Verlag C.H.Beck
Auf der Grundlage der neuesten Forschung vermittelt dieses Buch einen Überblick über die Geschichte der Aborigines von der Urzeit bis heute. Im Mittelpunkt stehen zwei Bereiche: zum einen die materielle, geistige, künstlerische und religiöse Kultur vor und seit der Kolonisation, zum anderen politische Themen, die sich durch die Kolonisation und besonders in den letzten Jahrzehnten ergeben haben. Das Buch ist kein Archiv der Vergangenheit, sondern schlägt die Brücke zum Heute und bemüht sich, einen Beitrag zum Verständnis der Aborigines zu leisten. Es ist zwangsläufig aus europäischer Perspektive geschrieben, vermeidet aber weitgehend Werturteile und lässt Aborigines authentisch zu Wort kommen, wo immer das möglich ist.
Gerhard Leitner ist Professor für englische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er befasst sich seit langem mit Australien, seiner kulturellen Geschichte und Sprachsituation. Bei C.H.Beck liegt von ihm vor: Weltsprache Englisch. Vom angelsächsischen Dialekt zur globalen Lingua franca (2009).
A. Auf den Pfaden der Aborigines
1. Die Aborigines Australiens im Überblick
2. Besiedlung – Mythen und Wissenschaft
3. Die Suche nach der Terra Australis, dem Südland
4. Von Cook zum Sorry Day
B. Die vorkoloniale Periode – traditionelle Strukturen
5. Traumzeit, Traumpfade und Totems
6. «Alles hat seine Ordnung» – Individualität und Gruppe
7. «Wir sind aus dem Land» – die Bindung an das Land
8. «Wir hatten alles!» – Jagen, Sammeln und Werkzeuge
9. Geschichten erzählen – in Sand, auf Fels und Rinde
10. «Stell keine Fragen» – Formen der Verständigung
C. Die postkoloniale Periode – Überleben, Wandel, Wirkung
11. Die stolen generations – Segregation
12. «Vierte Welt» oder neuer Anfang?
13. Native Title – im Widerstreit der Interessen
14. Stammesrecht und common law?
15. Traumzeit und Christentum?
16. Acryl auf Leinwand
17. Literatur, Musik, Theater, Medien und Sport
18. Sprachen im Wandel
19. Neue Ansätze – neue Zukunft?
20. New Wave Cuisine, Estée Lauder und Medizin
D. Eine gemeinsame Zukunft?
21. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit
22. ‹Unser› Bild der Aborigines
23. «Ein neues Blatt aufschlagen» – das ersehnte Sorry
Bibliographie
Abbildungsnachweis
Register
Wer Australien bereist oder dort lebt, kommt nicht unbedingt mit den ursprünglichen Bewohnern des Fünften Kontinents, den Aborigines, in Kontakt. In Sydney und anderen Städten gehen sie optisch fast unter. Man sieht sie meist nur am Rande des öffentlichen Raums, wie in den Parks, als Alkoholiker, Obdachlose – als Außenseiter, als ‹Gefahr›. In den Prospekten der Tourismusbranche stehen sie an zentraler Stelle, als etwas, das man gesehen haben muss. Man merkt, dass hier weniger die Menschen gemeint sind als die photogenen kulturellen Produkte: ihre Malerei, das Didgeridu, ihr Tanz im ‹Vorführtheater›. Es sind die Touristenführer bei Attraktionen wie Ayers Rock, dem Kakadu Park oder den für seine Felsenmalereien bekannten Kimberley, die als achtbare Repräsentanten verehrt werden. Das «Volk» aber bleibt unbeachtet.
Der Zugang zu den Aborigines erschöpft sich oft in solchen erfahrbaren kulturellen Erlebnissen. Interessierten bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich so populären wie umstrittenen Büchern wie Traumfänger von Marlo Morgan oder Traumzeit von Barbara Wood, das das ZDF 2003 in einer Fernsehfassung ausstrahlte, zuzuwenden. Der Film Long Walk Home (2002) von Phillip Noyce personalisierte die Politik der Assimilation, Paul Goldmans Australian Rules (2002) die des Zusammenlebens von Schwarz und Weiß in einer Kleinstadt. Mit Beiträgen über das Outback, das australische Hinterland, oder über kontrovers diskutierte Themen vermitteln die Medien oft ein realistisches Bild der Kultur und Geschichte der Ureinwohner. Junge, politisch engagierte Menschen suchen Kontakt zu Amnesty International oder der Gesellschaft für bedrohte Völker.
