Masturbation wird meistens von sexuellen Phantasien begleitet und durch sie unterstützt. Diese Vorstellungen geben oft gute Hinweise auf sexuelle und beziehungsrelevante Wünsche, die mit einfließen können, wenn intime partnerschaftliche Begegnungen wieder möglich sind. Wenn am Ende der Selbstbefriedigung ein etwas fades Gefühl bestehen bleibt, ist das zumeist durch den Mangel an Beziehungskontakt begründet und mag als Anreiz dazu dienen, mit der Lust nicht allein zu bleiben. Denn partnerschaftlicher Sex bietet großartige Möglichkeiten, gesunde narzisstische Bedürfnisse zu befriedigen. Die Erfahrung, sexuell begehrt zu sein, ermöglicht es einer selbstbewussten Frau, sich als bestätigt und gewollt zu erleben, unter der Voraussetzung, dass sie die Genitalität als etwas versteht, das zu ihr gehört und das sie nicht von ihrer weiblichen Existenz abspalten muss. Der empörte Aufschrei, nicht als «ganze Frau» gemeint zu sein, wenn der Mann sexuellen Kontakt möchte, kann durchaus auch auf ein vorhandenes narzisstisches Defizit mit entsprechender Luststörung hinweisen, die es erschwert oder gar unmöglich macht, die sexuelle Begegnung zu genießen und als Bestandteil einer ganzheitlichen Beziehung zu erleben. Sexueller Kontakt und eine verbale, emotionalintime Begegnung schließen sich ja wahrlich nicht aus. So, wie eine offene und erotische Begegnung gut im Bett landen kann, so lässt sich das Geschehen im Bett ebenso gut als Grundlage für eine ehrliche und befriedigende Beziehung nutzen. Die Verbindung dieser Ebenen ist ein «Kopfgeschehen», das stark vom Selbstwerterleben abhängig ist.

Angst, Schuld und Scham, die aus entwicklungspsychologischen Verletzungen und Defiziten, aus entfremdender Erziehung und moralisierender Einschüchterung resultieren, erschweren das Vergnügen an körperlicher Lust. Und Luststörungen belasten die Beziehung, da sie Unsicherheit und Peinlichkeit bewirken und leider oft genug dem Partner dafür die Schuld gegeben wird. Was halte ich von mir? Wie stehe ich zum Sex? Was erwarte ich vom Partner? – solche Fragen fließen permanent – meist unbewusst – in das sexuelle und Beziehungserleben ein und beeinflussen das reale Geschehen, Wahrnehmen und Bewerten in entscheidender Weise. Hier kann nur gründliche Selbsterkenntnis und partnerschaftliche Kommunikation Abhilfe schaffen.

Andererseits bieten Körperlust und Beziehungslust gute Möglichkeiten, auf natürlichem Wege narzisstische Bestätigung zu erfahren. Besonders für leistungsstarke, unabhängige Frauen, die ansonsten stets Aufwand betreiben, um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu finden, kann es ein sehr gutes Gefühl sein, begehrt zu werden, ohne dafür viel unternehmen zu müssen. Für einen Mann ist es in aller Regel ein großartiges Gefühl, wenn die Frau seinen Bedürfnissen auch entspricht. Auf diese Weise lässt sich ein narzisstisches Grundbedürfnis, nämlich gewollt und gemocht zu werden, auf ganz direkte Art und Weise befriedigen. Wer immer wieder erfährt, willkommen zu sein und begehrt zu werden, der lebt im Grunde in paradiesischen Verhältnissen.