Trotz der Informationsdichte meinen manche Experten, dass die Aborigines zwar zu den bekanntesten, aber auch zu den am wenigsten verstandenen Menschen in der Welt gehören. In der Tradition des aus der Literatur bekannten Motivs des ‹edlen Wilden› schrieb Captain James Cook, die Aborigines hätten zwar nicht die materiellen Güter der Europäer, wären aber glückliche Menschen. Aber Romantisierungen versperren den Blick für die konfliktgeladene Gegenwart. Aborigines fühlen sich nicht als Nachkommen ‹primitiver› Wilder, auch nicht als solche ‹edler Wilde›. Sie sehen sich als Opfer der Kolonialisierung, die in ihrem eigenen Land entrechtet sind. Wadjularbinna, eine Älteste der Gungalidda, beschreibt das auf einprägende Weise. Die Themen, die sie anschneidet, werden uns durch diese Geschichte ihres Volkes begleiten:
Meine Geschichte ist eine schmerzhafte, aber ich will sie mit denen teilen, die nicht-indigener Abstammung sind, denn ich will, dass sie verstehen, woher die Aborigines kommen und wie viel Schmerzvolles sie durchmachen mussten …
Ich heiße Wadjularbinna, was soviel bedeutet wie Wärme und Sonnenschein. Ich wurde in einem Lager der Aborigines am Golf von Carpentaria geboren. Ich bin halbweiß, denn meine Mutter wurde von Siedlern vergewaltigt, als diese die Leute von ihrem Land vertrieben. Meine Großmutter erzählte uns Geschichten, wie Erwachsene, als sie noch ein kleines Kind war, erschossen wurden, und die Kinder, wenn sie von den Eukalyptusbäumen fielen (wo sie sich versteckt hatten), aufgesammelt und gegen Felsen und Bäume geschleudert wurden.
Die Missionare kamen und nahmen die Kinder ihren Eltern weg. Sie nahmen schwarze und halbschwarze Kinder und brachten sie in Schlafsälen unter, die ihnen gehörten. Unsere Eltern konnten nicht zu uns kommen, und wir nicht zu ihnen … Sie sagten, dass unsere Eltern Heiden wären und sie uns die Liebe von Jesus Christus predigen würden. Abends ging ich zu Bett und weinte nach meinen Eltern, fragte, warum sie uns denn weggenommen haben. Das war furchtbar traurig und verwirrte uns für lange Zeit.
Die Missionare behandelten uns wirklich schlecht … Ich weiß nicht, warum das alles passierte, aber als Christin weiß ich, dass das alles einen Sinn hatte. Ich sage zu mir selbst, ich habe eine zweite Chance bekommen und muss tun, was ich kann.
Sie brachten uns vieles bei. Ich bin dankbar, dass ich Lesen, Schreiben, Kochen, Nähen und all das lernte, was Mädchen tun. Aber dann haben sie mich verheiratet. Sie suchten meinen Mann aus und verheirateten mich in eine weiße Familie. Von einem bescheidenen Anfang kam ich in eine Welt der Überheblichkeit und der Klassenunterschiede.
Ich fand schnell heraus, dass man in der weißen Gesellschaft nach der Position eingeschätzt wird, nach Geld, Landbesitz und so fort. Was für eine Verlogenheit, dachte ich. Es war eine völlig andere Welt als die, aus der ich kam.
Als Aktivistin symbolisiert Wadjularbinna die Wandlung der Aborigines: Sie treten aus vordefinierten, europäischen Rollen heraus und werden eigenständig politisch Handelnde.
Die Kulturen der Aborigines repräsentieren die vielleicht älteste noch praktizierte Kultur der Menschheit, wobei die Mehrzahl Kulturen entscheidend ist: Es gibt nicht die Aborigines, wie es auch nicht die Indianer Amerikas oder die Deutschen gibt. Aborigines im wüstenhaften Zentralaustralien waren und sind anders als die im tropischen Norden, den Kimberley im Nordwesten oder dem kühlen Südosten und Südwesten. Sie unterschieden sich in der Religion, den sozialen Verbänden, in denen sie leben, in ihrer Kunst und ihren Sprachen. Der Begriff ‹Aborigines› ist für dieses Buch gleichwohl eine nicht vermeidbare Verallgemeinerung und Vereinfachung.
Anders als oft behauptet wird, waren die Kulturen der Aborigines nie unveränderlich. Sie wandelten sich, wenn auch langsam. Es ist auch falsch anzunehmen, sie hätten von der Außenwelt abgeschnitten gelebt. Sie pflegten lose Kontakte zu ihren Nachbarn im Norden – in Neuguinea oder dem heutigen Indonesien –, deren Bräuche auf verschiedenen Wegen selbst das Innere des australischen Kontinents erreichten. Vor etwa 30.000 Jahren war der Kontinent gar eine Durchgangsstation für die Menschen zu der Inselwelt des Pazifiks.
Weitere Änderungen gehen auf die Kolonisation ab 1788 zurück, die aber ihrerseits dauerte. Eine Route über die Blue Mountains, westlich von Sydney, fand man erst 1813. Und erst sie eröffnete den Weg ins Innere des Kontinents. Auch nach einem Jahrhundert war das Land noch nicht voll erschlossen. Die Spinifex, ein Aborigine-Stamm aus der Western Desert, z.B. hatten erst in den 1950er Jahren erste Begegnungen mit den Weißen, als sie wegen der Atombombenversuche in der Victoria Desert und der Nullabur zur Emigration gezwungen wurden. Obgleich die Expansion der Landwirtschaft und der Industrie im Laufe des 19. Jahrhunderts schnell voranschritten, blieb Raum für alte Lebensformen – selbst in Stadtrandsiedlungen und Reservaten.
Die Kolonialisierung veränderte die Kulturen also nicht in einem Schritt. Das legt eine Sicht der Kulturgeschichte nahe, die sich nicht auf eine Unterscheidung zwischen der Zeit vor und nach 1788 – dem Beginn der Kolonialisierung – beschränkt. Es ist sinnvoller, die Fortdauer der Traditionen der Kulturen in Rechnung zu stellen und traditionelle von postkolonialen Lebensformen zu unterscheiden. Erkennbar sind sie am Ausmaß des Einflusses der Kolonisation. Das Weiterbestehen bzw. Wiederaufleben der Bindung ans Land und religiöser Praktiken, das Fortleben der komplexen Verwandtschaftsbeziehungen sowie die Transformation früher Rechtsnormen – das sogenannte blackfella way oder Aboriginal Law – und die moderne Malerei belegen die Tatsache, dass sich traditionelle Formen erhalten haben. In der Folge der Kolonisation und besonders in den letzten 50 Jahren haben sie sich gewandelt und eine Dynamik gewonnen, die auf postkoloniale Formen hindeutet. Der Verlust an Kultur ging einher mit einem (partiellen) Erhalt, einer Renaissance und Transformation, die heute in die Hauptgesellschaft hineinwirkt. Das bietet die Grundlage unserer Darstellung, durch die wir der alten und modernen Seite der Aborigines gerecht werden wollen.
Die Schöpfungsgeschichten der Aborigines berichten, dass es die Schöpfungswesen waren, die das Land, die Sprachen und Menschen schufen und ihnen das Land anvertrauten, jeweils eine Region mit ihrer Sprache. Eine Geschichte aus dem Zentrum Australiens erzählt, dass sich die Numbakullabrüder, die Schöpfungswesen, eines Tages aufmachten und auf ihrem Weg auf menschliche Urwesen, die Inapatual, stießen, die weder sehen, noch hören, noch sich bewegen konnten. Sie nahmen ihre Messer und schnitzten diese Wesen zu richtigen Menschen, den Vorfahren des Stammes der Aranda. Die Schöpfungsgeschichte ist hier, anders als im Christentum, als ein begrenztes, lokales Ereignis dargestellt. Es gibt allerdings auch Geschichten, die die Schöpfung der Erde insgesamt erzählen.
Die Wissenschaft schildert freilich eine andere Geschichte. Als einer der ältesten Kontinente löste sich Australien vor 35 Millionen Jahren von dem Kontinent Gondwana, der Australien, Indien, die Antarktis, Afrika und Südamerika umfasste. Während das Land in Richtung seiner heutigen Position driftete, veränderten sich Klima und Lebensbedingungen, und als Folge Fauna und Flora. Wechselnde Wärme- und Kälteperioden verursachten Feucht- und Trockenperioden. Da Vulkane und ewiges Eis nicht oder nur am Rande vorhanden waren, führte die Erosion zu der heute typischen flachen Topographie mit niedrigen Gebirgszügen. Die Lage zum Äquator ergab eine Teilung des Klimas in den tropischen Norden, das zentralaustralische Wüstenklima und den gemäßigten Süden. Die andauernden Änderungen führten nicht dazu, dass sich neue Tier- oder Pflanzenarten entwickelten. Vielmehr passten sich Fauna und Flora dem fortlaufenden Wandel an und veränderten ihre Reaktionen auf die Umwelt, was ihre Widerstandskraft erklären hilft. Australiens Abgeschiedenheit hat auch zu einer von außen wenig beeinflussten Fauna und Flora geführt. Nur ein kleiner Teil der Arten, wie der australische Wildhund, der Dingo, ist dem nördlichen Nachbarn geschuldet.
Über die Besiedlung Australiens durch die Vorfahren der Aborigines gibt es kein gesichertes Wissen. Aufgrund dessen, was über die Erdgeschichte, das Klima und die Entstehung des Menschen bekannt ist, geht man davon aus, dass Menschen vor ca. 50.000 Jahren den Kontinent in mehreren Wellen erreichten. (Zum Vergleich sei erwähnt, dass Menschen in Europa erst um 10.000 v. Chr. sesshaft wurden.) Der homo sapiens, der moderne Mensch, gelangte vor 60.000 bis 40.000 Jahren nach Australien. Der älteste Menschenfund, der Mungo Man, wird auf 40.000 v. Chr. geschätzt. Neuere Forschungen deuten sogar auf eine noch frühere Besiedlung hin. So weiß man, dass der homo erectus Südostasien vor 900.000 Jahren erreichte und hält es für denkbar, dass er die Seedistanz von Flores, einer Insel im Südosten des heutigen Indonesien, oder von Timor aus hätte überqueren können, zumal das Große Australische Schelf Neuguinea einschloss (Karte 1 links).
Karte I: Das große australische Schelf
Wir wissen, dass die Ausbreitung der Menschen in Australien in einem Wechsel von Eis- und Zwischeneiszeiten vonstatten ging. Die Menschen erlebten ein Land mit extremen Klimaschwankungen, mit begrenzten Wasserressourcen und einer sich wandelnden Fauna und Flora. Über die Details der Ausbreitung ist wenig bekannt, und es gibt mehrere Hypothesen. Einer zufolge haben sich Siedlungszentren in der Nähe von Wasservorräten gebildet. Karte 2 zeigt dunkel markierte Regionen, sogenannte refuges, in denen Wasser vorhanden war und die zuerst und dauerhaft bewohnt waren. Die hell markierten Gebiete wurden später besiedelt. Die Wüstenregionen schließlich wurden zuletzt besiedelt, und ihre Siedlungsdichte war und blieb gering. Ein Überleben machte Technologien nötig, um Wasser und Nahrungsmittel zu finden. So eindrucksvoll das biogeografische Modell auch ist, vermag es doch die tatsächlichen Wanderungswege nicht zu erklären.
Aus der Erdgeschichte folgt, dass die Ausbreitung der Menschen in zwei Perioden einzuteilen ist, die durch die Kälteperiode von vor 25.000 bis 15.000 Jahren bestimmt sind. Erst als der Verlust bewohnbaren Landes durch die Wärmephase ausgeglichen war, wurde eine extensive Besiedlung möglich. Die Trennlinie der beiden Perioden liegt vor etwa 7 000 Jahren. Die Zweiteilung der menschlichen Entwicklung spiegelt sich auch in Traumgeschichten wider. Eine Geschichte der Spinifex erzählt, dass das Meer (vor etwa 7 000 Jahren) die Nullabar Plain erreichte und das Land der Spinifex bedrohte. Die «Traumzeit» berichtet: Geistervögel, die sich in die Menschen der Sonne und des Schattens aufteilten, stellten sich dem Meer entgegen. Die Sonnenmenschen bannten von den Klippen aus das Meer, die Schattenmenschen schützten die Täler, indem sie riesige Barrieren aus Speeren bauten. Gemeinsam retteten sie die Spinifex vor der Flut (Cane 2002: 9).
Die Pfade der Aborigines reichen also Tausende von Jahren zurück und zeigen ihre Anpassungsfähigkeit auch an eine sehr schwierige Umwelt. Weniger offensichtlich ist, dass sie in dieser Zeit Kulturen entwickelten, die ihnen das materielle und geistige Leben ermöglichten. Es gab als Lebens- oder Wirtschaftsform das seminomadische Jagen und Sammeln, das auf Bewahrung und Pflege ausgerichtet war, um den Bedarf zu decken. Eine Religion bildete sich heraus, die den Menschen an das Land band und ihn in ein soziales Netz einbettete, in dem er Aufgaben, Pflichten und Rechte hatte. Es entwickelten sich Regeln des Zusammenlebens, ein Gesetzeskodex mit Strafen und Sanktionen. Und es entstanden Kunstformen, die, von Ausnahmen abgesehen, religiösen Zwecken dienten. Diese Kultur wurde mündlich von Generation zu Generation in Form von Geschichten weitergegeben, was den Kulturerhalt sicherte. Als die Europäer auf dieses Land trafen, kam es zu einem Zusammenstoß von Unvereinbarem, in dem eine derart gestaltete Gesellschaft unterliegen musste. Manches davon hat sich dennoch in der einen oder anderen Form bis heute erhalten und kann wieder belebt, ja gelebt werden.
Karte 2: Ein biogeographisches Modell der Besiedlung Australiens
Im nördlichen Arnhem Land findet man Felsenmalereien, die die Schiffe der Kolonialmächte, wie in Abb. 1, darstellen und zeigen, dass die in der Nähe der Küsten lebenden Aborigines sie durchaus aus der Ferne wahrnahmen. Sie ahnten nicht, was diese mit sich bringen würden. Und auch für die Europäer war nicht klar, was sie antreffen würden, als sie die terra incognita, das unbekannte, unbeschriebene Land Australien entdecken sollten.
Australien war der letzte ‹entdeckte› Kontinent. Ein Motiv war es, das Gelehrte, Entdecker und Politiker bewegte, die Welt der Renaissance zu durchbrechen. So dachte man, das Gewicht der bekannten Kontinente im Norden, benötige ein Gegengewicht, ein Südland, eine terra australis, um die Welt im Gleichgewicht zu halten. Der Venezianer Marco Polo war der erste, der diese Idee im späten 13. Jahrhundert popularisierte. Er hoffte, ein großes, reiches Königreich südlich von Asien zu entdecken. Er fand es nicht. Wo die terra australis hätte liegen können, blieb im Dunkeln. Kartographen zeichneten sie an verschiedenen, oft widersprüchlichen Stellen südlich von Asien in ihre Karten ein. Der Franzose Paulmier de Gonneville berichtete 1503 von seiner Entdeckung des Südlandes. Er habe auf einer Seefahrt ein fruchtbares Land mit einfach lebenden, glücklichen Menschen gesehen, die sich von der Jagd, dem Fischfang, Gemüse und angebauten Wurzeln ernährten. Sie seien bekleidet, lebten in Kleingruppen in Dörfern und dienten örtlichen Herrschern. Das konnte nicht Australien gewesen sein. Aber damals waren seine Landsleute sicher, dass Paulmier de Gonneville die terra australis, das France Australe, gefunden habe. Man fand das Land nie wieder und vermutet, er sei im Südosten Südamerikas gelandet.
Frankreich machte keine weiteren Erkundungsreisen dorthin, sondern widmete sich der Südsee. So waren es die Holländer, die 1602 als erste Europäer in Australien vor Anker gingen. Die Geschichte ist spannend: Für Jahrzehnte war nicht klar, was man eigentlich gefunden hatte. Von Java kommend und auf dem Weg nach Neuguinea landete Willem Jansz 1602 zufällig an der Spitze Cape Yorks, der Halbinsel im Nordosten. Da er die Meerenge zwischen Neuguinea und Australien, die Torres Strait, nicht bemerkte, nahm er an, das Land gehöre zu Neuguinea. Karte 3 stellt dieses Weltbild dar. Der Spanier Luis Váez de Torres war es, der im gleichen Jahr durch die, später nach ihm benannte Meerenge segelte. Man kannte nun ein Land im Nordosten, wusste aber nicht, ob es das Südland war. Erneut unbeabsichtigt entdeckten die Holländer den Westen Australiens, als sie 1616 eine neue Route nach Südostasien suchten. Die Windverhältnisse östlich des Kaps der Guten Hoffnung nutzend, halbierten sie ihre Reisezeit. Es ging 5 000 Meilen nach Osten, dann nach Norden. Aber ihre Navigationsinstrumente waren unpräzise, und so landeten die Schiffe weitab – im Westen Australiens. Man kartografierte das Gebiet, ohne zu ahnen, dass es zu dem Land gehörte, das Jansz beschrieben hatte.
Abb. 1: Europäische Schiffe als Felsmalerei
Nachfolgende Reisen im Osten des entdeckten Landes waren geplant. Die Holländer fanden heraus, dass das Land kontinuierlich vom Norden bis Tasmanien reichte. Abel Tasman sollte 1642 eine Route zum vermuteten Südland vom Kap der Guten Hoffnung aus suchen. Er segelte an Australien vorbei, zu weit südlich, um das Festland zu sehen. Was er fand, waren Van Diemen’s Land – die später Tasmanien genannte Insel –, Neuseeland, Tonga und Fiji. Die Reisen des Engländers William Dampiers in den Jahren 1688 und 1699 brachten kaum mehr Licht ins Dunkel. Er landete als erster Engländer im Westen und lieferte die erste Beschreibung der Aborigines.
Nun war den Europäern ein neues Land bekannt. Noch lange aber war unklar, ob es sich dabei um die terra australis handelte. Cook schrieb in seinem Reisebericht von 1768–71 folgendes: «obgleich ich den Südkontinent nicht gefunden habe (der vielleicht gar nicht existiert), …, bin ich sicher, dass dieses Versagen mir nicht zur Last gelegt werden kann.» (vgl. Kenny 1995: 57). Die Suche sollte mit der Kolonisation für immer aufhören, das Land bekam den Namen des gesuchten Landes: Australien!
Statt des fruchtbaren, friedlichen, ‹unsterblichen› Lebens, das Paulmier gesehen haben wollte, bestätigten alle Berichte am Ende des 17. Jahrunderts das Urteil von Carstensz: Für ihn war Cape York ein unzugängliches, karges Land, das dem Menschen nicht das Geringste zu bieten hatte. Das galt fortan für alles, was man über Australien sagte. Der Franzose Pelsaert schrieb, er habe kein Wasser gefunden, dafür aber Fliegen und Termiten. Tasmans Berichte von 1644 enthielten nichts, was die Holländer dazu bringen konnte, das Landesinnere zu erkunden. Und für Dampier stellten die Aborigines «die erbärmlichste Menschenrasse [dar], die er je gesehen hätte»; er wurde zum Vater des Bildes der ‹primitiven Wilden›.
Dennoch wuchs das Interesse. Mitte des 18. Jahrhunderts machten sich Briten und Franzosen erneut auf die Suche nach einfacheren Seewegen und begannen, neue Methoden der Navigation zu erproben. Die Briten engagierten James Cook, dem die Marine den geheimen Auftrag mitgegeben hatte, nach neuem, wirtschaftlich nutzbarem Land zu suchen. Cook erkundete die Ostküste, traf aber selten auf Aborigines. Er begegnete ihnen im Nordosten, in der Region der nach ihm benannten Stadt Cooktown, und zeichnete ein positives Bild von ihnen. Im Lichte der Kolonialgeschichte könnte man ihn als Vater des Bildes des ‹edlen Wilden› sehen.
Karte 3: Kapitän Dampiers Reise nach Neuholland 1699
Zwischen Cook und Dampier lag die Weiterentwicklung der Anthropologie, die sich die 1766 gegründete Londoner Royal Society